Esel sitzt, den sie mit fester und zierlicher Hand lenkt. Die Freunde
haben Boppo gewarnt; es gibt so viele Gauner und Räuber in Rom und
Umgebung, daß man sehr vorsichtig sein muß mit neuen Bekanntschaften,
wenn man viel Geld in der Tasche trägt. Boppo ist auch ein verständiger
Mensch, der weiß, daß ein ehrlicher Mann heutzutage niemand trauen
darf; die Menschheit ist zu klug für ihn geworden. Aber das junge
Mädchen hat so feurige, schwarze Augen und macht einen so freundlichen
Mund, und dann ist sie ja doch überhaupt ein junges Mädchen, und kurz
und gut, Boppo geht neben ihr, und die beiden erzählen sich etwas; er
spricht von dem Geschäft, das er in Ariccia eröffnen will, wo es nur an
Unternehmungsgeist fehlt, denn ein Geschäft ist in Ariccia zu machen,
es muß nur der richtige Mann kommen; und sie teilt ihm mit, daß sie in
Velletri eine Stellung annehmen will als Köchin bei einem Pfarrer, und
daß sie selig ist, mit ihm bis Ariccia zusammen zu sein, denn man hört
so viel, was alles geschieht, daß man wirklich Angst kriegen könnte;
dabei sieht sie ihn mit einem so freundlichen Blick an und lacht so,
daß ihm ganz warm ums Herz wird.
So ziehen die beiden nun vergnügt weiter auf der Via Appia. Es ist
Herbst; die Jäger halten überall ihre großen Jagden ab und schießen
die Sperlinge, die Karren mit den Bottichen begegnen ihnen, in denen
die Weintrauben eingestampft sind; die lieben Kinderchen sitzen
unsagbar schmutzig auf den Trauben und quetschen sie zusammen, und die
Männer, welche die Pferde führen, sind bis oben mit rotem Traubensaft
beschmiert; von überall her hört man Jauchzen, Singen, Knallen,
Schreien, und Boppo fühlt sich so glücklich wie noch nie in seinem
Leben; er denkt an seinen Laden in Ariccia, an den Tresen, an die
Büchsen mit Zuckerwerk, die auf ihm stehen, und wenn man den Kindern
ab und zu eine Kleinigkeit zugibt, dann kommen sie immer; er denkt an
die Wagen, welche blankgeputzt über ihm hängen, an das Einwiegen, und
dann denkt er auch, was er für ein hübscher Kerl ist, und daß sich das
Mädchen neben ihm gleich in ihn verliebt hat. Aber er nimmt sich in
acht und verplempert sich nicht, denn man weiß ja nicht, ob sie Geld
hat, und ein Kaufmann muß eine Frau mit Geld haben, und das kennt man
schon, man denkt, man hat ein hübsches Mädchen, und dann mit einem Male
kommt ein Bruder oder Vater und sagt: Heiraten!
Die beiden sind früh aufgebrochen, um noch vor der großen Hitze in
Ariccia zu sein. Nun aber beginnen sie hungrig zu werden, denn es ist
Frühstückszeit. So gehen sie denn vom Wege ab in eine Wiese, wo unter
einer einsamen Pappel ein alter marmorner Sarg steht, als Tränke für
die Kühe; das junge Mädchen -- wir wollen es nur verraten, es ist die
berühmte Colomba, von der selbst Lange Rübe sagt, er könne noch von ihr
lernen -- steigt von ihrem Esel, der verständig mit den Ohren zuckt
und sich dann an das Fressen begibt; sie zieht ein reinliches Tuch
hervor, um es auf der Wiese auszubreiten für die mitgebrachten Speisen;
da stößt sie plötzlich einen Laut der Überraschung aus; sie hat im
Grase ein kleines Päckchen gefunden, das offenbar hier jemand verloren
hat, ein sauber und fest verschnürtes Päckchen in steifem Papier mit
einer Aufschrift. Sie wendet das Päckchen hin und her, Boppo nimmt es
ihr aus der Hand: »Lies du, ich kann nicht lesen,« sagt Colomba, und
Boppo buchstabiert die Aufschrift: »An den hochwohlgeborenen Herrn
Matteo, Juwelenhändler in Rom.« »Wenn kostbare Steine in dem Päckchen
wären?« fragt Colomba. »Erst prüfen, dann urteilen,« erwidert Boppo,
zieht sein Taschenmesser und schneidet die Verschnürung auf. Es kommt
ein Schächtelchen zum Vorschein und ein Brief. Colomba faßt nach dem
Schächtelchen, öffnet es, da liegt auf weißer Seide ein wunderschöner
goldener Ring mit einem Smaragden. Sie streift ihn sofort an den
Finger und betrachtet ihn verliebt, indem sie ihn in der Sonne spielen
läßt; Boppo ergreift ihre Hand und sieht ihn sich genau an. Er wird
aufgeregt. »Das ist ein Stück für einen Kardinal,« sagte er, »das ist
ein Stück für den heiligen Vater.« »Lies den Brief,« ruft ihm Colomba
zu. Er kann sich nur schwer von der Hand mit dem Ring trennen, aber er
entfaltet doch den Brief und studiert ihn, indessen Colomba den Ring
weiter nach allen Seiten spielen läßt.
»Der Besitzer hat den Ring an Matteo schicken wollen, er ist
fünfhundert Scudi wert, Matteo soll ihn ihm verkaufen,« sagt endlich
Boppo, nachdem er das Lesen des Briefes beendet hat. Dann fährt er
fort: »Ich mache dir einen Vorschlag. Es ist ein Glück für dich, daß
ich ein ehrlicher Mann bin. Wir haben den Ring zusammen gefunden ...«
»Nein, ich habe ihn allein gefunden,« sagt Colomba.
»Wir haben den Ring zusammen gefunden,« fährt Boppo fort, »du kannst
ihn nicht verkaufen, du wirst bloß von den Händlern betrogen. Ich will
den Ring annehmen und bezahle dir deinen Teil aus. Ich bin Kaufmann,
ich weiß, was ich zu tun habe, mich soll keiner übers Ohr hauen, ich
verstehe mich aufs Geschäft. Natürlich habe ich das Risiko. Ich biete
dir für deinen Teil hundert Scudi. Abgemacht.«
Colomba beginnt zu weinen. Der Ring ist so schön und steht ihr so gut,
und sie würde ihn Sonntags immer tragen, und sie hat ihn doch gefunden,
und er gehört doch ihr, und nun will ihr Boppo nur hundert Scudi
geben, und sie ist ja ein armes Mädchen, für arme Mädchen sind solche
teuren Ringe nicht, das sieht sie wohl ein, aber sie ist nicht so
dumm, wie Boppo denkt, sie kann ihn auch selber verkaufen, und hundert
Scudi für einen Ring, der fünfhundert Scudi wert ist, das ist eine
Ungerechtigkeit, das kann ja der liebe Gott nicht dulden, und sie ist
eine Waise, und hat nicht Vater und nicht Mutter, aber für die Waisen
sorgt der liebe Gott, und so redet sie weiter und redet immer mehr, und
Boppo antwortet ihr, und sie kommen ins Handeln, und schließlich geht
Boppo bis hundertfünfzig Scudi. Er holt seinen Beutel heraus, klaubt
ihn auf, zählt ihr das Geld vor, sie weint, liest es sorgsam zusammen,
zieht ein Tuch und knotet es ein; der Beutel ist recht schmal geworden,
wie er ihn mit der Schnur wieder zusammenzieht, aber dafür hat er ja
nun den Ring. Sie trocknet sich die Tränen, er will zärtlich ihre
Hand ergreifen, aber sie stößt sie von sich und geht zu ihrem Esel.
»Was willst du denn tun?« fragt Boppo erstaunt. Sie aber antwortet
ihm nicht, sondern steigt auf, und als er immer dringlicher fragt, da
erklärt sie ihm, daß er ein Räuber ist, daß sie nicht mehr mit ihm
reiten will, denn eigentlich hat sie den Ring allein gefunden, und nun
will sie wieder nach Rom, sie muß sich erst ausweinen, denn das hatte
sie nicht gedacht, daß es so schlechte Männer gibt. So wendet sie denn
ihren Esel zurück, Boppo aber bleibt, und im Grunde ist er nicht ganz
unzufrieden, daß er sie nicht mehr sieht, denn nun kann sie ihm doch
nicht mehr vorklagen.
Er sah sie also nicht mehr, und er hat sie auch später nicht wieder
gesehen, obgleich er sie in Velletri und in Rom suchte wie eine
Stecknadel; denn als er seinen Ring zu einem Händler brachte und ihn
für fünfhundert Scudi anbot, da lachte der Mann und sagte, daß der
Stein aus Glas sei und die Fassung vergoldetes Kupfer. Deshalb blieb
ihm nichts anderes übrig, als daß er zu seinem alten Herrn ging und
wieder Ladendiener wurde, damit er das verlorene Geld erst wieder
zusammenbekam; denn mit dem, was er noch hatte, konnte er bei der
heutigen scharfen Konkurrenz keinen Laden in Ariccia eröffnen.
Das Bett
Von _Paul Ernst_
Die Frau des Polizeihauptmanns Tromba war bei der Frau des
Stadtrichters Matta gewesen. Matta ist Richter, und Tromba ist nur
Polizeihauptmann; das müßte gewisse Schranken für die weibliche
Einbildungskraft setzen, sollte man meinen. Es setzt aber diese
Schranken nicht. Die Frau des Richters Matta hat ein Fremdenzimmer,
weil vornehme Leute zuweilen Besuch vom Lande bekommen. Tromba
bekommt zwar keinen Besuch vom Lande, aber seine Frau findet, daß sie
reichlich ebenso vornehm ist wie die Frau des Stadtrichters Matta,
denn Frau Matta ist eine reiche Fleischerstochter gewesen und sie eine
reiche Bäckerstochter; und deshalb ist es notwendig, daß sie auch ein
Fremdenzimmer hat.
Tromba wünscht verschont zu werden und wird nervös. Beppina tröstet ihn
und sagt, wenn die Mutter erst einmal gestorben ist, dann führt sie dem
Vater die Wirtschaft, und dann bäckt sie auch jeden Tag Eierkuchen,
und wenn er seinen Teil nicht ganz aufißt, dann schadet das nichts,
dann ißt sie ihn mit. Tromba hebt sie hoch, küßt sie und sagt, sie
ist ein Engel. Die Frau wischt Staub im Zimmer und wirft Gegenstände,
welche sie abwischt, mit merklichem Knall an ihre Stelle. Das leere
Zimmer hätte man nämlich; es liegt eine Treppe höher auf dem Boden
und hat eine schöne Aussicht, genau wie das Fremdenzimmer der Frau
Stadtrichter Matta. Man hätte auch die Bettstelle und die andern Möbel.
Es fehlt nur das Bett. Und sie findet, wenn man Polizeihauptmann ist,
dann hält man einfach eine Haussuchung ab, und es wäre doch merkwürdig,
wenn man da nicht ein Bett fände, das man mit Beschlag belegen kann.
Tromba sagt sich, daß er eine Gemeinheit begeht. Aber was nutzt ihm
alles, er muß Ruhe haben. Er kommt nicht zum Arbeiten. Also, er macht
eine Haussuchung bei Lange Rübe.
Lange Rübe kann sich natürlich denken, wie die Haussuchung zu erklären
ist, und macht bissige Bemerkungen über Ehrenmänner, wie sie beide,
welche wissen, was sie sich gegenseitig schuldig sind, über das
Unvermutete des Besuchs und über die Mühe, welche sich Tromba hätte
sparen können, wenn er seinen Wunsch gegen Lange Rübe geäußert hätte.
Tromba kann ihm nichts erwidern, denn Lange Rübe hat ja recht; und
so erfüllt er denn mit den Häschern seine Pflicht, ohne Lange Rübe zu
antworten. Lange Rübe kann sich nicht ausweisen über den Erwerb eines
guten Bettes mit Roßhaarmatratze und Daunendecke; und so wird das Bett
denn mit Beschlag belegt.
Tromba übt in den ehelichen Kämpfen die bekannte Strategie, welche man
auch von andern Ehemännern erzählt. Zunächst wird er immer geschlagen
und muß den Willen der siegreichen Frau erfüllen. Wenn er das aber
getan hat, so ist die Frau in schwächerer Verfassung, weil ihre
Geisteskräfte in Anspruch genommen sind durch das Bedenken, wie sie das
Gewonnene verwertet; und nun dreht er sich um und greift seinerseits
an. Das Bett wird also gebracht; die Häscher stellen die Bettstelle auf
und legen das Bett hinein, verweigern, ein Trinkgeld anzunehmen, und
gehen mit höflichen Empfehlungen. Frau Tromba steht im Fremdenzimmer
und überlegt, wie sie die Vorhänge aus einem alten Stoff herstellt;
Tromba geht auf und ab, die Hände auf dem Rücken, pustet und stößt
abgebrochene Laute aus.
Ein Gauner ist auch ein Mensch. Lange Rübe hat nicht gleich ein
Bett wieder. Wo soll er denn schlafen? Anständige Menschen nehmen
Rücksichten. Tromba hat aus freien Stücken Lange Rübe erklärt, wenn er
wieder ein Bett habe, das geht ihn nichts an, er weiß nichts davon,
er will nichts davon wissen, ist seine Sache nicht. Er will nichts
mehr hören von Betten. Er kann sich nicht um jedes Bett kümmern, das
es in Rom gibt. Wenn Tromba zum Kaufmann geht und etwas kauft, der
Kaufmann macht ihn doch dumm und nimmt ihm ab, was er kriegen kann,
und lügt ihm noch vor, daß er ihm seine Ware zur Hälfte schenkt. Wenn
der Bauer etwas in die Stadt bringt, und die Leute haben Hunger, und
es ist nichts sonst auf dem Markt, dann verlangt er das Dreifache, und
wenn sie es ihm geben, dann steckt er das Zehnfache ein. Sind die denn
anders als der Gauner? Aber denen hat die Polizei nichts zu sagen, die
werden vom Staat beschützt, ja, die kommen womöglich noch und machen
Anzeige, wenn ein Gauner bei ihnen gewesen ist. Als ob der Gauner
nicht auch sein Leben in Mühe und Schweiß verdient! Und überhaupt,
die Polizei lebt von den Gaunern. Wenn die Gauner nicht wären, dann
brauchte man auch die Polizei nicht. Das sagt man sich alles, wenn man
ein Mann ist. Aber ein Weib, wenn sich ein Weib eine dumme Idee in den
Kopf gesetzt hat, dann muß das geschehen. Dann muß das geschehen, und
wenn der Himmel einstürzt. Alles einerlei.
Vielleicht denkt sich Frau Tromba, daß sie ja nun ihr Bett hat, und
daß es für die Gesundheit eines Mannes immer besser ist, er tobt sich
aus, statt den Ärger hinunterzuschlucken; vielleicht ist sie aber auch
wirklich zu sehr mit der Frage der Gardinen beschäftigt; jedenfalls
widerspricht sie nicht. Nach gewöhnlicher Psychologie müßte ja nun
Trombas Zorn abnehmen; aber bei Tromba, wie bei manchen anderen
Männern, wenn sie in ähnlichem Fall sind, steigert er sich jetzt.
Lange Rübe muß natürlich wieder ein Bett haben. Einerseits tut ihm ja
Tromba leid; Tromba kann mit den Weibern eben nicht fertig werden;
anderseits ist es Lange Rübe auch nicht zu verübeln, wenn er auf Tromba
wütend ist, denn eine Gemeinheit bleibt es schließlich, ihm das Bett
abzuholen.
Lange Rübe nimmt sich also einen befreundeten Droschkenkutscher und
fährt mit ihm zu Trombas Haus. Der Wagen hält unten, Lange Rübe steigt
aus, tritt in das Haus, geht die Treppen hoch bis unter das Dach,
öffnet das Fremdenzimmer und packt das Bett in zwei mitgebrachte große
Säcke. Die nimmt er auf die Schultern und geht still wieder die Treppe
hinunter.
Man geht in solchem Falle bekanntlich rückwärts die Treppe hinunter;
wenn jemand einen sehen sollte, dann kann man gleich so tun, als steige
man nach oben und sagt, man bringe die Säcke zu einem Herrn Francesco,
der ja wohl in diesem Hause wohne, mit einer schönen Empfehlung von
Herrn Augusto. Herr Francesco wohnt nicht in diesem Hause; man schimpft
über Herrn Augusto, der einem doch stets die unrichtige Hausnummer
nennt, so daß man doppelte Arbeit hat; die Person, welche einem
begegnet ist, bedauert einen, daß man die schweren Packen so hoch
geschleppt hat, und gibt einem den guten Rat, sich lieber immer erst
unten zu erkundigen, ob man auch recht gegangen ist; dann geht man die
Treppe hinunter und hat seine Masematten in Sicherheit.
Demnach geht auch Lange Rübe rückwärts hinunter. Aber die Bodentreppe
ist steil, und wie er eben auf der vorletzten Stufe ist, tritt er fehl,
stürzt, die Säcke rollen von den Schultern, und er selbst schlägt mit
aller Wucht an Trombas Tür. Lange Rübe steht langsam auf und reibt sich
das Bein, Tromba öffnet die Tür.
Natürlich tut Lange Rübe ganz selbstverständlich. Er beklagt sich über
die Treppe und preist sein Glück, denn er hätte ein Bein brechen können
bei dieser Gelegenheit, und das hätte er dann von seinem guten Herzen
gehabt. Da aus diesen Ausrufen und Erklärungen nicht zu erkennen ist,
was Lange Rübe mit den beiden prallen Säcken will, so fragt Tromba;
Lange Rübe tut wieder selbstverständlich und erklärt, in denen sei
doch das Bett; er habe gehört, daß der Herr Polizeihauptmann ein
Bett brauche, und da er ein Bett überflüssig habe, so bringe er es
ihm; der Herr Polizeihauptmann könne es behalten, so lange er wolle,
bei ihm sei es nicht nötig, und er freue sich sehr, daß er dem Herrn
Polizeihauptmann die kleine Gefälligkeit erweisen könne, als ein
Ehrenmann dem andern.
Tromba denkt bei sich, daß Lange Rübe ja verdammt schnell wieder ein
Bett gefunden hat, sein Gewissen ist beruhigt; einigermaßen ärgert er
sich ja über die Frechheit, daß er es ihm gleich zeigen will, aber dann
kann er ihm die Frechheit auch wieder nicht übel nehmen, denn Lange
Rübe sieht zu komisch aus, wie er dasteht mit dem dummen Gesicht. Also
erklärt er kurz, er brauche kein Bett weiter, er sei schon versehen.
Lange Rübe entschuldigt sich, setzt die Mütze wieder auf und reibt sich
das Bein. Tromba fragt, ob es noch sehr weh tue; Lange Rübe erzählt,
daß er mit dem Schienbein gerade auf die scharfe Schwellenkante
geschlagen ist, wie er die letzte Stufe nach oben steigt; er hat die
Engel im Himmel pfeifen hören.
Tromba geht in die Stube, bringt eine Schnapsflasche mit einem Glas
heraus und gießt Lange Rübe ein. Lange Rübe dankt mit einer höflichen
Verbeugung, leert das Glas und stellt es Tromba wieder zu. Dann sieht
er seine beiden Packen an.
Tromba versteht den Blick. Er gibt Lange Rübe die Weisung, daß er sich
auf eine Treppenstufe setzt, dann legt er ihm die beiden Packen auf den
Rücken; Lange Rübe erhebt sich, dankt von Herzen und geht die Treppe
hinunter auf die Straße, wo ihn sein Freund mit der Droschke erwartet.
Als Frau Tromba wieder in ihr Fremdenzimmer geht, fehlt das Bett.
Sie stürzt zu ihrem Mann und erzählt es ihm. Die Vorwürfe, die sie
ihm macht, sind berechtigt. Daß die Gauner so frech sind, selbst den
Polizeihauptmann zu bestehlen, das muß denn doch an ihm liegen. Bei
einem anderen würden sie mehr Furcht haben. Tromba sieht ein, daß er
den Zwischenfall mit Lange Rübe nicht erzählen darf, und in seiner
Bestürzung weiß er gar nichts zu erwidern, sondern schweigt, indessen
die Frau den Übergang zum Weinen macht.
Natürlich kann Tromba jetzt nicht noch einmal Haussuchung halten.
Aber er hat auch die Aufsicht über die Gewichte und Wagen in den
Kaufmannsläden. Deshalb schießen die Kaufleute zusammen und kaufen ihm
ein Bett, und so sind denn nun alle Teile zufriedengestellt.
Die Sklavin
Von _Heinrich Mann_
Der Venezianer Benedetto Dolan war ein Trinitarier, er zerbrach die
Ketten der Sklaven. Aber einmal brachte er aus der Berberei eine
Sklavin mit, deren Kette konnte er nicht zerbrechen, weil er selbst
darin gefangen war. Wie hat er sie lieb gehabt! In einem Saal seines
Palastes am Großen Kanal schloß er sich mit ihr ein und verließ sie
nie mehr. Es gab darin einen hohen, wunderbar geschmückten Sockel,
auf den sie sich stellen mußte: ganz nackt, wie eine Statue; eine
köstlich ziselierte Silberschale, in die sie sich legen mußte, ganz
nackt, ähnlich einer Perle; und einen von erhabenen Bildern umzogenen
Marmorsarkophag, auf dem sie sich ausstrecken mußte, ganz nackt, gleich
einer Toten.
Wenn sie auf dem hohen Sockel stand, erreichte ihr Kopf mit den
langen, langen Haaren die wunderschöne Fensterrose, die in der Mauer
des Palastes ist. So kam es, daß man sie von draußen sah, von dem
Seitengäßchen, das neben dem Hause herläuft. Und jedesmal sammelte sich
das Volk und verlangte, die schöne Sklavin solle hinausgeführt und ihm
gezeigt werden. Der Ritter verweigerte es. Aber da man hörte, sie sei
übermenschlich schön, drohte in Venedig ein Aufruhr, und die Signori
schickten ihre Abgeordneten zu Benedetto Dolan: er solle seine Sklavin
hinausführen. Er verneigte sich und gehorchte.
Er trug sie in seine Gondel: nicht auf dem hohen Sockel, worauf sie,
ganz nackt, wie eine Statue stand; auch nicht in der Silberschale, in
der sie, ganz nackt, einer Perle ähnlich ruhte; -- sondern ausgestreckt
auf dem marmornen Sarkophag, ganz nackt, gleich einer Toten. So fuhren
sie, der Ritter in seiner Rüstung ihr zu Häupten, den Großen Kanal
hinab. Als sie aber an der Piazzetta landeten, wo das ganze Volk
wartete, da sah das ganze Volk, daß aus ihrem Herzen ein roter Tropfen
trat.
Von Künstlern und Kunstwerken
Memlings Bild
(April 1473)
Von _Paul Enderling_
Paul Beneke stand vorn am Bug, wasserdurchnäßt und blutbespritzt.
»Smiet de Hakens röwer!« brüllte er durch Sturm und Kampfgeschrei.
Die Enterhaken packten das englische Schiff und fraßen sich gierig
in das Holz. Ein Armbrustbolz zeichnete eine blutige Spur über
Paul Benekes borstigen Schädel und riß seine Mütze weg in die
schaumbespritzte See. »Wart, ick wull di!!« Er drohte wütend mit der
Faust herüber. Dann stülpte er sich den Helm eines Gefallenen auf.
Nun stürmten die Danziger Matrosen hinüber auf den »Sankt Thomas«. Ein
paar Minuten später glitt die burgundische Flagge nieder, unter der das
englische Schiff gefahren. Die Schiffsbesatzung hielt die Hände hoch.
Der Kapitän, der totenblaß am halbzersplitterten Mast hockte, winkte
den hanseatischen Kapitän zu sich.
»Ihr seid Paul Beneke, den sie einen ›harten Seevogel‹ nennen. Ists nit
so?«
»Hol det Mul!« Das galt einem schreienden Matrosen. Paul Beneke beugte
sich zu dem gefangenen Gegner hernieder, der ihm seine Worte ins Ohr
wiederholte. Er nickte nur.
»Dann ist's keine Schande für mich, gekapert zu werden,« sagte der
Sterbende. Er stockte. Am Mast seines Schiffs stieg die Hansaflagge
empor. Nun schwebte sie hoch oben und schlug fröhlich knatternd um sich.
Da überflog eine furchtbare Grimasse das Antlitz des Engländers.
Getrieben von Scham und Grimm, versuchte er, das neben ihm liegende
Enterbeil nach Paul Beneke zu schleudern. Es entfiel aber seiner
kraftlosen Hand.
»Ick versteh' di, min Söhn,« sagte Paul Beneke nachdenklich und begab
sich achselzuckend zur Schiffsluke, daraus seine Leute die Schätze
des Schiffsbauchs holten, um sie zu dem eigenen großen Kraweel
herüberzubringen.
Der Steuermann zählte die Kisten und Säcke, die man herüberschleppte.
Das monatelange Kreuzen und Segeln war mit einem Schlag reich gelohnt.
Die Mannschaft sang und gröhlte vor Freude bei jedem neuen Stück, das
an die Oberfläche kam.
Nun war's ein hoher, flacher Kasten, der nach dem Stempel darauf der
Handelsgesellschaft der Portunari in Brügge gehörte. Die Leute wußten
nichts damit anzufangen.
»Upbreeken!« befahl Paul Beneke.
Mit den Beilen, die eben noch auf die Schädel der Feinde niedergekracht
waren, brachen sie die Bretter auf.
Der Lärm verstummte. Auch die See, die in der ganzen Zeit des Kampfes
als eine rechte Mordsee mitgebrüllt hatte, beruhigte sich. Leichte,
weiße Schaumkrönchen tanzten noch auf den grünen Wellen. Eine Wolke
verschob sich. Sonnenschein glitzerte auf den Panzern und Helmen, auf
den Waffen und nun auf dem breiten Goldrahmen des großen Bildes, das
einer aufgeklappt hatte.
... Der Erzengel Michael in funkelnder Rüstung hielt die Wage -- ein
frommer Beter kniete in der tiefen Schale, ein Verzweifelter jammerte
in der nach oben geschnellten Schale. Christus saß auf dem Regenbogen
und hielt Weltgericht über all die, so aus den Gräbern stiegen, der
Seligkeit oder der Verdammnis entgegen.
Auf dem linken Flügelbild zogen die Seligen in den goldenen
Himmelspalast ein, auf der rechten Seite stürzten viele in den
Höllenschlund, der ewigen Qual entgegen ...
Erst war's Mathias Groddeck, der die Mütze langsam abnahm und in die
Knie sank.
Dann tat es der Steuermann. Und der Schiffsboden ächzte, als er es tat,
und es krachte, als der Helm aufschlug.
Dann knieten die anderen Matrosen vor dem »Jüngsten Gericht«, das der
Maler Memling gemalt.
Zulegt nahm Paul Beneke den Helm ab und beugte die Knie, indes das rote
Blut langsam über die Stirn am rechten Auge entlang sickerte.
... Die Seligen gingen in das goldene Haus des Himmels. Christus
blickte milde nieder, und die große Wage schwankte auf und ab ...
Wohin würde einmal ihrer aller Weg gehen? Zur Rechten? Zur Linken?
»~Te Deum laudamus~,« begann langsam mit heiserer Stimme Dietrich
Bernecker, der ein entlaufener Mönch gewesen war und seit zwölf Jahren
in geteerten Hosen herumlief.
Erst blickten sie ihn verwundert an. Dann nickten sie bedächtig und
stimmten ein, so gut es ging.
... Die Engel stießen in die Posaune, als bliesen sie die Melodie dazu.
Die vielen Toten stiegen aus den Gräbern und hoben betend die Hände ...
Paul Beneke erhob sich. Sein Blick hatte den englischen Matrosen
gestreift, der grinsend dem Gebahren der Sieger zusah. Er ging langsam
auf ihn zu und schlug ihm die Mütze vom Kopf.
»Siehst du nit, dat hie Gottesdienst ist, min Söhn? Und weißt du nit,
daß es sich geziemet, die Mütze vom Grindkopf zu nehmen?«
Das war der längste Satz, den Paul Beneke seit langem gesprochen.
Dann ging er befriedigt zu den Betern zurück.
Der schlaue Akademiedirektor
Von _Carl Bulcke_
Als der Professor und Kunstmaler D. damals vor zwanzig Jahren in K.
seinen Dienst als Akademiedirektor antrat, fand er ziemlich heillose
Zustände vor. Ein Übelstand war am größten: die Akademie war zu klein,
und besonders war für den Unterricht der zahlreichen Kunstschüler
nicht genügend Platz. Das betrübte den Akademiedirektor, und er machte
sofort nach seinem Dienstantritt eine Eingabe an den Oberpräsidenten,
schilderte den Sachverhalt und bat mit beweglichen Worten, da an einen
Neubau vorläufig nicht gedacht werden konnte, wenigstens um einen Anbau
an die alte Akademie. Auf diese Eingabe erfolgte indessen nichts; es
fehlte wahrscheinlich an Mitteln, und der Oberpräsident schwieg. Der
Akademiedirektor wiederholte nach einem halbem Jahre die Eingabe mit
der gleichen Begründung, und wieder kam keine Antwort. So ging das
weiter durch sechs, acht lange Jahre. Es wurde dem Akademiedirektor
eine liebe Gewohnheit, Semester für Semester beharrlich und ohne Erfolg
immer wieder dasselbe Gesuch vorzulegen.
Bis endlich eines schönen Tages der Oberpräsident antwortete: gut,
er wolle in eine Prüfung der geschilderten Mißstände eintreten; aber
vorher wolle er die Sache persönlich sich mal ansehn, und er käme dann
und dann. Dies Schreiben brachte nun den Akademiedirektor in eine
arge Verlegenheit: Denn einmal hatte er im Laufe der Jahre mit den
vorhandenen Räumen ganz gut sich zu helfen gelernt, und zweitens hatten
sich ausgerechnet in diesem Jahre so wenig Schüler gemeldet, daß in
diesem Jahre wenigstens die zur Verfügung stehenden Räume prachtvoll
ausreichten.