Zellenterritorien. _A_. Einfaches Zellengewebe (Epidermis). _B_. Gewebe
mit Intercellularsubstanz (Knorpel), in welchem nach unten hin die
Zellenterritorien abgegrenzt sind. _C_. Kernhaltiges, scheinbar
homogenes Gewebe (Capillargefäss), in welchem die Territorien durch
punktirte Linien angedeutet sind.]
Das Angeführte wird zunächst genügen, um zu zeigen, in welcher Weise ich
es für nothwendig erachte, die pathologischen Vorgänge zu localisiren,
sie auf bekannte histologische Elemente zurückzuführen, warum es mir
z. B. nicht genügt, von einer Thätigkeit der Gefässe oder von einer
Thätigkeit der Nerven zu sprechen, sondern warum ich es für nothwendig
erachte, neben Gefässen und Nerven die grosse Zahl von kleinen Theilen
ins Auge zu fassen, welche thatsächlich die Hauptmasse der
Körpersubstanz ausmachen. Es ist nicht genug, dass man, wie es seit
langer Zeit geschieht, die Muskeln als thätige Elemente daraus ablöst;
innerhalb des grossen Restes, der gewöhnlich als =träge Masse=
betrachtet wird, findet sich noch eine ungeheure Zahl wirksamer Theile.
In der Entwickelung, welche die Medicin bis in die letzten Tage genommen
hat, finden wir den Streit zwischen den humoralen und solidaren Schulen
der alten Zeit immer noch erhalten. Die humoralen Schulen haben im
Allgemeinen das meiste Glück gehabt, weil sie die bequemste Erklärung
und in der That die plausibelste Deutung der Krankheitsvorgänge gebracht
haben. Man kann sagen, dass fast alle glücklichen Praktiker und
bedeutenden Kliniker mehr oder weniger humoralpathologische Tendenzen
gehabt haben; ja diese sind so populär geworden, dass es jedem
Arzte äusserst schwer wird, sich aus ihnen zu befreien. Die
solidarpathologischen Ansichten sind mehr eine Liebhaberei speculativer
Forscher gewesen; sie sind nicht sowohl aus dem unmittelbaren
pathologischen Bedürfnisse, als vielmehr aus physiologischen und
philosophischen, selbst aus religiösen Erwägungen hervorgegangen. Sie
haben den Thatsachen Gewalt anthun müssen, sowohl in der Anatomie, als
in der Physiologie, und haben daher niemals eine ausgedehnte Verbreitung
gefunden. Meiner Auffassung nach ist der Standpunkt beider ein
unvollständiger; ich sage nicht ein falscher, weil er eben nur falsch
ist in seiner Exclusivität; er muss zurückgeführt werden auf gewisse
Grenzen, und man muss sich erinnern, dass neben Gefässen und Blut, neben
Nerven und Centralapparaten noch andere Dinge existiren, die nicht ein
blosses Substrat der Einwirkung von Nerven und Blut sind, auf welchem
diese ihr Wesen treiben.
Wenn man nun fordert, dass die medicinischen Anschauungen auch auf
dieses Gebiet sich übertragen sollen, wenn man andererseits verlangt,
dass auch innerhalb der humoral- und neuropathologischen Vorstellungen
man sich schliesslich erinnern soll, dass das Blut aus vielen einzelnen
für sich bestehenden und wirkenden Theilen besteht, dass das
Nervensystem aus vielen thätigen Sonder-Bestandtheilen zusammengesetzt
ist, so ist dies eine Forderung, die freilich auf den ersten Blick
manche Schwierigkeiten bietet. Aber wenn man sich erinnert, dass man
Jahre lang nicht bloss in den Vorlesungen, sondern auch am Krankenbette
von der Thätigkeit der Capillaren gesprochen hat, einer Thätigkeit, die
Niemand gesehen hat, die eben nur auf bestimmte Doctrinen hin angenommen
worden ist, so wird man es nicht unbillig finden, dass Dinge, die
wirklich zu sehen sind, ja die, wenn man sich übt, selbst dem
unbewaffneten Auge nicht selten zugängig sind, gleichfalls in den Kreis
des ärztlichen Wissens und Denkens aufgenommen werden. Von Nerven hat
man nicht nur gesprochen, wo sie nicht dargestellt waren; man hat sie
einfach supponirt, selbst in Theilen, wo bei den sorgfältigsten
Untersuchungen sich nichts von ihnen hat nachweisen lassen; man hat sie
wirksam sein lassen an Punkten, wohin sie überhaupt gar nicht
vordringen. So ist es denn gewiss keine unbillige Forderung, dass dem
grösseren, wirklich existirenden Theile des Körpers, dem »dritten
Stande«, auch eine gewisse Anerkennung werde, und wenn diese Anerkennung
zugestanden wird, dass man sich nicht mehr mit der blossen Ansicht der
Nerven als ganzer Theile, als eines zusammenhängenden einfachen
Apparates, oder des Blutes als eines bloss flüssigen Stoffes begnüge,
sondern dass man auch innerhalb des Blutes und des Nervenapparates die
ungeheure Masse kleiner wirksamer Centren zulasse. Dann wird sich nicht
nur ein neues, grosses Gebiet, das der zelligen Gewebselemente, in die
ärztliche Betrachtung einfügen, sondern es wird möglich sein, auch Blut
und Nerven von dem Standpunkte der Cellularphysiologie aus zu würdigen,
und so den alten Streit der Humoral- und Solidarpathologie in einer
einigen Cellularpathologie zu versöhnen.
Die wesentlichen Hindernisse, welche bis in die letzte Zeit in dieser
Richtung bestanden, waren nicht so sehr pathologische. Ich bin
überzeugt, man würde mit den pathologischen Verhältnissen ungleich
leichter fertig geworden sein, wenn es nicht bis vor Kurzem unter die
Unmöglichkeiten gehört hätte, die wirklichen =Elementartheile= des
thierischen Leibes zu ermitteln und eine einfache Uebersicht der
physiologischen Gewebe zu liefern. Die alten Anschauungen, welche zum
Theil noch aus dem vorigen Jahrhundert überkommen waren, haben gerade in
demjenigen Gebiete, welches pathologisch am häufigsten in Betracht
kommt, nämlich in dem des Bindegewebes, so sehr vorgewaltet, dass noch
jetzt eine allgemeine Einigung nicht gewonnen ist, und dass jedermann
genöthigt ist, sich durch die Anschauung der Objecte selbst ein Urtheil
darüber zu bilden.
Noch in den Elementa physiologiae von =Haller= findet man an die Spitze
des ganzen Werkes, wo von den Elementen des Körpers gehandelt wird, die
=Faser= gestellt. =Haller= gebraucht dabei den sehr characteristischen
Ausdruck, dass die Faser (fibra) für den Physiologen sei, was die Linie
für den Geometer.
Diese Auffassung ist bald weiter ausgedehnt worden, und die Lehre, dass
für fast alle Theile des Körpers die Faser als Grundlage diene, dass die
Zusammensetzung der allermannichfachsten Gewebe in letzter Instanz auf
die Faser zurückführe, ist namentlich bei dem Gewebe, welches, wie sich
ergeben hat, pathologisch die grösste Wichtigkeit hat, bei dem
sogenannten Zellgewebe am längsten festgehalten worden.
Im Laufe des letzten Jahrzehnts vom vorigen Jahrhundert begann indess
schon eine gewisse Reaction gegen diese Faserlehre, und in der Schule
der Naturphilosophen kam frühzeitig ein anderes Element zu Ehren, das
aber in einer viel mehr speculativen Weise begründet wurde, nämlich das
=Kügelchen=. Während die Einen immer noch an der Faser festhielten, so
glaubten Andere, wie in der späteren Zeit noch =Milne Edwards=, so weit
gehen zu dürfen, auch die Faser wieder aus linear aufgereihten Kügelchen
zusammengesetzt zu denken. Diese Auffassung ist zum Theil hervorgegangen
aus optischen Täuschungen bei der mikroskopischen Beobachtung. Die
schlechte Methode, welche während des ganzen vorigen Jahrhunderts und
eines Theiles des gegenwärtigen bestand, dass man mit mässigen
Instrumenten im vollen Sonnenlicht beobachtete, brachte fast in alle
mikroskopischen Objecte eine gewisse Dispersion des Lichtes, und der
Beobachter bekam den Eindruck, als sähe er weiter nichts, als
Kügelchen. Andererseits entsprach aber auch diese Anschauung den
naturphilosophischen Vorstellungen von der ersten Entstehung alles
Geformten.
Diese Kügelchen (Körnchen, Granula, Moleküle) haben sich sonderbarer
Weise bis in die moderne Histologie hinein erhalten, und es gab
bis vor Kurzem wenige histologische Werke, welche nicht mit den
Elementarkörnchen anfingen. Hier und da sind noch vor nicht langer Zeit
diese Ansichten von der Kugelnatur der Elementartheile so überwiegend
gewesen, dass auf sie die Zusammensetzung, sowohl der ersten Gewebe im
Embryo, als auch der späteren begründet wurde. Man dachte sich, dass
eine Zelle in der Weise entstände, dass die Kügelchen sich sphärisch zur
Membran ordneten, innerhalb deren sich andere Kügelchen als Inhalt
erhielten. Noch von =Baumgärtner= und =Arnold= ist in diesem Sinne gegen
die Zellentheorie gekämpft worden.
[Illustration: =Fig=. 11. Schema der Globulartheorie. _a_. Faser aus
linear aufgereihten Elementarkörnchen (Molekularkörnchen). _b_. Zelle
mit Kern und sphärisch geordneten Körnchen.]
In einer gewissen Weise hat diese Auffassung in der
Entwickelungsgeschichte eine Stütze gefunden; in der sogenannten
=Umhüllungstheorie=, -- einer Lehre, die eine Zeit lang stark in den
Vordergrund getreten war (=Henle=). Danach dachte man sich, dass,
während ursprünglich eine Menge von Elementarkügelchen zerstreut
vorhanden wäre, diese sich unter bestimmten Verhältnissen
zusammenlagerten, nicht in Form sphärischer Membranen, sondern zu einem
compacten Haufen, einer Kugel (Klümpchen), und dass diese Kugel der
Ausgangspunkt der weiteren Bildung werde, indem durch Differenzirung der
Masse, durch Apposition oder Intussusception aussen eine Membran, innen
ein Kern entstehe.
[Illustration: =Fig=. 12. Schema der Umhüllungs- (Klümpchen-) Theorie.
_a_. Getrennte Elementarkörnchen. _b_. Körnchenhaufen (Klümpchen). _c_.
Körnchenzelle mit Membran und Kern.]
Gegenwärtig kann man weder die Faser noch das Kügelchen oder das
Elementarkörnchen als einen histologischen Ausgangspunkt betrachten. So
lange als man sich die Entstehung von lebendigen Elementen aus vorher
nicht geformten Theilen, also aus Bildungsflüssigkeiten oder
Bildungsstoffen (=plastischer Materie=, =Blastem=, =Cytoblastem=)
hervorgehend dachte, so lange konnte irgend eine dieser Auffassungen
allerdings Platz finden, aber gerade hier ist der Umschwung, welchen die
allerletzten Jahre gebracht haben, am meisten durchgreifend gewesen. Die
Bildungsstoffe finden sich wesentlich innerhalb der Zellen
(=Endoblastem=). Auch in der Pathologie können wir gegenwärtig so weit
gehen, als allgemeines Princip hinzustellen, =dass überhaupt keine
Entwickelung de novo beginnt, dass wir also auch in der
Entwickelungsgeschichte der einzelnen Theile, gerade wie in der
Entwickelung ganzer Organismen, die Generatio aequivoca
zurückweisen=[5]. So wenig wir noch annehmen, dass aus saburralem
Schleim ein Spulwurm entsteht, dass aus den Resten einer thierischen
oder pflanzlichen Zersetzung ein Infusorium oder ein Pilz oder eine Alge
sich bilde, so wenig lassen wir in der physiologischen oder
pathologischen Gewebelehre es zu, dass sich aus irgend einer unzelligen
Substanz eine neue Zelle aufbauen könne. Wo eine Zelle entsteht, da muss
eine Zelle vorausgegangen sein (=Omnis cellula e cellula=), ebenso wie
das Thier nur aus dem Thiere, die Pflanze nur aus der Pflanze entstehen
kann. Auf diese Weise ist, wenngleich es einzelne Punkte im Körper
giebt, wo der strenge Nachweis noch nicht geliefert ist, doch das
Princip gesichert, dass in der ganzen Reihen alles Lebendigen, dies
mögen nun ganze Pflanzen oder ganze thierische Organismen oder
integrirende Theile derselben sein, ein ewiges Gesetz der
=continuirlichen Entwickelung= besteht. Die Erfahrung lehrt keine
Discontinuität der Entwickelung in der Art, dass eine neue Generation
von sich aus eine neue Reihe von Entwickelungen begründete. Alle
entwickelten Gewebe können weder auf ein kleines noch auf ein grosses
einfaches Element zurückgeführt werden, es sei denn auf die Zelle
selbst. In welcher Weise diese continuirliche =Zellenwucherung=
(=Proliferation=), denn so kann man den Vorgang bezeichnen, in der Regel
vor sich geht, das lässt sich an wachsenden Theilen sowohl von
Pflanzen, als von Thieren sehr leicht sehen.
[5] Der neueste Versuch von =Pouchet=, die Lehre von der Urzeugung
wenigstens für Pilze und Infusorien wieder einzusetzen, darf wohl
durch die vortrefflichen Experimente von =Pasteur= als
zurückgeschlagen angesehen werden. Trotzdem wird das theoretische
Bedürfniss, eine natürliche Schöpfungsgeschichte zu construiren,
begreiflicherweise immer von Neuem zu der Annahme einer Urzeugung
führen, wenn man sie auch allmählich auf die allerkleinsten
Micrococci oder auf gestaltlose Protisten beschränkt. Das Bedürfniss
erkenne ich an, aber die Thatsachen streiten dagegen, und am
allerwenigsten gestatten sie für die Pathologie eine Ausnahme.
[Illustration: =Fig=. 13. Längsschnitt durch ein junges Februar-Blatt
vom Aste einer Syringa. _A_. Die Rinden- und Cambium-Schicht: unter
einer sehr platten Zellenlage sieht man grössere, viereckige,
kernhaltige Zellen, aus denen durch fortgehende Quertheilung kleine
Haare (_a_) hervorwachsen, die immer länger werden (_b_) und durch
Längstheilung sich verdicken (_c_). _B_. Die Gefässschicht mit
Spiralfasern. _C_. Einfache, viereckige, längliche Rinden-Zellen. --
Pflanzenwachsthum.]
Betrachten wir z. B. einen Längsschnitt aus der jungen Knospe eines
Flieder-Strauches, wie sie die warmen Tage des Februar entwickelt haben.
In der Knospe ist schon eine Menge von jungen Blättern angelegt, jedes
aus zahlreichen Zellen zusammengesetzt. In diesen jüngsten Theilen
bestehen die äusseren Schichten aus ziemlich regelmässigen Zellenlagen,
die mehr platt viereckig erscheinen, während in den inneren Lagen die
Zellen mehr gestreckt sind, und in einzelnen Abschnitten die
Spiralfasern auftreten. Kleine Auswüchse (Blatthaare) treten überall am
Rande hervor, ganz ähnlich gewissen thierischen Excrescenzen, z. B. an
den Zotten des Chorions, wo sie die Orte bezeichnen, an welchen junge
Zotten hervorwachsen werden. An unserem Objecte (Fig. 13) sehen wir die
kleinen kolbigen Zapfen, die sich in gewissen Abständen wiederholen,
nach Innen mit den Zellenreihen des Cambiums zusammenhängend. An diesen
zarten Bildungen kann man am besten die feineren Formen der Zelle
unterscheiden und zugleich die eigenthümliche Art ihres Wachsthums
entdecken. Das Wachsthum geht so vor sich, dass an einzelnen zelligen
Elementen eine Theilung eintritt und sich eine quere Scheidewand bildet;
die Hälften wachsen als selbständige Elemente fort und vergrössern sich
nach und nach. Nicht selten treten auch Längstheilungen ein, wodurch das
ganze Gebilde dicker wird (Fig. 13, _c_). Jeder Zapfen, jedes
Pflanzenhaar ist also ursprünglich eine einzige Zelle; indem sie sich
quertheilt und immer wieder quertheilt (Fig. 13, _a_, _b_), schiebt sie
ihre Glieder vorwärts und breitet sich dann bei Gelegenheit auch
seitlich durch Längstheilung aus. In dieser Weise wachsen die Haare
hervor, und dies ist im Allgemeinen der Modus des Wachsthums nicht nur
in der Pflanze, sondern auch in den physiologischen und pathologischen
Bildungen des thierischen Leibes.
[Illustration: =Fig=. 14. Knorpelwucherung aus dem Rippenknorpel eines
Erwachsenen. Grössere Gruppen von Knorpelzellen innerhalb einer
gemeinschaftlichen Umgrenzung (fälschlich sogenannte Mutterzellen),
durch successive Theilungen aus einzelnen Zellen hervorgegangen. Am
Rande oben ist eine solche Gruppe durchschnitten, in der man eine
Knorpelzelle mit mehrfacher Umlagerung von Kapselschichten (äusserer
Absonderungsmasse) sieht. Vergröss. 300.]
Nimmt man ein Stück Rippenknorpel im Stadium des pathologischen
Wachsthums, so erscheinen schon für das blosse Auge Veränderungen: man
sieht kleine Buckel der Oberfläche des Knorpels. Dem entsprechend zeigt
das Mikroskop Wucherungen der Knorpelzellen. Hier finden sich dieselben
Formen wie bei den Pflanzenzellen: grössere Gruppen von zelligen
Elementen, welche je aus einer früheren Zelle hervorgegangen sind, in
mehrfachen Reihen angeordnet, mit dem einzigen Unterschiede von den
wuchernden Pflanzenzellen, dass zwischen den einzelnen Gruppen
Intercellularsubstanz vorhanden ist. An den Zellen unterscheidet man
wieder die äussere Kapsel, die sogar an einzelnen Zellen mehrfach
geschichtet ist, in zwei-, drei- und mehrfacher Lage, und darin erst
kommt die eigentliche Zelle mit Körper, Kern und Kernkörperchen.
Nirgends gibt es hier eine andere Art der Neubildung, als die
=fissipare=; ein Element nach dem andern theilt sich: Generation geht
aus Generation hervor.
Zweites Capitel.
Die physiologischen Gewebe.
Anatomische Classification der Gewebe. Die drei
allgemein-histologischen Kategorien. Die speciellen Gewebe. Die
Organe und Systeme oder Apparate.
Die =Epithelialgewebe=. Platten-, Cylinder- und Uebergangsepithel.
Epidermis und Rete Malpighii. Nagel und Nagelkrankheiten. Haare.
Linse. Pigment. Drüsenzellen.
Die =Gewebe der Bindesubstanz=. Das Binde- oder Zellgewebe. Die
Theorien von =Schwann=, =Henle= und =Reichert=. Meine Theorie. Die
Bindegewebskörperchen. Die Fibrillen des Bindegewebes als
Intercellularsubstanz. Secretion derselben. Der Knorpel (hyaliner,
Faser- und Netzknorpel). Incapsulirte und freie Knorpelkörperchen
(Knochenknorpel). Schleimgewebe. Pigmentirtes Bindegewebe.
Fettgewebe. Anastomose der Elemente: saftführendes Röhren- oder
Kanalsystem.
Die =höheren Thiergewebe=: Muskeln, Nerven, Gefässe, Blut,
Lymphdrüsen. Vorkommen dieser Gewebe in Verbindung mit
Interstitialgewebe.
Muskeln. Quergestreifte. Faserzellen. Herzmuskulatur.
Muskelkörperchen. Fibrillen. Disdiaklasten. Glatte Muskelfasern.
Muskelatrophie. Die contractile Substanz (Syntonin) und die
Contractilität überhaupt. Cutis anserina und Arrectores pilorum.
Gefässe. Capillaren. Contractile Gefässe.
Die normalen Gewebe lassen sich ohne Zwang in drei Kategorien
eintheilen: Entweder man hat Gewebe, welche einzig und allein aus Zellen
bestehen, in welchen Zelle an Zelle liegt, also =in dem modernen Sinne
Zellengewebe=. Oder es sind Gewebe, in welchen regelmässig eine Zelle
von der andern getrennt ist durch eine gewisse Zwischenmasse
(Intercellularsubstanz), in welchen also eine Art von Bindemittel
existirt, das die einzelnen Elemente in sichtbarer Weise aneinander,
aber auch auseinander hält. Hierher gehören die Gewebe, welche man heut
zu Tage gewöhnlich unter dem Namen der =Gewebe der Bindesubstanz=
zusammenfasst, und in welche als Hauptmasse dasjenige eintritt, was man
früherhin allgemein Zellgewebe nannte. Endlich gibt es eine dritte
Gruppe von Geweben, in welchen specifische Ausbildungen der Zellen
Statt gefunden haben, vermöge deren sie eine ganz eigenthümliche
Einrichtung erlangt haben, zum Theil so eigenthümlich, wie sie einzig
und allein der thierischen Oekonomie zukommt. Diese Gewebe höherer
Ordnung sind es, welche =eigentlich den Character des Thieres
ausmachen=, wenngleich einzelne unter ihnen Uebergänge zu Pflanzenformen
darbieten. Hierher gehören die Nerven- und Muskelapparate, die Gefässe
und das Blut. Damit ist die Reihe der Gewebe abgeschlossen.
Eine solche Gruppirung der histologischen Erfahrungen unterscheidet sich
sehr wesentlich von derjenigen, welche nach dem Vorgange von =Bichat= so
lange die allgemeine Anatomie beherrscht hat. Die Gewebe der älteren
Schule stellten zu einem grossen Theile nicht so sehr dasjenige dar, was
wir heute als die Gegenstände der allgemeinen Histologie betrachten,
sondern vielmehr das, was wir als den Inhalt der speciellen Histologie
bezeichnen müssen. Wenn man die Sehnen, die Knochen, die Fascien als
besondere Gewebe nimmt, so giebt dies eine ausserordentliche
Mannichfaltigkeit von Kategorien (=Bichat= hatte deren 21), aber es
entsprechen ihnen nicht eben so viele einfache Gewebsformen.
In unserem Sinne lässt das ganze anatomische Gebiet sich zunächst
zerlegen nach allgemein-histologischen Kategorien (eigentliche
=Gewebe=). Die specielle Histologie beschäftigt sich sodann mit dem
Falle, wo eine Zusammenfügung von zum Theil sehr verschiedenartigen
Geweben zu einem einzigen Ganzen (=Organ=) Statt findet. Wir sprechen
z. B. mit Recht von Knochengewebe, allein dieses Gewebe, die Tela ossea
im allgemein-histologischen Sinne, bildet für sich keinen Knochen, denn
kein Knochen besteht durch und durch, einzig und allein aus Tela ossea,
sondern es gehören dazu mit einer gewissen Nothwendigkeit mindestens
Periost und Gefässe. Ja, von dieser einfachen Vorstellung eines Knochens
unterscheidet sich die jedes grösseren, z. B. eines Röhrenknochens: dies
ist ein wirkliches Organ, in dem wir wenigstens vier verschiedene Gewebe
unterscheiden. Wir haben da die eigentliche Tela ossea, die Knorpellage
am Gelenk, die Bindegewebsschicht des Periosts, das eigenthümliche
Mark. Jeder dieser einzelnen Theile kann wieder eine innere
Verschiedenartigkeit der zusammensetzenden Bestandtheile darbieten; es
gehen z. B. Gefässe und Nerven mit in die Zusammensetzung des Markes,
der Beinhaut u. s. f. ein. Alles dies zusammengenommen, giebt erst den
vollen Organismus eines Knochens. Bevor man also zu den eigentlichen
=Systemen= oder =Apparaten=, dem speciellen Vorwurfe der descriptiven
Anatomie kommt, hat man eine ganze Stufenfolge zu durchlaufen. Man muss
sich daher bei Diskussionen mit Anderen immer erst klar werden, was in
Frage ist. Wenn man Knochen und Knochengewebe zusammenwirft, so gibt
dies eine eben so grosse Verwirrung, als wenn man Nerven- und
Gehirnmasse einfach identificiren wollte. Das Gehirn enthält viele
Dinge, die nicht nervös sind, und seine physiologischen und
pathologischen Zustände lassen sich nicht begreifen, wenn man sie auf
eine Zusammenordnung rein nervöser Theile bezieht, wenn man nicht neben
den Nerven auf die Häute, das Zwischengewebe, die Gefässe Rücksicht
nimmt.
Betrachten wir nun die erste allgemein-histologische Gruppe etwas
genauer, nämlich die einfachen Zellengewebe, so ist unzweifelhaft am
leichtesten übersichtlich die =Horn=- oder =Epithelialformation=, wie
wir sie in der Epidermis und dem Rete Malpighii an der äussern
Oberfläche, im Cylinder- und Plattenepithelium auf den Schleim- und
serösen Häuten antreffen. Der Name Epithelium stammt von =Ruysch=, der
zuerst an der Brustwarze ([Griechisch: thêlê]) ein ablösbares Häutchen
auffand, welches er weiterhin in ähnlicher Weise auch an Schleimhäuten
nachwies. =Heusinger= hat das Verdienst, den Zusammenhang aller
Horngebilde dargelegt zu haben, indem er die chemische und physikalische
Uebereinstimmung derselben lehrte. Das allgemeine Schema ist hier, dass
Zelle an Zelle stösst, so dass in dem günstigsten Falle, wie bei der
Pflanze, vier- oder sechseckige Zellen unmittelbar sich an einander
schliessen und zwischen ihnen nichts Anderes weiter, als höchstens eine
geringe Kittsubstanz, gefunden wird. So ist es an manchen Orten mit dem
Platten- oder Pflasterepithel (Fig. 17). Die besonderen Formen der
Epithelialzellen sind offenbar grossentheils Druckwirkungen. Wenn alle
Elemente eines Zellengewebes eine vollkommene Regelmässigkeit haben
sollen, so setzt dies voraus, dass sich alle Elemente völlig
gleichmässig entwickeln und gleichzeitig vergrössern. Geschieht ihre
Entwickelung dagegen unter Verhältnissen, wo nach einer Seite hin ein
geringerer Widerstand besteht, so kann es sein, dass die Elemente, wie
bei den Säulen- oder Cylinderepithelien, nur in einer Richtung
auswachsen und sehr lang werden, während sie in den andern Richtungen
sehr dünn bleiben. Aber auch ein solches Element wird, auf einem
Querschnitt angesehen, sich als ein sechseckiges darstellen: wenn wir
Cylinder-Epithel von der freien Fläche her betrachten, so sehen wir auch
bei ihm ganz regelmässig polygonale Formen (Fig. 15, _b_).