Es gab zuerst ein Gelächter: »Hahaha! Michael Lestyák! Hehehe!«

Aber bald begegneten diese Stimmen anderen, welche vielleicht aus

Gewohnheit »Eljen«[3] schrien.

[3] Hoch!

Und nach ihnen schlossen sich hunderte von Stimmen dem ersten »Eljen«

an und wuchsen zu einem breiten, durchdringenden Schrei an ... Wenn

das erste »Eljen« bescheidener und das erste »Hahaha« frischer gewesen

wäre, dann hätte sich das »Eljen« geteilt und das himmelstürmende

Geschrei hätte jetzt so geklungen wie das Lachen der Hölle: Hahaha,

Hihihi!

Je größer die Masse ist, desto leichter ist sie. Wie ein weicher

Flaum, welchen der erste Windhauch in die Höhe trägt, schwankt sie

nach rechts und links.

Bei den stürmischen Eljenrufen ergoß sich das Volk aus den Gassen. Von

allen Seiten liefen Neugierige herbei. Einige kamen mit Wasserkübeln

und riefen: »Wo ist das Feuer?« oder sie gebrauchten Fragen wie: »Was

giebt's? Was ist geschehen?«

Das Thor des Stadthauses öffnete sich und die Senatoren traten zu

zweien heraus, in der Mitte Michael Lestyák.

»Er kommt! Er kommt!« Es entstand ein furchtbares Gedränge. Jedermann

wollte ihm nahe kommen.

Er schritt stolz, würdevoll einher, wie wenn er nicht mehr der Michael

wäre. Die Röte der Jugend brannte auf seinen Wangen, die Augen ließ er

lächelnd über die Menge schweifen, wie sich dies für ein Glückskind

ziemt.

Ihm zur Seite schritten zwei Heiducken[4] mit hocherhobenen Stäben,

gleichwie einstmal die Liktoren der römischen Konsuln. Das waren die

Attribute der Macht.

[4] Komitats-Polizisten.

Allein es war unserem wohlgeborenen Herrn Richter recht wohl zu gönnen

-- denn das zweiundzwanzigjährige Bürschchen in Hemdärmeln und

abgeschabter Weste nahm sich unter den ansehnlichen Senatoren in

silberknöpfigen Dolmans[5] etwas sonderbar aus. Vielleicht auch war

gerade dies die Sehenswürdigkeit, ob welcher das Volk in Jauchzen

ausbrach.

[5] Mänteln.

Der alte Lestyák wurde bald bleich, bald purpurrot. »Mein Gott, mein

Gott, träume ich denn?« (Und dabei rieb er sich die kleinen grauen

Augen, vielleicht auch wischte er eine vordringliche Thräne weg.)

»Nachbar, stützen Sie mich!« Und in der That wäre er zusammengesunken,

hätte Valentin Katona ihn nicht aufrecht gehalten.

»Na, jetzt möge Ew. Wohlgeboren den Oberrichter der Stadt mit dem

spanischen Rohr bearbeiten, wenn Sie ein solch großer Potentat sind.«

Er antwortete nichts, allein der Stock entfiel seiner kraftlosen Hand;

er schloß die Augen, allein selbst im Dunkeln fühlte er das Nahen des

Oberrichters; er sprang mit einem Satz, wie ein Hamster, auf ihn zu

und bedeckte ihn mit der ungebügelten neuen Mente, welche noch die

weißen Nähte und die Kreidestriche des Schneiders aufwies.

Die Menge nahm auch dies mit brausendem Beifall auf, nur Valentin

Katona rief spaßhaft aus: »Halloh! Gevatter Mathias! In welchem Kleid

geht denn nunmehr der Halaser Bürgermeister nach Fülek?«

Der alte Schneider antwortete in verbissenem Trotz: »Er soll im

Szür[6] dahin. Dazu ist er mir ein zu kleiner Mann, daß ich ihm eine

Mente nähe.«

[6] Eine Art Weste.

Und damit brach er sich, gleich einem wildgewordenen Stier einen Weg

durch die Menge, stürzte nach Hause, in den kleinen Garten vor seinem

Häuschen, wo ein großer Birnbaum seine rostroten Früchte begehrenswert

hängen ließ und seine mächtigen Zweige auf die Straße hinausstreckte.

Rasch wie ein Eichhorn kletterte er bis zur Krone hinauf und wie

wahnsinnig begann er an den oberen Zweigen zu rütteln. Die herrlich

duftenden Birnen, seine eifersüchtig gehüteten Schätze fielen dicht in

die Menge »Czup, czup«, und die Kinder und Weiber warfen sich auf den

Himmelssegen, gleich wie das Volk sich auf das Gold stürzt, das der

Oberstkämmerer bei der Krönung in die Luft streut. Auch bejahrte

Männer beugten sich nieder nach den rollenden Birnen.

»Esset euch toll und voll! Da habt ihr eine Mahlzeit!« schrie der Alte

und rüttelte und schüttelte wild an dem alten Baum, so lange dieser

auch nur eine einzige Birne trug.

.... So beging er die Installation seines Sohnes.

Drittes Kapitel.

Der erste Rausch der Oberrichterwahl war vorüber. Am dritten Tag war

das Publikum ernüchtert.

»Es war doch nur eine Dummheit,« sagte man. »Ein wahrhaftiger

Faschingsscherz.«

»Man macht die Stadt lächerlich!« ließen manche sich vernehmen.

»Das haben die Pfiffikusse, die Senatoren gethan, damit sie ihrer

eigenen lieben Haut zum Winterschlaf verhelfen.«

Hier und dort brach auch der Ärger hervor, verriet sich der Neid und

ließ die Unzufriedenheit eine ihrer Blüten sehen.

Allein die nüchternen Machthaber beeilten sich den neuen Oberrichter

anzuerkennen.

Zülfikar Aga schrieb ihm einen freundlichen Brief aus »der

wohlgehüteten Festung Szolnok«, daß er sein Amt mit einer edlen That

beginnen könnte, wenn er die bei ihm, dem Aga, befindlichen beiden

Einsiedler auslösen wollte.

Herr Stefan Csuda bat in ziemlich freundlichem Tone um vier

Wagenladungen Brot.

Nur der Vertrauensmann des Ofner Kaimakam, Halil Effendi, der nach

Kecskemét kam, um hier Steuerangelegenheiten zu ordnen, fuhr im

Stadthause wütend auf, daß man ihn mit einem bartlosen Jüngling

unterhandeln lasse, worauf der Oberrichter sich auf den Fersen

umdrehte und die Thür heftig zuwarf. Einige Minuten später erschien

der Heiducke Pintyö, einen alten Ziegenbock am Stricke nach sich

schleppend.

»Was willst du mit dem dummen Vieh, du ungläubiger Hund?«

»Ich brachte es auf Befehl des Herrn Oberrichters. Der Herr möge mit

dem Bock da unterhandeln, der hat einen Bart.«

Dieser Trumpf gefiel in Kecskemét und die Wage sank zu Gunsten Miskas.

»Das wird ein Mann! Der läßt nicht mit sich umspringen. Er hat's dem

Effendi tüchtig gegeben. Einen solchen Oberrichter hatten wir noch

nicht.« Und sie beobachteten ihn seither sehr aufmerksam, was wohl aus

ihm werden würde. Und richtig brachte fast jeder Tag der öffentlichen

Meinung eine kleine Delikatesse. Man erzählte sich, der Oberrichter

habe den Goldschmied Johann Balogh und den aus Kronstadt hierher

verschlagenen berühmten Goldschmied Wenzel Walter zu sich berufen: sie

mögen eine Peitsche anfertigen, deren Griff aus reinem Gold sein

solle, ausgelegt mit Topasen, Smaragden und anderen strahlenden

Edelsteinen, ferner einen Filigran-Fokosch, dessen Stiel gleichfalls

Gold und dessen Scheide reines Silber sein müsse. Sie mögen den Tag

nicht für die Nacht ansehen, sie mögen's vielmehr umgekehrt thun.

Diese beiden wertvollen Dinge verschlängen eine Million. (Ja, hat denn

die Stadt für dergleichen Dinge Geld?) Am folgenden Sonntag gingen die

Richter und die beiden Senatoren sämtliche Geschäftsläden durch und

kauften den gesamten Vorrat an nationalfarbenen Bändern auf, alsdann

fuhren sie mit den vier Pferden der Stadt nach dem »Szikra« hinaus.

Der Szikra ist die Sahara der Stadt Kecskemét. Ein Meer aus Sand.

Seither haben die Enkel dort Bäume gepflanzt, damals war der Sand noch

frei, er wanderte und rollte in hohen, wilden Wellen, nach seinem

Gefallen ins Unendliche. Ringsumher auf einem unendlichen Gebiete

weder Wasser, noch Pflanze; die Sonne sendet ihre Strahlen in

lilienweißer Farbe auf die Milliarden winziger Sandkörner, welche sich

in augenblendender Schnelligkeit bewegen, wie wenn Tausende

unsichtbarer Besen unaufhörlich arbeiten würden, oder nur der

Sonnenstrahl sich auf ihnen bewegt und umherspringt. Von einem Tier,

einem lebenden Wesen ist keine Spur vorhanden. Dieses Landgebiet kann

nicht einmal einen kleinen Maulwurf hervorbringen. Denn dieses Gebiet

ist nur auf der Durchreise begriffen. Hier kann niemand zu Hause sein,

da die Erde selbst nicht zu Hause ist. Auch ein Maulwurf liebt es,

wenn er seinen Bau verläßt, ihn wieder vorzufinden. Ei, wer würde es

versuchen hier auch nur einen einzigen Sandhügel zu bezeichnen, den er

morgen wiederfindet? Die Hügel ziehen fort wie der unstäte Wanderer,

sie lösen sich und bilden sich an anderer Stelle wieder. ... Es

herrscht tiefe Totenstille. Nur zuweilen zwitschert eine Schwalbe oben

in der Luft, welche es nicht verschmäht, dort vorbeizufliegen. Weit,

sehr weit schnattert ein Wildentenpaar. Dort ist irgendwo ein Weiher.

Wenn die Sonne aufgeht, ringt sie sich aus einem Sandhügel empor und

sinkt am Abend wieder auf einen Sandhügel herab. Die Sonne selbst

erscheint als ein glänzender Sandhügel, dessen goldener Staub aus der

Höhe auf die graubraune einförmige Welt herabweht. Lange, lange muß

man wandern, bis endlich unwillkürlich ein Freudenruf auf die Lippen

kommt. Jetzt kann das Wasser schon nicht mehr weit sein. Zwischen

zwerghaften Weiden windet sich die romantische Theiß, unser

Süßwasserfluß. Links erglänzt eine kleine Hütte. Üppige Weiden breiten

sich hinter ihr aus, mit wehendem Röhricht. Den Oberrichter

interessierte das Leben der Pußten; er betrachtete Alles der Reihe

nach. Dann befahl er den Ochsen- und Pferdehirten, daß von heute in

vier Wochen bei Sonnenaufgang hundert schön gehörnte weiße Ochsen und

fünfzig der fehlerfreiesten Hengste, deren Mähnen mit nationalfarbenen

Bändern geschmückt, vor dem Stadthause stehen müssen. Auch von den

Hörnern der Ochsen sollen nationalfarbene Bänder herabwehen. Diese

Verfügung blieb nicht geheim, sobald die Herren nach Hause kamen, und

wenn es schon damals in Kecskemét Zeitungen gegeben haben würde, so

hätte der verantwortliche Redakteur diese Nachricht im Entrefilet

veröffentlicht. So aber sprachen die Bürger nur bei den Weinhumpen

davon: »Goldener Fokos! Mit nationalfarbigen Bändern geschmückte

Ochsen und Pferde! Vielleicht will der Sohn des Königs sich bei der

edlen Stadt als Hirt verdingen.« Aber noch größer wurde das Staunen am

anderen Tage, als Gyurka Pintyö es bei Trommelwirbel in den

Hauptgassen mit seiner groben Stimme verkündete:

»Drum! Brum! Es wird allen jenen, welche es betrifft, kundgegeben!«

Hier pflegte in der Regel der trommelrührende Gyurka eine Pause zu

machen und seinen einem Sellerie ähnlichen Kopf zur Seite zu neigen,

wie eine traurige Gans, aber so geschickt, daß sein Mund bis an den

Rand der in der inneren Tasche seines Dolmans verborgenen Holzflasche

kam, aus welcher er einen guten Schluck that und dann mit durchnäßter

Kehle donnernd fortfuhr: »Daß, wer die Gemahlin des türkischen Kaisers

werden will, sich bis Sonntag bei dem wohledlen Herrn Oberrichter

melden soll.«

Darauf entstand natürlich ein Hin- und Hergerede. »Ist der Oberrichter

wahnsinnig geworden.«

»Ein unreifer Knabe!« brummten Viele. Die Eingeweihten, welche wußten,

was der Zweck sei, schüttelten die Köpfe. »Es wird keine Wirkung

haben.« Die Naiven jedoch erstaunten und freuten sich über die

Auszeichnung, denn es ist doch schön, daß der türkische Kaiser seine

Frau aus Kecskemét wählt. Se. Majestät hat einen guten Geschmack.

(Jetzt möge Nagy-Körös reden!) Mädchen und junge Witwen besprachen

erstaunt die interessante Neuigkeit. Sie spotteten und überhäuften

einander mit mutwilligen Reden fünf Tage lang am Brunnen. Der Plan des

Oberrichters streckte wie die Schnecke seine Hörnchen immer weiter

hinaus. Es kam die Nachricht, daß der Sultan Mahomet IV. nach Ofen

käme, auch erzählte man, daß man ihm die hundert Ochsen und fünfzig

Hengste bringe und daß für ihn die Senatoren als Geschenk die vier

schönsten Kecskeméter Mädchen auswählen.

»Nur vier?« rief mutwillig die schöne Frau Paul Inokai aus; »armer

türkischer Kaiser!«

»Und wenn du noch wüßtest, Schwester Borcsa,« erklärte Mathias Tóth,

»daß er zu Hause noch dreihundertundsechsundsechzig Frauen hat.«

»Er muß viel zu thun haben,« warf die geistreiche Frau Georg Ugi ein,

»bis er sie alle des Morgens durchprügelt.« (Und sie schnalzte

mutwillig mit der Zunge.) Ein heller Weiberverstand, derjenige der

Kata Agoston, entdeckte sofort unter den vielen Frauen die

unglücklichste. »Was aber kommt auf die Arme, welche am 29. Februar an

der Reihe ist, in einem Jahre, wo der Februar nur 28 Tage hat?«

Das konnte wirklich selbst Mathias Tóth nicht beantworten, er brummte

etwas, daß bei den Türken ein anderer Kalender sei, aber das hinderte

nicht, daß ein bis zum Weinen gehendes Mitleid über die

dreihundertsechsundsechzigste Frau sich der Weiber bemächtigte. (O,

arme, unglückliche Seele.) Dann gewann die Neugierde die Oberhand, wer

wohl die Unverfrorenheit haben wird, sich zu melden? Obwohl es keine

Narrheit wäre, zu erfahren, welche die vier schönsten Rosen in dem

Blumengarten Kecskeméts seien, welche der Magistrat auswählen würde?

Heimlich beschäftigten sich gewiß wieder eitle Herzen mit dem eitlen

Gedanken. Aber die Schamhaftigkeit sagte: »Still!« Das Gesicht des

Oberrichters nahm auch alsbald eine enttäuschte Miene an. Bis zum

Sonntag blieb kein einziges Fischlein an der Angel hängen. Das heißt,

daß Frau Fábián mit bemalten Augenbrauen, gesteiften Röcken hinkam.

»Rathen Sie, Herr Oberrichter, warum ich kam?« sprach sie mit ihrem

Blicke kokettierend.

»Vielleicht kamen Sie um Steuer zu zahlen?«

»Aber gehen Sie doch.« Und mit ihrem Spitzentuche wehte sie Lestyák

kokett zu.

»Vielleicht kamen Sie um jemanden anzuklagen?«

»Nein!«

»Vielleicht sammeln Sie für die Pfaffen,« fuhr der Oberrichter fort.

Frau Fábián neigte traurig das Haupt und seufzte: »Wenn Sie es nicht

erraten, dann würde ich es vergeblich sagen.« Es lag in ihrer Stimme

eine Art schmerzlicher Entsagung, eine seelenerschütternde

Melancholie.

»Was! Sie kommen doch vielleicht nicht, um sich zu melden!«

»Ich bin Witwe,« sagte sie schamhaft.

»Das ist ein Grund. Hm!«

»Ich thue es der Stadt zuliebe,« fuhr sie, bis zu den Ohren errötend,

fort.

»Aber was würden Pater Bruno, Pater Litkei dazu sagen?« murmelte der

Oberrichter halb zornig, halb lachend, »welche Sie fast zur Heiligen

gemacht haben.«

»Ich werde eine Messe für meine Seele lesen lassen. Meine Seele wird

auch fernerhin der Kirche bleiben, meinen Körper opfere ich für die

Stadt.«

»Schön! Schön! Ich werde Ihren Namen notiren.«

Noch einige aufgeblasene Gesichter meldeten sich außer ihr. Panna Nagy

aus der Czeglédergasse, Witwe Frau Kemenes, Maria Bán. Einige jagte

der Oberrichter aus seinem Zimmer hinaus. »Wirst du dich von hier

packen, du Scheusal, wem zum Teufel kannst du gefallen?« Einem

blatternarbigen Mädchen sagte er zornig: »Hast du zu Hause keinen

Spiegel?«

»Ich habe keinen, wohledler Herr Oberrichter.«

»Dann geh', mein Kind, suche dir irgendwo einen Kübel Wasser,

betrachte dich darin und komme zurück, wenn du den Mut hast.«

Alle diese Details erregten in den wohlinformierten Kreisen große

Heiterkeit. Am nächsten Tage, Montag, war Senatssitzung und die

Senatoren selbst ließen einige bissige Bemerkungen über das

resultatlose Unternehmen fallen. »Nun, befindet sich schon jemand im

Käfig?«

»Keine einzige ist geeignet,« antwortete Lestyák zornig.

Herr Gabriel Poroßnoki lächelte gemütlich.

»Wir haben uns verrechnet. Es wäre leichter für den Kaiser in

Kecskemét vier Mütter zu finden, als vier Odalisken,« sagte der

Oberrichter dezidiert. Er war hartnäckig und unbeugsam in Dingen, die

er sich einmal in den Kopf gesetzt hat. »Wir können nicht ohne Bouquet

gehen.« Und damit schob er den Senatoren den vertraulichen Brief des

Ofner Sandschakpaschas hin, der auf die Erkundigung, welches Geschenk

Sr. Majestät angenehm wäre, mit orientalischer Dunkelheit erwiderte:

»Bring' ihm Pferde, Waffen, Braten und Blumen!«

Die Blumen müssen da sein. Punktum. Freilich meldete sich bisher

niemand -- weil noch keine Lockspeise ausgesetzt war. Der türkische

Sultan ist in der That keine solche. Wer schwärmt für den türkischen

Sultan? Wenn es noch irgend ein reicher, strammer Müller aus der

Theißgegend wäre, in einem hübschen, fest anliegenden hechtgrauen

Dolman, in Stiefeln und wenn er eine legitime Gattin suchen würde.

Aber der türkische Sultan! Von dem die Frauen unserer Gegend nur

wissen, daß er der Pascha der Paschas ist. Selbst der Spatz würde sich

ja nicht in den Hinterhalt locken lassen, in den aus weißen

Pferdehaaren gewundenen Ring, wenn zwischen den Strohhalmen nicht

rötliche Fruchtkörner hervorscheinen würden. Selbst die kleine Maus

würde nicht in die Falle gehen, wenn darin nicht das weiße Speckstück

verlockend glänzen würde. Auch den Kecskeméter Mädchen muß man die

Lockspeise ausstecken. Und was kann diese Lockspeise sein? Nun, du

lieber Himmel, was anders, als -- die Kleider. Perlen, Bänder,

Spitzen. Auch das ist eine heilige Dreifaltigkeit der Hölle. Von

Belzebub angefangen waltet darin jeder Teufel; der eine ruft: »Komm,

betrachte mich,« der andere ermutigt: »Probiere mich,« der dritte

flüstert: »Sei verdammt meinetwegen.«

Michael Lestyák sandte dazu geeignete Frauen aus, die einen nach

Szegedin, die anderen nach Ofen zu den türkischen Kaufleuten, damit

sie die schönsten Seidenbrokatstoffe zusammenkaufen: mit Gold- und

Silberblumen durchwirkte Stoffe, feine Blondspitzen, rubinenbesetzte

Gürtel. Sie wurden beauftragt, alles in der glänzendsten Pracht

auszuwählen. Ihr Sinn soll so darauf gerichtet sein, als handelte es

sich darum, vier Prinzessinnen für den Ball herauszustaffieren.

Der alte Lestyák selbst ruhte nicht, er setzte sich auf einen Wagen im

Auftrage seines Sohnes, um die benachbarten herrschaftlichen Familien

aufzusuchen: Die Vays, Fáys und Bárius, für welche er arbeitete (denn

er war weit und breit als ein meisterhafter Schneider berühmt), damit

er von ihnen für städtische Gemeinzwecke (denn auch sie alle sind

Grundbesitzer in Kecskemét) die Kleider nähenden Fräulein erbitte.

Überall waren die Herrschaftsdamen, die »Patrone der Stadt«, gnädig.

Meister Mathias konnte mit einer ganzen Wagenladung Fräulein nach

Hause kommen. Als in großen Kisten auch die Ware ankam und alles

bewundernswert war, begann unter der Aufsicht Mathias Lestyáks die

fieberhafte Thätigkeit bei Tag und Nacht. Die Scheren, Fingerhüte

klapperten, die Nadeln funkelten und nach und nach begannen die vielen

Sammet- und Seidenstücke Gestalt zu gewinnen. Auch Hauben wurden

verfertigt, für zwei Jungfrauen und zwei Frauen. Man braucht

vielleicht nicht zu sagen, daß, so viele Mädchen und Frauen es gab,

sie alle von diesen Wunderkleidern bei Tag sprachen und bei Nacht

träumten. Es wäre alles im besten Flusse gewesen, wenn der Quardian

Bruno und Pater Litkei sich nicht eingemischt hätten. Diesen gefiel

nämlich der Plan keineswegs, daß in Kecskemét eine türkische Behörde

sein und dies die Stadt gar selbst erbitten solle. »Wer Jehovas

Getreuer ist, der soll mit Allah nicht kokettieren. Denn den treulosen

Diener verstößt der eine Herr und der andere nimmt ihn nicht auf. Seid

auf der Hut, Kecskeméts gottesfürchtige Einwohner.« Sie schimpften,

hielten aufreizende Reden gegen den neuen Oberrichter, der mit den

Türken gemeinsame Sache macht, indem er ihnen die Stadt des heiligen

Nikolaus zuschanzen will, die Jungfrauen raubt und das Seelenheil

verkauft.

Das Ungarherz ist ein guter trockener Zündschwamm: jeder Funke fängt.

Immer mehr Menschen wurden aufgeregt. Am folgenden Sonntag sammelten

sich unruhige Gruppen nach der heiligen Predigt vor dem Stadthause an,

welche mit drohenden Handbewegungen schrien: »Nieder mit dem

Oberrichter! Nieder mit den Senatoren!« Besonders die Katholiken waren

stark irritiert. Die Lutheraner, deren Vorfahren vor mehr als hundert

Jahren eingewandert sind und die aus Tolna hiehergekommenen Kalviner,

welche in jener Zeit abgesondert in der Friedhofgasse wohnten, liebten

ein wenig die mit den protestantischen Siebenbürger Fürsten

paktierenden Ungläubigen. Den Protestanten erscheint der Turban ebenso

absonderlich wie die Tiara.

Die Herren Poroßnoki und Agoston liefen erregt zum Oberrichter: »Es

steht sehr schlecht. Das Volk unten ist empört. Hören Sie das nicht?«

»Ich höre es,« antwortete er gleichmütig.

»/Quid tunc?/ Sollen wir unseren Plan aufgeben?«

Max sah sie spöttisch an. »Die Frage ist, ob er schlechter sei,

seitdem der Quardian ihn hintertreibt?«

»Er ist nicht schlechter geworden,« sagte Poroßnoki, »aber wir müssen

mit den Eventualitäten rechnen. In zwei Wochen werden die beiden

Patres, welche großen Einfluß auf das Volk haben, dasselbe mit Hauen

und Hacken gegen uns treiben.«

»Die Frage ist, ob wir das Schicksal Kecskeméts entscheiden oder die

Gasse? Ich glaube, wir. Es wird also bleiben, wie wir es beschlossen

haben.«

Mit so viel Energie sprach der junge Oberrichter diese Worte aus, daß

sie selbst dem eisernen Charakter Poroßnokis imponierten, nur

Christoph Agoston hätte gern ein wenig gestritten. »Der Trotz ist

nicht immer vernünftig, Herr Oberrichter. Das Übel ist da! Dagegen muß

man etwas thun, ehe es uns über den Kopf wächst.«

»Wir thun ja. Sie werden sich nach einer halben Stunde aufs Pferd

setzen.«

»Ich?«

»Sie reisen als geheimer Gesandter in einer wichtigen Angelegenheit.«

»Wohin?«

»Setzen Sie sich, wohledle Herren, aber legen Sie ein Schloß an Ihren

Mund, denn wer verrät, was ich sage, dem mache ich einen Strafprozeß.«

»Er spricht wie ein Diktator,« murrte der kränkliche Zaládi.

Unterdessen waren die Senatoren herein gekommen, blaß, mit

aufgedunsenen Gesichtern, einigen sah der Schreck aus den Augen.

»Hört! Hört!«

»Herr Agoston, Sie werden den Kurutzentrupp aufsuchen, namentlich

Stefan Csuda.«

»Diesen Dieb! Nun, dem werde ich es geben, er soll mir nur vor die

Augen treten.«

»Sie werden ihm nichts thun, sondern vielmehr mit ihm höflich

unterhandeln, um wie viel er geneigt wäre, noch einmal den Quardian

und Pater Litkei zu rauben -- aber sofort. Diese beiden Menschen haben

wir einige Zeit nicht nötig.«

Das ernste Gesicht der Stadtväter erheiterte sich zu einem Lächeln,

kein einziger war mehr blaß. Herr Poroßnoki schlug sich lustig mit der

Hand vor die Stirn. »Nun, das wäre mir auch nicht eingefallen. Eure

Gnaden sind ein geborener Diplomat.«

»Die Notwendigkeit ist ein guter Lehrer, oft ein besserer als die

Erfahrung. Über die Pfaffen haben wir keine Macht, wir können sie

weder gefangen nehmen, noch ihnen die Kanzel verbieten. Es giebt nur

ein Mittel: Stefan Csuda.«

»Wie viel kann ich versprechen?« fragte gut gelaunt der hinausgehende

Agoston.

»Sie können es billig abmachen, denn er hat jetzt nichts mehr zu thun,

überdies schlägt es in sein Fach. Versprechen Sie ihm die Hälfte von

dem, was er begehrt.«

Nach einer halben Stunde wirbelte bereits die Stute Agostons den Staub

aus der Czegléder Straße auf und am Abend des dritten Tages führten

die Csudas die frommen Mönche gebunden auf demselben Wege fort ... So

erfolgreich war die geheime Sendung des Herrn Christoph Agoston,

welche er bis zu seinem Todestage stets mit großer Vorliebe erzählte,

immer prächtiger, romantischer und in seinem Greisenalter mit den

prahlerischen Worten anfing: »Hei! Als ich noch plenipotenter

Gesandter war am Hofe Sr. Majestät des Herrn Thököly!«

Viertes Kapitel.

Die Pfaffen wurden weggeführt, die Kecskeméter Volksrevolution schlief

ein und der denkwürdige Tag rückte heran, an welchem man nach Ofen zog

mit den Geschenken -- zum türkischen Kaiser. Die Kleider waren fertig

und an den letzten drei Tagen wurden sie auf dem Stadthause zur

allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Nun, das gab eine Prozession.

Der Heiduck Pintyö behütete den großen Tisch, auf welchem die Schätze

verlockend ausgebreitet waren. Der alte Gyurka stand dort wie ein

Cherub, statt des Flammenschwertes hielt er den Haselnußstab in der

Hand. So schön war all der Flitter, daß er selbst darüber betroffen zu

sein schien. Solche Fetzen sind den Frauengesichtern eine große

Nachhilfe. Die hübscheren Frauenzimmer ermutigte er zuweilen, auch das

gehörte zu seinem Amte. »Probieren Sie es nur, mein Täubchen, dort im

anderen Zimmer.« Und wer hätte widerstanden? Gab es ein Herz, welches

nicht lauter gepocht hätte, einen Blick, der nicht gefangen genommen

worden wäre? Alle Pracht von »Tausend und eine Nacht« ist nichts

dagegen. Wie viele Mägdelein trippelten furchtsam wie Rehe um all

diese Herrlichkeiten und ließen die Blicke sanft über dieselben

schweifen, allein alsbald öffneten sich die Augen weit und begannen zu

leuchten wie zwei flammende Lichter, die Glieder begannen leise zu

beben, die Schläfen brannten und pulsierten rasch, und zu solcher Zeit

begann dann der Heiducke zu sprechen: »Probier's doch, mein Täubchen!«

Und sie probierten es und wären sie daran gestorben! Allein wehe, wer

den Glanz einmal angelegt. Herrliche Bänder wurden ihnen in die Haare

geflochten, der Leib wurde schlank geschnürt, man legte ihnen

wunderbar gestickte Hemden, Kleider aus himmelblauer Seide an, in

welche silberne Halbmonde gestickt waren, und dann die karmoisinroten

Stiefelchen und den blendenden Schmuck: »Na, mein Seelchen, jetzt

besieh dich doch einmal!« Man stellte einen Spiegel vor sie hin und

die Mädchen begannen zu jubeln vor Freude: sie sahen ein Feenmärchen.

Und wenn sie sich also bewunderten, vor Sehnsucht brennend, mit

wogendem Busen und mit dem süßen Hunger der Eitelkeit, da trat wieder

der Cherub vor: »Na, jetzt war's aber genug, entkleide dich -- oder

wenn es dir beliebt, so geh' für alle Zeit in solchen Kleidern

einher.«

Welche hätte wohl die Kraft, zu sagen: »Ich lache Euch aus« und das

bezaubernde Mieder zu öffnen, die wundervollen Kleidchen vom Leib zu

schälen, die reizenden Karmoisinstiefelchen abzulegen, den funkelnden

Schmuck abzulösen und wieder hineinzukriechen in die alten Kittel.

Alle wollten den Versuch machen -- keine einzige aber legte die

Herrlichkeit gern ab. Selbst ältere Frauenspersonen bekamen bald das

Fieber, sie hätten sich gern in diesen Kleidern gesehen -- und es

waren ihrer, bei Gott, solche, die man in Szegedin als Hexen verbrannt

hätte. Schließlich mußte gar ein Verbot erlassen werden. Nur die

Schönen, Waisen und Armen durften die Kleider probieren. Gevatter

Pintyö hatte es so weit gebracht: er bestimmte, wer schön sei. Paris

hatte nur einen Apfel, er hatte einen ganzen Korb voll. Man bewarb

sich aber auch um seine Protektion mit bezauberndem Lächeln, mit

Schinken und Kuchen, auch ein Krug voll Wein stellte sich von da und

dort ein. Denn es war ja das kein kleines Amt. Dies stellte sich

sozusagen erst später heraus, als es nach zehn, zwanzig Jahren den

Frauen ein gewisses Ansehen gab, wenn sie sagen konnten: »Oho, mich

hat kein Storch ausgebrütet, auf meinem Leib prangten auch einst die

Kleider der Lestyák.« Es wurde beinahe ein Sprichwort daraus. Wie erst

damals, als die Sache noch warm war, konnte es da gleichgültig sein,

wer die Kleider tragen durfte und wer nicht, wer amtlicherseits schön

gefunden wurde und wer unbrauchbar war? Gar viele bittere, brennende

Thränen wurden da geweint. Ich will den Alten nicht des Mißbrauchs der

Amtsgewalt anklagen, auch dessen nicht, daß er sich bestechen ließ (es

fiele auch ein wenig schwer, dies heute, nach zweihundert Jahren

beweisen zu wollen) aber Thatsache ist einmal, daß er gar viele

Taktlosigkeiten beging. Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem

Zigeunermädchen.

Es kam nämlich die Kleine, in Lumpen gehüllt, barfuß, zerzaust, ließ

die großen Augen über die Schätze hinfliegen und der Mund blieb ihr

offen stehen. Wie glänzende Perlen aus dem Orient funkelten die weißen

Zähne im roten Mündchen. (Der alte Esel nahm es gar nicht wahr.) Sie

war noch ein Kind, schlank zwar, aber kräftig gebaut. Lange strich sie

um die Schätze herum, zauderte, bis sie den Heiducken endlich

anredete: »Und ich -- darf ich wohl?«

Gyuri Bácsi blieb erst wie Eis, dann sagte er verächtlich: »Wozu ein

Hufeisen an einer Kröte Fuß? Geh' zum Teufel?«

Als wäre jedes Wort eine Wolke gewesen, die sich auf das Antlitz des

Mädchens herabließ, so traurig wurde das Kind. Selbst dieses wild

aufgewachsene Eichhörnchen wurde von dem Tand gebannt. Es wandte sich

ab und wischte mit dem Arm die hervorquellenden Thränen aus den Augen.

Zum Glück -- oder vielleicht zum Unglück -- war der Oberrichter eben

im Zimmer und betrachtete ihren Kummer. Er berührte mit der Hand ihre

Schulter. Erschreckt fuhr sie in die Höhe. »Wähle unter diesen

Kleidern und kleide dich an.«

Zagend schaute sie zu ihm auf. »Der erlaubt es nicht!« (Sie zeigte mit

einer Gebärde auf Pintyö.)

»Aber wenn ich es gestatte, ich, der Oberrichter der Stadt.«

Sie lächelte unter Thränen, indem sie ihn anschaute. »Du befiehlst

hier? Wahrhaftig?«

»Pintyö,« sprach der Oberrichter lächelnd, »tragen Sie der Kleinen das

schönste Kleid hinein. Sehen wir zu, was man aus ihr machen kann.«

Sie konnten es schon nach einer Viertelstunde sehen. Als sie aus dem

Ankleidezimmer trat, gewaschen und angekleidet, da hörte man ein

Murmeln der Bewunderung. Ist's ein Traumgebilde oder ein lebendes

Wesen? Sie war wie eine Königstochter von blendender Schönheit. Das

kirschrote seidene Leibchen ließ entzückende Formen vermuten, der Rock

schlängelte sich anmutig bis zu den Knöcheln. Ihre Lippen wetteiferten

an Röte mit dem Rubin und ihr tiefschwarzer Zopf lief so weit

hinunter, als er nur etwas von ihrem Körper, sich daran zu schmiegen,

fand.

»Wessen Tochter bist du?« fragte der Oberrichter entzückt.

»Des alten Bürü Tochter, der beim >Schmucken Husaren< zu musizieren

pflegt.« (Der >Schmucke Husar< war eine berüchtigte Csárda unter den

Tanyen[7] des Theißufers.)

[7] Eine Niederlassung.

»Wie heißt du?«

»Czinna.«

»Kommst du mit uns nach Ofen?«

Sie zuckte gleichgiltig mit der Schulter.

»Kommst du, so gehört das Kleid dir.«

»Ich gehe.«

So fand man die erste Blüte des Blumenstraußes. Auch die übrigen

fanden sich. Man mußte nur von den vielen die passendsten drei

auswählen. Die flachshaarige Marie Bari mit ihren veilchenblauen

Augen, ihrer reizenden Taille; die stattliche, hohe Magdolna und die

runde, üppige Agnes Pál mit ihrem roten Gesicht, eine knospende Malve.

Nie küßte Schönere der Sultan, nie besang Herrlichere Firdusi.

Nun konnten sie sich schon auf den Weg machen. Sonntags kam die

Rinderheerde, hundert prächtige Ochsen, alle mit hübschen Glocken,

bändergeschmückten Hörnern, es kamen die Pferde, fünfzig schlanke

Fohlen, jedes mit einem silbernen Glöcklein. Auf die beiden Wagen

setzten sich zu zweien die Mädchen, das heißt, zwei unter ihnen waren

Frauen, die »falschesten« zwei Frauen, denn sie gaben sich nur als

solche. In ihren blauen, mit silbernen Spangen versehenen Mänteln

bestiegen hierauf auch die Herren Senatoren die Wagen. Im ersten Wagen

saß der Oberrichter mit Franz Kriston, auf dem Rücksitz Josef Inockai.

Einer bringt die Hengste, der andere die Rinder. Herr Agoston, der auf

dem anderen Wagen saß, avancierte vom Deputierten zum Blumengärtner --

so ist nun einmal die Politik. Gabriel Poroßnoki trug die Waffen in

prächtigem Seidenfutteral. Der Sechste vom Stadthause, der kleine

verwachsene Georg Imecs sah zwar nicht gut aus, aber er sprach gut

türkisch und tatarisch, so nahmen sie ihn mit zum »Schmieren«. Das

Eljengeschrei der Versammelten ertönt, die zu Hause gebliebenen Frauen

reißen die Tücher vom Kopfe, um mit denselben zu winken, die Kutscher

treiben ihre Pferde an, die Czikose[8] schwingen ihre Peitschen und

nun setzt sich der glänzende Zug unter Musikbegleitung in Bewegung,

denn die Glocken der hundert Ochsen ertönen und die fünfzig

Silberglocken läuten. Der Weg ist eintönig, wir beschreiben ihn nicht,

im Alföld ist alles gleichförmig. Die Ortschaften, die Städte, die

Dörfer, die Ebene mit ihrer Fata Morgana, der nur das Sinken des

Himmelsgewölbes ein Ende macht, der graue Boden, aus dem die matte

Herbstsonne buntfarbige Blumen zaubert, ist überall derselbe. Eine

Gemarkung gleicht so der anderen, wie eine Elle Tuch der anderen, wenn

sie von einem Stücke sind. Hie und da erblickt man eine einsame Tanya,

ein weißes Häuschen, einen Brunnen. Am Ende der Ortschaften erscheinen

die Windmühlen mit ihren ausgebreiteten Flügeln. Es ist wahrlich

köstlich, wie einförmig auch die großen Städte Alfölds waren. Jede

hatte ein Ding, womit sie sich brüstete. Debreczin mit seinem

Kollegium, Szegedin mit seiner Mathiaskirche, Kecskemét mit dem

Nikolausturm, auf dem im besten Einvernehmen der kalvinische Hahn, der

lutheranische Stern und das katholische Kreuz zu sehen waren; jede

Stadt hatte auch ein berühmt gewordenes Nahrungsmittel aufzuweisen,

Debreczin die Wurst, Kecskemét den Apfel, Szegedin den Paprika. Sie

entwickelten sich auch geistig gleichförmig, eine jede zeigte, was sie

/in puncto/ des Geistes kann. Debreczin hatte seinen Csokonai,

Szegedin seinen Dugonits, Kecskemét seinen Katona.[9]

[8] Pferdehirten.

[9] Ungarische Dichter.

Unsere Helden aber reisten munter fort, bis sie sich endlich im großen

Ameisenhaufen Ofen befanden, wo sie sofort zu ihrer Aufgabe sich

stellten, jeder, wie sie ihm zugeteilt war. Die erste Rolle fiel dem

»Schmiermenschen« zu, der sich von der »schmierenden« Frau[10] nur

darin unterscheidet, daß er den Leuten die Schmerzen nicht mit Fett,

sondern mit Gold austreibt. Er lief von Pontius zu Pilatus, um dort zu

argumentieren, daß die Audienz bewilligt werde. Der Padischah

genehmigte, daß am Mittwoch die Stadt Kecskemét vor sein glanzvolles

Angesicht trete.

[10] Eine ungarische Masseuse.

Fünftes Kapitel.

In großer Gala erschienen unsere Freunde, den Säbel an der Seite. Herr

Michael Lestyák zeigte sich als ein fescher, hübscher Jüngling. Er

hielt die Ansprache, er beschrieb die traurigen Zustände in Kecskemét

so treu, so schön, daß die vier hinter ihm stehenden Senatoren in

Thränen ausbrachen. (Herr Imecs wurde bereits gestern nach Hause

gesendet.) Die Rede gipfelte nach vielen Stilblüten darin, daß die

Kecskeméter dem Allgewaltigen mit dem Ersuchen zu Füßen fallen, dieser

möge ihnen einen ständig in Kecskemét wohnenden Pascha bewilligen oder

einen anderen Würdenträger, wenn er auch nur so groß wäre, wie ein

kleiner Finger, der sie fortab vor den Plünderern bewahre. Blos das

Faktum, daß ein Mann des erhabenen Sultans in Kecskemét ist, rettet

den Frieden und die Existenz der Stadt. Nach einer rhetorischen

Wendung malte er es sodann schwungvoll aus, welch herrliches Leben der

Pascha dort führen würde; sie werden ihm ein Steinhaus bauen, werden

ihn schätzen und achten, werden ihn bedienen, aus ihrer Hand werde er

den süßen Honig essen können und so weiter.

Nun übersetzte der Dolmetsch des Ofner Pascha Nazur Bey die Rede dem

Sultan, der dieselbe mit apathischem Gesichte und sehr gelangweilt zu

Ende hörte. Im übrigen war dieser ein ganz sympathischer Herr; etwa

vierzig Jahre alt. Hie und da nickte er dazu mit dem Kopfe.

Ibrahim Pascha, der Ofner General, stand neben dem Sultan mit

verschränkten Armen und lauerte mit blutunterlaufenen Augen, wie wenn

er sagen würde: »Die Rede haben wir nun gehört, nun lasset uns die

Argumente sehen.« Diese folgten sofort.

Gabriel Poroßnoki trat hervor, öffnete das apfelgrüne seidene

Futteral, das er vor sich hinhielt, er entnahm demselben die prächtig

gearbeitete goldene Peitsche und den Fokos, dann legte er sie auf den

Schemel zu Füßen des Sultans. »Wir legen zu deinen Füßen, erhabener

Herr, die Waffen Kecskeméts.«

Der Sultan bückte sich, hob die Peitsche auf und betrachtete dieselbe

eine Zeitlang. Dann wechselte er mit Ibrahim einige leise Worte.

Unterdessen hatte der Herr Senator Inokai gerade seine Kehle gewetzt

und leierte dann mit ehrerbietigem Krächzen folgendermaßen: »Deinen

heldenhaften Soldaten haben wir einen kleinen Braten gebracht, größter

der Sultane, sei so gnädig und betrachte denselben durch das Fenster.«

Bey Nazur verdolmetschte auch dies mechanisch, worauf sich der Sultan

unwillig vom Sopha erhob, um zum Fenster zu treten, von wo aus die

prächtigen Rinder und Fohlen zu sehen waren, zu denen Herr Franz

Kriston den Prolog gestammelt. All' dies interessierte den mächtigen

Herrn des Orients nicht besonders, müde ließ er sich wieder auf das

Sopha fallen. ... Jetzt öffnete sich die Thür des Saales und ein

kühlender Windhauch schlich sich ein. Vielleicht hatte dies das

Knistern der vier Weiberröcke verursacht. Die Kecskeméter Mädchen

traten ein, frisch und lieblich.

Der Sultan sprang erregt empor. Christophus Agoston stellte sich in

die Mitte des Zimmers, einem Schuljungen gleich und mit Gesten, als ob

er einen Strauß in den Händen hielte, den er dem Papa überreicht,

deklamierte er verschämt: »Wir brachten auch ein klein wenig Blumen,

gnädigster Herr.«

Der Sultan verstand gewiß nicht die ungarischen Worte, jedoch er

geruhte jetzt auch ohne jedes weitere Hinzuthun zu lächeln. Dann rief

er fröhlich dem Ofner Pascha zu: »Einen Schleier über sie, schnell,

Ibrahim,« (dies wollte in orientalischer Sprache so viel heißen:

»Befleckt sie nicht einen Augenblick länger mit Euren wollüstigen

Blicken.«)

Während der Pascha hinausstürzte, um Verfügungen zu treffen, teilte

der Sultan in langen gedehnten Worten etwas dem Dolmetsch mit.

»Se. Majestät der Sultan, dessen Schatten Allah beschirme, sagt Euch,

Ihr Ungläubigen, daß er Eure Wünsche berücksichtigen wird. Verhaltet

Euch bis dahin ruhig und wartet draußen.« Der Dolmetsch winkte und

damit war die Deputation entlassen.

Als aber Herr Agoston die gute Laune des Sultans sah, glaubte er die

Zeit gekommen, irgend eine ewig denkwürdige That zu vollführen; er zog

daher die hinausgehenden Vorsteher bei ihren Mantelflügeln zurück und

sprach zu dem Dolmetsch: »Mächtiger Dolmetsch, rechte Hand deines

Herrn, vermittle noch eine Bitte!«

Der Großvezier, die anwesenden Paschas und Ulemas betrachteten den

Tollkühnen betroffen, und nicht weniger überrascht waren die

Kecskeméter Herren, aber der Sultan, an die Blumen Kecskeméts denkend,

lächelte noch immer, und wenn der Sultan lächelt, scheint die Sonne,

die Gräser wachsen, die Steine spielen Harfe und alles ist in Ordnung.

»Nun, was wollt Ihr noch?« rief der Stellvertreter Ibrahim Paschas,

Hassan, aus. »Sagt es schnell, denn es warten noch viele Deputationen

draußen.«

»Gerade das ist es,« fuhr Christoph Agoston ermutigt fort, »wir sahen

draußen die Nagy-Köröser Deputation und wir bitten Se. Majestät ganz

ergebenst, daß er ihr nichts gewähre, was sie auch verlangen möge.«

Der Vertreter des Sultans lachte und interpretierte selbst dem

Beherrscher der Gläubigen diese zweite Bitte.

Auch der Beherrscher der Gläubigen lachte über den sonderbaren Wunsch

(so etwas kam ihm in der Praxis noch nicht vor) und frug lebhaft, was

der Grund davon sei.

Lestyák gab die Antwort: »Nagy-Körös und Kecskemét sind so mit

einander wie Mekka und Medina, wie Hund und Katze.«

Der Sultan geriet in eine prächtige Laune, der Dolmetsch

interpretierte gleichfalls mit freudestrahlendem Gesicht die Antwort

des Herrschers: »Freut Euch! Der gnädige Padischah wird Eure erste

Bitte genau überlegen, die zweite vollführen.«

Damit gingen die Kecskeméter in den Hof hinaus, den auf den Einlaß

wartenden Köröser Nachbarn »guten Morgen« wünschend.

Nach einigen Minuten schlich sich der Vertraute des Sultans zu ihnen

und vertröstete die Senatoren, ihnen auf die Schulter klopfend: »Ihr

seid glückliche Spitzbuben! Ihr habt den Sultan ganz gewonnen und ihn

erheitert. Kein Zweifel, alles wird geschehen.« Er rieb sich zufrieden

die Hände. Es waren ihm nachträglich hundert Dukaten versprochen

worden, wenn in Kecskemét eine türkische Behörde installiert wird.

Unter großen Hoffnungen schritten sie draußen auf und ab, die Rede des

Oberrichters lobend und das Auftreten Agostons. Herr Agoston selbst

war ganz entzückt. »Nicht wahr, daß ich etwas wert bin? Da giebt es

doch Verstand, Gevatter?«

Nach ungefähr anderthalb Stunden kam der türkische Vertrauensmann

wieder zurück. Zornig schlenkerte er mit der Hand, sein Gesicht war

rot vor Grimm wie Paprika. »Nun, Schweine,« schrie er von weitem, »Ihr

habt Euer Glück mit Füßen getreten!«

Die wackeren Herren sahen ihn versteinert an. »Was ist geschehen, um

Gotteswillen?«

»Das ist geschehen, Ihr Esel, daß die Nagy-Köröser Deputation, die

Entfernung der Ofner und Szolnoker Paschas beklagend, als Sitz einer

zu errichtenden türkischen Obrigkeit Kecskemét wünschte.«

»Wir aber« ... stotterte Josef Inokai.

»Ihr aber ließet den Sultan versprechen, daß er den Wunsch der

Nagy-Köröser, welcher es auch sei, nicht erfüllen werde. Erstarret!«

Damit drehte er ihnen den Rücken, nachdem er zuvor einige Male

türkisch vor sie hinspie.

Man hätte die Betroffenheit sehen sollen. Lestyák nagte den

Schnurrbart, der ehrliche Poroßnoki schimpfte, Kriston bekam

Nasenbluten vor Schreck, der alte Inokai begann zu schluchzen, während

Herr Agoston direkt zu den Wagen ging, welche an der Donau standen,

sich in den einen hineinlegte und mit der Bunda[11] zudeckte, weil ihn

ein solches Fieber schüttelte, daß es, gleichmäßig verteilt, für

hundert Schnupfen ausgereicht hätte.

[11] Ungarischer Pelz.

»Jetzt könnten wir nach Hause gehen,« unterbrach Kriston die traurige

Ruhe.

»Wir warten den Beschluß des Sultans ab,« meinte der Oberrichter.

Es mag Vesperzeit gewesen sein, als der Kaimakam des Sultans in

Begleitung des Dolmetsch sie abholen kam. Er geleitete sie in einen

Saal und übergab ihnen einen Kaftan, indem er durch den Mund des

Dolmetsch sagte: »Das schickt Euch Se. Majestät der Padischah. Ihr

werdet gewiß einen guten Gebrauch davon machen!«

Die Senatoren blickten traurig auf das dunkelgrüne

Sammetkleidungsstück, welches mit goldenen Schnüren und Bändern

geschmückt war und erstaunt schienen die Kecskeméter einander zu

fragen: »Also nur so viel?«

Herr Poroßnoki gab seiner Unzufriedenheit auch in Worten Ausdruck:

»Mehr ließ Se. Majestät nicht sagen?«

»Mehr nicht,« erwiderte der Kaimakam mit großem Phlegma. »Der Sultan

war Euch gut gesinnt, aber er mußte sein Wort einlösen. Ihr selbst

habt es doch gewünscht.«

»Könnte man nicht noch einmal zu ihm gelangen?«

»Das geht nicht.«

»Donnerwetter! Wir sind schön daran! Es wird zu Hause eine Freude

geben.«

»Wenn dem so ist,« sagte der Oberrichter kalt, »dann fassen Sie diesen

Kaftan an, Herr Kriston.«

Franz Kriston ergriff sehr zornig und unehrerbietig den mit einer

Bärenhaut wattierten Mantel, so daß das eine Ende desselben die Erde

kehrte, und schleppte ihn mit großem Lärm dem Oberrichter nach. Als er

zu den Wagen gelangte, warf er ihn in eine Ecke wie einen Fetzen.

Herr Agoston war bereits verschwunden; der eine Kutscher konnte über

ihn nur so viel Aufklärung geben, daß er sich im Wagen nach Waitzen

führen ließ, wo er eine verheiratete Tochter hatte, er sprach wenig,

denn seine Zähne klapperten sehr, aber so viel sagte er doch, daß er

Kecskemét nie wieder sehen werde. Als man die Pferde gefüttert und

getränkt hatte und die Unserigen sich auf den Heimweg begaben,

dunkelte es bereits, der Rauch der Schornsteine vermischte sich mit

dem Nebel, die Frösche quakten häßlich in den Pester Sümpfen (auf dem

jetzigen Kettenbrückenplatze), die Priester schrien unausstehlich von

den Ofner Minarets, während aus der Pester alten Burg die Eulen

geisterhaft hervorhuschten. Nur weit, in irgend einem Dörfchen erklang

eine weinerliche christliche Glocke. Der Nebel war rötlich-weiß, wie

frisch gemolkene Milch, halb durchsichtig, so daß man spöttisch

lachende kämpfende Drachen, gepanzerte Wundertiere, Gespenster in

Laken hervorscheinen sah. Am Himmelsgewölbe breitete sich eine einzige

dunkelblaue Wolke schwerfällig aus.

Als sie die Pester Häuser verlassen hatten und mit schwerer Not aus

dem Sumpfe jenseits des Hatvaner Thores herauskamen, wo der Wagen

Kristons beinahe in einer Linnenbleiche stecken geblieben wäre, rückte

die Wolke mit einem Male fort und verschlang plötzlich den Mond, wie

wenn ein großer Silberthaler in einem blauen Strumpf versinkt. Es ward

etwas finsterer; eine feierliche, melancholische Stille kam über die

schlafende Natur. Nur die Wagen knisterten in ihren Achsen und hie und

da wurde ein Hahnenruf in den Pester Tanyen laut. Die Pferde zogen

ungern weiter, die Kutscher fluchten und die Senatoren saßen in tiefe

Gedanken versunken wortlos neben einander, nur zuweilen einige Worte

austauschend. Und doch hätten sie auch ihre Gedanken austauschen

können, denn diese waren die gleichen. Wenn der eine sagte: »Wie

sollen wir zu Hause das große Nichts übergeben?« antwortete der

andere, nachdem er in die Nacht hinein gestarrt hatte: »Ich wäre jetzt

lieber ein Schäferhund, als ein Kecskeméter Senator.« Der dritte hob

sein gebeugtes Haupt und setzte seufzend hinzu: »Für hundert Ochsen

und fünfzig Pferde einen grünen Mantel -- das ist ein guter Markt.«

Damit wurden sie wieder schweigsam und starrten neuerdings in den

weißen Nebel, aus welchem sich jene bizarren Gestalten abhoben. Mit

einem Male trat aus einer dieser Nebelsäulen ein Gespenst hervor.

Augenscheinlicher, wahrer als die anderen, es stellte sich den Pferden

entgegen ... und sein Schatten bewegte sich auf der Straße. Die Pferde

der Voranziehenden stutzten. Der Kutscher blickte auf. Ein weiche

weibliche Stimme erklang: »Bleiben Sie stehen!«

Der katholische Inokai machte das Zeichen des Kreuzes: »Alle guten

Geister loben den Herrn!«

»Wer bist du?« fragte Kriston.

»Ich bin die Czinna, das Zigeunermädchen. Nehmt mich schnell in den

Wagen.«

Anfangs erschrak nur Inokai, aber jetzt waren Kriston und Poroßnoki zu

Tode erschrocken. Sogar der auf dem anderen Wagen befindliche

Oberrichter verschmähte es nicht herabzuspringen. »Wie kommst du

hierher, du Krähe?«

»Ich bin davon gelaufen!« antwortete Czinna kurz.

»Gerade das ist's, warum bist du geflohen?«

»Weil ich mich langweilte.«

»Du Hundeleber!« schrie Kriston und kratzte sich den Kopf. »Weißt du,

daß man uns alle deineswegen hängt? Wirst du dich gleich zurückpacken!

Was sollen wir thun? Was sollen wir thun?«

»Man muß sie zurückgeleiten,« meinte auch Poroßnoki.

Die glänzende Fläche des Mondes trat jetzt hervor und beleuchtete das

schöne Mädchen. Ihr prächtiges Gewand war ganz beschmutzt, ihre

Stiefel waren kothig, der Rock im Sumpfe durchnäßt, durch welchen sie

watete.

»Ich will nicht zurückgehen,« murrte sie trotzig und ihre weißen Zähne

leuchteten, denn sie klapperten ein wenig. Fröstelnd knöpfte sie ihren

Überwurf zu.

»Du mußt zurückgehen,« sagte der Oberrichter, »wir spielen mit unseren

Köpfen.«

Das Mädchen zuckte zusammen, richtete ihre schönen, großen Augen auf

den Oberrichter, aber mit einem so wunderbaren Blicke, daß der

Oberrichter ausrief: »Komm' also, setze dich zu mir in den Wagen. Ich

werde dich nach Hause führen.«

»Herr Oberrichter! Herr Oberrichter!« warnte Poroßnoki melancholisch.

»Was thun Sie?«

»Auf meine Verantwortung!«

»/Juventus ventus/,« murrte Inokai.

Die Augen Czinnas blitzten wieder, es lag darin die Wärme der

Hundetreue. Dann sprang sie zum Oberrichter mit einem leichten

Schwunge wie eine Wildkatze.

Die Wagen setzten sich wieder in Bewegung.

»Du frierst,« sagte Lestyák, ihrem Atemzuge lauschend. Dann zog er den

kaiserlichen Mantel hervor und breitete ihn über ihre Knie. Er

betastete mit seiner Handfläche ihre Stirn, sie war ein wenig heiß,

aber wie glatt, wie süß anzufühlen! Das Blut des Oberrichters begann

zu sieden.

»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte unterdessen

auf dem ersten Wagen Inokai, »Herrn Christoph Agoston, der seinen Kopf

an einen sicheren Ort gelegt hat, nach Waitzen.«

»Ach, es giebt nur einen glücklichen Menschen,« seufzte im letzten

Wagen der junge Ochsenhirt vor dem alten Roßhirt: »Unseren

Oberrichter, Herrn Lestyák, denn dieser kostet die roten Lippen des

Zigeunermädchens und mißt mit dem Arm ihren schönen schlanken Leib.«

»Sag' mir Czinna,« fragte der Oberrichter, »wie bist du entflohen?«

»Ich bestimmte den alten Türken, welcher an der Thüre wachte,

einzuschlafen und er schlief ein.«

»Wie konntest du mit ihm türkisch sprechen?«

»Ich nahm mein Halsband vom Halse und gab es ihm.«

»Und die anderen?«

»Auch diese habe ich angeeifert, aber sie wollten nicht kommen. Hier

zu Hause hätten sie sich im Tagelohn verdingen müssen, dort gab es ein

prächtiges Mittagmahl, Braten, dreierlei geschmackvolle

Fruchtgattungen. Auch Mamaliga[12] gab es vielleicht dort. Das

Nachtmahl wartete ich nicht mehr ab.«

[12] Kuchen aus Maismehl.

»Aber du gingst doch gut gelaunt mit uns.«

»Ich freute mich über die Kleider.«

»Und du hast sie schon satt?«

»Ich verabscheue sie und sehne mich nach meinen Lumpen.«

»Ei, ei,« sagte der Oberrichter traurig, »du kannst noch viel Leid

über Kecskemét bringen! Man wird dich suchen, Czinna!«

Sie schmiegte sich furchtsam an den Oberrichter und ihr ganzer Körper

zitterte wie Espenlaub.

»Fürchte nichts, ich werde dich nicht verlassen, wenn ich es einmal

aussprach. Was ich sage, das ist gesagt.«

Das Mädchen beugte sich über die Hand Lestyáks, küßte sie und weinte.

Nervös, fast rauh erfaßte der junge Mann ihren Kopf, um ihn von seiner

Hand wegzuziehen und brummte ärgerlich: »Ich bin kein Bischof.« Als er

den Kopf des Mädchens aber erhob, floß mit einem Male die Welt vor ihm

zusammen, sie drehte sich im Kreise, die Sterne sprangen vor seinen

Augen umher, der Wagen schien umzufallen und er drückte ganz

selbstvergessen das schöne Haupt an seine Brust. Plötzlich gereute es

ihn ... und er ließ es wieder los.

»Nun, nun ... was zum Teufel machst du, Czinna? Mach' keine Dummheiten

und küsse mir die Hand nicht, denn sonst werde ich deinen Zopf an den

Wagen binden, damit du deinen Kopf nicht bewegen kannst. Wie du den

Menschen in Verwirrung bringst!«

Er erfaßte scherzend ihr dichtes, weiches Haargeflecht.

»Nun, soll ich es an den Wagen binden?«

»Wie Euer Gnaden wollen,« sagte das Mädchen sanft, ruhig.

»Ich binde es nicht an, fürchte nichts. Ich denke an etwas anderes.«

Lange Zeit schwiegen sie. Lestyák rieb sich oft mit der Hand die

Stirne.

»Ich denke daran«, sagte er endlich flüsternd, »daß man deinen Zopf

bis zum Grund abschneiden müsse.«

Czinna richtete ihre Augen verwundert auf ihn, diese glänzten selbst

im Finstern.

»Neige dich näher zu mir, Czinna, damit der Kutscher nicht hört, was

ich sage. Schmiege dein Ohr an mein Gesicht an. Noch näher. Fürchte

nichts, ich werde Dich nicht küssen.«

»Was liegt mir daran, küssen Sie mich.«

»Dein Haar muß abgeschnitten werden.«

»Was liegt mir daran, schneiden Sie's ab.«

»Dann mußt du vom Wagen steigen ...«

Das Mädchen machte eine unruhige Bewegung.

»Denn man wird dich suchen und ich habe nicht genug Macht, um dich zu

schützen. Wer weiß übrigens, was mit mir geschieht. Ein schlimmes

Schicksal steht mir bevor. Du mußt also absteigen, das ist gewiß.«

»Aber warum?«

»Weil der Sultan oder der Ofner Pascha mächtiger ist, als der

Kecskeméter Richter. Wenn ich mächtiger wäre als sie, dann würdest du

jetzt bei mir bleiben und kein Haar würde dir gekrümmt werden.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Du wirst mich bald verstehen. In dieser Kiste befindet sich ein

Männeranzug, ich habe ihn jetzt für mich in Ofen gekauft. Wenn du vom

Wagen springst, wirst du dich irgendwo als Bursch verkleiden; ich lege

dir auch ein paar Dukaten in die Tasche. Du wirst ein hübscher Junge

sein, was glaubst du? Der Teufel selbst wird die einstige Czinna nicht

erkennen.«

Czinna seufzte und fing an zu weinen.

»Schön langsam, nach Verlauf von Tagen wirst du nach Kecskemét

zurückkehren, womöglich auf anderen Wegen und bei meinem Vater als

wandernder Schneidergeselle, der Arbeit sucht, einkehren.«

Czinna wischte sich die Thränen ab und lachte laut auf.

»Es wird gut sein, es wird wirklich gut sein! Wenigstens kann ich Sie

täglich sehen.«

»Wiehere nicht wie das kleine Füllen ... Das ist ein ernster Zustand.

Wenn der Alte sich weigern sollte dich anzunehmen, so wirst du ihm

diesen Ring zeigen, zum Zeichen dessen, daß ich es wünsche.«

»Aber Sie werden ja zu Hause sein und können es auch mündlich sagen.«

»Was weiß ich, wo ich sein werde,« antwortete er mürrisch und zog

einen Opalring vom Finger, ihn Czinna übergebend.

Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Wenn er dich aber ohne Ring

aufnimmt, so zeige denselben nicht; mein Vater soll nicht ahnen,

niemand darf es wissen, wen die Männerkleidung bedeckt. Ich wünsche es

so.«

»Dann wird es auch so sein,« sagte Czinna.

»Und jetzt gehen wir an die Arbeit. Du mußt abspringen, so lange es

noch dunkel ist.«

In der Lade befand sich eine große Scheere, mit welcher man die Mähnen

der Füllen zu ordnen pflegte. Als sie der Oberrichter hervorzog,

zitterte seine Hand, wie erst, als er die prächtigen Zöpfe erfaßte, um

dieselben zu vernichten.

»Ich habe keinen Mut.« Und matt ließ er die Scheere fallen.

»Was bedauern Sie dabei?« zürnte das Mädchen, die Scheere erfassend.

Das scharfe Eisen knisterte und der Haarwald war abgeschnitten. Das

Mädchen lächelte mit kronenlosem Kopfe. Dann flocht es aus den Zöpfen

die schweren Brokatbänder los, während Michael die Männerkleidung aus

der Kiste nahm.

»Wenn du dich umgekleidet hast, merke gut auf, wirst du an das Ufer

der Theiß gehen, wo du sie am nächsten erreichst und wirst dein

abgelegtes Kleid neben einen Weidenbusch legen, wie es die einen

Selbstmord begehenden Mädchen zu thun pflegen, welche ihre Kleider

dort zurücklassen und nur ihren Schmerz mitnehmen ...«

»Alles wird so sein ... alles.«

»Hoho! Wehe! Wehe!« erscholl es in diesem Momente vom Wagen des

Kriston.

»Was ist geschehen?« rief der Oberrichter hinüber.

»Wir sind in irgend einen Morast gesunken.« Das war in der That kein

Wunder. Damals waren die Komitate noch Jungfrauen bezüglich des

Straßenbaues. Die Klage, daß man Kot auf Kot häufe und dies Landstraße

nenne, hatte damals noch keine Berechtigung, denn man häufte überhaupt

gar nichts. Die Ansicht war vorherrschend, »daß die Wagen die Straße

selbst machen.« Wo eine Radspur ist, dort sind schon Menschen passiert

und wenn sie schon passierten, »dann können auch wir dort wandeln.«

Mit einem Male endete die Radspur und der Wagen saß bis zur Achse im

Moraste drin, welcher beim Mondschein einer grünseidenen Wiese glich.

Dieses Alföld, welches Petöfi ein offenes Buch nennt, ist eine tolle

Gegend. Bei Tage zeigt es mit seiner Fata Morgana das Land als Wasser,

des Nachts das Wasser als Land. (Wann soll der Mensch ihm glauben?)

Der Kutscher fluchte, schlug das Pferd, daß die Stränge beinahe

rissen, er wußte aber eigentlich nicht, welche Richtung er wählen

sollte, wo ein Ausweg sei. Der andere Wagen versuchte in anderer

Richtung sein Glück. Auch dieser geriet in den Morast.

»Wir werden hier zu Grunde gehen! Wer kennt den Weg?«

Alle sprangen von den Wagen und begannen zu beraten.

»So viel ist gewiß, daß wir uns bei den >Höllenteichen< befinden,«

sagte Herr Poroßnoki. »Es muß irgendwo ein Durchgang sein. Ich habe

oft von den Fuhrleuten gehört, daß man zwischen den Seen zum rechten

Wege gelangen könne.«

»Aber wo? Wir werden so lange suchen, bis wir versinken.«

»Man muß den alten Marczi aufwecken, der hat schon oft Ochsen nach

Pest getrieben, auch in der Zeit des regnerischen Herbstes. Wie, wenn

er den Weg kennt? Du, kleiner Pferdejunge, dort im letzten Wagen,

wecke deinen Bruder Márton auf.«

Der schlanke Pali brauchte nicht mehr Worte, er schüttelte den

schlafenden Alten aus Leibeskräften.

»Nun, was giebts? Was schüttelst du mich, du Frechling?«

»Mit Respekt zu melden, alter Verwandter, wißt ihr den Weg nach

Kecskemét?«

»Ich glaube,« antwortete der kurz angebundene Ochsenhirt.

»Wir befinden uns hier bei den >Höllenteichen<. Die ersten zwei Wagen

stecken schon im Sumpfe. Blicken Sie um sich, wo wir einen Ausweg

finden.«

Marczi sah zum Himmel empor und betrachtete sehr aufmerksam das

erhabene Gewölbe mit seinen Milliarden funkelnder Sterne.

»Steigen Sie nicht hinunter, um den Platz zu sehen?«

»Was soll ich daran sehen?« fuhr er mürrisch auf. »Der eine Sumpf ist

wie der andere.«

Und wieder maß er aufmerksam das Himmelsgewölbe. Mit einem Male

richtete er sich im Wagen auf und rief zum Wagen Kristons hinüber:

»Siehst du, mein lieber Sohn, diesseits des großen Bären die zwei

kleinen Sterne, der eine ist sehr blaß, hellweiß, der andere feuriger,

aber kleiner, sie befinden sich gerade einander gegenüber?«

»Ich sehe, Marczi Bácsi.«[13]

[13] Onkel oder dem Sinne nach, Gevatter.

»Nun, lenke den Wagen gegen die Seite der beiden Sterne, mein Lieber.

Dort ist der Weg.«

Damit legte er sich wieder mit gutem Gewissen nieder, wie jemand, der

alles ins Reine gebracht hat.

Die Herren kletterten gleichfalls aus dem knietiefen Wasser auf die

Wagen, allein bis der Oberrichter zu dem seinigen zurückgelangt war,

befand sich Czinna nicht mehr dort. Unbemerkt war sie während der

eingetretenen Verwirrung verschwunden, nur der große aufgelöste Zopf

dunkelte aus dem Innern des Wagens hervor. Max nahm seufzend die

herrlichen Haare in die Faust, dann begann er die Fäden in kleinen

Büscheln in den Sumpf zu streuen. Die schwarzen Fäden sanken leise

nieder, der Wind trug sie, so daß es schien, als flögen sie hinweg;

das grünliche Wasser spielte mit ihnen und schlang sie um die

Wasserlilien, um das Schilf und die buntkelchigen Erbsenblüten ...

Nachdem man endlich in Sicherheit war, da hielt des Oberrichters Hand

nur noch einen Faden, den er um seinen Ring wand.

»Hoho!« rief er laut und dröhnend. »Wohin ist mein Mädchen geraten?

Auf welchem Wagen ist sie?«

Der Zauberkaftan · 第 3 / 7 题