Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Erstes Kapitel.
Jene Städte sind närrisch, welche klagen: Wir haben viel gelitten, bei
uns haben die Türken ein oder zwei Jahrhunderte gehaust. Wahrhaft
litten jene Städte, wo weder Türken hausten, noch Labanzen und
Kurutzen,[1] und welche sich aus eigner Kraft erhielten, wie zum
Beispiel Kecskemét; denn wo von den kriegführenden Parteien sich die
eine aufhielt, dort dominierte, plünderte nur die eine und die anderen
wagten sich nicht einmal hin, wo aber keine einzige wohnte, dorthin
gingen alle Erdbeeren sammeln.
[1] Labanzen und Kurutzen waren ungarische Soldaten.
Eines Tages wandelte den Ofner Pascha die Laune an, ein wenig zu
brandschatzen: »Mein Sohn Dervisch Beg, schreibe dem Kecskeméter
Richter!« Und der Brief ging sofort ab, aus dessen üppigem Stile der
Ausdruck nicht fehlte: »Ihr spielt mit Euren Köpfen!«
Aber auch der Szolnoker Musta Beg ging nicht anders vor, denn er
brandschatzte Czegléd, Körös, Kecskemét und die umliegenden Dörfer.
Jede gesegnete Woche warf er ihnen neue Lasten aus, indem er schrieb:
»Diesen Herrenbrief sollt Ihr zu Pferde in jede Stadt, in jedes Dorf
tragen und darnach handeln.«
Seine Gnaden, der tapfere Herr Emerich Koháry rechnete gleichfalls auf
die wohlhabenden Städte und erließ von Seite der Kaiserlichen aus
Szécsény Verordnungen, ja selbst der Gácser Stuhlrichter, Seine Gnaden
Herr Johann Darvas war nicht faul, ihnen an den Leib zu gehen, wenn
die Kurutzen etwas nötig hatten. Dazu kamen noch die herumschweifenden
tatarischen Horden und die verschiedenen Truppen, welche auf eigene
Faust arbeiteten. Und mit all diesen sollte man auf freundschaftlichem
Fuße leben!
In Kecskemét gab es schon damals berühmte Märkte. Was den Augen schön,
dem Munde gut ist, das alles brachten die türkischen, deutschen und
ungarischen Kaufleute haufenweise hierher und der Markt hatte stets
ein trauriges Ende, denn wenn er eben im besten Zuge war, erhob sich
eine Wolke auf der sandigen Straße, es kam der Kurutze oder der Türke,
oder gar ein Haufe Labanzen sauste wie der Blitz nieder und verschwand
mit den wertvollsten Waren beladen wieder in einer Staubwolke.
Die bitteren Pillen aber konnte dann die wohledle Stadt verschlucken,
denn hatten die Türken die Zelte geplündert, so fielen nunmehr die
Labanzen mit großen Rechnungen über sie her.
Die Stadt habe ohne Verzug den Schaden der Kaufleute zu bezahlen,
sonst wird gestürmt; wenn der Labanze raubte, galt es auch gleich für
die armen Kecskeméter, denn dann verlangten die Kurutzen und Türken
Schadenersatz für ihre Kaufleute und diese Forderungen erreichten fast
immer die Höhe von tausend Goldstücken.
Vergebens seufzte der Oberrichter Johann Szücs: »Woher nehmen, woher?
Das ist ja nicht das Kremnitzer Goldbergwerk; unter unseren Füßen ist
ja nichts als Sand, Sand bis hinunter zur Hölle.«
Endlich ward die Sache doch unerträglich, man hielt großen Rat und
dann gingen die guten Leute zum Palatin, der aber nach der Erzählung
des Herrn Paul Fekete sehr mißmutig wurde, als sie ihm vortrugen, daß
sie eine Bitte an ihn hätten.
»Verlanget nur nichts großes, denn ich gewähre es euch nicht.«
»So sehr verlangen wir nichts großes, daß uns selbst das zu viel ist,
was wir haben.«
»/Valde bene, valde bene/,« meinte der Palatin schmunzelnd.
»Wir bitten Eure Gnaden, uns unsere Märkte zu nehmen.«
Der Palatin dachte nach, hüstelte. »Hm, es ist kein richtiges Regime,
/amici/, das den Leuten etwas nimmt, wovon der Nehmende keinen
Vortheil hat.«
Trotzdem kam bald darnach eine Ordre von Leopold I., daß die Kecskeméter
Märkte von nun an zu sein aufgehört haben. Selbstverständlich wurden
nun die Türken ebenso wütend wie die Kurutzen. »Diese elenden
Philister berauben uns unseres Nebenerwerbes.« Sie hatten jetzt
originelle Ideen. Am schwarzen Sonntag vor Ostern stürmte der berühmte
Kurutzenführer Stefan Csuda mit seinen Truppen in die Stadt. Sie
sprengten geradenwegs zum Stiftskloster. Hier befahl der Anführer
seinen Leuten: »Nichts anrühren, Kinder, nur den Quardian müßt ihr
gefangen nehmen, denn diesen werden sie auslösen.« Sie nahmen wirklich
den Quardian, den dicken Pater Bruno, gefangen, setzten ihn auf ein
Maultier, das bisher ein treuer Arbeiter des Klostergartens war, zumal
es die Wasserfässer schleppte. Damit aber der fluchende, strampelnde
Pater nicht vom Rücken des Buri falle (Buri hieß das Maultier), banden
sie ihn mit Stricken und Riemen fest ... Sie hatten sich nicht
verrechnet. Eine große Bestürzung griff Platz unter den katholischen
Gläubigen. Die Witwe Paul Fábián, die bucklige Julie Galgóczi und die
verwelkte Klara Bulki begannen unter dem Präsidium des Paters Litkei
sofort das Lösegeld zu sammeln, indem sie von Haus zu Haus wanderten.
»Lösen wir den armen Pater Bruno aus. Er hat eine prächtige Predigt zu
den Osterfeiertagen einstudiert, diese können wir nicht ungesprochen
lassen.« Hundert Goldstücke wurden gesammelt, mit diesen begaben sich
die Erwählten der Frauen auf den Weg zum Kurutzenlager: Senator
Gabriel Poroßnoki, Kurator Johann Babos und der Wagner, Herr Georg
Doma.
Nach männiglichen Abenteuern und Mißgeschicken fanden sie endlich den
Stefan Csuda, der sie wild anfuhr: »Ihr seid die Kecskeméter, nicht
wahr? Nun, was wollt ihr?«
»Wir sind ihn holen gekommen,« sprach der fromme Babos, seine winzigen
grauen Augen gegen den Himmel erhebend.
»Wen, den Maulesel oder den Quardian?« scherzte der gutgelaunte Stefan
Csuda.
»Beide, wenn wir übereinkommen können,« meinte Herr Poroßnoki.
»Der Geistliche ist nicht viel wert, aber das Maultier können wir wohl
brauchen. Es schleppt die große Trommel.«
Sehr wohl gefiel den guten Kecskemétern diese Erklärung des Kurutzen,
denn wenn der Geistliche nicht viel wert ist, wird er wohl billig zu
haben sein und sie nickten beifällig mit dem Kopfe.
»Also woran sind wir mit Sr. Hochwürden?«
»Ihr könnt ihn für drei Goldstücke haben.«
Die drei Männer schauten sich lächelnd an, wie wenn sie sagen wollten,
»billig, wahrhaftig sehr billig!« Poroßnoki warf einen Flügel seines
blauen Mantels zurück und griff in die Tasche, um die drei Goldstücke
hervorzuholen. »Da sind sie! Nehmt sie, Herr!«
Der Kurutzenführer schob die Hand des Senators bei Seite. »Den
Geistlichen brachte das Maultier, jetzt soll auch der Geistliche das
Maultier mitnehmen. Dies ist nur gerecht, ohne das Maultier ist kein
Geschäft.«
»Hol's der Teufel,« meinte der Senator wohlgelaunt. »Welches Lösegeld
bezahlen wir für das Maultier?«
»Der fixe Preis desselben beträgt,« gab Csuda jedes Wort betonend
zurück, »hundertsiebenundneunzig Goldstücke.«
In den Bürgern stockte das Blut; der kleine Babos blinzelte auf den
Kurutzen, ob dieser nicht spaße, doch das gebräunte Antlitz blickte
jetzt sehr ernst, vordem war es bedeutend heiterer; die Kecskeméter
verzagten trotzdem nicht.
»Hättet Ihr, Herr, das Herz, für ein Maultier so viel Geld zu nehmen,
wie für vier arabische Pferde. Überlaßt uns den Geistlichen separat!
Wir kommen lieber ein andersmal das Maultier einlösen,« ergänzte Herr
Babos.
Jetzt übernahm wieder Herr Georg Doma die diplomatischen
Verhandlungen. Er meinte, das Maultier könnten ja die ehrwürdigen
Patres ohnehin nicht wieder benützen, nachdem dasselbe ein
kompromittiertes Individuum sei, das bereits Lagerdienst geleistet hat,
in einem protestantischen Truppenkörper.
Den meisten Verstand besaß noch Herr Poroßnoki, denn er durchschaute
sofort, daß der Kurutzenführer zweihundert Goldstücke für den Quardian
haben wollte und die Geschichte mit dem Maultier bloß Spaßmacherei
sei. Er entnahm seiner Tasche den traditionellen Strumpf und ließ die
Goldstücke klimpern. »Hundert Stück ohne Fehl, nicht um ein Stück
mehr. Entweder nehmen wir das Geld wieder nach Hause oder den
Quardian. Es hängt von Euch ab, mein tapferer Herr.«
»Nicht möglich,« schüttelte dieser den Kopf.
»Bedenket aber,« meinte Babos, »daß man unsern Herrn Christus um
dreißig Silberlinge verkaufte. Wie sollten da für den Pater Bruno
nicht hundert Goldstücke genügen?«
»Biblisieren Sie nicht!« schrie der Kurutz, »denn es ist wohl wahr,
daß sie unsern Heiland für dreißig Silberlinge verkauften, aber für
wie viel ihn das Christenthum vom Tode losgekauft hätte, das wissen
Sie nicht.«
Unter solchen Plänkeleien schlossen sie den Handel endlich mit hundert
Dukaten ab, welche Herr Csuda einzeln besah, ob sie nicht abgefeilt
sind, dann klingen ließ, ob man an ihrem Klange nicht einen kleinen
Siebenbürger Accent wahrnehme (dort hielten sich nämlich zu jener Zeit
die Falschmünzer auf). Als dann alles ins reine gebracht war, lieferte
er den abgemagerten Pater Bruno aus, welchen die Deputation in großem
Triumph nach Hause führte.
Aber nicht lange dauerte ihre Freude, denn als sie sich der Heimat
näherten, kaum Nagy-Körös verlassend, dessen Häuser noch im
abendlichen Nebel sichtbar waren, schimmerte von rechts der schlanke
Turm Kecskeméts hervor und eine sich nähernde Staubwolke. »Was zum
Teufel kann das sein?« frugen sich unsere Leute.
»Offenbar kommt uns eine Prozession entgegen. Es wird auch eine Rede
geben /reverendissime/, freilich wird es eine solche geben. Es wird
nichts schaden, sich auf die Antwort vorzubereiten.«
In den Augen Pater Brunos glänzten Thränen. »Meine armen guten
Gläubigen lieben mich, sie lieben mich schrecklich. Wer wird wohl die
Rede halten? Wahrscheinlich der schön sprechende Pater Litkei.
Freilich, freilich. Ich sehe ihn ja schon. Er ist es, dort voran. Ich
will ein Hund sein, wenn er es nicht ist.«
Herr Georg Doma brauchte kein Hund zu sein, denn es war in der That
Pater Litkei; seinen breiträndrigen Hut, seine Riesengestalt konnte
man schon von weitem erkennen, nur war seine Begleitung gerade kein
Prozessionsvolk, sondern es waren türkische Soldaten. Der Galgenvogel
Ali Mirze Aga führte sie an. »Guten Abend, guten Abend!« rief er, als
er an unseren Reisenden vorüber ritt, »führt ihr den Geistlichen nach
Hause, ihr guten Leute? Wir auch den unseren.«
Der Aga lachte, der Mönch Litkei rief den Namen Jesus, Pater Bruno
winkte ihm mit dem Taschentuch nach: »Auch dich werden wir auslösen,
mein lieber Sohn.«
Und in der That war es seine erste Sache, zu Hause angelangt, eine
Sammlung einzuleiten. Witwe Paul Fábián, die bucklige Julianna
Galgóczi und die verblühte Klara Bulki suchten neuerdings die
barmherzigen Menschen auf: »Lasset den armen Mönch nicht in der Hand
des elenden Heiden zu Grunde gehen. Was würde die Christenheit von uns
denken?« Wenn die Börse nicht geöffnet ward, fügte Frau Paul Fábián
hinzu:
»Und was würde Nagy-Körös[2] dazu sagen?«
[2] Zwischen Nagy-Körös und Kecskemét herrscht seit Jahrhunderten
eine kleinliche Rivalität.
Bei diesen Worten zog jeder Mensch von Kecskeméter Empfindung den
Zwanziger hervor und auch der Mönch Litkei konnte nach Hause gebracht
werden. Damit war die Sache nicht zu Ende, denn der Handel mit den
Geistlichen kam so sehr in Mode, daß, sobald irgend ein Truppanführer
ein klein wenig Geld brauchte, er sofort eine Verordnung erließ: »Ich
muß einen Kecskeméter Geistlichen haben.« (Das bedeutete schon eine
gewisse Summe auf dem Geldmarkte). Eine Zeit lang lösten sie die
frommen Bürger aus, bis der Herr Oberrichter Johann Szücs selbst, die
Ausbeutung der Stadt bedauernd, derselben mit der gottlosen Erklärung
ein Ende machte: »Wenn Gott seine Diener fortführen läßt, warum sollen
wir es nicht dulden? Schließlich ist ihr Herr in erster Reihe
verpflichtet, ihnen zu helfen.«
Einige Mönche blieben den Räubern auf dem Hals, worauf sofort der Wert
der Geistlichen auf Null sank und die erobernden Herren sich nach
einer andern Ware umsahen. Es war unmöglich sie zu übertölpeln. Am
Tage Peter und Paul verübten die Szolnoker Türken einen Einbruch und
raubten unter den aus der Kirche kommenden Frauen die junge Gattin des
Oberrichters sowie die Frau Georg Doma. Die ganze Stadt war in
Aufruhr. »Das ist schon kein Spaß mehr, Gevatter!« Denn mit den
Pfaffen zu manipulieren, war nicht so arg. Diese erlitten keinen
Schaden, so lange sie bei den Türken waren. Aber die Frauen! Das ist
ganz etwas anderes. Donnerwetter, mit den Frauen kann man nicht so
manipulieren!...
Johann Szücs war so erbittert, daß er sofort seiner Stelle als
Oberrichter entsagte und, nachdem er sein steinernes Haus verkauft
hatte, mit Georg Doma die Frauen holen ging. Herr Szücs gab
zweihundert Dukaten für seine Rippe.
Georg Doma jedoch bot nur fünfundzwanzig Dukaten an, wenn man seine
Frau nach Hause läßt, hundert, wenn man sie behält, aber für immer --
so daß er eine andere Frau nehmen kann.
Zülfikar Aga überlegte eine Weile, dann sagte er traurig: »Nimm nur
die Frau, mein Freund.«
Unterdessen bemächtigte sich der Kecskeméter ein panischer Schrecken.
Auch die Kurutzen waren eingebrochen und raubten die jungfräuliche
Tochter Vicza des steinreichen Thomas Bégh bei einer Hochzeit, als sie
eben mit dem jüngeren Michael Nagy tanzte. Was wird daraus werden,
Herr und Schöpfer? Aus den Häusern werden sie heute oder morgen die
kostbaren Frauen hervorziehen!
Der Kalgaer Sultan ließ wiederholt verkünden, daß er auf die zehn
schönsten Frauen rechne. Auch die Ofner Türken konnten in jeder Stunde
kommen. Obwohl damals von den Kecskeméter Mädchen das Lied noch nicht
verkündete: »Wer ein Bursch ist, nimmt seine Braut von da«, waren sie
dennoch schon damals prächtig. Das leugneten selbst die Köröser jungen
Leute nicht. Die allgemeine Verzweiflung war daher gar nicht zu
verwundern. Die Lage war eine solche, wie in den sagenhaften, mit
schwarzem Tuch verhüllten Städten, wo der siebenköpfige Drache die
Jungfrauen der Reihe nach verzehrt. An welche kommt die Reihe, welche
folgt jetzt? Diese Ungewißheit war ein unsichtbares Seil, welches
jedermann in der Halsgegend fühlte. Zehnmal erschrak täglich der eine
und der andere Kaufmann vor einer Staubwolke, und wenn die dürren
Bäume des Talfája-Waldes des Nachts zu ächzen begannen, so glaubten
sie auch darin das Sausen der herannahenden Horden zu vernehmen: »Ach,
die Vagabunden kommen schon wieder.«
Allabendlich falteten die Frauen ihre kleinen Hände und flehten
inbrünstig zu dem Patron der Stadt, dem Bischof Sankt Nikolaus.
Vielleicht kann der etwas thun mit dem Krummstabe, welcher auf dem
Stadtsiegel zu sehen ist.
(Ich vermute, daß in diesen Gebeten /sub clausula/ enthalten war:
»Wenn das aber der Wille Gottes wäre -- so gieb, o Herr, daß lieber
die Husaren Czudas kommen sollen, als die hundeköpfigen Tartaren und
die Ofner Türken.«)
Zweites Kapitel.
Die Erbitterung wuchs immer mehr. Die Angelegenheiten der Stadt sahen
immer schlechter aus. In der Rechtsprechung war eine Pause
eingetreten, denn man konnte nirgends Richter auftreiben, obwohl in
Kecskemét das »aufgetriebene Gericht« im Gebrauche stand. Man stellte
aus den zum Markte gekommenen Fremden den Gerichtshof zusammen.
Jetzt aber, da Johann Szücs den Stab eines Oberrichters niederlegte,
gab es keinen, der darnach griff. Es hat niemand Tollkirschen
gegessen!
Vier, fünf Verordnungen täglich zu erhalten, mit unmöglichen Wünschen
und mit dem liebenswürdigen Postskriptum: »Denn sonst werde ich Deine
Gnaden rädern lassen« -- und verrückt wie die Welt ist, führt man das
auch aus. Die Menschen beschwerten sich laut. »Entweder wir ziehen von
hier fort, oder wir sterben hier, aber so können wir nicht weiter
leben. Man muß etwas machen.«
»Aber was? Die Türken können wir doch nicht allein aus dem Lande
jagen, wenn es der Kaiser selbst nicht thun kann.«
Indem die Senatoren im Stadthause auf diese Weise gedankenvoll
berieten, rief mit einem Male eine Stimme zum geöffneten Fenster
hinein: »Ich aber sage euch, daß man die Türken nicht vertreiben,
sondern hieher nach Kecskemét bringen soll.«
Die Senatoren blickten alle auf. »Wer ist der Tollkühne? Wer spricht
da draußen?«
»Der Sohn des Schneiders Lestyák.«
»Wie wagt der, unsere Rede zu unterbrechen,« sprach Martin Zaládi
indigniert und winkte dem Heiducken. »Schließen Sie das Fenster!«
Gabriel Poroßnoki sprang auf, als ob ihn irgend eine elektrische Kraft
emporgehoben hätte. »Ich aber sage, daß man den jungen Mann nicht
wegtreiben, sondern hereinbringen soll, damit wir ihn anhören.«
Die ernsten Stadtväter schüttelten die Köpfe, wagten es jedoch nicht,
dem angesehensten Senator zu widersprechen, nur Christoph Agoston
murrte: »Der Vater ist ein Narr und der Sohn auch. Von einem Studenten
sollen wir Rat begehren? Freilich, er hat es schon, denn er hat es.«
»Was?« frug der neugierige Franz Kriston.
»Das /consilium abeundi/ ... hahaha. Man hat ihn aus Großwardein
davongejagt. Ja, er soll uns Rat geben. Wir haben ohnehin kein großes
Ansehen; so soll denn unser Ansehen noch kleiner werden.«
Dann erzählte er, daß der Vater blödsinnig sei. Kürzlich schickte der
wackere Pater Bruno seinen Rock zu ihm, damit er die Fettflecke
beseitige. Er beseitigte sie auch, aber so, daß er sie mit der Schere
ausschnitt. Den armen Pater Bruno traf beinahe der Schlag.
Gyuri Pintyö, der Heiduck, brachte unterdessen atemlos den jungen
Lestyák herein. Es war ein hübscher, schlanker Junge mit so dichtem
Haar, wie eine Bürste.
»Mein Sohn,« sprach ihn Poroßnoki höflich an, »vorhin hat du etwas
geschrien, was mein Ohr traf. Erkläre dich näher.«
Max Lestyák kam nicht in Verwirrung, er drechselte seine Worte klar
und verständlich. »Ich habe in der That gedacht, wohledle Herren, daß
unter den Verhältnissen, in denen sich unsere liebe Geburtsstadt
befindet, die toten Fermans, die schriftlichen Versicherungen, nicht
viel wert sind. Hundertmal mehr Wert hätte ein lebender Beg, der unter
uns wohnend sehr viele kleine Unannehmlichkeiten von unseren Köpfen
fern hielte. Wir sind eine freie Stadt, wohledle Herren, aber unsere
Freiheit ist aus Ketten geschmiedet. Suchen wir einen Tyrannen, damit
wir leben können!«
Die Senatoren blickten einander an, staunend, bezaubert. So schöne
warme Worte hatten sie schon lange nicht gehört, eine so schöne,
sonore Stimme war in diesem Saale noch nicht erklungen. Seit morgens
sitzen sie hier, ohne Rat und siehe da, es war, als ob sich unerwartet
eine Fackel im Dunkeln entzündet hätte.
»Vivat!« rief Mathé Pußta aus. »Das ist eine kluge Rede.«
»Er hat Recht!« sagte der greise Georg Pató, seine silberne Mentekette
schüttelnd, »er hat reines Korn aus der Spreu gesondert.«
Gabriel Poroßnoki stand von seinem Sitze auf, ging auf Max Lestyák zu
und klopfte ihm auf die Schulter. »Junge, du hast von nun an eine
Stimme,« sagte er feierlich. »Setzen Sie sich zwischen uns, Herr
Michael Lestyák.« (Gerade war am grünen Tische ein Sessel frei:
derjenige des Johann Szücs.)
Die Begeisterung brach bei diesen Worten aus. Die Ungarn lieben die
überraschenden Wendungen und das war eine. Die Stadtväter sprangen
auf, um dem Jungen die Hand zu drücken. Selbst Christoph Agoston
murmelte versöhnt zu Franz Kriston hingeneigt: »Wenn er nur nicht die
Züge seines Vaters hätte! Sein Vater kam noch als Slovake in Sandalen
nach Kecskemét.«
»Das sieht man dem Knaben gar nicht an.«
Wirklich konnte jedermann in einem ärztlichen Fachblatte kürzlich
lesen, daß wenn man die Wunde eines Weißen (in ärztlichem Jargon: das
Fehlen der Hautkontinuität) durch die Haut eines Negers ergänzt, daß
das kleine schwarze Hautstück allmählich weiß wird und daß
andererseits die weiße Haut auf dem Körper eines Negers schwarz wird.
Dieser Prozeß geht seit Jahrhunderten in den großen ungarischen
Städten vor sich. Eine fremde Familie geht nach der anderen ganz in
den ungarischen Körper auf, sie nehmen sogar die Farbe desselben an.
Der alte Schneider Lestyák sieht mit seinem grauen Haare, seinem
runden Kopfe wie ein Azteke, während Max mit seinem eiförmigen, harten
Gesichte, mit den nußbraunen Augen, mit seinem dünnen Schnurrbarte
schon ein wahrer Kumane ist, der sich in diesem Saale, wenn er in
einem anständigen Anzuge erschiene und nicht in Hemdärmeln, so
ausnehmen würde, wie der Enkel irgend eines an der Wand hängenden
alten Senators.
Die Beratung nahm nun mit großer Begeisterung ihren Anfang. Man sprach
es einstimmig aus, daß die Politik Kecskeméts derzeit die sei, um
jeden Preis die Türken zu gewinnen. Dann ging der Vorsitzende
Poroßnoki auf einen anderen Gegenstand über: »Es ist noch die
Besetzung des Oberrichterstuhles zu erledigen. In glücklichen Zeiten
ist das die Belohnung der bürgerlichen Tugend. Die ganze Stadt nimmt
an der Wahl teil. Aber heute, da eine ganze Reihe von Oberrichtern das
Martyrium erlitt, den einen der Ofner Sandschakpascha aufs Rad
flechten ließ, der andere in trauriger Gefangenschaft im
Konstantinopler Jedikala zu Grunde ging, einen dritten die Kurutzen
mit ihren Piken totstachen, die Gattin eines vierten raubten, heute,
sage ich, ist die Annahme des richterlichen Stabes eine heroische
Selbstaufopferung und wir haben nicht das Recht irgend einen unserer
Mitbürger auf dem Wege der Wahl in den Rachen des Unglücks zu stürzen.
Denn wem würden die einzelnen jetzt ihre Stimme geben? Demjenigen,
welchen sie am meisten hochschätzen? Oder demjenigen, welchen sie
hassen? Ist es möglich, daß nicht das allgemeine Vertrauen, sondern
der allgemeine Haß Männer an die Spitze der öffentlichen
Angelegenheiten stelle? Ich, wohledle Herren, halte das für
unmöglich.« (Stürmischer Beifall.)
»Wahr! So ist's!«
»Unter solchen Umständen, da der Oberrichter aus den Senatoren gewählt
werden soll, giebt es nur den einzigen /modus vivendi/, daß jemand von
Ihnen freiwillig das Amt eines Oberrichters übernehme.« ...
Unruhig ließ er seine Blicke im Kreise umherschweifen.
Es herrschte kirchliche Ruhe im Saale. Die Senatoren rührten sich
nicht.
»Niemand?« frug er mit düsterer Stirne. »Dann müssen wir zum letzten
Mittel greifen, welches unsere alten Gewohnheiten dann anordnen, wenn
von den Senatoren jemand eine Aufgabe von unheilvollem Ausgange
erhält. Pintyö, bringen Sie die Bleikiste herein.«
Der Heiduck brachte eine kleine Bleikiste aus dem benachbarten Zimmer,
auf deren vier Seiten je ein Totenkopf ausgehauen war.
»Hier sind die zwölf Würfel,« sagte Poroßnoki dumpf und ließ sie auf
die Mitte des Tisches kollern, auf dessen grüner Fläche die
eindringenden Strahlen der Herbstsonne mutwillig umhersprangen. Ein
schwarzer und elf weiße Würfel: »Wer den schwarzen zieht, wird
Oberrichter!« Die Würfel legte er wieder in die Kiste zurück.
»Es sind aber nur elf Senatoren anwesend,« sprach Herr Kriston mit
zitternder Stimme dazwischen, »der eine Würfel ist überflüssig.«
»Ausgenommen, wenn auch Herr Lestyák einen zieht.«
»Wenn er eine Stimme hat, muß er auch ziehen,« meinte Herr Zaládi,
»der Mantel der Rechte ist mit Pflichten wattiert.«
»Er soll ziehen!« entschied man einstimmig.
Das Auge Lestyák's erglänzte, sein Gesicht erglühte. »Wenn ich nur den
schwarzen Würfel zöge,« dachte er bei sich.
Unterdessen transpirierte mit Hilfe der Heiducken der Fall Lestyáks in
die draußen harrende Menge, daß die Senatoren seit dem Morgen
gedankenlos dasaßen, daß Max unter das Fenster kam und den Funken der
Weisheit unter sie warf, worauf Gabriel Poroßnoki ihn von der Gasse
hineinrufen ließ und ihn zum grünen Tische unter die Alten der Stadt
setzte.
Hat jemand schon so etwas gehört? Aber Gabriel Poroßnoki ist dennoch
ein wackerer Mann, der selbst im Schnabel der Eule das Glänzende
bemerkt.
Das Volk wogte lebhaft vor dem Gebäude. Von Zeit zu Zeit erscholl eine
Stimme aus der Menge: »Es lebe Max Lestyák! Wir wollen Lestyák sehen!
Wir wollen ihn hören!«
Frau Fábián sprach zu einer großen Gruppe mit lebhaften Gebärden:
»Sein Verstand hat sich enthüllt. Gott hat ihm im Schlafe zu wissen
gegeben, was er sagen soll, wie unsere arme Stadt von den bösen Heiden
befreit werden kann. Warum Gott gerade ihn auserkor, fragen Sie, Frau
Létasi? Weil Se. heilige Majestät immer mit den Kindern der Handwerker
arbeitet. Unser Heiland, Christus, war der Sohn eines Zimmermanns und
dieser der Sohn eines Schneidermeisters. Aber seht nur, er kommt!«
Aus dem Nachbarhause kam Herr Mathias Lestyák mit raschen Schritten,
indem er in der einen Hand zornig die Elle schwang und in der anderen
einen kornblumfarbigen Mantel hielt. »Wo ist dieser Kerl, daß ich ihn
tot schlage!« schrie er wild. »Er kam hierher, er muß hier sein.«
»Er ist im Senat«.
»Wer? Der Max? Wie kam er denn hin? Verbarg er sich vor mir? Ich will
doch warten, bis er herauskommt. Ich werde diesem Kerl schon zeigen!
Zu Staub will ich ihn zermalmen. Vor einer Stunde gab ich ihm daß
Bügeleisen, damit er es wärme, denn noch heute muß ich den Mantel des
Halaser Bürgermeisters nach Hause bringen, welcher darin mit einer
Deputation morgen ins Neograder Komitat geht. Ich rufe jetzt in die
Küche: >Max, bring' schon einmal das Bügeleisen!< Aber weder
Bügeleisen, noch Max erscheint. Soll da der Mensch nicht vor Zorn
bersten?«
Valentin Katona, der Kürschner, ergriff die Partei des Sohnes.
»Man kann einen erwachsenen Burschen nicht mehr als Schneidergesellen
beschäftigen und mit dem Wärmen des Plätteisens quälen.«
»Kümmern Sie sich um Ihr eigenes Kalb,« erwiderte der Schneider roh.
»Was soll ich denn mit ihm anfangen? Früher oder später wird er
ohnehin aufgehängt. Er schnüffelt immer nach städtischen
Angelegenheiten umher. Ich werde dir schon städtische Angelegenheiten
geben. Ich werde den Lumpen braun und blau schlagen.«
»Daraus wird nichts!« warf Valentin Katona neuerdings ein, an das
heutige große Verdienst des Jungen denkend.
»Die Erde soll mich verschlingen, wenn ich ihn nicht züchtige.«
Valentin Katona wollte eben seinem in weicherem Material arbeitenden
Kollegen erklären, wie Max in den Senat gelangte, als das Fenster des
Beratungssaales mit großem Lärm geöffnet wurde und der wohledle Herr
Gabriel Poroßnoki »Verehrliches Volk der Stadt Kecskemét!« mit
Stentorstimme hinausrief, worauf Grabesstille eintrat. »Ich melde euch
im Namen des Senates, daß vom heutigen Tage angefangen, auf ein Jahr
der wohledle und achtbare Herr Michael Lestyák nach unseren Gesetzen
und Gewohnheiten zum Oberrichter der Stadt gewählt wurde.«
Ein Gemurmel der Überraschung ging durch die dicht gedrängte Menge.