Lehrpersonal und seine Schüler, erzählte ihnen die ganze Geschichte
und sagte: »Kinderchen, wir machen die Sache so: Wenn der hohe Herr
kommt, so steht ihr alle hübsch beisammen, die jüngeren im Vordergrund,
unten in der Halle, und was da so vornean steht, wird dem hohen Herrn
vorgestellt. Dann beschäftige ich den hohen Herrn eine Weile, ihr
lauft was ihr könnt herauf in den Aktsaal und setzt euch fix an die
Arbeit. Vornean setzen sich die älteren von euch. Dann kommen wir beide
herauf, und ihr werdet alle noch einmal dem hohen Herrn vorgestellt.
Dann beschäftige ich den hohen Herrn wieder eine Weile, ihr verteilt
euch, was ihr laufen könnt, in die einzelnen Ateliers, und alles
weitere überlaßt nur mir. Ich werde die Sache schon machen.«
Es ging auch alles ganz ausgezeichnet. Der Oberpräsident kam, die
Vorstellung in der Halle wurde rasch erledigt, die zweite Vorstellung
im Aktsaal glückte vorzüglich, der Oberpräsident sah sich mit
gedankenlosen Augen alles an, bestätigte, daß hier und da ein Übelstand
sei, der abgestellt werden müsse, nickte zustimmend zu den Erklärungen
des Akademiedirektors, fragte gedankenlos noch dies und das, wie hohe
Herren das so tun, und sprach in der zweiten halben Stunde seines
Besuchs schon längst von Dingen, die mit dem Zweck seines Kommens
nichts zu tun hatten, von Hasenjagd und Wintersport und anderen schönen
Sachen. Der Akademiedirektor strahlte.
Und so nach einer Stunde verabschiedete sich dann der Oberpräsident,
sprach seinen Dank für die freundliche Führung aus, murmelte etwas
von langgehegter persönlicher Wertschätzung, und der schlaue
Akademiedirektor führte den Oberpräsidenten die Treppe hinunter.
Auf der Treppe blieb der Oberpräsident stehen, dachte nach, und ihm
schien etwas einzufallen. »Und im übrigen muß ich Ihr Prinzip loben,«
sagte der hohe Herr freundlich. »Ich muß an die Zeit denken, als ich
noch junger Landrat war. Wenn ich da mal haben wollte, daß ein Wald
größer aussah, als er war, so ließ ich die Herren immer im Kreise
herumfahren.«
Zwei Anekdoten
Von _Karl Scheffler_
Kunsterziehung
Ein Museumsdirektor, der nicht nur moderne Kunstwerke des In- und
Auslandes mit leidenschaftlichem Eifer kauft, sondern der auch den
Ergeiz hat, die Bürger seiner Stadt zum Kunstverständnis und zu einer
neuen Kulturgesinnung zu erziehen, erzählte mir vieles von der Art
seiner Propaganda, von seinen Vereinen, Ausstellungen, Vorträgen und
Organisationen. Um die Wirkung seiner Kulturarbeit zu beweisen, führte
er freudig das folgende Geschehnis an.
Zu ihm sei eines Sonntagmorgens ein Mann ins Museum gekommen. Ein
einfacher Mann aus dem Volke, Werkführer oder dergleichen und
Mitglied eines der Kunstbildungsvereine. Er hätte sich vor den
Direktor bescheiden, aber sicher hingestellt und gesagt, er habe sich
soeben eine neue Krawatte gekauft, und er fühle die Verpflichtung,
Rechenschaft abzulegen, nach welchen Gesichtspunkten er sie gekauft
habe. ~Ad~ 1, nach welchen ästhetischen, ~ad~ 2, nach welchen ethischen
und ~ad~ 3, nach welchen allgemein-kulturellen Gesichtspunkten. ~Ad~
1 sei zu bemerken, daß eine Krawatte zur Farbe des Anzuges und des
Gesichtes sowohl harmonieren wie kontrastieren müsse. Form und Farbe
dürften nicht auffallend sein, doch müsse die Krawatte immerhin
ein freudiger Farbenfleck sein im grauen Einerlei der männlichen
Kleidung. Auf keinen Fall dürfte das Muster naturalistisch sein.
Und selbstverständlich sei ein Selbstbinder gewählt worden. Dem
kultivierten Manne gezieme es, die Krawatte selbst, individuell, zu
knüpfen. ~Ad~ 2 sei zu sagen, daß der Käufer Rücksicht auf seine Mittel
und seinen sozialen Stand hätte nehmen müssen. Seine Gesichtspunkte
seien gewesen: gut, solide, geschmackvoll, aber einfach. So ein Kauf
sei doch eine ernste Sache. Die Krawatte charakterisiere den ganzen
Menschen, man erkenne den inneren Wert seiner Mitbürger daran. Zu Punkt
3, fuhr der Museumsdirektor fort, von seinem Thema hingerissen, habe
der Mann mit der neuen Krawatte gesagt ... Aber ich weiß nicht mehr,
was es war; denn jetzt hörte ich nur noch jenes peinliche Geräusch, das
entsteht, wenn man oftmals hintereinander das Wort »Kultur, Kultur,
Kultur« ausspricht.
Spanisch
Ein Versdramatiker, dem keine deutsche Bühne ein Stück aufführen
wollte, kam auf folgende ingeniöse Idee, um durchzudringen. Als ein
neues Lustspiel gedichtet war, gab er es als Buch heraus, verschwieg
seine Autorschaft und vermerkte statt dessen auf dem Titelblatt, das
Stück sei eine Übersetzung aus dem Spanischen. In dieser Form reichte
er es einer Bühne ein, die auf die deutsche Theaterkultur bedeutenden
Einfluß hat. An dieser Bühne nun wirkte, mit heiteren Cäsarengebärden,
ein Dramaturg. Er las das Stück und bildete sich sein Urteil. -- Einst
besuchte ihn ein anderer Dramatiker, um Geschäfte zu besprechen. Als
der Besucher Abschied nehmen wollte, ergriff der Dramaturg ihn am
Rockknopf und sagte eindringlich: »Ihr Kollege N. hat uns da ein Stück
eingereicht, das aus dem Spanischen herkommt. Wir möchten es gern
aufführen. Ich sage Ihnen, es ist fabelhaft! Aber miserabel übersetzt.
Sehen Sie, lieber Doktor, das sollten _Sie_ uns übersetzen!«
In der Frühlingsnacht
Von _Hans Bethge_
In einer wundervollen Frühlingsnacht schritt ein junger Dichter
leichtbeschwingt durch die Villengegend der Stadt. Er kam an vielen
duftenden Vorgärten vorüber und dann an einem, in dem der Flieder an
großen Büschen besonders üppig blühte und duftete, und jetzt sah er,
wie ein junges Mädchen in Weiß aus ihrem erleuchteten Zimmer auf den
Balkon der Villa, die in dem Garten lag, hinaustrat.
Der Dichter blieb stehen und sah entzückt hinauf: ein reizendes,
überraschendes Bild, dieses einsame, weißgekleidete, junge Ding, das
sich da oben bei Nacht auf dem von einem feinen Gitter umgebenen
Balkon gegen das rötliche Lampenlicht des Zimmers malerisch abhob.
Fast unbewegt stand sie da, das Herz des Dichters klopfte laut, und er
glaubte die Sehnsucht jener jungen Brust zu empfinden, die unruhige
Sehnsucht, die es in dem engen Zimmer nicht mehr ertrug und nun ihre
Zuflucht zu den Sternen und Düften der holdbewegten Mainacht nahm.
In Wirklichkeit war jenes junge Mädchen nicht schön, sondern häßlich
von Angesicht, und ach, sie war nur deshalb auf den Balkon getreten,
weil sie zuviel von einer schweren Speise genossen hatte, die ihr nun
Übelkeit und Magenschmerzen verursachte; sie hoffte, daß ihr in der
frischen Luft der Nacht besser werden würde.
Der Dichter ging, nachdem er sich eine Weile an der holden nächtlichen
Erscheinung begeistert hatte, nach Hause und bildete eins seiner
schönsten Gedichte, das später berühmt gewordene Lied von einem jungen,
schönen Mädchen, das in der Frühlingsnacht weißgekleidet auf den Balkon
ihres Zimmers hinaustritt und die sehnsüchtigen Gefühle ihres Herzens
ängstlich hinaufwendet zu dem tröstenden Licht der Gestirne.
Das seltene Buch
Von _Hermann Hesse_
Vor einigen Jahrzehnten schrieb ein junger deutscher Dichter sein
erstes kleines Büchlein. Es war ein süßes, schwaches, unüberlegtes
Gestammel von blassen Liebesreimen, ohne Form und auch ohne viel
Sinn, wie es viele gibt. Wer es las, der fühlte nur ein schüchternes
Gleiten zärtlicher Frühlingswinde und sah schemenhaft hinter knospenden
Gebüschen ein junges Mädchen lustwandeln. Sie war blond, zart und weiß
gekleidet, und sie lustwandelte gegen Abend im lichten Frühlingsgehölz
-- mehr bekam man nicht von ihr zu hören.
Dem Dichter hingegen, dem in diesen Versen die Welt umschrieben und
gedeutet schien, war dieses ganz genug, und er begann, da er nicht
ohne Mittel war, unerschrocken den alten, tragikomischen Kampf um
die Öffentlichkeit, um Kritik, um Ruhm, um Liebe, um Gewinn. Sechs
berühmte und mehrere kleinere Verleger, einer nach dem andern,
sandten dem schmerzlich wartenden Dichter sein sauber geschriebenes
Manuskript höflich ablehnend zurück. Ihre sehr kurz gefaßten Briefe
sind erhalten geblieben und weichen im Stil nicht wesentlich von den
Antworten ab, wie sie heutigen Verlegern in ähnlichen Fällen geläufig
sind; jedoch sind sie sämtlich von Hand geschrieben und insofern
tatsächlich wirkliche Briefe, als sie sichtlich für ihren einmaligen
Zweck geschrieben und nicht einem im voraus hergestellten Vorrat von
gleichlautenden Exemplaren entnommen sind. Ostwald hat recht, die Welt
ist seither fortgeschritten.
Durch diese Ablehnungen, die er keineswegs verdient zu haben glaubte,
gereizt und ermüdet, ließ der Dichter seine Verse nun auf eigene
Kosten in 400 Exemplaren drucken. Das kleine Buch umfaßt 39 Seiten
in französischem Duodez und wurde in ein starkes, rotbraunes, auf
der Rückseite rauheres Papier geheftet (siehe den berühmten »Katalog
für Bibliophilen« von Hofrat Lämmerschwanz, Seite 43, 769). Dreißig
Exemplare verschenkte der Autor an Freunde. Zweihundert Exemplare gab
er einem Buchhändler zum Vertrieb, und diese zweihundert Stück gingen
bald darauf bei einem großen Magazinbrande zugrunde. Den Rest der
Auflage, 170 Exemplare, behielt der Dichter bei sich, und man weiß
bis heute nicht, was aus ihnen geworden ist (siehe die Abhandlungen
hierüber von Lämmerschwanz und Wurmb im Archiv für exklusive
Bibliophilie, Jahrgang I, 44 ff. und III, 89 ff.). Durch diese
exzeptionellen Schicksale, den Brand und das spurlose Verschwinden
jenes Auflagerestes, war das kleine Büchlein zur bibliophilen
Seltenheit ersten Ranges prädestiniert; nur kannte damals noch niemand
den Namen des gänzlich unberühmten Verfassers. Das Werkchen war
totgeboren, und der Dichter verzichtete, vermutlich vorwiegend aus
Erwägungen ökonomischer Art, einstweilen völlig auf weitere poetische
Versuche oder doch auf deren Veröffentlichung.
Etwa zehn Jahre später aber kam er zufällig einmal dahinter, wie man
zügige Lustspiele macht. Er legte sich eifrig darauf, hatte Glück und
lieferte von da an jährlich seine zwei Komödien oder Possen, prompt und
zuverlässig wie ein Fabrikant. Die Theater waren voll, die Schaufenster
zeigten Buchausgaben der Stücke, Bühnenaufnahmen und Bildnisse des
Verfassers. Dieser war jetzt berühmt, fast weltberühmt, verzichtete
aber auf eine Neuausgabe jener Jugendgedichte, deren er sich nun
vermutlich schämte. Er starb in der Blüte der Mannesjahre, und als
nach seinem Tode eine kurze, seinem literarischen Nachlaß entstammende
Autobiographie herauskam, wurde diese begreiflicherweise gierig
gelesen. Aus dieser Veröffentlichung erst erfuhr die Welt von dem
Dasein jener verschollenen Jugenddichtungen.
Seither sind jene zahlreichen Lustspiele aus der Mode gekommen
und werden nicht mehr gegeben. Die Buchausgaben findet man
massenhaft und zu jedem Preise, meist als Konvolute, in den
Katalogen der Antiquariate. Jenes kleine Erstlingsbändchen aber,
von welchem vielleicht, ja sogar höchst wahrscheinlich nur noch
die dreißig seinerzeit verschenkten Exemplare vorhanden sind, ist
jetzt eine Seltenheit ersten Ranges und wird von Sammlern mit
Leidenschaft gesucht und mit jedem Preise bezahlt. Es figuriert
täglich in den Desideratenlisten, nur viermal tauchte es bis jetzt
im Antiquariatshandel auf und entfachte jedesmal eine hitzige
Depeschenschlacht von bietenden Bestellern. Denn einmal trägt es doch
einen berühmten Namen, ist ein Erstlingsbuch und überdies Privatdruck,
dann aber ist es für manche Liebhaber auch äußerst interessant und
rührend, von einem so berühmten, eiskalten Bühnenroutinier ein
sentimentales Bändchen Jugendlyrik zu besitzen. Kurz, man suchte das
kleine Ding mit Leidenschaft, und ein tadelloses, unbeschnittenes
Exemplar davon gilt für unbezahlbar, namentlich seit auch einige
amerikanische Sammler danach fahnden. Dadurch wurden auch die Gelehrten
aufmerksam, und es existieren, außer den genannten bibliophilen
Publikationen, schon zwei Dissertationen über das Büchlein, von welchen
die eine es von der sprachlichen, die andere von der biographischen
Seite beleuchtet. Ein Faksimiledruck in 65 Exemplaren, der nicht neu
aufgelegt werden darf, ist längst vergriffen, und in den Zeitschriften
der Bibliophilen sind immer wieder neue Arbeiten darüber angezeigt.
Neuerdings streitet man sich namentlich über den mutmaßlichen
Verbleib jener dem Brand entronnenen 170 Exemplare. Hat der Autor sie
vernichtet, verloren oder verkauft? Man weiß es nicht; seine Erben sind
im Auslande und zeigen keinerlei Interesse für die Sache. Die Sammler
bieten gegenwärtig für ein Exemplar etwa das Doppelte wie für die
Erstausgabe des »Grünen Heinrich«.
Wenn aber zufällig irgendwo einmal die fraglichen 170 Exemplare
auftauchen und nicht sogleich von einem Sammler ~en bloc~ aufgekauft
und vernichtet oder doch totgeschwiegen werden, dann ist das berühmte
Büchlein wertlos und wird höchstens noch zuweilen, neben andern
lächerlichen Anekdoten, in der Geschichte der Bücherliebhaberei
flüchtig und mit Ironie erwähnt werden.
Heinrich Frauenlob stirbt
Von _Wilhelm Schmidtbonn_
Heinrich Frauenlob lag in seiner rosagetünchten Kammer und starb. Sein
weißes Haar und sein weißer Bart hingen, zu einem Urwald verwachsen,
von seinem Bett bis zur Erde herunter. Das blauseidene Kissen, das den
letzten Frost der Glieder zudeckte, und das in den Jahren der Jugend
eine schöne Dame von ihrem Bett genommen und dem Dichter zugesandt
hatte, war längst schwachfarbig geworden und hing zerfetzt. Auch sonst
gab es im Zimmer nichts mehr als Spinnen an den Wänden und einen
Stuhl, der Tisch zugleich war. Die Laute lag mit abgerissenen Saiten
an der Erde. Zwei Vögel hatten sich ein Nest da hineingetragen und
flogen durch einen Mauerriß ab und zu. Jedesmal, wenn ein Flügel an
das Holz stieß, gab es einen Ton, der hoch und tief zugleich an den
leeren Wänden nachhallte. Dann hob der Sterbende jedesmal den Kopf
und horchte, und das weiße, klein gewordene Gesicht färbte sich noch
einmal mit einem mädchenhaft zarten Rot.
Heinrich dankte dem Mann, der ihm die letzten Tage das Bett gerichtet
und zu trinken gereicht hatte, durch die hingehaltene Hand und schickte
ihn aus dem Zimmer. Dann lag er, hielt die blaue Seide fest in den
Fingern, horchte nicht länger auf das Tönen der Laute, wartete nur
noch. Mit vorgestürzt glühenden Augen. Nachdem er sein ganzes Dasein
die Anmut der Frauen gesungen und viel Liebe als Gegengeschenk dafür
erhalten hatte, konnte er nicht sterben in dieser Kargheit. Noch
eine letzte Schönheit, ehe die schwarze Ungewißheit kam! Wie immer,
wenn eine Sehnsucht in ihm sich durch einen Schmerz durchbrannte,
begannen in ihm Farben, Töne, Rhythmen gegeneinander zu kochen wie
zusammengetriebener Nebel. Bilder rissen sich los, Worte brachen wie
Blitze heraus, bis endlich die Ruhe der leuchtenden Reime über die Qual
trat. Dieses sein letztes Lied galt der schönsten Frau der Stadt, die
jeden Morgen, eine Magd hinter sich, mit niedergeschlagenen Augen ihr
rostrotes Haar durch die Reihen der Giebelhäuser und die verwunderte
Andacht der Menschen trug. Einmal das rostrote Haar mit der Hand
streifen dürfen! Aber der Tod ist da und Armut und Vergessensein.
Darum, Herzschlag, bescheide dich.
Um dieselbe Stunde saß die Frau mit dem rostroten Haar, das sie in
einem dicken Kranz um den Kopf gelegt hatte, während in der Mitte
des Kranzes der helle Scheitel wie ein liebliches Tal im Gebirge
glänzte, mit ihren Freundinnen zu Hause und trat das Spinnrad. Da
geschah das Seltsame. Mitten in heiterer Erzählung blieben ihr Augen
und Mund stehen. Den Kopf ein wenig geneigt gehalten, horchte sie
in sich hinein, und plötzlich, von der Fernkraft einer verlangenden
Stimme gerufen, erhob sie sich, gab auf keine Frage Antwort, warf ein
lilafarbenes Tuch um die Schultern, füllte einen großen Korb schnell
mit roten, gelben, blauen, weißen, schwarzen Violen, Tulpen, Rosen
aus dem Garten, und eilte, den Korb mit beiden Händen vor ihrem Leib
hertragend, die Treppe hinunter. Mit bittender Gebärde hielt sie die
Freundinnen ab, ihr zu folgen, und lief mit ihren Blumen, den farbigen
Widerschein davon auf dem Gesicht, nicht anders als ein Märchen durch
die Straßen. Ohne vor der fremden Tür, vor der sie niemals gestanden,
zu zögern, trat sie ein und sah, ohne Verwunderung, aber in einer
sogleich ausströmenden Liebe, zu dem Sterbenden hin. Sie erinnerte
sich wie in einem Traum daran, ihn einmal auf der Straße gesehen zu
haben: da stand er, sah sie an und taumelte unter dem Anstoß der mit
Traglasten vorüberschreitenden Menschen. Sie stellte ihren Korb hin,
trat behutsam an das Bett, wischte dem Aufstarrenden mit den Spitzen
der Finger den Schweiß von der weißen Wölbung der Stirn, hielt ihm das
Glas zum Trinken an den Mund. Er aber drehte den Kopf ein wenig, um
abzuwehren. Sie stellte das Glas wieder hin und fing an, ihre Blumen
im Zimmer auszuschütten, über die Erde, über den Stuhl, über die Seide
des Bettes, über Hände und Haar des Dichters. Dann, immer in heiterer
Ruhe, immer einem geheimen Befehl gehorchend, legte sie ihr Tuch und
Kleid ab, hängte alles sorgsam über den Bettrand, löste ihr Haar,
schüttelte den Kopf, daß das Haar um ihre Schultern und Knie fiel,
flocht Blumen hinein. Und während sie in seliger Unbekümmertheit nackt
und flechtend dastand, begann sie zu singen. Die zwei Vögel flatterten
aus ihrer Laute auf die Fensterbank auf die Schultern der Frau, saßen
da, die Köpfe zum Mund der Frau hingedreht, flogen hin und wieder auf
und schwirrten um die Töne, die aus dem Mund kamen, im Spiel herum.
Die Augen des Dichters weiteten sich, bis das ganze Gesicht ein Auge
schien, das dann in seinem eigenen Licht verbrannte und zusammenbrach.
Sowie das Feuer der Augen erloschen war, schreckte die Frau plötzlich
aus ihrer Verzauberung auf. Sie sah sich im Zimmer um, sah an sich
hinunter. Sie starrte in die Augen des Toten, geriet in Furcht vor dem
leeren Blick daraus, warf mit beiden Händen Blumen darüber, warf ihre
Kleider über sich und floh.
Als die Frau fort war und das Zimmer wieder still lag, setzten sich
die Vögel in das wirre Haar des Dichters, mitten zwischen die Blumen,
und sangen, als ob sie nun erst das Singen gelernt hätten, und riefen
hundert andere Vögel durchs offene Fenster herein, die mit ihrem Gesang
wieder das Volk der Straße anlockten. Kopf über Kopf standen die
Menschen in der Tür und sahen verwundert, von einer Demut angerührt,
nach dem Toten hin, den sie, als er noch lebendig über die Straßen
ging, vor jungen Rittern und Rossen übersehen hatten.
Der Brief des Dichters und das Rezept des Landammanns
Von _Wilhelm Schäfer_
Als Klopstock, der Messiasdichter, vor der Pietisterei seiner Zürcher
Freunde einmal ins Gebirge geflohen war und vom Klöntal her den
Pragelpaß herunter kam, überraschte er an der Muotabrücke einen Knaben
aus Schwyz in einem seltsamen Mißgeschick. Der hatte baden wollen in
der schattigen Schlucht und nicht an das Windgebläse gedacht, wie es an
heißen Sommertagen vom Stoos herunter einfallen kann. Nun waren ihm die
leichten Kleider bis auf die Schuhe durch eine Sturmluft in den Fluß
geworfen worden, sodaß er nackt auf der Muotabrücke kniete und durch
einen Spalt hinunter spähte. Der Dichter war von dem schlanken Körper
und der schönen Stellung entzückt, als ob ihm in der grünen Wildnis
ein Götterkind begegnet wäre; er rief den Knaben, der sich vor seinem
Schritt noch flüchten wollte, mit scherzhaften Worten an und half
seiner Blöße aus mit seinem Rock, sodaß sie halb und halb bekleidet als
Wandergefährten nach Schwyz hinunter kamen, wo der Dichter in den »Drei
Eidgenossen« eine saubere Herberge fand, indessen der Knabe, mit seinem
Rock über den nackten Körper angetan, heim ging zu seinen Eltern, die
gegen Rickenbach hinauf in einem Landhaus wohnten und wohlhabende
Doktorsleute waren.
Der Dichter saß gerade, von dem Staub der langen Wanderung gesäubert,
hemdärmelig in dem getäfelten Saal, die Abendmahlzeit abzuwarten,
als mit dem Knaben -- der seinen Rock sorglich gefältet trug -- eine
Frau herein trat, wie der Knabe von schlankem Bau, nur höher in den
Schenkeln und rotblond. Auch zeigte sie ganz dessen freie Art, gab ihm
mit herzlichem Dank die Hand und lud ihn ein, das Nachtmahl in ihrem
Garten einzunehmen, wenn er nicht anderswo verpflichtet sei. Obwohl
der Sohn im dreizehnten Jahre stand, war sie noch jung und schien dem
Dichter von einer freieren Anmut, als er sie sonst bei Frauen kannte.
Er nahm die Einladung mit Freuden an und ging sogleich mit ihnen durch
den wohlgebauten Ort und über grüne Matten zu dem Haus hinauf, das
mit zwei Gartenhäuschen auf der Mauer gleich einem Landschlößchen
dalag, sonst aber den breiten Giebel der Schwyzer Bürgerhäuser zeigte.
Er hatte seinen Namen Klopstock dreimal sagen müssen, bevor sie
ihn verstand; auch dann war er nichts anderes für sie, als daß der
sonderbare Klang sie lächeln machte. So sah der Dichter sich der Rolle
entkleidet, die er in Zürich spielen mußte, und obgleich es seiner
Eitelkeit unlieb war, gerade hier nicht mit der Geltung seines Namens
eingeführt zu sein, gab er sich fröhlich der Begegnung hin.
Der Doktor war unterdessen ausgefahren, und als er mit flinken Rossen
von Steinen herauf kam, paßte der kleine schwarze Mann mit der klugen
Geschäftigkeit kaum zu der hohen Frau und ihrem Knaben; doch war er
gleich freundlich gegen den Gast, so daß es unter dem breiten Ahornbaum
im Garten ein fröhliches Mahl gab, bei dem der Dichter sich immer
mehr für die rötlichblonde Doktorsfrau entzündete. Auch sie schien
Wohlgefallen an dem Fremdling zu finden, der so schwärmerisch von ihrer
Landschaft, vom Menschengeist, von Freundschaft und von der Seele zu
sprechen wußte, obwohl sie sich mit der Verschiedenheit ihrer Sprache
nicht immer gleich verständigten. Als der Dichter durch einen Abend mit
fernen Blitzen in seine Kammer zu den »Drei Eidgenossen« kam, hing er
noch lange im Fenster und sah dem Geleucht der fernen Wetter wie dem
Geflacker seiner erregten Jünglingsseele zu, bis er seinen Rock dankbar
küßte und sich endlich in einen kurzen Schlaf fand.
Sie hatten für den andern Tag eine Besteigung des Großen Mythen
ausgemacht, ohne den Doktor, jedoch von einem Knecht der Doktorsleute
begleitet, der schon mehrmals oben gewesen war und die Felswege
kannte. Der holte ihn noch halb im Dunkeln zur Morgenmahlzeit ab,
worauf sie, mit Proviant reichlich gerüstet, ihre Bergfahrt antraten
-- gerade als in der Ferne die weißen Zacken vom Urirotstock in der
ersten Sonne glühten, während das Tal, von den Felswänden der beiden
Mythen breit überschattet, noch in tauiger Dämmerung lag. Auch kamen
sie nach mancherlei Mühsalen gut hinauf bis auf den letzten Grat: als
sich die dunstige Morgenhitze unvermutet zu einem Gewitter sammelte,
das blauschwarz hinter den grell beleuchteten Felszacken stand und
Wolkenfetzen wie Sturmvögel über ihre Köpfe jagte.