V.

Unsere Reisenden hatten sich, wie bereits erzählt, in dem Raumschiff

häuslich eingerichtet und den Augenblick der Abfahrt ohne nennenswerte

Erschütterung überstanden.

»Da sehen Sie, wie vorteilhaft sich mein System von demjenigen der alten

Mondartilleristen unterscheidet,« begann Doktor Müller die Unterhaltung,

als sich das Raumschiff unter leichtem Rucken und Schüttern in Bewegung

setzte. »In früheren Zeiten gab es den furchtbaren Stoß einer gewaltigen

plötzlichen Pulverexplosion unter derartigen interplanetarischen

Geschossen. Nach meinem System setzt auch die Beschleunigung allmählich,

wenn auch schnell steigend ein und praktisch spüren wir kaum etwas von der

ganzen Abreise.«

»Ich bin überzeugt, daß Ihr System einen bedeutenden Fortschritt darstellt

und uns hoffentlich zum erwünschten Ziele bringen wird,« erwiderte Monsieur

Durand und dann taten die beiden Reisenden das Gleiche, wie die

Zurückgebliebenen auf der Erde, nämlich sie begannen lebhaft und mit

liebevoller Hingabe an das Gebotene zu frühstücken. Das hinderte sie

freilich nicht, gelegentlich Blicke durch die an zahlreichen Stellen des

Raumschiffes angebrachten Fensterscheiben auf die entschwindende Erde und

den herannahenden Mond zu richten. Noch waren keine zwei Stunden vergangen,

als die Erde bereits in Form eines gewaltigen leuchtenden Mondes am

schwarzen Himmel hing, während der Mond selbst sie an scheinbarer Größe

bereits erheblich übertraf und an die rechte Seite des Raumschiffes trat.

»Wir hätten uns doch schwer machen sollen und aus der Anziehungskraft des

Mondes beschleunigte Reisegeschwindigkeit holen,« meinte jetzt Doktor

Müller.

»Gewiß! und dabei die Richtung nach dem Mars endgültig verfehlen,«

unterbrach ihn Monsieur Durand. »Dann könnten wir bis in die Unendlichkeit

im Weltraum umhertreiben und mit unserer Marsfahrt sähe es übel aus. Wir

wollen vielmehr auf dieser ersten Reise lieber zu vorsichtig als zu kühn

sein und solche Extrafahrten auf künftige Zeiten versparen.« Mit diesen

Worten schloß Monsieur Durand die Debatte über dieses Thema, und die

Reisenden verbrachten die folgenden Tage und Stunden teils im Gespräch,

teils in der Beobachtung des gestirnten Himmels, soweit sie nicht der Ruhe

und der Einnahme der regelmäßigen Mahlzeiten gewidmet waren. Nach der Uhr

konstatierten sie, wann ein Tag verflossen war. Eine andere Möglichkeit gab

es nicht, da sie ja hier in ständigem Sonnenlichte reisten. Die Sonne

durchflutete ihr Raumschiff und erleuchtete und erwärmte es mit ihren

Strahlen. Auf der der Sonne abgewandten Seite indessen bemerkten sie den

pechschwarzen gestirnten Himmel, und von Tag zu Tag wuchs an Größe und

Leuchtkraft ein einzelner Stern, das Ziel ihrer Reise, der Mars. Bereits

nach zehn Tagen stand er als blutroter Stern von Faustgröße am Himmel. Nach

fünfzehn Tagen erinnerte er bereits an den Mond, und nach zwanzig Tagen sah

man seine gewölbte Kugel mit allen ihren Einzelheiten im Weltraume

schwimmen.

»Jetzt wird die Sache kritisch,« begann nun Doktor Müller. »Unsere

Astronomen mußten zwar mit dem großen Abfahrtsrohr nach Möglichkeit auf den

Mars zielen, aber sie durften ihn unter keinen Umständen bis zum Treffen

genau aufs Korn nehmen. Sollten Sie so genau gezielt haben, daß unser

Raumschiff mitten auf die Marskugel trifft, so sind wir rettungslos

verloren. Ich habe kein Mittel, um das Raumschiff alsdann in eine andere

Richtung zu lenken. Während ich das Raumschiff wiederum schwer machen und

dadurch recht eigentlich an das Ziel heranholen kann, wenn es etwa zu weit

danebenging, habe ich keinerlei Möglichkeit, es von diesem Ziel zu

entfernen. Haben wir also glatten Kurs auf die Marskugel, so müssen wir mit

wenigstens dreißig Kilometer in der Sekunde auf seine Oberfläche stürzen

und unser Untergang wäre damit sicher. Kommen wir dagegen schräg neben der

Marskugel vorbei, so können wir uns im Augenblick des Vorbeifluges die

Schwere wiedergeben und dadurch in eine Kreisbahn um den Mars herum

einlenken. Weiter können wir die Geschwindigkeit unseres Raumschiffes

während dieser Rundfahrt durch das Luftmeer so weit abbremsen, daß wir

schließlich ohne jeden harten Stoß auf der Marsoberfläche landen. Nun, in

wenigen Stunden werden wir ja wissen, ob wir zersplittern müssen oder ob

wir von unseren Astronomen richtig bedient worden sind.«

»Sie sehen entschieden zu trübe,« begann jetzt Monsieur Durand. »Wenn uns

unsere Astronomen wirklich genau gegen das Zentrum der Marskugel

losgelassen haben, so haben wir immer noch Gelegenheit, uns vom einen oder

anderen der Marsmonde von diesem gefährlichen Kurse abziehen zu lassen.

Beobachten wir also beizeiten und benutzen wir nötigenfalls die Marsmonde

als Notweichen.«

Unter solchen Reden verging Stunde um Stunde, und die Marsscheibe begann

einen immer größeren Teil des Himmelsraumes vor den Reisenden einzunehmen.

Angestrengt beobachteten diese ihre Fahrtrichtung und behielten fortwährend

den Marsrand im Auge.

»Hurra, wir kommen glücklich vorbei,« rief endlich Doktor Müller nach

mehrstündiger Beobachtung. »Wir brauchen vorläufig gar nichts zu tun.

Unsere Astronomen haben erstaunlich gut gerechnet und gerichtet.«

In der Tat wurde der Lauf des Raumschiffes immer schräger zur

Marsoberfläche, und man konnte deutlich wahrnehmen, wie sich die Wölbung

der Kugel unter dem Raumschiffe in drehender Bewegung zu befinden schien.

»Ein gutes Zeichen!« bemerkte Monsieur Durand. »Wenn wir gerade auf den

Mars träfen, müßte er ohne solche scheinbare Drehung auf uns zukommen.

Jetzt bemerken wir solche Drehung, wie sich die Felder vor unseren Augen

drehen, wenn wir in der elektrischen Bahn mit fünfhundert Kilometern in der

Stunde an ihnen vorbeifahren.« In der Tat hatten die Reisenden immer noch

nicht das Gefühl des Falles. Die gewaltige Marsfläche schien unter ihnen

vorbeizuziehen, während ihr Auge auf wolkige Gebilde, grünlichen Schimmer

und bläuliche, an Wasserspiegel erinnernde Blitze fiel.

»Er sieht nicht viel anders aus als unsere gute Erde, als wir sie

verließen,« bemerkte Doktor Müller. »Aber jetzt ist es Zeit, daß wir uns

etwas schwer machen, um im Bereich der Marsanziehung zu bleiben und den

großen Pufferstoß in seiner Atmosphäre zu unternehmen.« Mit diesen Worten

warf er einen Augenblick einen Hebel herum, und aus tausend feinen Röhrchen

rieselte die schwermachende Flüssigkeit auf die Platten des Raumschiffes

herab. Einen Augenblick nur war der Hebel geöffnet gewesen, aber man merkte

deutlich die Wirkung. Die Marsfläche, welche sich bereits wieder ein wenig

entfernt hatte, schien näher zu kommen, und die gerade Fahrt des Schiffes

ging in eine kreisförmige über.

Stunde um Stunde verrann, und immer näher kam die schnell vorbeiziehende

Oberfläche des Planeten ihren Blicken. Als sie jetzt wieder, in die

Beobachtung des Planeten versunken, am Fenster standen, zog Doktor Müller

plötzlich die Hand von der Wand des Schiffes zurück.

»Wir befinden uns bereits in der Marsatmosphäre,« rief er gleichzeitig.

»Die Reibung ist so stark, daß sich die Wände bei einer Geschwindigkeit von

rund vier Meilen in der Sekunde, die wir gegen diese Atmosphäre haben,

merklich erhitzen. Wir dürfen nicht zu schnell fallen, nicht zu schnell in

dichtere Luftschichten kommen, sonst schmilzt unser ganzes Raumschiff.

Unsere Geschwindigkeit muß langsam vermindert werden.« Mit diesen Worten

setzte er ein anderes Röhrensystem in Tätigkeit, durch welches ein

beträchtlicher Teil des Raumschiffes wieder abarisch gemacht wurde, und

gleichzeitig stellte er die Heizung des Schiffes ab, denn die Temperatur im

Innern hatte bereits eine ungemütliche Höhe erreicht. Nur noch ganz langsam

kam das Schiff der Marsoberfläche näher, aber während es Meile um Meile

voranschoß, verlor es Kilometer um Kilometer seiner großen

Eigengeschwindigkeit durch die Reibung in der Marsatmosphäre. Immer

langsamer flog die Oberfläche unter ihm dahin, immer näher kam es ihr. »Wir

müssen vorsichtig sein,« meinte Doktor Müller. »Mit einer Geschwindigkeit

von höchstens noch ein bis zwei Metern in der Sekunde und mit einem

Niederfall von höchstens einem Millimeter in der Sekunde dürfen wir

irgendwo auf der Marsoberfläche landen, wenn wir unser Raumschiff nicht

ernstlich gefährden wollen.«

So begannen nun die Landungsmanöver. Nach Stunden war aus dem

Weltraumschiff ein veritabler Luftballon geworden. Nur ein wenig schwerer

als die ihn tragende Luft, senkte er sich ganz allmählich und mit leichtem

Schwanken auf einen baumfreien Gebirgskamm hernieder, während seine

Vorwärtsbewegung beinahe gänzlich aufgehört hatte. Zum Schluß noch ein

leichtes Scharren und Schürfen. Dann hatte das erste Weltraumschiff der

Erde auf dem Mars Anker geworfen.

Die Reise zum Mars · 第 5 / 9 题