Ein erstickter Schrei -- ihr Arm tastet nach seinem --

Da versteht der Hirte. „Die Moriskos reden gar viel -- Gott erkennt die

Wahrheit.“

„Was -- reden sie -- über den -- Grafen?“

„Sie wünschen ihm zehn Hürden vollgepropft mit Kamelen. Sie beten für

ihn, daß er nicht ins Feuer muß.“

„Hörst du es, Eswer -- sie -- beten -- für ihn, daß er nicht --“ jedes

Wort würgt sich langsam aus der Kehle. „Und einst -- hat er sie -- gar

hart geschlagen -- aber nun hat er -- für sie -- gesprochen -- das

vergessen sie ihm nicht --“ Und plötzlich fährt es wie ein Sturm in sie

und sie springt auf. „Und wir liegen da in den Bergen und wehklagen

-- Eswer Ben Zerragh -- zu Ostern brennen Scheiterhaufen in Granada.

Sollen wir im Gebirge den Widerschein am Himmel sehen und ohnmächtig

auf den Knien liegen? Gebet und Tat retten ihn!“ Ihre verschluchzten

Augen strahlen in Begeisterung.

„Was verstehst du unter Tat?“ fragt Eswer bestürzt.

„Ihn befreien -- oder mit ihm untergehen.“

„Wahnsinnige! Hast du die Künste eines Magribi, eines Zauberers,

gelernt, um so Unmögliches zu vollbringen? Wo ist unsere Stärke?“

„Unser Wille ist sie!“ flammt Reija auf. „Gott läßt Gnadenströme über

einen guten Willen fließen.“ Sie schüttelte sich wie ein Fohlen, das

die Kandare abwerfen will, und ihre Gebote, von der Gewalt ihrer

Vorsätze getrieben, brachen gleich Bergwässern aus ihrer Brust:

„Saffana! Malik! Jusuf! Die Maultiere gepackt! Mir ein ledernes Kleid!

Alpargatas! die Faja um die Hüften, den Dolch! Ihr alle mit als

Maultiertreiber! Oder als Schahhad! Wir führen Erz oder Obst aus der

Sierra, wir verstecken unsere Absichten, unsere Geldtasche, unsern Weg.“

Da bäumte sich Trotz und Eifersucht in dem Abencerragen auf. „Du darfst

nicht von hier fort, Königskind!“

„Feiger Feta! Ich will dich zu einem Abu Turab machen, zum Vater des

Staubes. Ich jage dich mit der Navaja in diesen Abgrund, wenn du mich

hinderst. Meinen Geist leitet Thar, die Rache!“

„Es ist Wahnsinn, was du treibst. Wie willst du die Ringe von Wachen

zerbrechen?“

„Hernando wird helfen -- er war sein Freund -- Osuna und Orgaz, Freunde

der Mauren, und gewaltig im Wort und mit den Waffen --“

„Sie sind machtlos gegenüber Priester und Königen, es geschehen keine

Hirtensiege Davids mehr, die Schwachen müssen unterliegen.“

„Ihr sollt zu Gewappneten des Herrn werden durch meinen Willen.

Ich will mich durchschlagen bis zu den Tyrannen, sieh, meine Hände

rauchen noch vom Blut des Würgengels, ich will Fackel und Dolch in

die Rüstkammer meiner Rache stellen, will das von den Blutsaugern

gepeinigte Gewissen der Moriskos aufrufen in den Gassen des Albaycin,

daß sie zur Waffe greifen wie damals, als man den Müttern die Kinder

vom Herzen reißen wollte. Ich will ihnen nach alter Weise mit

Safran die Kampflust in die Glieder zaubern, will sie kleiden

wie Halimé ihre Helden vor der Schlacht und eigenhändig salben zum

Rachewerk, will sie beschwören, ihren Weibern nicht beizuschlafen, bis

nicht der Mann befreit ist, der für sie vor dem König gesprochen. Ich

will zur Haruritin, der wilden Kämpferin, werden, und wer mich mit

einem Finger anrührt, dem triefe er von Blut. Saffana, wie heißt das

Kampflied der lakhmitischen Frauen?“

Die Sklavin sang es in Schweißangst. „In der Hand den scharfen Speer,

dessen Spitze ingrimmschwer, lechzend den Propheten bitten sie zu

enden, was sie litten -- Sieh das Blut von Schlachtgewittern triefend,

daß die Locken zittern --“

„Daß die Locken zittern!“ rief Reija begeistert in das Feuer des Liedes

hinein. „Mord dem Mord! Thar glüht in mir, die heilige Thar! Sie ist

mein Posaunenruf, sie soll die Zaghaften zur Vergeltung aufstacheln,

bis ihre Tränen sich in Wasserströme wandeln, die die Menschenungeheuer

ersäufen sollen. Gott! Hilf mir! Du bist einzig und allmächtig, du hast

nicht gezeugt und bist nicht gezeugt worden, niemand besteht neben

dir! Und willst du nicht an seine Hilfe glauben, Eswer Ben Zerragh, so

brenne dein Herz in der Hölle und nähre sich von der Rinde des Sukuum!

Oh, Abu Atir! Wärst du hier, dein Bart würde brausen im Sturmgedanken

der Erlösung für deine Charka, dein Schoßkind. Und du, der du mich zu

lieben vorgibst, willst zaudern? Wir sind nur Gäste auf der Welt, sagt

der Imam, und alles Leben ist geliehen. Gib es zurück, wo Leben keinen

Wert mehr hat. Komm, komm, wir müssen eilen, es soll ein Weltgericht

werden, als rasten die Völker Jadjudj und Madjudj über die Erde. Und

wenn Granada, das neue Damaskus, dabei versinkt, so soll wenigstens

keiner mehr zur Totenklage übrigbleiben. Packt auf!“

Die von ihrer Leidenschaft beschwingte Glut riß den Abencerragen

mit sich fort. „Du machst Löwen aus Gazellen, Reija! Ich folge dir

und wiegle die Mauren auf. Der Graf soll mein Nedim werden, mein

Trinkgenoß.“

Stürmisch flog sie an seinen Hals. „Allah akbar! Gott hat deinen

Geist geweckt. Almansor billah will ich dich heißen, den von Gott

Geschützten, wenn du ausharrst.“ Sie zog ihn in die Höhle, wo Saffana

und die beiden Männer den Braten herrichteten. „Hört alle an. Ihr

sammelt aus dem getreuen Cañor die listigsten Söhne Mohammeds, die

geschicktesten Läufer, die durch die Gassen jagen können wie Ssaba, der

Morgenwind, dann die Mauren von Adra, Buñol Purchena und Orgiva, sie

lechzen nach Pfeilschüssen und werden uns folgen. Sagt ihnen, Reija,

die Werda von Andalus, rufe sie. Erzählt ihnen mein Leiden, ihr Herz

wird daran erglühen. Wenn das Osterfest kommt und die Inquisition ihre

Opfer zum Autodafé schleppt, zünden wir die Stadt bei den vierzehn

Toren auf ein gegebenes Zeichen an.“

„Das Zeichen?“

„Ich lasse meinen Flamingo von der Alcazaba aus in die Lüfte steigen.

Im Augenblick, da er über die Dächer kreist, legt ihr die Feuer an,

truppweise, daß Verwirrung und Schreck in ihre Glieder fahren. Man wird

die Opfer in die Kerker zurückführen wollen, dann stürzen sich die

Moriskos vom Albaycin auf das eiserne Geleite des Grafen de Mora. Das

übrige laßt meine Sache sein. Ich halte Roß und Verkleidung in der Nähe

der Bibarrambla bereit.“

Gierig lauschen die Männer. Frage und Antwort fliegen auf. Morgen früh

soll der Ritt aus Cañor gewagt werden.

Die schleierlose, grünsilberne Nacht leuchtet in eine gefestigte Seele,

die den Jammer mit der Kraft der Verzweiflung vertrieben hat. Reija

starrt unausgesetzt in die Tiefe des Barrancos hinab, wo morgen der

Weg der Erlösung beginnen soll. Drei Männer hüten ihren Leib, morgen

aber wird ein Wall von Hütern aus den Bergen wachsen. Wie sprungbereite

Tiger liegen die Wächter vor der Höhle. Im Maurendorf verkündet der

Hornstoß des Türmers die Zweiteilung der Nacht, die ruhevoll ihren

Gipfel ersteigt.

Granada in Flammen · 第 140 / 190 题