sagte, das =Fasergewebe= (tela fibrosa) als wesentlich aus Fasern
(fibrae, fibrillae) zusammengesetzt und sah in diesen Fasern, wie im
ersten Capitel (S. 22.) hervorgehoben ist, die eigentlich elementare
Form des Organischen. In der That, wenn man Bindegewebe an verschiedenen
Regionen, z. B. an den Sehnen und Bändern, der Pia mater, dem subserösen
und submucösen Zellgewebe untersucht, so findet man überall wellige
Faserbündel (Fascikel), sogenanntes =lockiges Bindegewebe= (Fig. 20,
_A_). Die Zusammensetzung dieser Bündel glaubte man um so bestimmter auf
einzelne Fasern zurückführen zu können, als wirklich nicht selten an dem
Ende der Bündel isolirte Fädchen herausstehen. Trotzdem ist gerade auf
diesen Punkt vor etwa 25 Jahren ein ernsthafter Angriff gemacht worden,
der, wenngleich in einer anderen, als der beabsichtigten Richtung, eine
sehr grosse Bedeutung gewonnen hat. =Reichert= suchte nehmlich zu
zeigen, dass die Fasern nur der optische Ausdruck von Falten seien, und
dass das Bindegewebe vielmehr an allen Orten eine homogene, jedoch mit
grosser Neigung zur Faltenbildung versehene Masse darstelle.
=Schwann= hatte die Bildung des Bindegewebes so dargestellt, dass
ursprünglich zellige Elemente von spindelförmiger Gestalt vorhanden
wären, die nachher so berühmt gewordenen =geschwänzten Körperchen,
Spindel- oder Faserzellen= (fibroplastischen Körper =Lebert='s, Fig. 4,
_b_), und dass aus solchen Zellen unmittelbar Fascikel von Bindegewebe
in der Weise hervorgingen, dass der Körper der Zelle in einzelne
Fibrillen sich zerspalte, während der Kern als solcher liegen bliebe
(Fig. 20, _B_). Jede Spindelzelle würde also für sich oder in Verbindung
mit anderen, an sie anstossenden und mit ihr verschmelzenden
Spindelzellen ein Bündel von Fasern liefern. =Henle= dagegen glaubte aus
der Entwickelungsgeschichte schliessen zu müssen, dass ursprünglich gar
keine Zellen vorhanden seien, sondern nur einfaches Blastem, in welchem
Kerne in gewissen Abständen sich bildeten; die späteren Fasern sollten
durch eine directe Zerklüftung des Blastems entstehen. Während so die
Zwischenmasse sich differenzire zu Fasern, sollten die Kerne sich
allmählich verlängern und endlich zusammenwachsen, so dass daraus
eigenthümliche feine Längsfasern entständen, die sogenannten
=Kernfasern= (Fig. 20, _C_, _b_). =Reichert= hat gegenüber diesen
Ansichten einen ausserordentlich wichtigen Schritt gethan. Er bewies
nehmlich, dass ursprünglich nur Zellen in grosser Masse vorhanden sind,
zwischen welche erst später homogene Intercellularmasse abgelagert wird.
Zu einer gewissen Zeit verschmölzen dann, wie er glaubte, die Membranen
der Zellen mit der Intercellularsubstanz, und es komme nun ein Stadium,
dem von =Henle= beschriebenen analog, wo keine Grenze zwischen den alten
Zellen und der Zwischenmasse mehr existire. Endlich sollten auch die
Kerne in einigen Formen gänzlich verschwinden, während sie in anderen
sich erhielten. Dagegen leugnete =Reichert= entschieden, dass die
spindelförmigen Elemente von =Schwann= überhaupt vorkämen. Alle
spindelförmigen, geschwänzten oder gezackten Elemente wären
Kunstproducte, gleich wie die Fasern, welche man in der Zwischenmasse
sähe und welche nur scheinbar etwas für sich Existirendes darstellten,
da sie in Wahrheit eine falsche Deutung des optischen Bildes, der
Ausdruck blosser Falten und Streifungen einer an sich durchaus
gleichmässigen Substanz seien.
[Illustration: =Fig=. 21. Bindegewebe vom Schweinsembryo nach längerem
Kochen. Grosse zum Theil isolierte, zum Theil noch in der
Grundsubstanz eingeschlossene und anastomisirende Spindelzellen
(Bindegewebskörperchen). Grosse Kerne mit abgelöster Membran; zum Theil
geschrumpfter Zelleninhalt. Vergr. 350.]
Meine Untersuchungen haben gelehrt, dass die Auffassung sowohl von
=Schwann=, als von =Reichert= bis zu einem gewissen Grade auf richtigen
Anschauungen beruht. Erstlich mit =Schwann= und gegen =Reichert=, dass
in der That spindelförmige (Fig. 21) und sternförmige Elemente mit
vollkommener Sicherheit existiren, dann aber gegen =Schwann= und mit
=Henle= und =Reichert=, dass eine directe Zerklüftung der Zellen zu
Fasern nicht geschieht, dass vielmehr dasjenige, was wir nachher als
Bindegewebe vor uns sehen, an die Stelle der früher gleichmässigen
Intercellular-Substanz tritt. Ich fand ferner, dass =Reichert= sowohl,
als =Schwann= und =Henle= darin Unrecht hatten, wenn sie zuletzt im
besten Falle Kerne oder Kernfasern bestehen liessen; dass vielmehr in
den meisten Fällen auch die Zellen selbst sich erhalten. Das Bindegewebe
der späteren Zeit unterscheidet sich der allgemeinen Structur und Anlage
nach in gar nichts von dem Bindegewebe der früheren Zeit. Es gibt nicht
ein embryonales oder unreifes Bindegewebe mit Spindeln und ein
ausgebildetes oder reifes ohne diese, sondern die Elemente bleiben
dieselben, wenngleich sie oft nicht sofort zu sehen sind[7].
[7] Vergl. meine Abhandlung über das Bindegewebe in den Würzburger
Verhandl. 1851. II. 150.
[Illustration: =Fig=. 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung nach
meinen Untersuchungen. _A_. Jüngstes Stadium. Hyaline Grundsubstanz
(Intercellularsubstanz) mit grösseren Zellen (Bindegewebskörperchen);
letztere in regelmässigen Abständen, reihenweise gestellt, Anfangs
getrennt, spindelförmig und einfach, späterhin anastomosirend und
verästelt. _B_. Aelteres Stadium: bei _a_. streifig gewordene
(fibrilläre) Grundsubstanz, durch die reihenweise Einlagerung von Zellen
fasciculär erscheinend; die Zellen schmäler und feiner werdend; bei _b_.
nach Einwirkung von Essigsäure ist das streifige Aussehen der
Grundsubstanz wieder verschwunden, und man sieht die noch kernhaltigen,
feinen und langen anastomosirenden Faserzellen (Bindegewebskörperchen).]
Mit dem Nachweise von der Persistenz der Zellen im Bindegewebe gelangte
ich zu einer gänzlich verschiedenen Betrachtungsweise der
physiologischen und pathologischen Bedeutung der einzelnen
Bestandtheile. Während bis dahin die Fasern als die eigentlich
constituirenden Elemente des Bindegewebes angesehen waren, wie es
=Robin= und die französische Schule noch heute thun, so rückten sie in
meiner Vorstellung als Bestandtheile der Intercellularsubstanz in eine
durchaus untergeordnete Stellung. Sie verhalten sich zu den
Bindegewebszellen, oder, wie ich sie gewöhnlich nenne, den
=Bindegewebskörperchen=, wie die Fasern des Fibrins in einem
Blutgerinnsel zu den Blutkörperchen. Sie geben dem Gewebe Consistenz,
Dehnbarkeit, Widerstandsfähigkeit, Ausdehnungsfähigkeit, Farbe und
Aussehen, aber sie sind nicht die Sitze der Lebensthätigkeit, nicht die
lebenden Mittelpunkte des Gewebes.
Da die Substanz, welche sich zwischen den Bindegewebskörperchen
befindet, ursprünglich homogen ist und erst später fibrillär wird, so
muss man sich vorstellen, dass die Fibrillation in ähnlicher Weise vor
sich geht, wie in dem Fibringerinnsel, welches zuerst auch homogen und
gallertartig ist. Und da ferner die Substanz zwischen den Zellen später
auftritt, als die Zellen, so kann man sie nicht im Sinne =Henle='s als
Cytoblastem betrachten, sondern sie lässt sich nur als ein von den
Zellen geliefertes =Secret= ansehen. In der letzten Zeit haben Manche
mit =Max Schultze= Werth darauf gelegt, die Intercellularsubstanz nicht
als ein Secret aufzufassen, sondern als die äussere, metamorphosirte
Schicht der Zellen oder, um in der Schulsprache zu reden, als das
veränderte Protoplasma selbst. Dieser Streit ist ein rein doctrinärer.
Denn auch die Vorstellung von der Secretion der Intercellularsubstanz
geht davon aus, dass das Secret einmal innerhalb der Zellen befindlich
gewesen sei, und es versteht sich von selbst, dass eine Zelle nach
geschehener Secretion der Intercellularsubstanz um so viel kleiner sein
muss, als Secret aus ihr hervorgetreten ist (vorausgesetzt, dass sie
nicht wieder neue Substanz von aussen her in sich aufgenommen hat). Dass
aber wirklich die Corticalschicht der Bindegewebskörperchen in
Intercellularsubstanz verwandelt werde, hat noch Niemand dargethan.
Demnach ist das Bindegewebe aufzufassen als zusammengesetzt aus
Zellenterritorien (S. 17), von denen jedes eine Zelle mit dem ihr
zugehörigen Antheil von Intercellularsubstanz enthält, und deren Grenzen
gänzlich verschmolzen sind. Man kann diess auch so ausdrücken, dass man
sagt: das Bindegewebe besteht aus einer im Wesentlichen faserigen
Intercellularsubstanz und Zellen, welche in regelmässigen Abständen in
dieselbe eingeschlossen sind. Diese Formel gilt übrigens für sämmtliche
Gewebe der Bindesubstanz, nur dass die Beschaffenheit der
Intercellularsubstanz verschieden und keineswegs überall faserig ist. Im
ausgebildeten Zustande besteht wenigstens scheinbar fast überall der
grösste Theil des Gewebes aus Intercellularsubstanz, und deshalb ist
diese letztere in hohem Maasse für die äussere Erscheinung des Gewebes
bestimmend. Die Zellen sind der Masse nach meist unbedeutend und sie
können die mannichfachsten Formen haben. Daher lassen die Gewebe sich
nicht darnach unterscheiden, dass das eine nur runde, das andere dagegen
geschwänzte oder sternförmige Zellen enthält; vielmehr können in allen
Geweben der Bindesubstanz runde, lange, eckige oder verästelte Elemente
vorkommen.
[Illustration: =Fig=. 23. Senkrechter Durchschnitt durch den wachsenden
Knorpel der Patella. _a_. Die Gelenkfläche mit parallel gelagerten
Spindelzellen (Knorpelkörperchen). _b_. Beginnende Wucherung der Zellen.
_c_. Vorgeschrittene Wucherung; grosse, rundliche Gruppen; innerhalb der
ausgedehnten Capseln immer zahlreichere runde Zellen. -- Vergröss. 50.]
Der einfachste Fall ist der, dass runde Zellen in gewissen Abständen
liegen, durch Intercellularsubstanz getrennt. Das ist diejenige Form,
welche wir am schönsten in den =Knorpeln= finden, z. B. in den
Gelenküberzügen, wo die Zwischenmasse vollkommen homogen und an ihr
nichts zu sehen ist, als eine vielleicht hier und da schwach gekörnte,
im Ganzen jedoch völlig wasserklare Substanz, so homogen, dass, wenn man
nicht die Grenze des Objectes vor sich hat, man in Zweifel sein kann, ob
überhaupt etwas zwischen den Zellen vorhanden ist. Diese Substanz
characterisirt den =hyalinen Knorpel=.
Unter gewissen Verhältnissen wandeln aber die runden Elemente sich auch
im Knorpel in längliche, spindelförmige um, z. B. ganz regelmässig gegen
die Gelenkoberflächen hin. Je näher man bei der Durchforschung des
Gelenkknorpels der freien Oberfläche kommt (Fig. 23, _a_), um so platter
werden die Zellen; zuletzt sieht man nur kleine, flach linsenförmige,
auf einem Längsdurchschnitt spindelförmig erscheinende Körper, zwischen
denen die Intercellularsubstanz zuweilen ein leicht streifiges Aussehen
zeigt. Hier tritt also, ohne dass das Gewebe aufhört, Knorpel zu sein,
ein Typus auf, den wir viel regelmässiger im Bindegewebe antreffen, und
es kann leicht daraus die Vorstellung erwachsen, als sei der
Gelenkknorpel noch mit einer besonderen Membran überzogen. Dies ist
jedoch nicht der Fall. Es legt sich keine Synovialhaut über den Knorpel;
die Grenze des Knorpels gegen das Gelenk hin ist überall vom Knorpel
selbst gebildet. Die Synovialhaut fängt erst da an, wo der Knorpel
aufhört, am Knochenrande.
An anderen Stellen geht der Knorpel über in ein Gewebe, wo die Zellen
nach mehreren Richtungen Fortsätze aussenden, dadurch sternförmig
werden, und wo die endliche Anastamose der Elemente sich vorbereitet;
endlich trifft man Stellen, wo man nicht mehr sagen kann, wo das eine
Element aufhört und das andere anfängt: sie hängen durch ihre Fortsätze
direct mit einander zusammen, sie anastomosiren, ohne dass eine Grenze
zwischen ihnen zu erkennen wäre. Wenn ein solcher Fall eintritt, so wird
die bis dahin gleichmässige hyaline Intercellularsubstanz
ungleichmässig, streifig, faserig. Solchen Knorpel hat man schon seit
langer Zeit =Faserknorpel= genannt.
Von diesen beiden Arten unterscheidet man eine dritte, den sogenannten
=Netzknorpel=, so an Ohr und Nase, wo die Elemente rund sind, aber eine
eigenthümliche Art von dicken, steifen Fasern um sie herum liegt, deren
Entstehung noch nicht ganz erforscht ist, die aber offenbar durch eine
Metamorphose der Intercellularsubstanz entstehen.
Wir haben schon früher (S. 8) gesehen, dass der ausgebildete Knorpel
=incapsulirte= Zellen hat. Hier ist also die Zelle von der
Intercellularsubstanz noch durch eine besondere, oft sehr dicke Wand
getrennt. Wenn nun nicht bezweifelt werden kann, dass auch diese Wand
ein Secretionsproduct der Zelle ist, so folgt, dass, genau genommen, die
=Capsel der Intercellularsubstanz angehört, deren jüngster Theil sie
ist=. In allen Rippenknorpeln ist es gewöhnlich, um einzelne Zellen
sogar zwei und mehr Capselschichten zu sehen (Fig. 14), unter deren
Ausbildung die Zelle immer kleiner und kleiner wird, so dass sie
manchmal nur noch als ein granulirtes Kügelchen im Innern der
Capselhöhle erscheint. Durch Jodzusatz lässt sie sich jedoch leicht
erkennen, indem sie sich roth färbt, während Capsel- und
Intercellularsubstanz nur gelb werden. Die Existenz der Capsel ist in
hohem Maasse characteristisch für den Knorpel. Aber sie ist nicht
entscheidend, denn in jungem und unentwickeltem Knorpel, sowie in dem
von mir als =Knochenknorpel= (osteoidem Gewebe) benannten Gewebe fehlt
sie und die Intercellularsubstanz stösst unmittelbar an die Oberfläche
der Zelle.
Mit diesen verschiedenen Typen, welche der Knorpel an verschiedenen
Orten und zu verschiedenen Zeiten seiner Entwickelung darbietet, sind
auch alle die Verschiedenheiten gegeben, welche die übrigen Gewebe der
Bindesubstanz darbieten. Es gibt auch wahres Bindegewebe mit runden, mit
langen und sternförmigen Zellen. Ebenso finden sich innerhalb des
eigenthümlichen Gewebes, welches ich =Schleimgewebe= genannt habe, runde
Zellen in einer hyalinen, spindelförmige in einer streifigen,
netzförmige in einer maschigen Grundsubstanz. Das Haupt-Kriterium für
die Scheidung der Gewebe beruht daher auf der Bestimmung der chemischen
Qualität der Intercellularsubstanz. Bindegewebe wird ein Gewebe genannt,
dessen Grundsubstanz beim Kochen Leim (Colla, Gluten) gibt; Knorpel
liefert aus seiner Zwischenmasse Chondrin, Schleimgewebe einen durch
Alkohol in Fäden fällbaren und in Wasser wieder aufquellenden, durch
Essigsäure fällbaren und im Ueberschuss sich nicht lösenden, dagegen in
Salz- und Salpetersäure löslichen Stoff, das Mucin (Schleimstoff).
Weitere Verschiedenheiten des Gewebes können sich späterhin einstellen
durch die besondere Gestaltung und Füllung der einzelnen Zellen. Auch
die Knorpel- und Bindegewebszellen führen zuweilen =Farbstoffe=, wie die
epithelialen: es gibt also auch pigmentirte Bindesubstanz. Was wir
kurzweg =Fett= nennen, ist ein Gewebe, welches sich hier unmittelbar
anschliesst und welches sich wesentlich dadurch unterscheidet, dass die
einzelnen Zellen sich haufenweise vermehren, vergrössern und mit Fett
vollstopfen, wobei der Kern zur Seite gedrängt wird. An sich ist die
Structur des Fettgewebes aber dieselbe wie die des Bindegewebes, und
unter Umständen kann das Fett so vollständig schwinden, dass das
Fettgewebe wieder auf einfaches gallertartiges Bindegewebe oder
Schleimgewebe zurückgeführt wird[8]. Und umgekehrt kann nicht bloss
Schleim- und Bindegewebe sich direct in Fettgewebe umwandeln, sondern es
kann auch ganz direct fetthaltiges Mark aus Knorpel- oder Knochengewebe
entstehen.
[8] Archiv f. path. Anatomie und Physiol. 1859. XVI. 15.
[Illustration: =Fig=. 24. Knochenkörperchen aus einem pathologischen
Knochen von der Dura mater cerebralis. Man sieht die verästelten und
anastomosirenden Fortsätze derselben (Knochenkanälchen) und innerhalb
der Knochenkörperchen kleine Punkte, welche den trichterförmigen Anfang
der Kanälchen bezeichnen. Vergröss. 600.]
Unter den Geweben der Bindesubstanz besitzen diejenigen für die
pathologische Anschauung die grösste Wichtigkeit, in welchen eine
netzförmige Anordnung der Elemente besteht, oder anders ausgedrückt, in
welchen die Elemente durch Ausläufer oder Fortsätze untereinander
anastomosiren (Fig. 21; 22, _A_; 24). Ueberall, wo solche Anastomosen
Statt finden, wo ein Element mit dem anderen zusammenhängt, da lässt
sich mit einer gewissen Sicherheit darthun, dass diese Anastomosen eine
Art von Röhren- oder Kanalsystem darstellen, welches den grossen
Kanalsystemen des Körpers angereiht, welches namentlich neben den Blut-
und Lymphkanälen als eine neue Erwerbung unserer Anschauungen betrachtet
werden muss, also eine Art von Ersatz für die alten Vasa serosa bietet,
die in der früher angenommenen Weise nicht existiren. Eine solche
Einrichtung kommt vor im Faserknorpel, Bindegewebe, Knochen,
Schleimgewebe an den verschiedensten Theilen und jedesmal unterscheiden
sich die Gewebe, welche solche Anastomosen besitzen, von denen mit
isolirten Elementen durch ihre grössere Fähigkeit, krankhafte Processe
zu leiten. --
* * * * *
Nachdem wir die Gruppe der Epithelial- oder Epidermoidalformation und
die der Bindesubstanzen betrachtet haben, so bleibt uns noch eine ebenso
grosse, als wichtige Gruppe, deren einzelne Glieder freilich nicht in
der Weise, wie dies bei der Epithelial-und Bindegewebs-Formation der
Fall ist, eine wirkliche Verwandtschaft untereinander haben. Ihre
Uebereinstimmung ist vielmehr eine physiologische, indem sie =die
höheren animalischen Gebilde= darstellen, welche sich durch die
specifische Art ihrer Einrichtung und Leistung von den mehr
indifferenten Epithelial- und Bindegeweben unterscheiden. Hierhin zähle
ich das =Muskelgewebe=, das =Nervengewebe=, die =feineren Gefässe mit
Blut=, =Lymphe= und =Lymphdrüsen=. Allerdings sind diese Gewebe unter
sich so verschieden, dass man aus jedem derselben eine besondere Gruppe
bilden könnte. Ich will darüber nicht streiten. Indess spricht die
praktische Bequemlichkeit, sämmtliche Gewebe höherer Dignität in eine
einzige Gruppe zusammenzufassen, für meinen Vorschlag.
Ein anderer Umstand scheint auf den ersten Anblick die Nothwendigkeit
einer solchen Vereinigung darzuthun. Gerade die Elemente der
Hauptglieder dieser Gruppe stellen sich uns dar in der Form von
zusammenhängenden, weithin durch den Körper verbreiteten, mehr oder
weniger röhrenartigen Gebilden. Wenn man Muskeln, Nerven und Capillaren
mit einander vergleicht, so kann man sehr leicht zu der Vorstellung
kommen, es handle sich bei allen dreien um wirkliche Röhren, welche mit
einem bald mehr, bald weniger beweglichen Inhalt gefüllt seien. Diese
Vorstellung, so bequem sie für eine oberflächliche Anschauung ist,
genügt jedoch deshalb nicht, weil wir den Inhalt der verschiedenen
Röhren nicht einfach vergleichen können. Das Blut, welches in den
Gefässen enthalten ist, lässt sich nicht als ein Analogen des
Axencylinders oder des Markes einer Nervenröhre, oder der contractilen
Substanz eines Muskelprimitivbündels betrachten. Allerdings ist die
Entwickelung mancher Gebilde, welche ich in dieser Gruppe zusammenfasse,
noch ein Gegenstand grosser Differenzen, und die Ansicht über die
zellige Natur vieler der hier einschlagenden Elemente findet noch
Widersacher. So viel ist indess sicher, wenn wir die fötale Entwickelung
ins Auge fassen, dass die Blutkörperchen ebenso gut Zellen sind, wie die
einzelnen Elemente der Gefässwand, innerhalb deren das Blut strömt, und
dass man das Gefäss nicht als eine einfache Röhre bezeichnen kann,
welche die Blutkörperchen umfasst, wie eine Zellmembran ihren Inhalt.
Deshalb ist es nothwendig, dass man bei den Gefässen den Inhalt von der
Wand, dem eigentlichen Gefässe trennt und dass man die Aehnlichkeit der
Gefässe mit den Nervenröhren und Muskelbündeln nicht zu stark
hervorhebt. Von entschiedener Bedeutung ist auch hier die
Entwickelungsgeschichte. Nur was genetisch zusammengehört, muss
zusammengehalten werden. Es ist aus diesem Grunde berechtigt, zum Blute
die Lymphdrüsen hinzuzunehmen, insofern das Verhältniss beider zu
einander ein gleiches ist, wie wir es bei den Epithelialformationen
zwischen Epidermis und Rete angetroffen haben. Die Lymphdrüsen
unterscheiden sich von den eigentlichen Drüsen nicht allein dadurch,
dass sie keinen Ausführungsgang im gewöhnlichen Sinne des Wortes
besitzen, sondern sie stehen auch ihrer Entwickelung nach keineswegs den
gewöhnlichen Drüsen gleich; in ihrer ganzen Geschichte schliessen sie
sich so eng an die Gewebe der Bindesubstanz, dass man eher versucht sein
kann, anzunehmen, dass sie aus einer Umwandlung von Bindegewebe
hervorgehen.
Bei der Mehrzahl der höheren Gewebe tritt noch eine eigenthümliche
Schwierigkeit hervor, welche wir schon bei den Drüsen (S. 38) kennen
gelernt haben. Manche dieser Gewebe kommen überhaupt nirgends ganz rein
vor. Sie sind vielmehr gemischt und zusammengehalten durch
=interstitielles Gewebe=, welches von den specifischen Elementen ganz
verschieden ist und ausnahmslos irgend einer Art von Bindesubstanz
angehört. Es entsteht daher in der Regel ein zusammengesetzter,
organartiger Bau, dessen Erforschung grosse Vorsicht erfordert, da sehr
leicht die mehr indifferenten Elemente des interstitiellen =Gewebes=
(welches wohl von Intercellular=substanz= zu unterscheiden ist) mit den
eigentlich functionellen Elementen verwechselt werden können. Ein Muskel
besteht aus wirklich muskulösen Elementen und Interstitialgewebe mit
Bindegewebskörperchen, zu welchen noch Gefässe und Nerven hinzukommen.
Das Gehirn enthält Nervenzellen, Nervenfasern und Interstitialgewebe mit
einfachen Zellen, Gefässe u. s. w. Gehirnzellen im strengen Sinne des
Wortes sind Nerven- oder Ganglienzellen, im weiteren können auch
Gliazellen ebenso genannt werden.
[Illustration: =Fig=. 25. Eine Gruppe von Muskelprimitivbündeln
(Muskelfasern). _a_. Die natürliche Erscheinung eines frischen
Primitivbündels mit seinen Querstreifen (Bändern oder Scheiben). _b_.
Ein Bündel nach leichter Einwirkung von Essigsäure; die Kerne treten
deutlich hervor und man sieht in dem einen zwei Kernkörperchen, den
anderen völlig getheilt. _c_. Stärkere Einwirkung der Essigsäure: der
Inhalt quillt am Ende aus der Scheide (Sarcolemm) hervor. _d_. Fettige
Atrophie. Vergröss. 300.]