»Gott sei Dank!« flüsterten die Senatoren erleichtert auf, »daß sie
nun durchgegangen ist, die kleine Kröte!«
Mit den Abenteuern hatte es nun ein Ende. Jetzt gelangte man ohne
Zwischenfall von den Tanyen zu Dörfern und von Dörfern zu Tanyen. Nur
hier und dort verwischte sich der Weg, allein das that nichts, war
doch Marczi da, der ihnen, so oft man ihn weckte, jederzeit den
richtigen Pfad wies.
»Fahrt nur geradeaus auf den blinkenden kleinen Stern zu, der dort
neben dem kleinen Bären steht ...«
Er war zu Hause unter den glänzenden Planeten des Himmelszeltes. Die
Erde ist unergründlich, der Himmel dagegen mit seinem blauen Felde ist
allezeit unveränderlich. Von dort herab maß er denn auch den Weg von
Pest bis zur edlen Stadt Kecskemét. Er wußte da so genau Bescheid, er
sah den Weg so klar, daß auf demselben vor seinen Augen förmlich Staub
aufwirbelte .....
Sechstes Kapitel.
Pintyö stellte die geladenen Böller auf dem Marktplatze auf; hier und
dort wurden Transparente errichtet: »Willkommen!« »Vivat!« und
dergleichen mehr. Der glänzend beredte Paul Fekete büffelte gerade an
einer Rede, welche also begann: »Wer kennt nicht den Ruf des weisen
und achtungswerten Seneca?« (Selbstverständlich kannte ihn jedermann,
denn Herr Paul Fekete lebte von den Aussprüchen dieses achtungswerten
und weisen Mannes.)
Die Zigeuner des Bürüs strichen die Fiedelbogen mit Kolophonium, kurz,
es wurden große Vorbereitungen getroffen, und man hätte vielleicht
sogar die großen Glocken geläutet, wenn Herr Poroßnoki nicht bei
Czegléd, von seinem richtigen Verstande geleitet, Pali, den schmucken
Csikós, auf ein Roß gesetzt und ihm aufgetragen hätte, daheim zu
sagen, daß man keine Komödien inszenieren solle, da zur Lustigkeit
keine Ursache vorhanden sei.
Der Herold rief große Verstimmung hervor, brummig und ärgerlich sah
man gegen Abend aus den Fenstern und hinter den Zäunen den Einzug der
Vorsteher mit an. Kein einziges »Eljen« war zu hören, nur die Hunde
bellten hinter den Wagen her. Allein es war ja auch besser so, wozu
die Schmach noch mästen, da sie ohnedies groß genug war!..
Noch am selben Abende erhielten die Ofner Ereignisse Flügel, man
erfuhr, wie die Köröser Kecskemét, das heißt, wie Kecskemét sich
selbst »abgekocht« hatte und wie ihnen der Sultan als Entgegnung auf
die vielen kostbaren Geschenke und Schätze einen Kaftan hingeworfen.
Schmach und Schande!
Allein wie konnten sie den Mangel an Schamgefühl haben und den Kaftan
auch nach Hause bringen? Am nächsten Tage sammelten sich große Mengen
vor dem Stadthause; die angeseheneren Bürger gingen in den Saal
hinauf, um hier aus amtlichem Munde das Ergebnis der Reise zu
vernehmen. So war es nämlich Sitte nach jeder großen Expedition.
Das gewöhnlichere Volk, Weiber und Bursche spektakulirten draußen,
schrieen und suchten in unmöglichen Tönen eine Melodie zu dem Verse,
der soeben herrenlos auf den Lippen des Pöbels geboren worden war:
»Kecskemét, magst glücklich sein,
Kaisers Kaftan ist ja dein!«
Einige des Weges kommende Großköröser Fuhrleute steigerten noch die
Gereiztheit. Tüchtig in ihre Pferde einhauend, schrieen sie der Menge
höhnisch zu:
»Hält der Kaftan auch warm?«
Und fürwahr, er heizte den Senatoren dort oben tüchtig ein. Finster
saßen sie in ihren Stühlen. Einige, so Herr Inokai, ganz weichherzig
und verzagt, nur auf dem schönen Antlitze des Oberrichters leuchteten
noch Mut und Trotz.
Poroßnoki malte die Ereignisse der Reise in einer schön komponierten
Rede, und er begann mit dem Herrgott, der Kecskemét so häufig
heimsucht, daß man ihn bereits als einen hier zuständigen Einwohner
betrachten konnte. Sie waren in gutem Glauben vorgegangen (der
Herrgott ist Zeuge!) und sie konnten nichts dafür, daß der Plan in
Trümmer ging.
Was wahr ist, ist nun einmal wahr, die Auslagen waren ungeheuer, aber
sie hatten gedacht: Wer wagt, gewinnt!
Anfangs hörte man fein ruhig zu und die hübsche Rede würde vielleicht
gar den Magistrat gerettet haben, hätte nicht bei den Details, wo
Poroßnoki mit großem Pathos sagte: »Und wir erschienen am Mittwoch vor
Sr. Majestät dem türkischen Kaiser, der in königlichem Ornate da saß,«
hätte, wie gesagt, hierbei Gáspár Permete nicht dazwischen gerufen:
»Eine Pfeife hatte er nicht im Munde?«
Eine unbändige Heiterkeit malte sich auf allen Gesichtern und von da
ab folgte ein ungewaschener Zwischenruf dem anderen. Die Autorität
sank und kaum hatte der erste Funke im Stroh verfangen, als auch schon
alles aufloderte.
»Sie haben das herrliche Geld dem Teufel in den Rachen geworfen!
Kleider mit Karfunkelsteinen haben sie jenen Personen nähen lassen!
Amtliche Gelegenheitsmacher! Eine Peitsche mit Edelsteinen haben Sie
mitgenommen! Das Geld wurde hirnlos verschleudert. Sie haben uns zum
Kinderspott gemacht! Ich komme gerade von draußen und da schreien die
Köröser auf dem Platze: >Hält der Kaftan auch warm?< Eine solche
Schmach unserer Stadt!... Darauf mögen Sie antworten!«
Der riesig gebaute Josef Berkes sprang auf und mit hervorquellenden
Augen, brüllender Stimme und drohender Faust wütete er:
»Danken Sie ab! Packen Sie sich vom grünen Tische!«
Und unheildrohend, aus hundert Kehlen durchbrauste den Saal ein
Schrei, welcher daherfuhr wie der Orkan durch Baumgeäste.
»Danken Sie ab!«
Die aufgeregten Bürger drängten sich in einem stets enger werdenden
Ring um den grünen Tisch. Lestyák warf seinen Stuhl um, knöpfte von
seiner Weste das Stadtsiegel los, welches dort an einer Kette hing und
warf dasselbe mit der Kette zu Boden, so daß es bis in die äußerste
Ecke des Saales kollerte.
»Da habt Ihr es! Ich brauch's nicht!« und er eilte zur Thür.
Allein Blasius Putnoki stellte sich ihm entgegen.
»Oho! Nicht so, Gevatter! Du bleibst. Ich klage dich vor Gott und
Menschen an, daß du mit den Feinden der Stadt unter einer Decke
gespielt, daß du die Schätze unserer heiligen Mutterkirche verkauft
hast. Du bist der Gefangene der Stadt!«
»Auf wessen Anordnung?« fragte stolz und kalt Lestyák.
Putnoki war betroffen, wie wenn man ihm die Zunge abgeschnitten hätte,
Lestyák hingegen entfernte sich, die Saalthür hinter sich zuschlagend.
Der Reihe nach standen jetzt die anderen Senatoren auf, sich dem
allgemeinen Willen unterwerfend. Sie legten ihr Amt nieder. In dem
entstandenen Chaos brach sich Herr Josef Berkes Bahn bis zum
Präsidentenstuhle.
»Ich beantrage, daß, bis nach reiflicher Überlegung ein neuer
Beamtenkörper gewählt wird, die Angelegenheiten der Stadt eine aus
drei Mitgliedern bestehende Kommission führe. Ein katholischer, ein
kalvinischer und ein lutheranischer Mitbürger.«
»So ist's!« schrie die Menge.
Sofort rief man alle drei aus, die Herren Samuel Holeczy, Balázs
Putnoki und Josef Berkes. Das Triumvirat ging, als sich die Menge
zerstreute, in das benachbarte Zimmer, um zu beraten und sein erster
Beschluß war die Gefangennahme des jungen Lestyák.
Der alte Lestyák weinte und schrie, als man den Stolz seines Herzens,
seinen Max ins Gefängnis führte. Zuerst griff er zum Bügeleisen und
wollte die Haiducken totschlagen. Als man ihm das Bügeleisen aus der
Hand riß, brachte er aus der Bibel geeignete Sätze zur Anwendung,
welche er wie Donnerkeile an die Köpfe Gyuri Pintyös und Pista Muskas
warf.
»Man muß die Sache nicht so arg aufnehmen, lieber Vater,« sagte ein
wenig zornig der Ex-Oberrichter, »auch das dauert nicht ewig.«
»Sie werden das noch bitter bereuen!« rief der Alte, seine Fäuste wie
ein Theaterheld ballend. »Wehe dir, Kecskemét, wie Sodom und Gomora
wehe ward.«
»Uns kann das Glück noch lächeln,« tröstete Max.
»Glück?« Und der Alte begann wieder zu schluchzen, wie ein altes Weib.
»Auch das Glück ist eine Göttin, ein Weib wie die anderen. Sie läuft
immer neuen Männern nach. Mit dem sie einmal ein Liebesverhältnis
hatte und ihn verließ, zu dem kehrt sie nicht wieder zurück.«
Dann erfaßte er wieder verzweiflungsvoll mit den Bewegungen eines
Wahnsinnigen die Scheere und begann einen neuen Dolman, den er eben
fertig gestellt hatte, in Stücke zu zerschneiden, indem er heiser
röchelte:
»Verdirb, Hund! Die Welt soll ein Ende haben.«
Die Welt nahm zwar kein Ende, nur der Dolman und auch den armen Max
schleppte man in den dumpfen Kerker des Stadthauses. Er lief ihm nach,
aber bei der Thoreinfahrt wankten seine alten Beine und er konnte erst
an der Thürschwelle rufen:
»Fürchte nichts, lieber Sohn, ich werde dich von dort erlösen, deine
Freiheit erringen.«
Nun, fürwahr, das war auch damals keine große Sache! Man ging einfach
zum Ofner Pascha, einen kleinen Befehl zu erwirken, daß man ihn sofort
frei lasse. Wenn das Herz des Ofner Pascha nicht zu erweichen war,
ging man zum Szolnoker Pascha, auch dessen Befehl ist giltig. Nehmen
wir an, daß der Szolnoker Pascha gleichfalls in schlechter Laune war,
dann ist es ratsam, den Kalgaer Sultan aufzusuchen, oder nach Fülek
zum Vicegespan zu wandern, ja im schlimmsten Falle kann auch Herr
Csuda die Freilassung anordnen, wenn es nicht das Einfachste ist, sich
an den hochgebornen Herrn Stefan Koháry nach Szécsény zu wenden. Alle
diese wohledlen Herrschaften befehlen in Kecskemét.
Gerade kam ein Wanderbursche zur rechten Zeit, der sich anbot, er war
ein hübscher, Vertrauen erweckender Bursche.
Jetzt kann Herr Lestyák zuversichtlich seine Reisetasche umhängen und
die obige Namensliste dazu, der Bursche hingegen giebt auf das Haus
acht, übernimmt die Bestellungen und hält die ungeduldigen
Kundschaften mit Worten hin, die Magd Erzsike hingegen kocht für ihn
und sucht ihn auszuforschen.
»Aber dann mein Sohn Laczi? -- nicht wahr du heißt Laczi? -- treibe
keinen Mutwillen mit dem Mädchen, ich warne dich, denn das ist mein
Patenkind.«
So ging der Alte fort und blieb lange aus, erst im späten Winter
kehrte er zurück.
Das Bein der heurigen Martinsgans weissagte einen strengen Winter und
es war in der That so. Die kämpfenden Parteien standen viel Elend aus.
Von den Kriegern des Herrn Thököly erfroren hundert bis zu
Weihnachten. Wegen des vorjährigen schlechten Jahres waren auch die
Lebensmittel knapp, die Soldaten froren nicht nur, sondern hungerten
auch dabei, kein Wunder, daß ihr Auftreten zuweilen grausam war.
An jenem Abend, an welchem der alte Lestyák mit dem Ferman des Ofner
Pascha nach Hause kam, zog mit ihm zugleich ein Trupp des übel
beleumundeten Kalgaer Sultans vor die Stadt, unter der Führung Olaj
Begs, mit sehr vielen in Sklavenketten geschlagenen Frauen und Männern
und er sandte mit einem Reiter den Befehl an das Triumvirat:
»Ungläubige Hunde! Wenn ihr morgen Vormittag nicht acht Wagen Brot,
vierzig Ochsen, zwanzig Wagen Holz und viertausendfünfhundert Gulden
schickt, werde ich sie nachmittags selbst mit meinen Soldaten holen
und von den Köpfen der Kecskeméter Regierung zwei abschneiden, denn
ein Richter hat an einem Kopfe genug. Versteht mich gut!«
Im Stadthause entstand großer Schrecken. Die Haiducken liefen in
voller Eile von Haus zu Haus, daß man dem mächtigen Olaj Beg Brot
backe, daß man Holz zusammenscharre, aber am schwersten war es, das
Geld herbeizuschaffen, denn die Lade der Stadt stand leer. Einen
solchen Aderlaß erträgt man jetzt nicht.
Mit verstörten Gesichtern fand sie Michael Lestyák, als er mit
Unterwürfigkeit hereinhumpelte.
»Nun, was wollen Sie?« frug Putnoki rauh ...
»Ich kam wegen des Sohnes, mein großer guter Herr.«
»Wegen des Sohnes?«
»Nun wegen meines Sohnes. Ich werde den Armen nach Hause bringen.«
»Wenn wir ihn freilassen.«
»Freilich, freilich,« sagte der Alte stolz, und breitete vor Herrn
Putnoki den Brief Ibrahim Paschas aus. Ȇbrigens wie Euer Gnaden
wollen.«
Der Triumvir gab klein bei, als er den Brief des Pascha überflogen
hatte; er griff sich sogar an den Hals vor Schrecken, denn der gute
Ofner Ibrahim klopfte aus seinem Schreibrohr niemals die Tinte aus,
ohne eine kleine Gemütlichkeit in die ernsten Zeilen zu mischen. Auch
jetzt standen dort die wenigen Worte: »Ich sehe, daß Euer Hals Euch
stark juckt.«
»Das ist etwas anderes,« sagte der Triumvir sich duckend. »Wir
gehorchen dem Befehle. Jetzt aber ist es schon spät Abend, auch ist
der Kerkermeister nicht hier. Wir werden unseren Bruder morgen früh
schon herauslassen.«
Der Schneider ging nach Hause, aber die Morgendämmerung fand ihn schon
vor dem Thore des Stadthauses. Es war ein häßliches Wetter, ein großer
Nebel ballte sich zusammen und auch der Schnee fiel still herab. Die
Stadtherren kamen früh genug herein, besonders Putnoki, der über Nacht
einen guten Gedanken gefaßt hatte und sich beeilte, ihn seinen
Kollegen mitzuteilen.
»Es wird nicht gut sein, wenn Lestyák auf freien Fuß gesetzt wird.
Sein Schädel ist mit viel Verstand und viel Spitzbüberei gefüttert.«
»Ein harter Schädel, das ist wahr, aber mit dem Sandschak Pascha
können wir doch nicht Finger ziehen.«
»Das glaube ich auch nicht. Wir lassen ihn frei, ich schicke ihn aber
an einen solchen Ort, von welchem er nicht wieder zurückkehrt.
Überlassen Sie das nur mir!«
Die Gassen bevölkerten sich ungewöhnlich früh. Die Bewohner
beförderten teils in Karren, teils in Schiebkarren ihre Sachen auf die
naheliegenden Tanyen.
Das Erscheinen Olaj Begs am Horizont malte Schrecken auf die
Gesichter. Denn der wackere Olaj Beg war thatsächlich kein solcher
Kleinigkeitskrämer wie Herr Csuda oder Derwisch Beg, welche sich mit
dem Raub eines Pfaffen oder eines schönen Mädchens begnügten. Der
verständige Olaj Beg arbeitete /en gros/. Er kam selten, aber wenn er
kam, trieb er eine ganze Gasse in Gefangenschaft, samt Frauen,
Kindern, Sack und Pack, samt Pferden, Rindern, nichts zurücklassend,
als die Schweine, welche unreine Tiere sind und mit dem heiligen Koran
in Widerspruch stehen. Ein solcher Mensch war Olaj Beg, das muß man
ihm lassen.
Bei der Nachricht von seinen Forderungen kamen die einflußreichsten
Männer schon zeitlich morgens einzeln in das Rathaus; der eine brachte
ein wenig Geld, der andere kam, um Brot und Holz anzubieten. Die
schlechte Nachricht ist ein guter Wecker.
Viele murrten, als Herr Putnoki den Befehl gab, den jungen Lestyák aus
dem Kerker vorzuführen. Er erschien ein wenig blaß, trug aber den Kopf
hoch.
»Max Lestyák,« sagte der Triumvir feierlich, »Sie sind frei!«
Ein unzufriedenes Murren entstand im Saale.
»Der Ofner Vezir ist Ihr Patron,« bemerkte der Vorige satirisch.
Lestyák erwiderte nichts. Er machte eine nervöse Bewegung, als ob er
gehen wollte.
»Nicht dort ist Ofen. Warten Sie noch! Der Ofner Pascha ist nicht der
römische Papst, mein Herr Ex-Oberrichter, er kann Schlösser ausbrechen
und schließen, aber nicht Sünden vergeben. Diese müssen Sie abbüßen.«
Eine peinliche Ruhe trat ein, man erwartete das Folgende mit
zurückgehaltenem Atem.
»An unseren Grenzen steht der grausame Olaj Beg, dort jenseits des
Teiches Csalános. Er hat der Stadt einen großen Tribut auferlegt,
welchen man ihm bis heute Mittag übersenden müßte, aber es ist
unmöglich. Wissen Sie also, Lestyák, wozu wir Sie jetzt verurteilen?«
»Sie werden es schon sagen, wenn Sie wollen.«
Balázs Putnoki fuhr mit boshaftem Lachen fort:
»Sie haben den berühmten Mantel gebracht, sehen wir nun, was Sie mit
demselben anzufangen wissen. Sie werden ihn anziehen und in ihm zum
Beg gehen.«
Das Herz des jungen Mannes zog sich zusammen. Das kam unerwartet.
Seine Füße wankten fast. Aber rasch gewann er wieder Kraft. Wie zu
sich selbst sagte er: »Ich darf nicht erschrecken, ich darf es
nicht ...« Sein Herz schlug stark, seine Stimme wurde tonlos; aber die
Farbe des Gleichmuts lagerte auf seinem Gesicht.
»Und was soll ich dem Beg sagen?«
»Sagen Sie ihm, daß er sich mit der Hälfte des Tributs begnüge und
auch damit zwei Tage warte, bis wir ihn zusammengebracht haben. Oder
aber, zum Teufel, bieten Sie ihm den Kaftan an, welcher fünfzig
Pferde, hundert Ochsen und ungefähr viertausend Dukaten repräsentirt.
Er wird zufrieden sein. Hehehe! und was noch zurückkommt, das bringen
Sie in die städtische Kasse. Hahaha!«
»Der wird mich ja sofort rädern lassen oder in Ketten schlagen.«
Putnoki zuckte die Achseln.
»Das ist Ihr Malheur.«
»So?« rief Lestyák bitter aus. »Verurteilen Sie mich wirklich dazu?«
Mit einem Blicke sah er die Triumvirn, die grauhaarigen Greise der
Stadt, der Reihe nach an. Diese nickten mit dem Kopfe zum Zeichen, daß
das Urteil gerecht sei. Man muß an den Vergeudern des öffentlichen
Vermögens ein abschreckendes Exempel statuieren.
»Führen Sie mich lieber in den Kerker zurück,« sagte er
selbstvergessen, bereute es aber sofort.
»Wovor fürchten Sie sich denn eigentlich so sehr?« klügelte bissig der
Triumvir, »den Kaftan werden Sie ja tragen.«
Ein großes Gelächter entstand bei diesen Worten und das Blut schoß
Lestyák ins Gesicht.
»Ich pflege mich nicht zu fürchten,« sagte er stolz. »Wann soll ich
gehen?«
»Noch Vormittag, sobald ich die Anordnungen getroffen habe. Wollen Sie
bis dahin nicht beichten?«
»Nein.«
Der alte Schneider verkündete es verzweifelt der ganzen Stadt, welch'
unerhörtes Unrecht es sei, seinen Sohn in den Rachen des
Tartaren-Haufens zu schicken. Das ist ein Todesurteil ohne Verhör und
Verteidigung!
»Denkt daran, wie sehr ihr ihn vor drei Monaten liebtet. Macht einen
Aufruhr, ergreift Hacken, Eisengabeln, kommt, ich führe euch an, damit
ihr das >dreiblätterige Kleeblatt< abmäht.« (Das war der Spottname des
Triumvirates.)
Keine Hand rührte sich; Wurzeln haben ja nur die lebenden Bäume ...
höchstens in den mit Rosmarin und Muskaten geschmückten Fenstern ward
ein braunes oder blondes Mädchenantlitz traurig und ein tiefer Seufzer
brach sich vielleicht durch die Blätter der Blumen: »Armer Max
Lestyák!« Dann blieben diese schönen Gesichter auch weiterhin auf der
Lauer.
»Wann kommt er? Wie gern möchte ich ihn im Kaftan sehen. Wie lange
zögert er.«
Man sattelte sein Pferd im Hofe des Stadthauses. Leicht schwang er
sich in den Sattel, obwohl ihm der grüne Seidenmantel bis zu den
Fersen reichte. Er pfiff sogar, als er den linken Fuß in den
Steigbügel setzte. Auch zwei Trabanten setzten sich zu Pferde, und
hielten mit gezogenen Säbeln an seiner Seite Wache.
Sie hielten aus dem rückwärtigen Thor ihren Auszug, damit die
angesammelten Neugierigen nicht schreien und lachen sollten. Das war
aber eine Sache zum Weinen! Die Triumvirn sahen zum Fenster hinaus, so
lange sie wegen des immer dichter werdenden Nebels sehen konnten. Herr
Putnoki rieb sich vergnügt die Hände.
»Nun, der wird das Kecskeméter Horn auch nicht mehr hören!« (Denn es
war üblich, die Mittagszeit durch Hornrufe vom Turm Sankt Nikolaus zu
kennzeichnen.) Dann wandte er sich lebhaft den versammelten Bürgern
zu: »Jetzt aber beeilen wir uns, den Tribut auf Wagen zu laden, damit
Olaj Beg, wenn er sich erzürnt gegen die Stadt kehrt, die Sendung
schon unterwegs finde.«
Die Trabanten begleiteten Lestyák nur bis ans Ende der Stadt, wie dies
bei den Verbannten zu geschehen pflegt. So stand es im Befehl. Es wäre
auch schade um die Trabanten gewesen, diese Leute bis ins feindliche
Lager zu senden, wo ihrer sicherer Tod harrte.
Vielleicht geht Lestyák gar nicht weit, vielleicht schlägt er sich
irgendwo seitwärts in die Büsche, die Welt ist ja weit und hat vier
Ecken -- nun, so mag er es immerhin thun, wenn er nur nicht länger
hier lästig fällt.
Aber da kam man just an den Rechten. Während er fürbaß über die
endlose Schneedecke dahinritt, dachte er bei sich:
»Ich zieh von dannen; ich muß es wohl. Denn wenn ich bleibe, bin ich
für immer tot. Geh' ich aber fort, so kann es noch geschehen, daß sie
mich zurückrufen. Olaj Beg ist ein kluger Mensch; einen Toten kann er
zu nichts nützen, ein Lebender aber ist ihm stets eine Ware, zumal er
mit Sklaven handelt. Schlimmenfalls schleppt er mich in die
Gefangenschaft. Das kann man immerhin wagen.«
Mit dem herabhängenden Flügel seines Mantels hieb er dem Gaule eins
auf den Rücken, wodurch die arme Mähre einigermaßen angespornt wurde.
Das Roß hatte schöne Karriere gemacht. Gestern noch drehte es sich in
der städtischen Tretmühle und heute sitzt ein Ritter in seinem Sattel.
(Gut genug für die Tartaren, spekulierten die Triumvirn.)
»Ich werde auf den Richtplatz geschleppt!« murmelte der Reisende, und
das Blut kochte ihm vor Ingrimm.
Er ballte die Faust.
»Ei, könnt' ich nur je wieder heimkehren!«
Dann gab er dem Gaul einen derben Stoß, der wohl den Triumvirn
zugedacht war, den aber das Tier ergebungsvoll erduldete. Es erhob
sich ein schärferer Wind. Vom Csalános-Teiche her klang ein fernes
Surren und Getöse: der Lärm des Tartaren-Kriegslagers.
Trabe zu, Mähre, trabe zu!
Er kam an einer tragbaren aus Schilf geflochtenen Mauer vorüber, wo
die Herden zu überwintern pflegten, die aber nur gegen den Wind Schutz
bot. Lestyák mußte daran vorbeireiten. Vom Pferde herab sah er, daß
ein Mann mit breitem, schwarzem Hut, in einen Mantel gehüllt dort
stehe: vielleicht hatte er sich vor dem Schneewehen dahin geflüchtet.
Der Mann kam näher und sprach:
»Stehen Sie mir doch auf ein Wort, Herr Lestyák.«
Lestyák blickte gar nicht hin und antwortete mürrisch:
»Ihr wisset das Wort nicht, das mich zum Stehen brächte!«
»Ich bin es -- Czinna.«
Es gab also doch ein Wort, auf welches er stillestand, ja, vom Pferde
sprang.
»Unglücksmädchen, wie kommst du hierher? Ei, was du für ein hübscher
Junge bist.« Und dabei lächelte er matt und traurig.
»Es ist gut, daß Sie vom Pferde gestiegen sind, denn ich will es
ohnedies besteigen. Kommen Sie doch hierher, hinter die Mauer, aber
gleich und lassen Sie mich den Kaftan umlegen.«
»Bist du wahnsinnig?«
»Ich habe alles bedacht, als ich daheim hörte, wohin man Sie schickt.
Wenn Sie dahingehen, so tötet man Sie, oder schleppt Sie in die
Sklaverei, nicht?«
»Du sagst es, Czinna!... Aber es ist ganz wundersam, daß du hier
bist.«
Er blickte sie verwirrt an und schien sich an ihr nicht sattsehen zu
können.
»Wenn man Sie tötet, dann giebt es kaum mehr ein Auferstehen.«
»Na, das ist wohl wahr.«
»Keine Späße jetzt! Sie sind ein schrecklicher Mensch! Schleppt man
Sie aber weg, so wird Sie gewiß niemand auslösen. Die Senatoren würden
es auch verhindern.«
Max biß sich in die Lippen.
»Wenn aber ich hingehe und mich als Lestyák ausgebe und sie mich
umbringen wollen, werden sie bemerken, daß ich eine Frau bin und den
Frauen thun die Tartaren nichts zu Leide, dann können Sie mich
auslösen; wenn sie mich aber nur gefangen mitnehmen, dann können Sie
mich um so eher als Lestyák auslösen. Geben Sie also schnell den
Mantel her.«
Und während sie noch dies mit einschmeichelnder, süßer Stimme sagte,
hatte sie auch schon den Mantel herabgezogen.
Max Lestyák widersetzte sich:
»Nein, nein! Wo denkst du hin?«
Die Argumentation von Czinna hatte ihre Wirkung trotzdem nicht
verfehlt.
»Es ist schon möglich, daß es so ist;« und er rieb sich die Stirne.
»Ich löse dich aus, natürlich löse ich dich aus. Du sagst ja, du
wärest mir noch ein Leben schuldig. Schweige, man muß das nicht so
nehmen. Klügele nicht, Mädchen. Warte ein wenig. Ich weiß selbst
nicht, was wir machen sollen.«
Das Mädchen aber blieb nicht stehen; sie hatte den Mantel bereits um
ihre schlanke Gestalt geworfen, im nächsten Augenblick schwang sie
sich auf das Pferd. Einen Augenblick später hatte sie bereits der
Nebel verschlungen, Lestyák lief ihr wütend nach.
»Bleibe stehen!« schrie er mit donnernder Stimme. »Ich laß' dich nicht
fort. Ich befehle dir, stehen zu bleiben!«
Er konnte schon reden, der Gute. Ein schwacher Augenblick und der
Fehler war begangen. Ein Augenblick der Schwäche ist der Kern des
Sturzes großer Männer. Das Mädchen ging und blieb erst beim
Tartaren-Lager stehen.
»Führet mich vor den Feldherrn. Ich bin Max Lestyák, der Kecskeméter
Abgesandte.«
»Steige vom Pferde, guter Mann, ich führe dich hin --« meinte ein
untersetzter Tartare mit gutem ungarischen Accent. »Ein schlechtes
Pferd gaben dir die Kecskeméter Richter. Da kommt eben unser Herr, Beg
Olaj, Allah beglänze lange seinen Bart.«
Wahrhaftig, da erschien er, der mächtige Beg Olaj, auf seinem schönen
Rappen hielt er eben Revue über seine Truppen.
»Der Kecskeméter Gesandte ist hier, mächtiger Beg!« meldete der
untersetzte Junge.
Der Beg betrachtete den Gesandten und dessen Mantel sehr aufmerksam,
dann sprach er sanft:
»Wende dich um, braver Junge, wenn ich dich mit der Bitte nicht
belästige.«
Czinna drehte sich um.
Beg Olaj warf nun von rückwärts einen Blick auf den Mantel. Dann
sprang er vom Pferde, warf sich vor Czinna zur Erde und küßte den Saum
des Mantels dreimal. Czinna staunte ihn an mit ihren großen schwarzen
Augen, sie glaubte zu träumen.
»Allah ist groß und Mohamed sein Prophet. Was befiehlst du,
Abgesandter der Stadt Kecskemét?«
Demütig und gebückt stand er vor ihr. Czinna zögerte ein wenig, dann
aber sagte sie mit herber Stimme:
»Verlasset die Markung der Stadt Kecskemét sofort!«
Olaj Beg hob seine schläfrigen Schafaugen gegen den Himmel, dann
wendete er sich zu den Truppen und schrie laut:
»Wir ziehen ab! Sattelt!«
Siebentes Kapitel.
Lestyák blieb bei der Schilfmauer und zerbrach sich den Kopf darüber,
was er beginnen, wohin er sich wenden sollte. In seinem schweren Kopfe
zerflossen die Gedanken wie geschmolzenes Blei, seine Glieder nahm
eine Schlaffheit gefangen, an seiner Seele nagte die Selbstanklage:
»Ich habe schlecht gehandelt, es war eine egoistische Feigheit.« Eine
peinigende Unruhe stach ihn wie mit Dornen.
Düster blickte er vor sich hin.
»Wohin führt mich nun mein Weg ...?«
Der Nebel zerteilte sich ein wenig und unweit erglänzte das Riesenauge
des Sees Csalános, wie wenn er ihm zwinkernd zugerufen hätte: »Komm,
Lestyák, es wird am vernünftigsten sein, wenn du dich hierher legst,
dich mit einer silbernen Decke zudeckst und auf einem weichen
Sandpolster träumst!... Dies ist der geradeste Weg.«
Einige Schritte machte er gegen den Teich, aber ein Strauch stellte
sich ihm in den Weg, der höchste in der ganzen Gegend; die dünnen Äste
hatten die kleinen Schneeflocken überdeckt: er bemerkte sie nicht und
stolperte über dieselben. Und als sein Ohr in diesem bitteren
Augenblicke den Körper der »lieben Mutter« berührte, da hörte er,
fühlte er plötzlich, daß derselbe weit weg erbebte, der dumpfe Schall
von tausend Pferdehufen war vernehmbar. Er schauerte zusammen. »Ach,
es kommen die Tartaren gegen die Stadt.«
Doch ruhiger ward es, wie wenn der Lärm sich verzöge, er wurde immer
leiser und leiser, bald aber ging er ganz unter. Nur ein Pferd näherte
sich. Top! Top! Ja, wahrlich, es ist nur ein Pferd, und bei Gott die
Czinna sitzt darauf. Lestyák sprang in die Höhe, er wischte gar nicht
den Schmutz von seinen Kleidern, er lief ihr atemlos entgegen.
»Du bist hier? Es fehlt dir nichts? Du bist wirklich hier? Was
geschah?«
Czinna lächelte munter. Bevor sie antwortete, blies sie ihr
Gesichtchen in mädchenhaftem Übermut heldenhaft auf:
»Es geschah nichts anderes, wie ich gehorsamst melde, als daß ich die
Tartaren vertrieben habe. Sie laufen wie besessen.«
»Schwatze nicht!«
Dies sollte so viel heißen: »Ich bitte dich, rede, rede!« Sie sprach
auch, doch vorerst streifte ihr glänzender Blick mit großer Liebe den
beschneiten grünen Kaftan.
»Dieser Mantel ist schon etwas wert, mein Herr Max.«
»Wirklich?«
»Als ihn Olaj Beg gewahrte, stieg er vom Pferde, küßte den Saum
dreimal und fragte dann mit großer Demut, was ich befehle. Ich habe
ihm nun befohlen, daß sie sofort sich von dannen heben. Sie folgten
sofort und zogen ab.«
Lestyák stand mit offenem Munde da.
»Ist es möglich? Hat er wirklich eine solche Zauberkraft?«
»So geschah es, Wort für Wort. Ich habe aber nicht viel Zeit zu
plaudern. Nehmen Sie den Kaftan, hier ist Ihr Pferd, setzen Sie sich
darauf. Ich werde mich auf einem andern Weg entfernen.«
»Potztausend! Das ist ja ein wahrhaftiges Wunder!« jubelte Max, der
sich vor Staunen nicht erholen konnte. »Dann ist ja dieser Kaftan ein
großer Schatz!«
»Das will ich wohl glauben. Jedoch beeilen Sie sich, denn sie könnten
kommen. Es ist mir, als wenn ich schon schwarze rollende Wagen, von
der Stadt kommend, sähe.«
Lestyáks Stirn verfinsterte sich.
»Du hast recht, Czinna, sage niemandem etwas! Ich danke dir für das,
was du gethan hast. Ich werde mit dir noch später sprechen ... heute
noch. Jawohl, ich spreche noch mit dir, Czinna.«
»Schon gut,« meinte der fesche Bursche und verschwand gegen den Ried
hin.
Lestyák ging den geraden Weg. In der That fand er die lange Wagenreihe
bald vor sich; diese brachte Brot und Holz, der Marczi trieb die
Ochsen mit saftigen Verwünschungen an. Vor dem Wagen ritt einer der
Triumvirn, Herr Samuel Holéczi, den /nervus rerum/ in der an seiner
Seite hängenden gelben Ledertasche tragend. Jenes Weib aber auf einem
Wagen, umgeben von hold geröteten Brotlaiben, es ist bei Gott Frau
Fábián; sie ist aus bloßer Neugierde mit von der Partie, um doch
endlich einen »hundsköpfigen Tartaren« zu schauen; und neben ihr
kauert der redegewandte Paul Fekete, mit den blinzelnden Hasenaugen
eine Schrift lesend.
»Seht da! Ist das nicht der Lestyák?« stammelten betroffen die
Kecskeméter. »Der kommt aus dem Jenseits!«
Samuel Holéczi, der dem Lestyák niemals so recht gram war (man weiß
ja, daß die Lutheraner immer zu einander halten) und den überdies eine
quälende Neugierde befiel, richtete an Herrn Max in weichem Tone die
Frage:
»Nicht wahr, es ist nur Eure Seele, Amice, nicht Ihr selbst?«
»Potztausend, nein, ich bin es selbst ohne meine Seele,« brummte
Lestyák bitterlich (wer weiß, woran er eben dachte?) »Aber Ihr, wohin
wandert Ihr denn?«
»Es nahen Gäste unserer Gemarkung,« meinte in gemütlichem Galgenhumor
Holéczi. »Wir bringen ihnen eine kleine Kollation entgegen.« (Der edle
Herr war zumeist bei gesegneter Laune.)
»Die werden aber nicht leicht zu erreichen sein!«
»So?«
»Freilich, sie sind schon über alle Berge. Gingen fort ohne
Verabschiedung.«
»Ist das möglich?« quiekte die Frau Fábián dazwischen.
»Schade!« grämte sich Herr Fekete. »Da komme ich um eine meiner
schönsten Reden.«
Lestyák erzählte die Geschichte mit dem Mantel, ob welcher das Antlitz
des Herrn Samuel Holéczi augenblicklich alle Farben zu spielen begann.
»Kein kleiner Fall,« brummte er, sich die stumpfe Nase mißvergnügt
kratzend. »Kein kleiner Fall, hm ... dergleichen hat sich wohl,
seitdem die Welt besteht, noch niemals zugetragen.«
Indessen seine Verlegenheit währte nur einen Augenblick; er war ein
abgefeimter, schlauer Fuchs, der sich leicht wieder auf die Höhe der
Situation zu schwingen verstand.
»He, ihr Fuhrleute, nun kehret wieder um! Ein großer Tag ist für
Kecskemét angebrochen.«
Dann aber sprang er aus dem Sattel und sprach in ehrerbietigem Tone:
»Schwingt Euch auf mein Pferd, Herr Max Lestyák. Es ist mir ein Kummer
und eine Schande, Euch im Sattel jenes Kleppergauls zu sehen.«
»Laßt das nur. Ich danke. Mein Roß ist gut genug für mich. Wenn drei
Triumvirn mich auf dasselbe gesetzt, so ist einer nicht genug, um mich
aus dessen Sattel zu bringen.«
»So mag denn Herr Fekete mein Pferd besteigen, um der Stadt die Kunde
von dem Geschehenen zu überbringen.«
Das war aber dem »Cicero der Stadt« just recht, so fand er
Gelegenheit, für die ausgefallene Rede eine andere zu halten.
»Freilich geh' ich. Wie sollt' ich nicht gehen? 'S ist ja eine wahre
Freude, so ein schönes Tier zu reiten. Aber gebt mir eine Gerte dazu,
da es mir nun einmal an Sporen fehlt.«
Man brauchte keine Peitsche für den feurigen Renner, er galoppierte
mit dem großen Orator von dannen, wie die Fohlen des Märchens, denen
man in die Futtersäcke glühende Kohlen als Futter steckt. Fekete
selbst aber schwitzte und pustete, er war, als er am Platz anlangte,
völlig durchnäßt. Hier verkündete er dem sich immer mehr und mehr
ansammelnden Volke mit kühnen Redewendungen die besondere Gnade
Gottes, mit der dieser die Stadt bedachte, indem ein totes
Kleidungsstück beredt wurde und den Erzfeind von den Grenzen verjagte.
»Es geschah ein Wunder. Edle Bürger Kecskeméts, lasset die Glocken
läuten. Der habgierige Olaj Beg warf sich zur Erde und küßte den
Mantel Lestyáks dreimal demütig und fragte ihn zerknirscht: >Was
befiehlst du, Abgesandter der Stadt Kecskemét?< Hierauf erhob Herr
Lestyák junior sein Haupt und antwortete: >Stört nicht meine Kreise --
das heißt, hebt Euch von dannen.< Und so kommen sie zurück, die Wagen
mit Brot, die Ochsen, die Geldbeutel, der Triumvir und Max Lestyák.«
Ein großer Freudenschrei war nun vernehmbar. Wie ein Lauffeuer
verbreitete sich die Nachricht von Straße zu Straße. Von Haus zu Haus
wurde die Nachricht getragen. Die gefallenen, verhaßten Senatoren
kamen wieder ans Tageslicht, sich unter das Volk mengend. Poroßnoki
wurde mit Eljenrufen begrüßt, dem alten Inokai machte man entblößten
Hauptes eine Gasse. Von Herrn Franz Kriston verlangte man mit großem
Lärm, er möge reden; dieser zögerte auch nicht lange, stellte sich auf
ein Krautfaß inmitten des Marktes und sprach blos:
»Ich verlange von Euch Gerechtigkeit für jenen genialen Jüngling, der
diesen großen Sieg erfocht.«
»Gerechtigkeit!« widerhallte es aus tausend Kehlen.
Die Bevölkerung wogte auf und ab, wie ein angeschwollener Strom. Lärm,
Leben herrschte überall -- Männer und Frauen erzählten das Wunder des
redenden Mantels. Freilich flickte noch jeder etwas am Zeug. Eine
große Begeisterung atmeten die Leute ein. Jeder bewegte sich hin und
her, jeder schrie etwas anderes, und jeder dachte sich etwas.
Schöne aufblühende Knospen, junge Mädchen kleideten die Frauen von
Kopf bis zu Fuß in Weiß, ehrsame Bürger stürzten in den Stall der
Stadt, um die berühmten vier Rapphengste einzuspannen (schnell die
Bänder in ihre Mähnen), alte Männer schleppten die Böller auf die
Straße. Unterwegs suchten sie den Feuerwerker bei den »drei Äpfeln«
auf. (Kommen Sie doch, Herr Hupka, wenn Sie einen Gott anerkennen. --
»Nur noch einen Schluck!« bat Hupka.)
Hochehrwürden Herr Péter Molitoriß, der lutheranische Pfarrer, stieg
selbst in den Turm des heiligen Nikolaus, damit er im gelegenen
Momente die Glocken läute. Aus den Dachluken krochen die Fahnenstangen
heraus mit ihren schlängelnden, wehenden trikoloren Flügeln. Ein wenig
fahl sind sie schon; sie sind noch aus der Zeit Bethlens[14]
herübergekommen. Seitdem blühten auch die Kecskeméter Hausdächer gar
wenig. Die elf gefallenen Senatoren hingen rasch die silberknöpfigen
Mentes an, banden die rasselnden Säbel um und nun stehen sie schon im
Halbkreise beim Thore des Stadthauses.
[14] Ein Fürst Siebenbürgens.
Eine bedeutend schwierigere Aufgabe fiel dem Herrn Paul Fekete zu
(woraus erhellt, daß nicht gleichmäßige Aufgaben die Schultern der
Männer des öffentlichen Lebens bedrücken), er mußte das Manuskript
umarbeiten; die Benennung mächtiger Beg mußte gestrichen werden, statt
dieser Ansprache mußte hingeschrieben werden: »Glorreicher Patriot.«
Statt der: »Wir kamen zu dir« mußte es heißen: »Du kamst zu uns
zurück« &c. (Gleichviel, es wird sich das doch ganz hübsch machen.)
Obschon improvisiert, ging alles vortrefflich; nur der Galawagen
verspätete sich ein wenig; doch die Böller erdröhnten gleichzeitig,
die Glocken klangen feierlich und als Lestyáks Gestalt erschien, da
flutete ein Jubelgetöse durch die Straßen, das lawinengleich sich
fortwälzte, weithin, bis an die Pforten des Stadthauses. Da war es, wo
der Gefeierte abstieg, die wohlgesetzte Rede des Herrn Paul Fekete
anhörte, den weißgekleideten Jungfrauen einen lächelnden Gruß
zunickte, den verstoßenen Senatoren die Hand drückte und den Herrn
Poroßnoki vollends umarmte -- woraufhin man ihn auf die Schultern hob,
um ihn im Siegeszuge in das Stadthaus emporzutragen und zuletzt am
Präsidentenstuhle des grünen Ratstisches abzusetzen.
So wie der Lärm sich ein wenig gelegt (denn der Saal war voll der
Notabilitäten des Gemeinwesens), erbat sich der schneeköpfige Mathäus
Pußta das Wort und feierte mit leiser, wie Wespengesumme tönender
Stimme Lestyáks Verdienste, um schließlich auszurufen:
»Laßt ihn uns zum lebenslänglichen Oberrichter Kecskeméts erwählen.«
Hei, wie das Gemäuer ob des Jubelgeschreies erbebte! Es dauerte
Minuten, ehe Kaspar Permete zu Worte kam und sich verständlich machen
konnte, ob er gleich mit allen Vieren gestikulierend andeuten wollte,
daß er ungemein Wichtiges zu sagen habe.
»Ich aber, Kaspar Permete, der ich sothane Obrigkeit vor zwölf Jahren
durch ein Wort meines Mundes zu Falle gebracht, ich stehe nicht an, zu
erklären, daß ihm selbst die lebenslängliche Übertragung unserer
höchsten Würde eine zu kurze Frist sei.«
»Nach seinem Tode kann er doch nicht gut präsidieren!« warf Herr
Gerson Zeke ein.
»Doch, doch ... Laßt es uns aussprechen und ins Protokoll aufnehmen,
daß gleichwie die heilige Krone unseres Landes in der von Gottes
Gnaden ruhmreich regierenden Familie Habsburg sich von Vater auf Sohn
vererbt, desgleichen der Oberrichterstab auf die männlichen Nachkommen
Lestyáks übergehen möge für und für.«
G e r s o n Z e k e: »Es giebt doch wohl noch einen kleinen
Unterschied zwischen den beiden.«