die =muskulösen Elemente= als die einfachsten betrachtet. Untersucht man
einen gewöhnlichen rothen Muskel, so findet man ihn wesentlich
zusammengesetzt aus einer Menge von meistentheils gleich dicken
Cylindern (den =Primitivbündeln= oder =Muskelfasern=), die auf einem
Querschnitte sich als runde Körper darstellen. An ihnen nimmt man
alsbald die bekannten Querstreifen wahr, das heisst breite Linien,
welche sich gewöhnlich etwas zackig über die Oberfläche des Bündels
erstrecken, und welche nahezu so breit sind, wie die Zwischenräume,
welche sie trennen (Fig. 25, _a_). Neben dieser Querstreifung sieht man
weiterhin, namentlich nach gewissen Präparationsmethoden, eine der Länge
nach verlaufende Streifung, die sogar in manchen Präparaten so
überwiegend wird, dass das Muskelbündel fast nur längsgestreift
erscheint. Wendet man nun Essigsäure an, so zeigen sich, während die
Streifen erblassen, an der Wand, hier und da auch mehr gegen die Mitte
des Cylinders hin, in gewissen Abständen grosse, rundlich-ovale Kerne
mit glänzenden, ziemlich grossen Kernkörperchen, bald in grösserer, bald
in kleinerer Zahl. Auf diese Weise gewinnen wir, nachdem wir durch die
Einwirkung der Essigsäure die innere Substanz geklärt haben, ein Bild,
welches an Zellenformen erinnert, und man ist daher um so mehr geneigt
gewesen, das ganze Primitivbündel als aus einer einzigen Zelle
hervorgegangen anzusehen, als nach der älteren Ansicht innerhalb eines
jeden Muskels die einzelnen Primitivbündel von dem einen
Insertionspunkte bis zu dem andern reichen sollten, also so lang gedacht
wurden, als der Muskel selbst. Letztere Annahme ist freilich durch
Untersuchungen, welche unter =Brücke='s Leitung in Wien durch =Rollett=
angestellt wurden, erschüttert worden, indem dieser nachwies, dass im
Verlaufe vieler Muskeln sich Enden der Primitivbündel mit zulaufenden
Spitzen finden. Diese Enden schieben sich ineinander, und es entspricht
demnach keineswegs die Länge aller Primitivbündel der ganzen Ausdehnung
des Muskels. Allein diese Entdeckung, statt die Ansicht von der zelligen
Natur der Primitivbündel zu erschüttern, hat sie vielmehr befestigt; sie
zeigt, dass auch das fertige Muskelprimitivbündel sich verhält, wie eine
Faserzelle (Fig. 105, _A_).
Die einzige bekannte Ausnahme von dieser Einrichtung findet sich, wie
=Eberth= gefunden hat, an der Herzmuskulatur, welche durch das Bestehen
verzweigter und anastomosirender Bündel schon seit =Leeuwenhoek= die
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, und welche auch durch den Mangel
eines ausgebildeten Sarcolemma eine so eigenthümliche Stellung einnimmt.
Hier gibt es statt der Faserzellen kürzere, mit platten Enden oder
eckigen Grenzen aneinanderstossende und so mit einander verschmelzende
Abtheilungen, von denen jede für sich einer Zelle entspricht.
Auf der anderen Seite sind gerade in der letzten Zeit von verschiedenen
Seiten Beobachtungen gemacht worden, welche eher geeignet schienen, die
einzellige Natur der Primitivbündel in Zweifel zu ziehen. =Leydig= hat
zuerst die Ansicht aufgestellt, dass in jedem Cylinder (Primitivbündel)
eine Reihe von zelligen Elementen kleinerer Art enthalten sei. In der
That liegt jeder Kern in einer besonderen, langgestreckten Lücke, welche
durch das Auseinanderrücken der quergestreiften (contractilen) Substanz
des Bündels gebildet wird. Die Lücke ist nach =Leydig= von einer
besondern Membran umschlossen und sie stellt nach seiner Ansicht eine
intramusculäre Zelle vor. Es handelt sich, sobald diese letzte
Zusammensetzung discutirt wird, um äusserst schwierige Verhältnisse, und
ich bekenne, dass, so sehr ich von der ursprünglich einzelligen Natur
der Primitivbündel überzeugt bin, ich doch die sonderbaren Erscheinungen
im Innern derselben zu gut kenne, als dass ich nicht zugestehen müsste,
dass eine andere Ansicht aufgestellt werden könne.
An jedem Cylinder (Primitivbündel) kann man leicht eine membranöse
äussere Hülle (=Sarcolemma=) und einen Inhalt unterscheiden. In
letzterem liegen die Kerne und an ihm kann man im natürlichen Zustande
die eigenthümliche Quer- und Längsstreifung erkennen. Diese Streifung
ist durchaus eine innere und nicht eine äussere. Die Membran an sich ist
vollkommen glatt und eben; die Querstreifung gehört dem Inhalt an,
welcher im Grossen die eigentliche rothe Muskelmasse, das Fleisch
darstellt. Jedes Primitivbündel ist daher ein nach beiden Seiten hin
zugespitzt endigender, meist sehr langer Cylinder, der eine Membran,
einen Inhalt und Kerne besitzt, also die Eigenschaften einer sehr
verlängerten Zelle darbietet. Damit stimmt die Entwickelungsgeschichte
überein, insofern jedes Primitivbündel in der That durch doppelseitiges
Wachsthum aus einer einzigen, ursprünglich ganz einfachen Bildungszelle
hervorgeht, in welcher sich erst allmählich der specifische Inhalt, die
Fleischsubstanz ablagert. Nun sieht man aber von Anfang an, dass die
Ablagerung dieses specifischen Inhalts nicht an allen Punkten der Zellen
erfolgt, sondern dass die nächste Umgebung des Kerns frei davon bleibt.
Auch für pathologisch neugebildete Muskelzellen habe ich dies
nachgewiesen[9]. Je grösser die Muskelzellen werden, um so mehr tritt
diese von specifischem Inhalt freie Lücke um den Kern hervor, und zwar
so, dass sie, wenn man den Cylinder von der Fläche aus betrachtet, als
ein spindelförmiger Raum erscheint, während er auf einem
Querdurchschnitt meist eckig oder sternförmig aussieht und nicht selten
sich in verästelte und anastomosirende Fortsätze verfolgen lässt.
Letztere nimmt man zuweilen, namentlich am Herzmuskel des Menschen, auch
bei der Betrachtung von der Fläche her als feine interfibrilläre Linien
oder Striche wahr (Fig. 26, _C_). Wie mir scheint, erstrecken sich diese
Fortsätze ununterbrochen in das von =Cohnheim= entdeckte intermusculäre
Gitterwerk, welches die Fleischsubstanz durchsetzt. Aber die Ansichten
über die Natur der um die Kerne gelegenen Zeichnungen gehen noch weit
auseinander. Während =Leydig=, wie erwähnt, sie als eine Art von
Bindegewebskörperchen und die specifische Inhaltsmasse des
Primitivbündels als ein Analogon der Bindegewebs-Intercellularsubstanz
betrachtet, nimmt =Rollett= sie mit den dazu gehörigen Fortsätzen als
ein intramusculäres Lacunensystem. =Max Schultze= endlich denkt sich
diese von ihm als =Muskelkörperchen= bezeichneten Gebilde als
membranlose Körper, nur aus Kern und Protoplasma bestehend, so jedoch,
dass das Protoplasma derselben mit dem in der übrigen Fleischsubstanz
vorhandenen und hier durch die Einlagerung anderer Bestandtheile zum
Theil verdeckten Protoplasma continuirlich zusammenhänge.
[9] Würzb. Verhandl. 1850. I. 189. Archiv f. path. Anat. 1854. VII.
137. Taf. II. Fig. 4.
[Illustration: =Fig=. 26. Muskelelemente aus dem Herzfleische einer
Puerpera. _A_. Eigenthümliche, den Faserzellen der Milzpulpe ganz
ähnliche Spindelzellen, vielleicht dem Sarcolemma angehörig, bei dem
Zerzupfen des Präparates frei geworden. _a_. halbmondförmig gekrümmte,
an einem Ende etwas platte Zelle, von der Fläche gesehen, _b_. eine
ähnliche, von der Seite gesehen, der Kern platt, _c_. _d_. Zellen, deren
Kerne in einer herniösen Ausbuchtung der Membran liegen; _e_. eine
ähnliche Zelle, von der Fläche gesehen, der Kern wie aufgelagert. _B_.
Ein Primitivbündel ohne Hülle (Sarcolemma) mit deutlichen Längsfibrillen
und grossen rundlichen Kernen, von denen einer zwei Kernkörperchen
enthält (beginnende Theilung). _C_. Ein Primitivbündel, zerzupft und
leicht durch Essigsäure gelichtet; ausser einem getheilten Kerne sieht
man zwischen den Längsfibrillen feine pfriemenförmige Striche, die
Andeutung von Ausläufern der intramuskulären Körper (Lücken, Zellen). --
Vergröss. 300.]
Zunächst fragt es sich hier also, ob die Gebilde von Membranen begrenzt
sind, wie vollständige Zellen, oder nicht; sodann, ob sie nur Lacunen
und feinste Kanäle darstellen, oder Körper mit Fortsätzen. Beides ist
sehr schwer zu entscheiden, und es ist mir nicht gelungen, constante
Resultate zu erlangen. An Froschmuskeln, wie es =Sczelkow= ganz richtig
dargelegt hat[10], findet sich eine so deutlich durch scharfe, dunkle
Contouren begrenzte Zeichnung, dass man an der Existenz von Membranen
kaum zweifeln möchte; am Herzmuskel des Menschen habe ich häufig, jedoch
nicht in der Mehrzahl der Fälle, dasselbe gesehen. Unter pathologischen
Verhältnissen, wie von A. =Böttcher=, namentlich aber von C. O. =Weber=
gezeigt ist, und wie ich bestätigen kann, findet man um die Kerne
blasige, durchaus zellenähnliche Gebilde, oder doch sehr deutliche,
differente Absätze, z. B. Pigmentkörnchen (in der braunen Atrophie). In
der grossen Mehrzahl der Muskeln kann ich von Membranen nichts erkennen
und noch weniger Körper oder Fortsätze isoliren. Es ist daher wohl
möglich, dass die Beschaffenheit dieser Gebilde eine wechselnde ist;
jedenfalls können wir von der Entscheidung dieser Frage unser Urtheil
nicht abhängig machen, da wir aus der Entwickelungsgeschichte ganz
bestimmt wissen, dass die fraglichen Gebilde im Innern von Zellen
entstehen.
[10] Archiv f. path. Anat. 1860. XIX. 215. Taf. V.
Wir müssen daher das Primitivbündel (die Muskelfaser) als eine
ursprünglich einfache, jedoch späterhin zusammengesetzte Zelle
betrachten, welche im entwickelten Zustande sowohl kernhaltige
Muskelkörperchen, als eine specifische Inhaltsmasse umschliesst.
Letztere ist es, an der unzweifelhaft die Eigenschaft der Contractilität
haftet, und die je nach dem Zustande der Contraction selbst in ihren
Erscheinungen variirt, indem sie bei der Contraction kürzer und breiter
wird, während die Zwischenräume zwischen den einzelnen Querbändern oder
Streifen sich etwas verschmälern. Es erfolgt also bei der Contraction
eine Umordnung der kleinsten Bestandtheile, und zwar, wie aus den
Untersuchungen von =Brücke= hervorgeht, nicht bloss der physikalischen
Molecüle, sondern auch der sichtbaren anatomischen Bestandtheile.
=Brücke= hat nehmlich, indem er den Muskel im polarisirten Lichte
untersuchte, verschiedene optische Eigenschaften der einzelnen
Substanzlagen gefunden, derer, welche die Querstreifen und derer, welche
die Zwischenmasse darstellen. Jene bestehen aus Theilchen, welche das
Licht doppelt brechen (Disdiaklasten), diese nicht.
Bei gewissen Methoden der Präparation kann man den Inhalt eines jeden
Muskel-Primitivbündels in Platten oder Scheiben (=Bowman='s discs)
zerlegen, welche ihrerseits wieder aus lauter kleinen Körnchen
(=Bowman='s sarcous elements) zusammengesetzt sind. In Wirklichkeit
besteht jedoch der Inhalt des Primitivbündels aus einer grossen Menge
feiner Längsfibrillen, von denen jede, entsprechend der Lage der
Querstreifen oder scheinbaren Scheiben des Primitivbündels, kleine
Körner enthält, welche durch eine blasse Zwischenmasse zusammengehalten
werden. Indem nun viele Primitivfibrillen zusammenliegen, so entsteht
durch die symmetrische Lage der kleinen Körnchen eben der Anschein von
Scheiben, die eigentlich nicht vorhanden sind. Je nach der Thätigkeit
des Muskels nehmen diese Theile eine veränderte Stellung zu einander an:
bei der Contraction nähern sich die Körner einander, während die
Zwischensubstanz kürzer und zugleich breiter wird.
[Illustration: =Fig=. 27. Glatte Muskeln aus der Wand der Harnblase.
_A_. Zusammenhängendes Bündel, aus dem bei _a_, _a_ einzelne, isolirte
Faserzellen hervortreten, während bei _b_ die einfachen Durchschnitte
derselben erscheinen. _B_. Ein solches Bündel nach Behandlung mit
Essigsäure, wo die langen und schmalen Kerne deutlich werden; _a_ und
_b_ wie oben. -- Vergr. 300.]
Verhältnissmässig sehr viel einfacher erscheint die Zusammensetzung der
=glatten, organischen= oder, obgleich weniger bezeichnend,
=unwillkürlichen Muskelfasern=. Wenn man irgend einen Theil derjenigen
Organe, worin glatte Muskelfasern enthalten sind, untersucht, so findet
man in der Mehrzahl der Fälle zunächst in ähnlicher Weise, wie bei den
quergestreiften Muskeln, kleine Bündel, z. B. in der Muskelhaut der
Harnblase. Innerhalb dieser Fascikel unterscheidet man bei weiterer
Untersuchung eine Reihe von einzelnen Elementen, von denen eine gewisse
Zahl, 6, 10, 20 und mehr durch eine gemeinschaftliche Bindemasse
zusammengehalten wird. Nach der Vorstellung, welche bis in die letzten
Tage allgemein gültig war, würde jedes einzelne dieser Elemente ein
Analogon des Primitivbündels der quergestreiften Muskeln darstellen.
Denn sobald es gelingt, diese Fascikel in ihre feineren Bestandtheile zu
zerlegen, so bekommt man als letzte Elemente lange spindelförmige
Zellen, die in der Regel in der Mitte einen Kern besitzen (Fig. 6, _b_).
Nach derjenigen Anschauung dagegen, welche in den letzten Tagen von
verschiedenen Seiten anfängt bewegt zu werden, namentlich angeregt durch
=Leydig='s Untersuchungen, würde man vielmehr ein Fascikel, worin eine
ganze Reihe von Faserzellen enthalten ist, als Analogon eines
quergestreiften Primitivbündels betrachten müssen. Berücksichtige ich
jedoch die Entwickelungsgeschichte, so erscheint es mir zweckmässig und
den bekannten Thatsachen am meisten entsprechend, die einzelne
Faserzelle als Aequivalent des Primitivbündels festzuhalten.
An einer solchen spindelförmigen oder Faser-Zelle ist es schwer, ausser
dem Kern und dem Zellkörper etwas Besonderes zu unterscheiden. Bei recht
grossen Zellen und bei starker Vergrösserung unterscheidet man
allerdings häufig eine feine Längsstreifung (Fig. 6, _b_), so dass es
aussieht, als ob auch hier im Innern eine Art von Fibrillen der Länge
nach geordnet wäre, während von einer Querstreifung nur bei der
Contraction (=Meissner=) etwas wahrzunehmen ist. Trotzdem haben die
blassen, glatten Muskeln chemisch eine ziemlich grosse Uebereinstimmung
mit den quergestreiften, indem man eine ähnliche Substanz (das
sogenannte Syntonin =Lehmann='s) aus beiden ausziehen kann durch
verdünnte Salzsäure, und indem gerade einer der am meisten
characteristischen Bestandtheile, das Kreatin, welches in dem
Muskelfleisch der rothen Theile gefunden wird, nach der Untersuchung von
G. =Siegmund= auch in den glatten Muskeln des Uterus vorkommt. =Brücke=
hat neuerlich auch in glatten Muskeln eine doppeltbrechende Substanz
nachgewiesen.
Ausserordentlich häufig findet man bei der Untersuchung von rothen
Muskeln pathologisch interessante Stellen, insbesondere Bündel, welche
das Bild des Muskels in der sogenannten =progressiven= (fettigen)
=Atrophie= darbieten. Ein solches degenerirtes Bündel ist meist kleiner
und schmäler, und zugleich zeigen sich zwischen den Längsfibrillen
kleine Fettkörnchen aufgereiht (Fig. 25, _d_). Was an den Muskeln die
Atrophie überhaupt macht, ist die Verkleinerung des Durchmessers der
Primitivbündel, also die Abnahme der Fleischsubstanz; bei der fettigen
Atrophie kommt dazu noch die gröbere Veränderung, dass im Innern des
Primitivbündels kleine Reihen von Fettkörnchen auftreten, unter deren
Vermehrung die eigentliche contractile Substanz an Masse abnimmt. Je
mehr Fett, desto weniger contractile Substanz, oder mit anderen Worten:
der Muskel wird weniger leistungsfähig, je geringer der normale Inhalt
seiner Primitivbündel wird. Auch die pathologische Erfahrung bezeichnet
daher als die Trägerin der Contractilität eine bestimmte Substanz.
Sehen wir hier zunächst ab von der Contractilität kleiner Zellen, welche
für die Beurtheilung der sogenannten motorischen Vorgänge ohne Bedeutung
sind, und halten wir uns an jene Erscheinungen, welche Ortsveränderungen
zusammengesetzter Theile bedingen, so finden wir als Grund derselben
überall muskulöse Elemente. Während man früher neben der Muskelsubstanz
noch manche andere Dinge, z. B. das Bindegewebe (als Ganzes, nicht bloss
in seinen Zellen) als contractil annahm, so hat sich, namentlich seit
den wichtigen Entdeckungen von =Kölliker=, die Lehre von den Bewegungen
im menschlichen Körper eigentlich auf jene Substanz zurückgezogen, und
es ist gelungen, fast alle die so mannichfaltigen und zum Theil so
sonderbaren motorischen Phänomene auf die Existenz von grösseren oder
kleineren Theilen wirklich muskulöser Natur zurückzuführen. So liegen in
der Haut des Menschen kleine Muskeln, ungefähr so gross, wie die
kleinsten Fascikel von der Harnblasenwand, aus ganz kleinen Faserzellen
bestehende Bündel, welche vom Grunde der Haarfollikel gegen die Haut
verlaufen, und welche, wenn sie sich zusammenziehen, die Oberfläche der
Haut gegen die Wurzel des Haarbalges nähern. Das Resultat davon ist
natürlich, dass die Haut uneben wird und man, wie man sagt, eine
Gänsehaut bekommt. Dies sonderbare Phänomen, welches nach den früheren
Anschauungen unerklärlich war, wurde sofort und einfach erklärt durch
den Nachweis jener rein mikroskopischen Muskeln, der =Arrectores
pilorum=.
[Illustration: =Fig=. 28. Kleine Arterie aus der Basis des Grosshirns
nach Behandlung mit Essigsäure. _A_ kleiner Stamm, _B_ und _C_ gröbere
Aeste, _D_ und _D_ feinste Aeste (capillare Arterien). _a_, _a_ Adventitia
mit Kernen, welche, der Längenausdehnung entsprechend, anfangs in
doppelter, später in einfacher Lage sich finden, mit streifiger
Grundsubstanz, bei _D_ und _E_ einfache Lage mit Längskernen, hier und
da durch Fettkörnchenhaufen ersetzt (fettige Degeneration). _b_, _b_ Media
(Ringfaser-oder Muskelhaut) mit langen, walzenförmigen Kernen, welche
quer um das Gefäss verlaufen und am Rande (auf dem scheinbaren
Querschnitt) als runde Körper erscheinen; bei _D_ und _E_ immer seltener
werdende Querkerne der Media. _c_, _c_ Intima, bei _D_ und _E_ mit
Längskernen. Vergr. 300.]
So wissen wir gegenwärtig, dass die mittlere Haut grösserer Gefässe
grossentheils aus Elementen dieser Art besteht, und dass die
Contractionsphänomene der Gefässe einzig und allein auf die Wirkung von
Muskeln zurückbezogen werden müssen, welche in ihnen in Form von Ring-
oder Längsmuskeln enthalten sind. Eine kleine Vene oder eine kleine
Arterie kann sich nur soweit zusammenziehen, als sie mit Muskeln
versehen ist; sie unterscheiden sich hauptsächlich durch den Umstand,
dass entweder mehr die Längs- oder mehr die Quermuskulatur entwickelt
ist.
Diese Beispiele sind besonders geeignet zu zeigen, wie eine einfache
anatomische Entdeckung die wichtigsten Aufschlüsse über zum Theil ganz
weit auseinanderliegende physiologische Erfahrungen gibt, und wie an
den Nachweis bestimmter morphologischer Elemente sofort die wichtigsten
Verdeutlichungen von Funktionen geknüpft werden können, die ohne eine
solche thatsächliche Voraussetzung ganz unbegreiflich sein würden oder
eine ganz willkürliche Erklärung finden müssten.
Ich übergehe es hier, über die feineren Einrichtungen des
Nervenapparates zu sprechen, weil ich später im Zusammenhange darauf
zurückkommen werde; sonst würde dies der Gegenstand sein, welcher hier
zunächst anzuschliessen wäre, weil zwischen Muskel- und Nervenfasern in
der Einrichtung vielfache Aehnlichkeiten bestehen. Zu den Nerven gehören
aber nothwendig die Ganglienzellen, welche die einzelnen Fasern
untereinander verbinden, und welche als die wichtigsten Sammelpunkte des
ganzen Nervenlebens betrachtet werden müssen, und ich verspare mir daher
die Betrachtung dieser Gebilde für spätere Capitel.
Auch über die Einrichtung des Gefässapparates will ich hier nicht im
Zusammenhange handeln, und nur so viel sagen, als nöthig ist, um eine
vorläufige Anschauung zu geben.
Das Capillar-Gefäss ist eine einfache Röhre (Fig. 4, _c_.), welche bei
der mikroskopischen Betrachtung aus einer einfachen Haut zu bestehen
scheint, an welcher nichts wahrzunehmen ist, als von Strecke zu Strecke
platte Kernen, welche, wenn das Gefäss von der Fläche angesehen wird,
dasselbe Bild darbieten, wie an den Muskelelementen, welche aber
gewöhnlich mehr am Rande bemerkbar werden und hier pfriemenförmig oder
oval erscheinen, indem man nur ihre scharfe Kante oder einen kleineren
Theil ihrer Fläche wahrnimmt. In der Nähe ihres Ursprunges aus den
Arterien schliesst sich äusserlich noch eine feine, aus Bindegewebe
bestehende Adventitia an. Bis vor Kurzem war man allgemein der Meinung,
dass die Capillar-Membran ganz continuirlich sei und nur aus
pathologischen Erscheinungen schloss ich (S. 19. Fig. 10, _c_.), dass
sie in einzelne Zellenterritorien zu zerlegen sei. Mein damaliges Schema
ist durch Untersuchungen von =Auerbach=, =Eberth= und =Hoyer= im Jahre
1865 als der Ausdruck einer thatsächlichen Zusammensetzung aus platten
Zellen bestätigt worden, deren Grenzen sich durch Anwendung von
Reagentien, namentlich von Silbernitrat deutlich nachweisen lassen. Ob
man diese Zellen als blosse Epithelien und die Capillaren dem
entsprechend als blosse Intercellulargänge zu betrachten habe, ist mir
jedoch zweifelhaft, da die Entwickelungsgeschichte der Capillaren mit
der sonst bekannten Entstehung der epithelialen Gebilde nicht ganz
übereinstimmt.
Diese einfachsten Gefässe sind es, welche wir heut zu Tage einzig und
allein Capillaren nennen. Von ihnen können wir nicht sagen, dass sie
sich durch eigene Thätigkeit erweitern oder verengern, höchstens dass
ihre Elasticität eine Verengung möglich macht. Mit Ausnahme von
=Stricker= hat niemand in neuerer Zeit an ihnen eigentliche Vorgänge der
Contraction oder des Nachlasses derselben bemerkt. Die früheren
Discussionen über die Contractilität der Capillaren sind wesentlich auf
kleine Arterien und Venen zu beziehen, deren Lumen sich durch
Contraction ihrer Muskelwand verengt oder sich bei Nachlass der
Contraction unter dem Blutdrucke erweitert. Es war dies eine überaus
wichtige Thatsache, welche sofort aus der genaueren histologischen
Kenntniss der feineren und grösseren Gefässe hervorging; sie lehrte,
dass man überhaupt nicht von allgemeinen Eigenschaften, am wenigsten von
einer überall in gleicher Weise vorhandenen Thätigkeit der Gefässe
sprechen kann, insofern der capillare Theil wesentlich anders gebaut
ist, als die kleinen Arterien und Venen. Diese sind höchst
zusammengesetzte Organe, während das Capillargefäss eine einfache Röhre
von fest elementarem Bau darstellt.
Drittes Capitel.
Physiologische Eintheilung der Gewebe.
Ungenügende Ausbildung der anatomischen Kenntniss der Gewebe.
Verschiedenartige Lebenserscheinungen an scheinbar gleichartigen
Elementen. Praktisches Bedürfniss einer physiologischen Gruppirung:
1) Nach der Function. Motorische Elemente: muskulöse, epitheliale
(Flimmerzellen, Samenfäden), bindegewebige (Pigment).
Schleimabsonderung: Schleimhäute, Schleimdrüsen, Schleimgewebe.
2) Nach der Lebensdauer der Elemente. Dauer- und Zeitgewebe.
Pathologische Aenderung der natürlichen Verhältnisse
(Heterochronie). Lehre von der Allveränderlichkeit des Körpers
durch Stoffwechsel (Mauserung). Unterscheidung von Dauer- und
Verbrauchsstoffen in den Elementen. Wechselgewebe (Metaplasie).
Abfällige Gewebe: Epidermis (Desquamation), Decidua uterina.
Einfache Zeitgewebe. Oertliche Verschiedenheit der Lebensdauer
desselben Gewebes. Nothwendigkeit einer Localgeschichte der Gewebe.
3) Nach der Zeit der Entstehung und des Absterbens der Gewebe
(genetische Eintheilung). Jugendliche und senescirende Gewebe.
Allgemeine und locale Chronologie der Gewebe. Embryonale Gewebe;
unfertige oder unreife: Matricular- und Uebergangsgewebe. Chorda
dorsualis. Schleimgewebe. Bildungsgewebe und Vorgewebe (Anlagen,
Keimgewebe). Bildungs- oder Primordialzellen. Allgemeine Gültigkeit
der Entwickelungsgesetze.
4) Nach der Verwandtschaft und Abstammung. Continuitäts-Gesetz.
Heterologe Verbindungen von Gewebselementen. Die histologische
Substitution und die histologischen Aequivalente. Abstammung der
Elemente (Descendenz).
Die anatomische Eintheilung der Gewebe ist eine wichtige und
unerlässliche Vorbedingung für die physiologische Betrachtung derselben,
und es ergeben sich, wie wir gesehen haben, aus der Kenntniss des Baus
der Theile ohne Weiteres sehr wichtige Aufschlüsse über ihre Thätigkeit.
Allein damit allein ist es nicht gethan. Vielmehr ist eine selbständige
physiologische Untersuchung nothwendig, um die besondere Bedeutung der
einzelnen Gewebe zu ermitteln und für jeden Ort im Körper festzustellen,
welche Thätigkeiten von seinen Elementen ausgehen.
Ganglienzellen finden sich an den verschiedensten Orten des Körpers.
Niemand zweifelt daran, dass sie im Gehirn eine andere Bedeutung haben,
als am Sympathicus, an der Hirnrinde eine andere als im Streifenhügel.
Manche Verschiedenheiten der Grösse und Gestalt, der Verbindung und
inneren Einrichtung derselben lassen sich an diesen verschiedenen Orten
wahrnehmen. Nichtsdestoweniger genügen diese anatomischen
Verschiedenheiten nicht, um die physiologisch so verschiedene Energie
der einzelnen Gruppen zu erklären.
Epitheliale Zellen kommen unter den mannichfaltigsten Verhältnissen vor.
Höchst auffallende Verschiedenheiten ihres Baues finden sich an den
einzelnen Orten. Wir begreifen, dass eine Flimmerzelle andere Wirkungen
hervorbringt, als ein Epidermisplättchen. Aber wir sind nicht im Stande
zu erkennen, warum die Epithelien der Milchdrüse so wesentlich andere
Leistungen hervorbringen, als die Epithelien der Speicheldrüsen, oder
warum die Flimmerzellen der Hirnventrikel nicht dieselbe physiologische
Stellung einnehmen, wie die Flimmerzellen des Uterus.