„Eswer Ben Zerragh ist wieder da.“
Die mächtig schwarzen Augen Reijas rundeten sich ernst.
„Ist er wahnsinnig?“ sagte Abu Atir. „Seine Untat ist unvergessen.“
„Er ist verkleidet, sein Bart ist mit Henna gefärbt, er hinkt und
verkauft Sattelzeug.“
„Du hast ihn gesprochen?“ fragte Reija hastig.
„Was ich alles weiß!“ sprudelte Saffana hervor. „Gott, dem Ehre und
Preis sei vom Aufgang bis zum Niedergang, hat mich viel wissen lassen.
Eswer Ben Zerragh hat Heimweh nach Granada gehabt. Oder er hat heftige
Schmerzen um das Herz herum gehabt.“
„Der Unselige! Was ihn wohl hertreibt?“ seufzte Reija.
„Hossané, die Schönste der Schönen!“ sagte die Sklavin. „Er ist
verliebt wie ein Kalif.“
„Das hat er dir gesagt?“
„Seine Augen sagen es. Er spricht immer nur von seiner Hossané. Und
selbst wenn er in den Sahat sein Riemenzeug verkauft, spricht er von
seiner Hossané. Ihm hilft kein Zakatun, kein Almosen, und kein heiliger
Berg, er wird nicht genesen als durch den Kuß seines Mädchens.“
Reija steckte, scheinbar ungerührt von dem Gerede, eine der knusperigen
Bäckereien zwischen die Zähne.
„Und er schläft in einem Maultierstall --“
„Gott bette ihn sanfter!“ entschlüpfte das Mitleid den Mädchenlippen.
„Ach, er will ja selbst um seine Hossané.“
An Reijas Schultern zitterten die Edelsteingehänge und eine Rose fiel
aus dem getürmten Haar. „Was andres!“ sagte sie unwillig.
Saffana lachte schelmisch. „Kommt das Glück von rechts gegangen, darf
nicht links das Auge hangen.“
Reija setzte sich mit verschränkten Beinen auf den Teppich, das
Kätzchen auf der Schulter, und strich eine Salbe in einen Tiegel. Von
Zeit zu Zeit sammelte ihr Auge die Herrlichkeiten des Gemachs ein.
Hinter dem Hufeisenbogen, der seine feinen Stuckgebilde tropfsteinartig
herabhängen ließ, lag die Schlafnische, wo der kostbare Diwan von
blauer Seide stand, überladen mit wohlriechenden Kissen. Wallende
Vorhänge hingen von der buntgemusterten Decke herab und rauschten
wie Fahnen, wenn jemand an sie streifte. Goldene Wandleuchter warfen
ihr Licht nach der Ruhestelle, Teppiche schmeichelten ihre Weichheit
zu riesigen Blumenvasen hinan, in denen großblütige Pflanzen aus den
Gärten des Albaycin ihre Schönheit veratmeten.
Reija verdankte alles dem Imam. Sie schlich auf den Fußspitzen zu ihm
und strich ihm die weißen Strähnen aus der Stirn. „Wir wollen uns
wehren, wenn sie uns die Moschee nehmen. Ich stelle mich vor das Tor
der Moschee und rufe ihnen zu: Ich bin die Königstochter Reija. Man
wird mich töten müssen, wenn man die Moschee verunreinigen will.“
„O jungfräulicher Wahn!“ lächelte Abu Atir. „Glaubst du, Blume des
Königsgartens, der christliche Eifer wird vor deiner Schönheit
haltmachen? Und wäre es noch die Moschee -- aber die Bücher! Deines
Vaters Koran!“
„Sie wollen ihn haben?“ Ihre Hände schlugen über der Brust zusammen.
„Sie werden alles holen, durchstöbern und verdammen. Worte sind
biegsam.“
„Wir bringen das heilige Buch wieder in die Berge -- Eswer wird uns
helfen.“
„Es ist zu spät.“
„Sie sollen an Sukuums Früchten sterben!“ verdammte Reija die
Bedränger. „Ich will den Koran unter meinem Bett verstecken.“
„Törin, die glaubt, also davonzukommen. Ich habe Ximenes’
fürchterliches Auge gesehen, das düstere Tor zu einem düstern Herzen.
Ach, meine Charka, wie werde ich dich vor allem Bösen behüten können?“
Reija hing an seinen Schultern und führte den Greis zum Diwan. „Hier
sollst du alle bösen Gedanken verscheuchen. Ich will dir eine schöne
Kassidet erzählen, wie sie Lebid nicht schöner singen könnte.“
„Nein, nicht das. Gib Moschus in die Schalen und dann -- meine Bücher.“
Bald erfüllte der starke Geruch das Zimmer. Vor dem Imam lagen die
Weisheiten der „goldenen Halsbänder“ des Abu Nasr al Feth und die Verse
des Salaheddi Ben Ibek, seine „Melodien der Turteltäubchen“, aber der
Greis legte alles wieder beiseite und blätterte in der Hamasa, der
alten Liedersammlung. Unterdessen lag Reija auf einem zweiten Pfühl und
Saffana spielte auf der Anafina, einer Art Mandoline, ein wehmütiges
Ständchen. Von der Granatfrucht der geliebten Brust sang sie, dazu von
den Rosengärten der Rusafa, und endlich ließ sie eine mehr lockere
Weise niedertropfen: „Die Mädchen gleichen dem Rosenstrauch und wissen,
wie er zu beglücken, ein Wanderer hat eine Rose gepflückt, der nächste
wird eine andere pflücken.“
Sie sahen, wie der Imam in seine Verse vertieft war. Da warf Saffana
plötzlich der Herrin einen Zettel zu, den sie aus ihrem Kleid
hervorgeholt hatte.
Reija las heimlich. „Wenn ich mich verirr’ in ihrer Locken Nacht, werd’
ich erst durch den Tag ans Licht gebracht. Sing zur Flöte und zur
Laute, wenn verschwistert, beider Harmonie zu einer einz’gen flüstert.
In den tiefbegrünten, fetten, reichen Weiden, wo so spät als frühe
die Gazellen weiden, in des Ostwinds leichten balsamierten Schleppen,
welche morgens wehen über Blumentreppen, ihre Karawane ziehend durch
die Nacht, ist von Licht bestrahlt, da sie drin wacht.“ Und sie jubelte
kindhaft: „Verse, Verse! Wenn man in der Wüste hinhorcht, sprechen
selbst die Ameisen Verse. Von wem?“
„Ich habe versprochen, den Namen nicht zu nennen.“
Reija errötete. „Dann sind sie von Eswer Ben Zerragh. Sag’ ja, denn du
hast nicht versprochen, nicht ja zu sagen.“
Da nickte Saffana ein heftiges Ja.
Das Königskind warf das schmachtende Brieflein in eine Lederschatulle.
Ihr Körper schien ein weiches Wellen und Biegen zu sein, so stark war
die Unruhe in ihr.
„Er fürchtet sich vor der Sprache deiner Augen,“ sagte Saffana, „denn
diese hat Gewalt, das Herz aufzuwühlen.“
Reija verbiß ihre blutrote Lippe und durchschnitt die Luft mit der
flachen Hand. „Ich werde morgen abend zwischen den Marmorsäulen im
Sahat schaukeln. Und vielleicht naht sich der Händler.“
Eine Matrone kam herein, Noria, die Schiefschultrige mit dem langen
Hals und den eckigen Knochen. „Die Ehre! Die Ehre!“ schnappte sie nach
Atem.
„Was gibt es?“ horchte Reija auf.
„Man hat nach dem Spiegel der Abendröte gefragt -- ach, die Ehre!“
„Schwatzhafte Elster!“ fuhr sie der Imam an. „Wer hat gefragt?“
„Der erste Hauptmann des Gobernadors, Don Pedro de Solar Graf von Mora,
der schöne Reiter, der damals -- ach, entsinnt Euch nur -- damals, als
böse Dschinnen meine Taube des Glücks vom Pferde wehten -- damals, wißt
Ihr nicht?“
Reija fuhr in die Höhe. Das Auge des Imams wurde dunkel wie
Gewitternacht. „Er war selbst in der Alcazaba?“
„Nicht er selbst -- sein Diener Chispazo, ein munterer Junge, war da
und fuhr wie ein Blitz von einem zum andern: wie es wohl der schönen
Fee des Morgens gehe, der lieblichen Chiquilla, der Kleinen, ob sie
wohlauf sei nach dem Sturz, läßt der Hauptmann fragen. „Naam ja sidi,
ja, mein Herr, sagte ich ihm, sie ist gesund wie ein Apfel, ihre Stirn
ist wieder ein Paradiesgarten, ihre Wangen sind Rosen, ihre Lippen
zwei glühende Abendwolken. Darauf machte er einen Bocksprung nach dem
andern, daß uns das Zwerchfell zersprang.“
„Was kümmert sich der Hauptmann um seiner Feinde Leben?“ fragte der
Imam mit verrunzelter Stirn.
„Wenn alle Feinde so höflich sind,“ sagte Noria, „wünschte ich mir
recht viele Feinde. Ich wette, der lustige Knabe kommt morgen wieder.“
„So will ich ihm selbst Antwort geben,“ sagte Abu Atir. „Der Tag hat
Bürden gebracht.“ Er sprach Segensworte über Reijas duftendes Haar und
ging, auf Norias Arm gestützt, in sein Ruhegemach.
Reija wiegte einen Brokatpolster in ihren Händen. Saffana kicherte in
sich hinein: Der Abencerrage ist verliebt in meine Taube des Paradieses.
Das Königskind bestieg einen Schemel beim Ajimezfenster und schaute
in den Sahat hinab, wo der Springbrunnen rauschte und die Schaukel
zwischen den Marmorsäulen hing. Und sie konnte die Sterne sehen, die in
der dunklen Wölbung spiegelten.