Siebenunddreißigstes Kapitel

Der Schrecken der Glaubensverzerrung geht um. Was die Menschheit adelt,

liegt zerschlagen unter den erbarmungslosen Schwertern eines Geistes,

den das unheilige Rasen des Fanatismus sturmartig über ganz Spanien

fegt. Unter dem Zeichen der himmlischen Barmherzigkeit gebärdet sich

die Hölle wie toll.

Nach der traurigen Semana santa, der heiligen Woche, bereitet Lucero

von Cordoba den frommen Andalusiern einen furchtbaren Ostersonntag.

Die Ehre des Herrn über allen Welten muß herhalten, die Heiligkeit der

Verdammnis begründen zu helfen. Granada steht unter den Schauern des

ersten großen Autodafé, des Glaubensgerichtes, das nach dem Willen der

Kirche ein irdisches Abbild des Jüngsten Gerichts sein soll und das

als frömmstes Werk des Glaubens zur Ehre Gottes in die Welt geschrien

wird. Das Schauspiel soll dem Volk den Abscheu vor dem Ketzer einflößen

und es in der wahrhaftigen Frömmigkeit stärken. Vor dem Wahn des

reinen einheitlichen Glaubens muß das Recht der freien Menschheit in

den Staub sinken, und damit der Gedanke der dreieinigen Gottheit die

Welt beherrsche, muß dieselbe Gottheit durch den frevelnden Spruch

haßverseuchter Richter beleidigt werden.

Seit Mitternacht ist das Tragen von Waffen, das laute Singen, das

Reiten verboten. Gestern abend schon ging die große Prozession durch

die Stadt: Kreuzträger, Bruderschaften, Kohlenbrenner, Mönche,

Comisarios und Familiares der Inquisition zogen in langen Reihen

durch die von Fackelschein gespenstisch erhellten Gassen nach der

Bibarrambla, wo das Gerüst und der Altar gehämmert wurden.

In aller Morgenfrühe drängt das Volk nach dem Quemadero. Die

Vega schiebt ganze Haufen der bäuerlichen, frisch angesiedelten

Christen durch die vierzehn Tore der Stadt, und bald fluten erregte

Menschenströme zwischen den weißen Häuserufern aus allen Richtungen

einem einzigen Ziele zu: dem Quemadero, der Richtstätte.

Mit goldener Festespracht steigt die Ostersonne aus dem Schneegebirge,

ihr Glorienschein fällt auf die hölzernen Tribünen, die an den

Längsseiten des Platzes errichtet sind, umstellt von den Spalieren der

königlichen Wachen, er erhöht die Farbenzier der Fahnen, Bänder und

Teppiche, die die Balkone, Fenster, Mauern und Türme schmücken. Vor

dem Haus der Miradores, wo die Tribüne des Primas von Spanien, mit

Zweigen geschmückt, prangt, laufen scharlachrote Bänder vom Gesimse bis

zum Boden herab, sinnbildliche Andeutungen des Feuers, das der Ketzer

harrt. Über den Dächern erheben sich metallne Kreuze in die Sonne, die

die siegende Macht des Christentums künden sollen.

Unter einem Baldachin steht der Sitz des Inquisitors Lucero, umstellt

von dem Lanzenwall der erzbischöflichen Leibwache, hinter welchem

das Gewoge des Volkes anhebt. Der größte Andrang herrscht bei dem

schwarzüberflorten Gerüst, das für die Verurteilten bestimmt ist.

Unmittelbar davor ragen zwei Kanzeln auf, eine für den Prediger, die

andere für den Urteilsverkünder. Ein Altar, von Rosen umglüht, erhebt

sich in der Nähe davon, damit das Menschenopfer zur Ehre Gottes die

nötige Weihe erhalten könne. Hier knien schon die ganze Nacht hindurch

psalmodierende Dominikaner und beten für das Seelenheil der Ketzer, auf

daß sie reuig in den Schoß der heiligen Mutter zurückkehren könnten.

Hintereinander aufsteigende Sitzreihen für die Granden und ihre

Familien füllen den übrigen Teil des Platzes aus. Um die Zuseher vor

den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, spannen Stadtknechte von

Dach zu Dach weiße Riesentücher, die in Wasser getaucht sind. Schwarze

Maste mit Trauerfahnen in den Ecken des Platzes sollen den Schmerz der

Kirche über ihr ungewolltes Vernichtungsamt kennzeichnen.

Die Erregung wächst von Minute zu Minute. Man spricht von fünfzig

Verurteilten. Die Mehrzahl sind Moriskos, die im neuen Glauben wankend

geworden. Aber auch das Gerücht hat sich -- trotz aller Geheimhaltung

-- Bahn gebrochen, daß sich der Graf de Mora unter den Ketzern befinden

soll. Die Nachricht brennt in alle Herzen und macht die Köpfe wirbeln.

Aber man wagt nicht laut darüber zu sprechen aus Furcht vor den

Schergen, die in der Menge verteilt sind.

Kommt der König? Die Königin? fragt sich da und dort die Neugier weiter.

„Die Königin kann keine bleichen Gesichter sehen,“ belehrt ein

Schuhflicker ein paar Zudringliche.

„Es ist eine Abwechslung nach den Stierkämpfen und Ringelrennen,“ freut

sich ehrlich ein biederer Bauer der Vega. „Nur erbarmen sie mich in

der Seele in ihrem Schandkleid! Glaubt Ihr wirklich, daß welche brennen

werden?“

„Ihr seht doch dort das Holz.“

„Es sollen sechs brennen --“

„Nur einer, höre ich.“

„Wenn wir nur nicht enttäuscht werden,“ ängstigt sich ein anderer, ein

Kaufmann, der nicht gern um seinen Spaß kommen möchte. „Bleibt Ihr bei

der Verbrennung, Gevatter?“

„Man will’s doch gesehen haben,“ antwortet der Nachbar. „Wer bleibt

nicht?“

„Tragt ein wenig Holz zum Scheiterhaufen bei, und ihr könnt einen

ausgiebigen Ablaß haben,“ ermahnt ein Kerzendreher die Leute.

„Das läßt sich hören, man lebt doch viel ruhiger.“

„Man soll’s nicht erzählen,“ wispelt ein Seidenhändler einem andern zu,

„aber wer kann den Mund halten, wenn es einem das Herz abpreßt. Der

Herzog von Osuna soll nach Toledo geschafft worden sein --“

„Auch den Grafen von Orgaz hat man in der Nacht reiten gesehen, bewacht

von königlichen Reitern. Auch ein gelehrtes Licht, Don Hernando de

Rojas, ist nicht mehr in den Gassen zu sehen.“

„Es bereitet sich was vor, es liegt am Tage.“

„Seht, sie pflanzen das grüne Kreuz auf! Gott rette uns!“

„Ich gehe, ich gehe -- der Weihrauch drückt mir in der Kehle.

Vielleicht macht mich auch das dicke Blut so furchtsam.“

„Die Dominikaner sagen, wer nicht dableibt, ist nicht rein im Glauben.“

„So bleib’ ich denn, aber ich will wegsehen. Gott steh’ mir bei!“

„Gleich wird die Messe beginnen!“

„Wo ist Ximenes? Nun werden wir Lucero sehen, den Cordobaner. Gottes

Licht liegt in seinem Namen.“

„Er ist ein wahrhaftiges Licht, das den Glauben reinigt und alles

Unrechte verbrennt.“

„Aufgepaßt! Königliche Reiter! Als ob wir nicht genug davon hätten! Eh

-- drückt nicht so, Frau! Habt Ihr einen darunter, weil Ihr so weint?“

„Gott weiß, wie rein unser Haus ist. Aber muß man nicht weinen um ihre

armen verführten Seelen?“

„Die Moreria hat ihr ganzes Gelichter ausgeworfen, es ist alles voll

von Burnussen. Unsere Priester könnten den ganzen Genil als Taufwasser

über sie schütten, sie würden doch Mohammeds Paradies glauben.“

Reiter schaffen Platz für den Zug. Da und dort ein Aufschrei aus einer

allzu bedrängten Brust. Angst und Neugier spannen die Gesichter. Die

Glocken beginnen zu läuten. Das Stimmengewirr sucht den Schall zu

übertönen. Beim Eingang einer Gasse senken sich die Standarten der

königlichen Reiter -- Ximenes naht!

„Der Primas! Der Gobernador! Da seht -- Talavera! Ah! Ah! Er hält sich

kaum aufrecht! Ximenes kommt! Ximenes!!“

Der Erzbischof ist bleich wie Wachs, aber sein Auge brennt, als wollte

er mit diesem Feuer allein zehn Ketzer versengen. Im schlichten

Franziskanerkleid schreitet er daher, ganz langsam, das Haupt

gesenkt, die Lippen bewegen sich im Gebetmurmeln, ringsherum flirren

die Rüstungen seiner Leibwache. Wie eine Meereswoge wirft sich das

gaffende Volk von rückwärts an die Soldatenmauer heran, um den

Streiter für den Glauben zu sehen. Die Sombreros fliegen vom Kopf,

die Hälse strecken sich, hinter dem Wall von Lanzen wogt es hin und

her. Dem Toledaner folgt die granadinische Klerisei, paarweise, Gebete

murmelnd. Dann kommen die Granden, geführt von dem andalusischen

Geschlecht der Herzöge von Medina-Sidonia, alle in den schwarzen,

enggeschnittenen kastilischen Trachten, von Knappen begleitet, während

die Frauen in einer eigenen Gruppe, von den Ehrendamen flankiert, in

hochgeschlossenen Gewändern, den Hals von der steifen Krause umengt,

mit züchtig gesenkten Augen daherwandeln.

Unter ihnen schritt auch Doña Leonore de Uceda. Das schöne Antlitz war

von dem Laster des Neides und den Qualen der Selbstanklage entstellt.

Jeder Schritt schmerzte sie in den Knien, und sie glaubte unter der

Last ihrer Schuld zusammenzubrechen. Neben ihr ging mit stolz erhobnem

Haupt der Graf de Castro, ihr neuer Liebling, der sich über ihre

leidenschaftliche Liebe zum Grafen de Mora mit dem Lächeln des Stoikers

ebenso hinweggesetzt hatte, wie über die durch eine Königsliebe

beschädigte Tugend des Weibes.

Das Glockengeläute schwillt neu an. Ohnmächtige Frauen sinken im

Gedränge nieder, man kümmert sich nicht um sie, Augen und Hirne spannen

sich nach dem Gassenloch. „Sie kommen!“ Wie aus Grabestiefen erklingt

jetzt mißtönig der klagende Gesang des Miserere. Ein Glutwind schwingt

plötzlich seine Peitschen über die Stadt.

Aus dem Schattenwinkel des Platzes bohrt sich der dunkle Wurm. Zwei

Kohlenbrenner, mit Lanzen bewaffnet, in schwarzen Leinenkleidern, wie

Gesellen des Teufels zu schauen, eröffnen den Zug. Fackeltragende

Dominikaner unter Anführung des Kreuzes folgen den schwarzen

Riesengestalten. Dann schaukelt die rote Damastfahne der Inquisition

mit dem lorbeerumschlungenen Degen aus dem Schatten ins Licht. Dann

wieder Granden und Familiares des Tribunals -- und nun doppelt umreiht

von Lanzenknechten die von der Kirche verdammten, meist armen Moriskos

im grauen Sanbenito, auf dem Haupt die spitze Inquisitionsmütze. Auf

dem fahlen Schandkittel flammt grellrot das Andreaskreuz über Brust

und Rücken, in den Händen tragen alle brennende Kerzen, zuerst gehen

die gelinde Verurteilten, dann kommen die zu Geißelnden, die mit der

Galeere und dem Gefängnis Bedachten, drei Särge, in denen die Gebeine

derjenigen ruhen, die aus der Friedhoferde gescharrt wurden, weil sie

nach ihrem Tod der Ketzerei schuldig erkannt wurden und nun als Tote

verbrannt werden sollen.

Und jetzt -- die Gemüter sieden, die Stirnen schwitzen vor

todeslüsterner Neugier, und über die Rücken rieseln die Schauer -- jäh

prallt die Masse an die Spaliere heran -- er kommt!!

Zwischen zwei Dominikanern, gefolgt von zwei Familiares, hinkt,

ein Bild des Jammers, ein harlekinisch gekleideter Mensch. An

seinem gefolterten, zum Schreiten fast untauglichen Leib hängt ein

weitgeschnittenes Sanbenito, das mit Teufelsfratzen und Flammen bemalt

ist, und auf dem schwarzhaarigen Haupt sitzt die hohe kegelförmige

Coroza aus Pappe, ebenfalls mit Flammen bemalt. Das Antlitz ist

verwildert, durch die Tortur entstellt, von Jammer und Gram zerfressen.

Niemand kennt ihn, bis aus der Gruppe der Granden sich der Ruf

losschnellt: „Mora! Mora!“ Der Name züngelt von Mund zu Mund, und

bald summt und wispert und schallt es über den Platz: „Mora! Mora!

Mora!“ Herzen zittern, Augen füllen sich mit Tränen, Gewissen hämmern,

Angst jagt von Brust zu Brust. Die grausige Gewißheit, durch das

Flammen-Sanbenito besiegelt, wirft ihren Brand in alle Herzen. Was muß

er verbrochen haben, um so verdammt zu werden! Frauen schluchzen beim

Anblick ihres entstellten Lieblings, den sie wie den Cid durch die

Gassen reiten sahen, heldenhaft, ernst und streng. Und nun alles durch

Kerkerqual und Tortur gebrochen, der ganze Mensch eine halbe Leiche,

der daherwankt, gestützt von dem Helferarm eines „liebenden“ Bruders in

Christo.

Und nun fahren Kreuzigungsschauer durch die bebenden Herzen der Massen:

Lucero inmitten seiner Dominikaner! Ein scharfgeschnittener gebräunter

Kopf mit der andalusischen Adlernase sitzt raubvogelartig über der

Kutte, stechende kalte Augen sind die Schilder seiner Verstandeskraft,

der harte Mund kündet die Unerbittlichkeit seiner Entschlüsse, die

hohe Stirn verrät Geist und Tatkraft, und seine Haltung spricht jeder

mönchischen Demut Hohn. Die blutvollen Lippen murmeln Todesgebete, die

klanglos im Gesumme der begleitenden Priester ersterben. Alles in allem

ein ungebändigter Geist, der gewohnt ist, an den Gebilden des Hasses zu

weben.

Auf allen Lippen schwebt es: das ist er! Mit knapper Not ist er vor

wenigen Wochen dem großen Rächer Tod entschlüpft. Als er einen Brief

öffnete, fiel weißer Staub heraus, der ihn beim Einatmen bewußtlos

machte. Wie gnädig war da Gott!

Die Verurteilten werden auf der Tribüne zu einem Klumpen

zusammengepfercht. Die Glocken schweigen. Aus einer Menschengruppe

ertönt Schluchzen: Angehörige und Freunde eines Ketzers klagen um

den geliebten Mann, der da oben, ewiger Schmach preisgegeben, im

Schandkittel steht. Angst flattert durch die Brüste, und bang steigt

die Frage auf: Werde ich das nächste Mal nicht auch da oben stehen?

Das Glöcklein zur Missa aurea erklingt. Ein Dominikaner bringt das

Altaropfer unter dem bangen Schweigen der Menge. Nach dem Evangelium

liest Ximenes an Königs Statt den feierlichen Schwur, alle Ketzer

auszurotten und die Inquisitoren zu unterstützen. Nie flog ein Eid

inbrünstiger himmelwärts, des Erzbischofs Augen leuchten, als hätte

sie Gottes heiliges Feuer entzündet. Das Volk hebt die Hände auf und

schwört mit seinem Seelenhirten, die Ketzer vertilgen zu helfen zur

größeren Ehre Gottes. Amen.

Ein neuer Dominikaner besteigt die Kanzel, Glaubensfeuer sprüht aus

seinen Augen, sein Haupt umstrahlt voller Sonnenschein, als wöbe der

Himmel seine Gloriole um den Streiter. Er spricht beredsam von den

Gnaden des ewigen Gottes, von der Unverletzbarkeit der niedrigsten

Seele im Liebesbereich der Allmacht, von der Barmherzigkeit der

Kirche, die aber nicht umhin könne, die Augen offen zu halten für das

Zerstörungswerk des Teufels. Er tischt mit tränenerstickter Stimme

Bibelstellen auf, die die Verfolgung der Ketzer heischen, und verdammt

die Zweifler, die in das dreieinige Gottheitsdogma nicht den Weg finden

wollen. Er bittet Gott um Erleuchtung der Irrenden, um Vergebung

für die Bereuenden und um Segnung der Buße. Und dann strotzt sein

Predigerwort von erbarmungsloser Härte, es zielt wie hundert Dolche

nach den Brüsten und stöbert die Furcht in den Herzenswinkeln auf, daß

sie den ganzen Menschen durchrüttle. Katholischer Glaube, Reinheit

und Einheit der Religion -- mit diesen Wesenheiten durchsättigt er

seine Erbauungspredigt, wirft aber zum Schluß aufs neue die Gewitter

seiner Glaubenstollheit in die erregten Hirne, daß sie vom Übermaß

haßerfüllter Vorsätze zu bersten scheinen. Die Opfer auf der Tribüne

der Verdammnis weinen still vor sich hin, denn sie fühlen den Stachel

in ihrem Herzen wühlen, der gegen ihr Tun und Treiben gerichtet ist.

Wie ein Rudel Lämmer stehen sie zu zusammengeklumpt, zweiundvierzig

verurteilte Männer und Frauen und ein vierzehnjähriges Kind, das „Gott

gelästert“.

Der eine aber, der Narr und Verbrecher zugleich schien, stand

abseits des Klumpens, und das zermarterte Gesicht, das die Sonne

erbarmungslos überglühte, verklärte sich mählich unter dem Abglanz

hoher Gedanken, die nicht durch des Dominikaners Wortgeißel

aufgepeitscht wurden. Die Schande, grell ins Licht des Tages gerückt,

rührte sein wundgeschlagenes Herz nicht mehr. Tröstlicher als die

wütend zuschlagende Rute des Priesters war für ihn der Gedanke

an seine unversehrte Liebe und an die Rettung Reijas. Mit tauben

Ohren stand er da, aufrecht mit seinen zerbrochnen, zerschundnen

Gliedern, die blutgeschrammte, gefolterte Stirn furchtlos dem

Geschick entgegenstreckend, das man über ihn verhängt. Und während

von der Kanzel die Eifererschläge hallten, öffnete er sein Herz dem

Heilandswort, das in ähnlich düsterer Stunde der Verlassenheit einst

schmerzlich-anklagend erklungen war: Vater, vergib ihnen, denn sie

wissen nicht, was sie tun. Auch diese hier haben dein Gesetz verkehrt

und deinen göttlichen Tag zur Höllennacht gemacht. Mit des Hasses

verwirrendem Getränk haben sie dein heiliges Blut durchsetzt und haben

in deinem von Barmherzigkeit triefenden Namen Gericht gehalten über

nie bestandene Schuld. O Herr, den ich geliebt wie vielleicht keiner

dieser Priester, laß dein Sonnenauge auf mir ruhen, wenn die irdische

Nacht beginnt, und entlocke mir keine Träne der Verzagtheit! Was sagte

einst Abu Atir? Jeder Mensch geht aus dem Ist in das War. Warum also

schrecken wir vor dem Natürlichen zurück?

Wie eines brausenden Bergbachs Getöse donnert das Predigerwort an

seinem Ohr vorbei. Sein Geist erhebt sich in die Hochgefilde seliger

Erinnerung. Reijas Bild schwebt wie aus gottesklaren Sphären herab.

Das irdische Paradies, das sie ihm geschaffen, verklärt sich in

ein himmlisches, das fast islamitische Züge trägt, denn einer Huri

Lichtgestalt winkt ihm und scheint ihm ein seidnes Lager im heiligen

Auengrün zu bereiten, wo Bäche rauschen, sanfte Lüfte wehen und das

leise Geflüster in den Iraksträuchern wie süße Musik klingt. Das

greifbar schöne Bild zaubert auf sein entstelltes Gesicht den alten

Schimmer von Schönheit, und unter der Schmachmütze lächelt sein Mund,

als neigten sich tröstende Geister zu ihm herab. Er sieht den Platz, wo

er das vom Hufschlag getroffene Königskind auf der Erde zum erstenmal

erblickte, den Bücherhaufen, vor dem er Reija mit dem Degen vor einem

blindwütenden Priester geschützt, er hört ihre tiefkehlige Stimme

tönen, schaut ihre Gazellenschlankheit im Patio der Alcazaba inmitten

der Frauen im Mondlicht wandelnd, sie lächelt ihn an, hingestreckt im

weichen Pfühl, umduftet von Storax und Ambra, er entsinnt sich ihres

fröhlichen Geplauders im gelinden Gefängnis der Alhambra, er begleitet

sie zur Taufe, die ihr morgenländisches Wesen kaum berührt, verliebt

sich in die Ungebundenheit ihrer Kinderseele, in ihr Zwitschern und

Lachen und in ihren gespannten Ernst, wenn es um große Dinge ging. Ja,

ihr Herz stammt aus dem Garten ewiger Jugend und ist gesegnet von dem

Lächeln Gottes. Engelsschön hebt sich ihr Edelleib aus dem Nichts, und

die Nacht singt jubelnde Choräle zum Preis ihrer Schönheit --

Plötzlich Stille. Das Wort des Gottesredners ist verhallt -- Graf de

Mora schnellt aus dem wachen Traum. In den Massen hebt eine Unruhe an,

wieder tönen Jammerrufe -- dazwischen Ostergesang von Knaben, die vor

dem Altar knien, auf dem der erstandene Heiland mit der weißroten Fahne

des Sieges steht. Osterfest! Pas-cha! Bedeutete das Fest nicht einst

den Hebräern die Befreiung vom Tod durch den Würgengel? Wo das Lammblut

an die Türpfosten gestrichen wurde, dort ging der grause Seraph an

der Erstgeburt vorbei. Heute ist des Grafen Stirn mit seinem eigenen

Marterblut gezeichnet, und der Würgengel wird nicht vorüberziehen.

Ein Dominikaner besteigt die zweite Kanzel und verkündet den

vierzigtägigen Ablaß für alle, die dem Autodafé beiwohnen. Dann liest

er Namen vor -- die Häupter der Verurteilten schrecken empor.

„Abbas Ben Kahir ist der Ketzerei überführt, hat aber die Sekte der

Ketzer verlassen und wird in den Schoß der Kirche aufgenommen. Es wird

derselbe an drei Sonntagen mit nacktem Oberleib vom Elvirator bis zum

Tor des Albaycin durch Diener der Inquisition gepeitscht. Auch wird ihm

die Buße auferlegt, sein Leben lang weder Fleisch noch sonst etwas,

das aus dem Tierreich stammt, zu essen, zum Zeichen des Abscheues vor

seiner Ketzerei. Auch wird er zum immerwährenden Tragen des Sanbenitos

verdammt. Das Vaterunser und den Glauben hat er um Mitternacht täglich

zu beten. Die Pfarre von San Juan wird Brief und Urteil zur Überwachung

erhalten.“

Ein dumpfer Aufschrei, und ein kleiner, altersschwacher Morisko fällt

einem Mönch in die Arme. Er ist mit der Kirche „versöhnt“. In der Menge

heult ein Weib auf.

„Osmin Ben Jesid ist der Ketzerei überführt ...“

Eintönig geht die Verlesung weiter. Furchtbare Strafen fallen auf

die Häupter der schuldig Befundenen. Zweihundert Geißelhiebe mit dem

geknoteten Lederstrick, zehn Jahre Galeere, Gefängnis, Gütereinziehung,

Bann, Verlust aller Würden -- das spitzfindige Mönchshirn hat die

grausamsten Erniedrigungen und Demütigungen ersonnen, durch die das

Leben des Verurteilten für immer zerbrochen ist. Schmach und Schande

folgten von nun an dem Unglücklichen bis an sein Lebensende. Das

Sanbenito sorgte für die Kenntlichmachung des Ausgestoßenen. Selbst die

de levi Verurteilten verloren ihr Vermögen, das dem königlichen Schatz

und der Kirche anheimfiel.

Eine Stunde lang dauerte die Verlesung der Urteile. Wie flammender

Löwenatem fuhr der Glutwind über den Platz. Die durch Angst und Folter

zermürbten Jammergestalten fielen wie die Fliegen um, noch bevor sie

ihr Urteil gehört.

Da -- eine grauenvolle von Schreckensstille erfüllte Pause -- dann

tönt der edle Name, hallend und scharf: „Don Pedro de Solar Graf de

Mora --“

Die Leiber wogen an die Spaliere der Stadtknechte heran, die Augen

aller starren nach der im flammenbemalten Gewand steckenden Gestalt des

königlichen Hauptmanns. Jetzt tritt er vor, kniet nieder und faltet die

Hände vor der Brust.

Hell wie eine Glocke klingt das Urteil über den Platz: „... ist der

Ketzerei überführt und ist darin als ein Negativo beharret bis zur

Stunde. Die Kirche stößt den Ketzer aus im Namen des Herrn Jesu Christi

und übergibt ihn dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit mit der Bitte um

Schonung.“

Auf der Frauentribüne fällt eine Edeldame in die Arme einer andern.

Ihre verglasten Blicke starren nach dem Unglücklichen. Sie sieht die

Dornenkrone über seinem Haupt schweben, die sie ihm selbst geflochten.

Graf de Mora steht reglos, die schwarzen, verklärten Augen, wie

beschattet von den Fittichen des nahenden Todes, auf den siegenden

Heiland am Altar gerichtet.

Die zwei Dominikaner an seiner Seite sprechen in ihn ein, sie wollen

ihn noch einmal zur Abschwörung der Ketzerei bewegen. Wie Schlangen

züngeln die Worte an sein Ohr. Er drängt sie gelassen zur Seite und

will sprechen -- da hält ihm einer der Mönche den Mund zu.

Leonore de Uceda erhebt sich aus den Zuckungen der Reue. Ihr neuer

Geliebter, der Graf de Castro, flüstert ihr erregt ins Ohr: „Doña

Leonore -- der Graf stand Euch nahe --“

Und sie würgt mit vorquellenden Augen die Wahrheit aus der Kehle: „Mein

Haß -- treibt -- ihn -- in den -- Tod --“

Granada in Flammen · 第 144 / 190 题