Lebensvorgänge. Indem wir ersehen, dass die Thymusdrüse im ersten
Lebensjahre schon hinschwindet, während die übrigen Lymphdrüsen bis zum
Greisenalter und zum Tode aushalten, indem wir lernen, dass die Gefässe
des Glaskörpers schon vor der Geburt obliteriren, während die der Retina
fortbestehen, indem wir erkennen, dass der =Müller='sche Faden beim
Manne früh obliterirt, während der =Wolff='sche Gang sich zum Vas
deferens entwickelt, so erschliesst sich uns sofort der Einblick in eine
Reihe bemerkenswerter Eigenthümlichkeiten der Entwickelung. Dass die
Schädel-Synchondrosen früh verknöchern, während die Wirbel-Synchondrosen
knorpelig blieben, dass das Schleimgewebe um die Niere in Fettgewebe
übergeht, während dasjenige im Glaskörper seine Beschaffenheit bewahrt,
ist auf den ersten Blick schwer verständlich, aber nothwendig zu wissen,
um die Local-Geschichte und örtliche Bedeutung der Gewebe zu würdigen.
Die Local-Geschichte der Gewebe erhält jedoch ihre Vervollständigung
erst durch eine genaue =Zeitbestimmung=, bei der sowohl Anfang, als Ende
des Gewebes festzustellen ist. Wir kommen damit auf die ebenso
schwierige, als wichtige =genetische= Untersuchung, deren Einführung in
die moderne Pathologie ich seit einer langen Reihe von Jahren mit
besonderem Eifer zu fördern bestrebt gewesen bin. Nicht alle Gewebe des
Körpers entstehen zu derselben Zeit und nicht alle sterben zu gleicher
Zeit. Auch in dieser Beziehung stellt der Organismus keine Einheit dar,
sondern nur eine Gemeinschaft, und die Bezeichnungen, welche wir für die
Entwickelungsperioden des Gesammt-Organismus mit Recht wählen, passen
keineswegs für die einzelnen Theile und Gewebe. =Es gibt jugendliche
Gewebe im hohen Greisenalter und senescirende[13] Gewebe im Fötus=.
Selbst der Bulbus des ergrauten Haares erzeugt doch immer noch neue
Elemente und bis zum Tode hin strömen immer wieder junge Blutkörperchen
in die Gefässe ein. Andererseits sieht schon das fötale Leben zahlreiche
Elemente zu Grunde gehen. Der =Meckel=sche Knorpel und der =Wolff='sche
Körper sind grösstentheils verschwunden, wenn das Kind zur Welt kommt;
die Pupillarmembran, die Vasa omphalomesaraica haben um dieselbe Zeit
aufgehört zu existiren. Manche Gewebe lassen sich in eine
=allgemein-chronologische Reihenfolge= bringen. Schleimgewebe ist im
Allgemeinen früher da, als Fettgewebe; Knorpel früher, als Knochen.
Rothe Blutkörperchen sind jünger, als farblose. Aber dies gilt nicht
allgemein. Denn die Bildung des Schleimgewebes ist nicht überhaupt
abgeschlossen, wenn die des Fettgewebes beginnt; sie ist nur
abgeschlossen an der Stelle, wo Schleimgewebe in Fettgewebe übergeht. An
anderen Orten kann neues Schleimgewebe entstehen, während das früher
vorhanden gewesene seine Metaplasie längst gemacht hat. Farblose
Blutkörperchen bilden sich von Neuem, nachdem unzählige rothe zu Grunde
gegangen sind. =Dieselbe Art von Gewebe kann also an einem Orte jünger,
an einem anderen Orte älter sein=. An der Epiphyse eines Röhrenknochens
beginnt die Knochenbildung zu einer Zeit, wo die Diaphyse schon seit
Monaten zum grossen Theil verknöchert ist. An den Lippen erreicht die
Haarbildung zur Zeit der Pubertät die Stärke, welche sie an der
Schädelhaube schon in dem ersten Lebensjahre zu zeigen pflegt.
[13] Mein Handbuch der spec. Path. u. Ther. 1854. Bd. I. S. 310.
Manche sonst verdiente Forscher haben den Sinn solcher Erscheinungen
gänzlich verkannt. Sie sprechen z. B. von =embryonalen= oder =fötalen=
Geweben im Erwachsenen. Dies ist ein blosses Spiel mit Worten. Ein
Gewebe, welches schon im Embryo vorhanden ist und sich als solches
extrauterin erhält, ist darum kein embryonales. Permanenter Knorpel,
permanentes Schleimgewebe sind eben so wenig embryonal, als die
Krystalllinse oder die Hornhaut. Wenn jedes Gewebe, das sich im
Erwachsenen so vorfindet, wie es im Fötus besteht, fötal genannt werden
sollte, so könnte man auch die Epidermis des inneren Präputialblattes
fötal nennen, weil sie feucht zu sein pflegt und eine Vernix caseosa
liefert. Embryonal im strengeren Sinne des Wortes (d. h. dem Embryo
angehörig) ist nur ein =unfertiges=, =unreifes= oder =Uebergangs=-Gewebe
aus der früheren Zeit des intrauterinen Lebens. Embryonale Muskeln sind
schmale und verhältnissmässig kurze Cylinder oder Faserzellen mit
schmalen Lagen von Fleischsubstanz im Innern. Embryonale Nerven haben
noch keine Markscheide. Embryonales Bindegewebe hat noch runde Zellen
und eine nicht-faserige Zwischensubstanz. Aber nicht jedes unfertige
Gewebe ist darum embryonal. Das Rete Malpighii, die Haarzwiebel, die
Zahnpulpe sind und bleiben unfertige Gewebe, denn es soll aus ihnen
Epidermis, Haar, Zahnbein entstehen. Sie werden überhaupt niemals
fertig, denn sie sind eben zum Nachwuchs bestimmt, sie sind
=Matricular-Gewebe=, welche nicht bloss den Mutterboden für die
=Ersatzzellen= darstellen, sondern welche aus sich selbst durch
=Proliferation= diese Ersatzzellen hervorbringen. Die Mehrzahl der
gewöhnlichen Matricular-Gewebe findet sich daher in Verbindung mit
abfälligen Geweben; eine kleinere Zahl besorgt gelegentlich das
Ersatz-Geschäft für die Wechselgewebe, z. B. Knorpel und Beinhaut für
den Knochen. Zwischen der Matrix und dem daraus hervorgegangenen
Tochtergewebe ist die Stelle, wo man das =Uebergangsgewebe= (tela
transitoria) zu suchen hat, und nur in dem Falle, dass die ganze Matrix
durch die Proliferation aufgezehrt wird, wie es im Ovulum geschieht,
welches in seiner Totalität in Bildungszellen aufgeht, tritt das
Uebergangsgewebe als eigentlich embryonales für eine gewisse Zeit
hindurch scheinbar ganz selbständig auf.
Wirklich embryonal sind eben nur Gewebe des Embryo. Der Nabelstrang
z. B. besteht seinem grössten Theile nach aus embryonalem Schleimgewebe;
der Glaskörper des Embryo desgleichen. Aber man hat kein Recht, auch den
Glaskörper des Erwachsenen aus embryonalem Schleimgewebe bestehen zu
lassen, bloss deshalb, weil das Schleimgewebe in ihm persistirt. Hier
liegt vielmehr ein Dauergewebe vor, welches mit dem Augenblicke der
Geburt aufgehört hat, embryonal zu sein.
Es giebt vielleicht kein Gewebe, welches in einem so hohen Maasse den
Charakter eines embryonalen Zeitgewebes an sich trägt, als die =Chorda
dorsualis= (Notochorde R. =Owen=). Es ist dies ein aus grossen, blasigen
Zellen zusammengesetzter Strang, welcher ursprünglich durch die
ganze Ausdehnung der später von den Wirbelkörpern und den
Zwischenwirbelscheiben eingenommenen Region vom Keilbein bis zum
Steissbein hindurchläuft. Er stellt ein fast reines Zellengewebe dar,
welches man versucht sein könnte, den Epithelialformationen anzureihen,
wenn er nicht seiner ganzen Stellung nach den Geweben der Bindesubstanz
angehörte. Indes bleibt die Intercellular-Secretion an ihm auf ein
Minimum beschränkt. Früher nahm man allgemein an, dass nur bei den
niedrigsten Fischen die Chorda persistire, dass sie dagegen bei allen
höheren Wirbelthieren und namentlich beim Menschen ein rein embryonales
oder fötales Gewebe sei, welches schon vor der Geburt gänzlich
verkümmere. Erst =Heinrich Müller= hat dargethan, dass ein Theil der
Chorda sich noch nach der Geburt erhält. Daraus folgt, dass genau
genommen selbst dieses Gewebe den Namen eines embryonalen nur während
einer gewissen Zeitdauer verdient; der laxere Gebrauch, auch die nach
der Geburt noch fortbestehenden Theile fötal zu nennen, rechtfertigt
sich nur dadurch, dass dieselben in der That nur einen für das spätere
Leben bedeutungslosen Rückstand einer fötalen Bildung darstellen.
Eine derartige Concession darf jedoch nicht zu immer weiteren
Forderungen gemissbraucht werden. Was soll man davon sagen, wenn im
Ernst von einigen Schriftstellern erklärt wird, das Schleimgewebe sei
embryonales oder fötales Bindegewebe? Sieht man nicht, dass man mit
gleichem Rechte das Knorpelgewebe aus der Reihe der selbständigen Gewebe
streichen und dasselbe einfach als embryonales Knochengewebe bezeichnen
könnte? Ich will gar nicht davon sprechen, dass nicht einmal die
vorausgesetzte Thatsache richtig ist, indem das Schleimgewebe gewöhnlich
in Fettgewebe, aber nicht in eigentliches Bindegewebe übergeht. Aber
gesetzt, es wäre richtig, dass Schleimgewebe das Bildungsgewebe für
Bindegewebe sei, so muss man sich doch darüber klar werden, dass nicht
jedes =Bildungsgewebe= (tela formativa s. formans) embryonal genannt
werden kann, gleichviel zu welcher Zeit des Lebens es sich findet. Es
gibt dreierlei Arten von Bildungsgewebe: =Matriculargewebe= (Matrices)
im engeren Sinne des Wortes, welche durch Proliferation, also durch
Hervorbringung neuer Elemente, ein Tochtergewebe erzeugen, neben welchem
sie fortbestehen, =blosse Vorgewebe= (telae praecursoriae), welche durch
die Proliferation verzehrt werden und nach der Erzeugung der neuen
Gewebe nicht mehr vorhanden sind, und endlich =Uebergangsgewebe= (telae
transitoriae), welche sich durch Metaplasie, ohne wesentliche
Veränderung in der Zahl ihrer Elemente, in andere Gewebe umbilden. Im
Embryo kommen alle drei Arten vor, und man fasst sie gelegentlich wohl
unter dem Sammtnamen der =Anlagen= oder =Keimgewebe= (telae
germinativae) zusammen.
Die Eizelle ist gewissermaassen der Prototyp eines Vorgewebes, denn
obwohl durch fortschreitende Proliferation aus ihr die späteren Gewebe
des Embryo hervorgehen, so hört sie selbst doch auf zu existiren. Sie
verhält sich in dieser Beziehung, wie jene Epithelialzellen, aus deren
Wucherung die von ihnen selbst ganz verschiedenen Drüsenzellen
hervorgehen. So erklärt es sich, dass auch die Drüsenbildung eine
einmalige ist, die sich nicht fortsetzt oder wiederholt, wie die Bildung
der Haare oder des Nagels oder der Epidermis, bei denen ein gewisser
Theil der germinativen Zellen als Matrix persistirt. Die Haarzwiebel,
die Falzzellen des Nagels, das Rete Malpighii wuchern ebenfalls, aber
nicht alle ihre Elemente gehen gleichzeitig oder kurz nach einander in
das neue Gewebe auf. So ist der Knorpel eine wahre Matrix, die trotz
reichlichster Wucherung an den meisten Orten noch einen gewissen Rest
unversehrter Substanz übrig behält, aus welcher immer wieder von Neuem
Mark und Knochengewebe erzeugt werden können. Allerdings besteht, wie
leicht ersichtlich, zwischen den Vorgeweben und den Matriculargeweben
keine scharfe Grenze. Die Bildung der Krystallinse wird frühzeitig
abgeschlossen, und, wie wir gesehen haben, niemals später wird nach dem
Verlust derselben eine neue vollständige Linse regenerirt.
Nichtsdestoweniger persistirt ein gewisser Theil der germinativen Zellen
und eine unvollständige Reproduction der Linse ist daher allerdings
möglich. Das Kapsel-Epithel ist demnach mehr als Matrix und nicht als
blosses Vorgewebe aufzufassen.
Manche embryonale Gewebe erscheinen unter Verhältnissen, wo man versucht
wird, sie entweder für Matriculargewebe oder wenigstens für Vorgewebe zu
halten. Die Chorda dorsualis liegt inmitten der späteren Wirbelkörper
und ihr knorpelartiger Charakter legte es nahe, in ihr die erste Anlage
der späteren Wirbelkörper und zwar namentlich der knorpeligen Matrices
derselben zu sehen. In der That hat man geglaubt, dass aus ihr oder doch
aus ihrer Scheide die Vertebralknorpel hervorgingen. Erst die neuere
Forschung hat gelehrt, dass dies ein Irrthum war, indem die Knorpel
ausserhalb der Chorda und ihrer Scheide entstehen. Aehnlich war es mit
dem sogenannten Meckel'schen Knorpel, dessen Lage in unmittelbarer
Verbindung mit dem Unterkiefer es wahrscheinlich machte, dass er
wirklich die Matrix des Unterkiefers sei. Aber auch hier erweist sich
der Knochen als eine äussere Belagsmasse des Knorpels. Während der
letztere daher sich hier als ein rein fötales Zeitgewebe darstellt, so
gehen aus seinem hinteren Ende allerdings der Hammer und Ambos,
namentlich in sehr deutlicher Weise der Hammerfortsatz hervor, und es
erweist sich daher dasselbe Gebilde, welches an seinem vorderen Ende
eine bloss temporäre Bedeutung hat, in seinem hintersten Abschnitte als
ein wirkliches Vorgewebe.
Was die Uebergangsgewebe betrifft, so entstehen sie entweder aus den
Vorgeweben oder aus Matriculargeweben. Die aus der Furchung der Eizelle
entstehenden Ur- oder Bildungszellen (cellulae primordiales s.
formativae) bieten ein schönes Beispiel dafür. Die farblosen
Blutkörperchen stehen ihnen nahe. Manche Uebergangselemente zeichnen
sich durch ganz besondere, sonst fast gar nicht normal vorkommende
Formen aus. Ich erinnere in dieser Beziehung an die vielkernigen
Riesenzellen des Knochenmarks. Andere Uebergangselemente wiederum haben
so indifferente und gleichmässige Formen, sie stellen so sehr die
einfachste Erscheinung =nicht differenzirter= Zellen dar, dass man
gerade deshalb vielfach geneigt ist, sie sämmtlich zu identificiren,
und, wie früher unter dem Namen von =Primordial=- oder =Exsudatzellen=,
so jetzt unter dem der farblosen Blutkörperchen zusammenzufassen. Gerade
im Knochenmark, wie in der Milz, kommen neben grossen und vielkernigen
Elementen solche kleine, runde, einfache Zellen sehr häufig vor.
Der entwickelte Organismus zeigt in allen diesen Beziehungen keine
durchgreifenden Verschiedenheiten von dem fötalen. Die blosse Form der
Elemente oder Gewebe genügt daher keineswegs, dieselben für fötal oder
embryonal auszugeben. =Die Gesetze der Entwickelung gelten für alle
Zeiten des Lebens=, und wenn dieselben nicht zu allen Zeiten in gleicher
Ausdehnung und Häufigkeit zur Geltung kommen, so darf man darüber nicht
vergessen, dass die Bedingungen nicht zu allen Zeiten gleiche sind. Eine
correcte Terminologie ist aber nur zu gewinnen, wenn wir jedem
Lebensalter seine besondere Beziehung lassen. Gerade die Pathologie muss
in dieser Beziehung besonders streng sein, da ihr Erfahrungsgebiet eine
grosse Reihe von Erscheinungen umfasst, welche im gewöhnlichen Leben auf
gewisse Zeiten der Entwickelung, z. B. auf das embryonale Leben
beschränkt sind, welche aber unter krankhaften Verhältnissen zu ganz
ungehörigen Zeiten auftreten. Muskel- und Nervenfasern von ganz
embryonalem Charakter können im Zeitalter der Pubertät oder noch später
entstehen, aber wenn man sie ihres Charakters wegen embryonal nennen
wollte, so würde man Gefahr laufen, die grösste Verwirrung
hervorzurufen.
Es erhellt aus diesen Erörterungen, dass wir trotz der Wichtigkeit der
physiologischen Gesichtspunkte doch einer rein anatomischen
Classification der Gewebe nicht entbehren können. Sie bildet für die
Physiologie und Pathologie eine ebenso nothwendige Grundlage, wie die
anatomische Classifikation der Pflanzen und Thiere für die Botanik und
die Zoologie. Gleichwie jedoch der Botaniker und der Zoolog jede
einzelne Species und Varietät, ja wie der Gärtner und der Viehzüchter
jedes Individuum von Baum und Thier besonders in seinen Eigenschaften
und Eigenthümlichkeiten studiren muss, so wird auch der Physiolog und
noch mehr der Patholog auf eine gleiche Individualisirung und
Localisirung seiner Forschungen hingewiesen.
Bevor ich jedoch diese Betrachtungen schliesse, muss ich noch ein Paar
Augenblicke bei der Erörterung einiger wichtiger principieller Punkte
verweilen, welche die thierischen Gewebe in ihrer Verwandtschaft unter
einander und Abstammung von einander betreffen, und welche wiederholt zu
allgemeinen, mehr physiologischen Formulirungen Veranlassung gegeben
haben.
Als =Reichert= es unternahm, die Gewebe der Bindesubstanz zu einer
grösseren Gruppe zusammenzufassen, ging er hauptsächlich von dem
philosophischen Satze aus, dass der Nachweis =der Continuität der
Gewebe= über ihre innere Verwandtschaft entscheiden müsse. Sobald man
erkennen könne, dass irgend ein Theil mit einem andern continuirlich
(durch inneren Zusammenhang, nicht durch blosses Zusammenstossen)
verbunden sei, so müsse man auch beide als Theile eines
gemeinschaftlichen Ganzen betrachten. Auf diese Weise suchte er zu
beweisen, dass Knorpel, Beinhaut, Knochen, Sehnen u. s. f. wirklich ein
Continuum, eine Art von Grundgewebe des Körpers bildeten, die
=Bindesubstanz=, welche an den verschiedenen Orten gewisse
Differenzirungen erfahre, ohne dass jedoch der Charakter des
Gewebes als solchen dadurch aufgehoben würde. Dieses sogenannte
=Continuitäts-Gesetz= hat bald die grössten Erschütterungen erfahren,
und gerade in der jüngsten Zeit sind so gefährliche Einbrüche in
dasselbe geschehen, dass es kaum noch möglich sein dürfte, daraus ein
allgemeines Kriterium für die Bestimmung der Art eines Gewebes
herzunehmen. Man hat immer neue Thatsachen für die Continuität solcher
Gewebs-Elemente beigebracht, welche nach =Reichert= toto coelo
auseinander gehalten werden müssten, z. B. von Epithelial- und
Bindegewebe; insbesondere haben sich die Angaben gehäuft, dass
cylindrische Epithelzellen in fadenförmige Fasern auslaufen, welche
direct in Zusammenhang treten mit Bindegewebs-Elementen, z. B. am Darm.
Ja, man hat sogar in der neuesten Zeit eine Reihe von Angaben gemacht,
nach denen solche Zellen der Oberfläche nach Innen fortgehen und dort
mit Nervenfasern in unmittelbarem Zusammenhang stehen sollten, z. B. am
Gehirn. Was das letztere betrifft, so muss ich bekennen, dass ich noch
nicht von der Richtigkeit der Darstellung überzeugt bin, allein
was den ersteren Fall anbelangt, so besteht ein wirkliches
Continuitäts-Verhältniss der Elemente. Man ist also nicht mehr im
Stande, scharfe Grenzen zwischen jeder Art von Epithel und jeder Art von
Bindegewebe zu ziehen; es ist dies nur da möglich, wo Plattenepithel
sich findet, und auch hier nicht überall, während die Grenzen
zweifelhaft sind überall, wo Cylinder-Epithel existirt.
Ebenso verwischen sich die Grenzen auch anderswo. Während man früher
zwischen Muskel- und Sehnen-Elementen eine scharfe Grenze annahm, so hat
sich auch hier, zuerst durch =Hyde Salter= und =Huxley=, ergeben, dass
an die Elemente des Bindegewebes direct Faserzellen sich anschliessen,
welche nach und nach den Charakter quergestreifter Muskeln annehmen. Auf
diese Art ergeben sich in dem Bindegewebe sowohl mit den Elementen der
Oberfläche, als mit den edleren Elementen der Tiefe continuirliche
Verbindungen. Erwägt man nun andererseits, dass die Elemente des
Bindegewebes aller Wahrscheinlichkeit nach bestimmte Beziehungen zu dem
Gefässapparat, insbesondere zu den Lymphgefässen haben, so liegt es sehr
nahe, in dem Bindegewebe eine Art von =indifferentem Sammelpunkt=, eine
eigenthümliche Einrichtung für die innere Verbindung der Theile zu
sehen, eine Einrichtung, die allerdings nicht für die höheren Funktionen
des Thieres, aber wohl für die Ernährung und Entwickelung von der
allergrössten Bedeutung ist.
Noch viel auffälliger sind die Beziehungen zwischen den letzten
Verzweigungen der peripherischen Nerven und den Elementen anderer
Gewebe. Seit =Doyère= hat sich die Aufmerksamkeit hauptsächlich der
Verbindung zwischen den letzten Ausläufern der motorischen Nerven und
den Muskelprimitivbündeln zugewendet, und es ist nicht mehr zweifelhaft,
dass die ersteren das Sarkolemm durchbohren und in direkten Contakt mit
der Fleischsubstanz treten. Noch weiter gehen die Verbindungen zwischen
den terminalen Nerven und den Epithelien. =Hensen= hat in Froschlarven
die Nervenfädchen bis zu den Kernkörperchen der Hautepithelien verfolgt;
=Lipmann= hat Aehnliches an dem hinteren Epithel der Hornhaut und selbst
an den Körperchen der Hornhaut wahrgenommen. =Pflüger= sah die letzten
Nervenausläufer an die Zellen der Speicheldrüsen treten.
An die Stelle des Continuitätsgesetzes muss man daher nothwendig etwas
Anderes setzen. Nicht der Zusammenhang zwischen den Theilen, welcher
möglicherweise erst einer späteren Entwickelungszeit angehört, und
welcher Verbindungen zwischen Theilen sehr verschiedener Natur
herbeiführen kann, sondern die Entstehung ist entscheidend. Die
Verwandtschaft der Gewebe führt zurück auf eine =gemeinsame Abstammung=
(Descendenz). Allerdings lehrt die Geschichte des befruchteten Ei's,
dass in letzter Abstammung die verschiedenartigsten Gewebe von einem
gemeinschaftlichen Anfange ausgehen, aber in dem Fortgange der
Proliferation kommen wir an gewisse Stadien, wo die einzelnen Zellen
oder Zellengruppen ihre Differenzirung beginnen, und von hier aus kehrt
jede Zelle oder Zellengruppe ihre besondere Eigenthümlichkeit heraus.
Eine gewisse Familienähnlichkeit kann ihnen allen anhaften;
nichtsdestoweniger geht eine jede Gruppe ihren eigenen Weg, der von dem
der anderen verschieden ist. Bei Menschen einer bestimmten Race finden
sich gewisse Eigenschaften der Haare und der Haut, des Schädel- und
Zahnbaus, der Grösse und des Umfanges der verschiedensten Skelettheile
mit so grosser Beständigkeit wieder, dass wir aus einzelnen Merkmalen
auf die Anwesenheit der anderen schliessen können. Der gemeinsame
Ursprung aller Gewebe von dem einen befruchteten Ei gibt die allerdings
nur grobe Erklärung dieser Erfahrung. Von Zelle zu Zelle pflanzt sich
wenigstens etwas aus dem ursprünglichen Vorgewebe fort. Je mehr sich die
Matriculargewebe ausbilden, um so sichtbarer wird die Verwandtschaft
ihrer Derivate unter einander. Wenn aus dem Rete Malpighii des Embryo
einerseits Haarzwiebeln, andererseits Schweiss- und Talgdrüsen
entstehen, so lässt sich vermuthen, dass eine gewisse Beziehung zwischen
Haarbildung und Absonderung von Schweiss und Talg bestehen muss, und es
begreift sich, dass Beides bei einem Neger anders ist, als bei einem
Weissen.
Eine genauere Kenntniss der =Stammbäume= der Gewebe wird manches noch
jetzt bestehende Räthsel lösen. Leider sind die embryologischen
Erfahrungen noch keineswegs sicher genug, um auch nur eine Uebersicht zu
geben. Hat doch erst in neuerer Zeit =His= alle früheren Vorstellungen
angegriffen, indem er das embryonale Bindegewebe gar nicht von der
Eizelle, sondern von dem Dotter ausgehen lässt, der sich ausserhalb
derselben befindet. Schon die früheren Embryologen waren darin einig,
dass eine andere Quelle für das Bindegewebe, als für die
Epithelialformation besteht, dass besondere Heerde für Muskel- und
Nervenbildung existiren. Je weiter die Forschung schreitet, um so
sicherer wird sich von diesem Felde aus die =genetische Topographie= des
Körpers gestalten lassen.
Für den erwachsenen Körper, ja schon für die späteren Zeiten der fötalen
Entwickelung ist von entscheidender Wichtigkeit das Gesetz der
=histologischen Substitution=. Bei allen Geweben derselben Gruppe
besteht die Möglichkeit, dass sie gegenseitig für einander eintreten. Zu
verschiedenen Zeiten des Lebens finden sich an derselben Stelle
verschiedene Glieder einer Gewebsgruppe. Bei verschiedenen Thierklassen
wird an einem bestimmten Orte des Körpers das eine Gewebe ersetzt durch
ein analoges Gewebe derselben Gruppe, mit anderen Worten, durch ein
=histologisches Aequivalent=.