Eine Stelle, welche Cylinderepithel trägt, kann Plattenepithel bekommen;

eine Fläche, die anfänglich flimmerte, kann später gewöhnliches Epithel

haben. So treffen wir an der Oberfläche der Hirnventrikel zuerst

Flimmer-, späterhin einfaches Plattenepithel. Die Schleimhaut des Uterus

flimmert für gewöhnlich, aber in der Gravidität wird die Schicht der

Flimmercylinder an der Decidua ersetzt durch eine Lage von

Plattenepithel. An Stellen, wo weiches Epithel vorkommt, entsteht unter

Umständen Epidermis, z. B. an der vorgefallenen Scheide, an den

Stimmbändern. In der Sclerotica der Fische findet sich Knorpel, während

sie beim Menschen aus dichtem Bindegewebe besteht; bei manchen Thieren

kommen an Stellen der Haut Knochen vor, wo beim Menschen nur Bindegewebe

liegt, aber auch beim Menschen wird an vielen Stellen, wo gewöhnlich

Knorpel liegt, zuweilen Knochengewebe gefunden, z. B. an den

Rippenknorpeln. Knorpel kann sich in Schleimgewebe, dieses in Fettgewebe

oder in Knochengewebe umwandeln, wie es bei der gewöhnlichen

Knochen-Entwickelung der Fall ist. Am auffälligsten sind diese

Substitutionen im Gebiete der Muskeln. Der Oesophagus besitzt in seinem

oberen Abschnitte quergestreifte, im unteren glatte Muskelfasern. Bei

einigen Fischen findet sich quergestreifte Muskulatur an Theilen des

Nahrungskanals, wo die anderen glatte haben, z. B. am Magen des

Schlammpeitzgers (Cobitis) und am Darm der Schleie (Tinca).

Nicht alle diese Substitutionen sind gleichwerthig. Ein Theil derselben

führt direkt auf Metaplasie (S. 70) zurück, indem die Elemente

persistiren und entweder ihren Charakter ändern, oder eine andere Art

von Intercellularsubstanz abscheiden. Wenn Knorpel in Schleimgewebe

übergeht, so bleiben seine Zellen bestehen und die Intercellularsubstanz

wird weich. Ein anderer Theil der Substitutionen, nehmlich alle

diejenigen, bei welchen es sich um verschiedene Arten von Thieren

handelt, also alle diejenigen, welche der vergleichenden Anatomie

angehören, zeigt uns =parallele=, aber nicht continuirliche Reihen.

Haare und Federn sind parallele, Knorpel und Knochen continuirliche

Aequivalente.

Viertes Capitel.

Die pathologischen Gewebe.

Die pathologischen Gewebe (Neoplasmen) und ihre Classification.

Bedeutung der Vascularisation. Die Doctrin von den specifischen

Elementen: Krebs, Tuberkel. Die physiologischen Vorbilder

(Reproduction). Einfache (histioide) und zusammengesetzte

(organoide und teratoide) Neubildungen. Homologie und Heterologie

(Heterotopie, Heterochronie, Heterometrie). Malignität.

Hypertrophie und Hyperplasie. Kriterien der Homologie.

Degeneration. Prognostische Gesichtspunkte.

Ungewöhnliche Analogien der pathologischen Gewebe: Krebs, Sarkom

(Spindelzellen, Riesenzellen). Abstammung der pathologischen

Gewebe: Continuität der Entwickelung, Discontinuität des Typus.

Pathologische Substitutionen und Aequivalente. Homologe und

heterologe Substitution. Bildung per primam aut secundam

intentionem. Verschiedenartige Entstehung derselben Gewebe unter

verschiedenen Bedingungen: Knochen, Bindegewebe. Organisation

fibrinöser Blasteme. Metaplasie. Verschiedenartige Abstammung

derselben Gewebsart.

Wenn man von pathologischen Geweben spricht, so kann man natürlich damit

nur die pathologisch neu entstandenen meinen, und nicht etwa die durch

irgend eine pathologische Störung veränderten physiologischen Theile. Es

handelt sich also hier um eigentliche Neubildungen, =Neoplasmen=, um

das, was im Laufe pathologischer Processe an neuen Geweben zuwächst, und

es fragt sich: lässt sich das, was wir physiologisch als allgemeine

Typen der Gewebe hingestellt haben, auch pathologisch festhalten? Darauf

antworte ich ohne Rückhalt: ja, und so sehr ich auch darin abweiche von

vielen der lebenden Zeitgenossen, so bestimmt man auch noch in den

letzten Jahren die ganz besondere (=specifische=) Natur der Elemente

vieler pathologischen Gewebe hervorgehoben hat, so bin ich doch

überzeugt, dass jedes pathologische Gebilde ein physiologisches Vorbild

hat, und dass keine pathologische Form entsteht, deren Elemente nicht

zurückgeführt werden könnten auf ein in der thierischen Oekonomie

gegebenes Vorbild.

Die Classification der pathologischen Neubildungen ist früherhin

meistentheils versucht worden vom Standpunkte der =Vascularisation= aus.

Bis zur Zeit der Zellentheorie hat man die Frage von der Organisation

bestimmter Theile entschieden durch den Nachweis ihrer Vascularisation

oder Nicht-Vascularisation. Man nahm jeden Theil als organisirt, der

Gefässe enthielt, jeden als nicht organisirt, der keine Gefässe führte.

Dies ist für den heutigen Standpunkt an sich schon eine Unrichtigkeit,

insofern wir auch physiologische Gewebe ohne Gefässe, wie die Knorpel,

das Epithel haben.

So lange als man, entsprechend dem niedrigen Stande der mikroskopischen

Technik, die zelligen Elemente höchstens als Kügelchen kannte und diesen

Kügelchen sehr verschiedene Bedeutung beilegte, war es zu verzeihen,

dass man sich an die Gefässe hielt, insbesondere seit =John Hunter= die

Vergleichung der pathologischen Neubildung mit der Entwickelung des

Hühnchens im Ei in die allgemeine Vorstellung eingeführt und zu zeigen

versucht hatte, dass ähnlich, wie das Punctum saliens im Hühnerei die

erste Lebenserscheinung darstelle, so auch in pathologischen Bildungen

Blut und Gefäss das Erste sei. Nach diesem Vorbilde beschrieben noch

=Rust= und =Kluge= manche »parasitischen« Neubildungen als versehen mit

einem unabhängigen Gefässsystem, welches, ohne Wurzel in den alten

Gefässen, sich, wie im Hühnchen, ganz selbständig bilden sollte.

Freilich hatte man schon vor dieser Zeit vielfach versucht, die

scheinbar so abweichenden Formen der Neubildungen auf physiologische

Paradigmen zurückzuführen; namentlich ist dies ein wesentliches

Verdienst der Naturphilosophen gewesen. In jener Zeit, wo die

Theromorphie eine grosse Rolle spielte und man in den pathologischen

Dingen vielfache Analogien mit den Zuständen niederer Thiere fand, hat

man auch angefangen, Vergleichungen zwischen den krankhaften

Neubildungen und bekannten Theilen des gesunden Körpers zu machen. So

sprach der alte J. F. =Meckel= von dem brustdrüsenartigen, dem

pancreasartigen Sarkom. Die Heteradenie, die heterologe Bildung von

Drüsensubstanz, welche in der neuesten Zeit von Paris aus als

eine Neuigkeit beschrieben worden ist, war in der deutschen

naturphilosophischen Schule vor einem halben Jahrhundert eine ziemlich

allgemein angenommene Thatsache.

Erst seitdem man die histologische Seite der Entwickelungsgeschichte zu

bebauen begonnen hat, hat man sich mehr und mehr davon überzeugt, dass

die meisten Neubildungen Theile enthalten, welche irgend einem

physiologischen Gewebe entsprechen. Selbst in den mikrographischen

Schulen des Westens hat man sich theilweise begnügt anzunehmen, dass es

in der ganzen Reihe der Neubildungen nur ein besonderes Gebilde gäbe,

welches specifisch abweichend sei von allen natürlichen Bildungen,

nämlich den Krebs. Von ihm nahm man an, dass er ganz und gar von den

physiologischen Geweben abweiche, Elemente sui generis enthalte, während

man eigenthümlicher Weise das zweite Gebilde, das die Aelteren dem

Krebsgewebe anzunähern pflegten, nämlich den Tuberkel, vielfach bei

Seite liess, obwohl man doch auch für ihn kein Analogon fand. Aber man

deutete ihn als ein unvollständiges, mehr rohes (=crudes=) Product, als

ein nicht recht zur Organisation gekommenes, gewissermaassen unfertiges

Gebilde, und glaubte ihn daher mehr den blossen Exsudationen anreihen zu

dürfen.

Wenn man jedoch den Krebs oder den Tuberkel sorgfältiger betrachtet, so

kommt es auch bei ihnen nur darauf an, dasjenige Stadium ihrer

Entwickelung aufzusuchen, in welchem sie die Höhe ihrer Gestaltung

erreicht haben. Man darf weder zu früh untersuchen, wo die Entwickelung

unvollendet, noch zu spät, wo sie über ihr Höhenstadium hinausgerückt

ist. Hält man sich an die Zeit der Entwickelungshöhe (Acme, Florescenz),

so lässt sich für jedes pathologische Gewebe auch ein physiologisches

Vorbild finden, und es ist eben so gut möglich, für die Elemente des

Krebses solche Vorbilder zu entdecken, wie es möglich ist, dieselben für

den Eiter zu finden, der, wenn man einmal specifische Gesichtspunkte

festhalten will, ebenso im Rechte ist, als etwas Besonderes betrachtet

zu werden, wie der Krebs. Beide stehen sich darin vollkommen parallel,

und wenn die Alten von Krebseiter gesprochen haben, so haben sie in

gewissem Sinne Recht gehabt, da der Eiter vom Krebssafte sich nur durch

die Entwickelungshöhe der einzelnen Elemente unterscheidet.

Eine Classification auch der pathologischen Gebilde lässt sich ganz in

der Weise aufstellen, die wir vorher für die physiologischen Gewebe

versucht haben. Zunächst gibt es auch hier Gebilde, welche, wie die

epithelialen, wesentlich aus zelligen Theilen zusammengesetzt sind, ohne

dass zu diesen etwas Erhebliches hinzukommt (=epitheliale

Neubildungen=). In zweiter Linie treffen wir Gewebe, welche sich denen

der Bindesubstanz anschliessen, indem regelmässig neben zelligen

Theilen eine gewisse Menge von Zwischensubstanz vorhanden ist

(=bindegewebige Neubildungen=). Endlich in dritter Linie kommen

diejenigen Bildungen, welche sich den höher organisirten Theilen, Blut,

Muskeln, Nerven u. s. w. anschliessen. Es ist jedoch von vorn herein

hervorzuheben, dass in den pathologischen Bildungen diejenigen Elemente

häufiger vorhanden sind, ja entschieden vorwalten, welche nur den

niederen Graden der eigentlich thierischen Entwickelung entsprechen,

dass dagegen im Ganzen diejenigen Elemente am seltensten nachgebildet

werden, welche den höher organisirten, namentlich den Muskel- und

Nervenapparaten angehören. Ausgeschlossen sind jedoch auch diese

Bildungen keineswegs; vielmehr kennen wir jede Art von pathologischer

Neubildung, sie mag auf ein Gewebe bezüglich sein, auf welches sie will,

wenn es nur überhaupt einen erkennbaren Habitus hat. Nur in Beziehung

auf die Häufigkeit und die Wichtigkeit der einzelnen neu gebildeten

Gewebe besteht eine Verschiedenheit in der Art, dass die grösste

Mehrzahl der pathologischen Producte überwiegend epitheliale oder

Elemente der Bindesubstanz führen, und dass von denjenigen Gebilden,

welche wir in der letzten Klasse der normalen Gewebe zusammenfassten, am

häufigsten Gefässe und Theile, welche mit der Lymphe und den Lymphdrüsen

verglichen werden können, neu entstehen, am seltensten aber wirkliches

Blut, Muskeln und Nerven.

Dass man diesen so einfachen Standpunkt noch jetzt vielfach leugnet,

erklärt sich nicht bloss daraus, dass das Verständniss der

pathologischen Histologie überall die genaueste Kenntniss der

physiologischen voraussetzt und ohne diese ganz und gar in die Irre

geht, sondern vielleicht noch mehr daraus, dass es sich hier nicht bloss

um einfache Gewebe, sondern häufig um besondere und grössere

Zusammenordnungen von Geweben handelt, welche sich zu einer =Art von

pathologischen Organen= zusammenfügen. Ein Dermoid besteht nicht bloss

aus Epidermis oder aus Bindegewebe, sondern es stellt eine pathologische

Reproduction des Derma in seiner ganzen Zusammensetzung als =Hautorgan=

dar, in welche Zusammensetzung Epidermis und Bindegewebe, Haare, Talg-

und Schweissdrüsen, Fettgewebe und glatte Muskeln, Gefässe und Nerven

eintreten können. Ein Osteom besteht nicht bloss aus Knochengewebe (tela

ossea), sondern es kann ausserdem Mark, Knorpel und Bindegewebe

enthalten. Und so entspricht auch der Krebs nicht einem einzigen

physiologischen Gewebe, sondern er enthält, ähnlich wie eine Drüse,

zellige Elemente in besonderen Hohlräumen oder Kanälen, welche getragen

werden durch ein Stroma von Bindegewebe mit Gefässen. Alle diese Arten

von Neubildungen entsprechen also den Gegenständen der speciellen

Histologie, der Organenlehre, und ihre gesammte Lebensgeschichte, ihre

Entwickelung und Rückbildung lässt sich nicht nach dem Maassstabe

einfacher Gewebe beurtheilen, sondern nur nach dem Vorbilde

zusammengesetzter Organe des Körpers, grösserer anatomischer Gruppen von

Theilen des Organismus, welche bekanntlich gerade durch ihre

Zusammenlegung aus verschiedenen Geweben eine weit grössere

Mannichfaltigkeit des Lebens und Erkrankens darbieten, als dies an

einfachen Geweben möglich ist.

Es zerfällt daher die ganze Reihe der Neoplasmen in zwei grössere

Kategorien; einfache (=histioide=) und =zusammengesetzte (organoide)=.

Die einfachen finden sich in den zusammengesetzten wieder. Epithel und

Bindegewebe können jedes für sich eine Neubildung aufbauen: sie können

aber auch zusammentreten und eine Art von pathologischem Organ erzeugen.

Kommen dazu immer mehr und mehr Gewebe, so kann endlich ein so

complicirtes Gefüge entstehen, dass es nur mit grösseren =Systemen= des

Körpers zu vergleichen ist. Indess ist dies selten und auch dann

gewöhnlich so unordentlich, dass man diese Kategorie als einen blossen

Anhang zu der Lehre der Neubildungen zu betrachten hat. Manche dieser

systematoiden Neubildungen gleichen so sehr gewissen Monstrositäten, ja

ihre Grenze gegen die eigentlich fötalen Missbildungen ist so schwer zu

ziehen, dass ich sie mit dem allgemeinen Namen der =teratoiden= belegt

habe[14].

[14] Geschwülste. Bd. I. S. 96.

Wenn man diesen rein physiologischen Gesichtspunkt festhält, so wirft

sich sofort die Frage auf, was aus der Lehre von der =Heterologie= der

krankhaften Producte wird, einer Lehre, welche aufrecht zu erhalten man

sich seit langer Zeit bemüht hat, und auf welche die natürliche

Anschauung scheinbar mit einer gewissen Nothwendigkeit hinführt. Hierauf

kann ich nicht anders antworten, als dass es keine andere Art von

Heterologie in den krankhaften Gebilden gibt, als die =ungehörige Art

ihrer Entstehung oder ihres Vorkommens=, und dass diese Ungehörigkeit

sich entweder darauf bezieht, dass ein Gebilde erzeugt wird an einem

Punkte, wo es nicht hingehört, oder zu einer Zeit, wo es nicht erzeugt

werden soll, oder in einem Grade, welcher von der typischen Norm des

Körpers abweicht. Jede Heterologie ist also, genauer bezeichnet,

entweder eine =Heterotopie=, eine Aberratio loci, oder eine Aberratio

temporis, eine =Heterochronie=, oder endlich eine bloss quantitative

Abweichung, =Heterometrie=. Schleimgewebe, welches im Gehirn entsteht,

findet sich am unrechten Orte; eine Schleimgewebsgeschwulst, welche am

Nabel eines Erwachsenen wächst, zeigt eine Gewebsbildung zur unrechten

Zeit; die Mola hydatidosa stellt eine excessive Neubildung von

Schleimgewebe an den Zotten des Chorion dar, also eine Neubildung in

ungehöriger Menge.

Man muss sich aber wohl in Acht nehmen, diese Heterologie im weiteren

Sinne des Wortes nicht zu verwechseln mit der =Malignität=. Die

Heterologie im histologischen Sinne bezieht sich auf einen grossen Theil

von pathologischen Neubildungen, die von dem Standpunkte der Prognose

durchaus gutartig genannt werden müssen. Nicht selten geschieht eine

Neubildung an einem Punkte, wo sie freilich durchaus nicht hingehört, wo

sie aber auch keinen erheblichen Schaden anrichtet, oder wo der Schaden,

den sie anrichtet, nicht aus dem Wesen, der Art der Geschwulst als

solcher, sondern aus ihrer Lage, ihren Nachbarverhältnissen zu anderen

Theilen, also aus den Zufälligkeiten des Sitzes und der Entwickelung zu

erklären ist. Es kann ein Fettklumpen sich sehr wohl an einem Orte

erzeugen, wo wir kein Fett erwarten, z. B. in der Submucosa des

Dünndarms, aber im besten Falle entsteht dadurch ein Polyp, der auf der

inneren Fläche des Darms hervorhängt und der ziemlich gross werden kann,

ehe er Krankheitserscheinungen hervorruft. Tritt dieser Fall aber ein,

so folgen daraus Erscheinungen der Zerrung, des Druckes, der Hemmung,

also Erscheinungen mechanischer Art, aber keine einzige Erscheinung

wirklich maligner Art. Denn wir können nur das bösartig nennen, was

seiner Natur nach schädlich ist, nicht das, was nur durch besondere

Verhältnisse, per accidens, schädlich wirkt.

[Illustration: =Fig=. 29. Schematische Darstellungen von Leberzellen.

_A_. Einfache physiologische Anordnung derselben. _B_. Hypertrophie, _a_

einfache, _b_ mit Fettaufnahme (fettige Degeneration, Fettleber). _C_.

Hyperplasie (numerische oder adjunctive Hypertrophie), _a_ Zelle mit

Kern und getheiltem Kernkörperchen. _b_ getheilte Kerne. _c_, _c_

getheilte und daher kleinere Zellen.]

Betrachtet man die im engeren Sinne heterolog zu nennenden Gebilde in

Beziehung zu den Orten, wo sie entstehen, so ergibt sich ihre Trennung

von den homologen durch den Nachweis, dass sie von dem Typus desjenigen

Theils, in welchem sie entstehen, abweichen. Wenn im Fettgewebe eine

Fettgeschwulst oder im Bindegewebe eine Bindegewebs-Geschwulst sich

bildet, so ist der Typus der Bildung des Neuen homolog dem Typus der

Bildung des Alten. Alle solche Bildungen fallen der gewöhnlichen

Bezeichnung nach unter den Begriff der Hypertrophie, oder, wie ich zur

genaueren Unterscheidung vorgeschlagen habe zu sagen, der

=Hyperplasie=[15]. Hypertrophie in meinem Sinne bezeichnet den Fall, wo

die einzelnen Elemente eine beträchtliche Masse von Stoff in sich

aufnehmen und dadurch grösser werden, und wo durch die gleichzeitige

Vergrösserung vieler Elemente endlich ein ganzes Organ anschwillt. Bei

einem dicker werdenden Muskel werden alle Primitivbündel dicker. Eine

Leber kann einfach dadurch hypertrophisch werden, dass die einzelnen

Leberzellen sich bedeutend vergrössern. In diesem Falle gibt es eine

wirkliche Hypertrophie ohne eigentliche Neubildung. Von diesem Vorgange

ist wesentlich verschieden der Fall, wo eine Vergrösserung erfolgt durch

eine =Vermehrung der Zahl der Elemente=. Eine Leber kann nehmlich auch

grösser werden dadurch, dass an der Stelle der gewöhnlichen Zellen sich

eine Reihe von kleineren entwickelt. Ebenso sehen wir durch einfache

Hypertrophie das Fettpolster der Haut anschwellen, indem jede einzelne

Fettzelle eine grössere Masse von Fett aufnimmt; wenn dies an Tausenden

und aber Tausenden, ja man kann sagen, an Hunderttausenden und Millionen

von Zellen geschieht, so ist das Resultat ein sehr grobes und

augenfälliges (Polysarcie). Allein es kann eben so gut sein, dass sich

im Fettgewebe neben den alten Zellen neue hinzubilden und eine

Vergrösserung der Gewebsmasse erfolgt, ohne dass die Elemente für sich

eine Vergrösserung erfahren. Es handelt sich hier um wesentlich

verschiedene Processe: =um einfache und um numerische Hypertrophie=.

[15] Handbuch der spec. Pathol. u. Therapie. 1854. I. 327-28.

Hyperplastische Processe (numerische oder adjunctive Hypertrophie)

bringen in allen Fällen Gewebe hervor, welche dem Gewebe des alten

Theiles gleichartig sind. Eine Hyperplasie der Leber bringt wieder

Leberzellen, die des Nerven wieder Nerven, die der Haut wieder die

Elemente der Haut hervor. Ein heteroplastischer Process dagegen erzeugt

Gewebselemente, welche freilich natürlichen Formen entsprechen, z. B.

Elemente von drüsenartiger Natur, Nervenmasse, Theile von Bindegewebs-

oder epithelialer Structur, aber diese Elemente entstehen nicht durch

einfache Zunahme der vorher vorhanden gewesenen, sondern durch eine

Neubildung mit Umwandlung des ursprünglichen Typus des Muttergewebes.

Wenn sich Gehirnmasse im Eierstock bildet, so entsteht dieselbe nicht

aus präexistirender Gehirnmasse, nicht durch irgend einen Akt einfacher

Vermehrung; wenn Epidermis im Muskelfleische des Herzens entsteht, so

mag sie noch so sehr übereinstimmen mit der auf der äusseren Haut, sie

ist doch ein heteroplastisches Gebilde. Wenn sich Haare von ganz

natürlichem Bau in der Hirnsubstanz finden, so mag man die grösste

Uebereinstimmung finden zwischen ihnen und Haaren der Körper-Oberfläche;

es werden dies immer heteroplastische Haare sein. So sehen wir

Knorpelsubstanz entstehen, ohne dass ein wesentlicher Unterschied

zwischen ihr und der gewöhnlichen, bekannten Knorpelsubstanz besteht,

z. B. in Enchondromen. Dennoch erscheint das eigentliche Enchondrom als

eine heteroplastische Geschwulst, selbst am Knochen. Denn der fertige

Knochen hat an den Theilen, wo das Enchondrom sich bildet, keinen

Knorpel mehr, und die Phrase von dem Knochenknorpel, als der organischen

Grundlage des Knochens, ist eben nur eine Phrase. Es ist entweder die

Tela ossea oder die Tela medullaris, in welcher das Enchondrom sitzt,

und gerade da, wo eigentlicher Knorpel liegt, z. B. am Gelenkende,

entstehen keine Enchondrome in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes.

Dagegen finden wir sehr ausgezeichnete Enchondrome in Drüsen, z. B. in

den Speicheldrüsen, im Hoden. Es handelt sich hier also nicht um eine

Hypertrophie oder Hyperplasie, die ein normaler Knorpel eingeht, sondern

es ist eine vollständige Neubildung, welche eine Veränderung des localen

Gewebstypus darstellt. In meinem Sinne kann daher =dasselbe Gewebe das

eine Mal homolog, das andere Mal heterolog sein=. Fettgewebe in der

Nierenkapsel ist homolog, in der Nierensubstanz heterolog. Epithel in

Drüsenkanälen ist homolog, im Knochen heterolog. Dieselbe Geschwulst

kann an einer Stelle homolog, an einer anderen heterolog sein. Eine

Knochengeschwulst (Osteom) am Knochen ist hyperplastisch, im Gehirn

heteroplastisch.

Diese Auffassung ist wesentlich verschieden von der früher gangbaren,

wie sie z. B. =Lobstein= vertrat, als er die Neubildungen in

homöoplastische und heteroplastische eintheilte. Denn bei ihm, wie noch

in der neuesten französischen Schule, gilt als homöoplastisch jede

Neubildung, welche eine den physiologischen Geweben oder Organen des

Körpers entsprechende Zusammensetzung zeigt; eine jede solche wurde

zugleich als gutartig angesehen. Ich dagegen nehme in Beziehung auf die

Frage von der Heterologie und Homologie keine Rücksicht auf die

Zusammensetzung des Neugebildes als solchen, sondern nur auf das

Verhältniss desselben zu dem Mutterboden, aus dem es hervorgeht.

Heterologie in diesem Sinne bezeichnet die Verschiedenartigkeit in dem

Typus der Entwickelung des Neuen gegenüber dem Alten, oder, wie man

gewöhnlich zu sagen pflegt, die =Entartung= (=Degeneration=), die

Abweichung von der =Eigenart= des typischen Gewebes.

Hiermit ist zugleich der entscheidende prognostische Anhaltspunkt

gegeben. Wir kennen Geschwülste, welche den allergrössten Einklang ihrer

Elemente darbieten mit den bekanntesten physiologischen Geweben. Eine

Epidermis-Geschwulst kann, wie ich schon hervorgehoben habe, in ihren

Elementen vollständig übereinstimmen mit gewöhnlicher Oberhaut, aber sie

ist trotzdem nicht immer eine gutartige Geschwulst von bloss localer

Bedeutung, welche abgeleitet werden dürfte von einer einfach

hyperplastischen Vermehrung präexistirender Gewebe, denn sie entsteht

zuweilen mitten in Theilen, welche fern davon sind, Epidermis oder

Epithel zu besitzen, z. B. beim Kankroid im Innern von Lymphdrüsen, in

dicken Bindegewebslagen, welche von allen Oberflächen entfernt liegen,

ja sogar im Knochen. In diesen Fällen ist gewiss die Bildung von

Epidermis so heterolog, als sich überhaupt etwas heterolog denken lässt.

Auch hat die praktische Erfahrung gelehrt, dass es durchaus unrichtig

war, aus der blossen Uebereinstimmung der pathologischen Epidermis mit

physiologischer auf den gutartigen Verlauf des Falles zu schliessen.

Vielmehr zeigt uns die Beobachtung der Kranken, dass jeder Fall

verdächtig ist und uns zur Vorsicht mahnen muss, wo wir eine heterologe

Neubildung antreffen.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 9 / 54 段