Greif dir den und reite zurück! raunte eine Stimme in mir. Die Beute

heißt Überfahrt mit Mann und Roß; in zwei Monden kannst du schon in der

Heimat sein, und dann --

Mein armes Roß bäumte sich hochauf unter dem grausamen Hieb, es flog

mit pfeifendem Stöhnen über die Grasnarbe; sechs Sarazenen blieben

zurück, der vornehmste aber ritt spielerisch vor mir her, von seinem

adligen Tier wie auf Flügeln davongetragen. Plötzlich riß er das Roß

mitten im Jagen herum, eine Lanze fuhr aus seiner braunen Faust und

traf mich mitten auf die Brust.

Der Atem blieb mir weg, Erde und Himmel kreisten vor meinen Augen, eine

dünne Schlange zischelte über meinem Kopf, schnürte sich um meine Arme;

rasend sprengte der Rappe im Kreise um mich, enger und enger, und jeder

Kreis war eine lederne Fessel um meinen Leib, bis ich, ein hilfloses

Bündel, über einem fremden Sattel lag.

Gott hatte mich ganz verlassen.

Die Glieder schienen mir abzusterben, das Blut füllte meinen tief

herabhängenden Kopf zum Zerspringen mächtig, Jammer und Ekel wuchsen

größer als mein zorniger Mut. Große Dinge mußte die Vorsehung mit

mir vorhaben, daß sie mich also hart prüfte; jedoch dieser Gedanke,

in bitterer Verzweiflung geboren, gab mir keine Hoffnung. Um mein

Schicksal hegte ich keine Furcht, mochte es Tod oder Sklaverei heißen;

aber eben jetzt, da ich noch eine Aufgabe auf Erden hatte, abgerufen zu

werden, konnte ich Gott nicht vergeben. Es erschien mir als das ärgste

meiner seltsam vielfältigen Leiden, wie denn immer die letzte Folter am

schwersten zu ertragen ist.

Eine gute Weile ritten die Heiden, was die Pferde gaben; dann ging es

sorgloser dahin, und ich merkte an ihrem Gehaben, daß die Verfolgung

zu Ende sei. Konnts auch denken, denn Rainald von Chatillons geringe

Reiterschar durfte sich nicht von der Masse des Fußvolks lösen, ohne

in Gefahren zu laufen. Bald waren wir mitten im Gewühl, ich wurde auf

ein ledig Roß gehoben, die Füße wurden unterm Sattelgurt verkettet, und

weiter ging es bis spät in die Nacht. Saladin schien den Kampf völlig

aufzugeben; die paar Brocken der Heidensprache, die ich aufschnappte,

belehrten mich über den Umfang seiner Niederlage, und trotz allem

pochte mein abendländisch Herz höher.

Meiner Körperkraft zu Ehren blieben mir die Arme an den Leib gebunden,

auch als der Trupp zur Nacht absaß. Ich wurde wie ein Bündel alter

Kleider auf die kalte Erde gelegt, und bald schlief alles ringsum bis

auf die Posten, deren Lanzeneisen ich von weitem im Mondenlicht blitzen

sah. Mich dünkte, ich war des Sultans einziger Gewinn vom Tag bei

Askalon, und ein Lachen kam mich an ob solcher elenden Beute.

Der Schlaf mied mich, denn wie ich mich auch wälzte, die Riemen

schnitten schmerzhaft in mein Fleisch und gönnten mir die Ruhe nicht.

Ich überdachte die Reden der Sarazenen, soweit ich sie verstanden

hatte, und glaubte über meinen Bewältiger klar zu sein: es war der Emir

von Bachara, offenbar ein Mann von höchstem Ansehen und Reichtum. Mich

kümmerte das vorerst wenig, ich gedachte seiner nur, um meine gequälten

Sinne zu beschäftigen und abzulenken.

In der Frühe jedoch trat er auf mich zu, ein hochgewachsener, schöner

Mensch im kräftigen Alter, blickte kühl auf mich nieder und sagte zu

meinem höchsten Erstaunen auf deutsch:

»Du kommst nach Bachara, Christ. Versprich, unterwegs nicht zu fliehen

oder sonst gewalttätig zu sein, dann bist du der Fesseln ledig.«

»Es sei,« erwiderte ich spottend, »habt keine Furcht!«

Der Emir hörte dies unbewegten Gesichts, nur ein Winkel seines Mundes

schien zu zucken. Er winkte, die Riemen fielen ab. Aber die Knechte

mußten mich in den Sattel heben, ich konnte nicht einmal auf den Füßen

bleiben.

Immer noch stand der Emir da und hatte eine Frage auf der Zunge.

Endlich hielt es ihn nicht:

»Du müßtest tot sein,« begann er in sichtlicher Verlegenheit. »Warum

fiel mein Speer aus deiner Brust?«

Unwillkürlich faßte ich nach der Stelle; das Kettenhemd war zerlöchert

und zerschlissen, ich konnte mit dem Arm hindurchfahren. Jedoch unter

dem Leinen fühlte ich, verbogen und halb zerschnitten, die Münze meines

Bruders und errötete bis unter das Haar.

»Seht!« Heiser fuhr mir der Ton aus der Kehle.

Der Emir warf einen flüchtigen Blick auf das verbeulte Blech und

sprengte an die Spitze seines Zuges. Wir ritten.

Plötzlich fühlte ich eine Hand aus den ewigen Höhen niederreichen und

mein Herz berühren, fühlte ein Band aus dieser Wüste unsichtbar in

die Heimat gehen, eine hauchfeine Kette zwischen mir und jener armen

Mutter, die eine Sommernacht lang meines Vaters Spiel gewesen.

Stumm senkte ich den Kopf, die Tränen liefen mir in den Bart.

Zweites Buch

Ich war gefangen, gefangen im Paradiese. Die Wunder des Morgenlandes

dufteten, glühten, rauschten um mich her, inmitten immerblühender

Zaubergärten ragten schimmernde Paläste, dämmerten verschwiegene

Lauben, sangen bunte Vögel -- Wirklichkeit war auf einmal der nie

erfüllte Nordlandstraum vom ewigen Licht. Sie fragten mich, was ich

könnte, und ich wurde in die Gärten gestellt, in flammende Märchen

getaucht, hatte Freiheit, so weit die Mauern um das Paradies, hatte

Brot, Lager, Himmel, Sonne.

Wenige Wochen zuvor hätte mir das Herz gejubelt, heut schlug es kalt

in aller Pracht und Herrlichkeit. Der Emir blieb unsichtbar; von

Sklaven aus dem Abendlande sah ich nichts; die heidnischen, mit denen

ich arbeitete, wußten nur wenige Worte Fränkisch. Es war gut. Ich

war gezwungen, ihre Sprache zu erlernen, auch meine Gedanken waren

dergestalt gefangen, solange es tagte. Nachts lag ich todmüde auf

dem Lager, hatte meine eigene Hütte, meinen eigenen Herd, denn die

Sarazenenküche widerte mich an. Ich arbeitete das Zehnfache dessen,

was die Heiden trieben, ich wollte nicht denken. Sie überließen mich

achselzuckend meinem Tun; auch hier ward ich keines Freund, keines

Feind. Vielleicht wäre mir Flucht leicht geworden, aber ich wußte nicht

mehr, wozu. Die Heimat mit ihren Gestalten wich ferner, mein Haß gegen

den Bastard verebbte, ich suchte den Mann zu verstehen, und fand am

Ende nichts zu verzeihen. Mein Herz, das heiß und leidenschaftlich

mit Gott verbunden zu sein wähnte, sah das Ewige fortan durch eine

klare Flamme; losgelöst von den Formen der Gemeinschaft, wurde ich

eine Kirche für mich und gewann einen stillen, tiefen Glauben. Dies

kam nicht von heut auf morgen, aber in drei endlosen Jahren der

Welteinsamkeit. Und doch standen noch Stürme vor meinem Hause, und doch

hatte der Kampf um meine Seele erst begonnen.

Nach und nach erfuhr ich einiges über den Emir von Bachara und

erhielt das Bild eines außerordentlichen Mannes. Der älteste Aufseher

liebte es, meiner Arbeit zuzuschauen, seine greise Geschwätzigkeit

unterrichtete mich über Dinge und Menschen lebendig wie ein sprechendes

Bild.

»Vor fünf Jahren, Christ, hättest du nachts nicht gewußt, wohin

deine Striemen betten. Der Herr -- Allah erhalte ihn uns! -- schwang

die Peitsche, seine nächsten Diener peitschten uns, wir peitschten

die Sklaven. Der Fluß dort hinter der Mauer kann erzählen, wieviel

verdorbenes Menschenfleisch in seinen Schoß versenkt worden ist. Da« --

er stieß den Daumen über die Schulter nach dem Harem, dessen verhangene

Fenster niemals geöffnet wurden -- »da wimmelte ein Ameisenhaufe von

Völkerchen; und jetzt kannst du Ohren haben, die das Gras wachsen

hören, du lauschst vergebens auf den zierlichen Tritt einer schlanken

Gazelle.«

Hierbei dämpfte er die Stimme und sprach wie aus Grüften, das runde

Gesicht verzog sich zu einem schwermütigen Trauerlied und malte

ergreifend das entvölkerte Lusthaus.

»Du hast die Ehre gehabt, meinen Herrn mit deinen ungläubigen Augen zu

betrachten. Sage, Christ, gibt es in der ganzen Welt einen schöneren

Mann?« Und fuhr fort, ohne den kleinsten Augenblick auf eine Antwort,

die ihm selbstverständlich schien, zu warten: »Die weißen Sklavinnen,

die ihm zugebracht wurden, schmolzen vor seinem Antlitz wie Tau in der

Sonne, bis auf eine. Christ, ich habe sie gesehen, denn sie verschmähte

den Schleier; sie war keine Lilie an Schönheit, aber an Blässe; nur

wenn sie ihre Augen auftat, dann versank alles, Erde, Meer und Himmel,

in diesen leuchtenden Tiefen. Du schautest in sie hinein wie durch zwei

Fenster, und innen strahlte und schimmerte es wie in Allahs höchstem

Freudensaal. Und wiederum, blickte sie auf dich, so blieb nicht eine

winzige Schlechtigkeit in deinem Herzen, die süßen blauen Flammen

brannten alles klar.«

Der alte, närrische Kerl spitzte seinen Mund und riß die schwarzen

Augen weit auf, aber das Bild dieser wunderbaren Frau zu schaffen

gelang selbst ihm nicht. Jedoch das feiste Schelmengesicht verlor seine

Sattheit und bekam einen schier edlen Zug, derweil von dieser Frau aus

Nordland die Rede war, die den Herrn mitsamt den Dienern bezaubert

hatte. Mir zog es eigen durch das Herz, darin Aleit ihre stille,

heilige Kammer hatte, und aus der Begeisterung dieses greisen Kindes

leuchteten ihre Augen auf mich nieder.

»Christ, ich sage dir, das gab ein Aufräumen und Reinemachen! Um dieser

blassen Stirn willen mußte der ganze Harem wandern, und schließlich

saß unser Herr da und hatte ein einsames Lager. Denn die blonde Frau

gab einem Kinde das Leben und schied bald hernach aus dieser Welt. Wir

warteten alle gespannt auf das Ende der Totenstille, aber es gab kein

Ende. Der Herr läßt das Haus verfallen bis auf Sobeidens Flügel, die

Peitschen vermodern, die weißen Sklaven wurden freigelassen bis auf

eine Amme, die ist jetzt auch weg; das Kind wird von einer Negerin

betreut, einem wahren Drachenweibe! Ich wundere mich, daß du hier bist;

der Herr sieht eure Haut nicht mehr gern, nur bei einer macht er eine

Ausnahme.«

»Das Kind?« fragte ich erstaunt. »Ist es denn --«

»So weiß wie du an deinem Halse, Christ, denn der blonde Meerstern

trug es schon, als er in unsere Hütte schien. Der Herr hat dessen kein

Hehl, aber er hängt dennoch an dem kleinen Ding mehr als an allen

seinen Schätzen und liebt es wie sein eigen Blut. Stundenlang spielt

er Kind mit dem Kinde im Frauengarten, ein Anderer, Verwandelter, ein

Bezauberter. Christ,« rief Abdullah plötzlich, »er ist verhext, glaub

es mir. Ein Mann von eben dreißig, und hängt sein saftig Leben an eine

Erinnerung!«

Darauf konnte ich wahrlich zuletzt etwas erwidern. Mein Leben war

nichts als Erinnerung.

»Sage, hast du Weib und Kind in deiner Heimat?«

Selben Augenblicks wurde er abgerufen und wartete meine Antwort nicht

ab. Er hätte auch keine erhalten. In einer Art Lähmung blieb ich in dem

spitzen Schatten der Zeder sitzen und starrte auf die gelbe Lehmmauer,

dahinter das Kind der toten blonden Frau seine Märchenjugend genoß. Ein

Sehnsuchtsweh ergriff mich nach einem Menschen meiner Rasse, meines

nordischen Geblüts. Das stählern blaue Gewölbe des wolkenklaren Himmels

über mir trieb mir das Heimweh nach Wolken, Meer, Haide und Wald in das

dürre Herz.

Was sollten mir Wolken und Land und See, da ich Aleit verloren hatte.

Und dennoch -- tief innen glühte eine Fackel für die Erde, die mich

geboren, glühte sonder Nahrung durch Frauenliebe und Minneglück, von

einem uralten, nimmer erloschenen Feuer genährt.

In dieser Nacht schlief ich nicht. Abdullah, dem es oblag, den Garten

zu schließen, hatte mir seit langem den Schlüssel vertraut -- es waren

über der Mauer nach dem Harem keine Früchte mehr zu naschen. Ich

aber saß droben auf den unkrautbewachsenen Steinen und suchte hinter

den schwarzen Büschen, ob nicht ein Kindergesichtchen schelmisch

hervorluge, ein lebendiges Stückchen Abendland, ein Tropfen Bluts aus

nordischer Heimatwelle.

Nichts regte sich. Der Mond glitt silbern über verwehte Spuren der

Liebenden. Das Kind schlief seinen guten Schlaf auf seidenem Pfühl.

Ich hatte eine neue Beschäftigung: das Kind zu belauschen. Stundenlang

hockte ich in dem breiten, dichten Geäst eines Walnußbaumes, der über

die Gartenmauer sah, und spähte in die Wildwuchsheimat Sobeidens. Ein

klares blondes Flämmchen sprühvoll Lebens und zugleich ein stilles,

blaues Märchen über Blumen und bunten Gräsern. O wie weh tut Armut!

Hätt ich alle Schätze Salomos, ich gäb sie hin, um das Kind einen

Herzschlag lang an meiner Brust zu fühlen. Jedoch auch so waren die

verschwiegenen Stunden des Lauschens Glück genug; meine Einsamkeit war

gebrochen, meine Gebete ein trunkener Rausch, ein seliges Ringen mit

Gott um Segen für dies geliebte, zärtliche Köpfchen. Das Kind hielt

mich stärker als alle Fesseln. Mit Schrecken sah ich die Regenzeit

herannahen -- Regenzeit, Tage und Wochen der Einsamkeit! Das Kind würde

mir geraubt werden, all meine armselige Luft. Ich fühlte, wie es mein

eigen ward, wie ich es liebte mit jener blinden, mütterlichen Glut, die

Männerherzen sonst nicht beschieden ist. Der Emir allerdings -- jedoch

er war in Geschäften des Sultans nach Ägypten, im Frauengarten sah ich

ihn nie. Auch er ward mit der Regenzeit erwartet, und die Eifersucht

quälte und verzehrte mich lange zuvor. Er, der Ungläubige, durfte auf

gestickten Kissen mit meiner Freude tollen, er fing mit ihr die bunten

Federbälle, jagte durch die hohen Räume des Harems den schlanken,

leichten Reifen nach und ließ von den grünen, schillernden Papageien

Märchen erzählen, die er übertrug. Vielleicht sprachen sie Deutsch

miteinander, die blonde Frau sollte aus Deutschland gekommen sein;

aber im Garten, mit der schwarzen Sklavin, floß nur die Heidensprache

süß und fertig von den Kinderlippen, kein Ausruf einer jähen Bewegung

zeigte ihre Herkunft an.

Eines Tags stürzte Abdullah schnaufend über den Rasen und meldete die

bevorstehende Ankunft des Herrn. Fieberhaft wurde gerüstet, Tausende

von Blumen wurden in Kübel getopft und in den Palast getragen, alle

Hände waren vollbeschäftigt, der Garten scholl von Arbeitslärm, ich

konnte nicht daran denken, unbeobachtet in mein Versteck zu klettern.

Der Herr kam und nahm mir meine Lust, denn wie sollte ich es ertragen,

daß ein Fremder mein süßes Kind in den Armen hielt und hätschelte,

indes ich verdurstete.

Düster starrte ich auf die Karren mit Beute oder Geschenken,

hochbepackt, gesättigten Reichtums kamen sie angefahren. In Käfigen

saßen wilde, fremdartige Tiere, ihr Geheul zerschnitt mir die

Nachtruhe, aber ich wollte ohnehin wachen, um mit dem frühesten auf

meinen Baum zu steigen, die Kleine zu erwarten. Morgens, wußte ich,

war ihre Stunde; dann neigte sie mit lieblicher Gebärde die schönsten

Blumenkelche gegeneinander und vermischte ihren blitzenden Tau -- eine

Blütenhochzeit voller Jugend, Anmut, Sonne; nie werde ich diese Bilder

vergessen.

In der Nacht war der Emir eingetroffen, gewiß würde er noch um die

frühe Stunde von den Anstrengungen der sehr weiten Fahrt schlummern

und ließ mir ein ungestörtes Glück. Aber auch sein erster Gedanke war

Sobeide, das sah ich, als ich meinen Baum erklommen hatte und über die

Mauer blickte. Sklaven liefen eifrig in dem morgendlichen Garten umher

und zimmerten einen grünen Baldachin; goldgestickte Ruhepolster lagen

schon bereit, der Marmorbrunnen sprudelte wieder.

Vom Hof des Hauptpalastes erscholl das Geschrei der Bestien mit

einemmal lauter, plötzlich überschrien von einem wilden menschlichen

Entsetzen. Die Arbeiter unter dem Baldachin stutzten und rannten

hinaus. Ein dumpfes Brüllen erschütterte die Luft, langsam trat durch

das offene Tor ein Löwe in den Frauengarten, und mit ihm waren die

Mauern jäh belebt von erregten Köpfen. Die schweren Flügel krachten zu,

die Balken dahinter fielen in die eisernen Klammern, hier und da schon

löste sich der Schrecken in ein heiseres Lachen über das gefangene

Tier. Aber jetzt ward eine Stille, als hielte Gott den Atem an. Die

Tür des Frauenhauses öffnete sich, das Kind sprang nichtsahnend über

die Schwelle, sah den Baldachin und klatschte jubelnd in die Hände. Ich

fühlte mein Herz nicht mehr, meine Augen verdunkelten sich. Mit einem

Sprung stand ich auf der Mauer, flog in den Garten, stand jählings

versteint in rasender Angst. Das Kind hatte den Löwen endlich gesehen

und sank bleich und zitternd in die Knie. Zögernd streckte sich das

Tier, fegte mit dem Schweif nachlässig den Boden. Meiner ward es noch

nicht gewahr; ich wußte nicht, was beginnen, entschlossen jedoch, bei

der geringsten Bewegung mit den nackten Fäusten wider die Gefahr zu

springen. Da tönte ein leises Zischen neben mir, eine Lanze bohrte sich

in den Boden, handgerecht, mit schwingendem Schaft. Mir war wie in der

Schlacht, Blut rann mir vor den Augen, mit einem Sprung stand ich neben

dem Löwen und jagte den Speer in die gelbe Flanke, mit solcher Wucht,

daß die Spitze an der anderen Seite herausfuhr und in die Erde drang.

Der Schaft brach in meinen Händen, ich fühlte einen furchtbaren Hieb

mitten ins Gesicht, sah ein Blitzen lang den zottigen Nacken und schlug

die Arme um den Hals der Bestie, so mächtig meine Kräfte waren. Es war

ein Kampf, in welchem mir Zorn und Liebe mehr halfen als meine Stärke.

Ich sah nichts mehr, meine Augen waren von Blut verklebt; ich schrie

nicht, meine Zähne bissen sich in die zähe Haut des Gegners. Plötzlich

schien der Himmel offen zu stehen, Drommeten schmetterten jubelnd

aus lauter Licht. Vorsichtige Hände suchten meine Arme zu lösen,

Fließendes, Kühles legte sich auf meine Stirn. Ich stammelte noch halb

von Sinnen:

»Das Kind! Wo ist das Kind?«

Ich stand in Dunkel und Blut; plötzlich raste es in mir auf, ich sei

blindgeschlagen, riß das Tuch von der Stirn, sah das Licht und ein

blondes Köpfchen, und lachte und schluchzte selig ermattet.

»Ruhe, Christ!« sagte der Emir neben mir leise, faßte mich um den Leib

und trug mich mehr als er mich führte auf ein Ruhebett. Da lag ich auf

den golddurchwirkten Polstern des Kindes, und meine Seele sang ihren

seligen Dank, indes der Schmerz ungezählter Wunden stetig wachsend

mich an die Erde erinnerte. Kopf und Gesicht brannten wie in glühenden

Kohlen, jeder Pulsschlag trieb Dolche in meine Stirn, ich konnte ein

Stöhnen nicht unterdrücken. Der Arzt des Emirs war um mich bemüht,

wusch meine Wunden, wickelte mich in Verbände, auch die Augen. Ich biß

die Zähne aufeinander, wollte keine Schmerzen zeigen, denn das Kind

hatte sein schmales, kühles Händchen in meine heiße Faust gelegt, und

ich hielt es in der hohlen Hand wie ein Rosenblatt und wagte nicht, es

zu drücken.

»Ein Mann von Eisen!« hörte ich den Arzt sagen. Mir kam ein Lachen in

die Kehle: dies Eisen hatte sehr, sehr weiche Stellen. Er träufelte mir

ein bitteres Wasser in den Mund, ich schluckte notgedrungen und hörte

ihn noch einmal wie aus Fernen:

»Schlaf ist das Beste. Es ist ein Wunder --«

Mehrere Tage sah ich nur den Arzt an meinem Lager, das im Palast

aufgeschlagen und wie das eines hochgeehrten Gastes war. Da ich

sprechen wollte, winkte mir der Greis Schweigen und zeigte mir in einem

silbernen Spiegel meinen Kopf: aus einem Knäuel weißer Binden lugte nur

ein Auge, sonst nichts. Der linke Arm, beide Beine waren eingepackt;

Schmerzen verspürte ich nicht, sprechen konnte ich nicht, die Kiefer

waren vom Verband fest aufeinandergepreßt. Der alte Mann erriet meinen

fragenden Blick.

»Du wirst völlig wiederhergestellt, Christ; auch das andere Auge hoffe

ich zu retten. Dein Glück wird so groß wie deine Tapferkeit sein, oder

fast so groß, denn ich habe in meinem langen Leben keinen kühneren Mann

gesehen als dich. Deine Sklaverei ist zu Ende, du wirst beschenkt wie

ein König in deine Heimat ziehen, ohne Sorge dein Leben lang, und du

verdienst es wahrlich.«

Ich zuckte unter den Binden schmerzhaft zusammen: dies dünkte mich ein

schlechter Lohn, wenn ich überhaupt Lohn verdiente, das Kind zu lassen,

um in eine geraubte Heimat zu fahren. Ich streckte die Hand aus und

deutete dem Greise die Scheitelhöhe meines Lieblings an; er verstand

mich sogleich.

»Hab Geduld, Christ, eine Woche noch. Sie würde zu sehr erschrecken,

sähe sie den Retter so elend. Sie freut sich sehr auf dich und plappert

den ganzen Tag von ihrem Riesen.«

Eine Woche noch, sieben lange Tage, sieben lange Nächte! Aber sie

plauderte von mir, sie hatte mich nicht vergessen! Wie weit mochte der

Emir in seiner Dankbarkeit gehen? Ich malte mir ein herrliches Leben

aus: täglich durfte ich ihr Blumen bringen, sie sehen, mit ihr sprechen

-- ach, nur ein Ave lang!

Wie elend schleppten sich die Stunden, die Zeit stand still. Vielleicht

vergaß sie meiner in sieben langen Tagen über ihren bunten Spielen,

über den tausend Dingen, die ihr der Emir aus Ägypten sicherlich

mitgebracht hatte. Ich mußte den Arzt fragen, abends, wenn er mir den

Brei aus Eiern und süßem Wein einflößte; aber der Arzt beschwor mich,

den Mund nicht zu bewegen, um die Narben nicht aufzureißen. So ergab

ich mich denn, innerlich seufzend, und harrte auf den nächsten Morgen,

wähnend, er müsse mir den Verband erneuern. Jedoch im Wein war ein

Schlafmittel, meine Binden wurden gewechselt, ohne daß ich es merkte.

Dann endlich kam der siebente Tag.

»Die Kleine?« deutete ich mit der flachen Rechten an, und der Weise

lächelte verstehend.

»Wir werden sehen, Christ. Der Emir bringt sie, wenn unsere Rechnung

richtig ist und deine Wunden es gestatten.«

Er dämpfte das Licht mit Vorhängen und löste mit geschickten Händen den

Verband. Neugierig hob ich das Lid des anderen Auges, es schmerzte

ein wenig, die Farben rannen vor meinem Blick ineinander; erst

allmählich gewöhnte es sich zu seinem Dienst. Ich versuchte einige

Worte, aber sie klangen heiser vor Schmerzen. Meine Wangen waren wie

von Nadeln zusammengekrampft, von den Schläfen zum Kinn schien eine

stachelbesetzte Klammer zu liegen; hilflos sah ich auf den Arzt und

deutete ihm, den Spiegel zu reichen.

Er gab die Silberplatte zögernd herüber; wie ein Träumender stierte ich

in ein Gesicht, das nicht mehr menschlich, das kaum noch ein Gesicht zu

nennen war. Das Nasenbein war völlig zertrümmert, die fleischigen Teile

zerfetzt und nur ein blauroter Stumpf mit blutverklebten Löchern, die

Wangen verschwunden, vom Scheitel bis zum Kinn nur furchtbare Wunden

mit schlecht verharschten Rändern. Ein Wunder, daß Mund und Augen auf

diesem Schlachtfelde lebten, wenn auch die Lippen nur mit Mühe die

Worte bilden konnten. Daß einige Zähne fehlten, merkte ich erst später,

der Mangel des Bartes fiel mir überhaupt nicht auf.

»Gott sieht das Herz an,« sagte der Heide sanft. »Kurz ist der

Erdentag, du wechselst ihn wie ein Gewand oder wie bestaubte

Reiseschuhe. Möge dein nächstes Leben reicher geschmückt sein!«

Ich verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen. Meine Augen füllten

sich vor Leid: nie wird die Kleine mich ansehen, nie mich lieben

können, so grausam häßlich, so widerlich wie ich war. Und als ihr

Füßchen über den Gang trippelte, riß ich das Laken bis zur Augenhöhe

über mein zerrissenes Gesicht, und das Herz bebte mir wie einem Buben

in erster Liebe. Ich hörte den festen Schritt des Emirs neben ihr, und

schon standen die beiden an der Schwelle; tief beugte sich der Arzt zu

Boden. Der Emir hatte einen überaus kostbaren Säbel in der Hand, die

goldene Scheide war mit den herrlichsten Farben ausgelassen, der Griff

funkelte von Steinen. Er legte ihn auf mein Bett und sagte:

»Friede sei mit dir! Nimm dies Zeichen der Freiheit und sei fortan mein

Freund, mein Bruder.«

Er hob das Kind, das ich nicht aus den Augen ließ, vor mein Gesicht,

und die kühlen, süßen Kinderlippen berührten meine Stirn.

»Hab Dank, du tapferer Christ!« läutete das feine Stimmchen in einem

wunderlichen Deutsch. Ich lächelte vor Glück, aber sie sah es gottlob

nicht, denn mein verstümmeltes Lachen mußte einen schrecklichen

Anblick gewähren. Der Emir deckte einmal flüchtig das Tuch auf, eine

Wolke flog über seine Stirn, er wandte sich schweigend ab.

Das Kind saß auf meinem Lager, sein Händchen lag in meiner Rechten.

Es plapperte und fragte und wollte wenig Antwort. Ob der böse Löwe

mich sehr geschlagen, ob ich Schmerzen hätte. Ob ich Federball spielen

könnte und wann ich aufstehen dürfte. Ich sagte nichts, ich wollte das

Kind nicht mit der knarrenden Stimme erschrecken und lachte es nur mit

den Augen an.

»Du darfst mit mir spielen, sagt Jussuf.«

Die irdische Unsterblichkeit: Roman · 第 3 / 9 段