Unsere Reisenden hatten sich, wie bereits erzählt, in dem Raumschiff
häuslich eingerichtet und den Augenblick der Abfahrt ohne nennenswerte
Erschütterung überstanden.
»Da sehen Sie, wie vorteilhaft sich mein System von demjenigen der alten
Mondartilleristen unterscheidet,« begann Doktor Müller die Unterhaltung,
als sich das Raumschiff unter leichtem Rucken und Schüttern in Bewegung
setzte. »In früheren Zeiten gab es den furchtbaren Stoß einer gewaltigen
plötzlichen Pulverexplosion unter derartigen interplanetarischen
Geschossen. Nach meinem System setzt auch die Beschleunigung allmählich,
wenn auch schnell steigend ein und praktisch spüren wir kaum etwas von der
ganzen Abreise.«
»Ich bin überzeugt, daß Ihr System einen bedeutenden Fortschritt darstellt
und uns hoffentlich zum erwünschten Ziele bringen wird,« erwiderte Monsieur
Durand und dann taten die beiden Reisenden das Gleiche, wie die
Zurückgebliebenen auf der Erde, nämlich sie begannen lebhaft und mit
liebevoller Hingabe an das Gebotene zu frühstücken. Das hinderte sie
freilich nicht, gelegentlich Blicke durch die an zahlreichen Stellen des
Raumschiffes angebrachten Fensterscheiben auf die entschwindende Erde und
den herannahenden Mond zu richten. Noch waren keine zwei Stunden vergangen,
als die Erde bereits in Form eines gewaltigen leuchtenden Mondes am
schwarzen Himmel hing, während der Mond selbst sie an scheinbarer Größe
bereits erheblich übertraf und an die rechte Seite des Raumschiffes trat.
»Wir hätten uns doch schwer machen sollen und aus der Anziehungskraft des
Mondes beschleunigte Reisegeschwindigkeit holen,« meinte jetzt Doktor
Müller.
»Gewiß! und dabei die Richtung nach dem Mars endgültig verfehlen,«
unterbrach ihn Monsieur Durand. »Dann könnten wir bis in die Unendlichkeit
im Weltraum umhertreiben und mit unserer Marsfahrt sähe es übel aus. Wir
wollen vielmehr auf dieser ersten Reise lieber zu vorsichtig als zu kühn
sein und solche Extrafahrten auf künftige Zeiten versparen.« Mit diesen
Worten schloß Monsieur Durand die Debatte über dieses Thema, und die
Reisenden verbrachten die folgenden Tage und Stunden teils im Gespräch,
teils in der Beobachtung des gestirnten Himmels, soweit sie nicht der Ruhe
und der Einnahme der regelmäßigen Mahlzeiten gewidmet waren. Nach der Uhr
konstatierten sie, wann ein Tag verflossen war. Eine andere Möglichkeit gab
es nicht, da sie ja hier in ständigem Sonnenlichte reisten. Die Sonne
durchflutete ihr Raumschiff und erleuchtete und erwärmte es mit ihren
Strahlen. Auf der der Sonne abgewandten Seite indessen bemerkten sie den
pechschwarzen gestirnten Himmel, und von Tag zu Tag wuchs an Größe und
Leuchtkraft ein einzelner Stern, das Ziel ihrer Reise, der Mars. Bereits
nach zehn Tagen stand er als blutroter Stern von Faustgröße am Himmel. Nach
fünfzehn Tagen erinnerte er bereits an den Mond, und nach zwanzig Tagen sah
man seine gewölbte Kugel mit allen ihren Einzelheiten im Weltraume
schwimmen.
»Jetzt wird die Sache kritisch,« begann nun Doktor Müller. »Unsere
Astronomen mußten zwar mit dem großen Abfahrtsrohr nach Möglichkeit auf den
Mars zielen, aber sie durften ihn unter keinen Umständen bis zum Treffen
genau aufs Korn nehmen. Sollten Sie so genau gezielt haben, daß unser
Raumschiff mitten auf die Marskugel trifft, so sind wir rettungslos
verloren. Ich habe kein Mittel, um das Raumschiff alsdann in eine andere
Richtung zu lenken. Während ich das Raumschiff wiederum schwer machen und
dadurch recht eigentlich an das Ziel heranholen kann, wenn es etwa zu weit
danebenging, habe ich keinerlei Möglichkeit, es von diesem Ziel zu
entfernen. Haben wir also glatten Kurs auf die Marskugel, so müssen wir mit
wenigstens dreißig Kilometer in der Sekunde auf seine Oberfläche stürzen
und unser Untergang wäre damit sicher. Kommen wir dagegen schräg neben der
Marskugel vorbei, so können wir uns im Augenblick des Vorbeifluges die
Schwere wiedergeben und dadurch in eine Kreisbahn um den Mars herum
einlenken. Weiter können wir die Geschwindigkeit unseres Raumschiffes
während dieser Rundfahrt durch das Luftmeer so weit abbremsen, daß wir
schließlich ohne jeden harten Stoß auf der Marsoberfläche landen. Nun, in
wenigen Stunden werden wir ja wissen, ob wir zersplittern müssen oder ob
wir von unseren Astronomen richtig bedient worden sind.«
»Sie sehen entschieden zu trübe,« begann jetzt Monsieur Durand. »Wenn uns
unsere Astronomen wirklich genau gegen das Zentrum der Marskugel
losgelassen haben, so haben wir immer noch Gelegenheit, uns vom einen oder
anderen der Marsmonde von diesem gefährlichen Kurse abziehen zu lassen.
Beobachten wir also beizeiten und benutzen wir nötigenfalls die Marsmonde
als Notweichen.«
Unter solchen Reden verging Stunde um Stunde, und die Marsscheibe begann
einen immer größeren Teil des Himmelsraumes vor den Reisenden einzunehmen.
Angestrengt beobachteten diese ihre Fahrtrichtung und behielten fortwährend
den Marsrand im Auge.
»Hurra, wir kommen glücklich vorbei,« rief endlich Doktor Müller nach
mehrstündiger Beobachtung. »Wir brauchen vorläufig gar nichts zu tun.
Unsere Astronomen haben erstaunlich gut gerechnet und gerichtet.«
In der Tat wurde der Lauf des Raumschiffes immer schräger zur
Marsoberfläche, und man konnte deutlich wahrnehmen, wie sich die Wölbung
der Kugel unter dem Raumschiffe in drehender Bewegung zu befinden schien.
»Ein gutes Zeichen!« bemerkte Monsieur Durand. »Wenn wir gerade auf den
Mars träfen, müßte er ohne solche scheinbare Drehung auf uns zukommen.
Jetzt bemerken wir solche Drehung, wie sich die Felder vor unseren Augen
drehen, wenn wir in der elektrischen Bahn mit fünfhundert Kilometern in der
Stunde an ihnen vorbeifahren.« In der Tat hatten die Reisenden immer noch
nicht das Gefühl des Falles. Die gewaltige Marsfläche schien unter ihnen
vorbeizuziehen, während ihr Auge auf wolkige Gebilde, grünlichen Schimmer
und bläuliche, an Wasserspiegel erinnernde Blitze fiel.
»Er sieht nicht viel anders aus als unsere gute Erde, als wir sie
verließen,« bemerkte Doktor Müller. »Aber jetzt ist es Zeit, daß wir uns
etwas schwer machen, um im Bereich der Marsanziehung zu bleiben und den
großen Pufferstoß in seiner Atmosphäre zu unternehmen.« Mit diesen Worten
warf er einen Augenblick einen Hebel herum, und aus tausend feinen Röhrchen
rieselte die schwermachende Flüssigkeit auf die Platten des Raumschiffes
herab. Einen Augenblick nur war der Hebel geöffnet gewesen, aber man merkte
deutlich die Wirkung. Die Marsfläche, welche sich bereits wieder ein wenig
entfernt hatte, schien näher zu kommen, und die gerade Fahrt des Schiffes
ging in eine kreisförmige über.
Stunde um Stunde verrann, und immer näher kam die schnell vorbeiziehende
Oberfläche des Planeten ihren Blicken. Als sie jetzt wieder, in die
Beobachtung des Planeten versunken, am Fenster standen, zog Doktor Müller
plötzlich die Hand von der Wand des Schiffes zurück.
»Wir befinden uns bereits in der Marsatmosphäre,« rief er gleichzeitig.
»Die Reibung ist so stark, daß sich die Wände bei einer Geschwindigkeit von
rund vier Meilen in der Sekunde, die wir gegen diese Atmosphäre haben,
merklich erhitzen. Wir dürfen nicht zu schnell fallen, nicht zu schnell in
dichtere Luftschichten kommen, sonst schmilzt unser ganzes Raumschiff.
Unsere Geschwindigkeit muß langsam vermindert werden.« Mit diesen Worten
setzte er ein anderes Röhrensystem in Tätigkeit, durch welches ein
beträchtlicher Teil des Raumschiffes wieder abarisch gemacht wurde, und
gleichzeitig stellte er die Heizung des Schiffes ab, denn die Temperatur im
Innern hatte bereits eine ungemütliche Höhe erreicht. Nur noch ganz langsam
kam das Schiff der Marsoberfläche näher, aber während es Meile um Meile
voranschoß, verlor es Kilometer um Kilometer seiner großen
Eigengeschwindigkeit durch die Reibung in der Marsatmosphäre. Immer
langsamer flog die Oberfläche unter ihm dahin, immer näher kam es ihr. »Wir
müssen vorsichtig sein,« meinte Doktor Müller. »Mit einer Geschwindigkeit
von höchstens noch ein bis zwei Metern in der Sekunde und mit einem
Niederfall von höchstens einem Millimeter in der Sekunde dürfen wir
irgendwo auf der Marsoberfläche landen, wenn wir unser Raumschiff nicht
ernstlich gefährden wollen.«
So begannen nun die Landungsmanöver. Nach Stunden war aus dem
Weltraumschiff ein veritabler Luftballon geworden. Nur ein wenig schwerer
als die ihn tragende Luft, senkte er sich ganz allmählich und mit leichtem
Schwanken auf einen baumfreien Gebirgskamm hernieder, während seine
Vorwärtsbewegung beinahe gänzlich aufgehört hatte. Zum Schluß noch ein
leichtes Scharren und Schürfen. Dann hatte das erste Weltraumschiff der
Erde auf dem Mars Anker geworfen.