„Fiel auf ein tugendhaft Geschöpf, das, meine ich, wert ist, den Kranz
der Ahnen als neue Blume zu zieren: Maria de Calabreña.“
Die Königin zuckte zusammen. „Der Name ist in unserm Gedächtnis schwarz
geschrieben. Die Calabreñas haben vor vielen Jahren eine Verschwörung
gegen den Thron angezettelt, man verfolgte das Geschlecht --“
„Und eine der Verfolgten war Ines, die Tochter des Sancho de Calabreña,
der dennoch keinen Anteil an der Sache hatte. Sancho rettete sich nach
Guadix, wo er starb. Die Tochter aber gewann das Herz des Maurenkönigs.
Aus dieser Liebe entsproß ein schönes Mädchen, in allen Tugenden
erzogen, wenn auch auf maurische Art, jetzt aber Christin --“
„Bei Gott, das ist gewagt,“ unterbrach ihn erregt die Königin. „Sich
wegzuwerfen an eine Moriska!“
„Sie ist Christin so gut wie eine,“ verteidigte sie der Graf.
„Vielleicht nur -- Euch zuliebe!“ warf Ximenes wie von ungefähr ein.
„In ihren Adern ist unreines Blut,“ sagte Fernando. „Und Ihr wallt
Euer reines -- oh, nicht zu denken! Ihr besudelt Euch. Denkt an die
Kinder aus dieser Blutmischung. Der Weg zu jedem hohen Amt ist Euch
verschlossen, auf Schritt und Tritt fühlen Eure Kinder die Schuld der
Eltern.“
„Sie ist eine Königstochter!“ sagte der Graf in wachsender Wärme.
„Eines Königs, dessen Sinnen noch immer ist, uns zu bekriegen, das
Verlorene zurückzugewinnen.“
Und Ximenes unterbreitete gewichtig seine eigenen Gedanken: „Boabdil
will, daß man in ihr das Andenken an den Vater ehre. Sie taugt dazu
und scheint dabei ungefährlich. Doch ist es Zufall, daß sie mit dem
Imam nach Granada kam? Soll dieser schlaue Alte nicht -- Wegbereiter
für den König sein? Unsere Kundschafter bringen Nachricht übers
Meer, daß Boabdil sich rüstet, daß die Berber ihr Herz für ihre
Maurenbrüder entdeckt haben. Ihr seht die plumpe Falle nicht? Könnte
ein Christenritter nicht dazu dienen, zur rechten Zeit schwach zu sein
und im Widerstreit zwischen Pflicht und Liebe auf jene zu vergessen?“
Graf de Mora stand betroffen. „Wahrhaftig -- darauf -- bei Gott und
seinen guten Engeln -- darauf war ich nicht vorbereitet.“
Ximenes schob die blutleeren Lippen hin und her. „Ich sehe jetzt
klar. Darum die Weigerung, Familiare zu werden. Die Moriska könnte
-- so fürchtet Ihr -- im neuen Glauben straucheln, und Ihr müßtet
pflichtgemäß ihr Kläger werden.“
„Bei Santiago!“ rief der Graf bestürzt aus. „Auch das? -- Ihr
wißt Gründe aufzudecken, die erschauern machen.“ Und er wandte
sich an die Königin. „Erhabne Frau, käme ich in diesen Fall, ich
wäre bejammernswert, allein ich bürge für den guten Willen meines
zukünftigen Weibes im Punkt des Glaubens.“
„Ihr nehmt da viel auf Euch,“ warnte die Königin.
„Ich bitte um gnädiges Gehör,“ bat der Graf bewegt. „Darf ich der
ersten Frau Spaniens mein Herz zu Füßen legen? Der Frau Isabella? Der
Sterbliche naht sonst Eurer Hoheit mit abgemessener, eingeengter Seele.
Oh, laßt mich freier sein, wie es dem freien Gegenstand ziemt.“
Ximenes blinzelte mit heimlichem Argwohn nach dem Ritter, und der König
schien ungehalten. Doch Isabella fragte freundlich: „Was wollt Ihr
also?“
„Ein wahres Christentum!“ rief der Graf warmherzig aus. „Und
Menschlichkeit gegenüber den Mauren!“
Die Herrscher horchten auf. Ximenes saß fühllos. „Haben wir die je
verleugnet?“ fragte die Königin.
„Alles zittert vor der Unbarmherzigkeit der Kirche -- Christen und
Moriskos.“
„Der Kirche?“ Der Primas erhob sich aus seiner Regungslosigkeit. „Es
ist sonst nicht die Art andalusischer Ritter, das strenge Maß der
Etikette zu überschreiten.“
„Wer zwingt uns zu dem Äußersten?“ erglühte Mora. „Aus unserer
Seelenangst heraus werden wir zu ungestümen Forderern. Schon schreit
Toledo auf, wo man zwanzig Rittern die Daumenschrauben angelegt, in
Madrid sind die Kerker mit edlen Namen überfüllt, Valladolid, Burgos,
Alcala und Segovia bäumen sich unter dem Druck auf, und nicht der
Glaube macht sie beben, nur die Verteidigung des Glaubens selbst. Was
will man mit den eingezognen Gütern? Ungläubige dadurch gläubig machen?
In ihre Seelen sieht nur Gott. Und sei es um die alten Christen -- doch
die neuen? Oh, seht zu, was Ihr beginnt!“
Ximenes ließ einen leisen Spott um seine Mundwinkel spielen. „Ich sah
es kommen, bei Santiago, darauf war ich gefaßt. Das Weib beginnt Euch
zu bedrängen.“
Der Graf geriet in Brand. „Soll eines Weibes edler Einfluß einen Mann
verderben können? Rühmt man den spanischen Damen nicht nach, daß sie
nach Maurenart sich ihre Ritter erzogen haben zur Galanterie und edler
Denkungsweise? Bin ich unmännlich, weil ich von einem Weib Mitleid
fühlen lernte? Vor Santa Fé hielt ich’s wohl anders. Fünfmal warf ich,
heftig blutend, den Feind vom Wall; und ungezählt sind die Ehrenlanzen,
die ich mit maurischen Rittern brach, ich war kein Maurenfreund, ich
war besessen von Härte, ein jeder Atemzug in mir war blinder Haß, ein
jeder Blick Verachtung der Agarenos. Bis ich sie kennenlernte, ihr
kindlich freies Tun, ihr spielendes Gehaben, ihren heiligen Glauben
an den Propheten, ihren Fleiß, die Zähigkeit, das gebeugte, willige
Untertanenherz, ihr Wissen, ihre Kunst. Unselig, daß ich schwärmen muß!
Ich hörte den Imam reden, als geschlagnen, in seinem Glauben zertretnen
Menschen, und hörte kein Wort der Verdammung. Als Granada im Aufruhr
lag, hat sein Wort die Feuer gedämpft. Der Kerker ist Spaniens Dank
dafür.“
Der König war erblaßt und sah die Königin mit großen Augen an. „Das
heiße ich kühn, meint Ihr nicht, Isabella?“
Diese sah noch immer freundlich. „Die Liebe hat Euch ein großes Herz
gegeben, Graf de Mora. Es greift schon über die Grenzen Spaniens hinaus
und -- über unsern Glauben.“
„Wie ehre ich den katholischen Glauben!“ rief der Graf flammend. „Und
lasset Christus mit der angebornen Sanftheit walten, und Ihr werft
mehr Mauren glutbrünstig auf die Knie als mit der fürchterlichen
Inquisition.“
Da warf Ximenes das kühle Wasser seiner Seele in die Glut des Ritters.
„Wer Christus nur als sanften Hirten kennt, kennt ihn nur halb. Er
reinigte mit der Geißel Tempel.“
„Zur Sache, Graf,“ mahnte Fernando. „Was wollt Ihr?“
„Spanien glücklich wissen, bewohnt von Menschen, die ihren Gott nach
ihrer Art im Busen tragen dürfen.“
„Verschiednen Glaubens?“ Die Königin schnellte ihren Oberleib vor,
während der König den lächelnden Erzbischof stumm ansah.
„Verschiednen Glaubens, doch eines Sinnes: für ihre Herrscher Spanien
zum glücklichsten Land der Erde zu machen. Hier wurzelt der Fleiß, die
Arbeit blüht, ein reger Geist wetteifert mit dem, der in Italien Wunder
schafft. Wir aber haben mehr als Italien: erobernd streckt Spanien
seine Hand über eine neue Welt, macht entdeckte Länder urbar und zwingt
Europas Völker mit milder Hand zur Ehrfurcht vor dem Forschergeist.
Oh, es hieße die Ehre Spaniens beflecken, wenn Ihr die Austreibung
fleißiger Mauren noch weitertreiben wolltet. Tausende sind ausgewandert
und Tausende werden folgen, Trümmerfelder des zerschlagnen Fleißes
lassen sie zurück, unsre Lehrer fliehen vor dem undankbaren Schüler,
die Wissenschaft, der Sammelfleiß von Jahrhunderten ging in Flammen
auf und uns bleibt nur, von neuem anzufangen, wo wir mit herrlicheren
Gaben hätten fortsetzen können. Oh, erleichtert die Last auf den
schwerbeladnen Schultern, tut es aus Klugheit, um Granada nicht zu
entvölkern. Nehmt in das Register Eurer Glaubenswaffen Duldung auf.
Was soll ein Gott mit den verpesteten Gebeten anfangen, die anders
klingen, als das Herz sie fühlt? Ihr zwingt die Mauren zum Doppelwesen,
und ist es da, wollt Ihr sie dabei packen. Wer Opfer braucht, der wird
sie immer finden.“ Und der Graf wandte sein Glutauge zur Königin.
„Erhabne Frau, lernt die Sprache Eurer Völker verstehen, sie wollen
Frieden, Arbeit und ein menschlich Leben. Glaubt +mir+! Und nicht
der Schmeichelei, die den Thron umkriecht und Euch Erfolge ins Ohr
flüstert, die Ihr nur mit Eurem Gewissen erkaufen könnt. Noch ist es
nicht zu spät. In der königlichen Gnade gehe aufs neue der Völker Sonne
auf.“
Isabella sah den Ritter unsichern Blicks an. Dann gab sie dem Primas
ein Zeichen, für die Könige zu sprechen.
Ximenes bedachte sich nicht lang. „Es ist das Vorrecht jugendlicher
Männlichkeit, in edler Regung aufzuwallen, leicht ist das Gemüt
bewegt, der Kopf das Spielzeug der Phantasie. Dem Alter aber ziemt es,
dieselben Regungen mit den Notwendigkeiten des Daseins in Einklang zu
bringen. Nicht immer ist der edle Gedanke auch der zweckmäßige. Erst
im Alter übersieht man, wie wenig edle Taten der Jugend sich bezahlt
gemacht haben. Ihr müßt noch lernen, edler Graf. Ich versteh es, Ihr
wollt die Eitelkeit des Ruhms durchkosten, der Retter eines großen
Volks zu heißen. Allein hier geht es nicht um Völker, Ritter, um den
Glauben! Wie sagt der Herr? Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“
„Von Gott doch nur, doch nicht von Menschen!“ eiferte Mora. „Maßt Ihr
Euch an, des Herrgotts Amt üben zu dürfen? Wer weiß, wie nötig wir die
Gnade haben!“
„Ganz recht. Sie und die Demut,“ sagte Ximenes scharf und bitter. „Doch
sagt, wie stellt Ihr Euch die Erkämpfung der Glaubenseinheit vor? Wollt
Ihr Blumensiege erfechten? Ich kenn’ Euch nicht mehr, Graf. Man sollte
meinen, das langgeübte Waffenhandwerk hätte Euch rauher gemacht.“
„Rauh bin ich noch, wenn ich den Feind als Feind erkenne. Doch diese
Mauren sind nicht unsre Feinde. Nur Ihr wollt sie zum Feind haben, Ihr,
die Ihr aus freien Menschen falsche Gläubige machen wollt.“
Ximenes wehrte mit einer schneidenden Handbewegung ab. „Sie werden an
unsern Herrgott glauben lernen. Laßt dafür die Inquisition sorgen.“
„Schrecklich, wenn Ihr damit Gläubige schaffen wollt. Der Haß wird
diesen blutigen Sieg erfechten. Doch wer sich zu sehr in des Hasses
trauriges Geschäft vergrübelt, kommt schwer aus ihm heraus. Den sichern
Mäher nennt man Euch, der ganze Länder umwirft, um eine Saat des Hasses
auszustreuen, aus der nur wieder Haß entsprießt. Oh, laßt Euch rühren
durch die Christenblume Mitleid, schafft mit einem einzigen Edikt
glückliche Menschen! Ihr seid ein großer Geist. Man spricht davon, daß
Ihr in Alcala der Wissenschaft die Stätte bauen wollt, die sie zur
Sammlung aller Kräfte braucht. Wollt Ihr über dem Tor das Wappen der
Engherzigkeit nageln? Soll das Christenzepter des Geistes zugleich ein
Schwert sein, das Andersdenkende tötet? Wollt Ihr das Wissen grausam
nützen, um damit zu schaden?“
„Man wird +die+ Wissenschaft dort lehren, die die Kirche dulden
kann,“ sagte Ximenes. „Die Denker, die aus der Vormundschaft der
Kirche herauswollen, haben weder in Alcala noch sonst in Spanien
etwas zu suchen. Sie sind es, die wir am meisten fürchten müssen, ihre
Gedankengänge sind feindliche Bastionen, die fallen müssen, soll nicht
die Kirche fallen. Drum laßt uns, wenn es sein muß, grausam sein.“
„Eines großen Priesters weiser Sinn sollte sich so verkehren können?
Sein Amt, meine ich, verpflichtet ihn zur Mäßigung und Duldung.“
„Ihr irrt, Graf! Mäßigung ist Lässigkeit bei Ketzern! Und Duldung
ist Verbrechen gegen Gott. Der ist mein Richter, nicht ein
schwacher Mensch, der die Weltgeschichte mit seines Herzens sanfter
Schwärmerregung berichtigen will. Spanien wird diese Weltgeschichte
machen, und der katholische Glaube wird die treibende Macht sein.
Weh uns, wenn wir genügsam sein wollten, ein arbeitswilliges Volk
zum Untertan zu haben. Der Glaube sei der Schatz, mit dem der König
wuchere.“ Der Kanzler näherte sich dem Grafen mit der Gebärde des
warnenden Freundes. Leise, fast milde sagte er: „Mich dünkt, Ihr habt
Gründe, Euern Glauben doppelt heiß zu lieben.“
„Ich lieb’ ihn auch! Er ist so schön, daß ihn kein Priester ungestraft
verunstalten darf.“
„Ich meinte es anders,“ sagte Ximenes. „Euer Glaube ist in Gefahr,
scheint mir.“ Er ließ wie in Nachdenklichkeit die Wimpern fallen.
„Ich -- versteh -- Euch nicht.“
Der Erzbischof sah das schweigsame Königspaar an, als wollte er mit den
Augen bitten, an der Peinlichkeit des Gegenstandes rühren zu dürfen.
Wieder gab ihm die Königin einen Wink, den er verstand. „Graf de Mora,“
sagte er ernst, aber weich, „man hat in Eurem Geschlecht schon einmal
so ähnlich gesündigt, daß die Hüter des Glaubens aufmerksam werden
mußten --“
„Meinen Vater meint Ihr?!“ Der Graf erbleichte, seine Augen senkten
sich. Aber gleich darauf rief er die warme Kindesliebe zum Mitstreiter
auf. „Ich weiß -- seit heute weiß ich es: mein Vater war daran, vor
Menschen schuldig zu werden. Doch sein Angedenken ist geheiligt in
meinem Herzen. Was hat er getan? Das Dogma durchgrübelte er in seiner
gelehrten Weise und unterschrieb nicht blindlings, was die Priester
lehrten. Jetzt erst versteh ich seine verweinten Augen, jetzt erst fühl
ich den Druck der magern Hände, die mir die Schuld abzubitten schienen,
die der teure Vater auch auf mich abzuladen wähnte. Aber wer kann ihn
schuldig nennen? Wer beschwören, daß nicht Neid und Haß die Kläger
waren? Wer sagen, daß er geirrt?“
„Er hat geirrt!“
„Hat er den Irrtum bekannt?“
„Er starb, bevor die Qualifikatoren die Akten geprüft. Es hängt nur
von dem heiligen Offizium ab, ob man nachträglich dem Toten Recht oder
Gnade gibt.“
Der Graf bäumte sich auf. „Einen Leichnam wollt Ihr verdammen? Oh,
dieses Recht würfe die Gottheit in den Staub. Mein König, vor Euch
wollte ich mein Herz erleichtern, nicht vor dem strengen Reichsverweser
Gottes.“
Da erhob sich der König. Sein Antlitz war müde, in seinen Zügen lag
der Ausdruck der Unentschlossenheit. „Ich ehrte Euern Vater, und Ihr
seid mir um Eurer Verdienste willen teuer. Ihr werdet mir helfen, die
Alpujarras zu reinigen. Sehen wir noch länger zu, dann füllen sich
die Täler mit afrikanischen Horden. Ihr geht mit starken Kräften nach
Lanjaron, Graf Tendilla wird Euch die Befehle geben.“
Der Graf warf sich mit mutigem Schritt der Königin entgegen, die sich
ebenfalls erhoben hatte. Sein Herz zitterte in heiliger Begeisterung.
„Noch einmal, Erhabne, bitte ich um Milde. Hört den Rat der
erbgesessenen Granden, nicht nur Eure Mönche!“
Isabellas Brust bebte. „Wollt Ihr argwöhnen, daß -- wir haben unsre
Priester gar wohl geprüft, bevor wir sie nach Granada sandten.“
„Und dennoch -- schließt die Granden nicht aus. Denn freier regt sich
in unsrer Brust das allgemeine Leben, besser sieht unser Auge das
Bedürfnis der Menschen, richtiger fühlt unser Herz des Volkes Wünsche.
Oh, übereilet nichts, laßt dieses Priesters vernichtende Gewalt nicht
Euer großmütiges Herz überwuchern --“
„Mein König -- diese Sprache!“ Ximenes sprang auf. Aus seinem Gesicht
wich das Blut.
Fernando reckte sich, daß das Panzerhemd klirrte. „Der Diener der
Kirche ist geheiligt im Antlitz der weltlichen Majestät. Dankt es Eurem
großen Namen, wenn ich nicht Euern Degen fordere. Man wird Euch künftig
weniger vertrauen. Wer mit so hellem Eifer den Mauren goldne Brücken
baut, taugt wenig, sie zu bekämpfen. Ich will die Stunde vergessen --
wenn ich’s kann. Ihr seid entlassen.“
Der Graf neigte sich zum doppelten Handkuß. Gnadenlose Blicke gingen
über ihn hinweg. Als sich der Vorhang hinter ihm schloß, wußte der
Graf, daß er vor den Königen verspielt hatte. In seiner Brust gärte das
Erlebnis dieser Stunde. Er schritt über den Löwenhof, wo die blitzenden
Wasserschwerter aus den Tiermäulern gegen die Rinnen sprangen. Da sah
er den Vikar Leon bei einer Säule stehen. Er wollte an ihm vorüber,
doch der Mönch hielt ihn auf. „Ihr seid in Gnaden entlassen?“ forschte
er mit gierig gestrecktem Hals.
„Ich habe den Königen Wahrheit gegeben, das ist alles.“ Der Graf ging
durch den Schwarm der Höflinge. Wie Sumpfbrodem lag es auf seiner
Seele, erfüllte ihre Tiefen mit Giften der Qual. Seine Gedanken
glitschten aus, als gingen sie über Quallen hinweg. Der Dominikaner sah
ihm mit verwunderten Augen nach. Er fühlte, hier trieb man ihm sein
Wild in den Bogen.
Im Saal der Schwestern trat Ximenes vor den König hin. „Dieser Mensch
ist gefährlich,“ sagte er im Feuer nachlodernd.
„Wir wollen den Brand in ihm löschen,“ sagte der König ernst.
„Erlaubt, daß die beleidigte Kirche das Wasser liefert,“ bat der
Primas. „Wenn man solche Köpfe allzu edel denken läßt, haben Könige
alle Ursache, das Schicksal Granadas zu beklagen. Welch ein Stürmer!
Wie rücksichtslos und vermessen! Wo käme Spanien hin, wenn man mehrere
solcher eigenartiger Entdeckungen machte? Er sprach es nicht aus, aber
ich fühlte es: sein Hirn rüttelt an den Grundfesten der Kirche und der
Inquisition. Nimmer darf es sein, daß ein Geist auf Kosten des heiligen
Wesens sein Füllhorn leert. Er könnte mit lärmendem Fanfarenschall die
Welt aufhorchen machen. Wo bleibt dann Spaniens Devise: ein Glaube,
eine Menschheit? Wenn solche Keile sich dazwischen schieben? In jeder
Hungerstunde meiner Aszese, in jeder durchwachten Nacht klang der Ruf
Gottes an mein Ohr: für Euch, Könige! Mein eiserner Wille band sich an
Christus, und seine härtesten Forderungen wurden mir Labsal und werden
es bleiben, solange ich atme. Soll dieser Grande mir die Wege zu Gott
verrammeln dürfen? Die ich für die Menschheit ebnete? Ihr dürft es
nicht dulden. Sonst könnte es geschehen, daß dieser Graf ein größerer
Fürst werden würde als Fernando in Kastilien. Glaubt an die Gabe der
Voraussicht. Sie ist ein Gottesgeschenk, der Staatsmann muß sie haben.
O diese Sprache, die er redete!“
„Auch andre sprachen für die Mauren,“ sagte begütigend die Königin.
„Graf Tendilla, Talavera --“
„Dort sprach die Klugheit, hier aber spricht ein Herz. Das ist
gefährlicher. Er hat weniger Geist als Gefühl. Sein Widerstand kann
leicht Anklang finden. Er besitzt Ahnenstolz und hat die Sucht, sich
einen Namen zu machen. Wehe, wenn sich solche Feuerherzen gegen
unsern Geist zu wehren beginnen, wehe, wenn sie ihre umstürzlerischen
Freiheitsgedanken offen predigen dürfen! Ich rate Euch, ihm die
Freiheit dieses Denkens zu kürzen, damit er sein Retteramt minder
scharf übe.“
„Ich habe keinen Grund, ihn verhaften zu lassen,“ sagte der König
unentschlossen.
Da hob Ximenes die Augen mit einem bezwingenden Blick auf. „So laßt die
Kirche Gründe suchen, die Inquisition ihren Weg gehen. Ihr habt sie
beschworen.“