Durch Granada wütet der Sturm des Aufruhrs. Von den fünftausend Häusern
des Albaycin wälzen sich die Maurenmassen über die Stadt. Das Gebot
des Erzbischofs Ximenes ist im Vollzug. Man nimmt den Elches die
Kinder weg, nur sie in christlichen Erziehungshäusern unterzubringen.
Aus den Häusertoren aber rollen Karren mit aufgeschichteten Büchern,
umjammert von Fakis. Die jahrhundertealte Weisheit arabischer Hokema,
der Fleiß phantasiereicher Rawi, der Kalifenerzähler, das Sammelgut
der heilkundigen Athibba, alles wird wahllos aufgehäuft, um vor den
Richterstuhl Ximenes’ geführt zu werden. Bunt zusammengewürfelte
Massen von Menschen schieben sich an den spanischen Soldaten vorüber,
gaßauf, gaßab, Priester im Ornat, gefolgt von schwarzgekleideten
Bruderschaften, ziehen über die Bibarrambla nach dem Maurenviertel, da
und dort flattert ein schreiendes Weib aus einem Tor, ein Kind klammert
sich weinend an ihren Rock, harte Fäuste reißen es vom Mutterherzen
fort -- vorbei! Lanzen blinken, Karrenräder knarren dumpf, aus allen
Gassen wälzt sich das Unheil heran. Über die Dächer hallt der Gebetsruf
der Muezzins wie der Schall umflorter Tuben.
Die Moscheen sind überfüllt. Der Imam Abu Atir ruft das von den Fakis
aufgewiegelte Volk zur Besinnung. In der Assakifa, dem Frauenraum des
Moscheehofes, liegen die Weiber auf den Knien und beten ihre Seele um
das Heil ihrer Kinder aus. Endlich steigt und schwillt der Lärm zu dem
gewaltigen Bekennerschrei der Massen an: Es ist kein Gott außer Gott
und Mohammed ist sein Prophet. Wie ein brausendes Meer wälzt es sich
aus der Moschee, aus den Höfen hinaus über den Platz.
Unaufhörlich schallt es in die zusammenlaufenden Maurenhaufen: „Platz
für die Soldaten der heiligen Hermandad!“ Dann wieder: „Platz für die
Reiter des Königs!“ Und die Rosse des Grafen von Mora poltern über
die Steine. „Platz für die erzbischöfliche Leibwache!“ Ein streng
geschlossener Zug gepanzerter Knechte marschiert aus der Calle de
Gomeres zum Palast des Ximenes.
Die Luft in den Gassen wird immer schwüler, die Sonne legt ihren Brand
auf den Kalk der Häuser und aus den Gärten duften betäubend die Blumen.
Immer mehr Burnusse knäueln sich zusammen. Scheichs, Fakis, Alimes,
Hafiten, Kadis und Walis, gelehrte Männer und Richter der Mauren in
ihren schlichten Trachten, sind umringt von den erregten Händlern,
Bauern und schreienden Frauen, deren Augen unter der Verhüllung Blitze
schleudern. Sooft ein christlicher Ritter mit Gefolge vorüberzieht,
brandet das Getöse an seinem Roß hinauf. Schrille Rufe nach Talavera,
dem gütigen Christenscheich, hallen über den Platz. Dazwischen wieder
der Gebetslärm aus der Moschee auf der Bibarrambla, langgezogene
Preisrufe aus der Fathah, der Koraneröffnung. Aus dem Tor der Moschee
strahlt der Glanz unzähliger Lampen zwischen den Säulen heraus, ein
magisches Bild inmitten des brausenden Gewühls.
Unerkannt in seiner Händlerverkleidung drückt sich Eswer Ben
Zerragh durch die Haufen. Tagsüber verschläft er die Hitze in einem
Maultierstall, abends schleicht er nach der Alcazaba in die Nähe der
Palastfenster. Aber heute wagt er sich auch in den brausenden Morgen
hinein mitten unters Volk. Und horcht da und dort auf ein Gespräch.
„Leon ist an allem schuld!“ Ein Feigenhändler wirft seinen Korb trotzig
nieder.
Die Umstehenden brennen lichterloh. „Leon! Ximenes! Deza!“ Die
gefürchteten Namen fliegen wie Pfeile durch die Luft.
„In der Alcaiceria haben sie fünf Elches eingezogen,“ berichtet ein
Seidenhändler, dessen Gesicht voll Neuigkeiten glänzt.
„In einer Stunde soll es wieder angehen,“ meint ein Vogelhändler. Aber
tröstend setzt er hinzu: „Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer
bei Gott.“
„Wir wollen vom Papst einen Schutzbrief erbitten!“ rät einer.
„Man kennt das, bi nefsi!“ warnt ein anderer. „Er gibt sie und hebt sie
wieder auf. Sie kosten Geld.“
„So verwehren wir dem König die Umsatzsteuer.“
Ein Gelächter antwortet ihm. „König und Papst wollen sich bezahlen
lassen für ihr Regiment,“ höhnt ein Faki.
„Talavera wird uns helfen!“ Mit aufgeworfnen Händen bittet ein zweiter
zum Himmel: „Gott erhebe ihn zum Emir und gebe ihm statt Kamele
himmlischen Tau.“
„Du roter Riemenhändler! Wir kaufen dir alle Riemen ab, um die Nisarani
damit zu erwürgen,“ lachte ein Messerschleifer.
Eswer verstellt seine Stimme. „Ich wünsche keinem Menschen den Riemen,
aber Leon ist kein Mensch mehr, also wünsche ich ihm den Riemen.“ Und
er macht eine nicht mißzuverstehende Gebärde.
Aus dem maurischen Fahnentor schiebt sich der dunkle Wurm einer
Bruderschaft über den engen Platz nach der Kirche San Nicolas.
Die Haßblicke der Mauren verfolgen den schwarzen Zug, der vor dem
Gotteshaus hält. Dort schreit ein Dominikaner in die lauschenden Haufen
der Moriskos: „Im Namen der Könige und der Inquisition! Stille!“ Und
nun schwirren unverständliche Worte des Edikts über die bevorstehende
Bücherverbrennung auf die Köpfe herab. Gleich darauf knallen
Verwünschungen in die Luft, in arabischer Sprache knattert es in die
Ohren des Mönches, der eingeschüchtert nach den Lanzen der schützenden
Soldaten schielt.
In einer Gasse tauchen jetzt die weißen Vorreiter des Grafen de Mora
auf -- nun er selbst auf seinem Schimmel. Über dem Panzerhemd liegt
das Oberkleid und der schwarze spanische Mantel, vom braunen Hut wallt
die Feder, in der Hand blitzt der Degen, der Schild ist mit goldenen
Schnallen im Sattelknopf befestigt, die schleppende Zäumung des
Pferdes leuchtet himmelblau, mit goldnen Sternen und Muscheln übersät.
Der Maurenfeind huldigt arabischem Prunk. Des Grafen drohender Blick
verscheucht die Hälfte der angestauten Menge in die Nebengasse.
„Wie schade, daß man diesen Ritter hassen muß,“ murmelt Eswer in sich
hinein. „Aber Rabe und Taube können nur Freundschaft schließen, wenn
beide hinken.“
Auf der Bibarrambla stehen die Burnusse dicht geschart. Unwillig hören
sie es: Talavera ist krank, es wird niemand zu ihm gelassen.
Im prallen Licht der Sonne steht Ximenes auf seinem Balkon. Er trägt
das schlichte Franziskanergewand. Er hat am Morgen Gottes Segen für die
reinigende Tat herabgefleht, die ein Opfer auf dem Tisch des Herrn sein
soll. Starr glaubt er an die Gottgefälligkeit seiner erbarmungslosen
Seele. Die namenlose Liebe, die sich am Kreuz für alle hingab, wird
dem Zeloten zum Werkzeug haßdurchseuchter Verfolgung, die Dämonie des
Glaubens zur Waffe der Vernichtung. Im Namen Gottes sündigt er im
guten Glauben, demselben Gott zu dienen. Die heilige Stimme in ihm
fordert, fordert und fordert. Der Geist des Torquemada weist ihn noch
immer auf die triumphierende Macht der Kirche hin, die Opfer klagen
nicht an, sondern muntern auf, sie senden keine Grabesschrecken über
die sinnende Seele, nein, ihr Tod ist wie eine furchtbare Bestätigung
der Unfehlbarkeit priesterlicher Urteilskraft. Das Holz flammte und
das Feuer qualmte unter und über schreienden Menschen, aber Qual
und Marter betäubten nicht den Verfolgergeist. Mit klarer Seele,
die Augen zu Gott gerichtet, hörten sie die Menschenschreie von den
Scheiterhaufen an ihr glaubenstolles Herz dringen. Um sie herum Wahn,
grausamer Wahn, der bestätigen und glauben konnte, was seine Führer
für Recht hielten. Nicht aus selbstsüchtigen Trieben, aus der Tiefe
ihres furchtbaren Glaubenswahns heraus diktierten Torquemada, Deza und
Ximenes den Tod. Und weil sie Gottes Majestät als treibende Kraft in
ihren krankhaften Gehirnen empfanden, ließen sie ihre Hände von Blut
triefen, ohne mit der Wimper zu zucken. Von Gott verlassen, waren sie
im Wahn befangen, gotterfüllt zu sein. In dem Glauben, das Evangelium
Christi allen Menschen zugänglich machen zu müssen, schlossen sie in
Wirklichkeit Tausende und Tausende von dem Weg zu ihm ab. Ihr Hunger
nach Glaubenseinheit machte aus Menschen Heuchler. Die Inquisition
war aber neben ehrlichem Reinigungswillen auch Machthunger, und ihre
entsetzlichen Verweser kreuzigten Christus zum zweitenmal.
Der hagere Leib des Primas hob sich von dem Untergrund der kreideweißen
Mauer wie ein finsterer Schatten ab. Ximenes sah auf den beginnenden
Aufruhr hinab, und kein Aufzucken des Erbarmens ging durch die
glaubensgestählte Seele. Mußte nicht Leid erfahren, wer zur Freude
eingehen wollte? Gingen diese, die da weinten, nicht in der Nachfolge
des Herrn? Beinahe hätte ihn Rührung ergriffen, aber er gedachte seines
eigenen Wegs, der durch Dornen und Aszese geführt hatte und auf welchem
er Gott gefunden zu haben glaubte. In Wirklichkeit formte er sich ihn
zu einem Menschenopfer fordernden Götzen um.
Der Dominikaner Leon, des Ximenes würdiger weißer Schatten, trat eben
aus dem Zimmer zu ihm. Er war doch ganz anders geartet. Ihm waren
Glaube und Dogma nur schöne Verbrämungen seiner irdischen Gelüste. Der
Mönch wußte, wem er diente. Ein strenges Mutterherz hatte ihn früh hart
gemacht, und der Geist der Kirche hatte ihn später zum spekulierenden
Dogmatiker geformt. Bei alledem sagte man ihm sehr weltliche Dinge
nach: er sei ein Liebling der Frauen, nicht nur im Beichtstuhl, sondern
auch in Gemächern, wo kein Weihrauch wallte. In seinem Leben sollten
sich Namen verfangen haben, die viel in Südspanien galten. Unter ihnen
klang auch der Name Leonore de Uceda, und man sagte, der Dominikaner
habe ihr den Weg zum König geebnet. Man sprach von einem einstigen
maurischen Sommerhäuschen bei Cordoba, wo der Beichtiger der Edeldame
ihre Sündenbekenntnisse tagelang anzuhören pflegte, bevor sie in des
Königs Arm glitt.
„Salzedo, mein Hausmeister, hat die Wohnungen aller vornehmen Mauren
nach den Büchern durchsuchen lassen,“ sagte Ximenes. „Was gegen den
Geist unserer Kirche verstößt, wird verbrannt. Halte dich besonders an
Koran und Sunna, Bruder. Das schöne Gewand rühre dein Herz nicht zum
Mitleid. Die Geschichtschreiber, die mit goldenen Phrasen die Wahrheit
fälschten, verschone sie nicht. Des Aristoteles Philosophie dagegen
und die Heilkunst des Alkindi laß unberührt. Ich möchte die Bibliothek
meiner künftigen Hochschule zu Alcala mit wahren Werten bereichert
sehen. Behalte den Avicenna, doch Averroes und die schwärmerischen
Dichter wirf ins Feuer. Von den Philosophen verschone nur Farabi. Das
große Geschrei der Fakis wird verhallen, und der Friede Gottes wird
über Granada ruhen, ehe wir’s denken. Aber sieh -- da aus der Gasse des
Zacatin -- unser Imam! Und hinter ihm ein Kamel mit Büchern beladen.“
„Sein eigener Schatz,“ mutmaßte Leon.
„Abu Atir! Santon!“ scholl es vielstimmig aus den Maurenhaufen. Und
dann urgewaltig wie aus einer Brust: „Es ist kein Gott außer Gott, und
Mohammed ist sein Prophet! Es ist nirgend Schutz und Macht außer bei
Gott! Gott ist groß!“ Und der surrende Lärm verwirrender Suren erfüllte
die Luft.
Vom Albaycin herab kamen jetzt die Züge Hymnen singender Mönche. Hinter
ihnen Maultiere mit Bücherladungen. Zwölf Dominikaner nahmen diese in
Empfang und häuften die Bücher vor dem Palast des Primas in Pyramiden
auf.
Der Himmel vertrübte sein Blau, und im Westen dräute es schwergrau
heran.
Die Züge der Bruderschaften, überweht von goldgestickten Kirchenfahnen,
geführt von dem hochschwankenden Marterkreuz Christi, nahten sich dem
Platz, wo das Autodafé des Geistes stattfinden sollte. Hinter ihren
Spalieren staute sich die Maurenmasse.
Die prophetenhafte Gestalt des Imams näherte sich dem lebendigen
Viereck. An seiner Seite schritten maurische Gelehrte und Ritter,
deren Burnusse wie Möwenflügel hinter den rabendunklen Gewändern
der Bruderschaften leuchteten. Das staubfarbige Kamel trug in seinem
Korb die kostbaren Kleinode mohammedanischen Glaubens, prachtvolle
alte Korane und Überlieferungen in kufischer Schrift, die Weisheit
arabischer Philosophen und die Geistesschätze der Hokemá, der
Weltweisen. Als nun Abu Atir den goldprunkenden Koran des Maurenkönigs
Boabdil aus dem Korb hob, gellte ein Wehgeschrei durch die Luft. Die
Augen der Mauren füllten sich mit Tränen. Alles drängte herbei, als
gälte es, von dem heiligen Buche Abschied zu nehmen.
Und der Chatib Ben Mossad rief laut: „Gott erhebe seinen Diener Abu
Osmin Atir!“ Alles sank in die Knie, denn man erblickte in dem Ruf
die Ehrung des Stellvertreters des letzten Königs, und man hätte am
liebsten dem Imam die herkömmlichen Fahnen vor die Füße gelegt, um ihn
wie den König selbst zu ehren.
Der Graf de Mora erkämpfte sich mühsam auf seinem Zelter einen Platz
hinter dem Spalier der Bruderschaft. Dicht vor ihm stand Leon und nahm
die abgegebenen Bücher in Empfang.
Abu Atir hob das teure Buch empor. „Priester der Nisarani, prüfe
ernsthaft, ob diese Offenbarung Gottes die Flamme ersticken kann. Du
kannst Schriftzüge brennen lassen, den Geist Gottes nicht! Du triffst
ein Volk ins Herz, denn das Buch ist der höchste Schatz des letzten
Königs von Granada.“
Das Gesicht Leons bekam einen Zug herzloser Freude. „Wir wollen es
bedenken.“ Er legte das unschätzbare Gut beiseite.
Da drängte sich ein maurisches Weib durch die Menge. Die malvenfarbne,
goldgestickte Seide rauschte an den herrlichen Gliedern, Muscheln,
Korallen und Perlen blinkten an der Brust, durch das wunderbare
Schleiergewebe auf dem Haupt dunkelte das Haar, und jeder Schritt
des Weibes war Erregung und Glut. Mit einer heftigen Gebärde schob
sie einen Mönch beiseite und warf ihren blühenden Leib an den
Dominikanervikar heran. „Gebt den Koran Boabdils zurück!“
Ringsherum entstand eine Bewegung.
Abu Atir wandte sich jäh um. „Reija!“ Er schritt auf sie zu und zog das
kühne Mädchen an sein Herz. „Wie kannst du es wagen --?“
Aber ihre fordernden Augen waren auf den unerbittlichen Priester
gerichtet.
„Wer seid Ihr?“ fragte Leon.
Hinter ihm aber schnaubte ein Pferdekopf dicht an seiner Schulter. Der
Graf de Mora hatte sich herangedrängt.
„Gebt den Koran zurück!“ tönte die mahnende Glocke aus der Mädchenbrust.
„Wer seid Ihr?“ Leons Augen richteten sich in wachsender Bewunderung
auf die schlanke Gestalt.
„Den Koran meines Vaters gebt heraus, Sidi!“
Da ging ein Wellen und Wogen durch die gestauten Massen. Reija! Reija!
Der Name flog von Lippe zu Lippe, warf sich über die Köpfe zurück und
flammte über den Platz, und es schien, als wollte er zum jubelnden Lied
werden.
Leon wußte nicht, wie er diesem seltsamen Weib gegenüber handeln
sollte. Hinter ihm saß der königliche Hauptmann aufrecht ohne
Wimperzucken im Sattel. Ehern, wie mit dem andalusischen Roß
verwachsen, schimmerte die lebendige Reiterstatue hinter dem dunklen
Leibergewoge der Bruderschaft.
Der Inquisitor hatte von dem Gerücht über die Königstochter gehört.
Wohlgefällig maß er nun die prachtvollen Glieder des stürmisch
bittenden Mädchens.
„Ich kann Euch nichts versprechen, aber ich werde versuchen --“
„Gebt mir den Koran!“ forderte gebieterisch die klingende Stimme.
„Ich kann ihn Euch nicht geben, bevor --“
Da schnellten zwei braune Arme nach dem goldstrotzenden Buch, das
die Bücherlast des Imams krönte. Schützend hielt der Dominikaner die
Kuttenarme vor. „Weh Euch!“
Reija sprang im Nu auf einen der Bücherhaufen und ließ die Flamme ihrer
Empörung über die Köpfe der dichtgedrängten Massen lodern. „Brüder --
eures Königs Koran in Gefahr! Und ihr steht und starrt -- fürchtet ihr
Lanzen, Flammen, menschliche Waffen? Ist euer Gewissen nicht rein wie
Heuschreckenspeichel? Bei der Nacht Alkadar, da der Engel den Koran
bewachte und ihn aus dem siebenten Himmel brachte, rührt euch nicht die
Not des heiligen Buches? Bei den zehn Nächten des Dhulhedscha beschwöre
ich euch, rettet mir den Koran -- ich bin Reija -- das Königskind!“
Ein Brausen und Wogen hub an. Die durch die Begeisterung entfachte
Inbrunst des Mädchens rang sich durch das Stimmenmeer. „Wer wird euch
zum Gebet rufen, wenn euer Koran nicht mehr ist? Aus dem leeren,
trauerverhängten Mihrab ruft euch Gott nicht mehr. Habt ihr gehört das
Wort von der Sure von den Priestern, die Gold anhäufen und der Leute
Reichtum in Eitelkeit verzehren?“
„Laß ab, Mädchen!“ gellte die Stimme Leons in die Aufwiegelung.
„Es ist ein Gott, und nichts außer ihm, und Mohammed ist sein Prophet!“
Das Wort wälzte Steine von den geängstigten Brüsten der Mauren.
Gluterfüllte Koranworte lösten sich aus dem tosenden Lärm, sie sprangen
in die Luft wie Feuerbälle, zündeten und ließen die Herzen zur feurigen
Lohe werden. „Es ist ein Gott und nichts außer ihm!“ schwang es
sich heulend zum Himmel. Unheimliche Gesänge, deren Worte man nicht
verstand, deren drohender Klang aber die Herzen der Mönche erzittern
machte, formten sich aus dem rauschenden Bekennen zu Mohammed.
Da erhob Leon die Arme gegen das Mädchen. „Herunter, Weib -- hier
richten Männer!“
In diesem Augenblick durchbrach das Roß des Grafen de Mora das Spalier
der Mönche. Mit einem Ruck des Zügels hielt es der Reiter an. Sein
Degen blitzte in der Luft. „Laßt ab, Pater -- das Weib ist schwach, es
weiß nicht, was es tut.“
Die hart zugreifende Hand des Priesters ließ den Arm des Mädchens
los. Die Beni Mossad und andere maurische Edle umringten sofort das
Königskind.
Abu Atir verneigte sich vor dem Grafen. „Hab’ Dank, Feta, und der
Allmächtige weihe deinen Degen immer für edle Dinge!“
Reija blickte aus dem Ring der Edelleute auf den seltsamen Schützer.
Ihre Augen wurden groß und wie von innen durchleuchtet. Und dieser
Blick sollte wohl als eine Art Dank gelten.
Der Graf fing ihn auf. Im nächsten Augenblick überlief sein Antlitz
wieder die kalte Strenge, die alle fürchteten.
Auf einem der Miradores, wo die neugierigen spanischen Edelfrauen dem
bewegten Schauspiel zusahen, erhob sich jetzt eine Dame. Der schöne
Leib, in die andalusische Busquina von schwarzer, perlenbestickter
Seide gehüllt, straffte sich in Erregung, die blonden Locken
durchstrich der einsetzende Wind, die zart behandschuhte Hand umfaßte
wie fröstelnd die Spitzen der kostbaren Mantilla. Leonore de Uceda
schaffte sich Platz. Sie hatte genug gesehen. Mit bebenden Nüstern,
die Finger in den zitternden Fächer verkrampft, rauschte sie an der
Herzogin von Escalona vorbei. „Ihr habt es gesehen, Herzogin -- es gibt
sonderbare Ritter unter den Kastiliern,“ sagte sie mit gekräuselten
Lippen.
„Und sonderbare Mädchen unter den Mauren,“ lachte die Herzogin, ein
verblühtes Weib, zurück. „Ihr geht schon?“
„Die Luft wird drückend. Laßt uns die Bälle wechseln im Myrtenhof,
Herzogin.“
„Wir müssen die Hinterpforte benützen.“ Die Herzogin zog Doña Leonore
mit sich durch die kleine Balkontür.
Auf dem Platz saß noch immer der Graf regungslos im Sattel neben dem
erregten Dominikaner. Seine Blicke suchten das Gewühl der Menschen
ab. Er sah die blaue Seide zwischen den weißen Burnussen da und
dort aufleuchten, sah, wie sich maurische Frauen an das Mädchen
herandrängten, und in seinem Herzen wogte eine Unruhe, der er keinen
Namen geben konnte. Auch für das, was er soeben zum eigenen Erleben
gestaltet hatte, konnte er keine Erklärung finden. Er fühlte, wie eine
schwere Wolke auf seine Stirn drückte. Sie nahm ihm die Kraft zu
nüchternem Denken.
Da weckte ihn die heisere Stimme des Vikars aus der Gebanntheit. „Das
nenne ich eine heilige Sache verteidigen, Don Pedro de Solar.“
„Ihr grifft allzu hart zu. Und eine edle Dame war in Gefahr. Das genügt
für einen Ritter.“ Sein Atem ging heiß bewegt.
„Auch die Kirche war in Gefahr, und Ihr ließet sie darin.“
Da erscholl neuer Lärm aus der Ecke des Zacatin. Flüche und Schreie
durchzuckten die Schwüle. Schweres Gewölk jagte der Himmel daher.
Graf de Mora ritt nach dem Gassenloch. De Rojas eilte ihm entgegen.
„Die Mauren bedrängen Salzedo. Er will die Tochter eines Elche
verhaften und maurische Händler kommen ihr zu Hilfe --“
„Daß sie im Schwall ihrer Suren erstickten!“ fluchte der Graf.
Da donnerte es ihm entgegen: „Mord! Mord!“ Kastilische Soldaten
riefen es vom Wetterwinkel des Zacatin herüber. Das aufgeregte Meer
wirft seine farbigen Wogen gegen die enge Händlergasse, die von einem
Menschenhaufen verstopft ist. Die Reiter des Grafen schaffen ihm Platz.
Ein Loch gähnt in der Menge. Auf dem Boden liegt ein toter Spanier.
„Wer hat das getan?“ wütet der Hauptmann.
Wie ein Donnergrollen läuft es durch das Gassenloch. „Wer ist der
Tote?“ fragt der Graf drängender.
„Der Alguacil Collados, er hat den Hausmeister Salzedo begleitet.“
„Wo ist Salzedo?“
„Man weiß nichts von ihm. Mauren haben ihn fortgeschleppt.“
„So ist er verloren!“
Hinter des Grafen Rücken haben sich die Massen zu einem
undurchdringlichen Pfropf zusammengeballt. Leute werfen eine Decke auf
den erstochenen Mann. Aus dem engen Schlund des Zacatins wälzen sich
neue Scharen von Mauren heran. Der Graf drückt mühsam sein Roß nach dem
Palast des Primas.
Ximenes steht mit vereisten Zügen, von Mönchen umgeben, auf dem Balkon.
Plötzlich hört man wilde Feuerrufe. „Der Albaycin brennt!“ Schreiend
flutet die Menge nach den Gassen. Ximenes lächelt kühl. Sein Schachzug
war gut. Der blinde Feuerlärm, von ihm selbst verursacht, befreit ihn
von dem gefährlichen Druck der empörten Massen. Alles strömt nach
dem Albaycin, die Heimstätten zu retten. Den Rest von Gaffern läßt
Pater Leon durch die erzbischöflichen Leibwächter gegen die Häuser
des Platzes drängen. Dann schichten die Dominikaner die Bücherhaufen
zusammen, die Leon oberflächlich zur Verbrennung ausgewählt. Die
Bücher, denen Gnade zuteil wurde, darunter der Koran Boabdils, liegen
abseits unter der Hut von Lanzen.
Da tritt Graf de Mora auf den Balkon zu Ximenes. „Ein Alguacil wurde
getötet. Salzedo wurde verschleppt.“
Ximenes wütet. Seinen getreuen Hausmeister anzugreifen! „Graf -- Ihr
rettet mir einen Freund! Entreißt ihn den Händen der Mauren, bei allen
Heiligen! Wenn Ihr mir ihn lebendig bringt -- oh, ich gewähre Euch
jeden Wunsch, und Euer Herz wird doch voll von Wünschen sein.“
Don Pedro de Solar senkte den Kopf. Er wußte nicht, was an seine
Brustwand tobte.
„Ihr besinnt Euch?“ fragte verwundert der Erzbischof.
„Wenn Ihr mir in Gnaden einen Wunsch gewähren wollt, so bitte ich eins:
Verbrennt den Koran Boabdils nicht.“
Ximenes warf einen durchbohrenden Blick auf den königlichen Hauptmann.
„Ihr bittet -- für ein Buch der Ungläubigen?“
„+Ein+ Koran, meine ich, müßte doch erhalten bleiben, daß man den
Irrtum widerlegen könnte. Und so meine ich --“ Er hielt verwirrt inne.
„Bedenke ich’s recht -- fürwahr -- die Hochschule zu Alcala wird ein
prächtiges Geschenk damit erhalten. Ich will’s überschlafen.“ Und er
gab vom Balkon herab den Befehl, den goldnen Koran zu schonen.
Leon erblickte den Grafen neben Ximenes stehen. Sein Hirn fügte im Nu
Stein auf Stein zu einem Gebäude des Verdachtes zusammen.
Der Graf dankte bewegt, eilte hinab und bestieg sein Pferd.
Gleich darauf fielen die ersten Bücher in eine jäh aufprasselnde
Flamme, die den christenfeindlichen Geist in seiner verderblichsten
Form zerstören sollte. Band auf Band flog unter dem Wutgeschrei der
wieder zusammenflutenden Menge in die Lohe, bis dicke, weißgraue
Rauchschwaden träg in die von Schwüle gedrückte Luft stiegen. Die
Wolken über der Stadt verdichteten sich zu unheimlicher Schwärze.
Ximenes sah mit glaubensgespanntem Herzen dem schaurigschönen
Schauspiel zu. Zur Flamme des Aufruhrs gesellte sich das lebendige
Feuer der Reinigung. Rote Zungen, beweglich wie tanzende böse Geister,
griffen und lechzten unaufhörlich nach neuer Nahrung. In des Kanzlers
Brust löste sich leise eine Lobhymne auf den dreieinigen Gott los,
seine blassen Lippen murmelten Worte der glühenden Andacht. Er sah das
Opferfeuer, genährt aus der Beute der Irrgläubigen, wie eine brennende
Säule aus dem Boden steigen. In ihm schauerte das Gefühl: ~Est Deus
in nobis~, es ist ein Gott in uns!
Ein Blitzstrahl zuckte über den granadinischen Westbergen, und gleich
darauf grollte es über die Stadt. Ximenes legte es als Zornruf des
Himmels über das Volk des Propheten aus. Er ließ die Flamme nähren.
Haufenweise, ohne weitere Prüfung, schleuderten Dominikaner und
Franziskaner die kostbaren Bände ins Feuer. Gierig verschlang die
rauchige Lohe den jahrhundertealten, Gott suchenden Geistesschatz eines
ganzen Volkes.