wenn sie ihre Bälle im Garten warfen oder Schachzabel spielten, darin
der Emir ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als Sobeide,
aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir seine Ruhe mehr und mehr und
zog, nicht immer mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich
hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen nahm ich für Kindlichkeit,
Jussuf dawider litt es allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es
als Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide war in einem
Alter, darin die Frauen des Morgenlandes längst mannbar sind. Sie
mochte es auch körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht in
ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen Dingen. Ich hütete
mich wohl, sie zu wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle
sprengen, wenn es reif geworden ist.
Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am liebsten und rechnete
den Unterschied des Alters nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein
Jüngling, sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraft war
eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer noch schön wie zu jener
Zeit, da ich ihm begegnete; ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß
Sobeidens Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden würde. Aber »es
war ihm nicht bestimmt«.
Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig wie möglich; ich wußte,
daß die abendländische Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und
in einem bedauernswerten Niedergang begriffen war. Es ging mir nahe,
doch ich sah nur die Folgen schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit
stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187 kehrte Jussuf nach
mondelanger Fahrt zurück, bat mich in sein Gemach und teilte mir mit,
Jerusalem sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei dieser
Nachricht wurden alte Vorstellungen und Bilder so stark in mir, daß mir
die Tränen in die Augen traten und ich an mich halten mußte, um nicht
meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die bitterste Scham übermochte
mich, hier tatlos gesessen zu haben, indes draußen auf dem Felde die
Brüder den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für was, den Tod
der Helden jedenfalls; und gleichviel für welchen Gedanken sie fochten,
ich empfand meine Zugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das
Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage vor den Sarazenen.
Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte, er drückte mir die
Hand und sagte herzlich:
»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme dich nicht, auch deine
Riesenkräfte hätten das Verhängnis nicht gewendet. -- Doch ich komme
wegen anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte nicht
ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst viele der kriegstüchtigen
Gefangenen eine Zeitlang in der Sklaverei zu behalten, wenn sie
auch in der Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken,
warum: die Christen werden sicherlich versuchen, die Grabeskirche
wiederzugewinnen; uns aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu
verstärken. Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort sind,
denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch braucht Sobeide ein paar
Gespielinnen, damit sie nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.«
Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der braunen Haut errötete.
»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen Mönchen,«
scherzte ich, frohgelaunt über die Abwechslung, und er, nicht minder
heiter, tat einen Blick auf mein muselmanisch Gewand.
»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen Mönchen,« rief er
unter herzlichem Lachen, »es wird niemand deine Heiligkeit erkennen.
Freund, wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?«
Mit solchen lockeren Reden begann das traurige Abenteuer. Meine
Vorbereitungen waren bald getroffen; das Kind jauchzte hellauf, als es
hörte, was ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern und
Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne daß ein leises Gefühl mich
warnte, denn selbst die Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit
Je näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir zumute; das
Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge der Männer, Weiber und
Kinder meiner Art, das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen
waren und obdachlos zurückkehrten, da die christlichen Schiffsherren
sie ohne Geld nicht mitnehmen wollten, dies alles drückte meine
Stimmung tief herab.
Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt über die Ordnung und
Zucht der Sarazenen, die mit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des
Kampfes ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich zuletzt und trieb
mich rasch an meine Geschäfte. Für Sobeide suchte ich einige Waislein
aus dem Deutschen Hause aus, das war bald geschehen; darauf ritt ich
die Gassen der Gefangenen ab, und eine nicht zu verjagende Unruhe ward
Herr über mich, da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich sah
kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen, Knechte ohne Herren,
hochmütig noch im Unglück aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte.
Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel ergriffen sank
ich im Sattel zusammen und starrte irren Auges auf den Hals meines
Pferdes, darauf die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge hatte
ich mein eigenes Gesicht erblickt.
Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich besann, daß mein
Antlitz undurchdringlich geworden war und mit seiner grausen
Entstellung jeder Ähnlichkeit spottete. Doch war meine Verwirrung noch
so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem Jüngling meinen Bruder
zu erkennen glaubte. Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott
entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wilde Spuk erlosch nicht,
als ich meinen Irrtum erkannte und sah, daß dieser Jüngling höchstens
ein Sohn des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß.
Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um Zug sah ich den Vater,
und daneben in zorniger Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes die
Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins! Es sollte Tropfen um Tropfen
für meine Leiden bezahlen.
»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch.
Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln glitt über sein Gesicht,
als er die Heimatlaute im Munde eines Moslem fand, dann spottete er
herbe:
»Jedenfalls kein Überläufer wie du! Was treibst du für schmutzige
Geschäfte, Alter? Pfui über dich! Warst du ein Normanne, so schäme dich
doppelt: ich bin der Sohn und Erbe des Herzogs von Claraforte.«
»Mir unbekannt,« versetzte ich kalt. »Hier bist du nichts als eine
Ware.«
Inzwischen winkte ich einen der Verkäufer heran und ward handelseinig.
Mich hielt es nicht mehr auf dem Markt und in der Stadt, durch die
ich einst mich so traurig geschleppt hatte, ich vergaß das Elend der
abendländischen Ritterschaft, die nach allen Richtungen verstreut
wurde, und sprengte mit meiner Beute von dannen, Herz und Haupt voll
verworrener Bilder und Gelüste. Um den Sohn des Bastards kümmerte ich
mich während der Reise nicht, er trabte gefesselt zwischen meinen
Leuten. Ich hörte ihn hier und da in der Lingua Franca oder in
schlechtem Arabisch lustige und freche Reden tun, die wenig Kummer
verrieten. Er schien sich in der Gesellschaft wohlzufühlen, wie es
dem Bastardblut geziemte, und in meine Gefühle mischte sich Ekel und
Verachtung. Ich rang mit Entschlüssen, fand aber zu keinem Ende. Eine
unerklärliche Schwermut, mit Sehnsucht gepaart, legte sich betäubend
auf mein Gemüt, nach zehn Jahren eines wolkenlosen Glücks rauschten
die dunklen Fittiche wieder über mir, und abermals fragte ich nicht
nach Gottes Willen. In Bachara suchte ich sogleich das Lager, ohne
selbst das Kind begrüßt zu haben, von Fieber umdüstert, von Dämonen
zerrissen, aber von schlummerlosen Reisenächten gottlob ermattet, daß
ich willenlos versank.
Wie aus schwerer Krankheit tastete ich in den Tag zurück. Die Erregung
war einer Art von Gleichgültigkeit gewichen, die kundtat, wie sehr
Rache und Zorn in der Erinnerung lagen und mich doch nicht mehr für
immer erobern konnten. Und mählich klärte sich mein Besinnen: Was
war Gott mir schuldig? Hatte ich nicht eine wundervolle stille Zeit
verlebt? War nicht alles Vergangene Notwendigkeit für dies mein Glück?
Also, sprach mein Kopf, sende den Erben von Claraforte zurück in seine
Heimat und vergiß! Aber mein Herz war still dazu und zögerte.
Ich rief nach Bad und Morgenimbiß und ließ den Bastard zu mir kommen.
Er musterte mit seinen schnellen Augen das Gemach, ohne mich zu
grüßen, dann ließ er sich auf ein Polster nieder und schob die beiden
zuspringenden Wachen mit mächtigen Armen beiseite. Ich winkte, sie
gingen betroffen hinaus.
»Der Übertritt ist eine einträgliche Sache,« höhnte der Junge, und bis
auf die Stimme glich er dem, der mich betrogen hatte. Jetzt wunderte
ich mich, daß ich keinen Haß empfand, ja eher Bewunderung für die
schöne, kühne, blonde Jugend, die kaum achtzehn Jahre zählen konnte
und schon wie ein gewaltiger Streiter in seinem Kettenhemde dasaß. Über
seine Frechheit weghörend, fragte ich kurz:
»Du heißt?«
»Harald,« entglitt es ihm; er biß sich hastig auf die Lippen und rief:
»Was geht das dich an, alter Spitzbube? Hast du mich für dich gekauft
oder hast du noch einen Beturbanten über dir? Schreib an die Juden in
Genua, daß sie mich auslösen, und mach dein Geschäft an mir und dem
christlichen Unglück, aber verschone mich mit deinem Anblick.«
»Du irrst,« bedeutete ich ihn gelassen, »an Lösung ist nicht zu denken,
du bleibst Sklave. Wer dein Herr ist, kann dir einstweilen gleichgültig
sein. Vergiß dein Herzogtum und tu deine Pflichten, die dir angewiesen
werden, zur Zufriedenheit der Aufseher, so wird dir kein Leids
geschehen.«
Er sprang auf, daß das Polster durch das Zimmer schoß, eine steile Lohe
lief über seine Stirn, er sah aus wie mein Vater, wenn er von glühender
Jagd heimstürmte; laut lachend brüllte er mich an:
»Mir ein Leids tun? Willst _du_ das etwa versuchen? Oder vielleicht
dein braunes Ziefer?«
Unwillkürlich mußte ich lächeln, eine Freudenwelle lief warm über
mein Herz. Ach, du prächtige, großmaulige Jugend aus Nordland! Ach,
ihr tolldreisten Riesen aus Schnee und Himmel und Gold! Ach, ihr
hornhäutigen Drachen mit den Herzen aus Wachs!
Bastard oder nicht, der Junge war von echtem Korn, und wäre er eines
anderen Sohn gewesen, ich hätte ihn am liebsten an meine Brust gezogen.
Das würde freilich mehr ein Kampf denn eine Liebkosung geworden sein,
da er gegen mich offenbar wenig Freundschaft zur Schau trug. Aber er
brachte mir die Heimat mit rauschenden Buchen und grünen Hügeln, mit
den Stimmen des Waldes und dem Leuchten der Wolken.
Derweilen sah ich, wie er knabenhaft verstohlene Blicke auf die Reste
meines Mahles tat, er mußte noch nichts bekommen oder genommen haben.
Ich legte eine Taube auf eine Scheibe Brot und bot sie ihm, der dunkel
errötete. »Nimm sie getrost. Ich verstehe deine Abwehr gut, aber du
darfst nicht verhungern, und alles kommt aus derselben Küche. Ich werde
dir eine Beschäftigung zuweisen, die ich selbst einmal als Sklave
gehabt habe, bevor ich --«
»Den Heiland verleugnete!« schrie der Junge trotzig und schlug das Brot
aus meiner Hand.
Ich hob es ruhig auf und fuhr fort:
»Bevor ich den Dank des Emirs verdiente und sein Freund ward. Den
Heiland habe ich nicht so sehr verleugnet wie du, der du sein Brot in
den Staub wirfst.«
Der junge Riese wand sich vor Verlegenheit, er versuchte mich freimütig
anzusehen und stammelte höflich:
»Vielleicht tat ich Euch unrecht, Alter, dann verzeiht.«
»Nimm und iß!« entgegnete ich ihm, und diesmal griff er zu, und ich sah
seinem Hunger an, wie schwer ihm der Kampf gefallen sein mußte.
»Beruhige dich über deine Gefangenschaft; Saladin sorgt für Geiseln,
denn da ihm das ganze Land zugefallen ist, wird die Christenheit vor
neuem Streite stehen, mit ungewissem Ausgang.«
»Mit gewissem!« triumphierte die Jugend. »Glaubst du, König Richard
ließe sich das gefallen? Und der Kaiser? Und mein Vater, wenn er
erfährt --«
Das Blut drängte sich mir zu Herzen, ich senkte die Augen. »Warum
zieht dein Vater nicht zu Felde? Warum schickt er dich statt seiner?«
fragte ich leise. Meine Seele bebte in der Brust und sehnte sich, ein
Wort von der Mutter zu hören, ob sie lebe, ob sie fröhlich sei.
Bereitwillig gab er Antwort:
»Mein Vater hat genug im eigenen Lande zu tun, insonderheit bei den
Unruhen der englischen Krone, da lärmen die Söhne wider den Vater und
untereinander. Dazu ist die Mutter krank, er mag sie nicht verlassen.
Auch hat er mich nicht geschickt, ich bin davongelaufen, sonst wäre
ich nie ins Morgenland gekommen; denn ich bin der einzige Erbe zu
Claraforte, keine Schwester, kein Bruder, ein stilles Haus, Alter.«
Der Kopf war mir in die Hand gesunken, die alten Tage zogen wundersam
leuchtend herauf. Alles war in Glanz getaucht, es gab keine Laster,
keine Sünden, nur Glück, nur Heimat. Langsam nur traten seine Worte in
mein Bewußtsein, herb und plötzlich schüttelte mich die Meldung, Aleit
sei krank. Ich wagte nicht zu fragen, stand auf und bedeutete Harald,
mir zu folgen. Durch Palmenwege schritten wir zu dem Garten, den ich
einige Jahre verwaltet hatte; die Hütte, da mein Herd gestanden, war
etwas zerfallen, denn niemand hatte sie bewohnt, der Garten wurde von
dem Hauptgesinde mitbedient. Seit Sobeide erwachsen war, kam der Emir
nicht mehr her; ich wußte, warum. In der Mitte des Geheges wogte ein
Rosenhain voll der edelsten Sträucher, unwissend seiner Bedeutung hatte
ich ihn damals aus alter Liebe besonders gepflegt. Es war der Platz,
auf dem Gertraudens Leichnam verbrannt worden war, rätselhaft wie ihr
Leben war ihr Bestattungswunsch gewesen.
Ich schloß die Tür zu dem verfallenen Hause auf.
»Ergib dich in dein Schicksal, Harald,« sagte ich mit verstellter
Gelassenheit, »es ist, glaub es mir, gelinder als das meinige. Die
Beschäftigung mit dem Boden, den Pflanzen, den Wolken und Winden tut
wohl und macht ruhig. Niemand soll dich treiben; flick die alte Hütte
und harre deiner Stunde in Geduld.«
Er warf den schönen Kopf in den Nacken und sah mich mit lachenden Augen
an:
»Hütet Eure Pferde, Alter, ich sags Euch offen: kann ich fliehen, so
geschieht es.«
Den anspringenden Schrecken -- nachher wurde mir bewußt, wie sicher
mein Herz empfunden -- dämpfte ein fernes silbernes Gelächter; ich
murmelte einige Worte zum Abschied und eilte hinaus, den Wachen die
Fürsorge für den neuen Gärtner einschärfend.
Im Garten des Frauenhauses saß Sobeide im Kreise ihrer neuen
Gespielinnen, und die jungen, schönen Gesichter strahlten Freude über
ihr unfaßbares Glück, solcher Herrin zugeteilt worden zu sein. Sie
hatten ein ganz anderes Los befürchtet.
»Vater, Väterchen!« rief das Kind und fiel mir um den Hals. »Nun hast
du eine ganze Gemeinde für dich und kannst wieder Priester sein!«
Einen Augenblick war alles verstummt, dann brach ein tolles Gelächter
aus, und ich stimmte von Herzen ein. Wilder konnten die Gegensätze
nicht in ein paar Worte gesperrt werden. Oder vielleicht doch von der
mundkargen Wirklichkeit, die hier Lust und Leben und Geselligkeit schuf
und jenseits der Mauer ein junges Blut zur Einsamkeit verdammte. Jedoch
in diesem Wirbel blauer Sterne war kein Raum für Trauer, ich vergaß und
genoß.
Jussuf betrachtete Sobeide mit der Überschärfe der Sehnsucht, jede
leichte Bewegung wurde ihm zum Wesensspiegel. Da er nach seiner
Rückkehr sich über sie neigte und, wie er es gewohnt war, einen
flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte, errötete sie tief und barg
verschämte Augen vor seinem heißen Blick; und als sie in der
Abendstunde unter der Ampel des Schachspiels pflegten, merkten sie
beide nicht, wie seltsam die Figuren unter ihren Fingern hüpften,
toller schier als ihre Herzen. Jetzt bot der Emir Schach, bei
ungedecktem König; sie achteten es beide nicht. In starker Verwirrung
stürzte das Kind die Figuren um, die Augen voll Wasser, und lief
schnell hinaus. Jussuf sah mich sprachlos an.
»Lieber Freund,« deutete ich in grenzenloser Torheit lächelnd, »nun
ist ihr Gemüt doch wahrhaft genügend bewegt, und das Herzchen steht in
Flammen.«
Der Emir griff wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, seine Züge
klärten sich auf, er faßte mich um die Schulter und stammelte:
»Meinst du wirklich? Ach, Ronald, das Kind verfolgt mich durch die
Träume, aber ich kann, ich kann ihm nichts sagen, die klare Unschuld
wehrt mich ab. Wie? -- Geduld? -- Ich habe sie all die Jahre gehabt,
nun aber geht es über meine Kraft.«
Ich tröstete ihn, wie ich vermochte; es seien nun die letzten Wochen,
die jungfräuliche Festung wolle ihren Stolz, sich nicht so leichtlich
besiegen zu lassen, und was der Reden mehr sind. Er hörte sie mit
halbem Herzen und ging seufzend in seinen Palast zurück. Wir waren ein
paar alte Narren und wußten es nicht.
Emir Jussufs Liebeskummer griff allmählich auf mich über, auch mein
Schlaf wurde blasser und wich einem fruchtlosen Grübeln. Ich hatte kein
Arg, daß Sobeide ihn liebte, denn wie sollte ihr seltsames Benehmen
anders zu erklären sein? Wen anders als ihn, der schön, treu und
mächtig war? Es gab keine Wahl in ihrem Kreise; der Emir, an alles
denkend, hatte sorglich jeden stattlichen Besuch vor ihr verborgen. Und
doch fühlte ich ein Gewitter in der Luft, der schwüle Hauch ließ mich
nicht ruhen. Eines Nachts wuchs dies so unerträglich, daß ich aufstand
und ins Freie ging. Unwillkürlich lenkte ich meine Schritte an das Tor,
hinter dem ich der Blumen gepflegt hatte; ich ließ mir von den Wachen
aufschließen und trat ein, angenehm von meinen Gedanken abgezogen von
einer schmunzelnden Erinnerung an den Jüngling, der dort sein Herzogtum
verwaltete. Ich ging ohne Groll, ohne Haß unter den Sternen der kühlen
Nacht, das Vergangene schien abgetan, das Tote tot. Alles war still,
das Rosengrab Gertraudens stand vergessen und traurig entblättert,
die Wege herum waren vernachlässigt und voll Unkraut, die Bäume und
Büsche verwildert, unbeschnitten -- Harald wünschte offenbar sein Brot
nicht mit der Hände Arbeit zu verdienen. Eher beklommen und traurig
als zürnend schlug ich den Pfad zu seiner Hütte ein; ich mußte wissen,
was er trieb und dachte. Vielleicht hatte Verzweiflung ihn in den
stählernen Fängen, und sein Lager war feucht von Tränen und Heimweh.
Mattes Licht schimmerte durch die Hecken, er saß noch wach. Verwundert
rieb ich mir die Augen: die ärmliche Hütte war mit blühenden Rosen
umrankt, in Töpfen standen flammende Tulpen auf dem flachen Dach, das
elende Gemäuer sah wie ein Märchen aus. Hier also steckten seine Tage,
nur für sich selbst hatte er Zeit gefunden. Leise schlich ich näher
und spähte durch das Fenster, vor dem zu meinem höchsten Erstaunen ein
seidener Vorhang hing. Aber meine Prüfung war noch nicht zu Ende,
Geflüster drang aus dem Raum, der Junge stammelte unsinnige Brocken
Deutsch und Normannisch durcheinander, und jetzt klang ein wehrendes,
sehnendes Wort aus Mädchenmund -- meine wilde Jugend stand so jäh vor
mir, daß ich auf den Ärmel beißen mußte, um nicht laut aufzulachen. Der
Tunichtgut hatte eine der Gespielinnen Sobeidens über die Mauer gehoben
und koste mit ihr; und so alt ich war, es reichte noch nicht zu einer
greisen Entrüstung. Auf Zehen schlich ich zurück und hinter eine hohe
dunkle Staude, die Neugier hielt mich, ich wollte wissen, für welche
der Schönen mein Herr Neffe sein Liebesnest mit Gertraudens Grabesrosen
gerichtet hatte.
Meine Geduld wurde auf die Folter gespannt; doch endlich ging die Tür
auf, der Junge stand breitbeinig davor und lauschte in die Nacht. Dann
bog er sich zurück, ein zierliches Wesen, tief verschleiert, hüpfte in
seinen Arm und ward auf leisen Sohlen an die Mauer getragen; vorsichtig
machte ich mich hinterdrein. Behende schwang der Jüngling sich auf die
Steine, kaum daß er den alten Nußbaum erklommen hatte, und ließ ein
Seil herunter, daran ein Knüppel verknotet war. Die gefällige Schöne
setzte sich rittlings darauf und schwebte sacht empor.
Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen, daß mir ihr Gesicht
entgehen sollte; aber jetzt, da die beiden auf der Mauer saßen, löste
sich der Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich dem
Beneidenswerten zu einem langen Kuß.
Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner Brust. Es war Sobeide.
Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen Kopf ging, verschmolz in einer
kalten Mordlust. Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben!
Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige Freund, den ich auf
Erden besaß, seine Sehnsucht in verschwiegenem Busen getragen, damit
ein hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen Larve ihn um sein
Eigentum betrog -- er mußte sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige
Trauer in das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das Grab setzt
Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben. Ungeheures wollte Gott von
mir, damit ich meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau, die ich
geliebt hatte und noch immer liebte, sandte er in dies ferne Land zum
Opfer meiner Treue, den Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten
um der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte ich meinem
Schicksal männlich entgegengehen.
Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei der Hand und geleitete
es in den Garten an die Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde,
und also spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner
Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit verlockt hat. Er
hat seine Strafe; forsche du der Dirne nach. Und damit du ein größeres
Frauenrecht hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf den Neumond
festsetzen.
So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte von all dem unberührt
bleiben. Wenn nicht der Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies
mußte ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und barg mich in
den Schatten, den blanken Dolch in der Faust. Seine sorglosen Schritte
schollen über den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin und
zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das Licht und ließ den Mond auf
die kahlen Wände scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blonde
Haupt von silbernen Liebesflammen umkränzt; nicht um mein Leben hätte
ich ihn so erschlagen können. Mit einem Sprung stand ich vor ihm und
packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort und tat eine kaum
merkliche Bewegung.
»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?« fragte er
gelassen und sah mich forschend an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und
was willst du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch nicht, mich
halten zu können!«
Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand und nahm all seine
Kraft zusammen.
»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!« keuchte er, vor Unwillen
und Anstrengung feuerfarben. »So laßt mich doch und sagt endlich Euer
Begehren!«
»Ist das eines Herzogs würdig,« sagte ich, »die Braut eines anderen zu
stehlen?«
»Ach, du Schleicher! -- Die Braut eines -- Mach dich nicht lächerlich,
Alter; ich habe den ersten Kuß von diesen Lippen gepflückt. Ihr
täuschtet Euch in der Dunkelheit und meintet eine andere.«
»Du willst noch lügen, Bube!« schrie ich empört. »War es nicht Sobeide,
mit der du in deiner stinkenden Hütte freveltest?«
Der Junge tat ein wildes Lachen, aber es klang nicht echt.
»Ist Liebe Frevel? Und stinkende Hütte, sagst du? Wo sämtliche Rosen
des Gartens zu ihrer Ehre um sie versammelt sind? Aber sage mir, wessen
Braut soll Sobeide sein? Sie selber weiß es nicht, oder --?«
Er neigte plötzlich nachdenklich den Kopf und biß die Lippen -- wie eng
beieinander wohnen Liebe und Argwohn! Mit solchem Herzen wollte ich ihn
nicht in die Ewigkeit entlassen und berichtete:
»Sie ist dem Emir bestimmt, allerdings ohne ihr Wissen. Genug davon:
sage mir eins: Hast du sie angetastet?«
Der Junge sah mir verständnislos ins Gesicht, seine Augen gewannen eine
Fülle rührender Kindlichkeit. Als er schließlich begriff, wogte ihm das
Blut über die Stirn, er schlug mit der freien Hand auf meinen Arm und
schrie:
»Lästere sie nicht! Gib mich endlich frei! Dem Ungläubigen willst du
sie verschachern!«
Mit mächtigem Ruck riß er sich los und wich zwei Schritt zurück, Tod
in den glühenden Augen. Es brauste in meinem Kopf, eine jubelnde
Befreiung war in mir, daß es nun Kampf galt, daß ich ihn nicht
abschlachten mußte wie ein Tier. Streitlust, die aller Gründe vergaß,
faßte uns beide, und wie ein Sturmwind hausten wir umschlungen in dem
Zimmer, lautlos, die Zähne verbissen, denn uns beiden war nicht um
Horcher zu tun.