Fig. 1. Pflanzenzellen aus einem jungen Triebe von Solanum

Vorlesungen

über

PATHOLOGIE

von

RUDOLF VIRCHOW.

$Erster Band:$

Die Cellular-Pathologie in ihrer Begründung auf physiologische

und pathologische Gewebelehre.

Vierte Auflage.

Berlin, 1871.

=Verlag von August Hirschwald=.

Unter den Linden No. 68.

* * * * *

Die

CELLULARPATHOLOGIE

in ihrer Begründung auf

physiologische und pathologische Gewebelehre,

dargestellt

von

RUDOLF VIRCHOW,

ord. öff. Professor der pathologischen Anatomie, der allgemeinen

Pathologie und Therapie an der Universität, Director des pathologischen

Instituts und dirigirendem Arzte an der Charité zu Berlin.

$Vierte, neu bearbeitete und stark vermehrte Auflage.$

Mit 157 Holzschnitten.

Berlin, 1871.

=Verlag von August Hirschwald=.

Unter den Linden No. 68.

Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen,

besonders in's Englische und Französische vor.

* * * * *

Vorrede zur ersten Auflage.

Die Vorlesungen, welche ich hiermit dem weiteren ärztlichen Publikum

vorlege, wurden im Anfange dieses Jahres vor einem grösseren Kreise von

Collegen, zumeist praktischen Aerzten Berlin's, in dem neuen

pathologischen Institute der Universität gehalten. Sie verfolgten

hauptsächlich den Zweck, im Anschlusse an eine möglichst ausgedehnte

Reihe von mikroskopischen Demonstrationen eine zusammenhängende

Erläuterung derjenigen Erfahrungen zu geben, auf welchen gegenwärtig

nach meiner Auffassung die biologische Doctrin zu begründen und aus

welchen auch die pathologische Theorie zu gestalten ist. Sie sollten

insbesondere in einer mehr geordneten Weise, als dies bisher geschehen

war, eine Anschauung von der cellularen Natur aller Lebensvorgänge, der

physiologischen und pathologischen, der thierischen und pflanzlichen zu

liefern versuchen, um gegenüber den einseitigen humoralen und

neuristischen (solidaren) Neigungen, welche sich aus den Mythen des

Alterthums bis in unsere Zeit fortgepflanzt haben, die Einheit des

Lebens in allem Organischen wieder dem Bewusstsein näher zu bringen, und

zugleich den ebenso einseitigen Deutungen einer grob mechanischen und

chemischen Richtung die feinere Mechanik und Chemie der Zelle entgegen

zu halten.

Bei den grossen Fortschritten des Einzelwissens ist es für die Mehrzahl

der praktischen Aerzte immer schwieriger geworden, sich dasjenige Maass

der eigenen Anschauung zu gewinnen, welches allein eine gewisse

Sicherheit des Urtheils verbürgt. Täglich entschwindet die Möglichkeit

nicht bloss einer Prüfung, sondern selbst eines Verständnisses der

neueren Schriften denjenigen mehr, welche in den oft so mühseligen und

erschöpfenden Wegen der Praxis ihre beste Kraft verbrauchen müssen. Denn

selbst die Sprache der Medicin nimmt nach und nach ein anderes Aussehen

an. Bekannte Vorgänge, welche das herrschende System seinem

Gedankenkreise an einem bestimmten Orte eingereiht hatte, wechseln mit

der Auflösung des Systems die Stellung und die Bezeichnung. Indem eine

gewisse Thätigkeit von dem Nerven, dem Blute oder dem Gefässe auf das

Gewebe verlegt, ein passiver Vorgang als ein activer, ein Exsudat als

eine Wucherung erkannt wird, ist auch die Sprache genöthigt, andere

Ausdrücke für diese Thätigkeiten, Vorgänge und Erzeugnisse zu wählen,

und je vollkommener die Kenntniss des feineren Geschehens der

Lebensvorgänge wird, um so mehr müssen sich auch die neueren

Bezeichnungen an diese feineren Grundlagen der Erkenntniss anschliessen.

Nicht leicht kann Jemand mit mehr Schonung des Ueberlieferten die

nothwendige Reform der Anschauungen durchzuführen versuchen, als ich es

mir zur Aufgabe gestellt habe. Allein die eigene Erfahrung hat mich

gelehrt, dass es hier eine gewisse Grenze gibt. Zu grosse Schonung ist

ein wirklicher Fehler, denn sie begünstigt die Verwirrung: ein neuer,

zweckmässig gewählter Ausdruck macht dem allgemeinen Verständnisse etwas

sofort zugänglich, was ohne ihn jahrelange Bemühungen höchstens für

Einzelne aufzuklären vermochten. Ich erinnere an die parenchymatöse

Entzündung, an Thrombose und Embolie, an Leukämie und Ichorrhämie, an

osteoides und Schleimgewebe, an käsige und amyloide Metamorphose, an die

Substitution der Gewebe. Neue Namen sind nicht zu vermeiden, wo es sich

um thatsächliche Bereicherungen des erfahrungsmässigen Wissens handelt.

Auf der anderen Seite hat man es mir schon öfters zum Vorwurfe gemacht,

dass ich die moderne Anschauung auf veraltete Standpunkte

zurückzuschrauben bemüht sei. Hier kann ich wohl mit gutem Gewissen

sagen, dass ich eben so wenig die Tendenz habe, den =Galen= oder den

=Paracelsus= zu rehabilitiren, als ich mich davor scheue, das, was in

ihren Anschauungen und Erfahrungen wahr ist, offen anzuerkennen. In der

That finde ich nicht bloss, dass im Alterthum und im Mittelalter die

Sinne der Aerzte nicht überall durch überlieferte Vorurtheile gefesselt

wurden, sondern noch mehr, dass der gesunde Menschenverstand im Volke an

gewissen Wahrheiten festgehalten hat, trotzdem dass die gelehrte Kritik

sie für überwunden erklärte. Was sollte mich abhalten, zu gestehen, dass

die gelehrte Kritik nicht immer wahr, das System nicht immer Natur

gewesen ist, dass die falsche Deutung nicht die Richtigkeit der

Beobachtung beeinträchtigt? Warum sollte ich nicht gute Ausdrücke

erhalten oder wiederherstellen, trotzdem dass man falsche Vorstellungen

daran geknüpft hat? Meine Erfahrungen nöthigen mich, die Bezeichnung der

Wallung (Fluxion) für besser zu halten, als die der Congestion; ich kann

nicht umhin, die Entzündung als eine bestimmte Erscheinungsform

pathologischer Vorgänge zuzulassen, obwohl ich sie als ontologischen

Begriff auflöse; ich muss trotz des entschiedenen Widerspruchs vieler

Forscher den Tuberkel als miliares Korn, das Epitheliom als

heteroplastische, maligne Neubildung (Cancroid) festhalten.

Vielleicht ist es in heutiger Zeit ein Verdienst, das historische Recht

anzuerkennen, denn es ist in der That erstaunlich, mit welchem

Leichtsinn gerade diejenigen, welche jede Kleinigkeit, die sie gefunden

haben, als eine Entdeckung preisen, über die Vorfahren aburtheilen. Ich

halte auf mein Recht, und darum erkenne ich auch das Recht der Anderen

an. Das ist mein Standpunkt im Leben, in der Politik, in der

Wissenschaft. Wir sind es uns schuldig, unser Recht zu vertheidigen,

denn es ist die einzige Bürgschaft unserer individuellen Entwickelung

und unseres Einflusses auf das Allgemeine. Eine solche Vertheidigung ist

keine That eitlen Ehrgeizes, kein Aufgeben des rein wissenschaftlichen

Strebens. Denn wenn wir der Wissenschaft dienen wollen, so müssen wir

sie auch ausbreiten, nicht bloss in unserem eigenen Wissen, sondern auch

in der Schätzung der Anderen. Diese Schätzung aber beruht zum grossen

Theile auf der Anerkennung, die unser Recht, auf dem Vertrauen, das

unsere Forschung bei den Anderen findet, und das ist der Grund, warum

ich auf mein Recht halte.

In einer so unmittelbar praktischen Wissenschaft, wie die Medicin, in

einer Zeit so schnellen Wachsens der Erfahrungen, wie die unsrige, haben

wir doppelt die Verpflichtung, unsere Kenntniss der Gesammtheit der

Fachgenossen zugänglich zu machen. Wir wollen die Reform, und nicht die

Revolution. Wir wollen das Alte conserviren und das Neue hinzufügen.

Aber den Zeitgenossen trübt sich das Bild dieser Thätigkeit. Denn nur zu

leicht gewinnt es den Anschein, als würde eben nur ein buntes

Durcheinander von Altem und Neuem gewonnen, und die Nothwendigkeit, die

falschen oder ausschliessenden Lehren der Neueren mehr als die der Alten

zu bekämpfen, erzeugt den Eindruck einer mehr revolutionären, als

reformatorischen Einwirkung. Es ist freilich bequemer, sich auf die

Forschung und die Wiedergabe des Gefundenen zu beschränken und Anderen

die »Verwerthung« zu überlassen, aber die Erfahrung lehrt, dass dies

überaus gefährlich ist und zuletzt nur denjenigen zum Vortheil

ausschlägt, deren Gewissen am wenigsten zartfühlend ist. Uebernehmen wir

daher jeder selbst die Vermittelung zwischen der Erfahrung und der

Lehre.

Die Vorlesungen, welche ich hier mit der Absicht einer solchen

Vermittelung veröffentliche, haben so ausdauernde Zuhörer gefunden, dass

sie vielleicht auch nachsichtige Leser erwarten dürfen. Wie sehr sie der

Nachsicht bedürfen, fühle ich selbst sehr lebhaft. Jede Art von freiem

Vortrage kann nur dem wirklichen Zuhörer genügen. Zumal dann, wenn der

Vortrag wesentlich darauf berechnet ist, als Erläuterung für

Tafel-Zeichnungen und Demonstrationen zu dienen, muss er nothwendig dem

Leser ungleichmässig und lückenhaft erscheinen. Die Absicht, eine

gedrängte Uebersicht zu liefern, schliesst an sich eine speciellere,

durch ausreichende Citate unterstützte Beweisführung mehr oder weniger

aus und die Person des Vortragenden wird mehr in den Vordergrund treten,

da er die Aufgabe hat, gerade seinen Standpunkt deutlich zu machen.

Möge man daher das Gegebene für nicht mehr nehmen, als es sein soll.

Diejenigen, welche Musse genug gefunden haben, sich in der laufenden

Kenntniss der neueren Arbeiten zu erhalten, werden wenig Neues darin

finden. Die Anderen werden durch das Lesen nicht der Mühe überhoben

sein, in den histologischen, physiologischen und pathologischen

Specialwerken die hier nur ganz kurz behandelten Gegenstände genauer

studiren zu müssen. Aber sie werden wenigstens eine Uebersicht der für

die cellulare Theorie wichtigsten Entdeckungen gewinnen und mit

Leichtigkeit das genauere Studium des Einzelnen an die hier im

Zusammenhange gegebene Darstellung anknüpfen können. Vielleicht wird

gerade diese Darstellung einen unmittelbaren Anreiz für ein solches

genaueres Studium abgeben, und schon dann wird sie genug geleistet

haben.

Meine Zeit reicht nicht aus, um mir die schriftliche Ausarbeitung eines

solchen Werkes möglich zu machen. Ich habe mich deshalb genöthigt

gesehen, die Vorlesungen, wie sie gehalten wurden, stenographiren zu

lassen und mit leichten Aenderungen zu redigiren. Herr Cand. med.

=Langenhaun= hat mit grosser Sorgfalt die stenographische Arbeit

besorgt. Soweit es sich bei der Kürze der Zeit thun liess, und soweit

der Text ohne dieselben für Ungeübte nicht verständlich sein würde, habe

ich nach den Tafel-Zeichnungen und besonders nach den vorgelegten

Präparaten Holzschnitte anfertigen lassen. Vollständigkeit liess sich in

dieser Beziehung nicht erreichen, da schon so die Veröffentlichung durch

die Anfertigung der Holzschnitte um Monate verzögert worden ist.

=Misdroy=, am 20. August 1858.

Vorrede zur zweiten Auflage.

Der vorliegende Versuch, meine von den hergebrachten abweichenden

Erfahrungen dem grösseren Kreise der Aerzte im Zusammenhange

vorzuführen, hat einen unerwarteten Erfolg gehabt: er hat viele Freunde

und lebhafte Gegner gefunden. Beides ist gewiss sehr erwünscht, denn die

Freunde werden in diesem Buche keinen Abschluss, kein System, kein Dogma

finden, und die Gegner werden genöthigt sein, endlich einmal die Phrasen

aufzugeben und sich an die Sachen selbst zu machen. Beides kann nur zur

Bewegung, zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen.

Allein Beides hat doch auch seine niederschlagende Seite. Wenn man ein

Decennium hindurch mit allem Eifer gearbeitet und die Ergebnisse seiner

Forschungen dem Urtheile der Mitwelt vorgelegt hat, so stellt man sich

nur zu leicht vor, dass mehr davon, dass vielleicht der grössere und

wesentliche Theil allgemeiner bekannt sein könne. Dies war, wie die

Erfahrung gelehrt hat, bei meinen Arbeiten nicht der Fall. Einer meiner

Kritiker erklärt es aus der Breite meiner Beweisführungen. Mag es sein,

allein dann hätte ich vielleicht erwarten dürfen, dass andere Kritiker

die Beweise, welche sie hier nicht in ausreichender Weise fanden, in den

Originalarbeiten aufgesucht hätten. Denn ausdrücklich hatte ich schon

das erste Mal hervorgehoben, dass diejenigen, welche sich in der

laufenden Kenntniss der neueren Arbeiten erhalten hätten, hier wenig

Neues finden würden.

In der neuen Ausgabe habe ich mich darauf beschränkt, den Ausdruck zu

verbessern, Missverständliches schärfer zu fassen, Wiederholungen zu

unterdrücken. Gewiss bleibt auch so noch sehr Vieles der Verbesserung

bedürftig, aber es schien mir, dass dem Ganzen der frischere Eindruck

der mündlichen Rede und des freien Gedankenganges möglichst erhalten

bleiben müsse, wenn es noch weiterhin als ein wirksames Ferment für die

an sich so verschiedenartigen Richtungen des medicinischen Lebens und

Wirkens dienen sollte. Denn das Buch wird seinen Zweck erfüllt haben,

wenn es Propaganda, nicht für die Cellular-Pathologie, sondern nur

überhaupt für unabhängiges Denken und Forschen in grossen Kreisen machen

hilft.

=Berlin=, am 7. Juni 1859.

Vorrede zur dritten Auflage.

Die neue Auflage, welche hiermit vor das Publikum tritt, hat wesentliche

Umgestaltungen erfahren müssen. Der Verfasser hat sich genöthigt

gesehen, die Form der Vorlesungen ganz aufzugeben, weil sie ihn

hinderte, wesentliche Veränderungen, insbesondere Neuerungen in den Text

zu bringen. Solche Aenderungen waren aber vielfach nothwendig. Denn die

Wissenschaft, insbesondere die deutsche, ist in den drei Jahren seit dem

Erscheinen der ersten Auflage rüstig vorwärts geschritten, und wenn sie

auch an den Grundanschauungen und Hauptlehrsätzen, welche hier dargelegt

wurden, nichts geändert hat, so gestattete sie doch an vielen Punkten

ein ungleich tieferes Eingehen.

Aber die weitere Entfernung von dem Ausgangspunkte gestattet auch eine

freiere Uebersicht. Vieles hatte, wie es bei freien Vorträgen nur zu

leicht geschieht, nur losen Zusammenhang; Anderes war, wie es die

Demonstration bestimmter Präparate mit sich brachte, geradezu zerrissen.

Dies ist dem Verfasser insbesondere bei der Durchsicht der inzwischen

erschienenen englischen und französischen Uebersetzungen entgegen

getreten, und er hat sich daher bemüht, durch schärferen Ausdruck, durch

Umstellung des alten und Hinzufügung neuen Stoffes das Verständniss zu

sichern. Deswegen sind auch noch einige neue Holzschnitte beigegeben.

Freilich war es nicht möglich, überall das Einzelne der Beweisführung zu

liefern. Früher hatte der Verfasser darauf hingewiesen, dass diese

Beweisführung in seinen Specialarbeiten zu suchen sei, aber Wenige haben

darauf gehört, im Gegentheil haben Manche Prioritäts-Anklagen gegen den

Verfasser erhoben, gleich als ob er seine Lehrsätze in diesem Werke zum

ersten Male aufgestellt hätte. Es ist daher nöthig geworden, an den

betreffenden Stellen die Citate der früheren Arbeiten anzugeben. Wenn

der Verfasser sich dabei darauf beschränkt hat, fast nur seine eigenen

Arbeiten zu citiren, so glaubt er sich damit verantworten zu können,

dass es ganz unmöglich gewesen sein würde, alle Belegstellen oder Werke

zu citiren, auf welche sich seine Anschauungen stützen, dass aber

diejenigen Leser, welche die citirten Stellen nachsehen wollen, an

denselben in der Regel die einschlagenden Leistungen auch der anderen

Untersucher gewissenhaft vorgetragen finden werden.

Bei dem Zusammenstellen dieser Citate ist der Verfasser noch mehr, als

er dies schon früher hervorhob, von der Thatsache durchdrungen worden,

dass der grosse Erfolg des vorliegenden Werkes nur der leichten Form und

nicht dem Inhalte zu danken ist. Denn in der That findet sich alles

Wesentliche schon in seinen früheren Arbeiten ausgesprochen, ja es ist

dort zum Theil weit klarer und schärfer ausgedrückt. Aber nur Wenige

haben davon Kenntniss genommen, und Mancher nur zu dem Zweck, um es als

sein Eigenthum zu verwerthen. Das kurzgefasste Büchlein aber ist in der

kürzesten Frist in fünf Sprachen übersetzt worden; es hat einer grossen

Zahl von Lesern, wie ich aus dem Munde Vieler weiss, eine dauernde

Anregung gegeben, und so möge in der Freude darüber der Schmerz

vergessen sein, dass eine strengere Form der Darstellung noch jetzt eine

so geringe Theilnahme findet. Hoffentlich wird dieser Mangel durch die

jetzige Auflage nicht befördert werden.

=Dürkheim=, am 26. September 1861.

$Rud. Virchow.$

Uebersicht der Holzschnitte.

Seite

Fig. 1. Pflanzenzellen aus einem jungen Triebe von Solanum

tuberosum 5

" 2. Rindenschicht eines Knollens von Solanum tuberosum 7

" 3. Knorpelzellen vom Ossificationsrande wachsender

Knorpel 8

" 4. Verschiedene Arten von Zellen und Zellgebilden. _a_

Leberzellen, _b_ Bindegewebskörperchen, _c_

Capillargefäss, _d_ Sternzelle aus einer Lymphdrüse,

_e_ Ganglienzellen aus dem Kleinhirn 10

" 5. Freie Pflanzenzellenbildung nach =Schleiden= 11

" 6. Pigmentzelle (Auge), glatte Muskelzelle (Darm), Stück

einer doppeltcontourirten Nervenfaser 14

" 7. Junge Eierstockseier vom Frosch 15

" 8. Zellen aus katarrhalischem Sputum (Eiter- und

Schleimkörperchen, Pigmentzelle) 15

" 9. Epiphysenknorpel vom Oberarm eines Kindes 18

" 10. Zellenterritorien 19

" 11. Schema der Globulartheorie 23

" 12. Schema der Umhüllungs- (Klümpchen-) Theorie 23

" 13. Längsschnitt durch einen jungen Trieb von Syringa 25

" 14. Pathologische Knorpelwucherung aus Rippenknorpel 26

" 15. Cylinderepithel der Gallenblase 30

" 16. Uebergangsepithel der Harnblase 30

" 17. Senkrechter Schnitt durch die Oberfläche der Haut der

Zehe (Epidermis, Rete Malpighii, Papillen) 32

" 18. Schematische Darstellung eines Längsdurchschnittes

vom Nagel unter normalen und pathologischen

Verhältnissen 35

" 19. _A_ Entwickelung der Schweissdrüsen. _B_ Stück eines

Schweissdrüsenkanals 38

" 20. _A_ Bündel des gewöhnlichen Bindegewebes, _B_

Bindegewebs-Entwickelung nach dem Schema von

=Schwann=. _C_ Bindegewebs-Entwickelung nach dem

Schema von =Henle= 40

" 21. Junges Bindegewebe vom Schweinsembryo 42

" 22. Schema der Bindegewebs-Entwickelung 43

" 23. Durchschnitt durch den wachsenden Knorpel der Patella 45

" 24. Knochenkörperchen aus einem pathologischen Knochen

der Dura mater cerebralis 48

" 25. Muskelprimitivbündel unter verschiedenen

Verhältnissen 51

" 26. Muskelelemente aus dem Herzfleische einer Puerpera 54

" 27. Glatte Muskeln aus der Harnblase 56

" 28. Kleinere Arterie aus der Basis des Grosshirns 60

" 29. Schematische Darstellung von Leberzellen. _A_

Physiologische Anordnung. _B_ Hypertrophie. _C_

Hyperplasie. 90

" 30. Grosse Spindelzellen (fibroplastische Körper) aus

einem Sarcoma fusocellulare der Rückenmarkshäute 94

" 31. Durchschnitt aus einer Epulis sarcomatosa des

Unterkiefers 95

" 32. Stück von der Peripherie der Leber eines Kaninchens,

die Gefässe injicirt 103

" 33. Injection der Capillaren der Rinde der Niere nach

=Beer= 105

" 34. Injection der Gefässe der Rinde des Kleinhirns 106

" 35. Natürliche Injection der Gefässe des Corpus striatum

eines Geisteskranken 107

" 36. Injectionspräparat von der Muskelhaut des Magens 108

" 37. Gefässe des Calcaneus-Knorpels vom Neugebornen 109

" 38. Knochenschliff aus der compacten Substanz des Femur 110

" 39. Knochenschliff (Querschnitt) 111

" 40. Knochenschliff (Längsschnitt) aus der Rinde einer

sklerotischen Tibia 113

" 41. Schliff aus einem neugebildeten Knochen (Osteom) der

Arachnoides cerebralis 116

" 42. Zahnschliff mit Dentin und Schmelz 117

" 43. Längs- und Querschnitt aus der halbmondförmigen

Bandscheibe des Kniegelenkes vom Kinde 119

" 44. Querschnitt aus der Achillessehne des Erwachsenen 121

" 45. Querschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines

Neugebornen 122

" 46. Längsschnitt aus dem Innern der Achillessehne eines

Neugebornen 123

" 47. Senkrechter Durchschnitt der Hornhaut des Ochsen nach

=His= 126

" 48. Flächenschnitt der Hornhaut parallel der Oberfläche

nach =His= 127

" 49. Das abdominale Ende des Nabelstranges eines fast

ausgetragenen Kindes, injicirt 128

" 50. Querdurchschnitt durch einen Theil des Nabelstranges 129

" 51. Querdurchschnitt vom Schleimgewebe des Nabelstranges 131

" 52. Elastische Netze und Fasern aus dem Unterhautgewebe

des Bauches 133

" 53. Injection der Hautgefässe, senkrechter Durchschnitt 137

" 54. Schnitt aus der Tunica dartos 138

" 55. _A_ Epithel von der Cruralarterie. _B_ Epithel von

grösseren Venen 144

" 56. Kleinere Arterie aus der Sehnenscheide der Extensoren 145

" 57. Epithel der Nierengefässe. _A_ Flache Spindelzellen

vom Neugebornen. _B_ Bandartige Epithelplatte vom

Erwachsenen 148

" 58. Ungleichmässige Zusammenziehung kleiner Gefässe aus

der Schwimmhaut des Frosches nach Reizung (Copie nach

=Wharton Jones=) 152

" 59. Geronnenes Fibrin aus menschlichem Blute 168

" 60. Kernhaltige rothe Blutkörperchen von einem sechs

Wochen alten menschlichen Fötus 171

" 61. Rothe Blutkörperchen des Erwachsenen 172

" 62. Hämatoidin-Krystalle 177

" 63. Pigment aus einer apoplectischen Narbe des Gehirns 178

" 64. Häminkrystalle aus menschlichem Blute 179

" 65. Farblose Blutkörperchen 182

" 66. Farblose Blutkörperchen bei variolöser Leukocytose 183

" 67. Fibringerinnsel aus der Lungenarterie und ein Korn,

aus dichtgedrängten farblosen Blutkörperchen

bestehend, bei Leukocytose 184

" 68. Capillarstrom in der Froschschwimmhaut 185

" 69. Schema eines Aderlassgefässes mit geronnenem

hyperinotischem Blute 187

" 70. Durchschnitte durch die Rinde menschlicher

Gekrösdrüsen 208

" 71. Lymphkörperchen aus dem Innern der

Lymphdrüsen-Follikel 211

" 72. Eiterkörperchen und Kerne derselben bei Gonorrhoe 219

" 73. Eingedickter käsiger Eiter 220

" 74. Eingedickter, zum Theil in Auflösung begriffener,

hämorrhagischer Eiter aus Empyem 221

" 75. In der Fettmetamorphose begriffener Eiter 222

" 76. Durchschnitt durch die Rinde einer Axillardrüse bei

Tättowirung der Haut des Arms 224

" 77. Das mit Zinnober, nach Tättowirung des Arms, gefüllte

Reticulum aus einer Axillardrüse 225

" 78. Valvuläre Thrombose der Vena saphena 236

" 79. Puriforme Detritusmassen aus erweichten Thromben.

_A_ Körner des zerfallenden Fibrins. _B_ Die

freiwerdenden, zum Theil in der Rückbildung

begriffenen Blutkörperchen. _C_ In der Entfärbung

begriffene und zerfallende Blutkörperchen 238

" 80. Autochthone und fortgesetzte Thromben der

Cruralvenen-Aeste 243

" 81. Embolie der Lungenarterie 245

" 82. Ulceröse Endocarditis mitralis von einer Puerpera 246

" 83-84. Capillarembolie in den Penicilli der Milzarterie

nach Endocarditis 247

" 85. Melanämie. Blut aus dem rechten Herzen 264

" 86. Querschnitt durch einen Nervenstamm des Plexus

brachialis 273

" 87. Graue und weisse Nervenfasern 274

" 88. Markige Hypertrophie des Opticus innerhalb des Auges 276

" 89. Tropfen von Markstoff: _A_ aus der Markscheide von

Hirnnerven nach Aufquellung durch Wasser, _B_ aus

zerfallendem Epithel der Gallenblase 277

" 90. Breite und schmale Nervenfasern mit unregelmässiger

Aufquellung des Markstoffes 279

" 91. Vater'sches oder Pacini'sches Körperchen aus dem

Unterhautgewebe der Fingerspitze 281

" 92. Nerven- und Gefässpapillen der Haut der Fingerspitze.

Tastkörperchen 283

" 93. Grundstock eines spitzen Condyloms vom Penis mit

Papillarwucherung 287

" 94. _A_ Verticaldurchschnitt durch die ganze Dicke der

Retina. _B_, _C_ (nach H. =Müller=) Isolirte

Radiärfasern 290

" 95. Theilung einer Primitiv-Nervenfaser 295

" 96. Nervenplexus aus der Submucosa des Darmes vom Kinde 297

" 97. Elemente (Ganglienzellen und Nervenfasern) aus dem

Ganglion Gasseri 301

" 98. Ganglienzellen aus den Centralorganen. _A_, _B_, _C_

Aus dem Rückenmarke. _D_ Aus der Gehirnrinde 304

" 99. Die Hälfte eines Querschnittes aus dem Halstheile des

Rückenmarkes 310

" 100. Schematische Darstellung des Nervenverhaltens in der

Rinde des Kleinhirns nach =Gerlach= 312

" 101. Querdurchschnitt durch das Rückenmark von Petromyzon

fluviatilis 314

" 102. Blasse Fasern aus dem Rückenmarke des Petromyzon

fluviatilis 315

" 103. Ependyma ventriculorum mit Neuroglia. _ca_ Corpora

amylacea. 318

" 104. Zellige Elemente der Neuroglia 321

" 105. Schematischer Durchschnitt des Rückenmarkes bei

partieller grauer Atrophie 324

" 106. Schema des Zustandes der Nerven-Molekeln, _A_ im

ruhenden, _B_ im elektrotonischen Zustande nach

=Ludwig= 339

" 107, I. Automatische Zellen aus der Flüssigkeit einer

Hydrocele lymphatica 354

" 107, II. Automatische Zellen aus Enchondrom 355

" 107, III. Dieselben Zellen mit stärkerer Verästelung der

Fortsätze 356

" 107, IV. Bewegliche Eiterkörperchen des Frosches nach

v. =Recklinghausen= 357

" 107. Gewundenes Harnkanälchen aus der Rinde der Niere bei

Morbus Brightii 372

" 108. Parenchymatöse Keratitis 377

" 109. Parenchymatöse Keratitis 379

" 110. Kerntheilung in den Elementen einer melanotischen

Geschwulst der Parotis 382

" 111. Markzellen des Knochens nach =Kölliker= 383

" 112. Kerntheilung in Muskelprimitivbündeln im Umfange

einer Krebsgeschwulst 385

" 113, I. Wucherung (Proliferation) des wachsenden

Diaphysenknorpels von der Tibia eines Kindes

(Längsschnitt) 387

" 113, II. Proliferation eines Myxosarkoms des Oberkiefers 389

" 114. Fettzellgewebe aus dem Panniculus. _A_ Das

gewöhnliche Unterhautgewebe mit Fettzellen, _B_

Atrophisches Fett 406

" 115. Interstitielle Fettwucherung der Muskeln 407

" 116. Darmzotten und Fettresorption. _A_ Normale

Darmzotten, _B_ Zotten im Zustande der Contraction.

_C_ Menschliche Darmzotten während der

Chylusresorption, _D_ bei Chylusretention 410

" 117. Die aneinanderstossenden Hälften zweier Leberacini

(Zonen der Fett-, Amyloid- und Pigmentinfiltration) 415

" 118. Haarbalg mit Talgdrüsen von der äusseren Haut 418

" 119. Milchdrüse in der Lactation, Milch, Colostrum 419

" 120. Corpus luteum aus dem menschlichen Eierstock 424

" 121. Fettmetamorphose des Herzfleisches in verschiedenen

Stadien 427

" 122. Fettige Degeneration an Hirnarterien. _A_

Fettmetamorphose der Muskelzellen in der

Ringfaserhaut. _B_ Bildung von Fettkörnchenzellen

in den Bindegewebskörperchen der Intima 429

" 123. Geschichtete amylacische Körper der Prostata

(Concretionen) 436

" 124. Amyloide Degeneration einer kleinen Arterie aus der

Submucosa des Dünndarms 441

" 125. Amyloide Degeneration einer Lymphdrüse 448

" 126. Corpora amyloidea aus einer erkrankten Lymphdrüse 448

" 127. Verkalkung der Gelenkknorpel alter Leute 454

" 128. Verticalschnitt durch die Aortenwand an einer

sklerotischen, zur Bildung eines Atheroms

fortschreitenden Stelle 464

" 129. Der atheromatöse Brei aus einem Aortenheerde. _aa_'

Flüssiges Fett, _b_ Amorphe körnig-faltige Schollen,

_cc_' Cholestearinkrystalle 466

" 130. Verticaler Durchschnitt aus einer sklerotischen, sich

fettig metamorphosirenden Platte der Aorta (innere

Haut) 467

" 131. Condylomatöse Excrescenzen der Valvula mitralis 471

" 132. Intracapsuläre Zellenvermehrung in der mittleren

Substanz der Intervertebralknorpel 487

" 133. Endogene Neubildung, blasentragende Zellen

(Physaliphoren). _A_ Aus der Thymusdrüse eines

Neugebornen. _B C_ Krebszellen 489

" 134. Verticalschnitt durch den Ossificationsrand eines

wachsenden Astragalus (pathologische Reizung) 501

" 135-36. Horizontalschnitte durch den wachsenden

Diaphysenknorpel der Tibia, menschlicher Fötus von

7 Monaten 504

" 137-38. Rachitische Diaphysenknorpel: markige und osteoide

Umbildung, Verkalkung und Verknöcherung 507-9

" 139. Periostwachsthum der Schädelknochen (Os parietale,

Kind) 513

" 140-41. Osteoidchondrom vom Kiefer einer Ziege 515-16

" 142. In der Heilung begriffene Fractur des Oberarms,

Callusbildung 519

" 143. Demarkationsrand eines nekrotischen Knochenstückes

bei Paedarthrocace, Knochenterritorien 521

" 144. Interstitielle Eiterbildung bei puerperaler

Muskelentzündung 530

" 145. Eiterige Granulation aus dem Unterhautgewebe des

Kaninchens, im Umfange eines Ligaturfadens 536

" 146. Entwickelung von Krebs aus Bindegewebe bei Carcinoma

mammae 539

" 147. Beginnendes Blumenkohlgewächs (Cancroid) des Collum

uteri 554

" 148. Entwickelung von Tuberkel aus Bindegewebe in der

Pleura 559

" 149. Krebszellen 566

" 150. Cancroidzapfen aus einer Geschwulst der Unterlippe

mit Epidermis-Perlen 568

" 151. Cancroid der Orbita 569

" 152. Sarcoma mammae 572

Erstes Capitel.

Die Zelle und die cellulare Theorie.

Einleitung und Aufgabe. Bedeutung der anatomischen Entdeckungen in

der Geschichte der Medicin. Geringer Einfluss der Zellentheorie auf

die Pathologie.

Die Zelle als letztes wirkendes Element des lebenden Körpers.

Genauere Bestimmung der Zelle. Die Pflanzenzelle: Membran, Inhalt

(Protoplasma), Kern. Die thierische Zelle: die eingekapselte

(Knorpel) und die einfache. Der Zellenkern (Nucleus). Das

Kernkörperchen (Nucleolus). Die Theorie der Zellenbildung aus

freiem Cytoblastem. Constanz des Kerns und Bedeutung desselben für

die Erhaltung der lebenden Elemente. Der Zellkörper und das

Protoplasma. Verschiedenartigkeit des Zelleninhalts und Bedeutung

desselben für die Function der Theile. Die Zellen als vitale

Einheiten (Elementarorganismen). Der Körper als sociale

Einrichtung. Die Intercellularsubstanz und die Zellenterritorien.

Die Cellularpathologie im Gegensatze zur Humoral- und

Solidarpathologie.

Falsche Elementartheile: Fasern, Kügelchen (Elementarkörnchen).

Entstehung der Zellen. Umhüllungstheorie. Generatio aequivoca der

Zellen. Das Gesetz von der continuirlichen Entwickelung (Omnis

cellula e cellula). Pflanzen- und Knorpelwachsthum.

Wir befinden uns inmitten einer grossen Reform der Medicin. Zum ersten

Male seit Jahrtausenden ist in unserer Zeit das gesammte Gebiet dieser

so umfangreichen Wissenschaft der naturwissenschaftlichen Forschung

unterworfen worden. Lehrsätze, welche zu den ältesten Ueberlieferungen

der Menschheit gehören, werden der Feuerprobe nicht bloss der Erfahrung,

sondern noch mehr des Versuches ausgesetzt. Für die Erfahrung werden

Beweise, für den Versuch zuverlässige Methoden gefordert. Ueberall

dringt die Forschung auf die feinsten, den menschlichen Sinnen

zugänglichen Verhältnisse; die Erkenntniss geht in zahllose Einzelheiten

aus einander, welche das Bewusstsein von der einheitlichen Natur des

menschlichen Wesens stören und welche Vielen mehr geeignet zu sein

scheinen, einen Schmuck des Wissens, als eine Handhabe des Handelns

darzustellen. Am meisten wird der ausübende Arzt bedrängt. Er, dem die

Praxis kaum die Musse des Lesens vergönnt, dem sowohl die ausreichenden

literarischen Hülfsmittel, als die Anschauung der neueren Erfahrungen

nur zu oft abgehen, er findet sich verwirrt in einem Chaos, in welchem

die Trümmer des Alten mit den Bausteinen des Neuen bunt durch einander

geworfen zu sein scheinen.

Und doch ist das Chaos nur scheinbar. Es besteht nur für den, welcher

die Thatsachen nicht beherrscht, auf welchen die neue Anschauung sich

begründet. Für den Eingeweihten lässt sich wohl eine Ordnung herstellen,

welche sowohl dem praktischen, als dem wissenschaftlichen Bedürfnisse

genügt, eine Ordnung, welche freilich weit davon entfernt ist, ein in

sich abgeschlossenes System zu bilden, welche aber von einem allgemeinen

biologischen Principe aus die Einzelerfahrungen nach ihrem besonderen

Werthe und nach ihren Beziehungen unter einander in einen

wissenschaftlichen Zusammenhang zu setzen vermag. Diess ist das

=cellulare Princip=, welches in seiner Anwendung auf den

zusammengesetzten, lebenden Körper uns zu einer =Cellular-Physiologie=

und zu einer =Cellular-Pathologie= führt, welches aber in jeder dieser

beiden Richtungen zunächst auf einer Anatomie des feinsten Einzelnen,

auf der Histologie beruht.

In der That ist die gegenwärtige Reform wesentlich ausgegangen von neuen

anatomischen Erfahrungen. Freilich waren es zumeist Erfahrungen der

pathologischen Anatomie, welche die alten Lehrgebäude erschütterten, und

noch jetzt scheint es Vielen, als sei damit genug gethan und als habe

die Histologie nur die Bedeutung einer Luxuswissenschaft. Jeder Blick in

die Vergangenheit zeigt uns aber, wie unrichtig es ist, wenn man glauben

kann, der Einfluss der Anatomie auf die Medicin sei nur ein äußerlicher,

ihr Werth ein mehr relativer. Die Geschichte der Medicin lehrt uns ja,

wenn wir nur einen einigermaassen grösseren Ueberblick nehmen, dass zu

allen Zeiten die bleibenden Fortschritte bezeichnet worden sind durch

anatomische Neuerungen, dass jede grössere Epoche zunächst eingeleitet

wurde durch eine Reihe bedeutender Entdeckungen über den Bau und die

Einrichtung des Körpers. So ist es in der alten Zeit gewesen, als die

Erfahrungen der Alexandriner, zum ersten Male von der Anatomie des

Menschen ausgehend, das galenische System vorbereiteten; so im

Mittelalter, als =Vesal= die moderne Anatomie begründete und damit die

Reform der Medicin begann; so endlich im Anfange unseres Jahrhunderts,

als =Bichat= die Grundsätze der allgemeinen Anatomie entwickelte.

Wenn man den ausserordentlichen Einfluss erwägt, welchen seiner Zeit

=Bichat= auf die Gestaltung der ärztlichen Anschauungen ausgeübt hat, so

ist es in der That erstaunlich zu sehen, dass eine verhältnissmässig so

lange Zeit vergangen ist, seitdem =Schwann= seine grossen Entdeckungen

in der Histologie machte, ohne dass man die eigentliche Breite der neuen

Thatsachen würdigte. Es hat dies allerdings zum Theil trotz dieser

Entdeckungen daran gelegen, dass immer noch eine grosse Unsicherheit

unserer Kenntnisse über die feinere Einrichtung vieler Gewebe

fortbestanden hat, ja, wie wir leider zugestehen müssen, in manchen

Theilen der Histologie selbst jetzt noch in solchem Maasse herrscht,

dass Mancher kaum weiss, für welche Ansicht er sich entscheiden soll.

Jeder Tag bringt neue Aufschlüsse, aber auch neue Zweifel über die

Zuverlässigkeit eben erst veröffentlichter Entdeckungen. Ist denn

überhaupt, fragt Mancher, in der Histologie etwas sicher? Giebt es einen

Punkt, in dem Alle übereinstimmen? Vielleicht nicht. Aber gerade um

deswegen habe ich in den Vorträgen im Anfange des Jahres 1858, welche

vor einem grossen Kreise von Collegen, zunächst als Erläuterung

unmittelbarer Demonstrationen, als Erklärung bestimmter, für die

Ueberzeugung der Einzelnen durch eigene Anschauung und Prüfung

eingerichteter Beweisstücke gehalten wurden und welche der gegenwärtigen

Darstellung zu Grunde liegen, mich für verpflichtet erachtet, eine kurze

und leicht fassliche Uebersicht desjenigen, was ich durch langjährige,

gewissenhafte Untersuchung für wahr zu halten mich berechtigt glaubte,

auch dem weiteren Kreise der Aerzte zugänglich zu machen. Manches

Einzelne ist seitdem berichtigt, manches Andere neu entdeckt worden; die

gegenwärtige Bearbeitung wird davon Zeugniss ablegen. Aber das Princip

der Anschauung, welches ich für das gesammte Gebiet der Physiologie und

Pathologie zu benutzen gelehrt habe und dessen erste schüchterne

Ausführung in einer Arbeit des Jahres 1852[1] niedergelegt ist, darf

gegenwärtig als gesichert angesehen werden, und für denjenigen, welcher

daran festhält, wird es auch künftig nicht schwer werden, neue

Ergebnisse des Forschens an der richtigen Stelle aufzunehmen, ohne dass

er deshalb genöthigt wäre, die obersten Sätze aufzugeben, welche hier

über die allgemeinen Grundlagen der Lebensthätigkeiten aufgestellt

werden.

[1] Ernährungseinheiten und Krankheitsheerde. Archiv für pathol.

Anatomie, Phys. u. klin. Med. Bd. IV. S. 375.

Alle Versuche der früheren Zeit, ein solches einheitliches Princip zu

finden, sind daran gescheitert, dass man zu keiner Klarheit darüber zu

gelangen wusste, von welchen Theilen des lebenden Körpers eigentlich die

Action ausgehe und was das Thätige sei. Dieses ist die Cardinalfrage

aller Physiologie und Pathologie. Ich habe sie beantwortet durch den

Hinweis auf =die Zelle als auf die wahrhafte organische Einheit=. Indem

ich daher die Histologie, als die Lehre von der Zelle und den daraus

hervorgehenden Geweben, in eine unauflösliche Verbindung mit der

Physiologie und Pathologie setzte, forderte ich vor Allem die

Anerkennung, dass =die Zelle wirklich das letzte Form-Element aller

lebendigen Erscheinung sowohl im Gesunden, als im Kranken sei, von

welcher alle Thätigkeit des Lebens ausgehe=. Manchem erscheint es

vielleicht nicht gerechtfertigt, wenn in dieser Weise das Leben als

etwas ganz Besonderes anerkannt wird, ja, es wird vielleicht Vielen wie

eine Art biologischer Mystik vorkommen, wenn das Leben überhaupt aus dem

grossen Ganzen der Naturvorgänge getrennt und nicht sofort ganz und gar

in Chemie und Physik aufgelöst wird. In der Folge dieser Vorträge wird

sich jedermann davon überzeugen, dass man kaum mehr mechanisch denken

kann, als ich es zu thun pflege, wo es sich darum handelt, die Vorgänge

innerhalb der letzten Formelemente zu deuten. Aber wie viel auch von dem

Stoffverkehr, der innerhalb der Zelle geschieht, nur an einzelne

Bestandtheile derselben geknüpft sein mag, immerhin ist die Zelle =der

Sitz der Thätigkeit=, das Elementargebiet, von welchem die Art der

Thätigkeit abhängt, und sie behält nur so lange ihre Bedeutung als

lebendes Element, als sie wirklich ein unversehrtes Ganzes darstellt.

Nicht am seltensten ist gegen diese Auffassung der Einwand erhoben

worden, man sei nicht einmal einig darüber, was eigentlich unter einer

Zelle zu verstehen sei. Dieser Einwand ist insofern unerheblich, als der

Streit nicht um die Existenz der Zellen, sondern nur um ihre Deutung

geführt wird. Im Wesentlichen weiss jedermann, welche thatsächlich

existirenden Körper gemeint sind; ob der Eine sie so, der Andere sie

anders interpretirt, ist eine Frage zweiter Ordnung, deren Beantwortung

den Werth des Princips nicht berührt. Um so grössere Bedeutung hat sie

für die Erörterung der Einzelvorgänge, und es ist gewiss zu bedauern,

dass nicht schon lange eine Einigung erzielt ist. Die Schwierigkeiten,

auf welche wir hier stossen, datiren unmittelbar von der ersten

Begründung der Zellenlehre. =Schwann=, der auf den Schultern des

Botanikers =Schleiden= stand, deutete seine Beobachtungen nach

botanischen Mustern, und so kam es, dass alle Lehrsätze der

Pflanzen-Physiologie mehr oder weniger entscheidend wurden für die

Physiologie der thierischen Körper. Die Pflanzenzelle in dem Sinne, wie

man sie zu jener Zeit ganz allgemein fasste und wie sie auch gegenwärtig

häufig noch gefasst wird, ist aber ein Gebilde, dessen Identität mit

dem, was wir thierische Zelle nennen, nicht ohne weiteres zugestanden

werden kann.

[Illustration: =Fig=. 1. Pflanzenzellen aus dem Centrum des jungen

Triebes eines Knollens von Solanum tuberosum. _a_. Die gewöhnliche

Erscheinung des regelmässig polygonalen, dickwandigen Zellengewebes.

_b_. Eine isolirte Zelle mit feinkörnigem Aussehen der Höhlung, in der

ein Kern mit Kernkörperchen zu sehen ist. _c_. Dieselbe Zelle, nach

Einwirkung von Wasser; der Inhalt (Protoplasma) hat sich von der Wand

(Membran, Capsel) zurückgezogen. An seinem Umfange ist eine besondere

feine Haut (Primordialschlauch) zum Vorschein gekommen. _d_. Dieselbe

Zelle bei längerer Einwirkung von Wasser; die innere Zelle (Protoplasma

mit Primordialschlauch und Kern) hat sich ganz zusammengezogen und ist

nur durch feine, zum Theil ästige Fäden mit der Zellhaut (Capsel) in

Verbindung geblieben.]

Wenn man von gewöhnlichem Pflanzenzellgewebe spricht, so meint man in

der Regel damit ein Gewebe, das in seiner einfachsten und

regelmässigsten Form auf einem Durchschnitt aus lauter vier- oder

sechseckigen, wenn es etwas loser ist, aus rundlichen oder polygonalen

Körpern zusammengesetzt erscheint. An jedem dieser Körper (Fig. 1, _a_.)

unterscheidet man eine ziemlich dicke und derbe Wand (=Membran=) und

eine innere Höhlung. In der Höhlung können je nach Umständen,

insbesondere je nach der Natur der einzelnen Zellen, sehr verschiedene

Stoffe abgelagert sein, z. B. Fett, Stärke, Pigment, Eiweiss

(=Zelleninhalt=). Aber auch ganz abgesehen von diesen örtlichen

Verschiedenheiten des Inhaltes, ist die chemische Untersuchung im

Stande, an jeder Pflanzenzelle mehrere verschiedene Stoffe nachzuweisen.

Die Substanz, welche die äussere Membran bildet, die sogenannte

=Cellulose=, ist stickstofflos, und characterisirt sich durch die

eigenthümliche, schön blaue Färbung, welche sie bei Einwirkung von Jod

und Schwefelsäure annimmt. (Jod allein giebt keine Färbung,

Schwefelsäure für sich verkohlt.) Dasjenige, was in der von der

Cellulose-Haut umschlossenen Höhle liegt, wird nicht blau, es müsste

denn zufällig Stärke (Amylon) vorhanden sein, welche schon durch Jod

allein blau gefärbt wird. Ist die Pflanzenzelle recht einfach, so

erscheint vielmehr nach der Einwirkung von Jod und Schwefelsäure eine

bräunliche oder gelbliche Masse, die sich als besonderer Körper im

Innern des Zellenraumes isolirt und an der sich häufig eine besondere

faltige, häufig geschrumpfte Umhüllungs-Haut erkennen lässt (Fig. 1,

_c_.). =Hugo= v. =Mohl=, der zuerst (1844-46) diese innere Einrichtung

genauer beschrieben hat, nannte jene Masse das =Protoplasma=, die

Umhüllungs-Haut den =Primordialschlauch= (Utriculus primordialis). Auch

die gröbere chemische Analyse zeigt an den einfachsten Zellen neben der

stickstofflosen äusseren Substanz eine stickstoffhaltige innere Masse,

und es lag daher nahe, zu schliessen, dass das eigentliche Wesen einer

Pflanzenzelle darin beruhe, dass innerhalb einer stickstofflosen Membran

ein von ihr differenter stickstoffhaltiger Inhalt vorhanden sei.

Man wusste freilich schon seit längerer Zeit, dass noch andere Dinge

sich im Innern der Zellen befinden. Insbesondere war es eine der am

meisten folgenreichen Entdeckungen, als =Rob=. =Brown= den =Kern=

(Nucleus) innerhalb der Pflanzenzelle entdeckte (Fig. 1, _b_ u. _c_.).

Unglücklicherweise legte man diesem Gebilde eine grössere Bedeutung für

die Bildung, als für die Erhaltung der Zellen bei, weil in sehr vielen

älteren Pflanzenzellen der Kern äusserst undeutlich wird, in vielen ganz

verschwindet, während die Form der Zelle doch erhalten bleibt.

Objecte zu gewinnen, welche das vollkommene Bild der Pflanzenzelle

darbieten, ist nicht schwierig. Man nehme z. B. einen Kartoffelknollen

und untersuche ihn da, wo er anfängt, einen neuen Schoss zu treiben, wo

also die Wahrscheinlichkeit besteht, dass man junge Zellen finden wird,

vorausgesetzt, dass Knospung überhaupt in der Bildung neuer Zellen

besteht. Im Innern des Knollens sind alle Zellen mit Amylonkörnern

vollgestopft; an dem jungen Schoss dagegen wird in dem Maasse, als er

wächst, das Amylon aufgelöst und verbraucht, und die Zelle zeigt sich

wieder in ihrer einfacheren Gestalt. Auf einem Querschnitte durch einen

jungen Schössling nahe an seinem Austritte aus dem Knollen unterscheidet

man etwa vier verschiedene Lagen: die Rindenschicht, dann eine Schicht

grösserer Zellen, dann eine Schicht kleinerer Zellen, und zu innerst

wieder eine Lage von grösseren. In dieser letzteren sieht man lauter

regelmässige Gebilde; dicke Kapseln von sechseckiger Gestalt und im

Innern derselben einen oder ein Paar Kerne (Fig. 1). Gegen die Rinde

(Korkschicht) und ihre Matrix (Cambium) hin sind die Zellen viereckig

und je weiter nach aussen, um so platter, aber auch in ihnen erkennt man

bestimmt Kerne (Fig. 2, _a_.). Ueberall, wo die sogenannten Zellen

zusammenstossen, ist zwischen ihnen eine Grenze zu erkennen; dann kommt

die dicke Celluloseschicht, in welcher häufig feine Streifen

(Ablagerungsschichten) zu bemerken sind, und im Innern der Höhle eine

zusammengesetzte Masse, in welcher leicht ein Kern mit Kernkörperchen zu

unterscheiden ist, und an der nach Anwendung von Reagentien auch der

Primordialschlauch (Utriculus) als eine gefaltete, runzlige Haut zum

Vorschein kommt. Es ist dies die vollendete, aber einfache Form der

Pflanzenzelle. In den benachbarten Zellen liegen einzelne grössere, matt

glänzende, geschichtete Körper: die Reste von Stärkemehl (Fig. 2, _c_.).

[Illustration: =Fig=. 2. Aus der Rindenschicht eines Knollens von

Solanum tuberosum nach Behandlung mit Jod und Schwefelsäure. _a_. Platte

Rindenzellen, umgeben von der Kapsel (Zellhaut, Membran). _b_. Grössere,

viereckige Zellen derselben Art aus dem Cambium; die geschrumpfte und

gerunzelte eigentliche Zelle mit dem Primordialschlauch innerhalb der

Kapsel. _c_. Zelle mit Amylonkörnern, welche innerhalb des

Primordialschlauches liegen.]

Mit solchen Erfahrungen kam man an die thierischen Gewebe, deren

Uebereinstimmung mit den pflanzlichen =Schwann= nachzuweisen suchte. Die

eben besprochene Deutung der gewöhnlichen pflanzlichen Zellenformen,

wobei man jedoch den von Vielen geleugneten Primordialschlauch ganz

unberücksichtigt zu lassen pflegte, diente als Ausgangspunkt. Dies ist

aber, wie die Erfahrung gezeigt hat, in gewissem Sinne irrig gewesen.

Man kann die pflanzliche Zelle in ihrer Totalität nicht mit jeder

thierischen zusammenstellen. Wir kennen an thierischen Zellen keine

solchen Unterschiede zwischen stickstoffhaltigen und stickstofflosen

Schichten; in allen wesentlichen, die Zelle constituirenden Theilen

kommen auch stickstoffhaltige Stoffe vor. Aber es giebt allerdings

gewisse Formelemente im thierischen Leibe, welche an diese pflanzlichen

Zellen unmittelbar erinnern; die am meisten charakteristischen unter

ihnen sind die Zellen im =Knorpel=, der seiner ganzen Erscheinung nach

von den übrigen Geweben des thierischen Leibes so sehr abweicht, und der

schon durch seine Gefässlosigkeit eine ganz besondere Stellung einnimmt.

Der Knorpel schliesst sich in jeder Beziehung am nächsten an die Gewebe

der Pflanze an. An einer recht entwickelten Knorpelzelle erkennen wir

eine verhältnissmässig dicke äussere Schicht, innerhalb welcher, wenn

wir recht genau zusehen, wiederum eine zarte Haut, ein Inhalt und ein

Kern zu finden sind. Hier haben wir also ein Gebilde, das der

Pflanzenzelle durchaus entspricht.

[Illustration: =Fig=. 3. Knorpelzellen, wie sie am Ossificationsrande

wachsender Knorpel vorkommen, ganz den Pflanzenzellen analog (vgl. die

Erklärung zu Fig. 1). _a_-_c_. entwickeltere, _d_. jüngere Form.]

Man hat daher auch lange Zeit hindurch, wenn man den Knorpel schilderte,

das ganze eben beschriebene Gebilde (Fig. 3, _a_-_d_.) ein

Knorpelkörperchen genannt. Indem man dasselbe aber den Zellen anderer

thierischer Theile coordinirte, stiess man auf Schwierigkeiten, welche

die Kenntniss des wahren Sachverhältnisses ungemein störten. Das

Knorpelkörperchen ist nehmlich nicht als Ganzes eine Zelle, sondern die

äussere Schicht, die von mir sogenannte =Capsel=[2], ist das Produkt

einer späteren Entwickelung (Absonderung, Ausscheidung). Im jungen oder

wenig entwickelten Knorpel ist sie sehr dünn, während auch die Zelle

kleiner zu sein pflegt. Gehen wir noch weiter in der Entwickelung

zurück, so treffen wir auch im Knorpel nichts als eine einfache Zelle,

welche jene äussere Absonderungsschicht noch nicht besitzt, dasselbe

Gebilde, welches auch sonst in thierischen Geweben vorkommt.

[2] Archiv f. path. Anat. u. Physiol. 1853. Bd. V. S. 419, Note.

Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre · 第 1 / 54 段