Tochter an? Ich schielte zu ihm hin, doch er stand im Schatten, und
seine Züge schienen sich nicht zu bewegen.
»Genug für heut!« flüsterte der Arzt mir zu. »Sobeide kommt nun jeden
Morgen.«
Er zog sie von meinem Lager, und ihr Widerstreben überflutete mich mit
Entzücken. Am Vorhang blieb sie noch einmal stehen, hob eine Schaumünze
hoch und rief:
»Hier ist auch ein Löwe, aber der beißt nicht.«
Mit einem rauhen Schrei fuhr ich aus den Kissen und starrte auf die
Kleine; der Arzt, der Emir liefen auf mich zu und legten mich sacht
nieder, wähnend, die Erinnerung hätte meinen Schmerz überlaut gemacht.
Ich aber winkte Sobeiden zu, die neben der Negerin stand und die Augen
voll Tränen hatte.
»Die Münze!« ächzte ich. »Um Gott, zeigt her!«
Sie trugen Sobeide wieder auf mein Bett; an goldener Kette hing ein
Braunschweiger Löwentaler um ihren Hals.
»Ihr Kind!« stammelte ich, überwältigt von Gottes rätselhaften Wegen,
und fiel erschöpft in die Kissen zurück.
Der Emir blieb allein im Gemach, seine Hände zitterten leicht, als er
mir über die Stirn strich.
»Du also bist es doch,« murmelte er vor sich hin und senkte den Kopf,
als betete er.
Meine Schwäche wurde größer, ich mußte die Augen schließen und fühlte
mich sanft entgleiten, als triebe meine Seele auf lauem Winde aus der
engen Haft. Die Meilensteine meines irdischen Weges waren erwählt und
gezeichnet; ja, wahrlich, kein Haar fiel von meinem Haupte ohne Seinen
Willen.
Der Emir hatte mein Erwachen abgewartet; meine Rechte in seinen
schlankem kühlen Händen haltend, begann er halb Deutsch und halb in
seiner Heidensprache:
»Es ist besser, ich erzähle dir meine Geschichte sonder Zögern, denn
Krankheit kennt keine Geduld. Ja, es ist Gertraudens Kind, aber nicht
ich, sondern der Ritter von der Wilze zeugte es. Doch höre von Anfang
an und lerne, wie diese Erde nur ein erbärmliches Staubkörnchen auf
Gottes ewigen Wegen ist.
»Ich ritt -- es sind wohl sechs Jahre her -- über den Sklavenmarkt
von Damaskus, mit einem dürren, früh verschwendeten Herzen ritt
ich und prüfte Menschen wie Waren. Da stand sie unter einer Schar
nackter Negerweiber, in einem linnenen Hemde, darüber die Münze,
die du bei Sobeide erkanntest. Sie lehnte an einer Zeltstange, die
Augen geschlossen, aber in der Haltung einer Sultanin. Ich kannte den
Korsaren, dem Zelt und Ware zu eigen, er hatte mir oft genug weiße und
dunkle Mädchen zugebracht. Er bemerkte meinen flüchtigen Blick, sprang
dienstbeflissen hinzu und griff mit der rohen Faust an ihr Gewand, um
mir ihre Glieder hüllenlos anzupreisen. Sie schrak zurück, schaute auf
und überflutete mich mit einem Blick, den ich nimmer vergesse. Freund,
ich kann es heute noch nicht erklären, ob es Liebe oder was immer
war, genug, wir brannten ineinander, und der weite Markt um uns ward
fremder als das Ende der Erde. Zum erstenmal empfand ich deutlich: es
lebt niemand für sich allein. Wir alle sind schicksalhaft miteinander
verbunden, mehr oder weniger schmerzhaft und lustvoll, mehr oder
weniger auf Tod und Leben, auf Zeit und Ewigkeit.
»Der Händler wirbelte unter meiner Faust in die Zelttücher; ein Beutel
Goldes, der für all seine Ware ausgereicht hätte, machte ihn wieder
zahm. Eine Stunde später führte eine Sänfte sie inmitten meiner Krieger
nach Bachara. Und dies war alles, was der Korsar von ihr wußte:
Er hatte sie an einem Holze treibend nahe der Küste gefunden; ein
riesenhafter Mönch hielt sie umklammert, faßte das rettende Tau. Aber
indes die Räuber ihren Fund packen wollten, schlug der Retter mit dem
Kopf an das Schiffsbord und versank; die weiße Frau war geborgen. Du
warst es, Ronald, und nun hast du abermals in die Fäden meines Lebens
eingegriffen, mir zum Heile schickte dich Gott aus deinem Abendland.«
Ich wußte nichts zu antworten. Ihm, dem Ungläubigen, zum Heile sollte
Gott mich von meiner süßen Liebe gerissen haben? Wie würde der Emir
sprechen, wenn er _meine_ Geschichte erführe? Aber nimmer würde das
sein.
»Ich vertat den Rest des Tages in Damaskus und machte mich in der
Nacht mit wenigen Begleitern nach Bachara auf, in langsamem Trabe
reitend, denn ich wollte die Sänfte nicht einholen, wußte jedoch keinen
Grund für solche Zagheit. Daß jene weiße Frau mehr als je ein Mensch
mich beeinflußte, wollte ich mir nicht eingestehen, und doch lag es
klar in meinen Taten: nie hatte ich kläglichere Beute aus Damaskus
heimgebracht. Ich wütete gegen mich selbst und suchte mit rohen und
gemeinen Vorstellungen die Stimmen der Wahrheit zu übertäuben. Zu
meiner Lust hatte ich die Fremde gekauft, eine von vielen war sie und
sollte sie bleiben. Gleichviel, alle Gedanken gingen nach ihr, die
Hufe pochten ihr Bild aus der Steppe, die Sterne verblaßten vor ihren
Märchenaugen. Ich verfiel ihr, je näher wir Bachara kamen, und mit
einem Gefühl halb Trotz, halb Furcht ließ ich sie zu mir rufen, kaum
daß ich mir Bad und Nachtmahl gönnte.
»Schon ihr Anblick entwaffnete mich. Entgegen meinen gemessenen
Befehlen trug sie ihr verschlissenes Linnen, trug es wie steinbesäte
Seide. Sie berührte nicht den Boden mit ihrer Stirn, kaum merklich
neigte sie ihr Haupt und sah mich mit den ernsten, tiefen Augen an,
daß mir Zorn und Angst die Kehle zuschnürten. Endlich ermannte ich
mich, ergriff sie beim Arm und zog sie neben mich, weiß nicht mehr,
mit welchem rohen Wort, denn ich wollte sie und ihren Stolz verwunden.
Sie verstand mich nicht, nur zu natürlich; außer ihrem Deutsch wußte
sie nur wenige Worte der Lingua Franca, und darin tat sie mir kund,
immer noch meinen Blick mit ihren Augen festhaltend: ›Es ist uns nicht
beschieden, Emir.‹
»Ich wußte sehr wohl, was sie meinte, und so ungezwungen stellte
sie sich neben mich, daß jede herrische Lust mich verließ und keine
Waffe gegen ihre Art mir in Händen blieb, außer der Überlegenheit
der männlichen Kraft. Nun mußt du wissen, Ronald, daß unglückliche
Verkettungen die lasterhaften, grausamen, tierischen Seiten meines
Wesens besonders gefördert hatten; aber unter den Augen dieser
seltsamen Frau sprang Saft in die verdorrten Äste, trieben junge
Wurzeln in heilige Gründe, blühte in mir das Ebenbild Gottes. Solches
begann auf dem Markt zu Damaskus und hörte nimmer auf. Noch schlugen
die Wogen der Leidenschaft hoch, als ich sie an mich riß, doch ihre
wenigen Worte beschworen den Sturm, und wenn ich Beschämung verspürte,
so gewiß nicht wegen meiner Niederlage. ›Wir haben uns etwas zu sagen,‹
fuhr sie fort, angestrengt nach den Worten suchend und nichts von
Triumph verratend, ›doch es wird Zeit brauchen, da es keinen Dolmetsch
verträgt. Ich bitte dich, laß mich nicht fürder bei deinen Dirnen
hausen, sondern gönne mir ein Gemach in deinem Palaste, wo mein Schlaf
nicht von der menschlichen Schande entehrt wird.‹
»Sehr verlegen und mit geröteten Wangen sann ich auf Antwort; fast
kam mir ein Bedauern, diesen unbequemen Willen zu Gast zu haben. Ich
bedeutete ihr, daß viele Augen auf mich gerichtet seien, und ich
sonderlich in Frauendingen nicht tun könne, was ich wolle. ›Warum
nicht?‹ fragte sie kühl dawider. ›Doch sei dem wie immer: hier in
deinem eigenen Gemach bist du doch Herr, Emir von Bachara, und darfst
mir wohl ein ehrenhaftes Lager neben dir gönnen.‹
»Eine flüchtige Glut streifte ihre Stirn und verschönte sie, daß
mein Herz in hellen, reinen Flammen stand. Ich erschauerte in dem
ungekannten Feuer, darin alles Unedle hinwegschmolz; eine Silbersaite
klang in meiner Brust und schwang einen klaren Ton in die Sterne, die
durch unser Fenster schienen. Meine unruhigen Hände dürsteten nach
Beschäftigung, ich häufte ihr ein Lager aus herrlichsten Seiden; voll
Zutrauen legte sie sich nieder und entschlummerte übermüdet, ihre
regelmäßigen Atemzüge durchzogen das Zimmer wie sanfter Taubenflug.«
Emir Jussuf seufzte verhalten, dann füllte ein Lächeln seine strengen
Mienen mit Milde. Ich fürchtete, er wolle seine Erzählung unterbrechen,
und zupfte ihn ängstlich am Kleide. Er drückte mir beruhigend die
gesunde Hand.
»Freund, meine Geschichte ist nicht lang, du sollst sie noch in dieser
Stunde zu Ende hören, soweit sie ein Ende hat.«
Dies Letzte fügte er leiser hinzu, wie für sich, und sah mit
hoffnungsheißen Augen über mich weg in das wolkenlose Blau des Himmels.
Ich verstand ihn erst sehr viel später, und ach, das Ende seiner
Geschichte lag, wie der Anfang, in meinen unglückseligen Händen.
»Laß dir sagen, Freund, ich besinne mich, oft den Schlummer eines
Weibes gestört zu haben, aber damals habe ich ihn bewacht, wie eure
Ritter ihres Herzogs Banner. Es war eine Nacht mit wechselnden Launen:
jetzt kam ich mir großartig, im nächsten Augenblick abgeschmackt, im
dritten schmachvoll übertölpelt vor. Ich spottete meiner selbst, indes
ich der erzwungenen fleischlichen Fasten gedachte, jedoch das Spiel war
neu für meine stumpfen Sinne und fesselte mich. Immerhin schien mir
klar, daß ich in der nächsten Nacht an mein Ziel kommen müßte, sollte
ich überhaupt als Mann bestehen. Denn siehe, Freund Ronald, im Sieg
über das Weib erblickte ich zu jener Zeit meine Triumphe.
»Die Nachtwache und der helle Morgen kühlten meine Gelüste und dämpften
meinen Mut. Ich ließ ihr, die mich freundlich begrüßte, ein Bad
bereiten, und sie entstieg ihm, nun doch in einer lichten Seide, wie
ich sie gebeten hatte, und nahm mit mir den Morgenimbiß. Mir war, als
sei die Lieblingsfrau Saladins, mehr, des abendländischen Kaisers kühle
Gemahlin bei mir zu Gaste; meine Verlegenheit wuchs unter den wenigen
belanglosen Reden, die wir wechselten, und ich fühlte im Herzen am
Stocken des Blutes: hier blieb mir nur Freveltat oder Flucht, da uns zu
dem, was uns im eigentlichen beseelte, die gemeinsame Sprache fehlte.
Mein alter Arzt kam als Retter, er war sprachenkundig wie Salomo. Ich
stotterte von einer dringlichen Reise, befahl sie in die Obhut des
Greises und wies ihr meinen Palast zur Wohnung an. Fort, nur fort und
Atem holen.
»Drei Monde tummelte ich mich auf der Steppe, aber nicht ein Sandkorn
rann durch die Stunde, ohne daß ich ihrer gedachte. Meine Freunde und
Gesellen erkannten mich nicht wieder, aus einem zügellosen Erben war
ein wortkarger, ernsthafter Mann geworden, dessen Leben eben erst im
Anfang stand ... Was ist dir?«
Meine Hand flog wie im Fieber, Nebel wallte mir vor den Augen.
Jenseits einer ungeheuren Schlucht stand die Vergangenheit und winkte
herüber. Wahrlich, klein wie Staub ist die Welt in Gottes Hand und
dürftig ihre Schicksale.
»Nichts, nichts!« keuchte ich mühsam und stammelte von den Anfängen des
Lebens, die sich absonderlich oft wiederholend berührten.
Der Emir sah mich nachdenklich an und fuhr, sichtlich in innerer
Bewegung, fort:
»So kommt auch dem Abendlande die Erkenntnis der Ewigkeit dieses
Erdendaseins? -- Doch laß mich zu Ende berichten, Ronald, obzwar
meine Geschichte nicht gar lustig auf ein Krankenlager gestimmt ist.
Die Sehnsucht -- Wünsche ohne Häßlichkeit -- trieb mich wieder in
mein Haus, ich sah sie, die heiteren Auges mir den Willkomm bot, und
erkannte, daß sie gesegneten Leibes sei. In diesem Augenblick versank
die eben emporgestiegene gute Welt in mir, ich wähnte mich von einer
Dirne, die sich an Schranzen weggeworfen, in der lächerlichsten Weise
betrogen und packte sie rauh bei der Schulter. Sie entzog sich mir
nicht, sie richtete ihre Augen auf mich, und meine sinnlosen Worte
erstarben, die freche Faust löste sich zu einem scheuen Streicheln,
ich neigte den Kopf und ergab mich, bevor ich kämpfte. Der Arzt verließ
lautlos das Zimmer.
»›Dies ist das letzte und beste Geschenk meines toten Gefährten,‹ sagte
sie mit einem eigenen Lächeln, ›und mag uns noch so viel verbinden,
Emir Jussuf, dies werdende Leben türmt eine Schranke, die uns zu
überschreiten versagt ist.‹
»›So fühlst du ein Band zwischen dir und mir?‹ rief ich freudig aus,
alles Trennende vergessend.
»Ihre Augen lagen wie ein Frühlingstag über mir, ich hätte ihr größere
Dinge geglaubt als dies: ›Emir, wir sind einander begegnet, seien es
tausend oder tausendmal tausend Jahre her, und unsere Seelen sind für
immerdar nebeneinander in Gottes bunten Teppich geknüpft.‹
»Die Lingua Franca floß wie ein silbernes Bächlein von ihren feinen
Lippen; für mich, für mich hatte sie die Worte gelernt. Und seit
Ewigkeiten war unser Leben verbunden, würde es für Ewigkeiten sein!
Mohammed, stiege er aus seinem himmlischen Glanze nieder und belehrte
mich eines anderen, Mohammed hätte einen Tauben und Ungläubigen
gefunden.
»›Das ist ein strahlend schönes Wunder,‹ versetzte ich leise, doch
sie: ›Du magst es so nennen. Aber das ist dir kein Wunder, nach der
kurzen Spanne eines armseligen Erdenlebens mit den ewigen Freuden im
himmlischen Saal belohnt zu werden! Wie kannst du an Ewigkeit glauben,
wenn du nicht selber ein Stück von ihr bist, und wo ist da Anfang und
Ende? Dies irdische Gewand ist nichts als das wechselnde, gebrechliche
Gefäß für deine Unsterblichkeit, aus Staub geboren, zu Staub verloren.
Emir Jussuf‹ -- ihre Stimme klang wie goldener Harfensang -- ›du
meinst, du dürstetest nach meinem vergänglichen Leibe, weil er dich
vielleicht schön dünkt und deine Sinne reizt, aber ich sage dir, es
steht besser mit uns, denn unsere Seelen kennen einander.‹
»Es durchschauerte mich, als hätte Gott mich berührt. Ich glaubte in
einer kristallenen Kuppel zu weilen, klar bis in die letzten Tiefen
sah mich die Unsterblichkeit an. Eine junge Sonne ging über meinem
Leben auf, die dumpfe Schwüle irdischer Lust und Leiden löste sich
und gab einer Reinheit Raum, die mich gleich einem lebendigen Quell
durchströmte und erneuerte. Ein Wort der Offenbarung hob mich aus
meiner starren Einsamkeit, nie wieder blieb ich allein. Und plötzlich
ein Argwohn: ›Was hätten wir miteinander gemein? Du, die Christin,
ich --‹
»Ihr helles, gedämpftes Lachen fiel mir in die Rede: ›Vor Christen,
Moslem und Juden war Gott mit zahllosen Namen, und ehe du diese braune
Haut und diese dunklen Haare hattest, sind wir beiden weiß und blond
und blauäugig von den Nordmeeren in diese heiße Sonne gefahren --
Geschwister vielleicht, vielleicht auch Mann und Weib, gewißlich aber
einander vertraut und lieb und eines Blutes. Fällt dir der Glaube so
schwer, Emir Jussuf?‹ fügte sie schelmisch bei.
»›Es muß so sein,‹ gab ich zu, überwältigt von der Erinnerung an unser
erstes Begegnen in Damaskus, das nun auch mir ein Wiedersehen gewesen
zu sein schien. ›Doch sage, wie liebst du mich heut?‹
»Ich harrte auf ihre Antwort wie auf Gottes Gericht; sie wiegte
ernsthaft den feinen Kopf und errötete zart. Ich weiß nicht, Ronald, ob
du ihre Stimme in deinem Gedächtnis bewahrt hast, sie klang warm wie
ferne, schöne Glocken und kannte kein Arg.
»›Darüber grüble ich jetzt nicht,‹ sagte sie leise, ›mein Gemüt ist
verwirrt von dem Vielen, das es in kurzen Monden erduldete. Laß mir
Zeit und bleibe mein Freund, Jussuf; ein Jahr wiegt leicht auf unserem
langen Wege.‹
»Die Art des Abendlandes, daß Frauen und Männer freundschaftlich
nebeneinander hergehen, war mir noch zu wenig geläufig, daß ich sie
nicht erschrocken fragte, ob sie mir ihren Anblick entziehen wolle. Und
sie, munter und zwanglos: Warum sie solches tun solle? Wenn ich sie
nicht mit unerfüllbaren Wünschen plage, wisse sie nichts Lieberes, als
in meinem Palaste zu weilen. ›Im Palaste,‹ bedeutete sie mich und wies
mit ernsten Brauen auf das Frauenhaus; ›du kannst nicht wollen, daß ich
in der Schande untertauche.‹
»Die Schläfen klopften mir vor Scham, in meinem Herzen beschloß ich
sogleich, den Harem und seine Völkerschaften auszutilgen, und dies,
da es Tat ward, war mein erstes Geschenk an sie, das sie vor Freude
erröten machte. Es war zugleich der sichtbare Abschluß einer stinkenden
Vergangenheit, und so bewegte die fremde Frau mein ganzes weites Reich
zum Guten. Aus den demütig ängstlichen Gesichtern um mich her wurden
vertrauende und fröhliche, der Wohlstand im Lande hob sich mit der
Abnahme meiner maßlosen Verschwendung; und ich entbehrte nichts. Statt
in schwüler Liebe weitete ich meine Brust in dem süßen, kühlen Odem der
Nordlandmeere, von denen sie mir sprach, und fremd aller Leidenschaft
wuchsen wir zusammen, sie, ich und das sprossende Kind in ihrem reinen
Leibe.«
Jussuf verstummte; ich weiß nicht, wie ich die Kraft fand, ihn
trockenen Auges zu betrachten. Mein Herz floß in Tränen über, so
stark überwältigte mich die Erinnerung an mein verwandtes, ach, allzu
verwandtes Geschick. Nur daß sich hier Seelen trafen, indes mich
der Engel mit dem Flammenschwerte aus dem Paradiese stieß. Jetzt
verschattete sich sein eben noch verklärtes Antlitz, und mit dunkler
Stimme nahm er seine Erzählung wieder auf:
»In diesem halben Jahr gewann ich die Schätze der Erde, um endlich
doch mit leerer Hand und leerem Herzen an einem Grabe zu stehen. Sie,
die viel voraussah, hatte ihr eigenes Ende nicht erschaut, denn wie
hätte sie sonst diese heitere, wolkenlose Ruhe bewahren können. Mit
heftigen Schmerzen traten die Wehen lange vor der Geburt auf, das Kind
beschrie den Tag, die Mutter sank in Nacht. Sie schleppte sich noch
einen vollen Mond durch ihre Qualen und genoß, den Tod im Herzen, die
Freuden der Mutter, wie ein Verdurstender den endlichen Trank. Da sie
heimging, noch bis zuletzt von Schmerzen gepeinigt, sprach sie, seltsam
zu ihren ersten Worten an mich findend: ›Es ist uns nicht beschieden,
Jussuf. Vielleicht, nein, gewißlich, treffen wir einander später unter
besseren Sternen. Jetzt scheint das Kind dein Schicksal zu werden; halt
es fest, mein lieber, lieber Freund!‹ Sie zog meinen Kopf mit ihren
schwachen Händen nieder und küßte mich zum ersten- und zum letztenmal.
Sie war befreit. Du bist Mönch, Ronald, und kannst nicht ermessen, was
es heißt, die Liebste zu verlieren --«
Hierbei fühle ich noch heute, wie das Blut mir in die gespannten
Wundennarben drang und mein Gesicht mit tausend Martern zerriß. Der
Emir ahnte nicht, auf welch harte Folterbank er mich schnallte, und wie
jedes seiner Worte ein Geißelhieb auf blutige Striemen war. Dennoch
lauschte ich ihm gierig und gewann in aller Verzweiflung Trost in
seinem Schmerz.
»Ich war nahe daran, mich hinterdrein in die dunkle Pforte zu stürzen,
aber der lächelnde Friede ihrer Züge bannte mich auf die Erde, wo
Aufgaben meiner harrten, Aufgaben aus ihrer lieben Hand. Das Kind wurde
all mein Glück, und das Kind wird mein Schicksal.«
Wieder stockte seine Rede, aber die Stirn entwölkte sich, er sah
versonnen, fast heiter aus, als verschwiege er noch ein Letztes,
Schönstes.
»Nannte die Mutter ihr Kind Sobeide?« fragte ich, mich gewaltsam
ablenkend.
»Nein. Sie gab ihm einen traurigen deutschen Namen, den ich zu
verschweigen bitte, sie nannte es Herzeleide. Es war dies, glaube ich,
eine Laune ihrer peinvollen Krankheit, und sie nickte mir freundlich
Gewährung, als ich es für meinen Teil Sobeide rief. Jedoch -- was
fragst du nicht nach dir selbst? Du weißt, daß sie die Gabe der
Weissagung besaß, obzwar mehr in Gefühlen und dunklen Bildern als in
voller Klarheit. Eines Tags, ihrem irdischen Ende nahe, sagte sie
von dir, du würdest mir den größten Dienst erweisen. Ich wunderte
mich dessen, da ich annahm, du seiest sicherlich ertrunken; sie aber
lächelte nach ihrer Art und deutete: ›Deine Lanze wird ihn treffen,
aber nicht verwunden.‹ Dies ist mir geschehen, Ronald, jedoch ahnte
ich den Priester nicht unter Helm und Kettenhemd und glaubte, nicht
einmal nach deinem Namen fragend, an einen Zufall, bis Gott mich eines
Besseren belehrte. Immerhin folgte ich einem zwingenden Triebe, daß
ich dich mit nach Bachara nahm, denn seit Sobeidens erster Amme hatte
ich keine christlichen Sklaven um mich geduldet. Nun hast du mir den
größten Dienst geleistet, den mir ein Irdischer tun kann; du hast die
vor einem entsetzlichen Tode bewahrt, die für mich wächst und die ich
einstmals heimzuführen gedenke. Und nun genug. Ein Imbiß wartet deiner,
und meiner warten die Geschäfte, die du, bist du genesen, brüderlich
mit mir teilen sollst, wenn du nicht wieder in dein Abendland fahren
willst.«
Er rührte mit der Hand an die Waffe auf meiner Decke und schloß:
»Ein Säbel ist ein merkwürdig Geschenk für einen Mönchen; doch siehe,
er fiel von der Wand, als ich die Schatzkammer betrat, und ich nahm den
Wink für eine Wahl. Wer weiß, wozu?«
Rasch entschwand er, verwirrt und verlegen, und noch mehr Verwirrung
und Erstaunen ließ er zurück.
Zehn Jahre meines Lebens trieben in die Ewigkeit. Der Emir blieb
jung, denn er sah in die Zukunft; ich wurde alt, denn ich vergrub
mich in alte Tage. Er forschte meiner Vergangenheit nicht nach --
was sollte ein Mönchsdasein Wichtiges bewegt haben? Eine schöne,
ungetrübte Freundschaft umgab uns, mit lebendigen Armen über viele
Klüfte greifend, und wo sie in kleinen Dingen versagte, reichte
das Kind uns hilfreich die Hände. Aus der knospenden Lieblichkeit
entfaltete sich eine lilienschöne Blüte, bei mir ein Vaterherz
erschließend und randvoll füllend, bei jenem Jugend und Sehnsucht
immer mächtiger weckend. Es wird der Wahrheit nahekommen, wenn ich
meine, der Emir wollte in dem Kinde die Mutter lieben, aber aus dem
gezwungenen Herzen wurde zusehends ein freiwilliges, je weiter Sobeide
in die Jungfräulichkeit wuchs, und aus dem Berechnenden wurde ein
Hingerissener, der sein südlich heißes Blut nur mit Mühe zügelte; denn
trotz ihrer sechzehn Lenze war Sobeide im Herzen ganz Kind.
Wie sehr der Emir von Anfang darauf bedacht gewesen war, seinem Wunsche
keine Hindernisse zu bereiten, zeigt, daß er dem Kinde auftrug, mich
Vater zu nennen. Er wollte keinen Nebenbuhler, zu welchem ein Retter
aus Lebensgefahr selbst aus so fernen Kindertagen leicht werden kann --
wenn er nicht gerade mein verwüstetes und entstelltes Gesicht getragen
hätte. Von all dem abgesehen, kannte er die abendländische Seele nicht
gut genug, um zu wissen, daß ich ihm, den ich liebte und achtete,
nichts von dem Seinen rauben würde. Ach, und dennoch welch ein trüber
Ausgang!
Diese zehn Jahre wiegen alles Elend meines bunten Lebens auf, sie
waren glücklich, rein und reich. Ich lehrte Sobeide mein Wissen und
teilte ihr von meinem Glauben mit, was ich für gut und nötig hielt.
Dabei muß ich erwähnen, daß viele Gespräche mit dem Emir mich von Grund
auf gewandelt hatten. Ich vergaß die Formeln und lebte wie er in dem
unerschütterlichen Vertrauen, der Tod sei nur ein Wechsel des irdischen
Werkzeugs. Wie tief wurde mir da verständlich, daß alle Schuld sich
auf _Erden_ räche! Wie tief, daß alles Schicksal nur ein Prüfstein
Gottes ist. Da verlor mein eigen Geschick seine Schrecken, wie es denn
schon vordem in den seligen Rosentagen neben dem Kinde verblichen war.
Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen. Der Emir war einer der
fähigsten Köpfe, die mir je begegnet sind; in einer stolzen, wilden
Seele barg er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum. Seine
Vornehmheit saß _unter_ dem Kleide und verriet ihn nie, in welche
Lagen er auch durch sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er mit
rührender Freundlichkeit und erwies mir, der ich nur etliche Jahre
älter war, eine schier kindliche Achtung. Seine Diener waren gewohnt,
mich als zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat führte ich oft
während der Abwesenheit Jussufs die von ihm begonnenen Arbeiten weiter,
als sei er der Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften mich,
ich war reicher als je und hätte ein großes Schiff gebraucht, wenn
mich das Gelüst in die Heimat getrieben haben würde. Aber was war mir
die Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit und Jagd, und auch
bei der Heirat Jussufs sollte das alte väterliche Verhältnis bestehen
bleiben, dies war mir zugesichert.