Gerettet? Ach, wir lebten, und wo wäre ein Leben ohne Hoffnung! Noch

wogte die See erregt und gepeitscht, aber der Regen war vorüber, die

Blitze verflogen. Wir trieben ohne Anstrengung an dem Holze, die

Kraft meiner Fäuste war ungebrochen. Jedoch bald begann ich sie um

ihre Ohnmacht zu beneiden, denn ein Durst plagte mich, den ich kaum

bezwingen konnte. Wie die meisten der Armen auf unserem Schiff hatte

ich meine irdische Habe bei mir; das umgeschnallte Ränzel lächerte

mich fast. Es stak eine zinnerne Flasche mit Wein darin, doch ich

konnte sie nicht erreichen, ohne Gefahr zu laufen, Frau Gertraude zu

verlieren, und aufs neue setzte mich das Schicksal mitten in einen

Kampf, dessen Schlachtfeld meine Seele war. Ich suchte meine gierigen

Sinne abzulenken, indem ich das marmorstille Antlitz betrachtete. Linie

für Linie lernte ich es auswendig und prägte es meinem Herzen ein,

den ranken Ansatz des Halses, die Goldkette mit dem Braunschweiger

Löwentaler, die zarten Hügel der Brust -- ich ermattete mich mit

Schwimmstößen, ich schloß die Augen, aber der Durst knechtete mich und

würgte mir die Kehle, daß mir das Blut von den zerbissenen Lippen rann.

Gierig schlenkerte ich die roten Tropfen im Munde umher, vergebens.

Glühende Bilder tanzten vor meinen Augen, ich fühlte meine Kräfte

nachlassen.

Rief wer? Die taumelnden Sinne rafften sich noch einmal auf, die

Blicke flackerten über die Wogen -- ein Segel, seltsam geformt, ein

Schiff mit voller Leinwand, riesig und dunkel gegen das Licht, stürzte

auf uns ein. Ich sah einen tollen Wirbel fletschender Zähne und

schwarzer Gesichter, ein Tau sauste auf mich nieder, ich griff es,

packte Gertraude, ich flog mit ihr jäh in die Sonne. Arme streckten

sich, ein Schlag donnerte dumpf auf meinen Schädel, und wie ein Stein

schoß ich wieder in die Tiefe, allein, unendlich einsam, erlöst.

Die Sinne fielen von mir ab.

Ob die Wogen, ob Menschenhände mich ans Ufer trugen, ich hab es nie

erfahren. Genug, Brüder vom Deutschen Orden fanden noch Leben in mir

und schleppten mich mit gen Jerusalem. Neun Tage darauf erwachte ich

aus wirren Fieberträumen, sah mich auf reinlichem Lager in einem

hellen, freundlichen Gemach. Ein greises Antlitz schaute mich wehmütig

an, seufzte und siegelte die Lippen mit dem Finger. Eine Schale wurde

mir gereicht, die ich durstig leerte; übermüdet schloß ich die Augen

und versank sogleich in tiefen Schlummer.

Anderen Tags war meine Stirn klar, die Erinnerung brachte das Verlorene

wieder, ich atmete die Luft des Lebens beseligt ein. Ich bemerkte, daß

der alte Mann sein Lager neben dem meinen aufgeschlagen hatte; er erhob

sich, als er mich munter sah, wusch mir Gesicht und Hände und holte

den Morgenbrei für uns beide. Es war ein weltlicher Bruder des Ordens,

ein Edler von Burgberg, und seine traurige Stimmung erklärte sich mir

bald: er war der Vater Gertraudens, von der in meinen Fieberreden

schreckhafte Bilder flatterten. Ich tröstete ihn, wie ichs vermochte,

ich schwor, sie sei lebendig an Bord eines Schiffes gelangt, jedoch er

schüttelte verzagt den weißen Kopf.

»Besser tot als in der Gewalt der Heiden oder gar --« er verschluckte

einen Fluch und preßte die Faust stöhnend an die Brust.

»Besinne dich! Besinne dich!« rief er ein über das andere Mal, »waren

nur Heiden an Bord? Sahest du keinen Kreuzeswimpel über den Masten?«

Ich ahnte, welche Antwort seine Vaterangst begehrte, und selbst wenn

ich ein Kreuz gesehen hätte; ich würde es ihm verschwiegen haben.

»Gut, nur gut!« murmelte er. »Alles, nur keine Templeisendirne!« Seine

heißen Augen trafen mich: »Ich bin dir Dank schuldig, Ronald, du hast

wahrlich deine letzte Kraft darangesetzt, mein Kind zu retten. Daß es

so gelang, hat Gott beschlossen; gesegnet sei sein unerforschlicher

Wille. Aber zu dir --«

»Herr,« unterbrach ich ihn beschämt, »Ihr seid mir nichts schuldig;

ohne Euch dörrte ich jetzt im Ufersande.«

»Du irrst, Ronald, nicht ich habe dich gefunden. Du fiebertest und

nanntest den Herrn von der Wilze; da erst riefen sie mich. -- Was

willst du nun in diesem Lande beginnen? Hast du Verwandte, Freunde,

Ordensbrüder? Hier heißt alles Geld, mein Freund, das Heilige Land ist

ein einziger Marktplatz.«

»Weder Geld noch Freunde, Herr. Ich gedachte am heiligen Grabe zu beten

und die Verwundeten zu trösten. Gott wird mich schon ernähren.«

Der von Burgberg seufzte.

»So reden sie alle; zu Tausenden lungern sie tatlos im Lande, zu

Tausenden sterben sie dahin. Verwundete? Die Kämpfe ruhen ja! Unsere

Führer feiern Feste und lassen den Sultan einen Kreis um das Land

ziehen, wie den Strick um den Hals eines Schächers.«

Wütend sprang er auf, sein weißer Bart sträubte sich vor Zorn.

»Bei allen Heiligen, glaubt ich nicht noch an Treue, so wollt ich

schwören, die Herren und Fürsten verrieten uns an die Heiden. Nur die

Narrheit oder der Frevel kann so blind sein. Ich sage dir, Freund

Ronald, wir verderben hier, und mein Deutschland -- aber was soll dich

das bekümmern! Du bist ja wohl irgendwo in Frankreich zu Hause; können

auch Französisch sprechen, wenn es dir lieber ist. Nicht gerade gern,

denn ich hasse diese verlogene Zunge, darin die Templer ihre Meineide

tun. Will dir was sagen, Ronald, bleibe beim Deutschen Orden! Wir

haben mehr als reichlich Arbeit für willige Hände; beim Hospital, beim

Handwerk, in den Wein- und Obstgärten, überall fehlen die Tüchtigen,

bloß das Geschmeiß wimmelt wie die Ameisen, nur nicht so tätig. Kannst

mir glauben, Ronald, Gott sieht lieber, wenn ihm mit der Hand statt nur

mit dem Munde gedient wird; es laufen schon zuviel von euch Geschorenen

in der Welt umher und stehlen ihre Tage. -- Laß dir Zeit mit der

Antwort, ruhe, wie du magst, betrachte die Stadt mit ihren wundersamen

Heiligtümern und schandbaren Lasterhöhlen, und dann sag mir frei deine

Meinung.«

Damit ließ mich der wackere Mann allein, und die Langeweile besuchte

mich sicherlich nicht, so voll war mir Kopf und Herz.

Mit einem Trüpplein von Herren und Knechten war ich jordanaufwärts

nach den Besitzungen des Deutschen Ordens südlich des Sees Tiberias

unterwegs. Ich hatte mich als Gärtner verdingt, ohne anderen Lohn als

die tägliche Notdurft; ich konnte gehen, wann ich wollte. Meine Seele

schrie nach Einsamkeit; der Aufenthalt in Jerusalem, bis zum letzten

Augenblick ersehnt wie Gottes Liebe, hatte das Blut in meinen Adern

ausgetrocknet. Nichts gegen das heilige Grab, nichts gegen die Stätte,

da Sein Fuß gewandelt -- aber ach, wo wäre der Mund, der heute die

Wechsler und Händler aus seinem Tempel triebe! Um das Erhabene der Erde

kreischt ein gellendes Marktgeschrei, blüht ein ungeheurer Schwindel,

schachern Juden, Heiden, Christen in widerlichem Wettbewerb um das, was

ihnen die Krone des Lebens heißt: Gold.

Hier, hier hatte ich Erlösung gesucht! Ich konnte nicht beichten,

konnte kaum beten. Wie sollte mich ein Menschenwort vom Fluche lösen?

Zweifel, schlimmer, quälender als meine Schuld, trieben mich von der

heiligen Stätte; mein Glaube wankte nicht, aber er überflutete und

brach die alten Formen und fand kein neues Gefäß, rein und köstlich

genug, ihn zu bergen.

In kopfloser Überstürzung nahm ich die erste Gelegenheit wahr, den

Menschen fern zu sein. Den Menschen und den Häusern, denn mir schien,

es knisterte im Gebälk der Paläste, es ächzte in den mächtigen Mauern

der Kirchen; das Gespenst des Untergangs schritt mit der Frechheit des

Lasters dreist und offenbar über die Gassen.

Menschen konnten mir nicht helfen, das erkannte ich, ohne meine Sünden

gegen die der anderen abzuwägen. Mir, dem Beichtiger, waren auf dem

lübischen Schiff Dinge vertraut worden, die vielleicht vor einem

unbefangenen Richter teuflischer und gemeiner als meine Tat galten;

nicht vor mir. Ich konnte niemanden fürder verdammen.

Die einfache Arbeit in der Siedlung tat mir wohl, das Blühen und

Wachsen der stummen Geschöpfe, die in meiner Obhut waren, erfüllte

mich mit bescheidenem Vaterstolz. Unverdrossen trug ich die Kette der

täglichen Wassereimer über das unersättliche Land und empfand einen

demütigen Zwang, Besseres zu leisten als meine Gesellen.

Verkehr suchte und fand ich nicht; mein Wesen galt, ohne daß es mir

damals zum Bewußtsein kam, als hochmütig. Indessen habe ich gelernt,

daß die Gesellschaft Verschlossenheit und Absonderung nicht liebt.

Nur gegen Fremde, von denen ich hörte, daß sie meine Heimat berührt

hatten, zeigte ich mich lebendiger und forschte sie vorsichtig nach

dem und jenem aus, traf aber niemand, der Wissenswertes wußte. Als

jedoch Saladin stärker gegen das morsche Königreich Jerusalem zu

rennen begann und die Bächlein der abendländischen Ritterschaft wieder

kräftiger anschwollen, sandte mir Gott eine Botschaft des Glücks und

der Verzweiflung zugleich.

Ich war in meinem Rosengarten -- eine leichte, duftende Freude neben

meinen Pflichten -- und versuchte mich in der Veredlung, wie sie mich

ein sarazenischer Sklave gelehrt hatte. Eine wundervolle, saftigrote

Knospe war eben aufgesprungen und duftete süß und hingegeben in den

laulichen Tag. Da tönten Stimmen hinter dem Geheg, Meister Otfried

näherte sich mit Fremden, und bald erfüllte eine fröhliche Runde

französischer Herren meinen Garten. In meiner Schöpferfreude zeigte ich

die neue Züchtung; sie ward gebührend bewundert und berochen, und einer

der Herren sagte mit Lachen:

»Ich wüßte einen schönen Namen für dies süße Blumenkind: nennt sie

Aleit von Claraforte.«

Das Messer fiel mir aus der Hand, ich bückte mich, suchte mit irrenden

Fingern, mußte endlich blutübergossen emportauchen.

»Die schönste Frau, die ich jemals sah, bei meiner Seel!« plauderte der

Ritter unbefangen weiter. »Aber leider hat sie für niemanden anders

Augen als für ihren Gemahl. Verständlich, denn der Herzog ist ein

wahrer König Artus an Tugend, Schönheit, Mannestum.«

»Ihr sprecht von einer Toten, Herr!« sagte ich tonlos, fessellosen Zorn

im Herzen, und mich selbst zerfleischend fuhr ich fort: »Auch hab ich

niemals viel Rühmens von Robert dem Teufel gehört.«

Der Fremde schaute erstaunt, mein erregtes Wesen konnte ihm nicht

entgehen. Die anderen hatten des gottlob weniger acht, sie standen

bereits entfernter auf einem Hügel, die klare Aussicht bewundernd. Der

Ritter erwiderte schier achtlos:

»Was sagt Ihr? Ich verstehe Euch nicht. Kennt Ihr den Herzog und sein

Weib? Wann saht Ihr sie zuletzt?«

Wie sauer mir die Worte fielen! Wie schwer mußte ich mich beherrschen!

Und noch in diesem Augenblick ahnte ich nicht die Wahrheit.

»Vom Hörensagen,« erwiderte ich. »Vor mehr denn zwei Jahren zog ich an

Claraforte vorüber in dies Land. Eben damals war Aleit von Montgerrat

-- die meint Ihr doch? -- durch einen üblen Fall zu Tode gekommen. Der

Herzog aber -- doch, Herr, ich erzähle Euch alte Geschichten -- er hieß

der Teufel landaus, landein, und wenn auch nur die Hälfte alles dessen,

was sie ihm nachredeten, wahr ist, so wird sich Satan für diesen

Namensbruder bedanken.«

Trotzig sah ich auf den gezierten, goldbehangenen Fant; mich ärgerte

die Kunde, ich hielt nicht anders, als daß mein Stellvertreter eine

neue Heirat getan haben mußte, und jener habe der jungen Herzogin

versehentlich den Namen meines toten Weibes gegeben.

Indes ich sprach, zuckte der Gast wie sich erinnernd mit der Braue;

jetzt wandte er sich gelangweilt ab.

»Freund, Ihr vernahmt ein falsches Gerücht. Ich sah Aleit von

Montgerrat, mit dem Herzog und ihrem Söhnchen vor kaum drei Monden in

Paris -- ich entsinne mich übrigens, sie trug am linken Schlaf ein

feuriges Mal wie von einer Narbe. Und Herzog Robert -- mag er gewesen

sein wie immer -- heut ist er einer der vornehmsten und besten Ritter

der Christenheit. -- Was ist Euch? Ihr solltet Euch nicht barhäuptig

dieser verruchten Sonne aussetzen. Gehabt Euch wohl und vergeßt nicht:

die Rose nennt Ihr Frau Aleit.«

Die Schritte verhallten, das Gelächter zerstob. Die roten Blütenblätter

der Rose »Frau Aleit« erstarben in meinen mörderischen Händen,

wollüstig gruben sich die Dornen in mein Blut.

Die heuchlerische Larve meiner Demut und Buße fiel jäh von meinem

Antlitz. Das Glück, kein Mörder zu sein, ließ mich nicht jubeln,

nein, ich schrie wie ein wildes Tier zum Himmel auf, daß Gott und

Schicksal mich betrogen hätten. Nichts Edles war mehr in mir, mit

glühenden Zangen folterten mich Eifersucht, Haß, Neid -- alle dunklen

Triebe meines Herzens. Die Stille meines Lebens ward von einem Gebrüll

zerrissen, das mir jetzt noch in beschämten Ohren klingt. Im rasenden

Gehirn erwürgte ich mein Spiegelbild, mein Selbst, den Mann, der meine

Züge trug, in dessen Adern Blut von meinem Blute floß, erwürgte ihn mit

einer kalten, hemmungslosen Lust am Morden, sah seine hervorquellenden

Augen, hörte das Brechen der Wirbel und lachte, lachte -- dieweil mein

eigener Leichnam in meinen verkrampften Fäusten lag.

Rache! Was tat ich dir, Gott der Liebe! War meine Schuld an dich so

riesengroß, daß sie solche Strafe verdiente? O ich Narr der Narren!

Ein Kind war da, ein Erbe -- ein Wählingerblut! Ein Bastard vom

Bastard -- Herrgott, wo blieb deine Güte, von der deine Diener so viel

Aufhebens machen? Und Nacht um Nacht ergibt sie ihre weißen Glieder

dem Landstreicher, ahnungslos, liebend, voll von ihrer keuschen

Leidenschaft -- oder -- oder wissend und vom guten Tausch beseligt?

Irrsinnig lachend saß ich in meinen Blumen, Arme voll Rosen riß ich

an die Brust und badete mein Gesicht in Dornen und Blüten und Blut

aus hundert kleinen Wunden. Narr! Tölpel! Von Gott und den Menschen

verraten, betrogen, bestohlen! Räche dich! Der Fluch der Lächerlichkeit

betäubte mich, meine Eitelkeit ertrug das Leben nicht mehr. Eitelkeit

stachelte die Gedanken zu wirren Sprüngen: Beweise dich, zeige dich,

du echtes, gerechtes Wählingerblut, gezeugt vom echten Stamme im Bett

einer Königstochter, nicht hinter der Hecke mit Kebsen und Dirnen,

getragen in Unlust, geboren in Schande, erzogen zum Betrug -- zum --

wie sagte der Franzose? -- zum vornehmsten Ritter der Christenheit.

Mein Herr Heckenbruder, wir rechnen ab! Wie schlau, ein bißchen zu

schlau hast du deine Fäden gezogen, deine Netze gestellt, aber bist du

auch ein Riese an Kraft wie ich, mit diesen eisernen Arbeitsfäusten

erwürge ich dich, und wärest du außen und innen aus Erz.

Die Vesperglocke läutete dünn über die Büsche, ich achtete sie nicht.

Jäh floß der kühle Hauch der Nacht um mich her, ich fühlte keine Hitze,

keine Kälte; starrte haßerfüllt in die glänzenden Sterne, die über

meiner zerbrochenen, gestohlenen Liebe schienen. Zwei Jahre lang, Tag

um Tag, hatte ich diesen Mann gesegnet, der meine Tat und meinen Namen

trug; indes er in den Wonnen des Paradieses schwelgte, seufzte ich in

der heißen Sonne Palästinas, Knechtsdienste verrichtend, Knechtsbrot

essend, der größte und törichtste aller Narren, die je von ihrem

heimatlichen Herde liefen.

Niemand suchte mich, wahrscheinlich saßen die Genossen bei den Gästen

und hörten voll Sehnsucht und Heimweh die Erzählungen aus dem alten

Lande an. Ich wollte keine lebendige Seele sehen, und Gott war in

meiner Brust erloschen wie eine Flamme ohne Nahrung. Blut rann mir

vor den Augen; im Blute dessen, der mir Weib und Land raubte, mußte

ich mein Leid ersäufen, anders starb es nie. In diesen Vorstellungen

erlangte ich, merkwürdig genug, eine gewisse Ruhe; ein Entschluß

war gefaßt, ich hielt mich bereit. Leise schlich ich durch die

Gartenanlagen an die Siedlung, willens, noch vor Tag mein Ränzel zu

schnüren und mit dem frühesten nach Akkon aufzubrechen; aber ich fand

zu meiner Überraschung den Saal von Fackeln erleuchtet und dröhnend

von Worten und Waffen. Abermals, mitten in der Nacht, waren Gäste

angekommen, bis in den Hof standen die Knechte, und über die weinheißen

Köpfe flatterte ein erlösendes Wort: Krieg.

Dunkles Walten stieß mich in das Gewühl, ich drängte mich durch die

Fremden in die Halle, Freunde sahen mich, Meister Otfried rief mich zu

sich und sprach mit hellen Augen:

»Bruder Ronald, zieh dein Priesterkleid an. Über vielen steht der Tod,

und sie sollen getröstet einfahren in das himmlische Reich. Saladin

stößt auf Askalon, der von Chatillon läßt uns aufrufen. Oder halten

dich deine Rosen?«

»Nein!« sagte ich unter brünstigem Frohlocken, Blut schwamm mir vor den

Augen. »Aber gönnt mir ein Schwert statt der Kutte. Gott findet die

Seinen auch ohne mich.«

Meister Otfried runzelte lachend die Stirn; die fremden Herren neben

ihm, die unsere Reden hörten, lächelten spöttisch. Ich sah sie an,

eiskalt war mein Hirn, Verachtung und Hochmut in allen Poren beugte ich

mich, packte mit der Faust einen der schweren Eichensessel, darauf ein

Ritter in voller Wehre saß, hob ihn gestreckten Armes über den Tisch

und ließ ihn langsam zwischen die Schüsseln und Becher nieder, ohne

anzustoßen, ohne Geräusch. Viele sahen es und gafften mit verschlagenem

Munde, ich aber, der ich dies Kunststück hundertmal in meiner Heimat

trunken und prahlerisch vollführt hatte, ward inne, daß meine mächtige

Kraft noch gewachsen war, und das Herz schrie mir vor Stolz und

Nachsucht in der verschwiegenen Brust. So werde ich ihn erwürgen, den

Bastard, und sein rotes Blut wird über meinen nackten Arm laufen, den

Knechtsarbeit bräunte um seinetwillen.

Der Franzose sprang mit guter Miene von seinem Hochsitz und schlug mir

auf die Schulter:

»Ei, das ist ja ein Teufel von einem Mönch! Und recht hat er, wenn er

einen eisernen Wedel begehrt, das ungläubige Gezücht zu weihen. Kommt

in mein Gefolge, Mann!«

Ehe ich ablehnen konnte, stand Meister Otfried vor mir und sah mir tief

in die Augen.

»Du sollst ein Schwert haben, Ronald,« sagte er leise, »wie dürften

wir Gott einen solchen Arm entziehen! Setz dich her, wir vermißten

dich schon eine Weile, tu einen letzten Trunk mit uns, denn um die

Mittagszeit fahren wir, und schon bleichen die Sterne. Möchte so auch

der Halbmond tun!«

Er seufzte verstohlen und reichte mir seinen eigenen Becher voll

feurigen Griechenweins. Ich stürzte ihn, ohne abzusetzen, gierig nach

Betäubung.

Otfried sah mich verwundert forschend an, mit dem Finger drohend:

»Ronald, Ronald, heut wirfst du dein ganzes Mönchswesen beiseit.

Nie hab ich dich über dem Wein gesehen, und jetzt beschämst du die

tapfersten Schläuche.«

»Die neue Rose!« warf der Fant vom Nachmittag spottend ein, »die

schöne Frau Aleit!« Und wehrte mit hohnvollem Entsetzen meinem zornigen

Blick: »Friß mich nur nicht sogleich, du Vorzeitriese, du Elefant!

Wart lieber auf Saladins braunes Geziefer, da passen gleich drei Hälse

zugleich in deine Klaue.«

Ich schob den Becher schroff zurück und verließ den Raum, wollte allein

sein, keine fröhlichen Reden hören, keine lachenden Augen sehen. Ins

Schlafgemach ging ich nicht erst, holte mir aus den Pferdeställen eine

Decke, wickelte mich ein und legte mich hinter die Gebäude in einen

sturmgeschützten Winkel, dahin der Lärm der sinkenden Nacht kaum wie

ein Bachgemurmel drang.

Das Blut der Ahnen stieg aus geheimnisvollen Tiefen auf, Krieg, Schwert

und Harnisch verwischten die bunttobenden Leidenschaften zu einem

grauen Gespenst, und ein Traum von Heldentum wiegte mich sonder Wollen

und Wissen in Schlummer.

Eine armselige Rüstung für einen Herzog. Ein zerbeulter Helm,

ein rostiges Kettenhemd; aber das Schwert war vortrefflich: ein

Zweihänder vom alten Schlage, mir anvertraut, weil es sonst keiner

schwingen mochte. Die Kutte hatte ich über den Quersack geschnürt, die

Mönchspapiere trug ich im Beutel auf der Brust, wer weiß, wozu; ich

konnte nur noch arge Gedanken hegen. All mein Wollen drängte nach der

Heimat; die kommende Schlacht, das Heilige Land, das Heilige Grab -- es

waren bunte Bilder am Wege meiner Rache.

Wir zogen -- ein stattlicher Haufe -- dem Hauptheere zu, schier

stündlich vergrößert durch Zuwachs von flüchtendem Landvolk, Christen

und auch Heiden, denn diese fürchteten den Großsultan mehr noch als

das Kreuz, das ihnen zumeist ein bequemer Herr war, wenigstens was das

Leben anging. Saladin preßte sie zum Heeresdienst und sandte sie in den

Tod; sie, die arbeitend zwischen den Bekenntnissen lebten, sahen keinen

großen Unterschied und begeisterten sich nicht einseitig. Es waren

nicht die Besten.

Nach drei Tagen wälzten wir uns in einem Riesenstrom gegen die Küste,

Karren, Reiter, Fußvolk mit Weibern und Kindern, gepeitscht von der

dunkel drohenden Wolke des Gefürchteten. Im Lager von Askalon wurden

die Böcke von den Schafen geschieden, die Krieger sammelten sich und

zogen auf das blache Feld, Wachen wurden weithin ausgestellt, die

fiebrige Stille vor dem Sturm begann ihre Folter.

Ich hatte den Herrn von Burgberg vergebens im Lager gesucht; jetzt

stieß er unversehens zu uns, trotz seines weißen Haares kampfbereit und

aufrecht im Sattel des knochigen Gauls. Er erkannte mich auch unter dem

Helm, lachte und bot mir vom Pferde die Hand; keiner von uns ahnte, wie

bald wir die Rollen tauschen würden.

»Mönchlein,« scherzte er munter, »ob du diese braunen Teufel austreiben

wirst? Heuer kommen die Heiden mit großer Gewalt gefahren, schon sah

ich die Plänkler über den Hügeln und -- horch! Was blasen die Hörner?«

Er hob seine alten Glieder kraftvoll in den Bügeln, ein freudiger

Schein glitt über sein vergrämtes, gutes Gesicht; kaum daß er Zeit

fand, mir zuzunicken, und fort sprengte er in die Reihen der Deutschen

Brüder.

Befehle schollen, das Lanzenvolk wurde in dichter Hecke vor uns

aufgepflanzt, Wolken feinen Sandes wirbelten auf, leise schütterte der

Boden von zahllosen Hufen. Ein Schauer überfiel mich -- Angst? Nein,

nackte, gemeine Blutgier, unstillbar, höllenheiß, aus mörderischem

Herzen geboren. In starrer Hand hielt ich den Schwertgriff, wollte

keinen anderen Feind sehen als ihn, der mich arm gemacht, und hatte

doch Heimat, Weib und Räuber vergessen, als das Gewühl um mich wogte

und ich, unwissend wie, mitten im Kampfe stand und für mein Leben um

mich schlug. Das war ein ander Ding als ein Turnei in sicherer Rüstung.

Wie Heuschrecken wimmelten die Heiden auf blitzschnellen Rossen um

unsere längst abgetrennte Schar; aber wir hielten uns wacker und

trieben einen Keil in die Woge, daß sie blutig zerschäumte. Atemlos

spähten wir über das donnernde Feld nach Hilfe; da brauste es abermals

über uns her, wir schmolzen zusammen, hin und her gezerrt, wurden immer

weiter abgedrängt, zerrieben, wußten nichts von den anderen, nichts

von der Schlacht, kämpften blutbesudelt und ermattet gegen den gewissen

Tod.

Plötzlich ein gellender Pfeifenton, die braunen Teufel stutzten, rissen

die Gäule herum und schossen aus dem Tal; zitternd vor Müdigkeit

starrten wir ihnen nach, glaubten nur an eine neue große Not. Da klomm

ein Roß über die Mulde, der von Burgberg ritt langsam heran, bleich,

mit geschlossenen Lidern, den weißen Ordensmantel purpurn und zerfetzt.

Er hielt gerade vor mir, als führte ihn ein Unsichtbarer, schlug die

Augen auf, die schon im Tode brachen, und lallte:

»Sieg!«

Krachend stürzte er aus dem Sattel; niemand fing ihn auf, wir waren

alle wie gelähmt. Mit stumpfen Knien trat ich zu ihm und sah in seinen

Augen das Ende. Der Hengst schnupperte aufgeregt über dem Leichnam

und erinnerte mich an die Stunde. Sonder Umsehens sprang ich in den

geleerten Sattel und sprengte den Hügeln zu, den blutigen Zweihänder

wie eine Todesflamme in der Faust. Ein Blutrausch kreiste durch meine

Adern, in meinem Herzen schrieen tote Jahrhunderte, ich fühlte in

rasender Lust: Rossesrücken ist mein Haus, Schlacht ist meine Heimat,

Schwertschlag meine Freude. Ich sah die fliehenden Horden ostwärts

stürzen, hieb dem Pferde die flache Klinge über den Schenkel und

stürmte hinterdrein, als gälte es ein Königreich. Junge Kraft rann

mir durch den Leib, ich genoß, und stünde der Tod mit mähender Sichel

hinter mir, ich genoß mit langen Atemzügen die schwingende Lust des

Rittes und dachte an keine Müdigkeit.

Grau fiel mich die Steppe an, lauter donnerten die Hufe vor mir an mein

Ohr, enger ward der Raum zwischen Jäger und Wild; jetzt lag ich Seite

an Seite mit einem angstverzerrten Bronzekopf, ich schlug ihn mit der

bloßen Faust aus den Bügeln, und weiter. Sie achteten endlich meiner,

sie merkten den Einzelnen, wendeten blitzschnell und schlossen sich zu

sieben oder acht zusammen, ihre raschen Wüstengäule schossen wiehernd

um mich her; Pfeile und Speere sausten, keiner traf. Keiner traf den

Mann, der leben mußte, um zu rächen! Bei meiner Seele, ich glaubte in

dieser Stunde an ein Zeichen Gottes; es war auch eins, aber ich deutete

es falsch.

Einer der Heiden schien den Befehl zu führen, er saß auf einem

herrlichen Rappen, golden schimmerten seine Waffen, vom Helm wallte ein

edelsteingeschmückter Schleier über seine Schulter.

Die irdische Unsterblichkeit: Roman · 第 2 / 9 段