silberne Fäden trug sie im Haar, ihr Mund war weicher, ihr Blick
versonnener. Mir schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden,
und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe auf ihrer Stirn
betrachtete, glaubte ich den Grund zu erkennen. Es war ein feiner
Unterschied in der Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings,
mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz, nichts fragend, weder
mit Worten noch mit Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von
seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen Atemzug, dann erst
schloß sie auch die Tochter in die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung
außer mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben von Claraforte
rasch und wild an sich gepreßt hatte, sich zu Sobeide wandte, lag
sein Auge auf ihr, als erforschte er ihr Blut bis in die fernsten
Geschlechter, und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte: dies
Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem anderen, harten, strengen
Antlitz, das Furchen tiefer Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt,
wandelte sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen, und --
weh! -- mein arges Herz triumphierte darob.
Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald zwischen den Eltern, Sobeide
neben Aleit, ich neben dem Bastard, und nun erst faßten sie mich
genauer, soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald erzählte
kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard neigte sich verbindlich zu
mir und sagte:
»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger Vater. Verzeiht,
wenn wir Euch über den Kindern vergaßen, es war die Freude des
Wiedersehens. Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der Euch gehört.«
Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und klar; ich vermeinte, eine
jungfräuliche Röte überzöge sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß
sie mich erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine liebkosende
Berührung.
»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastard horchte auf und starrte
mich an, zum erstenmal klang der Name deutlich an sein Ohr.
»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und sichtlich mit großer
Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei Bewegung, es ward mir klar, sie
wußte nichts von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und gab mir
Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte, warum. Rasch antwortete ich,
bevor das Benehmen des Bastards ihr auffällig werden konnte:
»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die Stunde ist vorgerückt.
Für heut, daß ich ehmals Benediktus hieß und nun eines Toten Namen
trage.«
Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine Wangen. Er legte das
Messer, daran seine unruhigen Hände spielten, mit einem Ruck auf den
Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit:
»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald, vielleicht ist es
derselbe; sagt mir, ehrwürdiger Vater, wann ihn das Schicksal traf.«
»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon, da Rainald von
Chatillon den Sultan zum letztenmal besiegte. Seht, Herr, er führte
treffliche Zeugnisse mit sich, die ihm größere Freiheit verschafften,
als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm sie zu eigen; Gott
möge es mir verzeihen.«
Der Bastard verzog die Lippen und verbarg ein Gelächter, da ihm die
Vorzüglichkeit dieser Zeugnisse bekannt war. Und wiederum, zur selben
Zeit, umdüsterte eine Trauer sein immer noch edles Haupt, Trauer um das
Wählingerblut, das er nun unter dem Wüstensande modern glaubte.
»Benediktus oder Ronald,« sprach er höflich, »hier gilt das gleich.
Wir hängen nicht an Formeln und bitten Euch, Vater, bleibet hier, so
lang es Euch gefällt; übt Euren geistlichen Beruf oder ergötzt Euch
an weltlichen Dingen, wie es Euch beliebt. Wir wollen Euch danken, so
lange wir leben, denn Ihr habt unser bestes Gut gerettet.«
Er sah Harald an und schien mit Mühe eine tiefe Bewegung zu
beherrschen, offenbar hing sein Herz an diesem Erben des
Wählingerlandes, als sei es sein eigener Sohn.
»Und mehr dazu!« fügte Aleit leise seinen Worten an, indem sie Sobeide
umschlang und mit herzlichem Takt in das Gehege der Sippe einbeschloß.
Ich mußte mich abwenden, meine Augen wurden verräterisch. Kein Wort,
keine Bewegung, und doch irgend etwas, das ich, weiß nicht, mit welchem
Sinn, wahrnahm, trennte den Bastard von der Herzogin und legte eine
ewige Kluft zwischen sie.
Mitternacht ward, wir gingen zur Ruhe. Der Bastard selbst geleitete
mich in mein Gemach; ein Handleuchter erhellte notdürftig den Weg. Ich
merkte, er führte mich zu einem sehr schönen Turmzimmer für hohe Gäste,
und folgte ihm mit sicheren Schritten; die mannigfachen Stufen fand
ich blindlings und hatte noch eine kindliche Freude an dieser genauen
Erinnerung.
Plötzlich sagte der Bastard rauh:
»Ihr wandelt durch die Gänge, als sei Euch das Haus von Kindesbeinen an
vertraut.«
»Die Wüste erzieht Raubtiersinne,« gab ich sogleich zurück, »ich mache
mich anheischig, Euch im Dunkeln zu folgen.«
Die rasche Antwort schien seinen Argwohn zu besänftigen, er hob die
Riegel aus der Tür des mir bestimmten Zimmers und wünschte mir mit
freierer Stimme eine geruhsame Nacht.
Geruhsame Nacht in der Burg meiner Väter, unter einem Dach mit meiner
verlorenen Liebe, mit dem Mörder meines Glücks! Die Leidenschaften
zerbrachen mit wilden Fäusten ihre Ketten und heulten wie Sturmwinde
um mein Lager; stöhnend wälzte ich mich, von Flammen gepeinigt, sprang
auf und trat nackt auf den Altan und starrte auf den mailichen Garten,
darin aus Blütendüften eine Nachtigall dicht unter mir sang. Die
Mauern, die Bäume, die Brunnen im Hofe schimmerten blau umsilbert in
dem vollen Mond, die lauen Atemzüge der Frühlingserde bewegten kaum ein
Blatt; trunken sog ich die Heimat in mich hinein und vergaß im Rausch.
Ich wachte nicht allein. Vom jenseitigen Turmerker blickte der Bastard
zu mir her, ich sah seine Augen im Mondlicht funkeln und wich verstört
ins Gemach, in unwillkürlicher Bewegung die Hand über das Mal auf
meiner Brust deckend.
Was trieb der Bastard dort? Schlief er nicht in Aleits Kammer? Lebten
sie auseinander?
Das Morgenmahl wurde mir an das Bett gebracht; der Mensch, der es
trug, war schon in meinen Diensten gewesen, und um ein Haar hätte ich
ihn bei Namen genannt. Ich besann mich und schwieg erbittert. Fort
aus diesem Hause! Jeder Stein zermalmte mich mit Erinnerungen, ich
konnte nicht atmen unter diesem Dach, das die Gespenster toter Lenze
beherbergte. Kaum war ich in der Kutte, als der Bastard eintrat.
In seinem verschlossenen Gesicht stand kein Erkennen zu lesen, aber
das Tageslicht zeigte deutlich an, wie wenig auch ihn ein frühes Alter
verschont hatte. Er vertat seine Zeit nicht mit Worten, grüßte mit
gleichgebliebener Freundlichkeit und bat mich, ihm und Harald auf einem
Ritt durch das Herzogtum zu folgen. Den Frauen würde es lieb sein,
einen Tag ganz für sich allein zu haben; zumal die Herzogin freue sich
auf die junge, schöne Helferin und wäre, da sie schwacher Gesundheit,
gern mancher Bürde ihrer Pflichten ledig.
Ich ordnete schweigend mein Gewand; er konnte nichts argwöhnen, denn
was sollte er mich sonst zu solchem Ritt bitten? Wie es auch sei,
ich wollte an Verschlossenheit und Zucht nicht hinter ihm stehen und
stimmte zwanglos zu, im geheimen froh, Aleit nicht sogleich unter die
Augen kommen zu müssen. Die Beobachtungen der Nacht hatten das Bild
der heimatlichen Verhältnisse, das ich klar glaubte, völlig verwirrt,
aufs neue rang die Seele um ihr himmlisch Teil. Und, ach, um ihr
irdisches.
Harald erwartete uns schon mit den Pferden; wir saßen auf und trabten
ohne Geleit in den lichten Morgen. Der Bastard erläuterte uns jedes
Ding; seine Kenntnisse gingen bis ins kleinste, jede Hufe Landes hatte
in seinem Munde ihre Geschichte. Ich fand mich bald nicht mehr zurecht,
mit wachsendem Erstaunen lernte ich, was dieser Mensch aus meinem Reich
gemacht hatte. Da war kein Ödland mehr, da standen keine verfallenen
Katen, da traf das Auge keine hungernde Not. Strahlend sauber saßen
die Häuser breit und behäbig auf ihren grünen Hügeln, das glatte,
schiere Weidenvieh war einheitlich gezogen und warf satte, bunte Flecke
auf schwellende Wiesen. Viele Felder waren eingezäunt, damit Hirsche
und Sauen nicht den Schweiß des Bauern verderben konnten; wohin ich
blickte, sah ich die ordnende, segenstiftende Hand, und was der Bastard
auch an mir getan, er war ein Fürst und Herr von echten Gottesgnaden
und hatte sein Pfund nicht vergraben oder gar vergeudet.
Auf der Burg eines seiner Vögte saßen wir zu Tisch; es war dies der
Sohn meines alten Zechgenossen Roger des Wilden, den inzwischen der
Teufel geholt hatte. Ich hatte den Jungen als ein böses Früchtchen im
Gedächtnis, fand aber einen wackeren, tüchtigen Mann, der Land und
Volk in Ordnung hielt und dessen Brut sauber gewaschen und gekämmt in
guter Haltung uns den Willkomm bot. Da ich das Kreuzeszeichen über ihre
Flachsköpfe machte, traf mein Auge zufällig den Blick des Bastards, der
mir voll feinen Spottes über mein priesterlich Gebaren schien.
Nachher sahen wir die Marställe und Waffenkammern; der Herzog merkte
mein Befremden über die Fülle und Güte der Tiere und Rüstungen und
sagte fast heiter:
»So sind alle meine Burgen ausgestattet, Vater Ronald; da hängt
das Geld, das wir nicht in den Abgrund der Kreuzzüge warfen. Das
Wählingerland hat kaum einen Toten im Morgenlande zu beklagen außer
denen, die uns dieser Wildling entführte.«
Lächelnd zwar, aber dennoch ernst nickte er Harald zu, der in
fröhlichem Leichtsinn Antwort gab, daß ihm seine Kreuzfahrt Sobeide
zugebracht und er keinen Grund zu Klagen hätte. Auch sei er nicht
dummer geworden, seit er die Welt jenseits der Grenzpfähle kenne, zumal
da ihm sein Vater hier jede Arbeit zuvortue und ihm nichts ließe als
die Jagd.
»Dies kann bald genug anders werden,« sagte der Bastard leise; sein
scharfer Blick verschleierte sich, ein Seufzer hob seine Brust. Er
ärgerte sich über sein eigenes Wort, sah zum Himmel auf, daran die
Wolken dunkler flogen, und bemerkte:
»Für heute mag es genug sein, Vater Ronald; mich deucht, der Tag wird
mit Regen enden.«
So ritten wir zurück, nicht auf demselben Wege, denn der Bastard hatte
es offenbar darauf abgesehen, uns zu zeigen, wie das Land in jedem
Winkel blühe und reich und glücklich war, jedoch enthielt er sich alles
eitlen Selbstlobes und ließ dem tüchtigen Blut des Wählingervolkes den
Kranz. Zwischen seine Erklärungen flocht er prachtvoll klare Überblicke
aus der Geschichte der letzten Jahre, legte den Finger auf die Wunden
der Staatskunst seiner Nachbarn und des Rotbarts, der seinen besten
Fürsten unbedacht der Meute seiner Herren und Bischöfe preisgegeben
habe.
»Heinrich der Braunschweiger war ein Mann nach meinem Herzen,« sagte er
schier zornig, »und wenn nicht England und Frankreich nach Claraforte
schielten, so hätte ich ihm beigestanden. Beim Himmel, wir hätten
gesiegt!«
Dies letzte kam wie Gewittergrollen aus einem Herzen, das zwanzig Jahre
Frieden gehalten hatte und am liebsten Tag um Tag in der Schlacht
gestanden wäre. In seinen Augen glomm ein gefährlicher Funke, sein
Gesicht straffte sich männlich und gewann trotz aller Wildheit einen
hohen, adligen Zug, daß ich ihn, alles vergessend, zum erstenmal mit
ungemischter Freude betrachtete. Wahrlich, es fehlte nicht viel, so
hätte ich ihm den Arm brüderlich um die Schulter gelegt.
Die Dämmerung war grau und trübe hereingebrochen, ein Regen, fein wie
Nebel nur, schleierte die Landschaft, die Hufe pochten dumpfer auf den
Boden.
»Reite voraus, Harald,« befahl der Bastard, »damit uns Alten das Mahl
gerichtet ist, und laß in meiner Schlafkammer das Feuer zünden.«
Dem Jungen war nichts lieber, er hatte ohnehin genug von der Weisheit
der Älteren und konnte die Zeit nicht erwarten, Sobeide in die Arme zu
schließen. Jauchzend sprengte er von hinnen und verschwand im Laub. Der
Bastard dagegen verhielt die Zügel, wandte sich zu mir und sprach mit
klangloser Stimme:
»Bist du mit deinem Lande zufrieden, Bruder Robert?«
Ich starrte ihn an, mitten durchgerissen von seinem jähen Wort, und sah
ein uraltes, verfallenes Antlitz, voll einer fassungslosen Traurigkeit.
Dies war sein unverstelltes Wesen, mein Herz blutete vor Mitleid. Er
hatte seine Rechte gegen mich ausgestreckt, sie schwankte und zitterte
in den lenzlichen Lüften, der ganze mächtige Leib war von einem Beben
ergriffen.
»Kannst mir die Hand ruhig geben, Bruder,« fuhr er müde fort, »ich habe
dir nichts von dem Deinigen genommen, auch nicht Aleit, denn ich habe
sie nicht berührt, und Harald ist dein Sohn.«
»Sie weiß?« stammelte ich aufgepeitscht, und er, zermalmt von
unsichtbaren Fäusten:
»Nein. Aber es liegt eine Welt zwischen uns.«
Mit einemmal flutete das verloschene Sonnenlicht der langen dunklen
Tage warm in meine Brust, ich stand in einer inwendigen Lohe wie in
Gottes Mantel eingehüllt, und wie in Gottes Mantel ward ich kindlich
rein, geläutert von den Schlacken meiner sündigen Begierden, befreit
von dem lärmenden Streit zwischen Kopf und Herzen. Ich schob seine Hand
beiseite und zog ihn an mich, wir küßten uns und tranken unsere Tränen.
Da er endlich seine Haltung zurückgewann, sagte er leise:
»Nun muß unser böses Spiel durchgeführt werden, bis wir Besseres
wissen. Nicht um uns, aber um die anderen. Den Abend haben wir für uns,
und du sollst Rechenschaft haben. Vorwärts, Bruder!«
Wie ein Vorhang fiel die starre, strenge Larve vor sein Gesicht, er
reckte seine Gestalt, und wir ritten schweigend in unserer Väter Burg.
Das Mahl war stiller als am Vortage, doch um so inniger klangen die
Seelen zusammen. Wir betrachteten einander heimlich; auch Aleit, obzwar
in dem Anblick der Kinder wurzelnd, warf hin und wieder einen seltsamen
Blick auf mich. Ich sah erst jetzt genauer, wie überzart sie geworden
war. Ihre Gestalt hatte schier etwas Jungfräuliches, rührend Reines,
ihre Hände lagen blaß und durchscheinend auf der Decke, die sie der
Abendkälte wegen über Schultern und Knie gelegt hatte. Da saß sie,
Jahrzehnte von mir getrennt, immer noch als mein eigen, und in tausend
stillen Worten bat ich ihr alles ab, was Verzweiflung, Not und Elend in
meinen Gedanken über sie gehäuft hatte. Die stete Flamme der Öllampe
warf einen Schein um ihr Haupt, der mich Heiligung und Weihe dünkte,
und zu meiner herzlichen Freude schmolz in der lauteren Lohe der letzte
Groll in mir dahin.
Es ward mir schwer, mich aus der holden Stimmung loszureißen, doch
der Bastard wurde ungeduldiger; ich merkte, wie er sich sehnte, sein
Herz zu erleichtern, nahm Urlaub und folgte ihm in sein Gemach. Es war
das schlechteste in der Burg und hätte einem Mönch besser angestanden
als dem Fürsten. Ein Bärenfell, Schrein, Tisch und Stühle aus grobem
Eichenholz, kahle, verräucherte Wände; doch ein Feuerlein sprang lustig
im Kamin und spiegelte sich in einer mächtigen Silberkanne.
»Hier, Bruder, magst du sehen, was ich für mich selber gewonnen habe,«
begann er ohne Umschweife. »Nur in einem nahm ich kühner: dieser edle
Trunk aus deinem Keller geht zur Neige; doch ich bedurfte seiner in den
bitteren Nächten.«
Er schenkte die Becher voll und bot mir von dem Blut, das schwer und
süß in meine Sinne zog und mein Gebein wohltätig erwärmte; ich war der
südlichen Sonne zu sehr gewohnt, um dieser feuchtkalten Heimatluft
trotzen zu können.
»Ich ahnte dich gestern, da Harald deinen Namen nannte; aber erst
in der Nacht, da ich dich Nackten auf dem Altan erspähte, ward mir
Gewißheit.« Er legte seinen Finger leicht auf meine Kutte, darunter die
Mitgift der Trebilons verborgen war, und fuhr drängender fort: »Schenke
mir diesen Abend, du kannst nicht ermessen, wie heiß ich ihn erflehte.
Bediene dich aus dem Vorrat, wenn ich es über meinem Bericht vergessen
sollte, und verhalte dein Urteil über mich, bis ich ausgesprochen habe.«
Er setzte sich näher an die Scheite und warf wie damals spielerisch
die Glut zusammen. Ihm selbst war es gleicherweise eine Erinnerung, er
seufzte auf und sprach:
»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber Gott behält die Fäden
in der Hand. -- Als ich zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht
geworden, der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie es dem
Hause des Todes ziemte, niemand begegnete mir auf den Gartenwegen.
So sehr war ich von meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht
einen Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich erkennen und
entlarven. Aber gleich die erste Begegnung schien verhängnisvoll zu
werden, denn von diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es war der
Arzt des Priors von Vargan, der mich auf der Treppe grüßte und vertraut
ansprach. Er meinte, der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und mir
schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten. Wortlos wollte ich
an ihm vorbei und in die Kemnaten, doch er zog mich an der Hand zurück
und flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich für einen
Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech, ich gedachte deines wüsten
Lebens und lachte ihn aus: ob denn auch Tote gestört werden könnten.
Worauf jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen Blicken maß:
›Tote nicht, Herr, aber Lebendige. Und ob es Euch lieb ist oder nicht,
ich will mit Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹
»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in der Gewalt, aber bei
diesem Wort brachen mir die Knie weg, und ich sank an die Wand, im
selben Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich mich aufraffte,
war der Arzt verschwunden, ich hätte auch keine Frage für ihn gefunden.
Wie ein Dieb öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges und
starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein erhellte. Endlich
gewöhnten sich meine Augen, ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die
Stirn in Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die leise
atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen und strickte. Ich zog
die Tür vorsichtig zu und ging in dies Gemach; einem Diener, der mir
begegnete, befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das war Wipold,
jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er war, wie du dich erinnerst,
deinen Taten nicht sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen
Blicken, wie sehr er mich verachtete.«
»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen lächelte.
»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder, doch höre lieber.
›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten, ›glaubst du mir, wenn ich ein
neues Leben anzufangen verspreche?‹ -- ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold
messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon geschworen
habt.‹ -- ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig, ›ich schwöre bei dem Leben
meines ungeborenen Kindes.‹ Der alte Mann starrte mich zornig an, an
seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte ihm an meinem
Ton etwas aufgefallen sein, er wurde unsicher und stammelte: ›Wenn
ich dies glauben könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im
Wählingerlande.‹ -- ›Du kannst es glauben, Alter,‹ versetzte ich,
sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner zögernden Hand, ›diese
Tage haben mir die Augen weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage
mehr erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne Wein, ich
verbringe die Nacht hier.‹
»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen nieder und küßte meine
Hände, und wenig fehlte, so hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein
Herz, dem das Wählingerland teurer als das Leben war, in einer jungen
Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter, und indes die Diener das
Mahl trugen, kam er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist ein
hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis Eures Vaters.‹ --
So, Bruder, bin ich an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen
hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten und nur in
Herzensnot davon getrunken; dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen
mehr darin.«
Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum Becher, den ich füllte.
»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte er schwermütig über
meinen Eifer, und ich:
»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und haben voreinander nichts
voraus.«
»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in einer strengen
Schule gewesen, doch war auch vielleicht dein äußeres Leben bunter
als meines, inwendig werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lag fast
zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom Tode mit winkender
Sichel bedroht, und ich hatte noch nicht den Mut gefunden, in ihre
Kammer zu gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit Macht der
Geschäfte meines Landes annahm, und hiervon, Bruder, will ich dir
lieber schweigen. Genug, beim Niedergang finden sich überall willige
Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern. Als ich mein
Feld überblickte, begegnete ich störrigen Gesichtern, allen war
meine Wandlung unbequem, außer dem geringen Volk und den wenigen von
guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag als der eigentliche
Born ihrer Kraft und die Quelle und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber
nicht von dem zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich
Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war schon gepflanzt. Ich
betrat allein ihr Zimmer, sie lächelte mir matt entgegen und hob
beide Arme. Ob ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen Gefühl
niedersanken, eh sie mich erreichten -- kurz, sie sanken nieder, und
in ihren Augen glomm eine schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch
über ihre Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes trotz
all dem kein Zweifel war, daß auch sie vom Betruge getäuscht war
und gläubig vertraute, du stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich
still neben sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit während
ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und nur zu dem Zweck, sie durch
Taten von meiner Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie, mir
zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge auf sie. Sie lag und
weinte lautlos, stumm wie Perlen rannen die Tränen über das regungslose
Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz durchtränkt schien. Du
weißt, Bruder, ich liebte sie schon lange vordem, hoffnungslos und
ohne Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines vielleicht doch
einmal geträumten Traumes stand, konnte ich das lebendig gewordene Bild
nicht fassen. Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen stieß sie
selbst mich zurück -- zu meinem Glück, denn sonst säßen wir nicht vor
diesen Flammen. Endlich streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und
flüsterte: ›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja glücklich,
daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir den guten Weg zu weisen. Hab
Geduld mit mir, Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum,
was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst in ihren Blicken, daß
ich verstört vom Lager sprang. Vielleicht hatte der Unglückssturz
wirklich ihr Gehirn erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder
völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte allein sein,
allein bleiben, und dies kam mir, der ich nicht daran dachte, dir,
dem ich das Land genommen, auch die Ehre zu rauben -- dies kam mir
gelegen. Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden, daß ich
oben im Turm mein Lager aufgeschlagen hätte und daß es vorerst das
beste wäre, es bliebe so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des
Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir auf, daß du von ihrer
Schwangerschaft offenbar nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse.
Ich fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur auf den Wangen,
entgegennahm; mein Herz zitterte, wie es nimmer vor dem Tode gezittert
hätte, ich beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott, mitten in
meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie wich mir erschrocken aus,
von neuem in Glut getaucht. Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand
und nahm Urlaub -- Bruder, sie entließ mich mit einem Blick, den ich
nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken und Frohlocken in einem
blauen Glanz vereinigt.
»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze nicht minder. Zwar
war ich nach dieser Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte und
also unser Plan gelungen, jedoch barg die Zukunft Kämpfe einer Art, die
ich nicht gewollt hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre die
Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog aus, ein Reich zu erobern,
nicht aber ein Weib zu stehlen.