Da läßt der Wächter die Schlüssel knarren -- Leonore de Uceda tritt
allein in die Zelle des Grafen de Mora. Hinter ihr schlägt die Tür zu,
mit einem Donner, als schlösse sich für immer das Höllentor.
Das Ruhebett des Gefangenen umschimmert ein Öllichtschein. Der Graf
schrickt zusammen. Dann starrt er die Frau an, die wie aus einem
Gaukelbild heraustritt, von dämonischen Mächten erzeugt. Seine
gemarterten Füße versagen den Dienst; man hat seine Glieder auf der
Garrucha, dem Wippgalgen, gestreckt und ihm auf der Leiter eine
Stunde lang den Wasserknebel in den Mund gedrückt. Sein Auge hat
einen irren, gläsernen Glanz, das Haar klebt verwahrlost auf der
schweißnassen Stirn, der Bart wildert um das Kinn, Schläfen und Wangen
sind eingefallen, Arme und Beine steif wie Puppenhölzer, der Adonis
der andalusischen Ritterschaft gleicht einem Menschenwrack, das kaum
imstande ist, einen Schatten zu erzeugen. Um seine Lippen fiebert ein
leiser Schreck, er will reden und kann nicht. Doña Leonore erschauert
vor dem Verfall ihres Opfers, dessen Herz einst ihr liebendes Verlangen
umsponnen. Sie wagt kaum einen Schritt an die Zerbrechlichkeit heran.
Reuetränen jagen in ihr Auge und sie muß an sich halten, um nicht laut
aufzuschluchzen. In ihre Seele klingt ein Grabgeläute: zu spät!
Der Gemarterte hat immer noch die Kraft, den Stärkern zu spielen. Wie
zerbrochenes Glas splittert die Stimme: „Was -- will -- dieser Schritt
-- hier?“
„Graf de Mora -- ich fand den Weg zu Euch,“ sagte sie leise, als
fürchtete sie das Tönen ihres Herzens.
„Wer -- gab Euch -- ihn frei?“ Die stumpfen Blicke beleben sich unter
der Erkenntnis, daß kein Traumbild ihn äfft.
„Die königliche Gnade öffnet mir Wege, die sonst ungangbar sind. Mein
Herz trieb mich zu Euch, Don Pedro.“
„Dasselbe Herz, das ich einst gekränkt?“ Er erhob die tiefgehöhlten
Augen.
Um ihren Busen lag ein Schraubstock, unter dessen Druck die Gefühle der
Selbstanklage, Reue und des Schuldbewußtseins aufzuschreien drohten.
„Hat Euch -- der König -- geschickt? Will er mir -- Gnade -- schenken?“
Leonore schüttelte das Haupt. „Spanische Herrscher sind Puppen, wenn
Priester die Lenker sind.“
„Die Lenker sind zum Henker geworden. Bringt Ihr Gnade -- von --
Ximenes?“
Wieder verneinte Leonore stumm. „Wo die Inquisition ihre Siegel
hinlegt, erstirbt das Wort Gnade. Wißt Ihr, was geschehen?“
„Die Geheimnisse fliegen an einer dunklen, stummen Wand vorbei.“
Ihr Auge sammelt die Wundmale seiner Qual am Leibe. „Warum -- habt Ihr
-- das Unselige getan?“
Wie unter dem Druck einer neuen Marter wand sich seine Seele. „Ich hab’
doch nichts getan. Tag und Nacht sind qualdurchtränkt von den Gedanken
über meine unbekannte Schuld. Ich liebe eine Maurin, die Christin
geworden -- das ist alles. Es ist ein Spinngewebe, das zerreißen muß,
wenn die Gerechtigkeit daran rüttelt.“
„Das -- könnte -- wahr sein.“ Die Schwere des gepeinigten Gewissens
zerstückelte jeden Satz.
„Was wollt Ihr von mir?“ Seine leeren Augen suchen wie irr in die Seele
der blonden Frau hinab. „Gebt Ihr mir Helle auf dem Nachtweg in die
Ewigkeit?“
„Ich will -- Vergebung -- von Euch,“ rang es sich aus ihrer Brust.
Ein großes Staunen antwortet ihr. Und nun schluchzt sie ihre Reue
heraus. „Ich bin bejammernswert. Meine Zwillingsschwester ist das
Unglück, das so oft die Genossin der Schönheit ist.“
„Doña Leonore -- Ihr häuft Rätsel auf die meinen -- helft sie mir
lösen. Was ist in den letzten Tagen geschehen? Ich wurde nicht klug aus
den Fragen des Inquisitors -- ich kenne auch nicht den Namen meines
neuen Henkers -- wo ist Leon?“
„Euer neuer Richter ist Lucero aus Cordoba.“
Da überlief Entsetzen das Angesicht des Inquisiten. „Lucero?! Das ist
Vernichtung bis ins letzte Glied. Wo ist Leon?“
Leonore würgte an der Antwort. „So brach sich wirklich an diesen Mauern
das Entsetzliche? Leon ist tot. Erwürgt von Eurer Moriska.“
Des Gefangenen Hände schlagen in die Luft. Eine blutrote Sonne blendet
sein Auge. Und wie ein tosender Donner stürzt die Angst um die Geliebte
aus seinem Innern. „Sie -- ist -- gerettet?“
„Geflohen!“
Ein unartikulierter, gurgelnder, nach Luft ringender Schrei -- wie
Fleisch gewordene Flammen züngeln seine Arme am Leib auf und ab. Irre
Worte brechen sich aus seinem Hirn.
Doña Leonore erzählt bebend, von Reue und Eifersucht zerrissen, und der
Graf fängt jedes Wort wie ein Verhungernder auf, während sich seine
Stirn mit dem Schweiß der Erregung bedeckt. Ihm ist mählich, als spürte
er auf seinen vertrockneten Gaumen sinnbetörenden, kostbaren Wein
tropfen. „Reija -- geflohen! Oh, barmherziger Engel!“
„Ihr -- liebt sie -- noch immer?“ stöhnt qualvolle Eifersucht aus ihrer
Kehle.
„Wer kann aufhören, Gottes allerschönstes Erdengeschenk zu lieben?“
„Auch wenn dieses Geschenk sich mit Verrat befleckt hat?“
„Bei den ehernen Himmeln! Weib -- wer blies dir das ein?“ Er starrt sie
an.
Ihre siedenden Gefühle drohen überzugehen. Wie giftiger Brodem steigt
es aus ihrer Sünderbrust: „Verriet sie dich nicht? Beschuldigte sie
dich nicht auch der Ketzerei? Sah ich nicht selbst in Leons Händen das
Protokoll, ihre Aussagen von beweisender Kraft? Klagten sie nicht dein
wankendes Christentum an?“
Grauen und Verzweiflung durchrasen sein Hirn. „Reija -- Reija -- mich
verraten? Speit die Hölle ihr Entsetzen aus? Reija -- mich verraten?
Laß Berge wie Löwen über die Landschaft jagen, unseliges Weib, laß
Spanien in den Schlünden des Meeres versinken und die Welt aus den
Polen gleiten, und ich will die Mär glauben -- den Verrat Reijas
glaub’ ich dir nicht. Oh, ich höre sie, die verruchten Peiniger, höre,
wie Leon die herzquälenden, sinnverwirrenden Fragen aus dem Gehirn
schüttelt, wie er dem Verhör Wendungen gibt, die seiner Schurkerei
dienen, wie er das halb zu Tod gehetzte Wild in das Labyrinth seiner
Gedanken führt und darin herumwirbelt bis die gewollte Antwort von den
armen, geängstigten Lippen schnellt. Andeutungen werden Gewißheiten,
Möglichkeiten Wirklichkeiten, Zweifel Wahrheit -- oh, der Wille des
Haßverwirrten lenkte das eingeschüchterte Herz und es ging über von
Liebe zu mir, die zum Anstoß meiner Beschuldigung führte. Alle Teufel
waren Beistand und sie verstrickten die Unschuld in ihr Netz -- über
ihren zarten Leib floß die Dunkelheit des Henkers zusammen -- Doña
Leonore -- wie muß sie gelitten haben -- sie, vor der der Windhauch
in Ehrfurcht verging, wenn sie durch Gärten schritt. Oh, daß ich das
Große, Erhabene ausdenken könnte: da kommt Gottes Engel und gibt den
zarten Händen Würgerkraft, schafft aus den Fingern einen Eisenring,
der sich in den Hals des Bluthunds preßt! In diesem Augenblick haben
die Sterne in ihrem Lauf innegehalten, denn Gottes Wille bediente sich
eines Königskindes, die Welt von einem Ungeheuer zu befreien. Sie
hatte mehr Stärke als ich, mein Gedanke flog nicht zu den furchtbaren
Rachehöhen, wo der Tod sein Entsetzen schwingt, und doch stand ich vor
dem Verruchten und würgte ihn nicht ins Grab. Weib -- Weib -- letze
meiner Seele Hunger mit der Freudenbotschaft: die Inquisition bricht
zusammen, das Volk schreit auf, der Priestertod heißt ihm Erlösung!
Die Granden sammeln sich zum Sturm gegen Ximenes, ihre zerbrochene
Ehre ringt sich aus dem Staub, sie scharen sich um Isabella und
Fernando, die geheiligten Häupter aus den Polypenarmen zu befreien --
die Drachen der Inquisition Deza, Lucero -- sie krümmen ihre Leiber im
Fraß des eigenen Giftes! O sag’: es ist! Es ist?! -- -- Du schweigst?
Deine Augen trauern hinter Floren -- deine Blicke schreien: nein!! So
triumphieren die Geister des Wahns und des Hasses?“
„Ungebrochen ihre Kraft -- König und Königin ohnmächtig -- die
rebellischen Granden sind gefangen -- nach Toledo geführt --“
„Himmel und Erde!“ brüllt der Graf auf.
„-- Osuna, Orgaz, Ureña, Paredes, Beltra de Cueva -- und dein Freund
Hernando --“
„Hernando!“ Die Übergewalt des Schmerzes wirft den Grafen wie einen
Stock hin.
„Durch dein Schicksal beflügelt, führte er ihren Geist zu den Waffen
heimlicher Empörung, versammelte sie nächtens in Santa Fé -- dort
überraschten sie die Schergen des Ximenes -- der weltliche Rat wird ihr
Schicksal bestimmen, wenn nicht die Cortes ein Machtwort sprechen.“
Don Pedro keuchte sich aus der Ohnmacht der Sinne. „Spanien --
wimmernd in Ketten -- der Geist der Besten -- hört den Freiheitstraum
verrauschen -- sinkt in Nacht zurück, aus der er kam.“ Ein Schluchzen
durchrüttelte seine Schultern. „Hernando! Hernando! Dein warmquellendes
Lachen -- zerbrochen durch das Schicksal des Freundes -- so werden sie
dich peinigen wie mich -- bis du mürbe geworden -- Leonore -- sag’ --
du bist der einzige Bote aus der lichten Welt -- sag’ -- was beschließt
man über mich?“
Sie senkte scheu den Blick. „Es ist schon über dich beschlossen. Und --
morgen -- wird man es dir -- verkünden.“
Seine Augen wurden groß. Wortlos tastete sein Arm nach ihrer Hand.
Ein furchtbares Schweigen gab ihm Antwort.
„De vehementi --? Relaxierung?“ tönte es leise von seinen Lippen.
Wieder sank ihr Haupt auf die Brust.
Seine Glieder fielen in Erstarrung. Der Gedanken Müdigkeit faßte das
Bild nicht mehr, das für einen Augenblick aus dem leeren Raum stieg: Um
seinen Leib aufzuckende Flammen des Scheiterhaufens! Seine Sinne waren
halb gelähmt, für das Kreisen des Lebens erstorben. Stumpf blickte sein
Auge ins Dunkel.
Da schlug es wie rasend geschwungene Glocken an sein Ohr: „Pedro -- ich
habe die Macht, dich zu befreien.“
Des Grafen verstörte Augen verschlangen die blühende Frau, die
plötzlich zu seinen Füßen lag, die Hände emporgerungen, das Kleid
geöffnet, als wollte sie mit dem Glanz ihrer Brüste die Augen des
Unseligen blenden. Seine Gedanken begannen wieder zu fließen, seine
Hände griffen in die trüb erhellte Leere.
Wieder raste die Glocke: „Ich habe Freunde unter den Wächtern des
Hauses, Geld und Augen bestechen. Gib mir dein Herz, reiße die fremde
Liebe aus deiner Brust -- Pferde stehen bereit, wir jagen über Berge
nach Asturien, ein Schiff bringt uns in die Bretagne. Was starrst du
graß? Dein Auge ist Entsetzen -- weg von dir schattet der Todesengel
und vor dir öffnet die Liebe des Lebens rosenumranktes Tor. Ich
kämpfe um dein Leben, ich wage mein eigenes für deines -- alles liegt
zerbrochen in mir, wenn du dieses letzte Rasen meines Herzens mit einem
kalten Lächeln belohnst -- Pedro, Pedro, -- Geliebter! Einen Tautropfen
von Liebe in mein Herz! Liebe mich! Du liebst mich doch? Ich bin deine
Leonore -- sag’ es leise, leise, daß es wie aus fernen Himmeln klingt:
ich liebe dich!“
Da öffnen sich die erstarrten Lippen des Unglücklichen und langsam
bröckelt es sich ab: „Liebst du -- mich -- wirklich -- Doña Leonore?“
„Meine Liebe bricht Ketten und tötet, was sich uns entgegenstellt, sie
schafft Paradiese und löst die Hölle in leuchtende Himmel auf.“
„So wird sie auch ihre höchste Kraft entfalten können: sie wird --
entsagen.“
Wie unter Blitzeswucht taumelt sie zurück. Nebel verdunkeln ihren
Blick, vor ihr gähnte abermals ein Nichts.
Don Pedro de Solar hob mit bebenden Händen ihren Kopf empor und sah in
die erloschnen Augen. „Ich liebe Reija -- hörst du es, Weib? Schaff’
mir Pferd und Schiff -- mein Herz wird mein Mädchen zu finden wissen.“
Da riß sie ihre Eifersucht aus der Lähmung. „Bist du wahnsinnig, Pedro?
Oh, wie schlecht kennst du das weibliche Herz! Laß sie fahren -- und
ich rette dich.“
„Dann habt Ihr Zeit verloren, Doña Leonore, die Ihr besser für eine
Königslaune hättet verwenden können.“
Die Schmach durchstach ihr Herz. Sie warf sich von den Knien empor. „So
willst du sterben, Don Pedro?“
„Der Verrat an meiner Liebe würde meine Freiheit mit tausend Flüchen
segnen.“
Da verbrannten im Nu Liebe und Mitleid in ihrem Herzen wie unter einem
aufzuckenden Feuerstrahl. Ihre Haltung straffte sich, in ihren Zügen
malte die Hölle wilde Verzerrung. „So stirb an den Küssen deiner
Maurin! Geh in dein Verderben, das ich dir mitbereitete!“
Das Wort sprang raubtiergleich an seine Kehle. Er zitterte an allen
Gliedern.
„Ich wollte dir Gottes Engel sein, aber deine Verachtung machte einen
Teufel aus mir, und aus der Hölle nahm ich mein Rezept -- Leon hat es
bereitet.“ Der Schweiß dampfte aus ihrem Leib, ihre Lippen fieberten.
„Ich war es, die dir den Weg zum Brandpfahl bereitete, meine Aussagen
vor dem heiligen Tribunal kreuzigten dein Christentum, beluden dich
mit Ketzerei und nahmen dir die ritterliche Ehre. Wehrlos warst du mir
ausgeliefert, und so riß ich dich aus den Himmeln deiner Liebe in die
Hölle meines Hasses.“
Mit Augen, die das Entsetzen verglaste, saß der Graf auf dem Bettrand
und horchte auf das Klappern der gifterfüllten Natter. Seine Glieder
durchrieselte der Abscheu vor der Orgie dieser Grausamkeit, die Finger
verkrampften sich zuckend ineinander, ein Feuer durchzüngelte seine
Brust, und es schien einen fürchterlichen Brand in ihm anzufachen,
dessen Rasen das Weib vor ihm verzehren mußte. Er wollte wie ein
käfigbefreiter Parder aufspringen -- aber die gefolterten Beine
knickten ein, elend und hilflos, untauglich zum Werk der Vergeltung,
klappte der Elendshaufe Mensch zusammen und lag so, ein neuerlich
Besiegter, vor dem blutsaugenden Vampir. Ein leises Wimmern, aus dem
die Klage um die verlorene Würde der Menschheit stöhnte, brach sich von
seinen Lippen.