allerdings machen müssen, ist demnach insofern zu beschränken, als in
den meisten thierischen Geweben keine Formelemente gefunden werden, die
als Aequivalente der Pflanzenzelle in der alten Bedeutung dieses Wortes
betrachtet werden können. Insbesondere entspricht die Cellulose-Membran
der Pflanzenzelle nicht der thierischen Zellhaut. Aber bei einer anderen
Deutung der Pflanzenzelle trifft die Vergleichung allerdings zu, nur
muss man sofort davon abgehen, dass die thierische Zellhaut als
stickstoffhaltig eine typische Verschiedenheit von der pflanzlichen als
stickstoffloser darbiete. Vielmehr treffen wir in beiden Fällen eine
stickstoffhaltige Bildung von im Grossen übereinstimmender
Zusammensetzung. Wenn auch die sogenannte Membran (Capsel) der
Pflanzenzelle in der Capsel der Knorpelzellen ein Analogon findet, so
=entspricht doch vielmehr die gewöhnliche Membran der Thierzelle dem
Primordialschlauch der (inneren) Pflanzenzelle=, wie ich schon 1847
hervorgehoben habe[3]. Erst wenn man diesen Standpunkt festhält, wenn
man von der Zelle Alles ablöst, was durch eine spätere Entwickelung
äusserlich hinzugekommen ist, so gewinnt man das einfache, gleichartige,
scheinbar monotone Gebilde, welches sich in allen lebendigen Organismen
wiederholt. Aber gerade diese Constanz ist das beste Kriterium dafür,
das wir in ihm das wirklich Elementare haben, dasjenige Gebilde, welches
alles Lebendige charakterisirt, ohne dessen Präexistenz keine neuen
lebendigen Formen entstehen und an welches Fortgang und Erhaltung des
Lebens gebunden sind. Erst seitdem der Begriff der Zelle diese strenge
Form bekommen hat, und ich bilde mir etwas darauf ein, trotz des
Vorwurfes der Pedanterie stets daran festgehalten zu haben, erst seit
dieser Zeit kann man sagen, dass eine einfache Form gewonnen ist, die
wir überall wieder aufsuchen können, und die, wenn auch in Grösse,
Gestalt und Ausstattung verschieden, doch in ihren wesentlichen
Bestandtheilen immer gleichartig angelegt ist.
[3] Archiv 1847. Bd. I. S. 218.
Es liegt auf der Hand, dass der Ausdruck »Zelle«, welcher von den
Cellulose-Capseln der Pflanzenzellen hergenommen ist, ein beträchtliches
Stück seiner wirklichen Bedeutung verloren hat, seitdem er auf die mit
zarten Primordialschläuchen oder Membranen umkleideten =Körper=
übertragen ist, welche die neue Wissenschaft im Auge hat. Denn hier
handelt es sich nicht sowohl um hohle Bläschen, bei denen die Membran
gewissermassen die Hauptsache ist, sondern um, wenn auch weiche, so doch
solide Körper, deren äussere Begrenzungsschicht eine grössere
Dichtigkeit besitzt, als das Innere, ja bei denen es fraglich ist, ob
überhaupt diese Begrenzungsschicht ein notwendiges Zubehör ist. Bevor
wir jedoch diese Frage erörtern, wird es zweckmässig sein, die anderen
Bestandtheile der Zelle zu betrachten.
Zuerst erwarten wir, dass innerhalb der Zelle ein =Kern= sei. Von diesem
Kerne, der in der Regel eine ovale oder runde Gestalt hat, wissen wir,
dass er, zumal in jungen Elementen, eine grössere Resistenz gegen
chemische Einwirkungen besitzt, als die äussereren Theile der Zelle, und
dass er trotz der grössten Variabilität in der äusseren Gestalt der
Zelle seine Gestalt im Allgemeinen behauptet. Der Kern ist demnach
derjenige Theil der Zelle, der mit grösster Constanz in allen Formen
fast unverändert wiederkehrt. Freilich giebt es einzelne Fälle, sowohl
in der vergleichenden, als auch in der pathologischen Anatomie, wo auch
der Kern zackig oder eckig erscheint, aber dies sind ganz seltene
Ausnahmen, gebunden an besondere Veränderungen, welche das Element
eingegangen ist. Im Allgemeinen kann man sagen, dass, so lange es noch
zu keinem Abschlusse des Zellenlebens gekommen ist, so lange die Zellen
sich als lebenskräftige Elemente verhalten, die Kerne eine nahezu
constante Form besitzen. Nur in den niedersten Pflanzen z. B. in den
niedersten Pilzformen, ist es nicht möglich, einen Kern nachzuweisen.
[Illustration: =Fig=. 4. _a_. Leberzelle. _b_. Spindelzelle des
Bindegewebes. _c_. Capillargefäss. _d_. Grössere Sternzelle aus einer
Lymphdrüse. _e_. Ganglienzelle aus dem Kleinhirn. Die Kerne überall
gleichartig.]
Der Kern seinerseits enthält bei entwickelten Elementen wiederum mit
grosser Beständigkeit ein anderes Gebilde in sich, das sogenannte
=Kernkörperchen= (Nucleolus). Man kann jedoch von demselben nicht sagen,
dass es als ein notwendiges Desiderat der vitalen Form erscheine; in
einer erheblichen Zahl von jungen Elementen ist es noch nicht gelungen,
es zu sehen. Dagegen treffen wir es bei gut entwickelten, älteren Formen
regelmässig, und es scheint daher eine höhere Ausbildung des Elementes
anzuzeigen.
Nach der Aufstellung, welche ursprünglich von =Schleiden= gemacht und
von =Schwann= acceptirt wurde, dachte man sich lange Zeit das
Verhältniss der drei genannten Zellentheile (Membran, Kern und
Kernkörperchen) so, dass der Nucleolus bei der Bildung der Gewebe als
das Erste aufträte, indem er sich aus einer Bildungsflüssigkeit
(=Blastem=, =Cytoblastem=) ausscheide, dass er schnell eine gewisse
Grösse erreiche, und dass sich dann um ihn kleine Körnchen aus dem
Blastem niederschlügen, um die sich wiederum eine Membran verdichte.
Damit wäre ein Nucleus fertig, um den sich allmählich wiederum neue
Masse ansammele und, zuerst an einer Seite des Nucleus, eine feine
Membran erzeuge (die berühmte Uhrglasform der Zellenmembran.
Fig. 5, _d_'). Diese Darstellung der Bildung von Zellen aus freiem
Blastem, wonach der Kern der Zelle voraufgehen und als eigentlicher
Zellenbildner (=Cytoblast=) auftreten sollte, ist es, welche man
gewöhnlich unter dem Namen der =Zellentheorie= (genauer Theorie der
=freien= Zellenbildung) zusammenzufassen pflegte, -- eine Theorie,
welche gegenwärtig vollständig verlassen ist, und für deren Richtigkeit
keine Thatsache beigebracht werden kann.
[Illustration: =Fig=. 5. Freie Zellenbildung nach =Schleiden=, Grundzüge
der wiss. Botanik. I. Fig. 1. »Inhalt des Embryosackes von Vicia faba
bald nach der Befruchtung. In der hellen, aus Gummi und Zucker
bestehenden Flüssigkeit schwimmen Körnchen von Proteinverbindungen
(_a_.), unter denen sich einzelne grössere auffallend auszeichnen. Um
diese letzteren sieht man dann die ersteren zu einer kleinen Scheibe
zusammengeballt (_b_. _c_.) Um andere Scheiben erkennt man einen hellen,
scharf begrenzten Saum, der sich allmählich weiter von der Scheibe (dem
Cytoblasten) entfernt und endlich deutlich als junge Zelle (_d_. _e_.)
erkannt wird.«]
Wir werden späterhin eine Reihe von Thatsachen der physiologischen und
pathologischen Entwickelungsgeschichte besprechen, welche es in hohem
Grade wahrscheinlich machen, dass der Kern allerdings eine
außerordentlich wichtige Rolle innerhalb der Zelle spielt, eine Rolle,
die, wie ich gleich hervorheben will, weniger auf die Function, die
specifische Leistung der Elemente sich bezieht, als vielmehr auf die
Erhaltung und Vermehrung der Elemente als lebendiger Theile. Die
specifische (im engeren Sinne animalische) Function zeigt sich am
deutlichsten am Muskel, am Nerven, an der Drüsenzelle, aber die
besonderen Thätigkeiten der Contraction, der Sensation, der Secretion
scheinen in keiner Weise unmittelbar mit den Kernen etwas zu thun zu
haben. Dass dagegen inmitten aller Function das Element ein Element
bleibt, dass es nicht vernichtet wird und zu Grunde geht unter der
fortdauernden Thätigkeit, dies scheint wesentlich an die Existenz des
Kerns gebunden zu sein. Alle diejenigen zelligen Bildungen, welche ihren
Kern verlieren, sind hinfällig, sie gehen zu Grunde, sie verschwinden,
sterben ab, lösen sich auf. Ein menschliches Blutkörperchen z. B. ist
eine Zelle ohne Kern; es besitzt höchstens eine äussere Membran und
einen rothen Inhalt, aber damit ist seine Zusammensetzung, soweit man
sie erkennen kann, erschöpft, und was man vom Blutkörperchen-Kern beim
Menschen erzählt hat, bezieht sich auf Täuschungen, welche allerdings
sehr leicht und häufig hervorgebracht werden dadurch, dass kleine
Unebenheiten an der Oberfläche entstehen (Fig. 61). Man würde daher
nicht einmal behaupten können, dass Blutkörperchen Zellen seien, wenn
man nicht wüsste, dass eine gewisse Zeit existirt, wo auch die
menschlichen Blutkörperchen Kerne haben, nehmlich die Zeit innerhalb der
ersten Monate des intrauterinen Lebens. Hier circuliren auch beim
Menschen kernhaltige Blutkörperchen, wie man sie bei Fröschen, Vögeln,
Fischen das ganze Leben hindurch sieht. Das ist bei Säugethieren auf
eine gewisse Zeit der Entwickelung beschränkt; in der späteren Zeit
besitzen die rothen Blutkörperchen nicht mehr die volle Zellennatur,
vielmehr haben sie einen wichtigen Bestandtheil ihrer Zusammensetzung
eingebüsst. Aber Alle sind auch darüber einig, dass gerade das Blut
einer von jenen wechselnden Bestandtheilen des Körpers ist, deren
Elemente keine Dauerhaftigkeit besitzen, vielmehr fort und fort zu
Grunde gehen und ersetzt werden durch neue, die wiederum der Vernichtung
bestimmt sind. Wie die obersten Epidermiszellen, in welchen wir auch
keine Kerne finden, sobald sie sich abschilfern, haben die ersten
Blutkörperchen schon ein Stadium ihrer Entwickelung erreicht, wo sie
nicht mehr jener Dauerhaftigkeit der inneren Zusammensetzung bedürfen,
als deren Bürgen wir den Kern betrachten müssen.
Dagegen kennen wir, so vielfach auch gegenwärtig die Gewebe untersucht
sind, keinen Theil, der wächst, der sich vermehrt, sei es physiologisch,
sei es pathologisch, wo nicht kernhaltige Elemente als die
Ausgangspunkte der inneren Veränderung nachweisbar wären, und wo nicht
die ersten erkennbaren Veränderungen, welche auftreten, den Kern selbst
betreffen, so dass wir aus seinem Verhalten oft bestimmen können, was
möglicher Weise aus den Elementen geworden sein würde, wenn der Vorgang
weiter fortgeschritten wäre.
[Illustration: =Fig=. 6. _a_. Pigmentzelle aus der Chorioides
oculi. _b_. Glatte Muskelzelle aus dem Darm. _c_. Stück einer
doppeltcontourirten Nervenfaser mit Axencylinder, Markscheide und
wandständigem, nucleolirtem Kern in der äusseren Scheide.]
Längere Zeit hindurch verlangte man für die Definition einer Zelle nicht
viel mehr, als die Membran, mochte sie nun rund oder zackig oder
sternförmig sein, und den Kern, welcher von vorn herein eine andere
chemische Beschaffenheit besitzt, als die Membran. Es ist indess damit
lange nicht alles Wesentliche erschöpft. Denn die Zelle ist ausser dem
Kern gefüllt mit einer verhältnissmässig grösseren oder kleineren Menge
von =Inhaltsmasse=, und ebenso in der Regel der Kern seinerseits, in der
Art, dass der Inhalt des Kerns wieder verschieden zu sein pflegt von dem
Inhalte der Zelle. Innerhalb mancher Zellen sehen wir Pigment, ohne dass
der Kern davon etwas enthielte (Fig. 6, _a_.). Innerhalb einer
Muskelzelle wird contractile Substanz abgelagert, die Trägerin der
Contractions-Kraft; der Kern bleibt Kern (Fig. 6, _b_.). Eine
Nervenfaser kann um den Axencylinder Mark ausscheiden, aber der Kern
bleibt ausserhalb, der Axencylinder innerhalb des Markes unversehrt
(Fig. 6, _c_.). In der Mehrzahl der thierischen Zellen nimmt der
sogenannte Inhalt den verhältnissmässig grössten Raum ein; er ist
wenigstens quantitativ unzweifelhaft der Hauptbestandtheil dessen, was
ich den =Zellkörper= nenne. Allein schon =Mohl= schrieb dem Inhalte der
Pflanzenzellen auch qualitativ eine bedeutende Rolle zu, indem er darin
eine besondere, eiweisshaltige Flüssigkeit von grossem functionellen
Werthe, das von ihm sogenannte =Protoplasma=, annahm. In neuerer Zeit
hat diese Auffassung auch bei den Untersuchern der thierischen Zellen
immer mehr Anklang gefunden, so dass gegenwärtig von Vielen das
Protoplasma oder was man früher allgemein den Zelleninhalt nannte, als
der wichtigste und gewissermaassen essentielle Theil des ganzen Gebietes
angesehen wird. Es stellt nach dieser Auffassung eine in allen Zellen,
wenigstens allen noch lebenskräftigen, vorkommende Grundsubstanz dar, in
welcher ausser dem Kern je nach besonderen Entwickelungsverhältnissen
noch eine grössere Menge meist in körniger Form abgeschiedener Stoffe
(Fett, Pigment, Glykogen u. s. w.) eingeschlossen sein können.
Sieht man davon ab, dass nicht wenige Zellen um sich herum allerlei
äussere Stoffe (=Intercellular=- oder =Extracellularsubstanz=) anhäufen,
beziehungsweise abscheiden, so wird man nicht bezweifeln können, dass
die besonderen (=specifischen=) Eigenthümlichkeiten, welche einzelne
Zellen oder Zellengruppen an bestimmten Orten und unter besonderen
Bedingungen erreichen, zu einem grossen Theile gebunden sind an
wechselnde Eigenschaften des Zelleninhalts (=Intracellularsubstanz=) und
dass hauptsächlich von diesen die functionelle (physiologische)
Verschiedenheit der Gewebe abhängig ist. Diess darf uns jedoch nicht
abhalten, daran festzuhalten, dass innerhalb der verschiedensten Gewebe
jene Bestandtheile, welche die Zelle gewissermaassen in ihrer abstracten
Form darstellen, Kern und Zellkörper, mit grosser Regelmässigkeit
wiederkehren, und dass durch ihre Zusammenfügung ein einfaches Element
gewonnen wird, welches durch die grosse Reihe der lebendigen
pflanzlichen und thierischen Gestaltungen, so äusserlich verschieden sie
auch sein mögen, so sehr die innere Zusammensetzung dem Wechsel
unterworfen sein mag, eine ganz besondere Formbildung als bestimmte
Grundlage der Lebenserscheinungen erkennen lässt.
Betrachtet man z. B. die jüngsten Eierstockseier des Frosches, bevor die
Abscheidung der Dotterkörner begonnen hat, so wird man nicht daran
zweifeln können, dass man es mit wirklichen Zellen zu thun hat,
wenngleich sie durch allmähliches Wachsthum eine colossale Grösse zu
erreichen vermögen.
[Illustration: =Fig=. 7. Junge Eierstockseier vom Frosch. _A_. Eine ganz
junge Eizelle. _B_. Eine grössere. _C_. Eine noch grössere mit
beginnender Abscheidung brauner Körnchen an dem einen Pol (_e_.) und mit
äusserer Einfaltung der Zellmembran durch Eindringen von Wasser. _a_.
Membran des Graaf'schen Follikels. _b_. Zellmembran. _c_. Kernmembran.
_d_. Kernkörperchen. _S_. Eierstock. Vergröss. 150.]
[Illustration: =Fig=. 8. Zellen aus frischem katarrhalischem Sputum. _A_.
Eiterkörperchen. _a_. ganz frisch. _b_. nach Behandlung mit Essigsäure:
innerhalb der Membran ist der Inhalt aufgeklärt und man sieht drei
kleine Kerne. _B_. Schleimkörperchen. _a_. einfaches. _b_. mit
Pigmentkörnchen. Vergr. 300.]
Im Gegensatze dazu nehme man ein gewöhnliches klinisches Object: Zellen
von einem frischen katarrhalischen Sputum. Es sind hier im Verhältniss
sehr kleine Elemente, die sich bei stärkerer Vergrösserung als
vollkommen kugelige Gebilde darstellen, und an denen man erst nach
Einwirkung von Wasser und anderen Reagentien deutlich eine Membran,
Kerne und einen im frischen Zustande trüben Inhalt unterscheidet. Die
meisten von den kleinen Elementen gehören nach der gebräuchlichen
Terminologie in die Reihe der Eiterkörperchen; die grösseren, als
Schleimkörperchen oder katarrhalische Zellen zu bezeichnen, enthalten
zum Theil Fett oder grauschwarzes Pigment in Form von Körnern.
Aber so klein sie sind, so besitzen sie doch die ganze typische
Eigenthümlichkeit der grossen Zellen; alle wesentlichen Charaktere der
grossen finden sich an ihnen wieder. Das ist aber meines Erachtens das
Entscheidende, dass, wir mögen nun die grossen oder die kleinen, die
pathologischen oder die physiologischen Zellen zusammenhalten, dies
Uebereinstimmende sich immer wiederfindet.
Es darf nicht überraschen, dass der Werth der einzelnen, die vollendete
Zelle zusammensetzenden Theile vielfacher Deutung ausgesetzt ist und
dass die Definition der Zelle immer neue Formulirungen erhält, trotzdem
dass man immer dasselbe Gebilde oder wenigstens denselben Körper meint.
Seitdem die sogenannte Membran der Pflanzenzelle als ein secundäres
Abscheidungsproduct, als blosse Capsel erkannt ist, hat natürlich der
frühere Zelleninhalt, das Protoplasma, eine grössere Bedeutung erlangt.
Der Kern ist mehr in den Hintergrund getreten, nachdem man ihm nicht
mehr die Präexistenz und die Rolle des Cytoblasten beilegt. Noch
ungünstiger liegt die Frage, ob die Membran ein notwendiges Erforderniss
der Zelle ist, und nicht bloss unter den Botanikern, sondern auch unter
den Zoologen (=Max Schultze=) giebt es nicht wenige und ausgezeichnete
Forscher, welche die Zelle als vollkommen constituirt betrachten, sobald
ein Kern mit dem dazu gehörigen Protoplasma vorhanden ist. Erst auf
einer gewissen Entwickelungshöhe würde sich dieses Protoplasma mit einer
Membran bekleiden und zum Zelleninhalt werden, wie man es bei der
Furchung des Eies und der Bildung der Primordialzellen so lange
angenommen hat. Glücklicherweise hat diese schwierige Frage für die
Pathologie keine principielle Bedeutung. Abgesehen davon, dass bei fast
allen physiologischen und pathologischen Zellen von einiger Bedeutung
Membranen isolirbar sind, wird doch auch vom Standpunkte derjenigen,
welche die Membranlosigkeit vieler Zellen behaupten, weder die Existenz,
noch der entscheidende Werth der Zellen in Frage gestellt. Ob eine Zelle
im alten Sinne des Wortes ein Bläschen oder im neuen ein solides
Körperchen ist, ist daher eine Detailfrage, welche das cellulare Princip
nicht berührt.
Dieses Princip aber ist meiner Auffassung nach der einzigmögliche
Ausgangspunkt aller biologischen Doctrin. Wenn eine wirkliche
Uebereinstimmung der elementaren Formen durch die ganze Reihe alles
Lebendigen hindurchgeht, wenn man vergeblich in dieser grossen Reihe
nach irgend etwas Anderem sucht, was als =organisches Element= an die
Stelle der Zelle gesetzt werden könnte, so muss man nothwendig auch jede
höhere Ausbildung, sei es einer Pflanze, sei es eines Thieres,
betrachten als eine fortschreitende Summirung grösserer oder kleinerer
Zahlen von Zellen. Wie ein Baum eine in einer bestimmten Weise
zusammengeordnete Masse darstellt, in welcher als letzte Elemente an
jedem einzelnen Theile, am Blatt wie an der Wurzel, am Stamm wie an der
Blüthe, zellige Elemente erscheinen, so ist es auch mit den thierischen
Gestalten. =Jedes Thier erscheint als eine Summe vitaler Einheiten=, von
denen jede den vollen Charakter des Lebens an sich trägt. Der Charakter
und die Einheit des Lebens kann nicht an einem bestimmten einzelnen
Punkte einer höheren Organisation gefunden werden, z. B. im Gehirn des
Menschen, sondern nur in der bestimmten, constant wiederkehrenden
Einrichtung, welche jedes einzelne Element an sich trägt. Daraus geht
hervor, dass die Zusammensetzung eines grösseren Körpers, des
sogenannten Individuums, immer auf eine Art von gesellschaftlicher
Einrichtung herauskommt, =einen Organismus socialer Art= darstellt, wo
eine Masse von einzelnen Existenzen auf einander angewiesen ist, jedoch
so, dass jedes Element (Zelle oder, wie =Brücke= sehr gut sagt,
=Elementar-Organismus=) für sich eine besondere Thätigkeit hat, und dass
jedes, wenn es auch die Anregung zu seiner Thätigkeit von anderen
Theilen her empfängt, doch die eigentliche Leistung von sich selbst
ausgehen lässt.
Ich habe es deshalb für nothwendig erachtet, den Gesammt-Organismus oder
das Individuum nicht bloss in seine Organe und diese in ihre Gewebe,
sondern auch noch die Gewebe zu zerlegen in =Zellenterritorien=. Ich
habe gesagt Territorien, weil wir in der thierischen Organisation eine
Eigenthümlichkeit finden, welche in der Pflanze fast gar nicht oder doch
nur in sehr unvollkommener Weise zur Anschauung kommt, nehmlich die
Entwickelung grosser Massen sogenannten =intercellularen Stoffes=.
Während die Pflanzenzellen in der Regel mit ihren äusseren
Absonderungsschichten, den vorher erwähnten Capseln, unmittelbar
aneinander stossen, so jedoch, dass man immer noch die alten Grenzen
unterscheiden kann, so finden wir bei den thierischen Geweben, dass
diese Art der Anordnung die seltnere ist. In der oft sehr reichlichen
Masse, welche zwischen den Zellen liegt (=Zwischen=- oder
=Grundsubstanz=, =Intercellularsubstanz=), können wir selten von
vornherein übersehen, inwieweit ein bestimmter Theil davon der einen,
ein anderer der anderen Zelle angehöre; sie erscheint als ein
gleichmässiger Zwischenstoff.
[Illustration: =Fig=. 9. Epiphysenknorpel vom Oberarme eines Kindes,
an der Ellenbeuge. Das Object war zuerst mit chromsaurem Kali und
dann mit Essigsäure behandelt. In der homogenen Grundsubstanz
(Intercellularsubstanz) sieht man bei _a_. Knorpelhöhlen mit noch dünner
Wand (Capsel), in welchen die Knorpelzellen, mit Kern und Kernkörperchen
versehen, sich deutlich abgrenzen. _b_. Capseln (Höhlen) mit zwei, durch
Theilung der früher einfachen entstandenen Zellen. _c_. Theilung der
Capseln nach Theilung der Zellen. _d_. Auseinanderrücken der getheilten
Capseln durch Zwischenlagerung von Intercellularsubstanz. --
Knorpelwachsthum.]
Nach der Ansicht =Schwann='s war die Intercellularsubstanz Cytoblastem,
für die Entwickelung neuer Zellen bestimmt. Dies halte ich nicht für
richtig, vielmehr bin ich durch eine Reihe von Erfahrungen zu dem
Schlusse gekommen, dass die Intercellularsubstanz, wie sie von den
Zellen gebildet (abgeschieden) wird, so auch in einer bestimmten
Abhängigkeit von ihnen bleibt, in der Art, dass man auch in ihr Grenzen
ziehen kann, und das gewisse Bezirke von ihr der einen, gewisse der
anderen Zelle angehören. Durch pathologische Vorgänge werden diese
Grenzen scharf bezeichnet, und es lässt sich direct zeigen, wie jedesmal
ein bestimmtes Gebiet von Zwischensubstanz beherrscht wird von dem
zelligen Elemente, welches in seiner Mitte gelegen ist.
Es wird jetzt deutlich sein, wie ich mir die Zellen-Territorien denke:
Es gibt einfache Gewebe, welche ganz aus Zellen bestehen, Zelle an Zelle
gelagert (Fig. 10, _A_.). Hier kann über die Grenze der einzelnen Zelle
keine Meinungsverschiedenheit bestehen, aber es ist nöthig,
hervorzuheben, dass auch in diesem Falle jede einzelne Zelle ihre
besonderen Wege gehen, ihre besonderen Veränderungen erfahren kann, ohne
dass mit Nothwendigkeit das Geschick der zunächst liegenden Zellen daran
geknüpft ist. In andern Geweben dagegen, wo wir Zwischenmassen haben
(Fig. 10, _B_.), versorgt die Zelle ausser ihrem eigenen Inhalt noch
eine gewisse Menge von äusserer Substanz, die an ihren Veränderungen
Theil nimmt, ja sogar häufig frühzeitiger afficirt wird, als das Innere
der Zelle, welches durch seine Lagerung mehr gesichert ist, als die
äussere Zwischenmasse. Endlich gibt es eine dritte Reihe von Geweben
(Fig. 10, _C_.), deren Elemente unter einander in engeren Verbindungen
stehen. Es kann z. B. eine Zelle mit anderen zusammenhängen und dadurch
eine reihen- oder flächenförmige Anordnung entstehen, ähnlich der bei
den Capillaren und anderen analogen Gebilden. In diesem Falle könnte man
glauben, dass die ganze Reihe beherrscht werde von irgend Etwas, was wer
weiss wie weit entfernt liegt, indessen bei genauerem Studium ergibt
sich, dass selbst in diesen ketten- oder hautartigen Einrichtungen eine
gewisse Unabhängigkeit der einzelnen Glieder besteht, und dass diese
Unabhängigkeit sich äussert, indem unter gewissen äusseren oder inneren
Einwirkungen das Element nur innerhalb seiner Grenzen gewisse
Veränderungen erfährt, ohne dass die nächsten Elemente dabei betheiligt
sind.[4]
[4] Lange, nachdem dieses geschrieben war, haben die Untersuchungen
von =Heidenhain= für die Knorpel, von =Auerbach= und =Eberth= für die
Capillaren auch die physiologische Realität der Zellenterritorien
erwiesen.