»Der Sommer war gekommen und Aleit außer Bett, genesen zwar, doch

zarten Wesens und in ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der

Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin sehen, daß ich mein

Lager im Turm beibehielt, zumal mich wachsende Geschäfte bis in die

Nacht fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward Harald geboren,

die Stunden fielen schwer und traurig über sie, und ich konnte ihr am

wenigsten helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das ich sonst

peinlich vermied, verritt ich tagelang und kehrte erst zurück, als der

Sohn ihr im Arme lag. Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein

eigen Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne daß ich eine

ungeliebte Frau zu heiraten brauchte -- dir zur Gesundheit, Bruder! --

einen Erben vom echten Stamm!«

Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da meine Zunge wie

verdorrt im Gaumen lag. Aus seinen Worten stieg meine versunkene

Jugendwelt auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte im

treibenden Regen der Frühling und goß Flammen in meinen rüstigen Leib.

Der andere fuhr fort:

»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben, und so lebte die

Gewohnheit uns, die wir nie verbunden waren, langsam auseinander. In

ihrer Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen schuldig

blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten, und wenn du meine kostbar

gestickten Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte. Sie

mußte in ihren Gedanken öfters bei mir weilen, vielleicht sehnte sie

sich nach mir und überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun

mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im Leben glaubte.

»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde. Wipold starb; ich

vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte nach innen, denn nach außen hin

hielt ich es hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im heißen

Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft. Sie spielte mit dem Kinde

auf dem Rasen am Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche Bild

entzückte und riß mich hin. Dann ward das Kind von der Amme geholt; sie

lag neben mir im Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken über

das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die schwer von Segen unter

der Sonne zu atmen vergaß. Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler

als sonst --«

Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin und her, derweil mein Herz

so laut schlug, daß es kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten

Ecke sprach er weiter, heiser und stockend:

»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich das seltsame Leben

nicht vor dir und mir klären möchte. Ich riß sie in die Arme, ich

fühlte den Druck der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen,

aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte sie totenblaß den Kopf

und lief mit einer nichtigen Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde;

die Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und wollte das gestillte

Kind der Mutter wiederbringen. Sie verweilte einen Augenblick, da der

Junge nach meinen blanken Borten griff und munter krähte; doch ich,

der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß wohl eine wehrende Bewegung

gemacht haben, und die beiden stoben eilends davon. Harald glich in

seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem Jünglingsalter

schlug das Wählingergesicht durch. -- Ich blieb auf dem Platze, wie

ein Besiegter auf dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten genau

so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit und tobte fruchtlos.

Danach kam die Erkenntnis meines Raubversuches und peitschte mein

Gewissen. Es war ja nichts geschehen, aber doch kann ich selbst heute

noch nicht ohne grimmige Scham an diese Stunde denken. Ich war ein

unreines Tier, das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste Frau

zu zerbrechen willens war, betrügerisch und verächtlich mehr als im

rohen Sturm der Leidenschaft.

»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit, mich zu entschuldigen,

war mir genommen. Was tut ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er

nach einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen Stricken, und

wahrlich, sie schnitten scharf genug ins Fleisch. Wir mieden uns eine

Zeitlang mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall vergessen zu

haben und gewann ihre bescheidene Heiterkeit zurück.

»Als Harald älter wurde und der Mutter aus den Händen wuchs, fehlte ihr

die tägliche Beschäftigung; sie fragte mich mehr denn früher nach dem

Stand der Dinge im Lande und wurde mir in vielem eine kluge Beraterin,

die oft mit klarem Herzen schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer

fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter; aber nie

wieder versuchte ich sie auf die Erde zu reißen. Diese Gefühle sind

niemals über unsere Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der

leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen uns wallte und

einen lockenden, doch ehern trennenden Schleier bildete. Es ist kein

Tag vergangen, Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein Herzschlag war

in jedem, der mich erinnerte, wie kläglich und arm mein menschlich Teil

geblieben war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden, obzwar ich

sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen sind.«

Die letzten Worte murmelte er vor sich hin, kaum daß ich sie verstand.

Eine Frage schwebte mir lange auf der Zunge, und wenn ich ihn auch

quälte, es mußte heraus:

»Kam dir nicht, da du Aleit am Leben fandest, der Gedanke, mich

zurückzurufen? Ein Wanderer mit gewissem Ziel wäre rasch gefunden.«

Seine Züge vertieften sich und wurden hart, knisternd stob die Glut

unter dem Schüreisen, die Flammen warfen flackernde Blitze über seine

abgemagerten, blutleeren Hände. Er hob die Augen kühn zu mir und

antwortete:

»Nein! Und wenn mich mein Herz nicht betrügt, so wirst du heute

dankbar sein. Wir sind gegen das Schicksal angerannt und haben uns die

Stirnen blutig geschlagen, aber wir möchten die Narben nicht missen.

Das Wenige, das ich von deinem Leben weiß, lehrt mich deutlich, daß

alles sein mußte. Gottes Werkzeuge waren wir, um unser Land und unser

Geschlecht zu retten. Die furchtbare Schrift auf deinem Antlitz, die,

dein irdisch Andenken für alle, die dich kannten, auslöschend, dir

Tochter und Sohn brachte, diese Löwenschrift soll uns beiden eine

währende Mahnung sein. Und nun, Bruder, sage mir offen, was du von

deiner Heimkehr ersehntest?«

»Von meiner Heimkehr? Für mich?« stammelte ich, betäubt von dem

unerwarteten Angriff. »Was soll ich hoffen? Ich brachte die Kinder, ich

will nichts für mich. Nichts in deinem Hause, nichts in deinem Lande

als dereinst ein paar Fuß Erde, die du mir nicht verweigern kannst.«

In steigender Erbitterung keuchte ich die häßlichen Worte, zornig über

seine Frage, zornig über mich selbst, voller Groll über die Einsamkeit,

in die er mich stieß. Er selbst blieb gelassen, ja, ein Lächeln spielte

um seinen Mund.

»Es gibt zwei Wege,« sagte er ohne sichtliche Erregung, »einmal können

wir Aleit und den Kindern alles erklären, und du gewinnst im Hause die

alten Rechte. Dem Lande gegenüber scheint mir das nicht gut, es wäre

richtig, wenn ich nach außen Herzog bliebe. Doch sei dir auch dies

zugestanden, wenn du das Gerede nicht scheust. Zum anderen können wir

unsere Geschichte in unserer Brust begraben, und du bleibst, ein Bruder

und Freund, an meiner Seite, solange uns Gott den Atem schenkt. Wie du

auch wählst, Bruder, du kannst mich nicht verletzen. Sage mir heute

nichts, beschlaf es und künde mir morgen den Bescheid.«

Er erhob sich frei, mit heiterem, erlöstem Antlitz, seine strengen

Augen lachten mich freundlich an.

Leicht wie ein Vogel ward mir das beschwerte Herz, fröhlich schwenkte

ich die geleerte Kanne und rief:

»Bruder, sollen wir uns auf unsere alten Tage vor den Kindern zum

Narren machen? Und Aleit dazu? -- Wir wandern den zweiten Pfad, aber --

wie stehts mit der Wegzehrung?«

Der Bastard lachte krampfhaft auf, griff mit zitternden Händen unter

den Tisch und holte einen verborgenen Krug hervor.

Wir waren Brüder und wurden Freunde. Die Gemeinsamkeit der menschlichen

Schulden drückte uns nicht mehr seit jenem Abend, da wir klar sahen,

daß eine Entwirrung der verschlungenen Schicksale kein Entsühnen

bedeuten könnte. Wir vermeinten, es genügte, wenn zwei alte Narren

ihre Liebe begrüben; wir schmückten die Gruft mit Rosen und waren

stolz darob. Aber es kommt nicht darauf an, was die Menschen in ihrem

Gedächtnis behalten, sondern was Gott behält. Beidemal sind es zuletzt

die großherzigen Taten; dort mit der Unvollkommenheit menschlicher

Werkzeuge, hier mit dem unbestechlichen Auge der Ewigkeit erfaßt. Die

Kinder gingen ihren Weg, wir Alten trabten glückselig nebenher und

schafften Steine fort, an die ihr Fuß auch ohne uns nicht gestoßen

wäre. Wir vergaßen Aleits.

Sie schien unter dem Einfluß der Jungen neue Kraft zu gewinnen, ihre

Augen blickten fröhlich, ihre Bewegungen wurden lebhafter; wir freuten

uns dessen und schrieben es der werdenden Mutterschaft Sobeidens

zu. Es fiel mir nicht einmal auf, daß sie mich häufig suchte; sie

fand schließlich Gefallen an meinen Geschichten aus dem Morgenlande

und teilte sich andererseits gern dem Priester mit, den sie in mir

vermutete. Jedoch mit der Zeit wuchsen wir so selbstverständlich

zueinander, daß mir der Tag nichts galt, an dem wir nicht beisammen

waren, und aus der heißen Jugendgier ward ein milder, schöner

Abendschatten, warm noch von den verglühten Tagessonnen. Mitunter, wenn

ihre Augen mich liebkosten und ich fühlte, wie etwas von meinem Wesen

einen stillen Platz in ihrer Seele besaß, kam mir ein Bedauern für den

Bruder und eine scheue Angst, zu nehmen, was mir nicht zukäme, und

Verspieltes zurückzufordern. Ich stand eng genug mit ihm, um mich offen

auszusprechen.

»Bruder,« entgegnete er gelassen, »ist es ein Wunder, wenn Aleit dich

sucht? Wir beide haben das Selbstverständliche verkehrt, und nun will

es sich Bahn brechen. Mich trifft es nicht, nur fürchte ich von Aleit,

daß sie die Wahrheit nicht erträgt.«

»Hiervon ist keine Rede,« fiel ich ihm errötend ins Wort. »So lang

Verstorbenes läßt sich nicht wieder aufwecken wie Jairi Töchterlein,

und wäre es doch, es trüge den Verwesungsduft mit in sein kärglich

Leben. Ich vermeine nur, wenn ihre Seele sich zu der meinen ahnend

neigt, so sollst du nicht glauben, ich zöge sie mit Absicht.«

Der Bastard lächelte schmerzlich.

»Es kann mir nichts genommen werden, was ich nicht einmal besessen

habe. Plage dich mit anderen Sorgen, Bruder, und genieße in Frieden,

was dir ihr Herz bietet.«

Heiter verließ er mich; ich verfolgte ihn mit den Augen, wie er durch

die herbstlichen Büsche ging, und mir schien, seine Schultern beugten

sich mehr und mehr, und endlich, da er sich unbeobachtet wähnte,

stand er vor einer Buche still und lehnte den Kopf an den Stamm, als

überwältigte ihn ein plötzlicher Schwindel. Er riß sich zusammen und

verschwand steten Schritts in den Gehegen. Ratlos blieb ich in meinem

Stuhl sitzen, die Glieder versagten mir schier. Ich hatte ihn lieb,

wie ich Jussuf geliebt hatte, und ich brachte ihm Schmerzen wie jenem.

Wie oft mir Gott gezeigt hatte, wozu ich auf der Welt war, ich vergaß

es immer wieder und verkam in Grübelei über mein unnützes, äußerliches

Dasein.

Oft quälte ich mich mit dem Plan, Claraforte zu verlassen und abermals

pilgernd die Erde zu durchwandern, dann wieder schien mir Friede in

einer Einsiedelklause zu blühen; aber es kam zu keinem Entschluß, der

Winter brach früh und hart herein, Schneewolken überschütteten das Land

und trieben uns um das Herdfeuer, in dessen schattenhellem Licht die

zarten Schwingungen der Seele noch ungebundener und lieblicher tönten.

Eines Abends, da ich allein in meinem Gemach weilte und vor dem

flackernden Feuer alten Dingen nachsann, derweil ich das Haus schlafen

wähnte, trat Aleit durch die Tür und setzte sich purpurn neben mich.

»Denk was du willst, Mönch,« sagte sie, die sonst gewohnt war, mich

bei Namen zu nennen, mit fremder, trauriger Stimme, »ich muß mein Herz

befreien, ich kann es nicht länger tragen. Seit du hier bist, bin ich

gänzlich verändert.«

In diesen Worten gewann sie ihren Mut zurück und hob die klaren,

ehrlichen Augen zu mir auf, der ich wie gelähmt auf meiner Bank saß und

um Atem rang. Und sie:

»Es ist das zweitemal in meinem Leben, daß meine Seele vor Geheimnissen

sonderer Art steht, und« -- wie ein Hauch kamen die Worte von

todblassen Lippen -- »schlimmer fast als meine Seele meine immer noch

wachen Sinne. Hör mich, Priester oder Mensch, und sei mir ein klarer

Bronnen, darin ich mein Herz kühlen kann.«

Mitten in ihr Gemüt greifend, fuhr sie mit einer fast sachlichen

Trockenheit fort:

»Der Herzog war nicht immer der, als den du ihn kennst. Er war ein

wilder, oder richtiger, ein wüster Jüngling mit unbekümmerten Lastern

von Vatersseite her, mit ererbten Freunden gleicher Gesinnung. Denke

das Schlimmste, und du siehst recht.«

Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer im feurigen Ofen

um ihren kühlen Platz, denn was mir jetzt geschah, war grausamer als

alle Martern, die menschlichen Gehirnen entsprungen waren. Feig zuckte

das Herz in meiner Brust wie in einem Kessel geschmolzenen Bleies, die

Augen glühten mir tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht,

Nacht und Schatten verbargen mich.

»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt mein Haus, und dies zu

einer Zeit, da ich gesegneten Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn

lieb und war sein eigen.«

Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit solcher schlichten

Süße, daß ich den Blick auf sie zu heben wagte. Ich sah ein Antlitz,

das verklärt in seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und

entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit, sie berichtete

schwerer als vordem, indes sie mit dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn

streifte:

»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des Herzogs; ich reizte

ihn so sehr, daß er sich vergaß, und habe die Schuld recht eigentlich

selbst. Es wäre vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen

Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine Stunde gefunden, mich

ihm mitzuteilen. Wie es kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen,

daß ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist von Sinnen.

Der Herzog kam nicht an mein Krankenbett, wohl aber brachte mir die

Kammerfrau Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude füllten:

er habe seinem wilden Volk den Abschied gegeben und schaffe von früh

bis spät für das Wohl des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger

Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger Mensch. Ich vermag

nicht zu sagen, in welch hohen Himmel mich die Seligkeit trug, denn all

mein Sein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte ich, kannte

seit je seinen edlen, tapferen Kern, den er unter den Lastern barg,

und ich war dankbar, daß ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein

dürfen. Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich, ihn in die

Arme zu schließen, mein Auge in sein kühnes, lachendes zu tauchen!«

Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in ihren Zügen, sie

stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos, fremd der zagsten Hoffnung, fuhr

sie fort:

»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt, daß es zwanzig Jahre Stunde

um Stunde schmerzte. Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen

glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von Weibern verpestet,

sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt und geläutert. Aber da er sich zu

mir wandte, artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine Fremdheit

von ihm aus, die wie eine Wand aus Eis zwischen uns emporwuchs. Mein

Herz hörte auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen,

entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht mehr liebte --

glaube mir, Mönch, denn du kannst es nicht wissen: es gibt nichts

Schrecklicheres, als zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller,

als der Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt und ohne

Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du gestorben. Der Herzog bemerkte

es und ging, verlassen von seiner wilden Weise, traurig fort.«

Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie lehnte erschöpft in

ihrem Stuhl, den Kopf im Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die

blauen Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch ihres Atems

dampfte in der Luft, die nicht mehr von den Kaminflammen erreicht

wurde. Mit einem blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen

zugleich, und sagte:

»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der Herzog hatte kaum die

Tür hinter sich geschlossen, da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm

über mich, ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein Sehnen

hinauszuschreien, mein Sehnen und mein seliges Glück, zu lieben. Ich

war zugleich gesättigt von Freude über Roberts Wandlung und dankte

Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie erkoren. Stunde um

Stunde horchte ich auf seinen Schritt; mir schien, mein Gehör wurde

feiner und schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und lauschte,

wie männlich und fest sie geworden war. Golden lag die Zukunft vor

mir, denn ich liebte, und er liebte mich, das stand in seinem Blick

geschrieben. -- Schläfst du, Ronald? Langweile ich dich?«

Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben, die Arme auf die Knie

gestützt. Meine Brust ging schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der

mein Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die Narben brannten,

von der nahen Glut, der heißen Scham zermürbt, Vergangenheit und

Gegenwart tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn.

»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort mehr hätte mich

verraten.

»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte mich der Herzog zum

zweitenmal, und, Ronald, meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte

ihn nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum aufsehen vor

Scham, diesen gleichgültigen Menschen an meinem Lager zu wissen. Ich

vermochte den Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten, und

sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein Leben, ja das Leben

meines Kindes darum gegeben, ihn in die Arme schließen und herzen zu

dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne. War es

seine Wandlung? Dann her, o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften

Jüngling, den ich küssen durfte und dessen Seele rein in meiner Seele

ruhte. Schon gab ich dem Gedanken Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte

meine Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine derartige

Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan, den ich befragte, sah mich

erstaunt an und lachte. ›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe

und einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel dankbar, wie es das

ganze Wählingerland ist; der Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in

Bälde seid. Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹

»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich dachte seiner schon

genug. Mit unendlicher Liebe, wenn Robert fern war, mit Angst und

Scham, wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der ehmals keine

meiner kleinen Launen achtete, erfaßte mein verändertes Wesen mit

vollkommenem Takt, und nur einmal strömte er über und riß mich an

sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt Gesicht

und ließ mich wieder, für immer. Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu

gehen, er mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Er tat

seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß; unsere frischen Leiber

verwelkten glücklos wie unter Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß

der Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er, das fühlte ich in

jeder Stunde, nicht die Gottesmutter erkoren hatte. Ohne das Kind hätte

ich dies verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an, Harald

eines Tages den Männern überlassen zu müssen. Aber das Herz ist ein

tapfer Wesen und stirbt nicht vom ersten Schlag.«

Aleit verhielt ihre Rede und unterdrückte einen Seufzer; ich

betrachtete sie verstohlen von der Seite. Wahrlich, ihr Herz war die

Tapferkeit selber und leuchtete siegreich wie ein Stern durch das arme,

blasse Antlitz. Sie, die in kurzen Wochen ein Enkelkind erwartete, war

schön und herbsüß wie in der Jugend; hingerissen und seltsam erlöst von

der fiebernden Betrübnis sah ich sie an. Sie begegnete meinem Blick,

las und senkte die Lider.

»Sieh mich nicht an, Mönch, ich habe noch Schlimmeres zu berichten, das

dein Auge am wenigsten verträgt. In der Zeit, da uns Harald fortlief

und gegen Heidenland zog, schloß ich mich mehr als sonst an den Herzog

an und fand, was ich nicht suchte, einen wackeren Freund. Möglich, daß

Alter und Entwöhnung unsere Sinne eingeschläfert hatten, jedenfalls

saßen wir nun öfters des Abends ruhig beisammen und rätselten über den

Jungen, der uns beiden teuer war und in dem sich unsere Liebe wunschlos

fand. Das gemeinsame Leid ließ die Scheidewand schwinden, es fand sich

hier und da Hand zu Hand, indes unsere oder zum mindesten -- denn ich

konnte nicht mehr wie sonst in seinem Herzen lesen -- meine Blicke in

die Ferne, nach Jerusalem gerichtet waren. Auch dies ging vorüber, du

kamst hierher und brachtest die Kinder, und von Stund an senkte mich

ein neues Geheimnis in neue Verwirrung. Ich habe mich lange und scharf

beobachtet, es ist kein Zweifel, daß es so ist, wie ich erzähle. Gleich

in den ersten Tagen nach eurer Ankunft bemerkte ich eine eigentümliche

Freude in mir, es war selbstverständlich, daß ich sie auf die Heimkehr

der Kinder schob. Jedoch kam hinzu, daß ich Robert mit veränderten

Augen betrachtete und meine Sinne aufblühten, als zöge die alte Liebe

erobernd in das alte Herz. Mir war, ich sei von Blindheit genesen,

ich brannte, da wir alle beisammensaßen, ihn zu küssen, und nur eure

Gegenwart hielt mich ab. Wir waren nie allein miteinander, und eines

Abends überfiel es mich. Ich lief zu ihm hinüber in den Turm, beglückt

von der jungen Glut, die mich durchlohte. Er saß noch auf und ordnete

Pergamente, verwundert blickte er auf mich, die ich errötend vor ihm

stand und schließlich vor Scham fast ohnmächtig wurde. Denn, Mönch, es

war wie immer: ein Fremder, höchstens ein Freund, stand vor mir, meine

Liebe war verflogen. Mir fiel keine Ausrede ein, ich mochte auch nicht

lügen; einen Gruß stammelnd entfloh ich, und sein bitterschmerzliches

Lächeln folgte mir in den Traum. Mönch, es war eine arge Zeit für mich,

das Leben neben euch kostete mich viel. Es dauerte lange, bis ich die

Ursache meines merkwürdigen Wesens fand; es waren nicht die Kinder: es

war deine Gegenwart, die Totes aufweckte.«

Regungslos verharrte ich auf meiner Bank und erwartete das Beil in

meinen Nacken zischen; ich fühlte mich entlarvt, nackend vor dem

letzten Richter, vergaß, was ich selber gelitten, wußte nur meine

jämmerliche Schuld.

Aleit brach das Schweigen, ihre Stimme war nun müde und hoffnungslos,

daß ich sie kaum erkannte.

»Dies ist die Ursache, Mönch; nun sage, wenn du es vermagst, welch

ein Rätsel Gott unter so seltsamer Hülle verbirgt. Du hast manche

Schicksale und vielerlei Menschen kennengelernt, ist dir jemals

Ähnliches begegnet?«

»Mir?« stotterte ich, wie ein Ertrinkender aus dem atemlosen Wasser

auftauchend. Ich vergaß jede Höflichkeit, sprang ans Fenster, riß den

Laden auf und stürzte die flammende Stirn den Schneewogen entgegen, die

wie ungeheure graue Tiere durch den Nebel jagten und mit kühlen Zungen

über mein Antlitz fuhren. Mitten in der Nordlandskälte sah ich aus

brennenden Augen ein Bild: die dorrende Wüste, von heißen Sandwolken

überfegt, ein steinerner Hügel, und darunter, im Frieden des Todes

lächelnd, Jussuf.

Wohl ist dir! Wohl ist dir! schrie ich inwendig, von feigem Neid

zerfressen und ermattet.

Aleit war hinter mich getreten und legte die Hand auf meine Schulter.

»Ronald,« klagte sie leise, »wendest du dich von so verirrter Seele ab?

Ist deine priesterliche Gewalt nicht groß genug, meine Schulden mit

dem Absolvo zu bedecken? Kann ein menschlich Herz, das wie das deine

gelitten hat, so große Sünde nicht mehr fassen? -- Einen weiß ich, der

mich dennoch aufnimmt, denn ich fühle seinen kalten Atem hinter mir.«

Erschrocken blickte ich mich um und sah das totenblasse Angesicht von

einem Schein verklärt, der nicht mehr von dieser Welt war. Von der

eigenen Angst plötzlich befreit beugte ich den Kopf tief erschüttert

auf die Brust. Aleit legte sorglich den Riegel vor den Laden, schürte

das Feuer noch einmal und stand wartend zwischen Stuhl und Tür. Da riß

ich mein lahmes Herz empor und haschte ihre Hand.

Die irdische Unsterblichkeit: Roman · 第 8 / 9 段