Der General geriet in eine Aufregung ohnegleichen über diese

Entdeckung. Daß die Angabe falsch sei, war bei der ihm bekannten

Genauigkeit des Rittmeisters ausgeschlossen. Er stand vor der

schrecklichen Gewißheit.

Alles, was preußisch in ihm war, sträubte sich hoch, und alles, was

christlich war, nicht minder. Und der General war sehr preußisch und

sehr christlich.

Was tun? Ganz abgesehen von dem Bilde, das sein Stab abgab, wenn ein

Jude als Ordonnanzoffizier darin auftrat: wenn er, er, der General R--,

einem Juden in den Offiziersstand verhalf, wankten die Grundfesten

des Staates. Das war klar. Mochten andere tun, was sie verantworten

konnten; da war er denn doch ein preußischer General.

Er ritt sogleich zum Rittmeister. »Haben Sie denn das gewußt, daß K--

Jude ist?« rief er, -- -- »Jawohl habe ich das gewußt,« sagte der

Rittmeister ruhig. »Aber dieser Jude weiß, was der Offiziersstand von

ihm verlangt. Ich kann nicht finden, daß sein Glaube in irgendwelcher

Weise seine Tapferkeit, seine Kenntnisse, seinen Anstand, alle jene

Vorzüge beeinflußt, die der Herr General selbst, wie ich höre, an ihm

oft genug gerühmt haben.«

»Das ganz gewiß nicht! gewiß nicht!« erwiderte der General »aber --: er

hat doch Eigenschaften, die --, ich meine: _jüdische_ Eigenschaften,

die --«

»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der Rittmeister, »übrigens darf ich

höflichst darauf hinweisen, daß der Herr General -- bisher wenigstens

-- von diesen jüdischen Eigenschaften nichts bemerkt haben.«

Das war richtig. Wie war es aber auch nur möglich gewesen, daß er

nichts bemerkt hatte!

»Sie wollen sich also nicht verstehen, Ihren Beförderungsvorschlag

zurückzuziehen?«

»Aber Herr General!« sagte der Rittmeister, »Sie selber haben

den Vorschlag doch einverlangt! Und wie sollte ich einen

Beförderungsvorschlag für einen Untergebenen zurückziehen dürfen, den

ich nach Pflicht und Gewissen eingereicht habe? Der Vizewachtmeister,

der gestern ein so vortrefflicher Mann war, ist heute kein andrer, weil

er ein Jude ist.«

Der General ging. So war nichts zu machen. Wenn er nicht den

Rittmeister überzeugen konnte, daß K-- ganz unerträglich

jüdische Eigenschaften habe, würde er ihn nicht vermögen, den

Beförderungsvorschlag zurückzuziehen. Aber der Rittmeister war doch

nicht blind. Und K-- mußte doch derartige Eigenschaften haben. -- Der

General zog die Weitergabe des Beförderungsvorschlags eine Zeitlang

hin. Noch immer hoffte er den Rittmeister zu entwaffnen.

Tagtäglich fast verhandelte er den Fall. Und immer spielten die

jüdischen Eigenschaften, die er an seinem Ordonnanzoffizier entdeckt

haben wollte, die Hauptrolle in seinen Argumenten. Aber wenn er sie

benennen wollte, so hatten sie Namen wie andere Eigenschaften und

schienen ihn höhnisch anzusehen, als ob sie sagen wollten: auch du hast

Eigenheiten. Und dennoch: der Vizewachtmeister hatte eben jüdische

Eigenschaften, die bei einem preußischen Offizier ganz unerträglich zu

denken waren. Davon biß keine Maus einen Faden ab.

So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte der General

den Rittmeister wieder bei seinem Gegenstand. »Sie mögen mir sagen,

was Sie wollen«, sagte er zu ihm, »K-- hat jüdische Eigenschaften,

eigentlich nur jüdische Eigenschaften! Sie _müssen_ zugeben, daß er

jüdische, _unerträglich jüdische_ Eigenschaften hat!«

Der Rittmeister bedachte sich. So, wie es bisher gegangen war, kam er

nicht weiter.

»Tja! Herr General,« sagte er auf einmal fast verwundert, »da er doch

ein Jude ist, was soll denn der junge Mann andere Eigenschaften haben

als jüdische?«

Da geschah etwas Merkwürdiges. Es erging nämlich dem General wie

dem Knaben beim Tauziehen, der, fest gegen die Erde gestemmt, mit

aller Kraft den Gegner zu sich herüberziehen will; jener aber läßt

urplötzlich das Seil fahren. Der General fühlte sich am Boden. Er hatte

zwar eine unbestimmte Empfindung, als ob bei diesem Sieg und dieser

Niederlage nicht alles mit rechten Dingen zugehe, aber er vermochte es

nicht zu fassen. Daß er der Sieger war, entging ihm. Die Tatsache, daß

ihm der Boden entzogen war, blieb.

Er wußte nicht recht, wie ihm war. »Wenn Sie also wirklich meinen,«

sagte er kleinlaut. Und da der Rittmeister bejahte, ging der General

an den Tisch und schrieb, noch immer benommen von einem Beweis, der

sich so seltsam gegen ihn zu wenden schien, ein »befürwortet« unter das

Gesuch zur Beförderung des Juden.

Schwaben

Von _Oskar Wöhrle_

Auf einer Landstraße Russisch-Polens traf ich drei schwäbische

Landsturmleute, die einen meuchelnden Russen mit den bloßen Fäusten

hatten totschlagen müssen, weil der Kerl so schnell und hitzig und

ihnen so nah am Leibe war, daß sie zu keiner Waffe hatten greifen

können.

Diese drei Soldaten standen um einen jungen Storchen herum, den der

Sturm des Morgens aus dem Neste geworfen hatte. Hilflos lag das

Unglückstier da, halbnackt, nur dürftig den Leib mit Fläumling bedeckt,

und sperrte den jungen, gelben Schnabel weit auf vor Hunger und Angst.

Einer der Männer sagte: »Wir müssen ihn wieder ins Nest bringen, sonst

verreckt er.« Aber das Nest hing hoch; die Pappel, darauf es stand, war

dick und dünnastig; sie zu erklettern eine heillose Arbeit und konnte

das Leben kosten. Einer von den dreien wagte es doch und brachte den

Jungen glücklich hinauf. Die Alten flogen in weitem Bogen um den Baum

herum und plapperten zornig mit den Schnäbeln.

Als der Soldat wieder drunten war, schulterten die drei das Gewehr,

sagten mir »Grüß Gott« und gingen davon.

Merkwürdig! dachte ich, wie der Mensch doch beschaffen sein kann. In

einem Atemzuge tötet er und setzt nachher sein Leben aufs Spiel, eines

Nichts wegen.

Und ich heftete meinen Blick auf die Männer, bis ihre Bilder im Dunste

des Himmels verschwunden waren.

Der Intellektuelle

Von _Peter Scher_

Herr von X., ein wohlhabender Privatmann, sah sich, ehe es ihm recht

zu Bewußtsein gekommen war, über Nacht als Landsturmmann im Kreise von

Männern, zu deren äußeren Verhältnissen und innerem Wesen er soviel

Beziehungen empfand, wie sich ihm etwa bei unvermitteltem Zusammenleben

mit Marsbewohnern ergeben haben würden.

Als Norddeutscher, wenn auch seit längerer Zeit in Süddeutschland

lebend, war er über die völkischen Eigenheiten der Bayern, denen er nun

zugeteilt war, durch jenes theoretische Wissen unterrichtet, das sich

den Gebildeten durch Überlieferung anekdotischer Einzelzüge leicht und

scherzhaft zu vermitteln pflegt. Mit dem eigentlichen Volke war er,

seiner Lebenshaltung gemäß, kaum je persönlich in Berührung gekommen,

ohne darum auch nur im mindesten die Kraft und Ursprünglichkeit

des Volkes niedrig eingeschätzt zu haben. Im Gegenteil -- er

neigte, wie wohl die meisten Angehörigen seines Standes, eher zu

einer sehr ausgesprochenen Wertschätzung alles Volkstümlichen, und

zwar eben auf Grund der von persönlichen Erfahrungen ungetrübten

literarisch-anekdotischen Kenntnis der Volksseele.

Nun sah er sich auf einmal, gewaltsam aus seinem eigenen Nährboden

gerissen, als einziger Intellektueller unter vielen vor die Aufgabe

gestellt, in die kompakte Einheit der durch gemeinsame Interessen

verbundenen zwanzig Mann seiner Stube einzudringen; sich -- wenn anders

er nicht riskieren wollte, in eine unerträglich abseitige Situation

zu geraten -- ihrem Kreis einzufügen; ja sich womöglich Geltung zu

verschaffen. Hierzu veranlaßte ihn keineswegs bloß ein persönlicher

Erhaltungstrieb, als vielmehr das seinem Charakter entsprechende

Bestreben, niemals halb bei einer Sache zu sein ... am wenigsten bei

der großen Angelegenheit, von deren Notwendigkeit er sich, nachdem es

einmal ernst geworden war, mit aller Entschlossenheit überzeugt hatte.

Die Versuche des Herrn v. X., sich seinen Kameraden anzupassen, hatten,

wie häufig in solchen Fällen, damit eingesetzt, daß er sich bemüht

zeigte, unter ostentativer Hintansetzung jeglichen Standesbewußtseins,

kameradschaftliche Hilfsbereitschaft zu betätigen. Aber damit stieß

er nur auf Mißtrauen und Ironien jeder Art -- von der lächelnden

Anspielung bis zum fast hämisch herausgeprusteten Spott. Vollends

seine törichten Bemühungen, ihren Dialekt und ihre Ausdrucksweise

»unauffällig« zu kopieren, forderte die anderen nur noch mehr heraus,

ihm seine Ohnmacht zu Bewußtsein zu bringen.

So hatte Herr von X. die doppelte Last zu tragen, daß er, noch mit

allen Fibern den plötzlichen Verlust aller höheren Lebensformen

empfindend, in der neuen Umgebung ungeahnte Widerstände fand, wogegen

die anderen im gleichen Maße bevorzugt erschienen, indem sie, ihr

Leben ungefähr auf dem alten Niveau fortsetzend, zugleich am Rückhalt

der Gemeinsamkeit mit ihresgleichen profitierten. Allerdings wurde

dieses Mißverhältnis einigermaßen dadurch ausgeglichen, daß manche

der ganz Unbemittelten, insbesondere die kleinen Gewerbetreibenden,

hinsichtlich ihrer Geschäfte und Familien drückendere Sorgen empfanden

als in normalen Zeiten. Aber diese Bedrückten empfanden dann wieder

den Reichtum des Herrn v. X., von dem sie sich maßlos übertriebene

Begriffe machten, als eine unerhörte Begünstigung, die ihm entsprechend

angekreidet werden müsse.

In Verfolg dieses Rattenkönigs von Mißverständnissen und Verkennungen

der Umstände geschah es denn wohl, daß von X.s Kameraden seine

reichlichen Bier- und Zigarrenspenden niemals entgegennahmen, ohne

zuvor durch Blicke und kleine beißende Bemerkungen ihm die Freude

vergällt und damit sich den Genuß erhöht zu haben.

Obgleich nun von X., ein kluger Mensch und Lebenskenner, solche

Kleinigkeiten nicht eben tragisch nahm, weil er die wahren Beweggründe

erkannte, hatte er doch -- besonders in der ersten Zeit -- Momente

tiefer Entmutigung. Einmal kam es sogar vor, daß er sich nachts,

zwischen den schnarchenden Kameraden schlaflos liegend und grübelnd, zu

dem folgenden empfindsamen Gedicht hinreißen ließ:

_In der Nacht_

Die Kameraden schnarchen hart und dröhnen

Ganz sagenhafte Töne durch den Raum;

Die wache Landsturmseele glaubt es kaum

Und muß sich erst so nach und nach gewöhnen.

Wie schließt mein Herz euch ruhende Soldaten

Und eure armen Träume in sich ein ...

(Gäb' mir nur Gott, so ganz Natur zu sein,

Wie sie, mich arglos folternd, hier verraten!)

Der Schuster, rechts von mir, bewegt sich eben;

Ich weiß: ein Traumglück löst ihm alle Qual ...

Gebräunte Haxe ist sein Ideal ...

O mög sie groß und lieblich ihn umschweben!

Ein jeder macht in seinem kleinen Kreise --

Schmied, Fuhrmann, Gastwirt, Knecht und Assistent --

Bevor der Tag uns wieder eint und trennt,

Solch eine karg beglückte Heimatreise.

Beklommen seh ich auf die alten Knaben --

Ein alter Knabe selbst und heulend fast:

Ach, sind wir uns nur Nacht für Nacht zur Last,

Um Tag für Tag an uns vorbeizutraben?!

Am anderen Mittag saßen sie dann wieder, der kleine Schuster, der lange

Fuhrmann, der dicke Gastwirt, der hagere Schankkellner, mit ihren

Maßkrügen einträchtiglich beisammen, und auch die Bauern, mit denen die

Städter sonst nicht immer in seliger Harmonie zusammenstimmten, waren

-- wenn es die unausgesprochene Verschwörung des »Ringes« gegen den

Intellektuellen zu bekunden galt -- untereinander ein Herz und eine

Seele.

So wollte es wenigstens dem Herrn von X. scheinen -- und vielleicht

verhielt es sich in gewissem Sinne auch so. Nur ... daß es dem Herrn

von X. nie zu Bewußtsein kam, inwieweit er selbst an ihrem Mißtrauen

dadurch mitschuldig war, daß er, der nicht aus sich heraus _konnte_,

immer und immer wieder mit beleidigender Deutlichkeit erkennen ließ,

wie gewaltsam er aus sich heraus _wollte_, um zu ihnen -- -- natürlich

-- -- hinab zu gelangen.

Wie er sich, der geistige Mensch, seiner Selbstlosigkeit als eines

Gebotes überlegener Kultur bewußt war (ohne sich doch dessen voll

bewußt zu werden), so empfanden die Kameraden seine Selbstlosigkeit

als Hochmut und zahlten ihm gemäß ihren primitiven Lebensformen und

Ausdrucksmitteln kräftig heim.

Der Herr von X. ist sich dieser Wahrheit erst viel später bewußt

geworden -- nämlich dann, als er, durch Umstände in größere Distanz zu

ihren physischen Verhältnissen gekommen, nicht mehr in Gefahr war, die

Fühlung mit den Kameraden äußerlich zu suchen.

Es gelang ihm, ohne sich in ihre Sprache und Gebärden einzumischen,

ihnen menschlich so nahe zu kommen, daß sich die Kameraden --

allerdings nicht die einmal mißtrauisch und verstockt gewordenen seiner

Stube, aber andere vom gleichen Stande -- mit Respekt und ehrlicher

Freundschaft zu ihm stellten.

Später, im Felde, wurde er sogar im besten Sinne des Wortes beliebt.

Und das war, als er, seiner eigentlichen Bestimmung entsprechend, ein

guter _Führer_ und damit der beste Kamerad geworden war.

Das unterbrochene Erlebnis

Von _Karl Lerbs_

Ein Leutnant, dessen jungfröhliche Art sich unter dem harten Griff

unerhörten Erlebens zu bewußter Männlichkeit gefestigt hatte, bestieg,

seinen Anteil an den wilden flandrischen Kämpfen durch eine Fahrt

in die lange entbehrte Heimat unterbrechend, in Brüssel den nach

Deutschland bestimmten Zug. Er traf im Abteil mit einem Hauptmann

zusammen, der vor dem Kriege in einem westfälischen Städtchen den wenig

aufregenden Posten eines Amtsrichters ausgefüllt hatte und durch den

nervenanspannenden Wachtdienst in einem belgischen Küstenort aus der

leise beginnenden Beschaulichkeit zunehmender Jahre aufgerüttelt worden

war. Da der ältere Offizier an der heiteren Offenheit des jüngeren ein

rasch erwidertes Gefallen fand, verging ihnen die Zeit, da der Zug

seinen Weg durch den regnerisch verhangenen belgischen Herbsttag nahm,

in gutem Gespräch rasch genug.

Erst als der wirre Klirrklang der über viele Weichen hineilenden Räder

sie aus dem Getriebe des ersten deutschen Bahnhofs entführte, wurde ihr

angenehm empfundenes Alleinsein durch eine junge Dame unterbrochen.

Indessen die neue Reisegefährtin sich mit anmutig runden, sicheren

Bewegungen ihres geschmeidigen Körpers augenscheinlich für eine

längere Fahrt einrichtete, tröpfelte das unwillkürlich verlangsamte

Gespräch der Herren in spärlichen Worten weiter, da sie beide in der

unauffälligen, aber gründlichen Art, wie sie Männern von Welt eignet,

ihre Beobachtungen anstellten. Das übereinstimmende Ergebnis war die

Feststellung großen natürlichen Reizes, der durch eine schelmische,

naiv ungezwungene Koketterie eher vermehrt als vermindert erschien.

So kam es, daß dem Leutnant das Zusammentreffen wie ein Gruß und

Vorgenuß lange ersehnter friedlicher Heimatstage war, und er sah

sich alsbald von rheinischer Fröhlichkeit, die das Abteil mit hellem

Lachen und melodisch zwitscherndem Plaudern erfüllte, in ein heiteres

Wortgeplänkel verstrickt, in dem er sich in aufquellender Frohlaune

wacker behauptete.

Darüber entging es ihm, daß der ältere Kamerad allmählich in ein

Stillschweigen verfiel, das seinen Grund in einer diesem selbst nicht

recht erklärlichen Verstimmung hatte. Hätte jemand sie ihm als Ausfluß

einer mißgünstigen Regung gedeutet, so würde er das sicherlich weit von

sich gewiesen haben; immerhin gewann sie soviel Macht über ihn, daß

er, obwohl seinem Reiseziel noch ziemlich fern, seinen Säbel einhakte

und sich, aufbruchsbereit dasitzend, einem verdrossenen Spiel mit der

Säbelquaste widmete. Bald aber mischte er sich, einem plötzlichen

Antrieb folgend, in das Gespräch der anderen und geriet dabei in einen

solchen, ihm selbst seit langem fremden Eifer, daß in dem anfangs

spielerisch harmlosen Hin und Her launigen Wortgefechtes zuweilen die

schärferen Waffen einer leichten Spannung flüchtig aufblitzten.

Diese seltsame Wendung der Dinge brachte es mit sich, daß in dem

Leutnant, der erst nur dem prickelnden Regen seines nach langer Haft

wieder lustvoll aufwallenden Blutes nachgegeben hatte, ein Plan

entstand, der, anfänglich fast erschrocken und abweisend beiseite

geschoben, bald sich unwiderstehlich aufdrängte. Als daher der

unerleuchtete Zug durch den Schacht eines langen Tunnels toste, erhob

sich nach einem letzten kopfschüttelnden Zögern der junge Offizier

und tastete sich in herzklopfender Spannung vorwärts, um, ohne der

möglichen Folgen seines Tuns zu gedenken, von den willfährig lockenden

Lippen seines anmutigen Gegenübers in knabenhaftem Trotz die Bekrönung

dieser wunderlich erregten Stunde zu pflücken. Da geschah es, daß er

innehielt in dem unabweisbaren, alle Nerven durchzuckenden Gefühl,

daß jemand neben ihm stehe; er tat einen unwillkürlichen, heftig

zufassenden Griff ins Dunkle und hielt einen Gegenstand in den Händen,

in dem er tief erschrocken _die Säbelscheide des Hauptmanns_ erkennen

mußte.

Es ist sicher, daß beide Herren sich nach dieser Begegnung wieder an

ihre Plätze verfügten und die ihnen noch verbleibende kurze Spanne

Dunkelheit dazu benutzten, ihre ins Wanken geratene Sicherheit und

Unbefangenheit zurückzugewinnen. Nicht sicher dagegen ist, ob die junge

Dame, die zu alledem Anlaß gewesen war, des unterbrochenen Erlebnisses

inne ward. Denn beide Offiziere wagten keinen Blick in ihr Gesicht.

Der Leutnant sah unverwandt zum Fenster hinaus, um nicht zu zeigen,

daß ihn nach anfänglichem Ärger eine kaum zu bezwingende Lachlust

anwandelte; und der Hauptmann, dem das Blut in die Ohren gestiegen war,

saß vornübergebeugt, mit einer scharfen Falte zwischen den Brauen,

und ließ den Zorn über sich selbst an der heftig zwischen den Fingern

gewirbelten Quaste seines schuldig-unschuldigen Säbels aus.

Als indessen der Hauptmann, seinem Reiseziel nahe, von dem jungen

Kameraden Abschied nahm, da sah der Leutnant in dem Gesicht des anderen

ein gütiges und von leichter Traurigkeit überschattetes Lächeln,

das von einer wehmütigen Resignation Kunde gab; und er umspannte die

dargereichte Hand mit festem Druck. Er begriff plötzlich, daß jenem

diese Stunde mehr bedeute als den überlegen belächelten Verzicht auf

eine flüchtig lockende Tändelei. Und er blieb auf der ferneren Fahrt

schweigsam und sinnend, da er sich nicht eines billig errungenen Sieges

freuen mochte. Denn er fühlte tief, daß ihn in diesem Erlebnis ewiges

und schmerzliches Schicksal mahnend gestreift hatte.

Inhalt

Seite

_Bethge_, Hans, ~Dr. phil.~, * am 9. Januar 1876

in Dessau, lebt in Berlin-Wilmersdorf.

_Der Dichter_ (handschriftlich) 91

_In der Frühlingsnacht_ (handschriftlich) 130

_Binding_, Rudolf G., * am 13. August 1867 in Basel,

lebt in Buchschlag (Hessen).

_Anekdote_ (handschriftlich) 64

_Wie ein peußischer General einen Juden zum

Offizier vorschlug_ (handschriftlich) 229

_Bulcke_, Carl, Staatsanwalt, * am 29. April 1875 in

Königsberg, lebt in Charlottenburg.

_Der schlaue Akademiedirektor_ (handschriftlich) 123

_Klaus Groth_ (handschriftlich) 167

_Enderling_, Paul, * am 22. April 1876 in Danzig, lebt

in Stuttgart.

_Memlings Bild_ 118

_Ernst_, Paul, ~Dr. phil.~, * am 7. März 1866 in

Elbingerode a. Harz, lebt in Neustadt a. Südharz.

_Der Fund_ (handschriftlich) 98

_Das Bett_ (handschriftlich) 106

_Revolution_ (handschriftlich) 202

_Ettlinger_, Karl, Herausgeber der »Jugend«, * am

22. Januar 1882 in Frankfurt a. M., lebt in München.

_Zwei Anekdoten vom Marquis Bonvivant_ 83

_Eulenberg_, Herbert, ~Dr. jur.~, * am 25. Januar

1876 in Mühlheim a. Rh., lebt in Kaiserswerth a. Rh.

_Die beiden Junggesellen_ (handschriftlich) 58

_Rastrelli_ (handschriftlich) 181

_Federn_, Karl, ~Dr. jur.~, * am 2. Februar 1868

in Wien, lebt in Lugano.

_Die Banknote_ (handschriftlich) 69

_Der Garibaldiner_ (handschriftlich) 87

_Flake_, Otto, * am 29. Oktober 1880 in Metz, lebt in

Berlin.

_Dubonnet_, Ein Gruß an Hebel (handschriftlich) 7

_Gleichen-Rußwurm_, Alexander Freiherr von, * am

6. November 1865 in München, lebt in München.

_Anekdote_ (handschriftlich) 57

_Henckell_, Karl, * am 17. April 1864 in Hannover, lebt

in München.

_Gottfried Keller und der freche Student_

(handschriftlich) 162

_Hesse_, Hermann, * am 2. Juli 1877 in Calw, lebt in

Bern.

_Das seltene Buch_ (handschriftlich) 132

_Huch_, Rudolf, Justizrat, * am 28. Februar 1862 in

Porto Allegre, lebt in Helmstedt.

_Ein Wiedersehen_ (handschriftlich) 27

_Keller_, Paul, Herausgeber der Monatsschrift »Die

Bergstadt«, * am 6. Juli 1873 in Arnsdorf, lebt in Breslau.

_Der ungebetene schwarze Gast_ (handschriftlich) 18

_Lerbs_, Karl, * am 22. April 1893 in Bremen, lebt in

Bremen.

_Das unterbrochene Erlebnis_ (handschriftlich) 244

_Lucka_, Emil, * am 11. Mai 1877 in Wien, lebt in Wien.

_Sechs bayrische Reiter_ 220

_Mann_, Heinrich, * am 27. März 1871 in Lübeck, lebt in

München.

_Nino Sventatello_ 94

_Die Sklavin_ 114

_Molo_, Walter von, * am 14. Juni 1880 in Sternberg

(Mähren), lebt in Frohnau b. Berlin.

_Napoleons größter Sieg_ 200

_Rosegger_, Peter, ~Dr. phil. h. c.~, Herausgeber

des »Heimgarten«, * am 31. Juli 1843 in Alpl, lebt in Graz.

_Eine Abelsberger Heiratsgeschichte_ 21

_Rüttenauer_, Benno, ~Dr. phil.~, * am 2. Februar

1855 in Wittstadt, lebt in München.

_Der Schutzengel des Königs_ 185

_Schäfer_, Wilhelm, Herausgeber der »Rheinlande«, * am

20. Januar 1868 in Ottrau, lebt in Vallendar a. Rh.

_Der Brief des Dichters und das Rezept des Landammanns_ 142

_Scharrelmann_, Wilhelm, * am 3. September 1875 in

Bremen, lebt in Bremen.

_Das Protokoll_ 35

_Schaukal_, Richard, ~Dr. jur.~, k. k.

Ministerialrat, * am 27. Mai 1874 in Brünn, lebt in Wien.

_Zwei Anekdoten_ (_Verkehr_, _Geselligkeit_) 54

_Der Schlaftrunk_ 73

_Scheffler_, Karl, Herausgeber von »Kunst und Künstler«,

* am 27. Februar 1869 in Hamburg, lebt in Berlin.

_Vier Anekdoten_ (_Schuldner und Gläubiger_,

_Die Witwe von Ephesus_, _Die Zeitungen_,

_Darwinismus im Ausverkauf_; sämtlich handschriftlich) 77

_Zwei Anekdoten_ (_Kunsterziehung_, _Spanisch_;

beide handschriftlich) 127

_Scher_, Peter, Herausgeber des »Simplizissimus« * am

30. September 1880 in Großkamsdorf, lebt in München.

_Der Intellektuelle_ (handschriftlich) 238

_Schmidtbonn_, Wilhelm, * am 6. Februar 1876 in Bonn,

lebt in Murnau (Oberbayern).

_Heinrich Frauenlob stirbt_ 137

_Scholz_, Wilhelm von ~Dr. phil.~, * am 15. Juli

1874 in Berlin, lebt in Stuttgart.

_Begegnung mit Hebbel_ 156

_Aus einem alten Kriege_ (handschriftlich) 172

_Schullern_, Heinrich Ritter von, ~Dr. med.~,

Oberstabsarzt, * am 17. April 1865 in Innsbruck, lebt

in Wien.

_Engelbert Meisenheimers Kriegsbeute_ (handschriftlich) 30

_Schussen_, Wilhelm (Wilh. Frick), * am 11. August 1874

in Schussenried, lebt in Stuttgart.

_Die größte Kirche der Welt_ 50

_Der lächelnde Tod_ (handschriftlich) 75

_Stenglin_, Felix Freiherr von, * am 18. November 1860

in Schwerin, lebt in Friedenau b. Berlin.

_In einem Seminar_ (handschriftlich) 46

_Sternberg_, Leo, Amtsrichter, * am 7. Oktober 1876 in

Limburg a. d. Lahn, lebt in Rüdesheim.

_Der Gesandte von Bismarck_ 209

_Wöhrle_, Oskar, * am 26. Januar 1890 in St. Ludwig

(Elsaß), lebt in Stuttgart.

_Der Talisman_ 226

_Schwaben_ 236

Quellen-Nachweis

(Die im Folgenden genannten Bücher haben dem Herausgeber als Quelle

gedient. In ihnen finden sich alle diejenigen Beiträge, bei denen im

Inhaltsverzeichnis der Vermerk »handschriftlich« fehlt.)

_Enderling_, Paul, _Land an der Weichsel_. Ein Sammelbuch.

Verlag von Reuß & Itta, Konstanz a. B.

_Ettlinger_, Karl, _Marquis Bonvivant_. Georg Müller Verlag,

München.

_Lucka_, Emil, _Das brennende Jahr_. 44 Kriegs-Anekdoten.

Verlag von Schuster & Loeffler, Berlin.

_Mann_, Heinrich, _Minerva_ (zweiter Band der »Göttinnen«).

Verlag von Kurt Wolff, Leipzig.

_Molo_, Walter von, _Im Schritt der Jahrhunderte_.

Geschichtliche Bilder. Verlag von Albert Langen, München.

_Rosegger_, Peter, _Die Abelsberger Chronik_ (Gesammelte Werke

Bd. 10). Verlag von L. Staackmann, Leipzig.

_Rüttenauer_, Benno, _Graf Roger Rabutin_. Die Beichte eines

Leichtfertigen. Georg Müller Verlag, München.

Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler · 第 10 / 11 段