Schleunig und scheu, selbst ohne zu zahlen, wie ein schmählich

gezüchtigter armer Sünder und unfreiwilliger Zechpreller, drückte sich

der zukünftige Anwalt der Gerechtigkeit lautlos seitwärts zur Nebentüre

hinaus.

Gottfried Keller aber, ohne sich irgend umzusehen, kehrte von seinem

handgreiflichen dichterpädagogischen Streifzuge zu seinem Tische

zurück und pflanzte sich mit idyllischer Gemächlichkeit auf seinen

warmen Platz, wo schon ein neues Schöpplein des wieder völlig

beruhigten trinkfesten Altmeisters herzenskundiger und weltweiser

Erzählungskunst harrte. Böcklin nickte bloß bestätigend: »Gut so!«,

die Hottinger Seßhaften steckten, den jüngsten »Streich« ihres

eigenlaunigen Ehrenbürgers einen Augenblick neugierig beschwatzend, die

Köpfe enger zusammen, und ein »hierorts« unbekannter, gründeutscher

Dichterstudent lachte in der Ecke verständnisvoll beifällig in sich

hinein, wozu er ein Glas bräunlich mißfarbenen, aber prickelnd süßen

»Sausers im Stadium« stillvergnügt hinunterschlürfte.

Klaus Groth

Von _Carl Bulcke_

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war ich Student in Kiel.

Klaus Groth wohnte in seinem schönen Gartengrundstück am Niemannsweg,

war nahe den Siebzigern, groß, hager, ehrwürdig und einsam -- er sah

übrigens genau so aus, wie ihn Hans Olde gemalt hat: der helläugige

Blick grüblerisch und langsam. Wir Studenten verehrten ihn sehr. Diese

Verehrung war indessen nicht ganz ohne Einschränkung: denn er galt für

eitel.

Die Kieler Universität hatte, wohl nur um ihn und sich zu ehren, ihn

in ihren Lehrkörper aufgenommen und zum Professor ernannt. Demzufolge

war seit Jahr und Tag an dem Schwarzen Brett in der Vorhalle der

Universität regelmäßig auch eine Vorlesung von Klaus Groth angekündigt.

Das Thema lautete Jahr für Jahr: »Lessing und seine Zeit«. Und dazu

stand: »Persönliche Anmeldung von 2--3 nachmittags.«

Um es gleich zu sagen: diese Vorlesung hat Klaus Groth nie gehalten.

Geschah es, und es geschah oft, und es geschah auch mir, daß

nachmittags zwischen zwei und drei ein Student sich zu ihm verirrte, so

empfing ihn der Professor mit Wohlwollen unten in seiner »Kajüte« --

so nannte er sein Arbeitszimmer, das nach alter holsteinischer Sitte

troglodytenmäßig im Keller des Hauses lag -- und erklärte, daß er

diesmal leider die Vorlesung ausfallen lassen müsse, da sich außer dem

Besucher niemand gemeldet habe. Es waren noch schöne alte Zeiten.

Also wollten wir eines Tages den Professor auf die Probe stellen und

erschienen nachmittags zwischen zwei und drei gleichzeitig zwölf Mann

hoch: So und so, und wir wollten alle die Vorlesung über »Lessing und

seine Zeit« belegen. Einer war der Sprecher, wir andern hielten uns im

Hintergrund.

Klaus Groth stand prachtvoll groß mit gesenktem Kopf vor uns, die

hellen holsteinischen Augen grüblerisch geradeaus, und sagte mit Humor:

»Ein Komplott, meine Herren. Sein Sie ehrlich und gestehen Sie, daß

Lessing und seine Zeit Ihnen ganz egal ist, dann will auch ich ehrlich

sein und Ihnen gestehen, daß auch mir Lessing und seine Zeit ganz egal

ist. Sie wollen ja auch gar nicht, meine Herren, den alten Professor

hören, Sie wollen sich ja bloß den alten Dichter ansehn. Na, und wenn

ich nun jedem von Ihnen die Hand gebe und Sie später Ihren Kindern

erzählen können, der alte Klaus Groth hat mir die Hand gegeben, so

lassen Sie's damit genug sein.«

Sprach's, gab richtig jedem von uns die Hand, und gleich standen wir

wieder vor der Tür.

Geschichte

Aus einem alten Kriege

Von _Wilhelm von Scholz_

Ho-Hang-Fen, ein chinesischer Schriftsteller aus der Zeit der dritten

Dynastie, berichtet von einem sagenhaften Vorgang aus der Urgeschichte

seines Reiches das folgende:

Zwei Volksstämme, die beide ihren Wohnsitz in der Küstengegend des

Landes hatten und sich vom Fischfang, vielleicht auch schon vom

Seeraub, nährten, gerieten miteinander in Streit. Sie hatten schon

jahrelang eifersüchtig jeder die Fischzüge des anderen beobachtet,

hatten einander oft Überschreitung der in Vorzeiten von ihren Vätern

durch Verträge festgesetzten Meergebiete vorgeworfen, zerstörten sich

gegenseitig oft heimlich des Nachts ihre Stellnetze und behaupteten

schließlich jeder vom anderen, er »stehle ihm das Meer«.

Darüber war es erst zu kleinen Händeln zwischen einzelnen gekommen.

Die Ältesten beider Stämme -- die ihrem Lebensalter nach schon

»jenseits des Fischfangs« standen und das Dasein als ein unaufhaltsames

Vorüberfließen erkannten, in welchem der Fischfang wohl wichtig, aber

nicht das Allerwichtigste sei -- die Ältesten hatten es öfters noch

vermocht, die Händel mit guten Worten zu schlichten. Aber sie konnten

es nicht verhindern, daß sich unter den jüngeren Männern beider Stämme

mehr und mehr die Überzeugung festsetzte, die Frage müsse einmal durch

einen Waffengang entschieden werden.

Gedanken reifen allmählich die Tat. Es bedarf dazu nicht einmal des

eigentlichen Willens. Gedanken haben eine gefährliche Fähigkeit,

Ereignis zu werden, rein in sich. Sie führen eine unwirkliche Existenz

hart an der Wirklichkeit hin und sehnen sich aus dem Hungerdasein im

Geiste fort, möchten sich mit Leben nähren.

Hundert Jahre hatte der Gedanke und die Vorstellung dieses Krieges

unsichtbar in den beiden Völkern gelebt, ohne daß sich in der

schwer und langsam fließenden Wirklichkeit eine Raumleere fand, wo

er einschießen und Ereignis werden konnte. Aber die Vorstellung

nutzte diese hundert Jahre wohl, um sich immer mehr zu befestigen,

auszubreiten und ins einzelne zu entwickeln. Sie knüpfte da und dort

mit den Begebenheiten Verbindungen und Beziehungen an, sie wurde in den

Seelen ein unverrückbarer Glaubenssatz.

Dann hatte eine in der Nähe der Küste hinziehende, ihre Bahn

plötzlich ändernde Meeresströmung einmal die in einer seichteren

Bucht ausgestellten Netze des einen Volksstammes fortgeführt in

die Meeresweite hinaus. Die geschädigten Fischer hatten Fischer

des feindlichen Nachbarortes beschuldigt, da sie die gewaltige und

übermenschliche Ursache des Vorganges nicht begreifen und einsehen

konnten. Es kam zu ernsten Streitigkeiten der einzelnen, denen auf

beiden Seiten ihre Stammesgenossen zu Hilfe eilten. Jetzt besannen

sich alle Köpfe in den beiden Ländern auf den alten Gedanken einer

Waffenentscheidung zwischen den Stämmen, wie auf eine Prophezeiung

oder eine vorhergesagte Notwendigkeit. Und die alte Vorstellung

hatte plötzlich die Gewalt eines Schicksalsbefehls, dem sich niemand

entziehen konnte. Auch in dem Verstande derer, die jetzt die Ältesten

waren, und die in gealterter Weisheit und dem ruhigen müderen Gange

ihres Blutes über den Kriegsgedanken oft gelächelt hätten, herrschte er

auf einmal.

So wurde der Krieg Ereignis, wütete auf den unfruchtbaren Dünenfeldern,

durch welche die Grenze beider Stammlande ging. Er wütete lange

unentschieden hin und her, da beide Stämme nicht nur fast gleich stark

waren, sondern in der langen Herrschaft des Gedankens an diesen Kampf

auch sehr kriegerisch geworden waren. Auch Reichtum und Fülle war bei

ihnen eingekehrt, so daß sie immer neue Hilfsquellen und Kräfte zur

Verlängerung des Waffenganges in sich entdeckten.

Der Krieg hatte schon manchen Mondumlauf gewährt, Tausende junger

Männer waren auf beiden Seiten in das windüberwehte Dünengras gesunken,

und noch immer zeigte sich keine Entscheidung, keine Aussicht auf

Wiederherstellung des Friedens. Da geschah eines Tages das Wunderbare,

das die beiden Stämme in weniger als einer Stunde zu Verbündeten

machte. Ein dritter Gegner erschien auf der Walstatt: das Meer.

Während eine Küstenschlacht tobte, verfinsterte sich Himmel, Meer und

Erde mit schwerem, wuchtendem Gewölk. Unheimlich schossen in der wie

durch Zauber eingebrochenen Nacht die Scharen der weißen Sturmvögel

unter den Wolken umher wie aufgeflogene Schaummähnen der höher und

höher anschwellenden und sich überschlagenden Wellenrosse, so daß

mancher der Kämpfer auf Augenblicke das Gesicht von seinem Gegner

weg und dem Meere zuwendete, zu dem er im Frieden täglich hinaussah,

dessen Laune ihm Arbeit und Feierzeit bestimmte, aus dessen Tiefen

sein Dasein floß. Ein ungeheures Donnern, Rollen, Dröhnen wanderte in

den Wassergründen und jetzt auch unter dem flachen Lande hin; so,

als rannten die Meergottheiten der Tiefe in ihrer purpurnen Nacht mit

riesigen erzenen Balken gegen die unterseeischen Gestadefelsen. Dann

erhob sich landeinwärts wehender, fliegender, jagender, mit ungeheurer,

unentrinnbarer Kraft drängender und drückender Sturm. Das Meer schäumte

nicht nur in weißen Kämmen auf, es schien weithin eine einzige weiße

Schaummasse. Unübersehbare Wogen- und Wellenscharen rannten, stürzten,

brachen heran. Sie stießen wie bei der beginnenden Flut, wenn die Ebbe

vorüber ist, nach jedem Zurückrollen weiter ins Land vor; aber viel

drohender, wuchtiger, schneller als bei der gewöhnlichen regelmäßigen

Flut, so daß es oft schien, als stieße die vorgerollte Welle gar nicht

wieder zurück, sondern bleibe im Lande stehen, bis die nächste kam, sie

mit flachem Hinzischen weit zu überholen und höher ins Land mitzunehmen.

Aber das war noch nicht das Furchtbare. Das stand draußen in der Nacht

von Wolken und Wasser als ein immer mehr aufsteigender und durch sein

unaufhaltsames, fußloses Herankommen bis zu seiner grausig-wirklichen

Greifgröße anwachsender Flutberg, der bald mit seiner Schattenschwärze

die schwarze Wolkendecke zu streifen, dann schon die niederhängenden

Gewölkfetzen abzureißen und in seinen Wogengang einzuschlingen schien.

Wenn man noch vor Stunden die Kämpfenden hüben oder drüben gefragt

hätte, wann wohl der Friede kommen würde, so hätten sie die Achseln

gezuckt und gesagt: Das weiß noch niemand.

Jetzt aber kam der Friede.

Schon daraus, daß sich mehr und mehr Augen der Kämpfenden vom Gegner

fort und hinaus in die ungeheure Meerwetternacht wandten, war das Tosen

und Gebrüll des Kampfes schwächer geworden, verebbt, fast verstummt.

Die nicht mehr vom Auge geführten Schwerter und Äxte schlugen

noch wenige Momente; aber sie schlugen ins Leere und trafen keine

Gegnerwaffe, keinen Schild mehr. Dann sanken sie -- als hätte sich ihr

Gewicht um den allgemeinen Schrecken vermehrt und sei nun zu schwer für

die Muskeln, die sie eben noch schwangen -- da, dort, an vielen Stellen

in schlaffen Armen herab.

Das unterirdische Rollen dröhnte aus dem erbebenden Erdboden in die

unheimliche plötzliche Waffenstille. In Gruppen erstarrt standen die

Kämpferscharen.

Und dann kam irgendwoher der Ruf: »Die Flut!« Ohr nahm ihn auf und

Auge. Und jeder Mund gab ihn weiter, mehrte seinen grausigen Schall.

Er klang von allen Seiten, erst einzeln, dann zusammen wie ein Gebrüll

des Entsetzens. Wie eine einzige Volksstimme; denn das Wort »Flut« war

in den Sprachen der beiden Nachbarstämme noch dasselbe und unterschied

sich nur wenig in der Aussprache.

Die Scharen, die dem Meer am nächsten waren, wandten sich zur Flucht

und stürmten, wie Tiere des Urwaldes vor einem Waldbrande, in wirrem

Durcheinander davon, den höheren Dünenwällen zu. Was war jetzt Freund

und Feind? Hier riß ein Mann den neben ihm stürzenden Feind hilfreich

wieder hoch, ja einer schleppte gar einen verwundeten Gegner eine

Strecke weit mit sich; dort stieß ein anderer seinen Stammesgenossen

zu Boden, weil er ihm den Lauf behinderte. Und immer wieder, wenn die

Fliehenden auf noch erstarrte, weiter zurückstehende Scharen stießen,

schäumte wie eine gräßliche Brandung von Schall der Ruf auf: »Die Flut!«

Als die zurückfliehende, durcheinandergeworfene Menge von Freund und

Feind an dem hohen Dünenwall ankam, bewirkte das schwerere, mühsamere

Klettern, das manche Leute auch zu minutenlangem Stehenbleiben und

Atemholen zwang, einige Besinnung. Und die die Flucht anhaltenden

Rufe der schon vereint beieinanderstehenden Führer beider Völker

fanden Gehör. Man rief und gab es weiter: »Jede Lücke des Dünenwalls

verstopfen!«

Die Panzer wurden abgeschnallt und weggeworfen, die Schwerter wie die

Schilde wurden zu ungefügen Schaufeln, die Äxte schlugen das niedere

Dünengesträuch ab, damit es in die in rasender Eile aufgeschütteten

Sandmassen zur Befestigung eingebaut würde.

Durch die fieberhafte Arbeit ging plötzlich ein Erlahmen und Anhalten.

Der Flutberg hatte den weißen Strand erreicht, der in dem Wetterdunkel

ganz fahl dalag, und stürzte seine Wassermassen aus schwindelnder

Höhe donnernd herab auf den Sand, auf die Toten und Verwundeten, die

weggeschleuderten Waffen und Beutestücke. Aber trotz der abstürzenden

schäumenden Wasser, die von seinem Kamm herunterbrachen, schien er

nicht im mindesten kleiner zu werden, wie er jetzt auf den Dünenwall

zuwanderte.

Schon begann da und dort wieder die wilde Flucht weiter ins Land

hinein. Scharen anderer standen stumm, fassungslos, todergeben, ohne

sich zu regen, und starrten der hereinbrechenden Übergewalt entgegen.

Mit einem furchtbaren Anprall rannte der Flutberg gegen die Düne. Als

er ihr auf hundert Schritte nahegekommen war, hatten die Leute erkannt,

daß er wohl doppelt so hoch war wie die Sandmauer, deren Lücken zudem

erst in ganz geringer Höhe verstopft und zugeschüttet waren. Da ließen

auch die letzten, die dumpf vor sich niederblickend noch immer

geschaufelt und gebaut hatten, die Hände sinken. Das Niederschütten der

oberen Wassermenge über die Düne ins Land, das wie das Einschmettern

von Millionen von Scherben klang, war das letzte, was ihre schon vom

hereinrauschenden Wasserdruck betäubten Ohren hörten ...

Von den beiden Völkern überlebten nur kleine, weit im Hinterlande

wohnende Teile die Wasserkatastrophe. Sie hatten schon vorher etwas

Ackerbau und Viehzucht getrieben und wurden nun ganz friedliche

Ackerbauer. Die Küstenstriche, in welchen der eigentliche Sitz beider

Volksstämme gewesen war, riß das Meer, das sie einander gestohlen

haben sollten, und das mit seiner unachtsamen, die Netze entführenden

Strömung den Krieg entfacht hatte, zerstört und verschwemmt in sich

zurück, nachdem es furchtbaren Frieden gestiftet.

Heute ist dort die weite, tiefe Bucht von Hang-Tschu.

Rastrelli

Eine Anekdote aus Mitau

Von _Herbert Eulenberg_

Der italienische Graf Rastrelli, der einzige große russische Architekt,

wie der boshafte Diderot bemerkt hat, ist auch der Erbauer des riesigen

Schlosses zu Mitau gewesen, das Herzog Ernst Johann Biron auf der

Stelle der alten Ordensritterburg errichten ließ. Ernst Johann hatte,

da er noch seinen guten alten westfälischen Adelsnamen von Bühren

führte, statt des parfümierten französischen Biron, den er sich erst

als anerkannter Günstling der Zarin Anna zulegte, den Grafen Rastrelli

auf einer seiner vielen Reisen kennen gelernt. Die beiden verstanden

sich ausgezeichnet. Sie förderten einander wie zwei Brüder, die sich

vertragen. In Mitau wie in Petersburg, wo Rastrelli, von Biron an

die große Katharina empfohlen, die gewaltigsten weltlichen Bauten

Rußlands, den Winterpalast und die kaiserlichen Schlösser von Zarskoje

Sselo, entwarf. Das einzige, was sie zuweilen auseinander brachte,

waren die zahlreichen Liebesabenteuer, in die sich beide mit einer

bewundernswerten Unermüdlichkeit zu stürzen pflegten. Die Eifersucht

plagte sie, wenn sie sich, was ihnen nicht selten zustieß, beide zu

gleicher Zeit um die Gunst einer Schönen bewarben, ganz besonders. Wie

zwei Rennpferde mühten sie sich dann, innerlich wütend aufeinander, ab,

bis einer von ihnen zu seinem Triumph glücklich durchs Ziel gekommen

war.

So wetteiferten sie einstmals um die Zuneigung einer reizenden jungen

kurländischen Baronesse, deren Namen heute, wo derartiges natürlich

nicht mehr vorkommt, verschwiegen werden darf. Eines Abends erschien

der Graf Rastrelli, der sich über der Besichtigung seines Schloßbaues

in der Zeit verguckt hatte, später als sonst vor der zarten Schönen,

bei der der Herzog Biron indessen schon sein ganzes Süßholz abgeladen

hatte. Rastrelli hatte in der Eile, mit der er zu der lieblichen

Baronesse gestürzt war, seinen Anzug nicht beachtet, so daß er hinten

auf dem Rücken seines blauen Rockes noch Spuren von dem weißen Mörtel

trug, an den er beim Besteigen der Baugerüste mehrfach gestreift

hatte. Die junge Baronesse meinte nicht anders, als daß er sich zu

stark gepudert hätte, und versuchte lächelnd mit ihrem Fächer den

Staub von seinen Schultern zu wehen. Herzog Biron aber, der die wahre

Beschaffenheit der weißen Flecken sofort erkannte, bewitzelte die

vergeblichen Versuche der Baronesse, sie zu entfernen, indem er boshaft

bemerkte: »Bemühen Sie sich nicht, mein süßes Kind! Der Herr Graf trägt

das Kennzeichen seines Berufes allzu deutlich mit sich.«

Rastrelli, der für diesesmal vollkommen bei der kleinen Baronesse

ausgestochen war, ärgerte sich gründlich über die Geringschätzung, die

ihm und seiner Kunst damit widerfuhr, und beschloß, sich zu rächen.

Er erkundigte sich am nächsten Abend genau im Marstall des Herzogs,

wann dieser vom Reiten, dem er mit größter Leidenschaft morgens und

nachmittags oblag, zurückkäme. Dann machte er sich eine Weile bei den

Gäulen zu schaffen und hob unbemerkt einen jener runden Gegenstände

vom Boden auf, welche die Pferde ihrer Natur folgend zu verstreuen

pflegen, und mit denen sich sonst nur die Stalldiensttuenden befassen.

Im Vorzimmer der zarten Baronesse wartete er hierauf, bis Herzog Biron

kam, und schmuggelte, da er sich nach der Art sehr vieler Italiener ein

wenig auf Taschenspielerkunststückchen verstand, den besagten runden

Gegenstand, indes Biron seinen Mantel ablegte, verstohlen in dessen

braunseidenen Rock hinein. Vor der niedlichen Baronesse, zu der sie

beide nun hineintraten, zeigte sich Rastrelli an diesem Abend von der

besten Seite. Er glänzte wie ein feingeschliffener Diamant und wußte

der Baronesse die geistreichsten Artigkeiten um ihren blonden Kopf zu

schleudern. Herzog Biron, der sich ins Hintertreffen kommen sah, suchte

schnell seinen vom langen Reiten etwas müden Kopf etwas aufzufrischen.

Indem er nun hastig in die Tasche griff, eine Prise zu nehmen, was

man damals für eine stets wirksame Anreizung der Gehirntätigkeit

hielt, schlenkerte er gleichzeitig mit der Dose den besagten runden

Gegenstand aus dem Pferdestall hervor. Und zwar zu seinem Unglück

noch gerade auf den Schoß der jungen Schönen. Die zarte Baronesse

wußte vor Entsetzen und schrecklichster Verlegenheit nichts anderes zu

tun, wie ihr wohlriechendes Spitzentüchlein vor ihre Nase zu halten.

Rastrelli aber, der die vergeblichen Versuche der Baronesse, die Lage

zu verbessern, belächeln mußte, beugte sich zu ihr, indem er scherzhaft

bemerkte: »Bemühen Sie sich nicht, mein süßes Kind! Der Herzog trägt

das Kennzeichen seines Berufes allzu deutlich mit sich.«

Hiermit entfernte er so zierlich wie möglich den anstößigen Gegenstand

aus ihrem Schoße. Man will wissen, daß sich das Herzchen der lieblichen

Baronesse von diesem Augenblick für ihn entschied.

Der Schutzengel des Königs

Von _Benno Rüttenauer_

Als im Jahre 1789 am vierzehnten Juli zu Paris das unglaublichste

Wunder geschah und die ungeheuren Mauern und Türme der Bastille

dem anstürmenden Volkshaufen zum Opfer fielen, beherbergte diese

symbolische Zwingburg des königlichen Absolutismus kaum noch ein halbes

Dutzend Gefangene (darunter den Grafen Delorges, dessen Kerkerhaft

gerade vierzig Jahre gedauert hatte); denn wie das Königstum erst,

nachdem es schwach und wankend geworden, gestürzt werden konnte, so

fiel auch die Bastille zu einer Zeit, da sie schon lange her kaum

noch benutzt wurde. Und wie einige Wochen darauf, am Geburtstag

der vielbeschrienen Menschenrechte, die hohe Aristokratie die

besten Köpfe einer Bewegung zur Verfügung stellte, in deren Verlauf

unzählige Aristokratenköpfe, gute und schlechte, mit grauenhafter Hast

abgeschnitten wurden, so hat an diesem vierzehnten Juli das gemeine

Volk, ohne viel zu denken, seinen Arm der verhaßten Sache des Adels

geliehen; denn in die Bastille eingekerkert zu werden, gehörte ja eben

zu den Privilegien der Aristokratie, die des Geistes mit eingerechnet.

Der gemeine Mann verirrte sich in dieses Gefängnis der Mächtigen und

Bevorzugten nur selten, nur in ganz außerordentlichen Fällen, wie etwa

der einer war, wovon diese kleine Geschichte zu berichten hat.

Kaum ein halbes Dutzend Gefangene, wie gesagt, fanden die jubelnden

Erstürmer in den dreimal vermauerten Gelassen der erschrecklichen

Türme. Sie begnügten sich damit, die furchtbaren Riegel und Schlösser

zu erbrechen; im übrigen hatte niemand Zeit und Muße, sich um die

Befreiten weiter zu kümmern.

Ein interessanterer Gegenstand war dem Volk, das sich vom ersten

Rausch der aufdämmernden Freiheit auch gleich bis zur sinnlosen

Tollheit fortreißen ließ, der unbeugsam strenge Graf von Launay, der

Gouverneur und Verteidiger der Festung, den die rasende Menge, trotz

zugestandenem freien Abzug, auf der Stelle zu zerfleischen drohte. Den

militärischen Anführern des Unternehmens, zwei braven Soldaten der

~Gardes Françaises~ (Hulin hieß der eine, der andere Hélie) gelang es

nur mit Gefahr des eigenen Lebens, den Unglücklichen eine Strecke weit

durch den tobenden Pöbel hindurchzuretten, bis er ihnen doch zuletzt

auf dem Greveplatz entrissen und in schauerlicher Weise hingeschlachtet

wurde. Ein Fleischermeister, namens Bourtas, spießte den zerhackten

gräflichen Kopf auf die Bajonettspitze eines geraubten Gewehrs, gleich

einer Trophäe, und hinter ihm her wälzte sich die Hefe der Pariser

Bevölkerung, die Fischweiber der Markthallen voran, in grauenhaftem

Jubel durch die Straßen der inneren Stadt, während andere Haufen, nicht

so sehr lüstern nach Blut als nach weniger symbolischen Dingen, in der

erstürmten Bastille raubend und plündernd zurückgeblieben waren.

Die Gefangenen aber hatten sich inzwischen längst unbeachtet verloren.

Nur ein zitternder Greis in schwarzem Tuchrock, mit ergrautem Haar und

wirrem Bart, saß noch auf einem Prellstein des inneren Tors und rührte

sich nicht von der Stelle.

Um ihn versammelte sich bald ein Häufchen Neugieriger von der

gemütlicheren Sorte; doch blieben all ihre Fragen nach Namen und

Herkommen vergeblich. Der Alte stierte die Umstehenden verständnislos

an und legte nur manchmal geheimnisvoll den Finger auf die Lippen.

Zwei- oder dreimal murmelte er etwas in den Bart und blickte dabei

ängstlich und scheu um sich her. »Was sagt er?« fragten die Hintersten

und drängten sich näher. »Er sagt: Der König ist in Gefahr,« erklärte

ein hübsches, junges Weib. Darüber brachen einige in rohes Lachen

aus; und man gewann allmählich die Gewißheit, daß man es mit einem

Verrückten oder wenigstens ganz in Stumpfsinn Versunkenen zu tun habe.

»Kinder und Narren sagen die Wahrheit,« meinte ein buckliger Schneider;

»der gute Trottel scheint mir kein schlechter Prophet.«

Dennoch handelte es sich nicht um eine Prophezeiung, sondern um eine

Erinnerung.

Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler · 第 7 / 11 段