Namen Marcel Larousse, und im Winter 1756, kurz vor Neujahr, war
dieser Herr Larousse, mit Zurücklassung einer hübschen Frau und zweier
Töchterchen von sieben und neun Jahren, in Geschäften nach Paris
gekommen, wo gerade der Streit zwischen König und Parlament eine
Verschärfung erfahren hatte, die ernstliche Konflikte befürchten ließ.
Herr Larousse kam just an dem Tage in Paris an, da auch der König in
seiner lieben und getreuen Stadt erschienen war, um im Justizpalast
ein feierliches ~Lit de justice~ abzuhalten, das bekanntlich einen
recht bedenklichen Ausgang nahm. Der gute Kaufmann aus der Provinz
konnte sich vor Erstaunen nicht erholen, als er sah, wie der König
mit besonders pomphaftem Gefolge und im offenen Wagen an einer kalt
gaffenden Menge vorüber, die den Quai der Goldschmiede und die Sankt
Annenstraße füllte, seinen Einzug ins Parlament hielt, ohne daß auch
nur der schüchternste Ruf »Es lebe der König« laut wurde.
So erkaltet war in diesem Augenblick die Stimmung des Volkes gegen
diesen König, den man nicht ohne Arg den Vielgeliebten nennen
durfte, und der nun schon einen Mordanfall brauchte, um die alte
Liebe der Pariser für ihn noch einmal auflodern zu sehen. Und dieses
Attentat (Könige haben manchmal ein unglaubliches Glück) stellte sich
wahrhaftig, wie auf Bestellung, ganz zur rechten Zeit ein.
Und folgendergestalt kam Herr Larousse in Zusammenhang damit.
Ihn hatten seine Geschäfte über Neujahr hinaus in der Hauptstadt
festgehalten, und als er am vierten Januar von einer Einladung bei
seinem Geschäftsfreund in später Nacht nach seiner Herberge kam und,
infolge ungewöhnlichen Weingenusses und seiner lebhaften Gedanken
an das freudige Wiedersehen mit Frau und Kindern, stundenlang nicht
einschlief (er mußte sich immer wieder vorstellen, wie sich seine
Frau über den Federnhut und den Spitzenfächer freuen werde, die er am
Nachmittag eingekauft hatte): da hörte er plötzlich hart an seinem Ohr
deutliches Stimmengeflüster. Er horchte auf und verstand auch bald
einige abgerissene Wörter und Sätze, die aber lange ohne Sinn und
Zusammenhang für ihn blieben, so daß er sehr ärgerlich wurde, weil er
noch weiter an dem nötigen Schlaf gehindert sein sollte. Dennoch konnte
er sich nicht enthalten, das Ohr zu spitzen und weiter zu horchen.
»Du wirst im letzten Augenblick den Mut verlieren,« sagte jetzt drüben
eine Stimme.
»Das Bild der allerheiligsten Jungfrau, das ich auf der Brust trage«,
antwortete die andere Stimme, »wird mir die Kraft geben.«
»Wie willst du ihm aber so nah kommen?«
»Er besucht jetzt fast täglich spät am Nachmittag seine Tochter,
die Gräfin von Provence, die krank sein soll, und kehrt erst in der
Dunkelheit zurück.«
»Bei der jetzigen Kälte wird er gut eingemummt sein, und du wirst dein
Leben umsonst wagen.«
»Mein Dolch ist lang und scharf.«
»Und wenn er nun auf Wochen hinaus das Trianon nicht verläßt?«
Wie ein greller Blitz schlug das letzte Wort in das Bewußtsein des
Kaufmanns. Also ein Mordanschlag auf die geheiligte Person des Königs!
Und ihn also hatte Gott zum Schutzengel des Königs bestellt. Darum
hatte er ihn so lange den Schlaf nicht finden lassen.
Nun suchte er ihn schon nicht mehr, obwohl es drüben still geworden
war. Die ganze Nacht hindurch überlegte der gute Kaufmann, was
er tun könne, um das Komplott unschädlich zu machen. Plan um Plan
durchdachte er; und einen nach dem andern verwarf er als unpraktisch
oder gar gefährlich. Erst gegen Morgen kam er zu einem Entschluß, fest
überzeugt nun, daß dieser Schritt der sicherste sei. Er hatte nämlich
beschlossen, sich in aller Frühe zu Herrn von Berryer zu begeben, der
als Leutnant des Königs der Pariser Kriminalpolizei vorstand.
Schon kurz nach sieben meldete sich der Kaufmann an der Wohnung des
Polizeileutnants. Seine Gnaden, sagte man ihm, sei vor elf Uhr nicht
zu sprechen. Aber der Kaufmann ließ sich so leicht nicht abweisen. Er
komme in einer dringlichen Sache, die Herrn von Berryer persönlich
angehe. Da fragte ihn der Lakai nach Stand und Namen und ließ ihn
warten.
Ob dieser Lakai nun seinen Herrn von dem Begehren des Fremden wirklich
benachrichtigt, oder ob er dem Kaufmann nur eine kleine Komödie
vorgespielt hat -- kurz, er kam nach einigen Minuten zurück mit dem
Bescheid: Der Herr Polizeileutnant lasse Herrn Larousse bitten, ihm,
wenn es möglich sei, um elf Uhr die Ehre zu geben. Larousse begab sich
nun in das benachbarte Café Procope, dessen literarische und sonstige
Stammgäste zu dieser Stunde noch schliefen. Dort ließ er sich eine
Schokolade und dazu Tinte und Feder geben und verfaßte mit großer
Sorgfalt einen Brief an Herrn von Berryer, da ihm schwante, daß er auch
um elf Uhr nicht vorgelassen werden könnte. »Euer Gnaden, der König ist
in Gefahr,« so begann der Brief und erzählte darauf Wort für Wort das
erlauschte Gespräch.
Herr Larousse hatte richtig geahnt; als er wenige Minuten nach elf im
Vorzimmer Seiner Gnaden erschien, hieß es, der Statthalter des Königs
sei augenblicklich von wichtigen Geschäften in Anspruch genommen. Den
Brief des Kaufmannes aber wollte der Lakai gerne abgeben. Umsonst
erwartete Herr Larousse danach, zur näheren Auskunft vorgelassen zu
werden. Eine Stunde verging, es vergingen zwei, es vergingen drei
Stunden, worauf man dem Kaufmann bedeutete, Herr von Berryer sei
plötzlich in einer dringlichen Angelegenheit ausgefahren und heute
nicht mehr zu sprechen. Ob Seine Gnaden den Brief gelesen hätten,
wußte der Lakai nicht zu sagen; der Kaufmann aber zweifelte nicht
daran, denn sicher bestand zwischen der Lektüre des Briefes und der
plötzlichen Ausfahrt des allmächtigen Polizeileutnants ein ursächlicher
Zusammenhang. Dabei beruhigte sich Herr Larousse, und da etwas vor
fünf die Lyoner Post abging, wofür er sich am Vorabend bereits einen
Platz gekauft hatte, nahm er in aller Eile einen Fiaker und fuhr
(sein Felleisen hatte er in der Frühe schon hin befördert) nach der
Posthalterei von St. Severin nah beim Justizpalast, wo er gerade ankam,
als der Postillon das letzte Signal zur Abfahrt blies, während in der
Kutsche die Reisenden in dicken Mänteln sich zurechtrückten, und der
Stallbursche mit krummen Knien im Schnee stand und heftig die Arme
übereinanderschlug, um sich gegen die Kälte zu wehren.
In der Vorstadt von St. Anton schlug die Uhr das erste Viertel nach
Fünf, als der wackelige Postkarren, an der Bastille vorbei, über
den knirschenden Schnee rollte, dem Tor von Vincennes zu. Trotz der
beißenden Kälte ließ es sich der junge Postillon nicht nehmen, das
finstere Staatsgefängnis drüben, das bei der hereinbrechenden Nacht
sich nur unbestimmt vom schwarzen Himmel abhob, auf seinem Horn mit
einer lustigen Weise, wie er immer pflegte, neckisch zu begrüßen,
indessen im Innern der Kutsche Herr Larousse, gehoben von dem stolzen
Gefühl, den König gerettet und dem Vaterland still und bescheiden
einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben, sich aufs neue
dem beglückenden Vorgenuß eines zärtlichen Wiedersehens hingab. In
derselben Viertelstunde aber geschah draußen in Versailles die Tat,
die den guten Parisern, trotz aller Verstimmung gegen den König, so
entsetzlich schien, daß zuerst niemand daran glauben wollte.
Der König, der zu dieser Zeit das Trianon bewohnte, war um vier Uhr
nachmittags nach dem Schloß gefahren, um seinen beiden Töchtern,
deren eine, die Gräfin von Provence, etwas kränkelte, einen Besuch
abzustatten, wie er fast täglich zu tun pflegte. Genau ein Viertel
nach Fünf verabschiedete er sich von den Prinzessinnen. Er nahm beim
Herabsteigen die kleine Treppe, da er fast ohne Gefolge war. Zwei
Fackeln wurden ihm vorgetragen. Als er, unten angelangt, schon den Fuß
erhoben hatte, um in den Wagen zu steigen, sah sich der nächststehende
Oberst der Leibwache plötzlich mit einem Ruck auf die Seite geschoben,
und der König fühlte etwas wie einen Faustschlag auf der linken Brust.
Er fuhr nach der Stelle und griff in Blut. »Ich bin ermordet,« rief er,
»haltet den Täter!« Der war schon ergriffen: ein großer, starker Mann
in schwarzem Anzug mit einer Beutelperücke auf dem Kopf.
Dies war der Vorgang bei dem bekannten Attentat des Hausknechts Damiens
auf Ludwig den Fünfzehnten; und wenn man auch heute weiß, daß der König
dabei nur ganz leicht verwundet wurde, so war doch zunächst alles zu
befürchten und der Schrecken und die Verwirrung ungeheuer.
Die erste amtliche Nachricht, die nach Paris abging, war an Herrn von
Berryer gerichtet. Der reitende Kurier fand den hohen Polizeibeamten
bei der Baronin von Breteuil, seiner anerkannten Geliebten, wo er in
großer Gesellschaft bei Tische saß. Gerade wurde der sechste Gang, ein
getrüffelter Pfau, aufgetragen, als sich die Staffette meldete. Man
denke sich die Bestürzung der illustren Gesellschaft. In eiliger Hast
verabschiedete sich der Königsleutnant, um seines Amtes zu walten.
Das heißt: um im weitesten Umfang und mit äußerster Strenge alle die
Maßregeln zu treffen, die eine hohe Polizei mit Sicherheit immer
anzuordnen pflegt, wenn ein Unglück geschehen ist. Herr von Berryer
war um so verwirrter, als der Brief, im Namen des Königs geschrieben,
einen Zusatz enthielt, der sich wie eine erste Andeutung allerhöchster
Ungnade ausnahm. »Auf daß es Euch nicht etwa einfallen mag,« hieß es
da, »zu uns nach Versailles zu kommen, verbieten wir Euch ausdrücklich,
unsere Stadt Paris für die nächste Zeit auch nur auf einen Augenblick
zu verlassen.« Das war mehr als genug, um den Königsleutnant in einen
Zustand der Verzweiflung zu versetzen.
Während nun sein schwergebauter Wagen über das holprige Pflaster in
heftigen Schwankungen dahinfuhr, und seine Seele in tausend Ängsten
und Befürchtungen schwebte, fiel ihm plötzlich der Brief des fremden
Kaufmanns ein, den er am Vormittag zu sich gesteckt, aber zu lesen
vergessen hatte. Er zog das Schreiben hervor und überflog es. Und
so erschrak er, daß die zitternde Hand das Blatt zu Boden fallen
ließ. »Ich bin ein verlorener Mann,« rief er aus. »Der Mensch wird
plaudern; ich bin unrettbar verloren.« Ein paar Sekunden saß er wie
erstarrt. Dann kam ihm ein rettender Gedanke; er klopfte heftig an den
Wagenschlag. Der Wagen hielt, und schon war auch der Jäger vom Bock
gesprungen und stand, des Befehles gewärtig, den Federhut in der Hand,
vor dem Schlag. »Kaserne St. Eustache, eilig!« befahl Seine Gnaden; und
der Wagen setzte sich wieder in Trab.
Die Lyoner Postkutsche hatte in dem Städtchen Pansou zum drittenmal die
Pferde gewechselt und wollte eben mit ihren drei Insassen sich langsam
wieder in Bewegung setzen, als plötzlich ein Trupp galoppierender
Reiter die Straße herunter gegen sie heransprengte. Im Nu war der Wagen
von den berittenen Gardisten umstellt. »Der Kaufmann Larousse aus
Lyon!« rief der Gefreite.
Ein eigentümlicher Glücksschauder durchrann in diesem Augenblick
die Seele des Lyoner Kaufmanns, der aus seinen Gedanken an die
zu Haus harrende junge Frau und die schönen Kinder wie aus einem
lieblichen Traum emporfuhr. Aber nur, um in einen noch zauberhafteren
einzutreten. Wie eine blendende Phantasmagorie tauchte es ihm
vor den Augen auf. Kristallene Kronleuchter mit Tausenden von
Kerzen flammten und vervielfältigten sich in Spiegeln bis ins
Unabsehbare, auf goldgestickten Westen blitzten diamantene Sterne,
nackte Frauenschultern leuchteten über Sträußen von Blumen, seidene
Kleidfalten knisterten, Atlasschleppen rauschten; plötzlich ein
allgemeines Knixen und Verbeugen: Der König! Denn der gute Kaufmann
dachte, daß die Boten des Königs ihn einholten und ihm eine großartige
Belohnung bevorstehe. Aber nur ein Wimperzucken lang stand ihm die
beglückende Fata Morgana vor dem Blick.
Denn schon fühlte er sich einen Knebel in den Mund gestoßen und eiserne
Schließen an die Gelenke gelegt. Wie in einem Räuberroman war's.
Kein Wort wurde laut, und ehe Herr Larousse sich's versah, saß er im
Pferdesattel eng zwischen zwei Dragonern, die mit ihren Armen unter die
seinen faßten.
Und fort gings in gestrecktem Galopp auf der winterlichen Landstraße,
zwischen verschneiten Hügeln mit den Flecken dunkler Gehölze, vorüber
an Gehöften, wo die Hunde ängstlich knurrten, über Brücken und durch
verschlafene Dörfer, in gestrecktem Galopp immer fort. Der arme
Kaufmann verfiel zuletzt in jene todähnliche Betäubung, aus der er
erst -- im Grabe wieder erwachte.
Denn ganz an eine Gruft erinnerte das Gelaß, in dem er, ahnungslos, wie
lange seine geistige Lähmung gedauert hatte, zur Besinnung kam. Nackte
Mauern, zwei plumpe, mit Ketten befestigte Stühle, ein rohgezimmerter
Tisch und eine hölzerne Lagerstatt: das waren die Gegenstände die er
in dem schwachen Licht erkannte, das durch eine schmale Luke aus der
Höhe herab spärlich in den trostlosen Raum sickerte. Er mußte sich
besinnen, was mit ihm vorgegangen war. Aber umsonst suchte er nach
einer Erklärung der furchtbaren und rätselhaften Ereignisse. Sein
Kopf war düster wie die Gruft, die ihn umschloß. So versank er in
ratloses, dumpfes Brüten. Und Stunden mochten so hingehen. Stunden oder
Ewigkeiten: er hätte es nicht zu sagen gewußt. Ein Geräusch ermunterte
ihn. Er hörte Schlüssel drehen und Riegel sich verschieben und eine
schwere Tür in ihren Angeln knarren. Dreimal wiederholte sich das.
Denn drei schwere Türen führten in seinen unterirdischen Kerker. Nach
Öffnung der letzten Tür wurde wirklich ein lebendiger Mensch sichtbar.
Er trug am Gürtel ein Gehäng mit gewaltigen Schlüsseln. Ein Gehilfe,
der ihm auf den Fuß folgte, setzte ein Brett mit einem vollständigen
Mittagsmahl auf den Tisch.
Von dem Schließer erfuhr der Kaufmann, daß er in der Bastille sei.
So hatte Herr von Berryer die ihm drohende Gefahr beseitigt. Auch in
anderer Richtung wußte er der Ungnade des Hofes energisch vorzubeugen.
Seine strengen Maßnahmen in der nächsten Zeit nach dem Attentat des
Damiens fanden ganz die Billigung des Königs, der seinem Polizeichef
dafür so dankbar war, daß er ihn bereits ein Jahr darauf, obwohl Herr
von Berryer in seinem Leben noch nie ein Schiff gesehen hatte, zum
Minister der Marine ernannte, wie in jedem Kompendium der französischen
Geschichte zu lesen ist. Herr Larousse aber war in der Bastille und
blieb darin. Erst der berühmte vierzehnte Juli des Jahres 1789 gab
ihm die Freiheit; gab ihm aber weder seinen Verstand wieder, den er
verloren, noch sein geliebtes Weib und seine schönen Kinder, auf
die sich sein braves Herz so unsäglich gefreut hatte, als er vor
dreiunddreißig Jahren, am Vorabend der heiligen drei Könige, an der
Bastille vorüber durch das Tor von Vincennes in die frühe Winternacht
hinausgefahren war, nicht nur vom Vorgefühl des Ersehnten, sondern auch
von dem Gedanken beglückt, den König gerettet und dem Vaterland still
und bescheiden einen außerordentlichen Dienst erwiesen zu haben.
Napoleons größter Sieg
Von _Walter von Molo_
Napoleons größter Sieg wurde vor der Entscheidungsschlacht erstritten,
als seine zusammengeballten Soldatenmassen, noch in Ruhe, unübersehbar
die Hügel füllten, wie Tiger zum Sprunge geduckt. Sie standen wie
erstarrte, verlassene Wogen, die auf den Rückprall der Flut des
Geschehens warteten, um fessellos wieder ins Chaos zu rasen. Erz
klirrte, Pferde wieherten, Waffen klangen; hunderttausend Kürasse,
Säbel und Bajonette, flatternde Standarten und gähnende Schlünde der
Geschütze gleißten in der Sonne, die den Nebel scheuchte, die den Tod
eilends rief.
Napoleon saß, das Kinn wider die Brust gepreßt, auf seinem Schimmel,
die Rechte im Brustausschnitt der grünen Uniform. Er sprach zu uns:
»... Soldaten! Ihr dürft den Tod nicht fürchten; wenn Soldaten ihm
trotzen, schleicht er in die feindlichen Reihen! Verachtet den Tod!
Seid _stolz_!« ... Napoleons Schimmel begann unruhig zu werden,
Napoleon stockte, seine Faust ballte sich fester um das Lederband des
Zügels. Der Schimmel unter Napoleon wurde kleiner und streckte sich;
des Kaisers messerscharfe Lippen wurden schmale Striche.
Im Angesicht der Armeen, die das Los der Erde entschieden, tat
Napoleons Schimmel die Notdurft. Der stärkste Feind zog wider
den Weltherrscher zu Felde: die Lächerlichkeit des Seins, die
Würdelosigkeit des Lebens.
Napoleons stählerne Augensterne hielten uns niedergestemmt; tyrannisch
zwang er unsere Blicke, unser Denken, unsere Seelen in sein Antlitz.
Wir Pariser, ~40. de ligne~, standen und starrten, unsere Witzworte
starben ungeboren, unser Lachen und Hohn verkrochen sich. Napoleon
sprach ruhig weiter:
»Soldaten, _Menschen_! Seid _stolz_! In euere Hand ist es gegeben,
das Angesicht der unvollkommenen Welt zu _ändern_!« Mit Kniedruck
und Sporenstich riß Napoleon den Schimmel zusammen; sein Antlitz war
dunkelrot, wie vor Erschöpfung. Wir jubelten ihm zu.
Napoleon wandte verächtlich den Kopf:
»Marschall Ney,« rief er, »geben Sie jetzt den Befehl zum Angriff!«
Von diesem Angriff und dessen Erfolg spricht die Weltgeschichte; doch
Napoleons Sieg _vor_ der Schlacht war größer!
Revolution
Von _Paul Ernst_
Im Jahre Achtundvierzig fanden bekanntlich an einigen Orten in
Deutschland Unruhen statt. Deren eigentliche Bedeutung war, daß den
veränderten Verhältnissen entsprechend sich verschiedene Einrichtungen
des öffentlichen Lebens hätten ändern müssen; aber da sich bei den
Akten kein Vorgang für solche Änderungen fand, so geschahen sie immer
nicht, bis endlich der weniger einsichtsvolle Teil der Bevölkerung
ungeduldig wurde. Diese Ungeduld aber hielt man für revolutionäre
Stimmung, und als sie sich äußerte, da glaubten sowohl die Regierung
als auch die Ungeduldigen, daß eine Revolution gemacht werde.
Man erzählt, daß damals in Berlin zwei Geheimräte, Exzellenzen und
Abteilungsvorstände in ihren Ministerien, sich auf der Straße getroffen
haben, sich kummervoll begrüßt und dann einander gefragt, was denn
eigentlich der Grund für die Revolution sein könnte. Sie wußten es
beide nicht. »Es kommt ja wohl einmal vor bei uns, daß ein Rest bleibt;
die Eingänge sind ja nicht jeden Tag gleichmäßig,« sagte der eine;
»aber das kann ich beschwören: jeden Sonnabend wird aufgearbeitet;
und wenn ich bis zwölf Uhr des Nachts sitzen bleiben soll, bei mir
findet der Registrator am Montag früh immer einen leeren Aktenständer.«
»Jawohl,« entgegnete ihm der andere, »das kann ich bezeugen, bei uns
wird es genau so gehalten, und in sämtlichen anderen Ministerien meines
Wissens gleichfalls.«
Ein Bäckermeister in Berlin, der ein gutgehendes Geschäft in der
Krausenstraße führte, war schon in der Zeit vor der Revolution
beim Bürgerstand eine angesehene Persönlichkeit gewesen, indem er
Vorsitzender eines bei der Polizei angemeldeten freisinnigen Vereins
war; er hatte zwei Haussuchungen erlitten und war drei Wochen lang in
Haft gehalten, weil die Polizei glaubte, daß er mit den Häuptern der
internationalen Demokratie in Verbindung stehe. Als die Revolution
gesiegt hatte, da wurde er zu verschiedenen Vertrauensämtern gewählt,
denen er redlich und brav vorstand.
Seiner Frau war das politische Treiben von Anfang an nicht lieb
gewesen. Sie sagte ihm, ein Bäcker habe die Reaktionäre ebenso zu
Kunden wie die Demokraten; sie selber besorge den Laden, und der Mann
gehöre in die Backstube; wenn der Meister außer dem Hause ist, dann tun
die Gesellen nichts; es seien schon Klagen gekommen, und sie habe es
ja auch selber gemerkt, daß der Teig nicht ordentlich geknetet werde;
und was denn dergleichen Reden mehr sind. Man kann sich denken, wie die
Haussuchungen und die Haft die gute Frau erregt hatten. Als aber die
Revolution nun wirklich gekommen war, und ihr Mann einer der Führer des
Volkes wurde, da überfiel sie eine unbeschreibliche Angst.
Zu den Kunden des Meisters gehörte der Geheimrat Wagener, welcher
damals die Konservativen zum Widerstand sammelte, eine Zeitung
begründete, die »Kreuzzeitung«, und als der entschiedenste Gegner der
Revolution galt. Die Frau hatte vor ihrer Heirat in dem Hause gedient
und verehrte den Geheimrat Wagener, der ihr immer als ein höheres
Wesen erschienen war; und auch der Geheimrat und seine Familie hatten
Elschen, denn das war der Name der Frau, immer gern gehabt wegen ihres
treuen und aufrichtigen Gemüts, und Frau Wagener war auch Patin bei dem
ältesten Kind geworden.
An einem Abend, kurz vor zehn Uhr, als gerade die Haustür schon
geschlossen werden sollte, klingelte der Bäckermeister bei dem
Geheimrat und verlangte den Herrn zu sprechen. Er wurde in das
Arbeitszimmer geführt und entschuldigte sich dort vielmals, daß
er störe; dann bat er darum, daß sein Besuch verschwiegen bleiben
möge, denn er selber sei ja wohl nicht so einseitig und erkenne die
Berechtigung des gegnerischen Standpunktes an; aber seine Freunde
würden sagen, daß er das Volk an die Reaktion verrate, wenn sie
erführen, daß er bei dem Herrn Geheimrat gewesen sei.
Nach dieser Vorrede begann er nun seine Gedanken vorzutragen. Er hatte
die Geschichte der Französischen Revolution studiert. Man lebte in
einer Revolutionszeit. Das Volk hatte gesiegt. Der Herr Geheimrat mußte
doch zugeben, daß das Volk gesiegt hatte.
Der Geheimrat Wagener gab es zu.
Nun, man weiß, was geschehen kann, wenn das Volk seine ewigen Rechte
in die Hand nimmt, die eine kurzsichtige Regierung ihm vorenthält.
Das Volk ist edel, aber es kann auch schrecklich sein. Das heißt, der
Meister billigte es ja nicht, wenn Mord und Totschlag geschah. Wenn man
die Preßfreiheit hatte, wenn man die Versammlungsfreiheit hatte, wenn
man die Verfassung hatte, was wollte der friedliebende Bürger mehr?
Er wollte seinen Geschäften nachgehen und ein nützliches Glied der
menschlichen Gesellschaft sein. Aber zum Beispiel die Bäckergesellen
gingen weiter.
Hier nickte der Geheimrat bedeutungsvoll. Aber der Meister, welcher in
dem Nicken wohl eine Bestätigung zweifelnder Stimmen in seinem Innern
ahnte, schlug sich an die Brust und rief, er werde die heilige Sache
des Volkes nie verlassen.
Unvermittelt an diesen Ausruf schloß er nun einen Vorschlag. Das Volk
hatte gesiegt. Der Meister hatte das Vertrauen des Volkes. Aber er
verehrte auch den Herrn Geheimrat. Wenn nun, was Gott gewiß verhüten
würde, das Volk seine Feinde zur Rechenschaft zog, dann konnte der
Meister dem Herrn Geheimrat doch nützlich werden?
Der Geheimrat Wagener nickte zustimmend.
Nun also. Wenn man sich aber umgekehrt dächte, daß die Reaktion siegte,
daß die Führer des Volkes eingekerkert würden, dann konnte der Herr
Geheimrat dem Meister doch nützlich werden?
Der Geheimrat Wagener räusperte sich und wiegte den Kopf. Aber der
Meister fuhr fort. Er war ein eingesessener Bürger. Er hatte immer
pünktlich seine Steuern gezahlt. Er verlangte ja nichts, das dem Herrn
Geheimrat gegen das Gewissen ging. Der Herr Geheimrat war Beamter, das
wußte er wohl. Aber der Herr Geheimrat kannte ihn doch. Haussuchung
hatte die Reaktion bei ihm gehalten, in Haft hatte sie ihn gesetzt.
Er war ein unbescholtener Mann. Das hatte gewurmt. Er hatte keine
Verbindung mit verdächtigen Leuten, er hatte sich aus Büchern und
Zeitungen selber gebildet. Und weiter wollte er ja nichts, als daß der
Herr Geheimrat ihm bezeugte, daß er ein rechtschaffener Bürger war. Er
hatte nur seine Bürgerpflicht erfüllt. Vielleicht hatte er einmal ein
Wort zuviel gesagt; das wollte er nicht abstreiten; der Mensch redete
manches, wenn er in der Volksversammlung steht, und die Leute wollten
etwas von ihm hören. Wenn er da gefehlt hatte, gut, das wollte er
büßen. Aber etwas anderes hatte er nicht getan, denn die Ehre ging ihm
vor.
Der Geheimrat Wagener antwortete lächelnd, daß er für ihn einstehen
werde, wenn man ihn wirklich anklagen sollte; er wisse, daß das wahr
sei, was der Meister gesagt habe, und das werde er denn auch bezeugen.
Der Meister stand von seinem Stuhl auf, und ehe der Geheimrat es sich
versehen, hatte er in seine Rechte eingeschlagen und gerufen: »Topp,
es gilt.« Und dann fügte er hinzu: »Und auf mich können Sie sich auch
verlassen. Wenn das Kopfabschneiden angeht, für Sie wird gesorgt.«
Dann bat er noch um eine Empfehlung an die Frau Geheimrat, und darauf
ging er.
Der Mann wurde später wirklich angeklagt auf Grund von Aussagen
untergeordneter Persönlichkeiten, und es wäre ihm wahrscheinlich
schlecht gegangen bei der allgemeinen Verwirrung damals, wenn nicht
der Geheimrat für ihn eingetreten wäre und ein gutes Zeugnis für ihn
abgegeben hätte.
Der Gesandte von Bismarck
Von _Leo Sternberg_