Anmerkungen zur Transkription
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Die irdische Unsterblichkeit
In meinem Verlage erschien ferner von Werner Jansen
Das Buch Treue, Nibelungenroman / Das Buch Liebe, Gudrunroman / Das
Buch Leidenschaft, Amelungenroman / Heinrich der Löwe, Roman / Herr
Reineke Fuchs, Prosasatire / Leben, Lieben, Wandern, Roman eines
fahrenden Gesellen nach einer alten Handschrift von Emma Schumacher.
Die Bücher deines Volkes, Bd. 1: Die Märchen, Bd. 2: Die Volksbücher,
Bd. 3: Die Volkssagen
Von Hertha Podlich wurden mit der Hand geschrieben:
Der Heiland / Gottes deutscher Garten / Die frischen Kränze, Bd. 1:
Storm-Gedichte, Bd. 2: Mörike-Gedichte, Bd. 3: Eichendorff-Gedichte,
Bd. 4: Keller-Gedichte
Die irdische Unsterblichkeit
Roman
von
Werner Jansen
1. bis 75. Tausend
1924
Georg Westermann, Braunschweig
Alle Rechte vorbehalten
~Copyright 1924 by Georg Westermann,
Braunschweig~
Gedruckt bei Georg Westermann in Braunschweig
~Printed in Germany~
Erstes Buch
Das Leben beginnt nicht, wenn einer die Welt beschreit. Umgekehrt, wenn
die Welt auf jemand einbrüllt, dann fängt das Leben an. An dreißig
Jahre war ich und erfüllte den Platz, auf dem ich stand, mit Toben
und Lärmen, aber von mir und anderen wußte ich nichts. Plötzlich
erwachte ich in der Dämmerung, vom Tau wie von Tränen gebadet, in einer
wüsten Schlucht nahe der Grenze meines Landes; wachte auf in einer
Stille ohnegleichen, denn die Vögel schliefen noch, aber Gottes große
Stimme donnerte gleichwohl in meine Ohren. Die Augen brannten mir von
ungekanntem Schmerz, ich barg das Gesicht ins nasse Moos, Wams und
Hemd riß ich offen und drängte die Brust der Erde auf -- die Flammen
in meinem Herzen erstickten nicht. Mein Blut war umgewandelt, aus dem
Strom wuchsen tausend Tropfen, und jeder Tropfen peinigte mich auf
seine besondere Art.
Ausgestoßen, verdammt, verloren hier und dort -- qualvoll, langsam wie
Todesstunden kamen die Erinnerungen zurückgeglitten: Schlaf, Sturz,
ein rasendes Reiten, Blässe und Blut. Trocken lag mir die Zunge im
Gaumen, das Haar, von Schweiß und Schmutz verklebt, lähmte mir die
Stirn wie eine Eisenklammer.
Das kleine Leben unter mir brachte mich zu mir, aus den verschwollenen
Lidern betrachtete ich mit stumpfer Ruhe die schwarzen Käferchen, die
ernsthaft und eilig unter meinem Antlitz ungeheure Wege eroberten
und ein zielsicheres Wesen hatten, wie Diener eines Staates. Aber
das dürftige Spiel hielt meine Kümmernis nicht lange gefangen,
wütend griff ich in das Getriebe, aus nackter Lust an fremdem Leid,
bis ein halblautes Wort mir den Atem aus der Brust stieß und mich
emporschnellte, als bebte die Erde unter mir. Mit jähen Knien wandte
ich mich.
»Kain!« erscholl die Luft abermals.
Rote Flammen loderten vor mir, Rauch stieg auf, Augen sprühten auf
mich -- Hölle, Teufel, Gottes Gericht einen hämmernden Herzschlag lang
-- dann versank alles bis auf ein Reisigfeuer im morgendlichen Wald,
das ein Mönch mit seinem Wanderstabe fachte und versorgte. Das war
kein Klosterfriede. Aus gebranntem Gesicht starrte ein ellenlanger
Rotbart, die riesigen Schenkel umklammerten den Stumpf, darauf er saß,
als bedrängten sie ein Pferd. Er stand auf und war ein Mann von meinen
eigenen ungewöhnlichen Maßen; kühl, fragend und wissend zugleich lagen
seine Blicke auf mir. Ich herrschte ihn an und fühlte, wie mein Mund
stammelte und zagte:
»Wer bist du? Was schaffst du hier?«
Seine Brauen zuckten leise spottend.
»Ihr seht es: ein Diener Gottes. Was ich schaffe? Feuer zünden, Pferde
einfangen, der Hoheit einen guten Morgen wünschen.«
»Du kennst mich?« Ich fühlte das Blut aus meinen Lippen weichen. Gleich
einem Traumbild sah ich zwischen den Buchenstämmen meinen Braunen
friedlich grasen.
Wieder flog jenem der Spott über die Stirn.
»Ich sah die Hoheit vor Jahren am Hofe Heinrichs des Normannen -- Ihr
wußtet trefflich mit der Lanze umzugehen. Ich selbst, ein Mönch aus
Irland, wallfahrte nach dem heiligen Grabe. Wenn die Hoheit einen
Zehrpfennig hätte, ich würde für das Seelenheil --«
Die Stimme versank im Barte; mir schien, als wieherte ein Kobold aus
einem Bronnen. Das Heil meiner Seele war verwirkt, kein Bettelmönch,
kein Papst konnte mich retten. Verloren hier und dort --
Möglich, daß mir die Worte über die Lippen kamen, möglich, daß der
seltsame Mensch in meinem Herzen las. Genug:
»Ihr gebt Euch auf, Hoheit? Tröstet Euch, Gott gibt niemanden auf. Was
belastet Euch? Ihr blutet -- oder --?«
Meine entsetzten Augen tasteten auf meinem Gewand; Hemd und Rock waren
dunkel betropft, meine Rechte braun von totem Blute. Aufschreiend brach
ich in die Knie, ich vergaß die Welt um mich und weinte wie ein Kind
auf die mütterliche Erde. Die Tränen erlösten mich allmählich, das
Leid sank tiefer und verborgener in das Herz. Hier war ein Geweihter
des Herrn, er mußte mich anhören, ich brauchte einen Menschen, meinen
Greuel mitzutragen. Ich sprang auf und zerrte ihn an der Kutte zu dem
verlassenen Baumstumpf.
»Sitz nieder und höre,« sagte ich, »ich will dir beichten, Mönch!«
»Sprecht!« erwiderte er einfach und stieß einen Ast in die Flammen.
»Jedoch, Hoheit, zuerst entlastet mein eigenes Gemüt!«
Er zog ein Rehböcklein unterm Laub hervor und warf es vor meine Füße,
lachend:
»Jagdfrevel, Hoheit; verzeiht Ihr das?«
Ärgerlich winkte ich ihm Schweigen. Was wog solch ein Raub vor meiner
eigenen Tat! Aber: wie jählings strafte ich sonst derlei! Nie mehr
würde ich über andere zu Gericht sitzen.
»Mönch, ich habe mein Weib erschlagen.«
Dies sprach ich, dann versagte mir die Kehle, und ich rang nach Luft.
Der andere hatte sein Gesicht in der Kutte verborgen und rührte sich
nicht.
»Im Zorn,« stammelte ich, mich selbst verachtend.
»So war sie eine Dirne und beschimpfte Euch mit einem leichtfertigen
Leben?« fragte der Mönch leise.
Ich schrie:
»Nein! Nein! Blüte der Unschuld, Schönheit, Tugend -- ich war ein Narr,
ein Schurke!«
»Halt, Herr, verleiht Eurer Schuld nicht so große Worte; das mildert
sie nicht. Könnt Ihr, so erzählt, wie es kam.«
Mit seiner tiefen, irgendwie verwandten Stimme zwang er mich zur Ruhe,
ich starrte auf das Feuer und sprach betrachtender:
»Von meinem Vater hab ich einen Überschuß an Kraft geerbt; mein
leichtsinniges Herz verschwendete das in Sausen, Prassen und
Schlimmerem. Keine Dirne war vor mir sicher. Gott und Könige vertrauten
meinem Geschlecht ein Herzogtum -- ich habe Land und Volk an den
Abgrund gebracht; sie heißen mich den Teufel und schrecken die Kinder
mit meinem Namen. Einmal, vor Jahresfrist, glaubte ich an ein besseres
Sein, bei meiner Heirat mit Aleit von Montgerrat. Hast du die Herzogin
je gesehen?«
Das verhüllte Haupt senkte sich bejahend.
»So brauche ich nichts von ihr zu sagen. Sie war lieblich und rein
wie Gottes Engel. Genug, ich nahm nach vier raschen Wochen mein
altes Leben wieder auf, in meinen Schlössern hausten die Schlemmer
und Dirnen, das Volk mußte zahlen, die Herzogin ward vergessen; denn
zu den Gelagen erschien sie nie. Bis auf gestern. Mein eigenes Haus
hatte ich wenigstens vor dem Schlimmsten reingehalten; gestern brach
ich, von Jagd und Trunk erhitzt, mit Mann und Meute in meine Halle
zu Claraforte und besudelte den Boden, den ihr Fuß entsühnt hatte.
Höhnische Reden meines Gefolges stachelten mich, die Herzogin an
unseren Höllentisch zu holen. Ich trug sie, die lautlos weinte, auf
den Armen in den Saal, sie saß, sie sah mit erschreckten Kinderblicken
das halbnackte Dirnenpack, loderte, stand auf und wies mit dem Finger
gebieterisch zur Tür -- da fegte ich sie mit der Hand von ihrem Platz,
ihre Stirn schlug an einem Pfeiler auf, sie brach zusammen und starb.«
»Strecke deine Hand aus!« befahl der Mönch, und ich tat es willenlos:
das Feuer beleuchtete eine rohe, große, gewalttätige Faust. Der
Priester schlug die Kutte zurück und starrte mich haßerfüllt an. Heiser
kam es ihm aus dem Munde:
»Mit dieser Klaue hast du den lichten Engel erschlagen« -- er griff an
seine Brust, als erdrücke er ein zorniges Herz, leiser fuhr er fort:
»Mit dieser Hand wirst du Sühne tun, Herzog Robert!«
»Mein Herzogtum liegt hinter mir,« entgegnete ich ihm, »ich stürzte den
Tisch und verjagte den Schwarm. Ich sprengte in die Nacht und entfloh
meiner Tat; das Weitere weißt du besser als ich. Ich verlasse Land
und Volk, mögen sich Frankreich und England darin teilen, da niemand
meines Blutes lebt. Ich will büßen; du wanderst zum heiligen Grab --
nimm mich mit! Es ist mir weniger um das Gebet zu tun, aber die Heiden
haben einen neuen Sultan, der Jerusalem bedroht. Vielleicht erlaubt mir
Gott die Sühne in der Schlacht.«
»Das nennst du Sühne?« fragte der Mönch zwischen den Zähnen. Es
arbeitete in der gewaltigen Brust, plötzlich sprang er auf und trat
groß und mächtig vor mich hin. Er glich Zug um Zug einem Antlitz, das
ich kannte; nur schien sein Gesicht älter und trauriger als das meiner
Erinnerung, das war immer voll wilder Fröhlichkeit und Jugend, trotz
grauer Locken; und dieses Haupt vor mir war blond wie ich. Jäh überfiel
es mich: diese Augen waren die meines Vaters.
Er las mir die Gedanken von der Stirn, sein Mund verzog sich zu dem
Hauch eines Lächelns; stumm nickte er mir zu.
»Du läufst davon, Robert, aus Angst vor dir selber, vielleicht auch
vor den Montgerrats und ihren königlichen Verwandten; du läufst davon,
Herzog, und vergißt die Pflicht gegen dein Geschlecht. Die Rechte, die
du von deinen Ahnen erbtest, hast du vergeudend genutzt, die Pflichten
trittst du in den Staub.«
»Hast recht, Mönch,« sagte ich ruhig, »aber ich bin nicht wert, fürder
ein Volk zu führen; ich kann nicht einmal mir selbst befehlen, wie
sollte ichs anderen! Unser Blut ist eben müd und mürb geworden, die
Wählinger sind reif zum Untergang --«
»Narr!« schrie der Mönch und schlug mir die Hand auf die Achsel.
»Fahr zur Hölle, wenn du müde bist! _Mein_ Wählingerblut ist _nicht_
verfault, und hältst du das Land nicht, Feigling so krieche in meine
Kutte, indes ich dein besudeltes Seidenwams zu Ehren bringe.«
Ich erstaunte kaum über diese Reden, zu tief saß der Verzicht auf das
Irdische in meiner Seele. Gleichmütig versetzte ich:
»Du willst ein Wählinger sein? Laß hören!«
»Ich zeig es dir besser, Bruder Robert,« stieß jener hervor, und die
schweren Schultern schütterten vor Erregung, »warte ein Weilchen! Dein
Vater hat mich wie dich gezeugt; dich in Claraforte im Bett einer
Königstochter, mich in einer Sommernacht dieser Wälder mit einem Kind
unseres Volkes. Du hast den Thron geerbt, ich das Elend, aber wir
sind gleichen Blutes. Verziehe hier, Robert, ich bitte dich, nur einen
kurzen Augenblick, nur eine kleine Messe lang!«
Er drückte mir die Hand, daß sie schmerzte, griff sein Bündel und
lief davon. Mit schlagendem Herzen blieb ich zurück, gerührt von der
heißen Leidenschaft, mit der er bat, und nun doch aus meiner Betäubung
aufgescheucht und von Geheimnissen geweckt.
Wählinger Blut! Der Vater, die Ahnen, ich selbst -- ach, wie hatten
wir das Blut der Herzöge ins Volk getragen! Und doch war jener fremde
-- Bruder das erste jener Geschöpfe, das ich bewußt erblickte. Mir
grauste bei dem Gedanken, ohne Wissen vielleicht eine Schwester, eine
Tochter meines Vaters, je in den Armen gehalten, eine alte Schuld zum
Verbrechen gesteigert zu haben -- mir graute vor dem Wählingerlande --
fort, nur fort von dem doppelt geschändeten, doppelt verdammten Boden,
hin in eine Ferne ohnegleichen, wo niemand von mir und meiner Schmach
wußte!
»Robert!« klang es leise; der Mönch war lautlos hinter mich getreten,
ich wandte den Kopf und starrte ihn offenen Mundes an: da stand ich
selber, wie kein Spiegel mich besser schildern konnte, bleichen
Gesichts, aber Zug um Zug ich selbst. Der wilde Bart war verschwunden,
das Haar gebändigt, die Mienen innerlicher, edler. Ich stotterte
verwirrt, beschämt, mit unklarem Dankgefühl gegen das Geschick:
»Bruder, wie nennst du dich?«
Ein Leuchten glitt über seine lauteren Augen, als ich mich so neben ihn
stellte; er zog mich zu sich auf den Boden.
»Ronald heiße ich, Blut von deinem Blut. Robert, mir brennt das
Wählinger Geschlecht im Herzen, du darfst das Land nicht verlassen,
mich hat Gott in deinen Weg geführt,« flüsterte er; sein heißer Atem
streifte sengend meine Stirn.
»Was ist Geschlecht?« murmelte ich haltlos, von einem verlorenen
Gedanken fortgetrieben.
Und er, fast zornig:
»Steh einmal draußen, und du wirst es wissen! Sage, Robert, sage zum
letztenmal, bist du wahrhaft willens, außer Landes zu gehen?«
»Was fragst du noch? Ich lasse nichts zurück.« Ich seufzte bitter auf,
mit den Füßen stieß ich in das sterbende Feuer, daß die Funken flogen.
Rötliche Morgenlichter spielten durch die Stämme, der Wald begann zu
leben. Ein Wind lief schmal und kühl vor der Sonne her, die jungen
Blätter rauschten.
»Höre zu, Robert« -- seine fiebernde Hand krampfte sich über meine
Linke -- »gib mir dein Land! Es bleibt dann beim Wählinger Blute.«
Dies machte mich lachen.
»Ronald, wer sollte dich, den Bastard, anerkennen? Du treibst Scherz,
Bruder. Schlüpf aus deiner Kutte und fahr mit mir in die Fremde.
Sieh, wir haben Fäuste und Arme wie Eisen, mit dem Schwert in den
Händen werden wir treffliche Streiter Gottes. Quäle dich nicht mit
Unmöglichem; denk, ich verzichte trotz des gewohnten Genusses, du aber
hast nichts zu vergessen, weil du nie besessen hast.«
Ronald geriet in wachsende Erregung.
»Ich nicht besessen? Ist das Besitz, das bißchen Hof und Haus, das
bißchen Volk und Fron? Hier sitzt mein Erbe, hier im Herzen, das
Wählinger Blut! Das Blut, Robert, das herrschen will, um dienen zu
können.«
So unwirklich erschien mir das Ziel, darauf er lossteuerte, daß
ich nichts Ernsthaftes erwidern konnte, ohne ihn zu verletzen. Ich
verschanzte meine Verlegenheit hinter leeren Worten, obzwar ich von
fern fühlte, dieser Mensch war rechtlos vor den Menschen, aber nicht
vor Gott.
»Diene,« scherzte ich oberflächlich, »und eines Tags sitzt du im Purpur
des Kardinals, ja unter der Tiara, und das ist ein weiteres Feld für
deine Herrschersorgen --«
Er fuhr mit dem gestreckten Arm durch meine Worte, in seinen Mienen
kämpften Verachtung und Zorn. Ich bewunderte ihn mit einem inwendigen
Lächeln, indem ich mich dabei ertappte, mein eigenes Bild zu bestaunen
-- ach, mein eigen Bild ohne die Spuren des wüsten Lebens, ohne die
Gedunsenheit des Weins, ohne die Gier der Laster. Jedoch nicht einmal
zu einem herzhaften Neid schwang sich meine ermattete Seele auf.
Er grollte:
»Fürst dieser Kirche? Nein! -- Ich will ein Volk, keine Völker! Diese
Erde will ich, nicht den Himmel. Nur was diese Hände halten können,
mehr begehr ich nicht, nur die Heimat, nur das Land meiner Ahnen --«
Betreten, voller Scham, senkte ich die Lider. Für einen flüchtigen
Augenblick wogte auch in meinem Herzen das Blut meines Stammes, das
in jenen Adern so stark und feurig rann; dann zerstob die Begeisterung
wie Schaum. Wäre ich je in meinem Verzicht wankend geworden, diese
Begegnung hätte mich gestützt, denn ich fühlte, Land und Volk verloren
nichts an mir, ich war ein Rohr im Wind. Säße jener an meiner Statt --
bestürzt schaute ich auf und begegnete seinen Augen, die wie Falken auf
meine Seele stießen und kein Geheimnis kannten.
Ein Spiel Gottes, ja, ein Spiel Gottes, und das Unmögliche ward Tat.
Wortlos riß ich die Kleider von meinem Leibe, alles, Schuhe und Hemd;
warfs ihm vor die Füße:
»Da liegt dein Herzogtum, wenn du Mut hast, Brüderchen!«
Eine unbändige Lust ergriff mich nackten Mann plötzlich, eine Erlösung
aus Nacht und Tod. Ich weitete die Arme und riß ihn, der ohne Regung
schien, an meine Brust und küßte ihn.
»Bruder, wags! Keiner wird dessen gewahr, dafür bürg ich; Gott selbst,
am Auferstehungstag, wird seine Mühe haben.«
Langsam lösten sich seine starren Züge, er leuchtete beschenkt,
beglückt und erwiderte scheu und flüchtig meinen Kuß. Aber seine
Freude schien nicht sonder Kummer, seine Selbstsicherheit schwankte
angesichts der Entscheidung, die Schultern beugten sich unter
unsichtbaren Lasten. Er entledigte sich des wenigen Tuches, zog das
grobe Leinenhemd über den Kopf und knüpfte eine Münze vom Halse. Dann
verglich er unsere Leiber aufmerksam; auch mich ergriff eine harmlose
Neugier, aber ich entdeckte keinerlei Verschiedenheit; nur daß er ein
wenig kleiner schien, doch mein Körper hatte sich im Schlaf gestreckt,
indes er wachte. Er deutete fragend auf ein braunes dreigespaltenes Mal
unter meinem Herzen.
»Ein Zeichen unseres Geschlechts,« sagte ich gedankenlos; er senkte die
Lider und errötete unruhig und gequält. Ich begriff ihn nicht sogleich,
dann lachte ich auf und erklärte:
»Von den Trebilons, von der Mutterseite hab ichs -- der Vater konnte
dir das nicht auch noch mit auf den Weg geben. Des achtet keiner.«
Er schüttelte nachdenklich den Kopf und fuhr in meine Kleider, indes
ich zwischen Befriedigung und Schmerz mich einklosterte, und als er in
dem schmucken Wams dastand, waren ihm Unruhe und Schwere verflogen,
seine Augen schauten fest und sicher, um seine Lippen spielte ein
siegbewußtes Lächeln.
»Namenloses Brüderchen,« hob er an, »von heut ab in Ewigkeit heißt du
Ronald vom Kloster des Heiligen --«
»Bruder,« unterbrach ich ihn, »du glaubst doch nicht, daß ich in dieser
Kutte dauernd bleibe?«
»Warum nicht? -- Komm her, hilf mir das Böcklein braten, wir haben uns
viel zu erzählen.«
Ich fachte das Feuer wieder an, er weidete mit geübten Schnitten das
Wild aus, spießte den Rücken an seinen Stab, und wir drehten ihn über
den Flammen, darob der Himmel licht und blau den hellen Morgen kündete.
Die eintönige Beschäftigung tat unseren verwirrten Herzen wohl, die
Fülle der letzten Stunden war reicher als all unser verflossenes Leben
gewesen; wir schwiegen und ließen den tollen Wirbel in uns ermatten.
Mählich forderte der Leib sein Recht, wir waren hungrig und durstig.
Der Bastardherzog wies mir eine Quelle und gab mir auf, in seinem
Becher Wasser zu holen. Leicht wie eine Bitte kam ihm der Befehl von
den Lippen, der mich doch inwendig traf und gegen den, selbst wenn ich
gewollt hätte, kein Wehren war.
Erst an dem Wässerlein ward mir die Bedeutung seiner hochgezogenen
Brauen klar, denn da lagen Seifennapf, Schermesser und wüste blonde
Barthaare -- das abgetrennte Klosterleben für ihn, wie ich meinte; für
mich der Abschied aus Rang und Heimat. Nun ergriff es mich doch einen
Herzschlag lang, ich zitterte, das Meinige zu verlieren, obzwar ich es
bereits verloren hatte.
Der kühle Erdsegen brachte mich rasch zur Besinnung, ich schöpfte und
trank ohne Maß, denn ich glaubte dies die letzte Quelle, daraus die
Heimat mich fürder laben könnte. Endlich ward ich ruhig und brachte den
randgefüllten Becher, ohne einen Tropfen zu vergießen.
Der neue Herzog griff in meine Kutte, zog ein Säcklein mit Salz hervor
und würzte den Braten; wir aßen, und ich mußte ihm während des Mahles
im großen und kleinen berichten, wie ich meine Tage verbracht hatte,
wie meine Freunde und Feinde hießen, welcher Art meine Burgen und
Gemächer waren, was mir im Leben Wichtiges begegnet -- genug, die
ganze Äußerlichkeit, Leere und Schalheit meines Daseins mußte ich bis
in die geheimsten Dinge vor ihm aufrollen. Mitunter schielte ich wie
ein ertappter Bube nach seiner Stirn, aber er nahm das Üble wie das
Farblose gelassen hin und prägte es seinem erstaunlichen Gedächtnis
ein. Bei manchen Dingen winkte er ab, er wisse es schon, so daß ich
des Glaubens wurde, er habe sich mehr um die Vorgänge in meinem Lande
gekümmert als ich selbst und alle um mich her.
Das Mahl war längst vergessen, die Sonne hoch am Himmel, er konnte
nicht genug hören. Schließlich, da die Nachmittagswinde vor dem Abend
flogen und über uns rauschten, sprach er:
»Hör mich ab, Bruder, oder noch besser: laß dir wiederholen. Kein
falsches Wort! An diesen Dingen hängt unser Herzogtum.«
Er wiederholte, und ich erstaunte von Satz zu Satz über diese schier
unfaßliche Klarheit, mit der er ihm und seinem Leben so fremde Dinge
erkannte, ordnete, zusammenfaßte. Er war in mir zu Hause, er war -- ich
selbst. Ich schauderte, ausgelöscht zu sein und dennoch weiterzuleben,
plötzlich als untätiger Beobachter neben mir zu stehen, ohne
Verantwortung, ohne Segen, ohne Fluch. Ohne Verantwortung? War dieser
falsche Herzog nicht _mein_ Werk? War nicht alles, was er handelte und
trieb, _meine_ Tat? Zum erstenmal dämmerte mir etwas wie Rechenschaft,
aber ich trug die Bürde fröhlich wie ein Gnadengeschenk, denn dieser
zufällige Sproß meines Vaters war besser als ich.
»Noch eins fehlt,« fügte er seiner Rede an, »das Mal der Trebilons.«
Er suchte in der Asche nach einer glimmenden Kohle, blies sie an und
drückte sie, ehe ich ihn hindern konnte, ungesäumt auf seine bloße
Brust. Eine leichte Blässe zog über sein Gesicht, indes der Geruch
verbrannten Fleisches aufstieg; er grub die Kohle sorgfältig in das
Moos und schob Hemd und Rock zurecht.
»So, Bruder, nun zu dir!« sagte er fast heiter. »Du brauchst zwar meine
Rolle nicht zu spielen, aber du mußt wissen, wie es auf der Landstraße
aussieht.«
»Und diese Kutte?« fragte ich verblüfft.
»Behältst du an. Die Kirche hadert mit dem Staat trotz Christi Wort,
daß jedermann der Obrigkeit untertan sein solle; sie treibt Schacher
mit den Seelen, Handel mit den Ämtern -- betrachte dich als von Gott
geweiht, falls du Lust hast, im geistlichen Gewande durch die Welt zu
traben, aber verzichte auf die segnende Hand irgendeines Bischofs von
der frevelhaften Heiligkeit zum Beispiel des Kölners. Kannst ja lesen
und schreiben, Brüderchen, kannst gar Lateinisch; mehr brauchts nicht,
denn die meisten verstehen das nicht einmal oder nicht mehr. Und fragt
dich einer, so gehörst du zu einem sehr entfernten Kloster und hast
abenteuerliche Gelübde --«
»Du bist nicht geweiht?« unterbrach ich ihn bestürzt.
Er lachte mir ins Gesicht, meine Verwirrung belustigte ihn.
»Nein, Ehrwürdiger, ich bin von Gottes Gnaden,« lästerte er sonder
Reue, »auch hat der heilige Patrik in Irland karge Last von mir gehabt,
nur daß er mich, dem früh die Mutter starb, in seinen Klöstern großzog.
Die Welt ist mir geläufig bis auf das Morgenland, darin ich nie
geweilt. Hofwesen und Fürsten kenne ich besser, als mir lieb ward. Auch
Claraforte und die blonde Jugend, die du in Nacht versenktest.«
Seine Stimme ward dunkel, ich ließ den Kopf hängen. Nach einer Weile
fuhr er fort:
»Sei ruhig, Bruder, ich bin eher ein Mörder als du. Du hast in
Trunkenheit und Zorn ein köstliches Gefäß zerbrochen, ich aber, Robert,
ich war bereit, dich selbst mit Vorbedacht zu erwürgen, als ich deine
Tat erfuhr.«
Er seufzte tief, seine Hände spielten ruhelos mit dem braunen
Schnürlein, das er am Halse getragen hatte. Mitunter ging ein
Zucken durch seinen Leib, als trüge er Qualen; ich schob es auf die
Brandwunde, darunter er ein Geheimnis erstickt hatte.
»Denn ich habe sie geliebt,« offenbarte er traurig, »und ich liebe
sie noch. Wie viele Tage bin ich um Claraforte geschlichen, um einen
Schimmer ihres Gewandes zu sehen, indes du jagtest oder -- ach, was
helfen jetzt noch Klagen! Ich will statt deiner an ihrem Grabe beten.«
»Tu es, Bruder,« sagte ich unter lautem Schluchzen, »auch ich -- ich
fahre an die Stätte, da unser Herr und Heiland litt. Vielleicht daß
uns beiden Erlösung wird. Bruder, welch ein Opfer bringst du! Die
Montgerrats werden dich verderben.«
Er straffte seine Glieder, seine Augen blitzten herrisch.
»Nein!« wehrte er hochgemut. »Ich halte mein Land! Hab dessen keine
Sorge. Vor Gott und vor den Menschen trage ich deine Tat, als sei es
meine eigene; du magst in Frieden fahren.«
»Gott wird mich auch in dieser Kutte erkennen,« entfuhr es mir, »dies
wirst du mir nicht abnehmen.«
Aber er, voll von seiner Berufung, sah mich verheißend an und deutete:
»Sind wir nicht eins? Gott wägt das Geschlecht, und nicht den
Einzelnen. Wir müssen alle füreinander büßen, wir werden alle
füreinander begnadigt. Der Vater, der dich zeugte, die Mutter, die
dich trug, sie leiden für dich in der Höllenglut, sie feiern für dich
im himmlischen Saal; oder meinst du, Gott zerreiße die Kette des
Geschlechts, die er selber geschmiedet, um ein einzelnes Glied zu
verfluchen oder zu segnen?«
»Du hast viel darüber gegrübelt,« stammelte ich beschämt.
Er antwortete schlicht:
»Ich stand draußen. Bruder, nun kommt das Grübeln an dich. Kann sein,
ich sterbe vor dir, söhnelos, und du mußt noch einmal in diese Kleider,
und wärest du am Rande der Welt.«
»Nimmermehr!«
Welche Dinge bewegte dieser seltsame Mensch in seinem Herzen, welche
Zukunft durchlief er im Geiste! Betrübt, erbittert dachte ich daran,
wie es hätte sein können, wenn er früher meinen Kreis berührt hätte.
Nie hatte mich einer so gepackt, ich fühlte, ich war wie ein Blinder
durch das Leben getaumelt.
»Du denkst an Heirat,« fragte ich schüchtern.
Er nickte bejahend, in einer Handbewegung deutete er das
Selbstverständliche an und setzte erläuternd hinzu:
»Wir dürfen nicht aussterben. Noch sind wir unverbraucht, was wenige
Fürstengeschlechter von sich sagen können. Jedoch, Bruder, nun dämmert
für uns beide der Abend, laß uns Abschied nehmen.«
Damit sprang er auf und schritt durch die dunkelnden Stämme auf mein
Pferd zu, das an die Quelle gelaufen war, zäumte und sattelte es wie
ein Marschalk. Darauf zog er die braune Schnur mit der Silbermünze aus
der Tasche und hing sie mir um den Hals.
»Möge dir der Talisman Glück bringen, Bruder; es ist alles, was mir die
Mutter hinterließ. Nun brauch ichs nimmer, und du bist an meiner Statt.
Leb wohl! Dort nach Süden geht dein Weg. Die Rehkeulen sind im Ränzel,
ein paar Zehrpfennige auch, und alles andere schenke dir Gott. Fahr in
Frieden, Bruder!«
Er umarmte mich rasch, sprang ohne Bügel in den Sattel und verschwand
in dem Abend, bevor ich zur Besinnung kam. Ich streckte die Hände aus,
noch einmal mein Pferd zu berühren, noch einmal die Wärme des Tieres,
das mich liebhatte, an meinem Leibe zu fühlen. Wie trunken schwankte
ich auf der Stelle, ohne Willen nahm ich das verschabte Lederränzel auf
den Rücken und schritt fürbaß, bis die Felder smaragden dämmernd vor
mir lagen. Meine Füße klebten an der Scholle; so stark und ausdauernd
ich auch war, ich kam kaum vom Fleck. Endlich hatte ich die Hügel
hinter mir, ich war im fremden Lande, die abenteuernde Ferne breitete
sich geheimnisvoll verschleiert vor mir aus.
Noch einmal sah ich hinter mich, vom Tale aus. Droben lag ein einsames
Grenzgehöft und vor den Häusern ein wundersamer brauner Duft, wie
ich ihn nie und nirgends wiederfand. Die Heimat grub sich durch eine
seltsame Äußerung in mein verstörtes, wildes Herz; so trug ich sie mit
mir ins Elend.
Südwärts, südwärts, immer stieß mich die Faust Gottes. Fünf, sechs
Stunden Schlaf, und weiter! Meine Glieder hingen an unsichtbaren,
eisenstarken Seilen der Ewigkeit, ich trieb ohne Willen durch Armut,
Not, Hunger und Demütigung. Vor dem Ärgsten schützten mich Kutte
und Pilgerhut, doch in die Klöster traute ich mich nicht, trotz der
Zeugnisse im Ränzel, trotz des Meßbuches, das ich auswendig wußte.
Ich schritt und schritt, ein langer, abgemagerter Mensch mit hohlen
Augen und verwildertem Bart, die Füße mit Zellen und Sehnen umhüllt,
den Wanderstab mit scharfer Eisenspitze wie eine Lanze auf der
Schulter. Das Zutrauen zu mir selbst wuchs nicht, aber das in die
Leichtgläubigkeit der Menschen, und so schien ich unverdächtig, wohin
ich auch kam. Meine Stimme, des Befehlens entwöhnt, kannte ich kaum
noch, sie klang von unten her, rauh und traurig zugleich; aber ich
brauchte nie viel zu sagen, meist genügte die wortlos ausgestreckte
Hand. Wo die Wälder dicht und dunkel waren, schlich ich dem Wilde
nach; das war all meine karge Freude -- ich kann sie nicht bereuen.
Mein Herz blutete sehnsüchtig nach Genossen, gleichwohl ging ich allen
aus dem Wege, die meine Straße fuhren; nie war ich so einsam gewesen.
Die stummen Dinge der Landschaft wurden mir vertraut, sprachen,
unterhielten mich; ich war in einer neuen, leidenschaftslosen Welt,
die nichts von Schuld und Unschuld wußte. Der Vogel fraß seinen Wurm,
die Wildkatze griff den Vogel, verreckte irgendwo im Walde, vermoderte
wurmdurchwühlt, grell schossen Honigblüten aus ihrem Leibe -- Gottes
Kreise, Gottes ewige Gesetze, unbefleckt von grübelnden Menschenhirnen,
Menschenangst, Menschenhaß.
Und Menschenliebe. Durch die strömenden Regennächte trug ich das Bild
meines Weibes vor mir her, alle Stunden unseres gemeinsamen Erlebens
wob ich zu einem Teppich und sorgte, nicht ein Fädchen zu vergessen.
Hoftag zu Reims. Wir standen einander abgekehrt, hatten uns nie
gesehen, kaum voneinander gehört. Wir wandten uns um, als ob _ein_
Wille uns beherrschte, sahen -- und erstaunten nicht. Die Luft
zwischen uns zitterte von Staub und Sonnenschein, uns schien sie süß
und kühl und rein, wir durchschritten sie wie auf Flügeln und gaben
uns beide Hände. Bis das Gelächter der Herren und Frauen uns auf die
Erde riß und ihre Wangen mit Blut überflutete. Nie hatte ich solcher
Art ein Weib betrachtet; keine Leidenschaft bebte in mir, meine Augen
entkleideten sie nicht schamlos wie die anderen, von ihrer süßen
Schönheit sah ich nichts. Ich wußte nur, sie war mein, und ich gehörte
ihr. Wir waren eins, Gott hatte sie für mich erschaffen.
Und ich warf sie -- Gott, mein Gott! So allgewaltig kann keine Liebe
sein, um solches zu verzeihen, auch deine nicht. Nie werde ich erlöst,
nie werde ich neben ihr im süßen Himmel wandeln. Grübeln und Grübeln.
Vielleicht gestattet mir Gott, sie aus dem Höllenpfuhl von weitem zu
betrachten, vielleicht -- nach einem Leben voller Buße, Tapferkeit,
Demut. Ich rang im Gebet, ich wanderte, wanderte, schlief traumlos wie
ein Toter, ermattete meine Manneskraft, die neben allem gierig und wach
den Weibern im Felde zuschaute, ward inwendig, was ich außen galt: ein
Mönch, ein Pilgrim nach dem Grabe Christi; aber einer mit Dämonen und
höllischen Flammen in der Brust.
Erst als ich die Eisgipfel der Alpen sah, ergriff mich Wanderlust,
golden winkte die blaue Ferne. Der alte Leichtsinn entführte mich
im Sturm in das Sonnenland hinter den Bergen, ich empfand mein
Losgebundensein als Freiheit und hatte Augenblicke, da mein Herz
jubelte; zwar schnell und hart gedämpft, aber doch tief geheim geduldet
und geliebt. Der Hafen -- ich wußte nicht einmal, welcher -- war
ein Markstein meines Weges. Marksteine sind tröstlich, auch die auf
unendlichen Pfaden.
In Genua sank mir der Mut. In meiner Heimat, auch am englischen und
französischen Hofe, war von Lust und Prunk der Kreuzzüge hin und
her geredet worden. Was ich hier erlebte, ließ mich erstarren. Ein
schmutziges Lager johlender, bettelnder Männer, Weiber und Kinder
zog sich vom Hafen über die Hügel bis weit vor die Stadt -- Pilger,
Handeltreibende, Gauner, Abenteurer, geschäftig durchrannt von
Krämern aller Länder, Juden, Schiffsmaklern, Geistlichen, Heimkehrern
-- falschen und echten -- ein Schwarm von Opfern, Spitzbuben und
Nichtstuern.
Riesige Galeeren lagen im Hafen, faßten anderthalbtausend Menschen
in ungeschlachten Bäuchen, verfrachteten die Elenden wie Vieh zu
kreischenden Bündeln in das Land Christi, das droben, im Norden,
aller Heil schien und aller Sehnsucht war. Sie duldeten alles, diese
flachshaarigen Pilger aus Deutschland, Flandern, der Normandie. Sie
gruben ihre Heller aus den schlottrigen Beuteln, um im Wüstensande
verderben zu dürfen. Ach, sie träumten von einem Paradiese, von
blühenden Gärten, von fronloser Zeit. Genua, Venedig, Juden,
Templerorden -- alle verdienten am heiligen Grabe, am heiligen Kriege.
Die Kreuzzüge waren ein riesenhaftes Geschäft geworden, ein Schacher,
der mit grausiger Offenheit betrieben wurde.
Unerfahren, beschwerten Gemüts bestaunte ich das bunte Wirrsal. Nach
drei Tagen war ich in das Gröbste eingeweiht und um manchen schönen
Traum ärmer, an Erfahrung weiser denn die ältesten Leute meines
harmlosen Vaterlandes. Pest und Aussatz lagen unter den schmutzigen und
unter den gepflegten Häuten, und über all dem der wolkenlose, endlos
tiefe Himmel, die lachende Sonne Italiens; ringsum ein Reifen und
Blühen, fern der wogende Saphir des herrlichsten Meeres, darauf die
Segel wie riesenhafte Möwen schaukelten. Da ich Herzog war -- wie lange
dünkte mich diese Zeit vorüber! -- hatten mich die Nöte meines Volkes
nicht gekümmert, sorglos genoß ich und achtete nicht, ob einer darbte.
Jetzt brannte mir für die Fremden das verwandelte Herz. Guten Glaubens
hatten diese Bauern ihre Scholle verlassen und das Kreuz auf ihren
Rock geheftet, ihnen war der Himmel auf Erden versprochen worden. Nun
gaben sie ihr letztes Geld für die Überfahrt oder mußten sich zu langen
Frondiensten an die verpflichten, welche ihnen einen Platz auf Deck
verschafften.
Ich selbst wußte nicht, wie ich mich durchschlagen sollte. Makler
aller Stämme bedrängten mich, aber der billigste Platz überstieg meine
ärmlichen Pfennige. Zum erstenmal erfuhr ich den Wert einer Mark
Silbers und wünschte, einen Griff in meine herzoglichen Truhen tun zu
dürfen, doch das war auf immer dahin. Da ich den üblen Bettel hier
nicht mitmachen konnte, kaufte ich für den Rest meines Geldes Brot und
Speck genug für eine Woche, schlief am Strande und teilte meinen Vorrat
sparsam ein. Ich, der ich ehemals mit verschwendender Hand begabte,
wer mir in den Weg lief, wies den Hunger von mir, so hohläugig er mich
anstarrte, und verhärtete mein Herz, bis es blutete. Tagsüber stand ich
an den Schiffsländen und sah den Frachten zu, betäubt von dem bunten
Gemisch des Überflusses und des Mangels, zerrissen von dem vielfältigen
Schrei der schönen und häßlichen Sehnsüchte um mich her.
Endlich nahm ich, müde des Elends, die Wanderung wieder auf, südwärts
immer, gen Amalfi, dazu mir ein friesischer Schiffer geraten. Die
Rast in Genua war mir gut angeschlagen, trotz allem, und als ich die
Gärten der Stadt hinter mir hatte, begann ich aufs neue zu hoffen.
Die übermütige Fruchtbarkeit der Landschaft gab mir ein Gefühl von
Schutz und Geborgensein, dies Land war von Segen wahrhaft überflutet
und ließ jedem das nackte Leben. Es gab wieder Gastlichkeit, da im
menschenleeren Felde keine Bettler traubengleich aneinanderhingen wie
in Genua. Ängstlich mied ich die Städte, selbst Neapel ließ ich zu
meiner Rechten liegen und klomm über die unwirtlichen Gebirge an das
Ziel.
Bei brüllendem Unwetter, triefend vor Nässe, dampfend in der Schwüle
erreichte ich Amalfi, das wie ausgestorben dalag, trotz des gefüllten
Hafens, denn die Schauer jagten sich, Blitze fegten von den dunklen
Bergwänden in das tosende Meer, alles Menschliche verkroch sich in
den Häusern. Ich drückte mich in eine Herberge, froh der Leere in den
Gassen, aber innen wurde ich gewahr, daß hier das Elend und der Ansturm
der Pilger nicht minder groß waren als in Genua. Beim ersten Anzeichen
blauenden Himmels schritt ich beklommen ins Freie und tat mich am Hafen
um, ob nicht wer einen Ruderknecht brauche, aber alle wiesen mich ab,
mit hochgezogenen Brauen und spöttischem Gesicht über mein geistlich
Gewand, das zu arbeiten begehrte.
»Geh ins Kloster, Mönch!« bedeutete mich einer im schlechten
Französisch der Provence, »was nimmst du den Armen das Brot? Der Prior
gibt dir, wessen du bedarfst.«
Der Mann hatte recht, aber ich wagte nicht, seinen Rat zu befolgen,
der Mönch Ronald war noch zu jung in der Kutte. Wie in Genua stand ich
und starrte auf die Schiffe, auf das Wunder hoffend. Eine lübische
Kogge war zum Auslaufen bereit, klein, zierlich, sauber wiegte sie sich
ein wenig abseits auf dem blauen Spiegel. Jetzt löste sich ein Boot
von ihr ab und ruderte auf mich zu, der ich an der Lände stand. Ein
Ritter, sichtbar ein Deutscher, schlicht, jung und bieder, sprang ans
Ufer und half seinem Gemahl. Sie schritten dicht an mir vorüber zu den
Krämerläden, die bis in die halbe Nacht geöffnet waren, traten bald
wieder hervor und lehnten an der Hafenbrüstung, Arm in Arm, über die
Wasser nach den emporglimmenden Sternen schauend. Mir berührte es das
Herz absonderlich weh, ich dachte jener, die nun die Erde deckte, die
ehemals lieb und traut an meiner Schulter lehnte.
Was mochte das Schicksal dieser beiden sein? Warum ließen sie die
Heimat? -- Sie gaben mir keine Zeit, dem nachzudenken, zögernd wandten
sie sich und kehrten zu ihrem Boot zurück.
Ihr Weg führte an mir vorüber. Von weitem sah ich die Frau, hoch,
blond, ein schönes, trauriges Gesicht mit großen, seltsamen Augen.
Wenige Schritte vor mir schaute sie auf, ihre Blicke trafen mich, und
nie sah ich in einem menschlichen Antlitz solch tiefes, wehrloses
Sichergeben in ein Schicksal. Sie fuhr mit der Hand an ihr Herz und
neigte still den Kopf.
Mir erging es nicht besser. Ich war überzeugt, diese Frau niemals
gesehen zu haben, ich dachte nicht eines Herzschlags Länge daran, jene
hätte mich als den erkannt, der ich war; und dennoch hörte ich den
Flügelschlag der Bestimmung über mir rauschen und harrte unruhig, wenn
auch ohne Furcht.
Dem Ritter war die Ursache ihrer Bewegung entgangen, vielleicht glaubte
er ihr Gemüt vom Abschied verschattet; er neigte sich zu ihr und sagte
leise auf deutsch:
»Mut, Liebling, wir fahren mit Gott.«
Sie hob den Kopf, bleich und leuchtend wie ein Marmorbild stand ihr
Antlitz in dem nächtigen Himmel. Unvermutet schwang ihre dunkle Stimme
in der Luft:
»Ihr seid ein Pilger? Fahrt Ihr zum Heiligen Lande?«
Mit einem ahnte ich, dies war die Erlösung. Der Ritter sah verwundert
zu mir her und lächelte wohlwollend, möglich, daß er sich von meinem
Aussehen keine Nebenbuhlerschaft versprach. Er tat wahrlich recht
daran: die Tyrrhenische See zeigte mein mondumspültes Bild, als tauche
ein Meeresungeheuer aus dem Hafengrund.
»Edle Frau,« erwiderte ich, »Ihr habt recht gesehen, ich bin ein
Pilger und walle zum Heiligen Lande. Aber wann das sein wird, weiß Gott
allein, denn ich habe kein Geld für die Überfahrt.«
»Ihr seid geistlich -- geweihter Priester?«
»Ihr sagt es, edle Frau,« sprach ich gelassenen Mundes, indes mir das
Herz schier die Rippen zerschlug. Ich bemerkte, wie sie mit den Augen
ihren Gemahl beschwor und eine alte Bitte wiederholte.
Der Ritter nahm das Gespräch auf:
»Ehrwürdiger Vater, Ihr sprecht deutsch wie ein Normanne. Wes Landes
seid Ihr?«
»Weiß selber nicht,« wich ich aus, »ich bin Gottes. Das Abendland ist
mir geläufig auf deutsch, französisch und sächsisch. Auch Italienisch
lernte ich und schreibe und spreche Lateinisch. Nehmt mich mit, Herr,
vielleicht kann ich Euch in manchem zu Diensten sein. Lohns begehr ich
nicht, aber Fahrt und Pflege müßt Ihr zahlen.«
Mit zitternder Seele spielte ich den Sorglosen, nahm mein leeres
Beutelchen aus der Kutte und wendete es um -- ach, ein vergessener
Pfennig fiel heraus, rollte über die Steine und schoß blinkend in das
Wasser.
»Seht, Herr,« sagte ich lachend, »das Scherflein des Armen opfere ich
den Meeresgöttern, daß sie uns sanft tun.«
Der Ritter lachte laut und herzlich, ihr Antlitz aber ward von einer
noch tieferen Blässe überzogen, und eine Träne hing an der blonden
Wimper.
»Wir sind einig,« sagte der Ritter hastig, denn plötzlich gellten von
der Kogge drei Pfiffe, »es ist kein Priester an Bord, und mein Gemahl
-- in den Nachen, Mönch, und auf gen Jerusalem!«
Ein Wellenplätschern, ein Wink von Gottes Braue -- ich stand an
Deck eines Schiffes, das ruhvoll mit geschwellten Segeln durch die
Sternennacht glitt, dem heiligen Ziele zu.
Die Kogge hatte nur Deutsche an Bord, Ansiedler, denen die Heimat,
Abenteurer, denen die Welt zu eng schien. In den Kajüten der Ritter,
Herr Eberhard von der Wilze, und einige Kaufherren aus dem Norden,
die mit kalten, gleichgültigen Gesichtern und hocherhobenen Nasen auf
das übrige Volk herabsahen und hinter unbewegten Stirnen Zahlen und
Warenballen von einem Ende der Erde an das andere jagten. Heil mir, daß
ich nicht als Herzog reiste -- die Kogge wäre mein gewesen, erfüllt
von bechernden Mannen, und nichts wäre geändert, als daß meine Tafel
und meine Laster ihren Schauplatz gewechselt hätten. Jetzt sah ich
Wunder, wohin mein Auge traf.
Wollend oder nicht, ich mußte Messe lesen, Beichte hören. Es kam
mir nicht zum Bewußtsein, daß ich Gott lästerte, indem ich das
selbstgebackene Brot in seinen Leib, den Feuerwein von Ravello in
sein Blut wandelte; viel schwerer wog meine Furcht, von den Menschen
entdeckt, entlarvt, verworfen zu werden. Aber sie knieten alle
andächtig um mich her, keiner ahnte Betrug, jeder ward getröstet am
heiligen Wort.
_War_ es Sünde? Einst, du Ewiger, wirst du es mir künden. Einen wußte
ich, der gläubig war und voll bitterer Reue genoß, das war mein eigenes
sündiges Herz.
Was den edlen Herrn von der Wilze aus seiner niedersächsischen Heimat
fortgetrieben hatte, erfuhr ich nicht. Er hatte sich den Deutschherren
gelobt und harrte drüben auf Feld und Pflicht. Er stand mitunter bei
mir, erzählte von den verwirrten Zeitläuften in Deutschland, dem
verbissenen Ehrgeiz Heinrichs des Löwen; und aus all dem leuchtete ein
ehrlicher, tapferer Mut, so daß er mir lieb wie ein Bruder wurde.
Wie nebenbei fügte er eines Tags mit gepreßter Stimme hinzu:
»Vater Ronald, ich bitt Euch, habt meines Weibes ein wenig acht; sie
hat die Gabe des Fernsehens und quält sich in zweckloser Trauer.«
Er drückte mir hastig die Hand und ließ mich allein, mit streitendem
Gemüt. Beim Nachdenken fiel mir bei, wie sich Frau Gertraude mir
absichtsvoll entzog und dennoch häufig ihr Auge fragend und fast
erschrocken auf mich richtete. Was ich von ihr wußte, war, daß sie
bestimmt niemals meinen Weg berührt hatte. Ihre Träume oder Gesichte
verbarg sie vor mir, doch das Geheimnis flößte mir eine dunkle Scheu
ein, ich konnte sie nicht bezwingen, als ginge ein Teil ihrer Kümmernis
mich selber an.
Wir hatten Kreta hinter uns und näherten uns der Küste von Jerusalem,
als der Wind mit einmal schwieg und wir mit schlaffen Segeln hilflos in
der sommerlichen Schwüle lagen. Es ging der Nacht zu, aber in der Ferne
des Himmels hockte ein schwefelgelber Schein, der keiner Dunkelheit
weichen wollte und mit seinen gezackten Rändern einem Rachen mit
glühenden, drohenden Zähnen glich.
Der Patron der Kogge stand mit verkniffenem Munde am Bugspriet und
starrte auf die unheimliche Ebene des Meeres, die, geschmolzenes Blei,
an den Planken klebte und einen unerträglichen Modergeruch ausströmte.
»Ihr kennt dies Gewässer, Meister Bornhövt,« versuchte ich ihn leichten
Tons, »mich deucht, ein Wetter kommt herauf.«
»Bei allen Teufeln!« schrie der Patron und verzerrte sein Gesicht
fürchterlich. Er zitterte am ganzen Leibe vor Aufregung, der Schweiß
rann ihm über die rote Stirn. Er zuckte zusammen, sah sich mißtrauisch
um und packte mich bei der Kutte. Heiser stieß er aus der Kehle:
»Behaltets für Euch, Vater Ronald: noch drei Vaterunser, und diese
guten Bretter stehen mehr als je in Gottes Hand.«
Er schob die Pfeife zwischen die Lippen, sein zerrissenes Gesicht wurde
hart vor dem nahenden Kampf, ein schriller Pfiff versammelte seine
Leute.
»Klar Deck!« befahl Meister Bornhövt laut. »Weg mit allem, was nicht
niet- und nagelfest ist!«
Aus der Masse, die auf Deck freiere Luft suchte, drangen gequälte
Schreie, unwillig stemmten sich die Leute gegen den Befehl.
»Fort mit euch!« brüllte der Patron. »Die Hölle geht los, ihr Narren!
Wählt, ihr Esel, ob ihr schwitzen oder versaufen wollt!«
Das Deck ward leer, an den Kajüten standen noch einige Kaufherren
und zeichneten auf einer Planke mit Kreide Geschäfte auf; ich stand
am Bugspriet und verbarg mich vor den Augen des Schiffsherrn,
mehr aus Neubegier zu dem Kommenden, denn aus Abneigung gegen den
menschenüberfüllten Raum.
Indessen begann die Luft zum Ersticken heiß zu werden, aus dem fernen
Rachen brach plötzlich eine ungeheure Zunge schräg über den schwülen
Himmel, ein rasender Sturm hob das glatte Meer und stieß die Kogge wie
einen Federball auf schwarzem Riesenturm in die Höhe. Donnernd schoß
sie wieder in die Tiefe, stand zitternd auf, hielt, in allen Fugen
stöhnend, einen winzigen Augenblick in dem brodelnden Kessel von Gischt
und Schaum und flog wie ein Pfeil in die krachende, blitzsprühende
Nacht. Der Regen rauschte und flutete, Wogen lärmten über die Borde und
übertönten das ohnmächtige Wimmern unter den Luken.
Die Nacht war taghell, ich sah die Mannschaft mit Seilen an die Masten
und an das Ruder gebunden, den barhäuptigen Patron wie den Erzengel des
Gerichts über das Heck ragen und nach vorn starren. Auf Menschenstärke
war bei diesem Wirbel der Wetter kein Verlaß, wehrlos waren wir dem
Verderben preisgegeben.
Mit meinen ungewöhnlichen Kräften hatte ich mich an den Borden halten
können, ohne ein Seil zu gebrauchen. An Furcht dachte ich nicht, ja,
dies Neue schien mir, wenn ich der Menschen an Bord nicht achtete,
schön in seinen unvergleichlichen Maßen. Ich fühlte mich hineinverwoben
in Schicksale und Schicksal, und alles trieb einem mächtigen,
vernichtenden Höhepunkt zu. Mir ist in der Erinnerung, als habe mein
Herz gejubelt, und ich glaube, mein Gedächtnis trügt nicht. Noch heute,
bei schlohweißem Haar, rumort ein seltsamer Geist in meiner Brust,
wenn die Kronen meiner Wälder im Sturmwind brausen und dröhnen, als --
ja, als ritten die Götter der Ahnen siegjauchzend durch das donnernde
Gewölk.
Stunden um Stunden rannte die Kogge unter der flammenden Peitsche des
Gewitters mit ihrem zuckenden Inhalt dahin, es war, als stünde der
Himmel meilenweit in Lohe. Das Wimmern war verstummt, das Schiff schien
nur Tote zu fahren. Die beiden Masten waren längst über Bord gefegt,
zehn, zwölf brave Lübecker, die beim Kappen der Taue von einer Sturzsee
erfaßt wurden, trieben irgendwo in der Nacht.
Mit einmal geschah ein furchtbares Krachen, ein Stoß, als stießen wir
auf Fels, das Schiff barst langsam mitten auseinander, geisterhafte
Menschen wimmelten in seinen Eingeweiden, die Kajüten auf Deck
zerfielen wie Zunder, Männer rollten mit stieren Blicken über steile
Wände in die See, ein einziger Schrei quoll aus der sterbenden Kogge.
Ich sah das Bugspriet durch die Luft segeln und in die Finsternis
gleiten, mit einem jagenden Gedanken stürzte ich dem Holze nach in
den Höllenstrudel. Kreisende Trichter sogen mich hinab, wütende
Stöße warfen mich empor, aber ich fing, ich fing den Baum und hing
und taumelte und wirbelte mit ihm besinnungslos vor Glück über
Todesgründe. Und plötzlich ein weißer, leuchtender Leib vor mir, eine
Welle schleuderte ihn in meine Faust, ich hielt den schönen Kopf der
Edelfrau an seinen blonden Haaren hoch über Wasser und bettete ihn auf
den Baum.
Gott schickt mir ein Zeichen! hämmerte mein Herz in einem fort, Gott
will mich nicht verlassen!
Fahle Dämmerung, schnell und grell darauf der Tag; wir trieben
allein auf der öden See, kein Segel, kein Land. Sie war noch nicht
von ihrer Ohnmacht erwacht, aber ich fühlte ihren leisen Atem. Ihre
Hand umklammerte meinen Arm, dicht vor meinem Munde lagen die weißen
schmalen schmucklosen Finger. Ihr dünnes Hemd klebte am Leibe, die
schlankem kräftigen Formen traten klar hervor.
Was wollte Gott von mir? Sicherlich, wir waren die einzigen Geretteten
der lübischen Kogge.