Wenn wir aus der physiologischen Forschung Verschiedenheiten scheinbar

gleichartiger Elemente erkennen, so gelangen wir damit allerdings sofort

zu neuen Fragestellungen und Vermuthungen in Beziehung auf die weitere

anatomische Untersuchung, und es ist keineswegs unwahrscheinlich, dass

man auf dem Wege einer derartigen Untersuchung allmählich zu einer

ungleich grösseren Erkenntniss =der localen Verschiedenheiten in dem Bau

und der Einrichtung histologisch gleichwerthiger Elemente= kommen wird,

als wir sie gegenwärtig besitzen. Nur darf man bei einer solchen

Hoffnung nicht übersehen, dass diese Histologie der Zukunft noch nicht

existirt und dass man sich daher vorläufig mindestens noch damit

begnügen muss, neben einer anatomischen Ordnung der Gewebe auch noch

eine physiologische oder genauer gesagt, mehrere physiologische

zuzulassen.

In der That gibt es mehr als ein Principium dividendi für die

physiologische Gruppirung der Gewebe. Je nach der Richtung, in welcher

die Fragestellung geschieht, fällt auch die Antwort verschieden aus. Der

specifische Physiolog wird zuerst immer nach der =Function= fragen.

Welche Thätigkeit übt ein Gewebe aus? Diese Richtung der Untersuchung

führt zu einer Eintheilung der Gewebe nach ihrer Function. Eine kurze

Umschau ergibt sofort, dass Gewebe, welche ganz verschiedenen

anatomischen Gruppen angehören, bei dieser Art der Betrachtung einander

genähert werden. Frage ich nach den Geweben, deren Function Bewegung

ist, so werde ich zunächst an die Muskeln gewiesen. Aber unzweifelhaft

ist auch die Flimmerbewegung Bewegung, unzweifelhaft haben die

Samenfäden Bewegung. Und doch knüpft sich hier die Bewegung an

epitheliale Erzeugnisse, welche von den eigentlichen Muskeln anatomisch

weit entfernt sind. Sollen wir desswegen die Samenfäden zu den

muskulösen Elementen oder die letzteren zu den epithelialen rechnen?

Gewiss liegt hier ebenso wenig ein Grund zu einer solchen Vereinigung

vor, als wenn wir Schwärmsporen und Infusorien vereinigen wollten.

Allerdings hat es eine Zeit gegeben, wo man sämmtliche Schwärmsporen zu

den Infusorien rechnete, wo sogar die Mehrzahl der beweglichen Algen

eben dahin gezählt wurde, aber mit Recht betrachtet man diesen

Standpunkt als einen überwundenen.

Die Bewegung »sitzt« jedoch nicht bloss in muskulösen und epithelialen

Elementen; sie findet sich auch an bindegewebigen. Nehmen wir ein

zugleich pathologisch interessantes Beispiel. =Axmann= hatte bei

Fröschen gesehen, dass nach Durchschneidung der gangliospinalen Nerven

die in der Haut zahlreich verbreiteten Pigmentzellen ihre Strahlen

verlieren. Er nannte dies eine Atrophie und schloss daraus auf einen

nutritiven Einfluss der gangliospinalen Nerven. Die in Frage stehenden

Pigmentzellen sind grosse, sternförmige Bindegewebskörperchen. Bei der

Wichtigkeit dieser Angabe beschloss ich eine experimentelle Prüfung

derselben und veranlasste Herrn =Lothar Meyer= zu einer solchen. Alsbald

ergab sich, dass es sich um keine Atrophie, sondern um eine Contraction

handelte[11]. Die Zellen ziehen ihre Fortsätze ein, ihr Körper

vergrössert sich in demselben Maasse, und das früher über eine grössere

Fläche vertheilte Pigment häuft sich an einzelnen Stellen an. Das grobe

Ergebniss dieser unzweifelhaften Bewegung ist eine Farbenveränderung der

Froschhaut.

[11] Mein Archiv 1854. Bd. VI. S. 266.

Wir finden also, dass in allen drei Gruppen der Gewebe motorische

Thätigkeit nachweisbar ist, und jeder Denkende wird daher auch

veranlasst werden, seine etwaigen Betrachtungen über =motorische

Elemente= oder noch allgemeiner über motorische Gewebe auf alle drei

Gruppen auszudehnen. Von diesem Gesichtspunkte aus ergibt sich eine

Eintheilung aller Gewebe in zwei Abtheilungen: motorische und nicht

motorische. Dagegen lässt sich nicht das Mindeste sagen. Aber man darf

auch nicht übersehen, dass diese Eintheilung eine wesentlich

=praktische= ist. Sie mag durchaus wissenschaftlich durchgeführt werden,

aber sie greift eine einzige Seite der Betrachtung auf, sie wählt ein

einziges Merkmal, eine einzige Eigenschaft aus der ganzen Summe der

Merkmale und Eigenschaften dieser Gewebe oder Elemente. Sie kann daher

keinesweges als eine eigentlich wissenschaftliche Eintheilung gelten,

wenngleich sie für die wissenschaftliche Betrachtung und Untersuchung

von dem grössten =Nutzen= ist.

Unter den Absonderungen hat seit den ältesten Zeiten eine das Interesse

der Aerzte ganz besonders auf sich gezogen, die des =Schleims=. Schon in

der koischen Priesterschule wird das Phlegma als einer der vier

Cardinalsäfte des Körpers aufgeführt, und noch heute hat sich eine

freilich sehr verwischte Erinnerung daran in der Bezeichnung des

phlegmatischen Temperamentes erhalten. In der That war die glasige,

gallertartige, gequollene Beschaffenheit des Schleims wohl geeignet, die

Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und die Häufigkeit seines

Hervortretens unter krankhaften Verhältnissen, die nicht selten

bedenkliche Heftigkeit der dadurch bedingten Zufälle berechtigte dazu,

den phlegmatischen Krankheiten eine hervorragende Stelle in dem Systeme

anzuweisen. Mehr und mehr knüpfte sich jedoch die Forschung über die

Schleimabsonderung an die =Schleimhäute=, und als =Bichat= sein System

der allgemeinen Anatomie aufstellte, hatte er nur eine allseitig

anerkannte Ueberzeugung zu fixiren, indem er aus den Schleimhäuten eine

besondere Gewebsgruppe machte. Es hat ziemlich lange gedauert, ehe man

erkannte, dass glasige Schleimabsonderungen nicht an allen Schleimhäuten

vorkommen. Man weiss jetzt, dass wohl die Schleimhaut des Collum uteri

ein solches Secret liefert, aber dass dies keineswegs an der

»Schleimhaut« der Vagina oder an der des Corpus uteri der Fall ist. Das

Ileum und die Speiseröhre sondern keine zähen Schleimmassen ab, wie sie

so reichlich an der Schleimhaut der Luftröhre zu Tage treten.

Man ist so von den Schleimhäuten zu den =Schleimdrüsen= gekommen, und

Mancher hilft sich damit, dass er alle Schleimabsonderung auf diese

zurückführt. Aber sonderbarerweise sind gerade manche Schleimhäute, an

deren Oberfläche wir die zähesten und klebrigsten Schleimbeschläge

finden, wie die der Harnblase und des Collum uteri, ungemein arm an

Drüsen, und diese an sich ziemlich unvollkommenen Drüsen sind durchaus

nicht als die Specialsitze der Secretion zu erkennen. Wären sie es

jedoch, so würde man auf ihre Epithelien als auf die activen Factoren

der Absonderung zurückkommen müssen, da bekanntlich der Schleim nicht im

Blute präexistirt, also nicht einfach transsudiren kann. Muss man, wie

es meiner Meinung nach nothwendig ist, auch eine Schleimabsonderung von

der Fläche =gewisser= Schleimhäute anerkennen, so gelangt man zu

demselben Gedanken, dass die Epithelien die Schleimabsonderer seien.

Darf man nun sagen, die Schleimabsonderung sei überall die Function

gewisser Epithelialzellen, die man =Schleimzellen= nennen kann? Die

Erfahrung hat gelehrt, dass diese Auffassung irrthümlich ist. Ich habe

für eine grosse Reihe physiologischer und pathologischer Gewebe den

Nachweis geliefert, dass der Schleim in derselben glasigen,

gallertartigen, gequollenen Weise, wie er frei an der Oberfläche der

Schleimhäute erscheint, auch im Innern von Geweben und zwar wesentlich

als ein =intercellularer= Stoff vorkommt. Ich sah mich deshalb

veranlasst, ein Schleimgewebe aufzustellen, welches weder mit dem

Schleimhautgewebe =Bichat='s, noch mit dem Schleimdrüsengewebe identisch

ist. Es ist kein epitheliales Gewebe, sondern ein Glied in der Gruppe

der Bindesubstanz. Nichts desto weniger wird man auch an ihm nicht umhin

können, den intercellularen Schleim als ein Absonderungsprodukt der

Zellen zu betrachten. Nur handelt es sich hier um eine =parenchymatöse=

(innere) und nicht um eine oberflächliche (äusserliche) Absonderung.

Aeusserlich kann sie erst werden, wenn an dem Schleimgewebe eine

Ulceration eintritt, wie es bei dem Carcinoma mucosum (colloides)

vorkommt.

Es finden sich demnach Schleimzellen in zwei verschiedenen Gruppen vor:

epitheliale und bindegewebige. Für eine Untersuchung über

Schleimentstehung und Schleimabsonderung ist es gewiss nützlich, sich an

die Gruppen nicht zu kehren und nur die besonderen Gewebe

zusammenzustellen und zu vergleichen, in welchen dieser Vorgang

vorkommt. So ist der physiologische Botaniker berechtigt, alle

diejenigen Pflanzengewebe zusammenzustellen, in welchen Pflanzenschleim

oder Gummi oder Amylon vorkommen, und eine solche Zusammenstellung ist

von hohem praktischen Werthe für den Landwirth, den Kaufmann, die

Hausfrau. Aber nichts berechtigt, eine solche praktische Eintheilung

als die erste Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers hinzustellen.

Wenn der physiologische Specialist zuerst nach der Function fragt, so

fragt der Patholog, auch wenn er ganz physiologisch zu Werke geht,

zuerst nach der =Existenz= der Theile. Es erklärt sich diese Differenz

aus dem Umstande, dass der Physiolog gesunde Verhältnisse voraussetzt

und den Bestand des Körpers an Geweben unter solchen Verhältnissen als

einen gegebenen und constanten betrachtet, der Patholog dagegen, durch

traurige Erfahrungen belehrt, das Zugrundegehen und den Verlust von

Theilen als ein nur zu häufiges Ergebniss des kranken Lebens kennt. Für

den Arzt handelt es sich vor Allem um die =Erhaltung= der Theile.

Wissenschaftlich analysirt, ist dies die Frage von der =Lebensdauer= und

der =Ernährung= der Theile.

Nun ist es bekannt, dass die verschiedenen Elemente des Körpers auch im

gesunden Leibe eine sehr verschieden lange Lebensdauer besitzen und aus

diesem Grunde auch manche Gewebe, ja selbst manche Organe nicht die

gleiche Lebensdauer haben, wie der gesammte Körper. Die Pupillarmembran

schwindet schon vor der Geburt, die Eihüllen werden mit der Geburt

abgeworfen, der Nabelstrang folgt alsbald, das Wollhaar, die

Thymusdrüse, die männliche Brustdrüse, die Milchzähne kommen nach und

nach an die Reihe, die Eifollikel, die weibliche Brust, die Zähne und

das Kopfhaar schwinden bald früher, bald später. Man kommt so ganz

natürlich zu einer grossen Zweitheilung in =bleibende= (=permanente=)

und =nicht bleibende= (=temporäre=) Gewebe, oder, wie man kurz sagen

kann, in =Dauergewebe= und =Zeitgewebe=. Unter letzteren bilden die

=abfälligen= (telae caducae s. deciduae) eine besondere Unterabtheilung.

Zwischen den Dauer- und Zeitgeweben stehen in einer höchst

eigenthümlichen Stellung die =Wechselgewebe= (telae mutabiles s.

mutantes).

Man muss jedoch sehr vorsichtig sein in der Anwendung dieser Ausdrücke.

Unter pathologischen Verhältnissen kann ein Zeitgewebe =persistiren= und

ein Dauergewebe =hinfällig= werden. Die Thymusdrüse kann sich bis nach

der Pubertät erhalten, während sie sonst bald nach der Geburt schwindet.

Die männliche Brust kann nicht bloss persistiren, sondern sich auch

stärker entwickeln. Und umgekehrt kann bald dieses, bald jenes Gewebe

oder Organ schwinden, »phthisisch« werden, das sonst zu den permanenten

gehört. Ein Kind kann ohne Arme und Beine, ohne Herz und Gehirn geboren

werden, weil schon die Anlagen im Mutterleibe verkümmerten. Ein ganzer

Muskel, eine ganze Niere kann bis auf einen kümmerlichen Rest von

Interstitialgewebe »atrophiren«. Ein Fuss kann durch Brand absterben

und, wie der Nabelstrang, abgeworfen werden.

An dieser Stelle, wo es sich um physiologische Verhältnisse handelt,

berühren uns diese, der Lehre von der =Heterochronie= angehörigen Fragen

nicht. Wir haben es hier nur mit der =natürlichen= Verschiedenheit der

Lebensdauer einzelner Körpertheile, welche der typischen Entwickelung

angehören, zu thun. Ein einziges, freilich sehr verbreitetes Vorurtheil

tritt uns jedoch entgegen: ich möchte es das Vorurtheil von der

=Allveränderlichkeit= der Körpertheile nennen. In einer bedauerlichen

Uebertreibung wohlberechtigter Erfahrungssätze über den Stoffwechsel ist

man dahin gekommen, zu berechnen, wie viele Jahre gewisse Theile, wie

viele der ganze Körper gebrauche, um gänzlich erneuert zu sein. Die in

ihrer Ausschliesslichkeit unannehmbare Lehre von der Mauserung

(C. H. =Schultz=) hatte ein grosses Stück ihrer Popularität dieser

Auffassung zu verdanken.

Wie es möglich gewesen ist, die auffälligsten Thatsachen so sehr zu

übersehen, ist schwer zu begreifen. Selbst ausgezeichnet hinfällige

Theile lassen doch deutlich erkennen, dass, so lange sie existiren, ihre

Substanz dauerhaft ist. Man mag den Zahnwechsel, wie den Haarwechsel,

eine Mauser nennen, aber nichts berechtigt, die =Elemente= des Zahns

oder des Haares als in fortdauernder Erneuerung begriffen anzusehen. Der

Zahnschmelz besteht aus verkalkten Epithelien, welche, soweit wir

wahrnehmen können, weder in ihrem Kalk, noch in ihrer organischen

Grundsubstanz einer Erneuerung unterliegen. Das Zahnbein kann durch

Ersatz aus der Pulpe neuen Zuwachs bekommen, aber weder seine Röhrchen,

noch seine Intercellularsubstanz lassen erkennen, dass ihre Molekeln

durch neue Molekeln ersetzt werden. Das Bindegewebe, diese so weit

verbreitete und so massenhaft im Körper vorhandene Substanz, ist gewiss

in allen seinen wesentlichen Bestandtheilen in hohem Maasse dauerhaft.

Die Elemente der Linse, trotz ihrer Zartheit, bestehen häufig ohne

Veränderung bis zum höchsten Alter.

Diese Beständigkeit der =wesentlichen= Bestandtheile der Gewebselemente

schliesst den Wechsel unwesentlicher nicht aus. Eine Drüsenzelle kann

immerfort Stoffe in sich aufnehmen, sie umsetzen und die

Umsetzungsprodukte als Secrete wieder ausscheiden, ohne dass ihr

histologischer Bestand dadurch unmittelbar betroffen wird. Eine

Leberzelle zeigt in der auffälligsten Weise, wie durch die Nahrung

allerlei Stoffe in sie eingeführt und eine Zeitlang in ihr abgelagert

werden: Fett und Glykogen sind Stoffe, die eine Zeit lang vorhanden

sind, um später wieder zu verschwinden. Aber niemand hat dargethan, dass

der Kern oder die Körpersubstanz der Leberzellen einem gleichen Wechsel

unterliegt. Wir haben vielmehr allen Grund anzunehmen, dass eine

Leberzelle von der Zeit der vollendeten Ausbildung des Organs bis zum

höchsten Alter persistiren kann, ohne dass sie in allen ihren

Bestandtheilen einer Erneuerung unterlegen hat. Auch in dem einzelnen

Gewebs-Element (wenngleich keineswegs in jedem) muss man daher

=Dauerstoffe= und =Wechselstoffe= (=Verbrauchsstoffe=) unterscheiden.

Das Verhältniss dieser Stoffe zu einander kann zu verschiedenen Zeiten

in demselben Elemente sehr verschieden sein. Die grossen glatten

Muskelfasern des schwangeren Uterus enthalten offenbar ungleich mehr

Verbrauchsstoffe, als die überaus kleinen und gleichsam verkümmerten des

ruhenden Uterus. Eine prall gefüllte Fettzelle besteht dem Volumen nach

fast ganz aus Wechselstoff; eine atrophische kann beinahe vollständig

auf ihre Dauerstoffe zurückgeführt sein. Was wir Stoffwechsel nennen,

ist eben keine einfache Umschreibung für Ernährung, wenigstens nicht für

Ernährung im strengeren Sinne des Wortes, wo es die auf =Erhaltung des

Elementes gerichtete Thätigkeit= bezeichnet. Mit dieser letzteren haben

wir es im Augenblicke allein zu thun. Denn Dauergewebe in unserem Sinne

sind solche Gewebe, welche der Regel nach während des ganzen

entwickelten Lebens sich erhalten; Zeitgewebe solche, welche sich nur

für eine gewisse Zeit erhalten und dann »auf natürliche Weise sterben«.

Auch hier müssen wir vor einer Verwechselung warnen. Ein Gewebe kann

aufhören zu existiren, ohne dass es stirbt oder hinfällig wird. Das

subcutane Schleimgewebe des Fötus findet sich nicht mehr im Erwachsenen

und doch ist es weder geschwunden, noch gestorben. Im Gegentheil, es

lebt fort in einer anderen Gestalt, nehmlich als Fettgewebe. Seine

Zellen existiren noch, sie erhalten sich durch fortdauernde Ernährung,

obwohl sie mit Fett gefüllt sind. Hier handelt es sich also um eine

=Gewebsumwandelung= (Metamorphose, Metaplasie). So hört der Zeitknorpel

auf zu existiren, aber seine Elemente bestehen fort, obwohl sie nicht

mehr Knorpel-, sondern Mark- oder Knochenkörperchen sind. Der

Zeitknorpel verknöchert und wenngleich keineswegs, wie man früher

annahm, seine organische Grundlage ganz und gar in dem Knochen als

sogenannter Knochenknorpel fortbesteht, so sind doch seine Zellen in die

neue Bildung eingegangen. In diesen =Wechselgeweben= finden wir also

=Persistenz der Zellen bei Veränderung des Gewebscharakters=.

Manche abfälligen Gewebe (telae caducae) bieten gerade das umgekehrte

Bild dar. Die Zellen fallen ab, ohne dass der Charakter des Gewebes

überhaupt aufhört zu existiren. Das beste Beispiel dafür bietet uns die

Epidermis. Die obersten Schichten derselben bestehen eigentlich nicht

mehr aus lebenden Elementen. Es sind kernlose, verhornte,

zusammengetrocknete Schüppchen, welche noch eine Zeit lang der Unterlage

einen Schutz gewähren, aber welche ausser Stande sind, selbst die

niederste Leistung des Lebens, die Selbsterhaltung, auszuführen. Sie

werden endlich lose und blättern ab, wie die Rinde eines Baumes. Aber

schon ist neuer =Nachwuchs= da, der an ihre Stelle tritt. Immer neue

epidermoidale Theile gehen aus dem Rete hervor und trotz aller Verluste

an der Oberfläche erhält sich die Oberhaut als Gewebe. Aehnlich ist es

mit den Epithelien mancher Drüsen (Milchdrüse), mit dem Blute und der

Lymphe.

Unter pathologischen Verhältnissen erreichen die hier erwähnten

Verhältnisse ein ungleich höheres Maass und sie werden in demselben

Grade auffälliger. An der Oberhaut sind es die =desquamativen= Prozesse,

welche in der allergröbsten Form die allmähliche Abblätterung der

oberflächlichen Epidermisschichten erkennen lassen. Eine ähnliche

Abblätterung zeigt der Nagel, während die Haare zerklüften und

»zerfasern«. Aber auch an Schleimhäuten geschieht Aehnliches: die

desquamativen Katarrhe des Darms, der Niere und Harnblase, der Scheide

(Fluor albus) bringen die abgelösten Epithelien bald in Form

zusammenhängender Lamellen und Fetzen, bald als isolirte Zellen zu Tage.

Aber wir würden das Hauptbeispiel übergehen, wenn wir nicht jener

eigenthümlichen Erscheinung gedächten, von welcher ich den Namen für

diese Gruppe hergenommen habe: ich meine die Ablösung der =Decidua

uterina= bei der Geburt und während des Wochenbettes, sowie in den

selteneren Fällen des Abortus und der Dysmenorrhoea membranacea. Auch

diese Haut galt bis in die neuere Zeit als eine Exsudathaut, als eine

Pseudomembran von mehr oder weniger strukturloser Beschaffenheit

(membrane anhiste =Robin=). Erst das genauere Studium ihrer Entwickelung

hat gelehrt, dass die Decidua keine Pseudomembran, kein Exsudat ist,

sondern ein durch Wucherung vergrösserter Theil der Uterinschleimhaut

selbst[12]. Sie ist dem entsprechend auch nichts weniger als

strukturlos, sondern sie besteht durch und durch aus deutlich geformten

Geweben. Aber zum Unterschiede von den bloss desquamativen Prozessen,

welche nur das Epithel betreffen, greift die Decidua-Bildung tief in das

eigentliche Gewebe der Uterinschleimhaut, denn dasjenige, was sich als

puerperale Decidua löst, besteht zum grösseren Theile aus stark

vergrösserten Zellen des Bindegewebes. Selbst Gefässe sind durchaus

keine Seltenheit in der Decidua, wie sie sich von den Eihäuten des

Neugebornen ablösen lässt. Aber, wie bei der Desquamation, so bleibt

auch hier ein Theil des Gewebes sitzen, und dieser dient später als

Matrix für die regenerative Neubildung.

[12] =Froriep='s Neue Notizen 1847. März. No. 20. Gesammelte

Abhandlungen zur wissenschaftl. Medicin Frankf. 1856. S. 775.

Sowohl von den Wechselgeweben, als von den hinfälligen Geweben

unterscheiden sich die =einfachen Zeitgewebe= (telae temporariae)

dadurch, dass ihre Elemente zu Grunde gehen (absterben), aber nicht

durch neue ersetzt werden. Der =Meckel='sche Knorpel, ein langer und

starker Faden, der sich beim Fötus von dem mittleren Ohr aus an der

inneren Seite des Unterkiefers bis zur Symphyse des Kinns erstreckt,

schwindet schon mit dem 8. Fötalmonat bis auf die daraus gebildeten

Hammer und Ambos. Die Thymusdrüse, eine der grössten Lymphdrüsen des

Körpers, »atrophirt« nach der Geburt gänzlich; alle ihre unzähligen

Zellen (Lymphkörperchen) verschwinden; jede Erinnerung ihres

lymphatischen Baus geht verloren; an ihrer Stelle findet sich später nur

ein kümmerlicher Rest losen Fett- und Bindegewebes. Unter der Ausbildung

der Keilbeinhöhlen verschwindet fast alles vorhandene Knochengewebe und

Mark aus den sphenoidalen Wirbelkörpern, ohne auch nur eine Spur zu

hinterlassen. Die Nabelarterien obliteriren nach der Geburt, d. h. sie

verstreichen, ohne dass in den Ligamenta vesicae lateralia, welche an

ihre Stelle treten, ein erkennbarer Rest ihrer meist so mächtigen

Muscularis übrig bleibt.

Unter Umständen kann das grosse Endergebniss bei den abfälligen Geweben

demjenigen bei den einfachen Zeitgeweben sehr ähnlich sein. Wenn

epidermoidale Theile immerfort abfallen, so ist die Persistenz des

Gewebes, wie wir gesehen haben, nur durch Nachwuchs möglich. Hört jedoch

der Nachwuchs gänzlich auf, so wird auch der Defect ein vollständiger

und dauernder. Dies kommt allerdings bei der eigentlichen Epidermis nur

unter erschwerenden pathologischen Verhältnissen vor, z. B. bei gewissen

nässenden Exanthemen; auch beim Nagel nur bei wirklichen Krankheiten des

Falzes. Aber es ist ein sehr gewöhnliches Ereigniss bei den Haaren, wenn

ihre Matrix, die Haarzwiebel verödet. Es tritt dann dauernde Alopecie

ein.

Die Dauerhaftigkeit eines Gewebes ist in keiner Weise abhängig von

seiner Festigkeit. Im Gegentheil zeigt sich bei genauerer Untersuchung,

dass gerade die Weichtheile (Gehirn und Nerven, Muskeln, manche Drüsen)

sich einer grossen Beständigkeit ihrer Elemente erfreuen, während das

Knochengewebe, nächst dem elastischen das festeste des ganzen Körpers,

durchaus nicht jene Starrheit und Unveränderlichkeit zeigt, welche

sprüchwörtlich geworden ist. Die Verknöcherung schützt nicht vor dem

Wechsel. Mit verhältnissmässiger Leichtigkeit wird das Knochengewebe

wieder weich und verwandelt sich durch Metaplasie in Mark.

Wir stossen hier auf eine neue und nicht wenig verwirrende Eigenschaft

der thierischen Gewebe. =Dasselbe Gewebe kann je nach dem Orte, an dem

es vorkommt, ein Dauer-, ein Wechsel- und ein Zeitgewebe sein=.

Unzweifelhaft bestehen gewisse Theile der Knochen mindestens von der

Pubertät an, manche schon länger, bis zum Tode, sind also

ausgezeichnetes Dauergewebe. Andere dagegen tragen in ebenso

ausgezeichnetem Sinne den Charakter des Wechselgewebes, indem sie mit

fortschreitendem Alter sich in Mark verwandeln. Andere endlich, wie das

Keilbein, gewisse Theile des Felsenbeins schwinden schon bald nach der

Pubertät und an ihre Stellen treten, wie bei den Vögeln, luftführende

Räume. Es gibt also eine tela ossea permanens, eine t. o. mutans und

eine t. o. temporaria s. transitoria. Von den Knorpeln ist es längst

anerkannt, dass es Dauerknorpel (cartilagines permanentes) und

Zeitknorpel (cartilagines temporariae) gibt. Man kann demnach auf Grund

der Lebensstatistik der Gewebe keine allgemeingültige Eintheilung

derselben machen, sondern man kann nur für =die einzelnen Orte= im

Körper statistisch feststellen, ob ein bestimmtes Gewebe an =dieser=

Stelle permanent oder nur temporär vorkommt.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 7 / 54 段