Wählingerblut! Er war es, bei Gott, denn solche Kraft war mir nirgends

begegnet; ich keuchte unter seinen gewaltigen Armen und brauchte meine

ganze Stärke; aber das zähere Alter blieb Sieger, ich warf ihn über

die Schwelle, kniete auf seinem Leibe und drosselte ihn mit beiden

Händen. Die Augen quollen ihm erschreckend aus den Höhlen, ich mußte

wegschauen. Da leuchtete aus dem zerrissenen Hemd seine weiße Brust und

unter dem Herzen das dreigespaltene Mal der Trebilons.

Ein eisiger Blitz durchfuhr mich vom Scheitel bis zu den Füßen, ich

starrte entsetzt in das verkrampfte Gesicht vor mir. Ich wollte

schreien, aber nur ein heiseres Wimmern brach aus der Kehle. Gott! Laß

es nicht zu! Nicht zu!

Ich weiß nicht, wie ich es zustande brachte, das Richtige zu tun,

überhaupt zu handeln. Wie eine Feder schwang ich den schweren Körper

auf meine Arme und lief nach den Trögen, in denen das Regenwasser für

den Garten stand, netzte seine Stirn, rieb seine Brust, arbeitete an

dem leblosen Leibe, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, ohne

aufzusehen, ohne Unterlaß, ohne auch nur dem heißen Drang nachzugeben,

diese geliebten Lippen zu küssen. Ich betete und fluchte in einem, aber

Gott rechnet das Gestammel der umdüsterten Seelen nicht. Seine Liebe

ergoß sich auch über diese grauenvolle Stunde und prüfte mich nicht

über meine Kraft. Denn ich hätte es _nicht_ ertragen.

Er lebte, der bleiche Morgen beschien sein erstauntes Gesicht, unsicher

blickte er mich an. Ich legte den Finger auf den Mund und hieß ihn

schweigen.

»Ohne Sorge, ich bin dein Freund, mag es dir auch seltsam vorkommen.

Bei dem ewigen Gott, ich will euch beiden helfen, wenn ihr es ehrlich

miteinander meint!«

Ein besseres Mittel, ihn zum vollen Leben zu erwecken, konnte ich nicht

finden. Er sprang auf, taumelte und stützte sich an mir.

»Väterchen,« stammelte er, »du hast eine eigene Art für

Freundschaftsbeweise, aber Knochen wie ein Gaul oder wie mein Vater

-- sag, kann ich dir trauen? Und warum? Besinnst du dich auf dein

christlich Herz?«

»Darum kümmere dich nicht, du arger Junge! Wie alt bist du?« Er ahnte

nicht, mit welcher Spannung ich an seinen Lippen hing.

»Letzten Martin achtzehn geworden,« stotterte er verlegen, er fühlte

seine grüne Jugend als wenig ausreichende Grundlage für Liebesdinge;

»jedoch in unserem Geschlecht sind frühe Heiraten nicht selten.«

Ich hörte ihn kaum, eine tiefe Seligkeit entführte mich in eine

wundersame Welt; er war mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut. Die

Zeit stimmte, Aleit mußte gesegneten Leibes gewesen sein, und dies zu

der Stunde, da ich Wildling sie schier zu Tode schlug. Späte Scham

stieg mir in das früh ergraute Haar, aber die übergroße Freude ließ

keine Schatten aufkommen. Ach, wie mußte ich mich bezwingen, mein Kind

nicht in die Arme zu schließen! Ich wußte nicht, wie das anstellen, da

half er mir selber:

»Alter, ich traue dir nicht! Wie willst du mir bürgen, daß du uns nicht

beide verdirbst? Sobeide und mich! An mir ist nichts gelegen; doch wie

kannst du, ein Christ, das Mädchen einem Ungeliebten verschachern?«

In einer jähen Erleuchtung griff ich an mein Herz, fast hätte ich laut

gejubelt.

»Schwöre mir beim Leibe des Herrn, über das, was ich dir jetzt zeigen

will, für immer zu schweigen!«

Er hob betroffen die Hand zum Himmel; ich aber schob mein Gewand zur

Seite und zeigte ihm das Mal unter meinem Herzen.

»Auch ich bin ein Trebilon, wie du von der Seite deiner Ahne. Nun bin

ich der Mönch Ronald und tot für mein Geschlecht. Glaubst du jetzt?«

Mit leerem Ausdruck saß der Junge da, dann sprang er auf mich zu,

umarmte mich und küßte meinen zerschundenen Mund und rief:

»Den Papst zum Vetter! Dem Mütterchen eine Tochter, und dir -- ein

Bistum!«

Mich lähmte die Wonne, jauchzende Gebete stiegen lerchengleich aus

meinem Herzen; alles, alles hatte mir Gott vergolten durch diesen einen

kurzen Augenblick.

Der Rausch verflog, die Seele rüstete sich zum Kampf. Jussuf war für

einige Tage verritten; ich hätte ihm nicht ins Gesicht sehen können.

Der Himmel, der mich mit Freuden überschüttete, forderte von mir

Verrat, und angstvoll lauschte ich in mich hinein, was das Schicksal

von mir erwartete. Pläne wurden geboren und verworfen, es blieb nur

die Flucht. Zuvor aber mußte ich Sobeide vor mir sehen, und zagenden

Herzens schritt ich in das Frauenhaus.

Sie empfing mich mit glänzenden Augen, und so fröhlich mich sonst

dieses Licht gemacht hätte, heut stimmte es mich schwermütig, denn ich

kannte seinen Ursprung und trauerte, daß mein Kind Geheimnisse vor mir

hatte. Mein Kind -- war jener andere nicht viel mehr mein Kind? Ich

schüttelte die Gedanken von mir ab, das Gebot der Stunde ertrug nicht

die Betrachtung so kunstvoll ineinandergeschlungener Schicksalsfäden.

Das Kind saß neben mir, ich hatte meinen Arm um seinen Hals gelegt.

»Diese Nacht belauschte ich dich,« sagte ich und fühlte, wie sie

schwerer an meine Brust sank.

Plötzlich faßte sie meine beiden Hände, bebende Angst in den Augen.

»Ihm ist nichts geschehen, Vater?«

»Nein,« sagte ich und wußte genug.

Sie barg ihr Köpfchen an meine Schulter und weinte leise.

»Die langen Jahre hat Jussuf dich gehätschelt und verwöhnt, er liebt

dich mit der Glut seines starken und treuen Herzens; nun läufst du ihm

davon, mit irgendwem, mit nirgendwem! Dies ist Frauendank.«

So sprach ich und schlug ihr Herz blutig, indes meins vor Weh brechen

wollte. Sie sank in sich zusammen und weinte auf meine Hände,

unaufhaltsam quoll die bittere Flut aus ihren Augen.

»Ist denn nichts, was dich zu dem Emir zieht?«

Da sprach sie endlich ein paar zitternde Worte, und sie, die bis vor

kurzem von Liebe nichts wußte, war nun ganz in Liebe getaucht.

»Doch, Vater, doch! Ich hab ihn lieb wie einen Bruder, er ist der

edelste und gütigste Mensch -- nächst dir, Vater,« verbesserte sie

sich und streichelte meine Seele, »aber Harald hält mein Herz und ich

seins. Straft mich, wenn es unrecht ist, doch ich kann nicht von ihm

lassen, im Leben und im Tode nicht.«

Das waren große Worte, aber sie wuchsen aus dem schlichten Grunde ihres

Wesens wurzelecht und selbstverständlich wie Opferflammen aus heiligem

Herd. Jussufs Schale hob sich und verschwand in Fernen; mir blieb keine

Wahl.

»Steht es so, Kind, so will ich euch helfen,« flüsterte ich; »doch des

seid gewiß, wir alle spielen mit dem Tode. Nur die Flucht rettet euch,

und wehe, wenn uns Jussuf einholt!«

»Dann sterben wir vereint!« erwiderte sie mit glücklichen Augen, sie

hörte nur das Versprechen der Hilfe und sah keine Gefahren. »Du aber,

Väterchen, mußt mit uns gehen, ich mag dich nicht lassen.«

Armer Jussuf! Drei Herzen sollten vor Seligkeit überströmen, und er,

der unser aller Schicksal in den Händen hielt, blieb betrogen, einsam,

leer in seiner Verlassenheit. Es mußte mir ein Wort hierüber entglitten

sein, denn Sobeide schluchzte lauter auf, und ihr Leib zuckte hilflos

in meinem Arm.

»Wär ich tot«, stammelte die Jugend, »und täte niemandem mehr ein

Leid!«

Ich nickte betrübt; das Alter erst weiß, daß alles Leben währender

Kummer ist. Nur die Erinnerung blickt über das flache Feld und sieht

nichts als den hochragenden leuchtenden Mohn des Vergessens, der

Freude, der Lust.

»Und deine Gespielinnen?« fragte ich, zur Wirklichkeit zurückkehrend.

»Es ist unmöglich, sie alle mitzunehmen; je weniger wir sind, um so

größer die ohnehin schwache Aussicht auf Rettung.«

»Der Emir ist gut,« sagte sie zuversichtlich und so ganz Weib, daß ich

in aller Trauer lächeln mußte; »er wird ihnen nichts zuleide tun. Warum

liebt er nicht ihrer eine statt meiner? Sie sind so schön und klug,

viel besser als ich, die ich nichts als Ärger und Pein bringe.«

Sie meinte es ernst mit ihren Worten; die Schuld, die fremde Wünsche

und Hoffnungen ihr auferlegten, drückte sie zu Boden; nur die junge,

heiße Lebenskraft gab ihr den Mut, trotz allem nach den Sternen zu

greifen.

»So bereite dich,« sagte ich entschlossen, »heute, vor Abend, reiten

wir davon. Keins deiner Mädchen darf ein Wort erfahren; fort die

Tränen, Verschwiegenheit ist unser halber Weg. Ich hole dich selbst.«

Ich schlenderte in die Ställe und musterte die Pferde. Jussuf, dies ist

der Dank für deine königlichen Geschenke. Der Dank für zehn stürmelose

Jahre, der Fußtritt des Gastfreundes, der wie ein Fürst neben dir gehen

durfte.

Die drei Pferde wurden bereitgestellt; es lag nichts Auffälliges in

meinem Befehl, da ich oft mit Sobeide ausritt. Darauf wandte ich mich

in den Garten Haralds, der eben beim Mahle saß und mit dem gesunden

Hunger seiner Jahre gewaltige Stücke von einer Hammelkeule biß.

»Vor Abend noch,« sagte ich, »du, Sobeide und ich. Der Emir wird kaum

vor morgen erwartet. Lege dein altes Gewand an und darüber diesen

Mantel. Und -- hast du die andere Keule noch? Gut, pack sie ein, ich

will mich nicht auffällig versehen. Du erhältst Bescheid.«

Ehe er seinen Dank sagen konnte, verließ ich ihn, meiner verworrenen

Gefühle kaum mehr Herr. In meinem Zimmer ging ich auf und ab und

grübelte über einen Brief für den Emir, doch die schönsten, tiefsten

Worte, die ich fand, dünkten mich armselig und schal. Das Mahl stand

unberührt auf dem Tische, ich packte ein Teil in ein linnenes Tuch,

füllte zwei Schläuche mit Wasser, band mit schamroter Stirn eine Menge

Goldes in meinen Gürtel und wählte für Harald eine Waffe. Ich selbst

nahm den Säbel, den mir Jussuf auf mein Wundbett gelegt hatte, und

all diese Dinge barg ich notdürftig unter meinem Mantel. Das Gewissen

betäubte ich mit dem Vorsatz, von der Küste aus an Jussuf zu schreiben.

Wie ein Dieb ging ich aus dem Hause meines Freundes -- unter harten

Augen verhehlte ich ein Herz, das seine Schuld in alle Winde schrie.

Seine Schuld und seine Angst, denn es wußte nicht, wohin sich wenden

nach solcher Tat. Noch auf dem Wege zum Frauenhause beschloß ich, die

beiden Kinder nur bis ans Meer zu geleiten und dann männlich vor Jussuf

zu treten: Hier bin ich, morde mich und kühle deine Rache in meinem

Blut!

Dieser Entschluß verschaffte mir eine merkwürdige Erleichterung, meine

Tatkraft spannte sich freudiger. Der Tod dünkte mich kein großes Ding,

ich glaubte mein Leben hinter mir zu haben und war mit solchem Abschluß

zufrieden.

Sobeide zitterte vor Scham und Leid; nun, da eine jähe Entscheidung

verlangt ward, blutete ihr Herz um den Mann, dem sie eine sorglose

Jugendzeit verdankte. Sie hatte ihr ärmstes Gewand angezogen,

schmucklos bis auf den alten silbernen Löwentaler; nichts von all den

Beweisen von Jussufs Liebe und Freundschaft wollte sie mit auf diesen

Weg nehmen. Ich verstand sie und redete nichts dawider, stolz auf

ihren hohen, adligen Sinn, und so wandten wir uns schweigend zu den

Pferden, stiegen auf und ritten, das ledige Tier am Zügel führend,

an die andere Seite des Gartens. Vom Sattel aus konnte ich die Mauer

erreichen; Harald hörte meinen leisen Ruf, klomm über, und die Paläste

versanken hinter uns. Erst weit in der Steppe hielten wir an, banden

die Schläuche und Vorräte auf die Kruppen und bereiteten uns besser

auf den langen Ritt. In purpurner Verlegenheit sah sich die Jugend zum

erstenmal unter fremden Augen an; ihre holde, tastende Verwirrung hätte

mich unter anderen Sternen mit Seligkeit erfüllt, jetzt verstörte es

mein Gemüt noch ärger. Wir trieben die Pferde an und ritten wortlos in

die nahende Nacht, von niemandem belästigt, von keinem verfolgt.

Sobeide lebte noch in dem Gedanken, ich würde sie in das Abendland

begleiten; ich mühte mich ab, ihr meinen geänderten Entschluß in einer

Weise mitzuteilen, die sie am wenigsten traurig machen würde, aber zum

Erfinden taugte mein Kopf heute nicht, ich verschob die Aussprache bis

an den Morgen. Endlich fiel mir ein, wie ich ihren Trennungsschmerz zu

lindern vermöchte, ich besann mich auf meine Priesterrolle und stand

so fern allen Formeln und Gebräuchen, daß ich voller Glück über meinen

Plan ward: ich wollte die beiden vor der langen Reise selber ehelich

miteinander verbinden; Gott, meinte ich, würde den Segen des Vaters dem

des Priesters gleichstellen.

Der Tag begann mit karger Sonne, mir war nicht zum Beichten zumute. Bei

kurzen Rasten ritten wir weiter dem Meere zu; es blieb uns keine andere

Wahl als Tyrus, denn dies war der einzige Hafen, der der Christenheit

noch im Morgenlande verblieben war, und von dem aus wir mit einiger

Sicherheit auf Überfahrt rechnen konnten. Zu unserem Kummer lahmte

Sobeidens Pferd; auch sie selbst war von der äußeren Anstrengung und

inneren Erregung völlig erschöpft und hielt sich nur mit Zwang in den

Bügeln. Es kam so weit, daß Harald seine Beute vor sich in den Sattel

nehmen und mit seinem Arme stützen mußte. Für seine mächtige Kraft war

dies eine kleine Last, und dennoch zitterten seine Hände, als ich ihm

das Kind emporreichte.

Vor der zweiten Nacht, als wir uns um der Tiere willen zu einer

längeren Ruhe bequemten, sprach ich den Kindern davon, sie gleich

an Ort und Stelle zusammenzugeben, da niemand wisse, in welche

Fährlichkeiten unsere Pfade führten. Sie griffen danach, als hätte ich

ihnen die ewige Seligkeit geschenkt; es war doch _ein_ Ziel dieser

Flucht, das erreicht war. Ich nahm den Turban ab, und die beiden Kinder

knieten unschuldig vor mir nieder, Hand in Hand. Die Stimme versagte

mir fast, das Herkömmliche entfloh meinem Gedächtnis, ein paar Worte

stiegen bebend aus tiefem Herzen; rasch segnete ich sie ein, zog sie an

meine Brust und küßte sie beide in Herzenslust und Trauer.

Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, wir hatten alle inmitten

der Nachtkühle fieberheiße Wangen und schlagende Pulse. Nach kurzer

Weile bestiegen wir die Pferde und trabten langsam unter den Sternen

dahin, die beiden eng umschlungen, ich mit Sobeidens Pferd am Zaum

hinterdrein. Einmal war mir, als berühre eine Hand meinen Nacken,

aber rückwärts schauend sah ich nichts als den leeren, flimmernden

Himmelssaum über dem silbernen Steppengrase.

Doch das fremde Gefühl wollte mich nicht mehr verlassen, immer häufiger

drehte ich den Kopf, und endlich glaubte ich in der Ferne das Blitzen

eines Eisens zu sehen. Ein paar Sprünge brachten mich neben Harald, dem

ich leise befahl, schneller fortzureiten, da ich, drohe Gefahr, rascher

als er auf seinem doppelt belasteten Tier vorankäme. Er hatte kein Arg,

trieb den müden Gaul zum Trabe und verschwand bald hinter den Hügeln.

Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal zu, denn der aus dem

Osten gegen mich anritt, war der Emir.

Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den hemmungslosen Zorn in

seinen Zügen; von seinem Renner flockte der Schaum wie Schnee; er,

der keinen Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit dem Dolche.

Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet, sprengte er heran, Mord in

den verwilderten Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der

Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war verwirkt. Aber ich

wollte dem Tod so lange wehren, bis ich Jussuf das Glück der Kinder

abgerungen. Ich rief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts

hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein Pferd und rannte auf

mich ein.

Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet, nicht ich!

Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war, zerschlug ich den

Speerschaft mit dem Schwerte. Der Emir tat eine unglückliche Wendung im

Sattel und stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand plötzlich

still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten Tiere; Jussuf

sank ohne einen Laut in meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und

wurden mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er schlug die Augen auf

und sah mich erstaunt, fast heiter an. Ich hatte die Hand auf seine

Wunde gepreßt, aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam über

meine Finger, er war verloren. Zu sprechen vermochte er nicht, seine

Arme lagen an meinem Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden

Kraft und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein Lächeln glitt

über seine Züge und hielt mit einem an, als schaue er entzückt ein

Wunderbares. Stöhnend strich ich ihm die Lider über die gebrochenen

Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein von Schweiß und Staub. Dann

hob ich ihn aus dem Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab

und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken in den Anblick

seines friedlichen Gesichts, das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel

festhielt und so schön war wie im glücklichen Leben. Vielleicht, daß

Gertraude seiner scheidenden Seele winkend den Weg in die neue Heimat

gewiesen.

Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den Seinen den blutigen Leichnam

und mich selbst zum Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos

trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch in jeder Stunde von Gefahr

umgeben. Bei ihnen war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart,

die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich ritt, hob ich mit

dem Schwerte die Grasnarbe ab und grub dem Freunde ein Bett. Dann

säuberte ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den Blutflecken,

legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte das Grab zu. Ich sorgte, daß die

Erde über ihm nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte, indem

ich eine Menge Steine zusammentrug und einen Hügel von Gewicht und

Dauer aufschichtete. Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinem

Roß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier und ritt den Kindern nach.

Ich traf sie beim Morgenlicht; sie erschraken, da sie mich sahen, als

ob ein Gespenst sie überrascht hätte. Und ich -- gelassen bot ich des

Emirs Grüße und in dem Pferde ein letztes versöhnendes Geschenk an

Sobeide. Er habe sie nicht mehr sehen wollen und sei auf dem lahmen

Tier langsam zu den Seinen verritten.

Sobeide beugte sich über meine Hand und schluchzte leise:

»Und du, Vater?«

Irgend etwas lachte in mir zornig und gepeinigt, ich starrte über die

glühende Steppe und trotzte dem Gott, der mich verfolgte, indes mein

Herz wie ein gefangen Wild in seinem Kerker tobte.

»Ich fahre mit euch in die alte Heimat!« schrie ich rauh. Aber sie

blickten mich erstaunt an und hörten mich nicht; die Worte blieben mir

in der Kehle stecken.

Drittes Buch

Es ist ein weiter Weg von Bachara nach Claraforte, zu Wasser und Lande

voll von Ereignissen. Mein Gedächtnis ist mir ansonst ziemlich treu

geblieben, aber von diesem Wege, seit dem Morgen, an dem ich Jussuf

begrub, habe ich nur eine dumpfe, bleischwere Erinnerung, als sei ich

ihn ohnmächtig und von Sinnen gefahren. Das Kind hat mir oft berichtet,

wie ich bei Stürmen unvernünftig auf Deck hin und her gelaufen sei,

daß Harald mich halten und in die Kajüte geleiten mußte; wie ich

gedankenlos und ohne aufzuschauen durch Italien und über die Alpen

geritten, und daß die Ärzte in Deutschland mich für zerrütteten Geistes

erklärt hätten.

Ich _war_ krank. Eine Nachtmahr lag auf meiner Brust und verließ mich

erst zu der Stunde, da ich die Grenze meines Landes überschritt. Dort

stand am Wege nach Osten zu eine uralte Linde mit zwei tief in den

Stamm geschnittenen verschlungenen Herzen.

Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte zu Sobeide:

»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen, die mein Vater

ehemals in den Baum geschnitten. Ich hätte Lust, auch unseren Bund

hineinzuschreiben. Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.«

Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit. Sobeide mochte es zu lange

dauern, daß ihr Eheliebster ein paar Schritt fern war, sie glitt aus

dem Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich der Schleier

von meiner Seele, ich starrte auf das Bild und sah zwei, die vor

zwanzig Jahren die alten Herzen hineingegraben hatten, jung, schön,

glücklich gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an mir vorüber,

klar und hart wie ein Wintertag, und abermals hielt ich an der Grenze

meines Herzogtums, ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger Greis.

Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer dunklen Lücke, ich ahnte, daß

ich krank gewesen, ich fühlte, daß ich genesen sei.

Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh, denn der Abend schon

würde mir ein Wiedersehen bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht

als alle Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinen Sinn, ohne mich

mehr als flüchtig nur zu rühren, denn mein Herz lag, kaum erstanden,

in anderen Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt. Ich sah

den Himmel mit den wunderbaren Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen

schwammen und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft der Heimaterde,

stark und lenzgeschwellt, mir war, als senke meine Seele selige

Würzlein in die Scholle und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge

sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar wie ein Kindlein

an mütterlicher Brust.

Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein Schreibwerk hereinbricht, will

ich deiner gedenken, du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste

der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen, aber du vergißt ihrer

nimmer. Du warst bei mir in der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum

gedacht, du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat, Heimat,

dich hab ich behalten von allen Gütern, dich allein hab ich geliebt,

ob ich dich auch hundertmal verriet, gehemmt von Leidenschaften und

Wünschen. Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und nichts war

außer dir als toter Sand.

Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigen Lächeln dem Ende

dieses Tages entgegen. Die Kinder merkten verwundert, wie ich

verständig in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder Freude ließ

sich Harald den Zaum meines Rosses aus der Hand nehmen. Jetzt erst

drang mir auch die äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein;

die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht und ich selbst eine

neue warme Kutte. Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf -- gottlob,

sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der Tonsur verschont.

Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte im Walde, die Stille ging

wie ein träumendes Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher

Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte rückte näher. Plötzlich

lag die Burg vor uns, steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond

darüber lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten Wolkenwälder.

Wortlos hielten wir an, gebannt von der großen Art dieses Bildes, von

Erinnerungen und Hoffnungen überwältigt.

»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise zu mir. Ich neigte

den Kopf; Gottes Wege, Gottes seltsame Schicksale schlossen langsam

ihren Kreis. Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling in

das Haus seiner Väter zurück, Frieden und Liebe schienen am Ende des

blutigen Pfades zu stehen.

Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief bewegt und schämten uns

der nassen Augen nicht. Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen

und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg hinanritten; sie scheute

sich, hier sogleich als künftige Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe

von den Eltern erst bestätigt werden.

Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der Lärm der Diener, als sie

den Jungherrn sahen, hätte Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen

die Alten herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen den Saal

betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu betrachten, denn es dauerte

lange, ehe die Reihe an mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden

herbeigesehnt, ging nüchterner an mir vorüber, als ich gewähnt hatte,

schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und Harren hätten meine Liebeskraft

verbraucht. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für Aleit

gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards fesselten mich fast ebenso

stark. Trotz allem mischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß

ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser seltsamen Heimkehr

war, verlassen im Hintergrunde stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß

war, aus den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den schalen Rest

der Höflichkeit zu bekommen.

Die irdische Unsterblichkeit: Roman · 第 6 / 9 段