Ich hatte einst zwei Freunde, die auch untereinander wieder heftig

befreundet waren. Nach einer geraumen Zeit aber trat zwischen ihnen

jene chronische Spannung ein, die einer Entfremdung vorauszugehen

pflegt. Eines Tages nahm mich der eine, sagen wir A., beiseite

und beklagte sich ernstlich über B. Dieser habe bei irgendeiner

Gelegenheit acht Mark von ihm geliehen und hätte nun schon seit einem

Vierteljahr vergessen, ihm das Geld wiederzugeben. Es sei natürlich

nur Vergeßlichkeit, aber eben diese Sorglosigkeit würfe doch ein

merkwürdiges Licht auf den Charakter des Freundes. Nicht lange darauf

vertraute der andere mir mit einigen spöttischen Glossen an, A. täte

immer in allen Dingen so schrecklich bürgerlich korrekt und vergäße

ganz, daß er ihm immer noch dreizehn Mark schuldig sei. Sagen könne

er es ihm doch nicht, und auch ich möchte mir nichts merken lassen,

aber eine schnurrige Sache sei es doch. Mir selbst war bei diesen

vertraulichen Mitteilungen, deren Kreuzungspunkt ich geworden war,

wunderlich zumute. Denn auch von mir hatten beide einmal vor Monaten

kleine Summen geborgt, wie man sie auf Landpartien oder sonstwie

braucht, wenn ein großer Geldschein sich nicht gleich wechseln lassen

will, und diese Tatsache war allen beiden vollständig entfallen. Was

war zu tun? Ich dachte nach, ob ich nicht unwissentlich vielleicht

den Freunden ebenfalls Geld schuldig sei. Mir war, als wäre einmal so

etwas gewesen; aber ich konnte nicht mehr darauf kommen, und ich mußte

schließlich einsehen, daß man sich nur dessen deutlich erinnert, was

andere uns schulden, nicht aber dessen, was man selbst schuldig ist.

Die Witwe von Ephesus

Früher fuhr ich jeden Nachmittag mit der Vorortbahn in die Stadt. Auf

der Fahrt wurde rechts vom Gleis für wenige Sekunden zwischen Häusern

ein Stück Friedhof sichtbar, mit Blumengräbern und Grabmonumenten.

Auf einer neuen Grabparzelle war täglich eine schwarzgekleidete

Frauengestalt zu sehen, die mit Schaufel, Harke und Gießkanne

arbeitete, den Efeu aufband, die Sträucher beschnitt oder Blumen

pflanzte. Es war offenbar eine Witwe, die ihren Mann dort begraben

hatte. Nach einiger Zeit tauchte auf dem Grabgrundstück nebenan

ein Mann gesetzten Alters auf, der, wie es schien, das Grab seiner

gestorbenen Frau pflegte und mit der Nachbarin an Sorglichkeit und

Liebe wetteiferte. Zuerst blieb jeder für sich. Eines Tages aber,

als der Zug vorüberfuhr, sah ich die beiden Leidtragenden über den

niedrigen Erdwall weg miteinander sprechen. Einige Tage später -- es

war ein heißer Sommer -- fuhr mein Zug gerade vorbei, als der Mann der

Frau ein gefülltes Weißbierglas hinüberreichte und sie zum Trinken

einlud. Und wieder nach einigen Tagen hatte der Mann seinen Rock beim

Arbeiten ausgezogen, er plauderte schon vertraulich heiter mit der

Nachbarin, und die Große Weiße stand zwischen beiden auf dem kleinen

Grenzwall, wie ein gemeinsamer Besitz. Jetzt aber mit Himbeerschuß.

Und dann kam ein Tag, wo der Witwer hinübergegangen war zur Witwe,

und wo sie ihm alle Herrlichkeiten ihres Grabgartens mit errötendem

Eifer zeigte. Noch eine kurze Zeit, und ich sah die beiden Trauernden

in dem Gärtchen der Frau auf einem Bänkchen vor dem Leichenstein

nebeneinander sitzen, Hand in Hand, sich verliebt ansehend und schnell

auseinanderfahrend, als der Zug vorüberrasselte. Fortan blieben die

Gärtchen leer. Die Blumen vertrockneten, auf den Wegen wuchs Gras, und

der Efeu überrankte die Namen der Toten.

Die Zeitungen

In einem Neubau hatten die Stubenmaler ihre Gerüste aufgeschlagen, um

die Decken zu bemalen. Sie standen oben auf den Brettern, den Kopf im

Nacken, Ornamente schablonierend und pinselnd. Unter dem Gerüst hatten

zwei Tapezierer ihren Tisch aufgestellt. Sie waren beschäftigt, die

unteren Wände mit Makulatur zu bekleben. Dabei unterhielten sie sich

eifrig. Sie sprachen von den Berliner Tageszeitungen und konnten nicht

recht einig werden. Der eine behauptete: »Das einzige vernünftige

Blatt in Berlin ist die »Vossische«.« »Nein,« erwiderte der andere,

»die »Kreuzzeitung« ist mir lieber.« »Die ist auch gut,« gab der erste

zu, »aber nicht so gut wie die »Vossische.« »Tägliche Rundschau« geht

übrigens auch an.« »Ach, damit bleib mir vom Leibe,« rief der zweite,

»das ist lappriges Zeug. Dann kannst du ja auch nur gleich »Tageblatt«

und »Lokalanzeiger« sagen. Und das sind doch die schlechtesten

Blätter in Berlin. Mosse und Scherl, das ist Jacke wie Hose.« »Ein

Blatt ist doch noch schlechter,« sagte der andere, »das ist das

allerschlechteste.« »Na, welches?« »Der »Vorwärts«!« »Da hast du recht,

mit dem ist überhaupt nichts anzufangen.«

Die Maler auf der Rüstung wurden unruhig. Einer rief hinab: »Na, ihr

seid ja schöne Genossen. Der eine ist für die Junker, und der andere

ist für die Bourgeois. Und ihr wollt Arbeiter sein?« Die Tapezierer

antworteten grob, und ein Streit begann. »Wer so von dem »Vorwärts«

spricht, ist ein Verräter,« schrie einer der Maler. »Und wer mir den

»Vorwärts« hier auf den Tisch legt, dem schmeiß ich ihn an den Kopf,«

schrie einer der Tapezierer zurück, »was verstehst du überhaupt vom

Tapezieren!« »Na, vom Tapezieren versteh ich nichts, aber von der

Politik verstehe ich was,« rief der Maler. »Was geht uns denn deine

Politik an?« sagte verwundert der Tapezierer. »Wir reden hier doch von

der Makulatur, von der Güte des Papiers.« »Ach so,« sagten die Maler,

»sie reden von der Makulatur!«

Moral: Der Mensch ist immer noch mehr Tapezierer als Politiker.

Darwinismus im Ausverkauf

»~Eritis sicut deus~«.

Vor einigen Jahren, als die Bevölkerung Deutschlands, vor allem die

Berlins, durchaus wissen wollte, ob Christus gelebt hat, hielt ein

berühmter Professor des Monismus (so darf man ja wohl sagen) vor einem

großen Zuhörerkreis einen Vortrag über diese neugierige Frage. Im

Laufe seiner freigeistigen Rede, in der Christus durch Darwin ersetzt

werden sollte, sprach der Vortragende von dem natürlichen Werden alles

organischen Lebens, er rekapitulierte die Leitsätze des Darwinismus und

wies u. a. nach, in welcher Weise sich die Lunge der atmenden Geschöpfe

aus der Luftblase der Fische entwickelt hätte. »Ja, meine Damen und

Herren,« rief er in den Saal, mit einem triumphierenden Seitenblick

auf eine Anzahl kampfbereit zuhörender Pastoren, »wie haben wir uns

diese Entwicklung denn vorzustellen? Wir müssen sie uns folgendermaßen

denken: eines Tages wurde ein Fisch von den Brandungswellen an den

Strand geworfen. Da stand der Fisch nun vor der Frage: du mußt entweder

zugrunde gehen, oder du mußt deine Luftblase in eine Lunge verwandeln,

um in der Luft weiterleben zu können -- eine andere Möglichkeit gibt es

nicht. Der Fisch tat natürlich das letztere -- und so, meine Damen und

Herren, entwickelte sich aus der Blase des Fisches ...«

Kein Schmerzensschrei wurde hörbar.

Zwei Anekdoten vom Marquis Bonvivant

Von _Karl Ettlinger_

Der Marquis über Heidenbekehrung

Der Pariser Frieden von 1763 war noch nicht geschlossen, und Frankreich

sonnte sich noch im Besitze seiner wertvollsten Kolonien. Der

Jesuitenorden, -- den der durch die Unterrockpolitik der Pompadour

erhobene und durch die Hemdpolitik der Dubarry gestürzte Choiseul 1764

vertrieb -- sandte noch seine Missionäre in die fremden Länder, um aus

guten Götzendienern schlechte Christen zu machen. Der freigeistige

Marquis Bonvivant bezeigte diesem Missionseifer nur geringe Sympathie,

und er pflegte in seiner frivolen Weise zu spotten: »Statt den Heiden

das Wasser der Taufe auf den Kopf zu träufeln und Schnaps zum Trinken

zu verkaufen, wäre es besser und christlicher, ihnen Wasser als Getränk

zu verhandeln und ihnen den Schnaps über den Kopf zu gießen.« Ein

Bettelmönch, dem des Marquis Denkungsart unbekannt war, sprach einst

bei ihm vor, um eine fromme Gabe für die Missionen zu heischen. Wie

schlug ihm das Herz voll eitler Freude, als der Marquis ihm versprach,

für das nächste Missionsschiff eine ganze Kiste Kruzifixe zu spenden!

Mit den bestgemeinten Segenswünschen dankte der harmlose Bettelmönch.

Das Missionsschiff lag abfahrtbereit im Hafen, in wenigen Stunden

sollten die Anker gelichtet werden, -- als acht stämmige Männer

erschienen, die im Auftrage des Marquis eine große schwere Kiste an

Bord trugen, die die Aufschrift zeigte: »Kreuze für die Heiden.«

Der frommen Mannschaft dünkte diese Kiste ein wenig groß geraten -- es

mußten ja Abertausende von Kreuzen darin Raum haben --, und so wurde

beschlossen, die Kiste zu öffnen, um die Hälfte der zur Verwendung

für die Heiden bestimmten Kreuze für das nächste Missionsschiff

zurückzubehalten.

Man brach die Kiste auf. Sie enthielt -- ein halbes Hundert Grabkreuze.

Der Marquis über das Duell

Siebenunddreißig Duelle hatte der Marquis Bonvivant in seinen jungen

Jahren ausgefochten, und er hatte damit bewiesen, daß es ihm nicht an

Mut fehlte, in Streitfällen hinter jede Beschimpfung einen Florettstich

als Schlußpunkt zu setzen. Als aber das Leben seine Haare mit dem

Puder des Alters betupfte, als er in dem Garten seiner Erfahrungen

die kostbarste Frucht: das Lächeln geerntet hatte, da änderte sich

auch seine Sinnesart über das Duellwesen. »Es mag Ausnahmefälle

geben, in denen ein Duell unvermeidlich ist,« sagte er. »Allein das

Meer von Zweikämpfen würde zu einer Pfütze austrocknen, wenn meine

lieben Zeitgenossen endlich einsehen wollten, daß ein Amtsgericht weit

zuverlässiger ist als ein Gottesgericht.«

Kurz nachdem er diesen Ausspruch getan hatte, der ihm sehr übel

vermerkt wurde, gebot ihm die Freundespflicht, einem Baron de Sulpice

Sekundantendienste zu leisten. Dieser hatte einem Chevalier, der beim

Kartenspiel trefflich das Glück zu korrigieren verstand, das Wort

»Falschspieler« ins Gesicht geschleudert. Nach dem ersten Gange lag der

Falschspieler tot am Boden: eine Kugel hatte ihm das Herz durchbohrt.

Marquis Bonvivant stand bei dem Leichnam; er betrachtete den leblosen

Körper aufmerksam, hob ihn auf, musterte die Rückseite, befühlte den

Kopf und ließ die Leiche kopfschüttelnd wieder zu Boden gleiten.

»Was soll dieses Spiel?« herrschte ihn der anwesende Arzt an.

»Verzeihen Sie meine Neugierde!« gab der Marquis zurück. »Ich bin nun

einmal eine gründliche Natur: ich habe das Loch in der Brust gesehen,

aus dem das Leben das Chevaliers entflohen ist, und ich suche nun das

andere Loch, durch das angeblich die Ehre wieder in seinen Körper

eingezogen ist!«

Der Garibaldiner

Von _Karl Federn_

Es war an einem Mainachmittag des Jahres 1891 in Rom, als ich meinen

Freund Cesare Salvadori aus Cefalù traf. Am Abend vorher hatte eine

patriotische Gedenkfeier stattgefunden; die schwarzen Carabinieri,

kriegerische und andere Vereine mit vielen Fahnen, die Garibaldiner mit

ihren roten Hemden waren unter rauschender Musik durch die staubigen

Straßen des glänzenden Rom aufs Kapitol gezogen: Salvadori war mit im

Zuge gewesen, denn er war Garibaldiner. Sie wissen, was das heißt;

Sie kennen die tausend Helden, die überall in Italien mit Verehrung

und Begeisterung betrachtet werden, die für das Land und die Freiheit

geblutet haben, und die nie sterben, weil, wenn einer von ihnen zu

Grabe getragen wird, der Nächstälteste der Familie das rote Hemd

anlegt, um die Ehre und den Vorteil dem Hause zu erhalten.

Als ich mit Salvadori vor dem Café Aragno saß, trug er das rote Hemd

nicht mehr, sondern einen schlaffen schwarzen Tuchrock, und schlaff

waren auch seine Züge, selbst der eisgraue Schnurrbart unter der

Hakennase.

»Wie geht es Ihnen, Salvadori?« fragte ich. Den Toskano im Mundwinkel,

den einen Fuß mißmutig über dem andern wippend, saß er da. »Schlecht,«

war seine Antwort. »Man lebt, aber es geht schlecht. Wie Sie mich

sehen, bin ich wieder ohne Stellung. Man tut nichts mehr für uns, man

schreit, wenn wir vorüberkommen, aber man tut nichts.«

Nun war gerade kurz vorher Giovanni Nicotera, der sizilianische Baron

und Revolutionär, gleichfalls ein ehemaliger Garibaldiner, Minister des

Innern geworden. Daran erinnerte ich den Alten.

Die grauen Augen in dem verwitterten Kriegergesicht zogen sich zusammen.

»Ich bin bei ihm gewesen,« antwortete er und sah vor sich hin.

»›Giovanni,‹ sagte ich ihm, ›du bist nun mächtig: du mußt etwas für

mich tun.‹ Und er, ›mein Lieber,‹ sagte er, ›viel kann ich dir nicht

bieten; es waren schon zu viele vor dir da. Aber wenn du unten in

Calabrien, beim Präfekten von Catanzaro Amtsdiener werden willst: die

Stelle ist frei. Anderes habe ich jetzt nicht. Vielleicht später; wir

werden sehen.‹

Was wollen Sie? Ich nahm die Stelle an und fuhr nach Catanzaro. Es ging

auch; bis eines Tags eine Deputation kam; aus Tiriolo, wegen einer

Wahlsache. Sie wissen ja, wie das ist. Am Morgen sagt mir der Präfekt:

›Wenn die Deputation aus Tiriolo kommt, Cesare, bin ich nicht da.‹

›Eccellenza,‹ sagte ich, ›es ist gut.‹

Und nun denken Sie: wie die Leute kommen -- sie waren vier Stunden

gefahren -- waren drei davon alte Garibaldiner wie ich.

›Freunde,‹ sagte ich, ›es tut mir leid, aber der Herr Präfekt ist

nicht da.‹ ›Cesare,‹ sagte der eine, der mich kannte, ›wir müssen den

Präfekten sprechen. Und wir wissen, daß er da ist, ich habe ihn selbst

am Fenster gesehen. Und du wirst uns anmelden.‹

Was wollen Sie, Herr? Es waren Garibaldiner; es war nichts zu machen.

Ich habe sie angemeldet, und der Präfekt hat sie empfangen, und sie

haben ihm einen heißen Kopf gemacht, wegen der Wahl, über die er nichts

hatte hören wollen.

Am anderen Tage ließ mich der Präfekt in sein Bureau rufen: ›Einen

Amtsdiener, der sich nicht nach meinen Weisungen richtet, kann ich

nicht brauchen,‹ sagte er, ›Sie sind entlassen.‹

Ich habe ihn angesehen, Herr. Und dann sagte ich: ›Eccellenza, Sie

können mich entlassen. Aber wenn ich morgen nach Rom fahre und zum

Minister gehe und mit Giovanni Nicotera spreche, so werden _Sie_

entlassen, und nicht ich. Aber, Eccellenza, Sie sind ein verheirateter

Mann, Sie haben Frau und Kinder, und ich bin allein. Darum gehe ich,

und Sie können bleiben.‹ Und so bin ich gegangen.«

»Ja, und Nicotera?« fragte ich, »hat er nichts mehr für dich getan?«

»Nun, ich war natürlich wieder bei Giovanni und sprach mit ihm. Er bot

mir eine Stelle als Amtsdiener in Sardinien an. Aber dahin wollte ich

nicht gehen. So ist es, Herr. Und so sitze ich hier und bin wieder ohne

Stelle.«

Der Dichter

Von _Hans Bethge_

Ein junger Dichter schlenderte müde und blaß durch die Straßen von

Montmartre oberhalb Paris. Er war sehr einsam und unglücklich. Sein

Magen war leer, auch sah er andere Künstler, ihre Mädchen am Arme,

heiter an sich vorüberschreiten, er aber hatte keine Freundin, denn die

Mädchen waren ihm nicht hold. Er sehnte sich nach Liebe und zugleich

nach einer guten Mahlzeit, und er war recht zornig gegen das Schicksal.

Während er so dahinschritt, öffnete sich plötzlich neben ihm eine Tür.

Ein Mädchen stürzte heraus, ein Mann hinterdrein mit einem Stock, den

er auf den Rücken des Mädchens niederschwingen wollte. Aber das Mädchen

entschlüpfte, und der Stock traf den Rücken des vorüberschreitenden

Dichters, der einen Schrei des Schmerzes ausstieß, worauf er sich

empört dem mit dem Stock bewaffneten Manne zuwandte.

Dieser, äußerst bestürzt, bat vielmals um Verzeihung und fragte,

welche Sühne er dem Geschlagenen zuteil werden lassen dürfe. Er wies

auf die geöffnete Tür und bat den Dichter, näherzutreten. Es zeigte

sich, daß der Mann eine Speisewirtschaft besaß, die er vor kurzem von

seinem zu früh gestorbenen Vater geerbt hatte. Der Dichter ließ sich

nicht weiter nötigen und wurde in aufmerksamer Weise mit einem so

wohlbereiteten und verschwenderischen Mahle bewirtet, wie er es seit

langem nicht mehr zu sich genommen hatte. Während des Mahles erzählte

ihm der junge Mann, daß jenes Mädchen, seine Geliebte, heute zu ihm

gekommen sei, um ihm mitzuteilen, daß sie nichts mehr mit ihm gemein

haben wolle, weil sie einen anderen liebe. Daher die Szene.

Nachdem der Dichter, der von dem Schlage schon längst nichts mehr

spürte, mit vollem Behagen gegessen und getrunken hatte, verabschiedete

er sich dankend, schlenderte vergnüglich die Straße hinauf, -- und wer

trat an der nächsten Ecke an ihn heran? Das Mädchen.

Es ergriff erregt seine Hand, küßte sie, bat vielmals um Verzeihung und

fragte, welche Sühne es ihm, dem ihretwegen Geschlagenen, zuteil werden

lassen dürfe. Er beschwichtigte die Demütige, sie schritten gemeinsam

dahin, und als sie vor dem Hause angelangt waren, in dem er wohnte, bat

er sie, mit in sein Zimmer hinaufzukommen, das seit langer Zeit von

keiner Frau betreten worden war. Sie kam seinem Wunsche mit Vergnügen

nach, riß ihm eilig die Kleidung vom Nacken und küßte ihn voll Liebe

und Leidenschaft auf jene Stelle, wo er ihretwegen geschlagen worden

war.

Noch niemals war dem Dichter so himmlisch wohl gewesen, wie an diesem

Abend.

Später hat ihn das hübsche und vortreffliche Mädchen noch oftmals

lachend auf jene Stelle geküßt, der er erstens ein lange entbehrtes

köstliches Mahl und zweitens eine reizende Geliebte zu verdanken hatte.

Nino Sventatello

Von _Heinrich Mann_

Dies ist die Geschichte von einem, der Hans Leichtfuß hieß, und der auf

den Stufen eines Brunnens schlief, weil ihm kein Bett gehörte. Aber

als er eines Morgens erwachte, gehörte ihm Rom; denn ein großer Herr,

der erst am hellen Morgen nach Hause ging, hatte Gefallen gefunden an

seinen hellen Locken und an den Schatten um seine geschlossenen Lider.

Er ließ ihn in seinen Palast tragen und sorgte dafür, daß ihm mit

äußerster Vorsicht neue Kleider angelegt wurden: weißseidene Schuhe,

Strümpfe und Hosen, ein grüner, gestickter Rock, -- denn er hoffte,

wenn Nino in diesem prinzlichen Staat erwache, werde er zu lachen geben.

Nino aber lachte selbst, sobald er die Augen aufschlug, sehr befriedigt

von den Kavalieren, die ihn bekomplimentierten. Ihre Perücken

schleppten vor ihnen her am Boden, so oft verbeugten sie sich. Er

dehnte sich sodann mit solcher Anmut, dem Lakaien, der die Schokolade

verschüttete, gab er so gewandt eine Ohrfeige, und setzte sich mit

solcher Sicherheit auf das Lieblingspferd des großen Herrn, daß dieser

endlich sagte: »Halt! Du tust ja, als ob du ein Prinz wärest.« -- »Sie

meinen?« entgegnete Nino. Der Herr verstand Scherz. »Du sollst wirklich

einer sein. Aber vorher mußt du beweisen, daß du Mut, Artigkeit und

Redekunst besitzest. Diese Eigenschaften zu besitzen, ist leicht für

den, der schon in den Kleidern eines Kavaliers steckt. Darum sollst

du sie in deinen alten Kleidern zeigen.« -- »Alte? Ich habe nie etwas

altes getragen.« -- Man zog sie ihm an. »Ich lasse die Verkleidung

gelten,« sagte Nino. Er sah sich den Kutscher des Hauses an: »Das ist

ein starker Mann, ich wage es.«

Als der Herr mit seiner schönen Tochter daherfuhr, legte Nino sich

über den Weg, den Hals gerade vor das rechte Rad. Rechts saß das junge

Mädchen, es kreischte angstvoll. Der Kutscher riß an den Zügeln, das

Rad berührte Ninos Hals. Der Herr wollte herausspringen, aber das

Mädchen hielt ihn fest: »Du bist zu schwer, der Wagen würde einen Ruck

bekommen, und er ist tot.« -- Während die Pferde um seinen Kopf her mit

den Hufen stießen, redete Nino:

»Sie kennen mich, schöne Prinzessin, ich bin einer der Knaben, die

am goldenen Schlage Ihrer bunt bemalten seidenen Kutsche standen und

die Hand hinhielten; ich aber ließ die meine sinken, weil Ihre Augen

so groß und blau waren. Sie kennen mich, ich bin einer der Knaben,

die am Küchenfenster Ihres Palastes die Düfte einatmeten und dabei

ein Stückchen trockenes Brot aßen. Aber droben an Ihrem Fenster sah

ich ein Stückchen von einer weißen Schulter mit einer goldenen Locke

darauf -- und ließ mein Brot einem anderen. Sie kennen mich, ich bin

einer der Knaben, die die Stäbe Ihres goldenen Parkgitters mit den

Händen umfaßten, wenn auf den bunten Wiesen die Damen und die Herren

Ball spielten. Ich aber sah Ihre goldenen Locken wehen und Ihre leichte

Gestalt über die Blumen hinfliegen, ohne ihnen ein Leid zu tun -- und

umklammerte die Stäbe, sonst wäre ich über das Gitter fort in die

glänzende Gesellschaft mitten hinein und Ihnen zu Füßen geflogen. Und

weil ich mich noch nicht fest genug gehalten habe, liege ich jetzt

mit dem Halse unter den goldenen Rädern Ihrer Galakutsche und sage

Ihnen, wie schön Sie sind, und wie sehr ich Sie liebe.« (Dabei zitterte

Ninos Stimme.) »Und gleich wird Ihr Kutscher, wenn er auch stark ist,

die Pferde nicht mehr halten können, und ich sterbe für Sie. Denn

die Leute, die hier in Haufen umherstehen, werden sich hüten, mich

unter Ihren Rädern hervorzuziehen. Sie sind den schönen Reden viel

zu geneigt und viel zu begierig auf anregende Schauspiele, um diesem

unterhaltenden und spannenden Auftritt vor der Zeit ein Ende zu machen.«

»Aber ich tue es!« rief das junge Mädchen, hüpfte aus dem Wagen und

hob Nino auf. »Wer bist du?« -- »Ich bin Prinz Nino, Ihr Herr Vater

kennt mich.« Der große Herr schnaubte zornig: »Was ist das für eine

Komödie? Was fällt dir ein, Betteljunge?« -- Nino erwiderte ruhig und

vornehm: »Sie wollten, daß ich eine Komödie als Betteljunge spielen

sollte. Ich, der Prinz, sollte beweisen, daß ich auch als Betteljunge

Mut, Artigkeit und Redegewandheit besitze. Ist es nicht mutig, wenn ich

den Hals vor die Räder einer Kutsche lege, die von zwei wilden Hengsten

gezogen wird? Ist es nicht artig, wenn ich es zu Ehren einer Dame tue?

Und werden mir nicht alle Anwesenden bezeugen, daß ich, selbst noch in

einer ungewöhnlichen und halsbrecherischen Lage, zu reden verstehe?« --

Der Herr lachte laut, ließ Nino die Prinzenkleider wieder anziehen und

vermählte ihn mit seiner Tochter.

Der Fund

Von _Paul Ernst_

Ein junger Mann namens Boppo hat treu und ehrlich lange Jahre

einem Kaufmann gedient. Wenn die Frauen kamen und für einen Soldo

Öl verlangten, so maß er ihnen das Öl in ihre Flaschen, indem er

mit spitzen zwei Fingern das Maß hielt und die anderen drei Finger

zierlich spreizte, dann den Trichter schwungvoll aus der Flasche zog,

ihn noch einmal aufstieß, daß auch der letzte Tropfen in die Flasche

lief, und ihn endlich mit sicherem Augenmaß wieder in sein Loch im

Ständer stellte; wenn sie eine Tüte Pfeffer haben wollten, so riß

er unbarmherzig aus einem schönen alten Buch ein Blatt, rollte es

fix in der Hand zur Tüte, schob mit elegantem Schwung des Beines die

Stehleiter zu sich, kletterte leicht nach oben, zog den Kasten halb

vor und nahm mit dem Schäufelchen Pfeffer heraus, stieg dann herunter,

indem er der entzückten Frau eine Schmeichelei sagte, legte die Tüte

auf die Wage und schüttete mit dem Schäufelchen, sorgfältig prüfend,

als wiege er Gold ab, die Pfefferkörner in die Tüte.

Wie gesagt, Boppo hatte seinem Herrn treu und ehrlich gedient. Aber,

natürlich hatte er keine Veranlassung, über die Grenzen seiner

Pflichten hinauszugehen. Er versteht die Kunst, einzuwiegen und

einzumessen, das heißt, wenn er hundert Pfund oder hundert Maß zu

verkaufen hat, so kann er hundert und ein Pfund oder hundert und

ein Maß verkaufen, ohne daß eine Frau zu wenig bekommt. Dieses eine

Pfund oder eine Maß ist natürlich sein eigener Gewinn, von dem er

ja seinem Herrn nichts zu sagen brauchte; er hatte es deshalb immer

so eingerichtet, daß er von jedem Scudo einen Quattrino für sich

einbehielt, das war nur eine abgerundete Rechnung; aber der Herr

stand sich ganz gut dabei, denn Boppo war ein treuer und ehrlicher

Ladendiener. Diese Quattrini aber, kann man sich denken, häuften

sich im Laufe der Zeit an; und so kommt es denn, daß Boppo, wie er

nun seinen Dienst aufgegeben hat, um nach seinem Heimatsort Ariccia

zurückzugehen und dort selber einen Laden zu eröffnen, einen schönen

Beutel voll Scudi in der Tasche hat.

Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler · 第 3 / 11 段