Steinen bedeckt seit Alters her eine notdürftige Zuflucht bot, schon
aber brach ein Donner los, der den Berg zu zersplittern und die
losgerissenen Blöcke krachend in die Tiefen zu schmettern schien.
Noch war jedoch kein Tropfen gefallen, und während der Knecht mit
dem Knaben in dem dunklen Loch aufräumte, blieb die Frau tiefatmend
davor stehen und sah in das drohende Wetter hinein. Sie hatte bei der
raschen Flucht ihren Hut abgenommen, und der Sturm jagte ihr rotblondes
Haar, das in dem grellen Licht feurig leuchtete; senkrecht über ihr
aber stand und schien aus ihrem Kopf gewachsen ein altes Steinkreuz
vom nahen Gipfel, das von Menschenhänden mit eisernen Stangen in der
Spitze des Gesteins verklammert war. Wie der Dichter das sah, in dem
donnernden Aufruhr -- darin die schwarzgeballten Lüfte mit den grell
umflackerten Felsen eine Schlacht der Apokalypse kämpften -- die
lächelnde Frau und das ragende Kreuz unbewegt, riß ihn das Sinnbild
zu Gedanken und Worten menschlicher Vollmacht hin, wie sie ihm nie in
eine Ode geflossen waren; als ob dies alles, der Vernichtungskampf
der Natur, die Frau und das Kreuz lächelnd und leidend darin, nur ein
Schauspiel seiner entzückten Seele wäre.
Aber Sturm und Donner rafften die Worte wie fallende Blätter hin; was
stark wie Posaunen in ihm klang, wurde leer, wenn sein Mund es in die
Welt zurück gab; und was sein eigenes Ohr davon vernahm, war kaum ein
Vogelschrei. So grausam überkam ihn da die Ohnmacht des Menschengeistes
vor der Natur, daß er aus seinem Hochmut niederbrach auf den Stein und
sich mit ausgestreckten Händen anklammerte. Und als er seinem Gefühl
mit den strömenden Tränen in Ausbruch solchen Schmerzes doch noch
etwas Großes retten wollte, prasselten nach den ersten Tropfen die
Wasserstürze nieder und spotteten auch der Winzigkeit seiner salzigen
Tränen, sodaß er wie ein gestürzter Vogel daliegen blieb und sich vom
Wasser des Himmels durchtränken ließ.
Als der Dichter, dem das begegnet war, wieder zu sich kam aus den
Untiefen seiner Ohnmacht, waren Donner und Sturm mit zackigen Blitzen
schon weit hinunter ins Land gen Einsiedeln gefahren, und nur noch der
Regen strömte sein rieselndes Geräusch. Irgendwer hatte ihn an der
Schulter gefaßt, als er aufsah, stand die Frau tiefgebeugt zu ihm und
sah mit ihren Augen erschrocken in die seinen. Da griff er die Hand
mit beiden Händen und legte Augen und Mund hinein und küßte sie, wie
sonst ein Heiligtum geküßt wird. Und sie, die außer dem Bereich seiner
Seele eine Doktorsfrau zu Schwyz war und ihren Knaben mit dem Knecht
starr auf dies Schauspiel blicken sah, zog ihm die Hand nicht fort und
stand ihm bei mit ihrer Menschennähe, bis er sie selber ließ und tief
aufstöhnend auch das Gewitter seiner Seele in träufelnden Tränen zur
Ruhe brachte.
Sie standen nachher noch auf dem Gipfel bei dem ragenden Steinkreuz,
sahen tiefeingebettete Seegewässer und Berggipfel wie einen Sturzacker
liegen: in die Seele des Dichters drang nichts mehr ein, die hatte
ihre Gehäuse geschlossen, und was dann mit den andern stundenlang auf
schlüpfrig gewordenen Felsspuren hinunter stieg, war ein demütiges
Menschentier, das in nassen Kleidern fröstelte wie sie. Nur als sie,
immer noch stumm von dem Ereignis, sich unten trennten und der Dichter
in einem wehen Gefühl, daß sie ihn mißverstehen könnte, zum Abschied
noch einmal ihre Hand bekam und sie fragte, ob er ihr davon schreiben
dürfte, was ihm da oben begegnet wäre: sah er sie rot und danach blaß
werden und dann mit Hinterhalt lächeln, wie nur eine Frau über einen
geheimen Einfall lächeln kann: das dürfe er, nur müsse sie ihm dann
auch das Rezept von ihrem Vater, dem Landammann, sagen.
* * * * *
So kam es, daß der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock in den »Drei
Eidgenossen« zu Schwyz einen Brief schrieb, in dem er tiefer an die
hilflose Not des Menschenschicksals zu rühren glaubte als in allem, was
er früher gedichtet hatte: wie es stets ein Spielball der Elemente sei,
außen und innen. Er schrieb einen Abend lang und bei der Kerze noch die
halbe Nacht daran; er traute der tönenden Macht erhabener Worte kaum
noch und stammelte mehr, als daß er sprach. Als aber die Kerze schon
auf Fingerlänge herunter gebrannt war, als immer stärker durch das
offene Fenster das mahnende Geräusch ferner Bäche scholl, legte er die
Feder weg, weil ihn die Merkwürdigkeit überkam, dies alles gerade der
Doktorsfrau in Schwyz zu schreiben. Sogleich wußte er aber auch, warum;
und einmal soweit entfesselt, hielt seine Seele nichts mehr zurück,
sodaß seine Niederschrift in das Geständnis einer Liebe auslief, deren
Leidenschaft in dieser Nachtstunde keine Grenzen kannte.
Er siegelte den Brief, der viele Bogen füllte, noch in der Nacht,
schlief danach einen tiefen Schlaf, und schickte ihn durch einen
Burschen zu ihr hinauf. Als er das versiegelte Bündel Papier zum
letztenmal in der Hand hielt, fühlte er, daß etwas Schweres damit
geschah; doch war er gewöhnt, tapfer zu seinen Dingen zu stehen und
nichts zu verbergen, was einmal soviel Gewalt über ihn gewonnen hatte,
weil ihm in der Offenheit rauschender Stunden mehr reine Menschlichkeit
zu leben schien, als in der Täglichkeit vorsichtiger Überlegung. Er
wußte genau, daß es nur einen Ausweg gab nach diesem Brief, wenn sie
ihm nicht das Haus verweisen sollte; so wartete er am Morgen und am
Mittag den selbstgewählten Gerichtshof ab und dämpfte seinen Trotz
erst, als auch der Nachmittag verging, ohne daß eine Nachricht kam.
Umsomehr war er überrascht, als gegen fünf der Knabe heiter wie sonst
erschien: Sie sollten mit meiner Mutter noch einen Gang ins Muotatal
zur Brücke machen. Auch die Frau, die draußen wartete, war kaum anders
als sonst, gab ihm die Hand und fragte, wie ihm die Bergfahrt und die
nassen Kleider bekommen wären? Er sah sie unbekümmert lächeln mit allen
Zähnen und wußte nicht, ob es Verstellung oder Spott war, und beides
verdunkelte ihm ihr Bild, so daß er erst im Gehen Worte fand, ihr für
die Einladung zu danken. Sie wehrte den verborgenen Sinn von diesem
Dank mit einem Scherzwort ab und blieb auch übermütig, so oft er mit
einer Frage an seine Dinge rühren wollte. Dabei kam sie ihm schöner
und anmutiger vor als je, wie sie dahin schritt in den Nachmittag, der
durch die Entladung der Luft klar und starkfarbig geworden war. Sie
gingen durch den Wald von Iberg hinüber, und das moosige Kalkgestein
mit seltsamen Höhlen unter Tannenbäumen gab dem Knaben Gelegenheit
zu übermütigen Kletterkünsten. Dem Dichter, der sich immer trauriger
als Fremder bei ihnen fühlte, und der die Frau -- die ihm gestern auf
dem Berg und in dem Aufruhr der Nacht so nahe gewesen war -- in der
Wirklichkeit dieser Wanderung sich hoffnungsloser entfernen sah, als
es durch irgendeinen Abschied möglich gewesen wäre, wurde schwer und
trotzig zumut.
Als sie denn endlich durch die steile Schlucht hinab ins Muotatal und
an die Holzbrücke gekommen waren, wo er den Knaben nackt und knieend
gefunden hatte -- der nun gleich abwärts in die Felsen kletterte und
nach dem rauschenden Spalt hinunterspähte, ob er von seinen Kleidern
nicht irgend etwas angeschwemmt fände -- so daß sie beide allein unter
dem alten Schindeldach der Brücke im Schatten standen und sich von dem
sonnigen Gang erholten, vermochte er die Traurigkeit und den Grimm
nicht länger zu bemeistern: Ob sie seinen Brief erhalten habe?
Erhalten wohl, sagte sie und schwieg still, als sie vor seinen Augen
noch lächeln wollte; doch wurde dasselbe Gesicht voll weiblichem
Hinterhalt daraus, das sie ihm gestern beim Abschied gelassen hatte,
nur daß in die Schelmerei der Ernst gefallen war: Da er nun einmal
geschrieben habe, sei sie ihm das Rezept von ihrem Vater schuldig
geworden, dessen Urteil als Landammann von Schwyz im Land wie ein
Gesetz gegolten habe. Da ihre Mutter früh gestorben und sie als
einziges Kind geblieben wäre, hätte sie anders als sonst wohl eine
Tochter zu ihrem Vater gestanden. So habe er ihr schon als Mädchen
abverlangt, stets alles in einem Brief zu schreiben, was sie ihm nicht
ohne Überwindung sagen könne; er wolle ihr daraus nie etwas vorhalten,
so böse und unrecht es auch sei, damit sich nicht aus Resten der
Verstimmung in ihrem Herzen allmählich Mißtrauen gegen ihn sammele.
Sie habe das Rezept durch ihre Mädchen- und Jungfrauenjahre treu
befolgt, anfänglich oft, dann seltener; sie sei wohl ungerecht und
hitzig, doch immer aufrichtig dabei gewesen, da sie gesehen habe, mit
welcher Milde der Vater alle Launen, Klagen und Vorwürfe aufnahm. Bis
ihr der Hochzeitstag diese Milde zwar auf eine resolute Art, jedoch
die Weisheit des Rezeptes um so unerwarteter offenbart habe. Unter
allen Geschenken dieses Tages sei nämlich eins gewesen, das ihr der
Vater selber in die Hand gegeben habe: ein Kästchen aus poliertem
Birnenholz mit ihrem Namenszug in eingelegter Perlmutterarbeit und
einem vergoldeten Schlüsselchen; darin hätten all ihre Briefe in der
Reihenfolge gelegen, wie sie geschrieben waren, keiner fehlend, und
alle ungeöffnet; da, wie auf einem Zettel von ihres Vaters Hand dabei
geschrieben stand, es bei solchem Unkraut wohl wichtig sei, daß es aus
dem eigenen Herzen heraus käme, nicht aber, daß es seinen Samen in
andere Herzen würfe!
Als so die blonde Doktorsfrau aus Schwyz dem Dichter das Rezept von
ihrem Vater, dem Landammann, gegeben hatte, holte sie auch seinen Brief
heraus, der ein ziemliches Päckchen war: sie habe ihm kein Kästchen
aus Birnenholz machen können, wohl aber eine Tasche aus Zürcher Seide,
wenn ihm ein Andenken an sie nachdem nicht unlieb wäre.
Da riß der Dichter, der in seiner Enttäuschung die Weisheit des
Landammanns nicht schmackhaft finden konnte und sich in einem Spiel
gespiegelt sah, wo er im Feuer gebrannt hatte, den Brief aus seiner
bunten Hülle und wollte ihn durch die blaugrünen Spalten unter ihren
Füßen in die tiefe Muota hinunter werfen. Weil aber das Päckchen mit
dem unerbrochenen Siegel zu dick war und sich zwängte, mußte er ihm
knieend nachhelfen, so daß der Knabe, zufällig von seiner Kletterei
in den Schattengang der Brücke tretend, ihn in der gleichen Stellung
überraschte, in der er selber vor zwei Tagen gewesen war. Nur, daß der
Dichter nicht aufsprang bei seinen Schritten, sondern tief auf die
Spalten gebeugt, zornige Tränen tropfen ließ.
Doch nahm auch diesmal die Natur mit einem Zufall scherzend den Dichter
in die Lehre; denn als der Knabe, die Bewegung mißverstehend, durch die
Spalten sah, entdeckte er den Brief tief unten, der im Wind statt ins
Wasser auf einen rund gewaschenen Felsblock gefallen und mit seinem
roten Siegel als eine merkwürdige Sternblume in der Tiefe aufgeblüht
war. Heraufholen konnte ihn von da niemand mehr; und als der Knabe erst
wußte, daß er ins Wasser sollte, war es ein rasch ergriffenes Spiel
für ihn, mit Stöcken und Steinen dem störrischen Papier den letzten
Ruck zur Wasserfahrt zu geben. Es war ein grausameres Spiel, als seine
Jugend ahnen konnte, aber der Dichter sprang ihm bei; er war es auch,
der dem Brief schließlich mit einem Knüppel in den Strudel half, gerade
als ein Landmann mit einer Kiepe aus der Brücke kam und sich an ihrem
närrischen Tun verwunderte.
Die Frau hatte unterdessen weitab gestanden, wie wenn sie als die
Einzige die Grausamkeit von dieser Handlung empfände; nun ging sie
wortlos von den beiden den Talweg fort. Der Dichter sah ihr nach, wie
sie den Nacken beugte und Schritt für Schritt die schlanken Beine
schwer los zu ziehen schien; dann küßte er den Knaben, wie er die Frau
nicht küssen konnte, und entließ ihn mit einem letzten Gruß an sie.
Denn sie danach zu sehen, vermochte er nicht mehr: sie ging aus dieser
Felsschlucht in das sonnige Tal von Schwyz, wo sie im bürgerlichen
Kreis ihrer Leute beheimatet war; indessen er mit seiner Seele, durch
kein Rezept geschützt, allen Naturgewalten ausgeliefert blieb.
Der Brief mit seinem Siegel war längst in hundert Strudeln geweicht
und aufgerissen, die Dunkelheit fiel schon in das letzte warme Licht,
als er noch immer dasaß und seine Traurigkeit in der blaugrünen Tiefe
suchen ließ. Er sah den Grund der Vergessenheit, auf dem doch einmal
alles endigte, was Großes und Erhabenes gelebt und gedichtet wurde. Der
Weg für seinen Brief war kürzer und resolut gewesen.
Und da erst war der Dichter weit genug, aus dem Rezept des Landammanns
für sich doch eine Weisheit heraus zu finden: So oder so, wenn alles,
was er schrieb, in den Birnenholzkasten wandern oder mit dem Strom der
Zeit abtreiben mußte, seiner Seele blieb doch ihr ungeschmälertes Teil,
daß sie in Rausch und Glück und Qualen die Elemente sich untertänig
machen konnte. Wie ein Brennglas die Strahlen in sich band, so zwang
sein Geist in Klang und Ordnung, was für die Sinne Schrecken und
Sinnlosigkeit gewesen war. Sein Dichterwort war das Siegel, das der
Menschengeist der Welt aufdrücken konnte zum Zeichen einer Herrschaft,
die den Naturgewalten trotz Sturm und Donner unnahbar war.
Als in der Nacht aus den »Drei Eidgenossen« zu Schwyz der Fremdling
einsam abwanderte, der in Hemdärmeln mit dem Sohn der Doktorsfrau so
landsmännisch zu ihm gekommen war, da schüttelte der Wirt den Kopf, um
wieviel merkwürdiger doch solche Gäste wären als alles, was in Schwyz
und sonst redlich sein Tagwerk täte.
Begegnung mit Hebbel
Von _Wilhelm von Scholz_
Ein stiller alter Maler aus der Zeit Schwinds, ein kluger, feiner
Greis, dessen ganze lebensvolle, kunsterfüllte Welt aus dem Getriebe
des Tages verschwunden und in eine ruhige, abseits gelegene Wohnung
zurückgeglitten war, wo nur noch der befreundete Gast in sie eintrat,
an Möbeln, Bildern und Menschen eine längst zum Stillstehn gekommene
Zeit freundlich, wie in Dämmerung dauern sah -- dieser liebenswürdige
alte Mann, zu dessen gelegentlichen Gästen auch ich gehörte, und bei
dem ich viel Vergangenheit kennen und begreifen lernte, hat mir von
einer persönlichen Begegnung mit Hebbel erzählt; mir den großen Mann
geschildert, der in München seinen Freund Dingelstedt besuchte oder
damals zur Aufführung seiner »Agnes Bernauer« gekommen war.
Wir hatten erst beiläufig von Hebbel gesprochen. Der Alte hatte
des hübschen, wenig bekannten Momentes gedacht, wie Hebbel bei
irgendeinem Spaziergang in Wien auf dem anderen Fußsteig Grillparzer
gehen sieht und mit leiser Ergriffenheit zu seinem Begleiter sagt:
»Ein Unsterblicher!« Mir fiel auf, daß wir beide in anderem Tone von
dem Dichter sprachen. Kühler, kritischer klangen die Worte des alten
Mannes, der Hebbels jüngerer Zeitgenosse gewesen war und ihn immer
als Zeitgenossen sah, das heißt: als irrenden, fehlenden Mitmenschen;
während er mir nur mit seinem Wesentlichen, Zeitlosen vor Augen stand.
Dann kam der alte Mann auf die Begegnung selbst. Ganz unerwartet war
der große Dichter plötzlich in seine Stube getreten. Er liebte es, auf
Reisen und in fremden Städten auch Menschen aufzusuchen, zu denen ihn
kein praktischer Zweck führte, mit denen ihn manchmal nichts als der
Zufall flüchtigen Kennenlernens verband. Dann kam er unvermittelt,
unvermutet. Der andere trat für eine Stunde in den Kräftekreis des
Hebbelschen Geistes. Die Beziehung erlosch so rasch wieder, wie sie
angeknüpft worden war; und in der Seele des Dichters blieb vielleicht
nur ein Wort, eine Gebärde, ein Gesichtsausdruck oder der Umriß
eines Menschen zurück -- Eindrücke, die ihm, dann schon ohne Namen,
wiederkommen mochten, wenn aus seinem Innern Gestalten und Charaktere
herausdrängten.
»Ich war erfreut und erstaunt,« sagte der Alte, »als ich im Dunkel
des Flurs die große Gestalt des Dichters mit der mächtigen Stirne
erkannte und mag sehr verlegen gewesen sein. Meine Verlegenheit schwand
aber bald, als er ein paar Worte gesprochen hatte. Während er in dem
Künstlerkreise, in dem ich ihn kennen gelernt hatte, sich unnahbar
verschlossen und hoheitsvoll-abseitig gezeigt hatte, war er jetzt
harmlos-natürlich, ja fast ein wenig unbeholfen im Gespräch, schwieg
mehrmals lächelnd und sah sich dann in meinem Zimmer um. Er betrachtete
alles, was an Bildern und Zeichnungen von mir herumhing, genau und
schien bei mancher gezeichneten kleinen Szene in schaffendes Sinnen
zu versinken. Ich glaube, daß er gar nicht darauf achtete, wie sie
gezeichnet waren, daß er nur irgendeinen dichterischen Sinn aus ihnen
herauslas. Im Basler Museum hängt ein allegorisches Figurenbild von
mir: ›Der Dreißigjährige Krieg‹, das hatte ich damals auf der Staffelei
stehen. Es beschäftigte ihn am längsten. Im Vordergrund -- unterhalb
der Fürsten-, Staatsmänner- und Heerführer-Gruppen, am Fuße der Stufen,
die die Gestaltenversammlung tragen, sitzen zwei symbolische Wesen:
die Pest und der Tod; und zwischen ihnen liegt ein schlummerndes Kind,
die neue unschuldige Zukunft nach der Zeit der Greuel. Hebbel, dessen
zärtliches Familiengefühl ja bekannt ist, sah immer auf das Kind
zwischen den Unholden. Mir war, als träte eine Träne in sein Auge;
mochte ihm seine Kindheit und Jugend vor Augen stehen, mochte er an
seine, von ihm sehr geliebte kleine Tochter denken. Endlich sagte
er: ›Hier haben Sie das tragische Gesetz der Welt dargestellt. Das
schuldlose, schlummernde Kind wird groß. Es wächst hinein zwischen
die längst schuldigen Älteren, es wird im Umgange mit ihnen ebenso
schuldig, es vergißt selbst den Schlummer seiner reinen, göttlichen
Herkunft. Es steigt auf zwischen die Greuel, die Sie da gemalt haben,
zwischen Pest und Tod, und in den Kreis verschlagener, heimtückischer,
unredlicher Machtmenschen, die hier vor den rauchenden Trümmern stehen.
Ihr Bild ergreift mich deshalb so, weil es, damit diese Tragödie
zustandekommt, nicht erst eines dreißigjährigen Krieges bedarf.‹ Dann
wurde sein Blick abwesend, und es schien, als nähme er nun von dem
kurzen Besuch so viel mit, daß er ihm nicht ganz unlohnend scheinen
mochte. Er schrieb sich etwas auf und fragte mich dann, wo wir uns
durch Dingelstedt kennen gelernt hatten.«
Viele Jahrzehnte lag diese Begegnung zurück. Aber der Alte erzählte
mit dem Ton und der Gebärde der Nähe, so, als ob sie gestern gewesen
sein konnte. Und das war sie für ihn auch. Es gibt eine Stufe hohen
Alters, wo alles Gewesene fast gleichzeitig wird, wo dem Greise fast
ununterscheidbar belanglos ist, wie weit etwas zurückliegt. Dieser
Schauer des Gewesenseins, der von dem alten Manne kam, ließ mich einen
Moment wie Halt suchend mich zurücklehnen und die Augen schließen.
Da sprach er noch von dem Ende des kurzen Besuches, das ihm großen
Eindruck gemacht hatte, und in dem Hebbels gelegentliches Berserkertum
hervortrat -- wenn nicht, was der Erzähler offen ließ, Hebbel von
seinem Freunde Dingelstedt eine gewisse ironische Art angenommen haben
mochte, mit der er jüngere Bewunderer zum besten hatte, indem er seine
bekannten Eigentümlichkeiten übertrieb. Hebbel sprach davon, wie sein
Töchterchen sich an einer Stuhlkante eine Brausche geschlagen hatte,
und fuhr dann, aufspringend, fort: »Sie begreifen doch, daß ich den
Stuhl ergriff und in tausend Stücke zertrümmerte?!«
Der Erzähler, der mir schon vorher eindrücklich und nachahmend
die Gestalt und Gehabensart Hebbels geschildert hatte, nahm bei
diesen Worten, wie ein Schauspieler, eine ihm fremde, herrische,
zornige Haltung und einen großen, gebieterischen Gesichtsausdruck
an. Seine Blicke funkelten. Ganz lebendig, das fühlte ich, stand
das Erinnerungsbild vor ihm, ja um ihn. Sein Auge, das in eine
dämmerige Ecke des Zimmers, wie in die um vier oder fünf Jahrzehnte
zurückliegende Zeit sah, riß die Vergangenheit heran.
Als unser Gespräch wieder ruhig und halblaut dahinfloß, und mein nicht
mehr gebannter Blick rings über die Möbel, die alten Zierstücke, Kränze
und Becher, die goldgerahmten Aquarelle ritterlicher Szenen, dieses
stille Zeitinnere aus den vierziger und fünfziger Jahren hinglitt,
hatte ich plötzlich das bestimmte Gefühl, als sei ich eben für eine
einzige Sekunde Hebbel begegnet. Das Erinnerungsbild Hebbels in der
Seele des alten Künstlers, das im Zimmer neben mir gestanden hatte,
hatte sich mir blitzschnell mit Abbildungen, die ich kannte, und mit
der Gedankengestalt des Mannes verbunden und war nun so stark geworden,
daß ich es jetzt, wo es aus dem Zimmer geschwunden war, nicht anders
vor mir sah, als wie einen eben hinausgegangenen wirklichen Menschen.
Gottfried Keller und der freche Student
Von _Karl Henckell_
Gottfried Keller, berühmter Dichter und Alt-Staatsschreiber von
Zürich, saß wie allabendlich gewohnt im geräumigen »Pfauen«, nahe
seinem schwesterlich betreuten Junggesellenheim am Hottinger Zeltweg,
und trank mit beschaulichem Behagen ganz langsam sein wohlverdientes
Schöppli Roten, unauffällig angesehen, als ein echt bürgerlich
schweizerischer Hafis und Homeros inmitten seiner frohmütig-grillig
gemischten Seldwyler. Sein großes Sinnier- und Fabulierhaupt mit der
stark ausladenden Stirn nur wenig vorgeneigt, in der linken Hand die
brennende Zigarre, die rechte leicht zur Faust geballt auf den stämmig
breitwinkligen Oberschenkel gestützt, lugte der untersetzte Mann unter
der Brille durch mit bedächtigem Ernst vor sich nieder und schwieg
anhaltend bedeutsam in seinen aschgrauen Vollbart hinein.
Mit energisch zurückgelehntem Oberkörper überragte ihn gegenüber am
selben Tisch in strammer Haltung sein hochansehnlicher Basler Landsmann
und sozusagen Dichterkollege von der malenden Fakultät -- seiner
eigenen Jugendliebe -- _Arnold Böcklin_.
Dessen vorwuchtende Augenknochen und bismarckisch pupillenfester
Blick, die kurz auftrotzende Haarwelle vorn und der fast verächtlich
hochgestrichene Schnurrbart zeugten, wiewohl heute zur ausgeglichenen
Überlegenheit gemildert, von rauhem Künstlerkampf und Schicksalsgang
stürmisch heldenhafter Jahrzehnte. Böcklin schaute klar und gerade
vor sich aus, wie auf ein fernes Ziel innenäugiger Vorstellung zu,
nicht getrübt durch weltfremde Schwärmerei, nur durch seelische
Sammlung weltunbeirrt, schaute, schaute und schwieg, des heimlichen
Sichverstehens mit dem bewährten Freunde und Trinkgenossen sicher, in
den allmählich immer dunstiger werdenden gefüllten Wirtshaussaal hinein.
Da platzte plötzlich vom Nebentisch, dem Keller seinen episch breiten
Rücken zukehrte, eine dramatische Lärmbombe prasselnd in die Luft:
»Laßt mich gefälligst mit diesem hochtrabend langweiligen _Schiller_
in Ruh!« zeterte mit greller Stimme ein geschniegeltes junges
Herrchen und, wie sich nachher herausstellte, frischgebackenes
Studentlein beider Rechte, dessen Stirn freilich mehr auf kantige
Sinnesenge als auf kantische Geistesweite schließen ließ, während der
ausgiebige Mund sein Werk geräuschvoll verrichtete und vor allem eine
unsagbar abschätzige Mundfalte dem aufgeblähten Gesicht den Stempel
hemmungsloser Arroganz aufprägte.
»Das war doch der größte rhetorische Phrasenheld, der sich denken läßt,
ein moraltriefender theatralischer Fanfarenbläser, nichts weiter, ein
bombastischer Stelzengänger und Marquis Posa mühselig hochgepumpter
Redensarten, ein selbstberauschter Wolkenkuckucksheimer, der mit seinem
aufgedonnerten Jambenschwulst und seiner pathetischen Sentimentalität,
mit seinem windigen kosmopolitischen Humanitätsdusel den kraftvoll
und zielbewußt realistischen Sinn der deutschen Jugend auf mindestens
ein Jahrhundert verpfuscht und verdorben hat ... Ich habe gerade
heute zum schwarzen Kaffee eine wirklich erstklassige, epochemachende
Broschüre darüber gelesen, einfach katastrophal vernichtend für euren
Idealgötzen, vom konsequent naturalistischen Standpunkt aus ...« es
zischte, spritzte und sprudelte dem pausbäckigen Bürschlein nur so
heraus, daß seine Kameraden im Wortgeplänkel ihm gänzlich den Lauf
lassen mußten und sich betreten ob der lauten Generalverdonnerung des
karikierten Genius am Kragen zupften, wobei sie rings verlegene Blicke
umherirren ließen.
Meister Gottfried, der während des frech-gewaltigen Geredes sich nur
einmal, allerdings ziemlich verdächtig, nach dem Sprecher umgedreht
hatte, tat noch einen letzten Zug, brummte zu Böcklin: »Sei so gut!«
und legte den Zigarrenrest auf den näher geschobenen Aschenbecher
behutsam ab. Auf einmal schoß ihm eine Blutwelle zu Kopf, rot wie
der Seewein, die Zornesader schwoll: »So'n Scheißjunge, chaibe!« Er
zerknüllte mit der Rechten sein Taschentuch und steckte es heftig in
die hintere Rocktasche. Böcklin murmelte gelassen bremsend, leichthin:
»Laß den Bengel!« Doch schon war der »gesatzliche« annähernde Siebziger
wie ein Jüngling emporgeschnellt, rückte auf seinen kurzen Beinen
mit dräuendem Schicksalstempo wutbebend auf den Nebentisch los und
versetzte mit dem lakonischen Begleitspruch: »_Ehrfurcht, Mosjöh!_« dem
rosig winkenden Bäcklein des Schillerzerschmetterers einen saftigen
Streich von klatschender, klassisch-naturalistischer Wahrheit und
Lebensgewalt.