der schwerste und am meisten begründete Vorwurf gewesen, welcher den
mikrographischen Schilderungen der jüngst verflossenen Zeit gemacht
wurde, dass sie, in dem Sinne =Lobstein='s von dem allerdings
verzeihlichen Gesichtspunkte der histologischen Uebereinstimmung mancher
normalen und abnormen Bildungen ausgehend, jedes pathologische
Neugebilde für unschädlich ausgaben, welches eine Reproduction von
präexistirenden und bekannten Körpergeweben darstellte. Wenn meine
Ansicht richtig ist, dass überhaupt innerhalb der pathologischen
Entwickelung keine absolut neuen Formen gefunden werden, dass es überall
nur Bildungen gibt, die in der einen oder anderen Weise als
=Reproductionen physiologischer Gewebe= betrachtet werden müssen, so
fällt jener Gesichtspunkt in sich selbst zusammen. Für die Richtigkeit
meiner Ansicht kann ich aber die Thatsache beibringen, dass ich bis
jetzt in den Streitigkeiten über die Gut- oder Bösartigkeit bestimmter
Geschwulstformen bis auf einen Fall immer noch Recht behalten habe, und
dass ich in diesem Falle, wo ich der Erfahrung mehr Recht einräumte, als
meiner Theorie, gerade durch eine neue Erfahrung von der Zuverlässigkeit
dieser Theorie überzeugt wurde. Es handelte sich dabei um die Malignität
einer Art des Dermoids. --
[Illustration: =Fig=. 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper)
in ihrer natürlichen Anordnung aus einem Sarcoma fusocellulare der
Rückenmarkshäute. Vergröss. 350. (Geschwülste II. S. 197. Fig. 136).]
Dass es einer so langen Zeit bedurft hat, diese so einfachen
Gesichtspunkte zu gewinnen, erklärt sich zum grossen Theile aus der
ungenauen Kenntniss der selteneren histologischen Formen, zum kleineren
aus der allerdings ungewöhnlichen Entwickelung mancher pathologischen
Elemente. Die Krebszelle entspricht, wie ich gezeigt habe[16], ihrer
ganzen Erscheinung nach den Zellen der Epithelialformation. Aber in der
Mehrzahl der Krebse haben die Zellen eine Grösse, Gestalt,
Kernentwickelung, wie sie an dem gewöhnlichen Epithel selten vorkommt.
Dagegen zeigt das früher (S. 30, Fig. 16.) erwähnte Epithel der Harnwege
die grösste Uebereinstimmung damit, und man würde gewiss viel früher auf
die richtige Deutung gekommen sein, wenn man dieses eigenthümliche
Epithel früher richtig gewürdigt hätte. In den sogenannten
Epidermiskrebsen oder Kankroiden dagegen finden sich so entschieden
epidermoidale Formen, dass man glaubte, diese Geschwulstart ganz von
den Krebsen trennen und zu den einfach hypertrophischen und daher
gutartigen Bildungen stellen zu müssen. In den Spindelsarkomen finden
sich so grosse und eigenthümliche Zellen, dass noch jetzt Mancher sich
weigert, sie den gewöhnlich so kleinen Spindelzellen des Bindegewebes
(Fig. 4, _b_; 21.) parallel zu stellen; hat man sich von der kolossalen
Entwickelung dieser Spindelzellen in der Decidua uterina überzeugt, so
verschwindet das Auffällige. In den Riesenzellensarkomen wiederum trifft
man überaus grosse, stellenweise fast ungeheuerliche Zellen mit
zahlreichen Kernen, für die jede Analogie zu fehlen scheint. Allein das
Studium des jungen Knochenmarkes oder der Rindenschicht der Nebennieren
lehrt uns analoge Formen auch im normalen Entwickelungsgange kennen.
[16] Archiv 1847. Bd. I. S. 105.
[Illustration: =Fig=. 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des
Unterkiefers. Zahlreiche, dicht gedrängte Spindelzellen (fibroplastische
Körper) bilden eine Art von maschigem Gerüst, in dessen Räumen
vielkernige, mit feineren und gröberen Fortsätzen versehene Riesenzellen
(myeloide Zellen, Myeloplaxen) liegen. Vergr. 300. (Geschwülste II. S.
317. Fig. 158).]
Auf dieser Stufe der Erkenntniss angelangt, stossen wir auf eine neue
Schwierigkeit. Jedesmal, wo eine pathologische Bildung auf
physiologische Vorbilder zurückgeführt wird, erhebt sich die Frage, ob
sie nicht direct von einem solchen physiologischen Gebilde abstamme. In
der That liegt es nahe, an eine =continuirliche= Entwickelung zu denken,
und wir haben die ernstliche Verpflichtung, in jedem solchen Falle zu
prüfen, ob nicht wirklich ein entsprechend zusammengesetzter oder
gebauter Theil Matrix des pathologischen sei. Wenn man weiss, dass
vielkernige Riesenzellen im Knochenmark vorkommen, so wird man geneigt
sein, mit =Nélaton= jedes Riesenzellensarcom (tumeur à myéloplaxes) vom
Knochenmark abzuleiten. Sieht man, dass das Kankroid in der Regel aus
Epidermiszellen besteht, so liegt nichts näher, als dasselbe auf eine
örtliche Wucherung präexistirender Epidermis zurückzuführen. Allein die
Erfahrung mahnt hier zu grosser Vorsicht. Sonst kommt man leicht zu
Schlüssen, wie sie früher oft genug gemacht sind, dass z. B. ein Teratom
des Eierstocks, weil es Knochen und Zähne, Haut und Haare, ja selbst
Muskeln und Hirnmasse enthält, ein degenerirter Fötus sei oder aus einer
aberrirten Embryobildung herstamme. Man darf den blossen
Wahrscheinlichkeiten nicht zu sehr nachgeben, sonst macht man blosse
Conjectural-Pathologie.
Eine unbefangene Prüfung lehrt allerdings, dass alle pathologischen
Gewebe continuirlich aus physiologischen hervorgehen, aber keinesweges
so, dass ihr Typus immer unverändert der ihrer physiologischen Matrix
bleibt. =Die Entwickelung selbst ist stets continuirlich, der Typus aber
kann discontinuirlich sein=, und gerade diese Aenderung des Typus ergibt
für mich das entscheidende Kriterium der Heterologie. Wenn die Neuroglia
des Gehirns gewöhnliches Bindegewebe oder ausgezeichnetes Schleimgewebe
hervorbringt, so geschieht dies durch continuirliche Vorgänge, aber der
Typus der Neuroglia geht dabei verloren. Ein Enchondrom des Hodens
entsteht continuirlich aus dem schwachen Interstitialgewebe der Drüse,
aber ein bis dahin ganz unerhörtes Gewebe tritt im Hoden auf. Das eine
Gewebe wird hier durch ein anderes, das aus ihm hervorgegangen, aber von
ihm verschieden ist, substituirt.
Wir finden demnach auch hier, wie im physiologischen Leben, gewisse
=Substitutionen und Aequivalente von Geweben=, und gleichwie im
Physiologischen die Grenze dieser Substitionen durch das ein für
allemal gegebene Entwickelungsgeschäft der Species bezeichnet ist, so
geschieht auch pathologische Substitution stets durch Gewebe, deren
Vorkommen in der Species physiologisch nachweisbar ist.
In krankhaften Zuständen gibt es =heterologe Substitutionen=, wo ein
bestimmtes Gewebe ersetzt wird durch ein Gewebe anderer Art, aber nie
durch ein der menschlichen Organisation fremdes Gewebe. Selbst dann,
wenn der Ersatz von dem alten Gewebe des Ortes ausgeht, kann die
Neubildung mehr oder weniger abweichen von dem ursprünglichen Typus der
Matrix. So tritt an die Stelle der Haut, welche durch Verschwärung
verloren gegangen ist, eine Narbe, die nicht bloss Bindewebe, sondern
auch Epidermis enthält, obwohl die Matrix dieser Epidermis das
Bindegewebe der Cutis und nicht das (verloren gegangene) Rete Malpighii
sein kann.
Es geschieht also die Substitution entweder durch Ersetzung vermittelst
eines Gewebes aus derselben Gruppe (=Homologie=) oder durch ein Gewebe
aus einer anderen Gruppe (=Heterologie=). Auf letztere muss die ganze
Doctrin von den specifischen Elementen der Pathologie zurückgeführt
werden, welche in den letzten Decennien eine so grosse Rolle gespielt
haben. Denn diese Gewebe sui generis sind nicht insofern specifisch, als
sie im natürlichen Entwickelungsgange des Körpers kein Analogon finden,
sondern nur insofern, als sie unter gewöhnlichen Umständen nicht zu den
constituirenden Theilen derjenigen Organe gehören, in welchen sie unter
krankhaften Verhältnissen erzeugt werden. Deshalb erscheinen sie nicht
sowohl als Bestandtheile des Organs, welches sie erzeugt, als vielmehr
als Bestandtheile der Neubildung (gewissermaassen des pathologischen
Organs), welches aus ihnen zusammengesetzt ist, und wir vergessen nur zu
leicht, dass auch diese Neubildung, wenngleich kein an sich
nothwendiger, doch ein continuirlich zusammenhängender Theil jenes
physiologischen Organs, und somit des ganzen Organismus ist.
Diese Erkenntniss ist um so schwieriger, als in der Regel die heterologe
Substitution nicht direct, sondern auf einem Umwege erfolgt. Denn nicht
immer entsprechen sofort die ersten Anlagen der Neubildung dem endlichen
Producte; selbst die Hyperplasie geschieht nicht immer durch sofortige
Erzeugung homologer Elemente (=per primam intentionem=). Sehr häufig
schiebt sich zuerst ein Stadium indifferenter Bildungen ein, aus denen
sich erst langsam die besonderen Formen der späteren Zeit differenziren
(=per secundam intentionem=). =Dasselbe Gewebe kann auf die eine und auf
die andere Weise entstehen=. Aus dieser Erfahrung, die ich nicht genug
betonen kann, erklären sich zahlreiche Widersprüche der Mikrographen,
welche das Meiste dazu beigetragen haben, die Mikrographie überhaupt in
Misskredit zu bringen. Jeder Forscher betrachtet seine Beobachtungen als
die maassgebenden, und statt zu fragen, ob nicht vielleicht auch der
andere Forscher richtig gesehen habe, erklärt er die fremden Angaben,
welche mit den seinigen nicht übereinstimmen, sofort für falsch. Wie
immer, führt die Exclusivität zur Einseitigkeit und damit zum Irrthum.
So hat lange der Streit darüber geschwebt, ob Knochen immer aus Knorpel
entstehe. Schon die älteren Beobachter behaupteten, er könne auch aus
Membranen entstehen. Ich habe dargethan, dass er aus Bindegewebe und aus
Mark hervorgehen kann[17]. Spätere Beobachter haben dann geradezu
geleugnet, dass Knorpel direct in Knochengewebe übergehe, und in diesem
Augenblicke hat diese Meinung das Uebergewicht. Meiner Ueberzeugung nach
ist dieselbe einseitig und daher irrthümlich. Vielmehr entsteht
Knochengewebe aus Knorpel in doppelter Weise: gewöhnlich per secundam
intentionem aus Mark, welches aus Knorpel durch Metaplasie
hervorgegangen ist, aber in geringerem Umfange auch per primam
intentionem aus Knorpel. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem
Bindegewebe. Lange Zeit liess man alles pathologisch neugebildete
Bindegewebe aus fibrinösem Blastem (plastischer Lymphe) entstehen,
welches auf dem Wege der Exsudation aus dem Blute austreten sollte. Von
diesem ganz exclusiven Standpunkte aus bestritt man sogar die
Möglichkeit einer Organisation des Thrombus innerhalb der Gefässe,
obwohl doch in demselben derselbe Faserstoff vorhanden ist, der die
eigentlich plastische Substanz des Exsudates darstellen sollte. Ich habe
nicht bloss die Entstehung von Bindegewebe aus dem Thrombus, sogar die
Vascularisation des letzteren nachgewiesen[18], sondern auch die
Entstehung von Bindegewebe an Orten, wo niemals ein fibrinöses Blastem
erkennbar ist. Bindegewebe entsteht direct aus Knorpel, aus
Knochengewebe, aus Neuroglia. =Die eine Art der Entstehung schliesst die
andere nicht aus=. Sogar an derselben Stelle kann Bindegewebe auf
verschiedene Art sich bilden, z. B. an der inneren Oberfläche einer
Arterie kann es entstehen durch Wucherung der Intima und durch
Organisation von Thrombusmasse. Zuweilen verwandelt sich ein anderes
Gewebe, wie wir sahen, durch Metaplasie unmittelbar in Bindegewebe;
andermal erzeugt präexistirendes Bindegewebe neues durch directe
Hyperplasie, ohne dass der Charakter des Gewebes sich während dieser
Zeit im Wesentlichen ändert; andermal wiederum entsteht aus
präexistirendem Bindegewebe zuerst ein indifferentes Granulationsgewebe
und erst dieses geht durch Metaplasie wieder in Bindegewebe über. Es
entsteht also nicht nur dasselbe Gewebe unter verschiedenen Bedingungen
auf verschiedene Weise, sondern es kann sogar =dieselbe Matrix dasselbe
Gewebe auf verschiedene Weise hervorbringen=. Ich bemerke jedoch
ausdrücklich, dass, soweit unsere bisherigen Erfahrungen reichen, dieser
Satz nicht auf alle pathologischen Gewebe und nicht auf alle Matrices
Anwendung findet.
[17] Mein Archiv 1847. I. 135. 1853. V. 438, 444, 455.
[18] Gesammelte Abhandl. 1856. S. 323.
Fünftes Capitel.
Die Ernährung und ihre Wege.
Selbsterhaltung als Grundlage der Lehre vom Leben. Ernährung und
Stoffwechsel. Ernährung im Sinne des Gesammt-Organismus:
Nahrungsstoffe, Verdauung, Circulation. Ernährung im cellularen
Sinne. Endosmose und Exosmose, todter Stoffwechsel. Intermediärer
Stoffwechsel (Transito-Verkehr). Eigentlich nutritiver
Stoffwechsel. Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde.
Thätigkeit der Gefässe bei der Ernährung. Verhältniss von Gefäss
und Gewebe. Leber. Niere. Gehirn. Muskelhaut des Magens. Knorpel.
Knochen.
Abhängigkeit der Gewebe von den Gefässen. Metastasen.
Gefässterritorien (vasculäre Einheiten). Die Ernährungsleitung in
den Saftkanälen der Gewebe. Knochen. Zahn. Faserknorpel. Hornhaut.
Bandscheiben.
Die Grundlage aller Vorstellungen über das Leben bildet die Erfahrung
von der allem Lebendigen zukommenden Fähigkeit der =Selbsterhaltung=.
Sowohl das organische Gesammt-Individuum, als die einzelne Zelle sind
vermöge ihrer inneren Einrichtung (Organisation) befähigt, sich unter
den mannichfaltigsten äusseren Verhältnissen zu erhalten, Störungen, die
sie erlitten haben, auszugleichen (zu reguliren), und eine Reihe von
Thätigkeiten zu äussern, deren einfachstes Ergebniss die Erhaltung des
Status quo ist. Die Gesammtheit der Vorgänge, durch welche dieses
Ergebniss erzielt wird, pflegt man mit einem allerdings sehr dehnbaren
und daher auch häufig nur wenig zutreffenden Ausdrucke =Ernährung=
(=Nutrition=) zu nennen[19]. Als das eigentliche Wesen der Ernährung
gilt wiederum sehr allgemein der =Stoffwechsel=, d. h. die Aufnahme,
Assimilation, Zersetzung (Desintegration) und Wiederausscheidung
gewisser Stoffe, welche dieser Anschauung entsprechend =Nahrungsstoffe=
genannt werden.
[19] Vgl. meinen Vortrag über Nahrungs- und Genussmittel. Berlin 1868.
S. 23.
Es ist leicht verständlich, dass in der Meinung vieler Physiologen und
Pathologen, namentlich vieler praktischen Aerzte die Lehre von der
Ernährung als der Ausgangspunkt aller weiteren Erörterungen erscheint,
und wir wollen daher diesen Punkt sofort besprechen, um so mehr, als ich
die überlieferten Vorstellungen in mehrfacher Beziehung nicht als
berechtigt anerkenne. Selbst die Physiologie hat erst in den letzten
Jahren angefangen, sich derjenigen Betrachtungsweise anzunähern, welche
ich seit langer Zeit als die entscheidende vertheidigt habe. Zwei
Umstände namentlich sind es gewesen, welche die Vereinbarung erschwert
haben. Einerseits die hervorragende Stellung, welche den =Vorgängen der
Ernährung im Gesammt-Organismus= angewiesen wurde. Die Folge davon war,
dass man die Forschung wesentlich auf die Geschichte der Nahrungsstoffe
in den »ersten Wegen«, d. h. die Verdauung, und im Blute beschränkte,
dass man also gewissermaassen da Halt machte, wo in der cellularen
Anschauung die Ernährung im engeren Sinne eigentlich erst beginnt,
nehmlich an den Geweben. Denn begreiflicherweise sind für denjenigen,
welcher die Ernährung der einzelnen Theile als das Wesentliche ansieht,
alle anderen Vorgänge nur =Vorbereitungen=, und so wichtig Verdauung und
Circulation auch sein mögen, so können sie doch nur als Akte gelten,
welche die Bestimmung haben, den Elementartheilen geeignetes Material
für ihre Ernährung zu liefern. -- Andererseits war der Umstand für die
Einigung der verschiedenen Forscher hinderlich, dass man glaubte, mit
dem blossen =äusserlichen= Stoffwechsel, der sogenannten Endosmose und
Exosmose, das Hauptsächliche der Ernährung abgethan zu haben. Man
übersah dabei, dass es auch im Todten einen Stoffwechsel gibt, wie die
Geschichte der im menschlichen Körper selbst eingeschlossenen
mortificirten Theile deutlich erkennen lässt[20], und dass es viel mehr
auf den =inneren= Stoffwechsel ankommt, der sich durch blosse Endosmose
und Exosmose nur unvollständig erkennen lässt. Aufnahme und Abgabe von
Stoffen können erfolgen, ohne dass damit eine Ernährung bewirkt wird.
Gleichwie ein Infusorium ein Indigokorn oder den Kieselpanzer einer
Diatomee »frisst«, möglicherweise ohne Mund und Magen in sein Inneres
aufnimmt, und diese Körper nachher wieder, möglicherweise ohne After,
auswirft, so »fressen« viele Zellen Fett, ohne es zu assimiliren oder zu
verbrauchen, und sie werfen es später wieder aus, ohne es »verdaut« zu
haben. Dieser, wie ich ihn genannt habe[21], nur =intermediäre=
Stoffwechsel (Transito-Verkehr) ist von dem eigentlich nutritiven wohl
zu trennen.
[20] Verhandlungen der Berliner medic. Gesellschaft 1867. S. 254.
[21] Archiv 1857. XI. 574.
Ich bin von Anfang an[22] davon ausgegangen, dass die Zellen die
eigentlichen =Ernährungseinheiten= seien und dass sie gerade aus
diesem Grunde auch als die eigentlichen =Krankheitseinheiten=
(=Krankheitsheerde=) aufgefasst werden müssten. Meine eigenen
Vorstellungen haben sich insofern erweitert, als ich später in
schärferer Weise, als es mir ursprünglich erschien, die formativen und
functionellen Vorgänge von den nutritiven getrennt habe. Trotzdem muss
ich noch gegenwärtig daran festhalten, dass die =cellulare Nutrition= in
der That die erste Grundlage für die Betrachtung der vitalen Vorgänge
bildet. In diesem Sinne wollen wir uns auch zunächst mit ihr
beschäftigen.
[22] Ebendas. 1852. IV. 387. 1855. VIII. 15. 1856. XI. 40. Gesammelte
Abhandl. 1856. S. 50.
Gewöhnlich betrachtet man in der Lehre von der Ernährung =die Gefässe=
als diejenigen Kanäle, welche nicht nur den Stoffverkehr vermitteln,
sondern auch durch bald active, bald passive Hülfe den einzelnen Theil
in seinem Stoffverkehr überwachen. Seit lange hat man daher das
Bestimmende bei dem Ernährungsvorgange mit einem Ausdrucke, der sich
auch in die heutige Sprache hinübergeschlichen hat, in der Thätigkeit
der Gefässe gesucht, wie wenn die Gefässe ein unmittelbares Regiment
über die ihnen benachbarten oder von ihnen versorgten Gewebstheile
ausübten.
Wie ich schon früher bei Gelegenheit der Muskelfasern hervorhob (S. 61),
so können wir heut zu Tage von einer Action der Gefässe nur in so weit
sprechen, als Muskelfasern in denselben vorhanden sind, und als sich
demnach die Gefässe durch Zusammenziehung ihrer Muskeln verengern oder
verkürzen können. Die Verengerung hat das Resultat, dass der Durchtritt
der Flüssigkeiten gehemmt wird, während umgekehrt bei Erschlaffung oder
Lähmung der Muskeln das durch den Blutdruck erweiterte Gefäss den
Durchtritt der Flüssigkeiten begünstigen kann. Gestehen wir dies zu,
aber vergessen wir auch nicht, die Gewebsmasse, welche neben den
Gefässen liegt, und welche man sich gewöhnlich als eine sehr einfache
und träge Masse vorstellt, mit in Betracht zu ziehen.
[Illustration: =Fig=. 32. Stück von der Peripherie der Leber eines
Kaninchens; die Gefässe vollkommen injicirt. Vergr. 11.]
Wenn wir Theile wählen, in welchen die Gefässe recht dicht liegen, in
welchen vielleicht fast eben so viel an Gefässen vorhanden ist, als an
Gewebe, so sehen wir, dass jedes einzelne Spatium, welches zwischen den
Gefässen übrig bleibt, durch eine ganz kleine Zahl von Elementen erfüllt
wird. Ein solches Organ ist die Leber, bei der in der That dieses
Verhältniss ganz zutrifft. Denn eine Leber im gefüllten Zustande der
Gefässe hat nahezu so viel Volumen Gefäss, als eigentliche
Lebersubstanz. Betrachten wir einen einzelnen Acinus der Leber für sich,
so finden wir in dem glücklichsten Falle des Querschnittes in seiner
Mitte die Vena centralis oder intralobularis, die zur Lebervene geht, im
Umfange Aeste der Pfortader, welche in das Innere des Acinus capillare
Zweige senden. Letztere bilden sofort ein Anfangs langmaschiges, später
kürzeres Netz, welches sich in der Richtung gegen die Vena centralis
(hepatica) fortsetzt und zuletzt in dieselbe einmündet. Das Blut strömt
also, indem es von der V. interlobularis (portalis) eintritt, durch das
Capillarnetz hindurch zur Vena intralobularis, von wo es durch die Venae
hepaticae wieder zum Herzen zurückgeführt wird. Hat man nun eine
injicirte Leber vor sich, so sieht man dieses Netz so dicht, dass
dasjenige Gewebe, welches die Maschen des Netzes erfüllt, fast geringer
an Masse erscheint, als der Raum, welcher von den Gefässen eingenommen
wird. So kann man sich leicht vorstellen, wie die älteren Autoren, vor
Allen =Ruysch=, durch ihre Injectionen auf die Vermuthung kommen
konnten, dass fast Alles im Körper aus Gefässen bestände und dass die
verschiedenen Organe nur durch Differenzen in der Anordnung ihrer
Gefässe sich unterschieden. Gerade umgekehrt, wie an einem
Injectionspräparat, erscheint jedoch das Verhältniss an einem
gewöhnlichen Präparat aus einer blutleeren Leber. Hier nimmt man die
Gefässe fast gar nicht wahr. Man sieht wohl ein ähnliches Netz, aber
dies ist das Netz der Leberzellen (Fig. 29), welche, dicht an einander
gedrängt, allein vorhanden zu sein scheinen. Es ergiebt sich also, dass
Gefässnetz und Zellennetz sich auf das Innigste durchflechten, so dass
überall fast unmittelbar an der Gefässwand Zellen des Leberparenchyms
liegen. Zwischen den Zellen und der Gefässwand bemerkt man nur sehr
schwer noch eine feine Lage, von der es unter den Histologen immer noch
streitig ist, ob sie einer besonderen und continuirlichen Wand
zuzuschreiben ist, welche die feinsten Gallengänge zusammensetzt, oder
ob nur eine minimale Menge von Bindegewebszellen die Zellennetze
umgreift.
In diesem Falle kann man allerdings ein sehr einfaches Verhältniss
zwischen den Gefässen und den Zellen annehmen; man kann sich vorstellen,
dass das Blut, welches in den Gefässen strömt, je nach den
Erweiterungszuständen der letzteren und je nach seiner Menge
unmittelbar auf die anstossenden Elemente einwirkt und unmittelbar
Ernährungsstoffe an sie abgiebt, sowie Zersetzungsstoffe aus ihnen
aufnimmt. Freilich kann man in Beziehung auf die Ernährungsverhältnisse
entgegenhalten, dass es sich hier um eine ganz eigenthümliche
Gefäss-Einrichtung handelt, die wesentlich venöser Natur ist,
zusammengesetzt aus Pfortader- und Lebervenenästen, allein in dasselbe
Capillarnetz geht auch die Arteria hepatica hinein, und das Blut lässt
sich in dem Netz nicht mehr in seine einzelnen arteriellen und venösen
Theile zerlegen. Die Injectionen gelangen von jedem der Gefässe zuletzt
in dasselbe Capillarnetz hinein. Nichts desto weniger halte ich es für
berechtigt, gerade bei einem Organe, wie die Leber, welches einen so
ausgezeichnet intermediären Stoffverkehr hat, die grosse Nähe der
Capillaren für wichtiger in Beziehung auf diesen Stoffverkehr, als in
Beziehung auf die eigentliche Ernährung zu halten. Jedenfalls begreift
man leicht, dass alle Produkte des Transito-Verkehrs zuerst und am
stärksten in denjenigen Zellen erscheinen, welche von dem einströmenden
Blute zuerst berührt werden. Es sind dies die peripherischen Zellen der
einzelnen Acini.
Etwas anders ist das Verhältniss schon in der =Niere=. Macht man einen
feinen Durchschnitt durch die Rindensubstanz, nachdem man vorher die
Gefässe sorgfältig injicirt hat, so bemerkt man, dass letztere die
Harnkanälchen ziemlich dicht umspinnen (Fig. 33, _c_, _e_). Diese sind
ihrerseits zusammengesetzt aus einer strukturlosen Haut, der sogenannten
Tunica propria (Fig. 33, _b_), und einem zusammenhängenden Epithel,
welches das freie Kanallumen (_d_) umgiebt. Hier bleibt zwischen den
Gefässen und der Tunica propria noch ein kleiner Raum, in welchem bei
genauester Untersuchung ein fast strukturloses, feinstreifiges
Bindegewebe mit Zellen, Bindegewebskörperchen (_a_), gelagert ist. Die
Epithelialzellen sind demnach von den Capillaren getrennt durch die
Tunica propria und diese Bindegewebslage, und die Blutflüssigkeit muss,
um zu den Epithelzellen Säfte abgeben zu können, nicht nur die
Capillarwand, sondern auch die genannten zwei Septa durchdringen, deren
Zustände natürlich nicht ohne Bedeutung für die Möglichkeit dieser
Durchdringung sein können. Ueberdies bemerkt man leicht, dass eine
grössere Zahl von Zellen stets einer einzigen Capillarschlinge anliegt,
und es bedarf wohl nur dieser Erinnerung, um darauf aufmerksam zu
machen, dass es schwer erklärlich sein würde, wie, was zuweilen
vorkommt, nur einzelne Zellen besondere nutritive Abweichungen zeigen,
wenn in der That die Gefässe das allein Bestimmende bei der Ernährung
wären.