blanke »Ja« von den stolzen Lippen gefahren, mit dem er sich verband,
am Frankfurter Bundesratstische den Sitz eines preußischen Gesandten
einzunehmen. Ein sechsunddreißigjähriger Gutsherr von Gardemaß, der nie
ein diplomatisches Schriftstück gelesen! In militärischer Haltung hatte
er seinem König, der diese Kühnheit bewunderte, entgegnet: »Der Mut ist
ganz auf seiten Eurer Majestät!«
Welche Stimme hatte aus ihm geredet? Verbrennt uns zuweilen ein
übernatürlicher Augenblick zur gewaltigen Flamme, die geheimnisvoll
ins All hinaus schlägt, und entläßt uns sofort wieder als irdische
Schlacke, wenn die Flamme uns entflohen?
In der Tat -- kaum daß der freie Landjunker in der geschäftigen
Mainstadt, wo der ältliche General von Rochow einstweilen noch das
Gesandtschaftssiegel führte, hinter hohen Aktenstößen saß, von früh
bis spät eingekerkert in dem Salongefängnis des Bundestagshotels, so
schlug er wild die Faust auf den Rokokotisch und fragte sich, welche
Teufelsgewalten das schicksalsvolle Wort aus ihm emporgeworfen, und
warum er nicht lieber bei Weib und Kind geblieben und Roggen auf
Schönhausen gebaut, statt hier Ballen Papier zu verschmieren, in
Kommissions- und Plenarsitzungen, die bis in die Nächte dauern, leeres
Stroh zu dreschen und zwischen Tür und Angel die Zeit heranzuwarten,
wo er selbst das Steuerrad ergriffe! Rochow zeigte verdammt mehr Lust,
sich an der rheinischen Sonne bräunen zu lassen, als ihm das Feld zu
räumen. Der Teufel sollte diesen Zustand länger ertragen.
Er dampfte vor Tatkraft, und manche schlaflose Nacht hallten seine
Reiterstiefel bis zum grauenden Morgen durch die dunklen Frankfurter
Gassen. Wie Rübezahl streifte er durch die Wälder des Taunus, des
Spessarts, des Odenwalds; fuhr mit der Wasserdiligenze den Main hinab,
um sich auf der Mainzer Schiffbrücke in die Stunde zu verlieren, da
Johanna in ihrem flatternden Genfer Mäntelchen dort neben ihm stand;
und dreimal schon hatte er das Telegramm an den Minister bereit, in
dem er binnen vierundzwanzig Stunden in sein Amt eingesetzt zu werden
verlangte oder seine sofortige Entlassung forderte ...
An einem herrlichen Julitage, als selbst in dem muffigen
Legationsbureau der Aktenstaub regenbogenfarben auf schrägen
Sonnenstrahlen schwebte, schien die angesammelte Elektrizität ihre
höchste Spannung erreicht zu haben. Er schritt im Zimmer auf und ab und
tobte: »Galeerenarbeit ... bestes Feuer verrauchen lassen ... Fiduz zu
sich selbst zum Teufel ... sein gutes Heim aufgeben ...«
Sein Attaché, der schüchterne Lynar, sah ihn an wie einen leidenden
Titanen.
»Das ist zu viel, sage ich!« -- schrie er und riß das Fenster auf.
Lynars weißer Pudel, der auf dem Teppich lag, winselte mit, wie leises
Weinen ...
Da erhob sich Lynar vom Schreibsessel, stellte sich zu ihm an das
geöffnete Fenster, wendete seinen Blick fragend hinaus in den
kornblumenblauen Sommertag und erinnerte ihn sanft, wie man zu einem
Schwerkranken spricht, an den Besuch in Johannisberg, zu dem der greise
Fürst Metternich schon wiederholt seine Einladung geschickt hatte.
Fürst Metternich! Der unlängst aus der englischen Verbannung
Heimgekehrte! ... Der als erste Stätte auf dem wiedergewonnenen
Heimatboden sein altes Geburtshaus am Rhein aufsuchte! ... Der Treue,
der auch in den Tagen seines höchsten Glanzes nicht an Koblenz
vorübergefahren, ohne sich den Metternicher Hof bis zum letzten
Dachwinkel aufschließen zu lassen -- das Boudoir seiner Mutter ... die
kleinen Stuben, wo er mit dem Hofmeister gehaust ...
Er mußte an Schönhausen denken ...
Das war sein Mann! Keine von jenen verknöcherten Exzellenzen, die
hier ordenbehangen um ihn herstelzten ... Ein Romantiker war er
-- auf seinem Schloß, das von dem sonnigsten Rebenhang des Rheins
herabglühte ...
Auf! Fort von Bureaukratie und Aktenstaub -- zur Urmutter Natur, wo
wilde Sonne brennt und die Woge das Ufer peitscht ...
Der Pudel sprang auf und wedelte und merkte, daß es ging.
Es war eine eigentümliche Fahrt. Das zarte Delfter Blau, in dem
sich die Sättel der waldigen Taunuskette neben dem Reisewagen
mitwiegten, verwischte sich bald hinter der Weißglut geladener Dünste.
Aschenschwarze Wolken schoben sich scharfgerändert aus der Wetterecke
des Gebirges vor und verschatteten die hohen, goldenen Ährenfelder, in
denen ein schlaffer Wind wühlte. Stickige Schwüle stieg aus dem Staub,
nur selten von einer fernen Welle des trockenen Heues durchduftet, das
die Bäuerinnen überall noch eilig auf die Leiterwagen gabelten. Dicht
über dem Wasserspiegel jagten die Schwalben und netzten sich die weiße
Brust in der Flut. Und General von Rochow, der sich der Fahrt ebenfalls
angeschlossen, hatte abwechselnd das schwimmende Mützenleder zu wischen
und gegen die Schnaken zu fechten. Doch das Gewitter entlud sich nicht.
Einsilbig saß der feurige Legationssekretär im Wagen und schaute wie
Wotan unter dem großen, breitkrämpigen Strohhut in die Ferne ...
»Schönhausen, ganz wie Schönhausen!« rief er versunken, als sie an
den ersten rheingauischen Herrensitzen vorüberrasselten. »Meine
liebe Zampel« -- als das Gefährt den plätschernden Kiedricher Bach
überschritt. »Der Kniephof!« seufzte er leise und zog den Duft einer
mächtigen Linde ein, die am mohnroten Feldrain in der grellen Sonne
stand ...
Der verstehende Lynar, um ihn mit seinen Gedanken allein zu lassen,
hielt Rochow im Gespräch, aus dem Bismarck manchmal nur dunkel ein Wort
aufgriff ... »Rheinische Backofenglut ...« »Wie es reift!« war das
geheimnisvolle Echo. »Wie es reift« -- wiederholte er im unverwandten
Anblick der reichbehangenen Rebgärten und pfirsichglühenden Spaliere,
die sein Auge angestrengt im Vorüberfahren abwanderte. Solchermaßen
arbeitete es in ihm ...
Unterdessen waren sie in Winkel angekommen, wo der Weg zum Johannisberg
abzweigt. Da aber zeigte es sich, daß das, weswegen er die Reise
unternommen, innerlich schon überlebt und ihm zuteil geworden war, und
der Seitenpfad zu dem Schlosse hinauf jetzt nur ein lästiger Abweg
gewesen wäre von der Hauptstraße seines Dranges, der ihn dem Strome
entlang vorwärts trieb. Konnte es im Grunde größere Gegensätze geben,
als ihn, den Diplomaten in Holzschuhen, und den ~ministre papillon~?
Und was sollte er jetzt auf zierlich gepflegter Schloßterrasse zwischen
Semperflorens-Rosen und einer in Töpfen gezogenen Orangerie anfangen?
Rochow, wegen seiner heimlichen Mitbewerbung um den Frankfurter
Gesandtschaftsposten befangen, ließ sich ohne Widerspruch den edlen
Tropfen aus den fürstlichen Weinkellern von den Lippen reißen und
schickte nur einen verlechzten Blick nach dem entschwindenden
Schlosse auf die Höhe hinauf -- ohne zu ahnen, daß seine Gegenwart
mit die Ursache war, warum es den andern vom Menschen fortdrängte ins
Grenzenlose der Natur, bei der wir uns allein von unserer letzten
Einsamkeit befreien, weil wir im tiefsten mit ihr zusammenklingen.
Und wie jeder redliche Entschluß erfrischt, so begann auch der junge
Diplomat, nachdem er sich den Weg freigemacht in eine unbestimmte
Weite, seine Verschlossenheit mit dem beginnenden Abend abzuwerfen,
sich den Traum von seiner pommerischen Heimat aus den Augen zu wischen
und mit erhöhtem Pulsschlag zu fühlen, daß er nicht mehr an den
Wiesenbächlein der heimatlichen Scholle, sondern am Rheine war --
dem deutschen Strom! So lebhaft zeigte er jetzt nach der dunkelnden
Giebelfront der Hallgarter Zange, jetzt nach den heidnischen Walddolmen
der Rabenköpfe, jetzt nach den goldgelben Sanden und Pappelauen mitten
in den Fluten, daß Lynars Pudel den deutenden Händen bald herüber, bald
hinüber, die Vorderpfoten über den Wagenschlag gelegt, nachsprang,
um zu ergründen, was es da draußen zu apportieren gebe ... Als sie
aber neben der reichgezackten Silhouette des Adlerturms mit seinem
Birkenbäumchen in der Zinnenkrone in Rüdesheim einfuhren; drüben auf
dem Rochusberg die Kapelle im Mondschein aufragen sahen; das dunkle
Felsentor, das der Strom durchbricht, mächtig vor ihren Blicken lag;
und rings um die Ufer die abendlichen Lichter an den Berglehnen sich
entzündeten, als sei Vineta heraufgestiegen -- da wußte er, daß ein
höher gewolltes Ziel ihn richtig geführt hatte ...
Und während der Engelwirt seine Begleiter von dem Wagenschlag durch
den vornehmen Treppenpavillon in den Gasthof komplimentierte, stand
er just, wie er aus dem Reisewagen gesprungen, schon am grasigen Ufer
drunten, an dem muschelknirschenden vordersten Kiesrande, -- allein mit
dem erdgeisterhaften Rauschen der nächtlichen Brandung ...
Das Gewitter hatte sich jenseits der Berge entladen und gereinigte
Lüfte herübergesandt. Der Wisperwind kam aus den Felstoren und
kräuselte Schaumkämme über die Wasserfläche, die im Mondschein
spiegelte, als glühte das Nibelungengold aus der Tiefe herauf ... Er
stand mit seherischen Sinnen und setzte sich allmählich, dem Stromlauf
folgend, in Bewegung, wie ein Nachen auf den Wellen treibt, immer von
dem Verlangen gequält, dem Strome näher zu kommen, anstatt verurteilt
zu sein, auf dem Leinpfad nebenher zu schreiten -- bis er an die Klippe
gelangte, darin der Lehrer Metternichs sein Herz hatte begraben lassen,
daß es dort ewig umwiegt sei von den heiligen Wogen, über denen der
Geist des Vaterlandes schwebt. Da riß es ihn plötzlich hin, all das
Licht der Wasser in die Arme zu fassen; und, dem verankerten Dreibord
seine Kleider hinterlassend, warf er sich in die Flut und tauchte bald
wie ein Rheingott in der Ferne auf, wo die Mäuseturminsel mit ihrem
Pappelhain traumhaft aus der Tiefe steigt ...
Und während er auf den Wellen dahinwiegte, von der riesigen
Stufenpyramide der Weinberge und mondduftigen Waldhöhen eingeschlossen,
überglitzert von Sternen, die durch die Fensterhöhlen der getürmten
Burgruine schauten, und der schäumende Wogenfall des Bingerloches durch
die Stille donnerte, da fühlte er, wie er dem ganzen Lande angehörte;
wie seine Arme erstarkten, indem er spielend die Flut bezwang an
einer Stelle, wo die Strömung reißend den gefährlichen Felsenbänken
entgegenschießt; und wie in seine Schultern die Kraft strömte, das
Schicksal des geliebten Landes zu tragen ...
Aber nur die murmelnden Wogen, die der Wiegengesang des Lebens sind,
vernahmen, wie es ihn, reingebadet von Druck und Zweifel, betend
erfüllte: In sein Wirken hineinzutragen und nie zu verlieren, was
er, in der lichten Dunkelheit schwimmend, in weiten Armen hielt! Mit
den Füßen im Bodenlosen schwebend auch am Tische des Rates! Aus der
Urtiefe des Elementes das Wort hinaufzurufen und die Tat zu schwingen
-- die wilde Woge im Blut und Sternengüte, Ruinenschweigen und Donner
der Gegenwart, Felsenfinster und streichelnden Wind! Und das Segel des
Staatsschiffes zu bewegen mit dem Sturmodem des ganzen Weltzaubers, der
allein an die Küsten des Lebens bläst! ...
Als er ans Ufer stieg, saß der weiße Pudel, der den Weg zu dem leeren
Nachen gefunden, auf seinen Kleidern und erkannte ihn erst, als der
Riese sich wieder in der Maske des bürgerlichen Rockes verborgen hatte
und, während das Flämmchen der fernen Lichtboje auf den Wassern tanzte,
schweigend im Dunkel neben ihm schritt.
Ein Anekdotenkreis aus dem Kriege
Sechs bayrische Reiter
Von _Emil Lucka_
Am dritten September, an einem sonnigen Vormittag hat sich's
zugetragen, daß fünf schwere bayrische Kürassiere, ein Gefreiter
voran, das waldige Vogesental von Stoßweiler hinauf gegen die Grenze
geritten sind, um ein bißchen nach Franzosen oder anderem schlechtem
Volk, das an dem Ort nichts zu suchen hat, Ausschau zu halten. Weil
ihnen die Zeit lang wird, fangen sie an zu jodeln und zu juchezen, aber
die Pferde spitzen plötzlich die Ohren, und der Gefreite Jagenteufel
schreit: »Maul halten!« Richtig kommt ein Zug Franzosen den Weg daher,
vielleicht sechzig oder siebzig Leute, jeder sein Gewehr über der
Schulter.
»Drauf!« schreit der bayrische General und zieht sein breites
Schlachtschwert, hinter ihm das Heer. Und sie stimmen ein solches
Kampfgeschrei an, daß die Franzosen glauben, die ganze deutsche Armee
wäre schon da, und werfen ihre Gewehre ins Gras. Der Leutnant, der
sie führt, ein feines Bürschel ohne Bart, tritt vor den Jagenteufel
und bietet ihm mit einer guten Verbeugung seinen Degen an, den der
Jagenteufel nimmt. Und weil er nicht weiß, was er damit anfangen soll,
stößt er ihn in einen alten Baum hinein, daß das Federmesser gleich
abbricht. Dann brüllt er die Franzosen an: »Vorwärts!« -- und sie
gehen ganz folgsam ihren Weg weiter, aber ohne Gewehre und von fünf
bayrischen schweren Reitern flankiert und hinter einem Gefreiten her
anstatt wie bisher hinter einem Leutnant. Und sie schämen sich, weil
sie geglaubt haben, es wär die ganze deutsche Armee, nicht nur sechs
Mann.
Vom Tal herauf schlägt's gerade zwölf Uhr, wie sie einem Wirtshaus nah
kommen, das sonst für Touristen und Fuhrleute bestimmt ist, jetzt aber
verlassen steht. Der Jagenteufel sieht das Wirtshaus schon von weitem
und muß sich das Bier vorstellen, das dort vielleicht im Keller liegt.
Und weil ein braver Soldat dieselben Gedanken haben soll wie sein
Feldherr, denken alle Fünfe mehr ans Wirtshaus als an die Franzosen,
die zwischen ihnen her laufen. Auch das Pferd vom Jagenteufel hat das
Wirtshaus bemerkt, und so geht der ganze Zug, er weiß selber nicht wie,
immer mehr nach rechts, bis er vor der Tür halt macht.
Der Wirt und die Wirtin und ein paar Kinder und andere Leute stehen
da und schauen mit großen Augen, wie sechs bayrische Reiter sechzig
oder siebzig Franzosen daher führen, und schreien: Hurra! -- denn sie
sind gut deutsch -- und der Herr Wirt sagt gleich, die Herren Soldaten
sollten hereinkommen, und zu bezahlen brauchten sie nichts.
Aber die armen Schlucker müßten auch was kriegen! meint der
Jagenteufel. Und richtig wird den Franzosen zu essen und zu trinken
herausgebracht, während die Bayern vom Pferd steigen und mit viel
Freude ins gute Zimmer geführt werden. Der Wirt schlägt gleich ein Faß
Bier an, und die Wirtin stellt sich zum Herd. Weil aber ein Bayer nicht
vom Bier weggeht, bis das Faß leer ist, so dauert die Mittagsrast drei
Stunden, die Franzosen brauchen derweilen auch nicht hungern. Und wie
die Bayrischen endlich herauskommen, sind ihre Pferde schon mit roten
Hosen besetzt und die sechs Gewehre und die sechs Säbel auch schon
vergeben -- die hat einer unbemerkt aus der Stube getragen. Der junge
Leutnant sitzt hoch auf dem Pferd vom Jagenteufel und kommandiert
stramm, so daß sich die fünf Reiter mit ihrem Gefreiten keinen andern
Rat wissen, als zu Fuß zwischen den gut berittenen Franzosen denselben
Weg zurückzugehen, den sie am Mittag gekommen sind.
Die Bayern jodeln jetzt nicht mehr und bedenken, daß sie da ein übles
Stück vollbracht haben, und trauen sich nicht, ihren Pferden ins Auge
zu schauen; aber die Franzosen sind um so lustiger. Ihre Gewehre liegen
richtig noch am selben Platz, jeder findet seines, und der Leutnant
sucht den Strunk von seinem Säbel zusammen; so müssen die Bayern nach
Frankreich ziehen, anstatt die Franzosen nach Deutschland.
Gegen Abend kommen alle in ein französisches Dorf. Kinder, Weiber und
Männer laufen zusammen und schauen jubelnd die gefangene Armee an. Und
die Franzosen stolzieren einher, jeder wie ein Marschall, der Leutnant
mit dem zerbrochnen Säbel aber wie Napoleon selber. Feierlich werden
sie zum Diner geladen. Der Leutnant, der weiß, was sich schickt,
sagt gleich auf die Ansprache des Bürgermeisters: »Unsere Feinde
haben uns ein Dejeuner serviert, wir wollen ihnen das Diner nicht
schuldig bleiben!« -- Und der Herr Maire ist rot vor Stolz, daß er
das siegreiche Heer mit seinen Gefangenen bewirten darf, eine große
Tafel wird auf der Wiese gerichtet für die Franzosen, die Bayern aber
bekommen im Gemeindestübel, das vergitterte Fenster hat, ein Diner mit
feinem Wein vorgesetzt. »Der Wein ist nicht schlecht!« schmunzeln die
Gefangenen und begießen ihr trauriges Los.
Der Jagenteufel hat aber schon das Eiserne Kreuz auf seiner Brust
gesehen, und so wurmt es ihn, daß sich das Antlitz der wetterwendischen
Kriegsgöttin schnöde von ihm abgekehrt hat. Er geht -- doch nicht bevor
die Flaschen leer sind -- auf Kundschaft aus. Eigentlich sollte die
Tür versperrt sein, aber die Kellnerin hat sie versehentlich offen
gelassen. Das erste, was dem Jagenteufel ins Auge sticht, sind die
sechs bayrischen Rösser, die gut gefuttert haben und ihn mit Wiehern
begrüßen; nicht weit davon vorm Wirtshaus tanzen die Soldaten mit den
Dorfmädeln. Da geht der Jagenteufel um seine Mannschaft, sie schleichen
zur Gewehr-Pyramide, die ganz im Dunkeln steht, werfen die Gewehre
in den Brunnen außer ihren eigenen, die zu unterst liegen, schnallen
sich die breiten Säbel um, sitzen auf und fahren mit »Hurra!« in den
Dudelsacktanz hinein. Der Leutnant ist gleich da und springt auf
einen Tisch, die Soldaten laufen nach ihren Gewehren, kommen aber
wieder leer zurück, und der Leutnant überreicht seinen halben Degen
dem Jagenteufel, der ihn dieses Mal zwischen seinen Händen bis auf
den Griff abbricht. Dann marschieren alle den Weg zurück, den sie
heut schon zweimal gegangen sind, hinterdrein Kinder und Weiber. Und
das bayrische Heer jodelt wieder wie am Vormittag und singt: »Muß i
denn, muß i denn zum Städtle hinaus!« -- und die Franzosen fangen an
mitzusingen, weil sie viel Wein getrunken haben und die Worte doch
nicht verstehen.
Bei der Grenze müssen die Mädel Abschied nehmen, weinen auch ein bissel
dazu und hoffen aufs Wiedersehen; und der Jagenteufel mit seiner
Patrouille führt hoch zu Roß (das gefährliche Wirtshaus bleibt dieses
Mal rechts liegen) seine Gefangenen ins deutsche Quartier hinein.
Der Talisman
Von _Oskar Wöhrle_
Unteroffizier Bück, im Leben vor dem Kriege Theologe, ein kleiner,
schmächtiger Mensch, dem man den Bücherhocker schon in der ersten
Minute ansah, war der einzige von den Einjährigen-Unteroffizieren,
der das Eiserne nicht hatte. Trotzdem, so ging die Meinung der ganzen
Batterie, das heißt aller Kanoniere, hätte er es zehnmal eher verdient
als mancher andere; denn er war ein Kerl, der mit einer unglaublichen
Waghalsigkeit vorging.
Bei Sachen, vor denen es selbst den abgebrühtesten Infanteristen
graulte, zeigte er, der Artilleriehilfsbeobachter, einen solchen
Schneid, als hätte er Zeit seines Lebens mit den russischen Pimpatschen
zu tun gehabt.
Galt's eine verlorene Patrouille vorzutreiben, Bück war dabei. Galt's
eine feindliche Beobachtungsstelle auszuknobeln, Bück erknobelte
sie. Galt's eine Leitung zu legen in schwierigem Gelände, im
Artilleriefeuer, Bück legte sie. Und alle seine Verrichtungen tat
er, dem Gefauche der blutgierigen Schrapnelle zum Hohn, mit einer
Unbekümmertheit, als sei er unverwundbar.
Wir, seine Kameraden, warnten ihn mehr als einmal, sein Leben nicht so
leichtsinnig aufs Spiel zu setzen.
»Ach was!« sagte er. »Was heißt Gefahr? Mumpitz! Mir tut keine Kugel
was, ich habe einen Talisman.«
»Sie, der Bibelpflüger, einen Talisman?«
Er lachte nur zu unseren Erstaunungen und sagte in seiner etwas
schüchternen Art:
»Und wenn ihr erst wüßtet, was für einen!«
Bück hat recht behalten. Er fiel keiner Kugel zum Opfer, er mußte in
den giftigen Krallen des Typhus enden. Bei Blonie liegt er begraben.
Als die Batterie seine Sachen heimatfertig machte, wurde auch der
Talisman gefunden, ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier. Darauf
stand mit violetter Tinte geschrieben, in klaren, unerschrockenen
Buchstaben:
»Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er
auch, und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn
das Vieh; denn es ist alles eitel.
Es fähret alles an _einen_ Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird
wieder zu Staub.
Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärts fahre und der Odem des
Viehes unterwärts unter die Erde fahre?
So sah ich denn, daß nichts Besseres ist, denn daß ein Mensch fröhlich
sei in seiner Arbeit; denn das ist sein Teil; denn wer will ihn dahin
bringen, daß er sehe, was nach ihm geschehen wird?«
Dieser Zettel wurde nicht mit weggeschickt. Er sei zu unchristlich,
sagte der Feldwebel. Ich bat ihn mir aus. Als ich ihn späterhin,
nicht ohne eine gewisse Bewegung, einem Kandidaten zeigte, zuckte der
gleichmütig die Achseln: »Was ist denn da besonders Großes dabei? Die
Stelle ist doch sattsam bekannt, siehe Prediger 3, Vers 19--22!«
Wie ein preußischer General einen Juden zum Offizier vorschlug
Von _Rudolf G. Binding_
Der General v. R--, Kommandeur einer Infanterie-Brigade, hatte in
seinem Stab einen Ordonnanzoffizier. Diese Stellen wurden im Anfang
des großen Krieges, mit dem der Sommer des Jahres 1914 die Welt
überzog, vielfach nicht mit Offizieren besetzt, sondern mit solchen,
die es werden sollten. In der Regel machte man, da die Infanterie an
Offiziersaspiranten nicht geschwächt werden sollte, bei der Kavallerie
eine Anleihe, und auf dieser Grundlage hatte der Rittmeister einer
der Division unterstellten Schwadron den Befehl erhalten, zum Stabe
des Generals v. R-- einen Ordonnanzoffizier zu kommandieren. Der
Rittmeister kommandierte den Vizewachtmeister der Reserve K-- in die
Stelle.
Der General war glücklich mit seinem Ordonnanzoffizier. Denn dieser
war ein gebildeter, anstelliger junger Mann von gutem Aussehen,
reiterlichen und anderen Fertigkeiten und trug sein Herz ziemlich am
rechten Fleck. Der General konnte nicht umhin zu bemerken, wie nützlich
sich K-- bei ihm machte, wie gut seine Pferde gediehen, seit K-- bei
seinem Stabe war, wie dieser auch für sein, des Generals, leibliches
Wohl in bester Weise sorgte, wie er selbst am liebsten nur mit K-- auf
Erkundung oder zu den Stellungen seiner Truppen ritt, da kein andrer
sich auf der Karte so gut auskannte wie sein neuer Ordonnanzoffizier,
und was dergleichen Tugenden mehr waren, die er an ihm entdeckte. Es
vergingen kaum ein paar Wochen, so erhielt der Vizewachtmeister, der
sich bei einigen Aufträgen hervorgetan und dabei bewiesen hatte, daß
er sich aus englischen Granaten nicht einen Pfifferling machte, das
Eiserne Kreuz.
Der General hielt auf seinen Stab. Als er die Zeit für gekommen
erachtete, schrieb er an den Rittmeister einen Brief. Er stellte ihm
vor, wie man doch einen so tüchtigen und tapferen jungen Mann nicht
wohl weiter ohne die silbernen Offiziersachselstücke herumlaufen lassen
dürfe, da er alle Eigenschaften und Voraussetzungen in sich vereinige,
die für die Beförderung zum Offizier verlangt werden müßten. Indem er
den jungen Mann nach seiner Beförderung für die planmäßige Stelle des
Ordonnanzoffiziers bei seinem Stabe vorsehe, hoffe er nicht nur, ihm
die Wege zu ebnen, sondern auch seine Fähigkeiten für die große Sache
und das Vaterland in bester Weise auszunutzen.
»So erwarte ich denn, mein lieber Rittmeister,« schloß der General,
»wenn es Ihnen recht ist, einen Beförderungsvorschlag für meinen
prächtigen Vizewachtmeister. Denn Sie, als der Kommandeur der
Schwadron, der er zurzeit noch angehört, müssen die Eingabe abfassen,
die erforderlichen Nachweise und Unterlagen verschaffen und den
Vorschlag an allerhöchst Seine Majestät richten. Ich aber werde ein
Wort der Befürwortung zufügen können, das unserem Schützling von Nutzen
sein wird. Es wird nicht fehlen. Schicken Sie mir morgen die Eingabe.«
Der Rittmeister tat, wie ihm befohlen war. Am folgenden Tage gelangte
ein Vorschlag zur Beförderung zum Offizier im Beurlaubtenstande, wie
ein derartiges Schriftstück sich zu nennen die Ehre hat, in die Hand
des Generals, und alle Spalten, die die gestrenge Vorschrift für eine
solche Urkunde verlangt, waren säuberlich gezogen und ordnungsmäßig
ausgefüllt. Wohlgefällig überlas der General die über die Person seines
Ordonnanzoffiziers gemachten Angaben. Da standen die Vornamen, da die
Geburtsdaten, da der Beruf. Der Mann lebte in geordneten Verhältnissen;
der General hatte sich nicht getäuscht. Seine Blicke wandten sich
befriedigt den nächsten Spalten zu, die über Glaubensbekenntnis und die
Namen der Eltern aussagten.
Und er erstarrte. Denn da, gerade unter dem Worte »Religion« stand --
(ja! der General konnte es nicht in Abrede stellen) gerade unter dem
Worte Religion stand das Wort: »mosaisch«.