Verkehr

Die jungen Damen einer Provinzstadt, wo seit kurzem ein vornehmes

Kavallerieregiment lag, gewöhnten sich während einiger vergnügter

Jahre im Ballsaal, auf dem Eise, auf dem Tennisplatze so sehr an den

Verkehr mit den aus Not gefälligen Prinzen und Grafen, daß sie sich

ihrer Verwandten, zum Teil auch ihrer Eltern schämten, ja einander

schließlich, nach einer subjektiv verschiedenen Skala, als mehr

oder minder aristokratisch einschätzten und verachteten. Die sonst

üblichen Bezirksrichter, Advokaturkonzipienten und Infanterieoffiziere

wurden, soweit sie es nicht selbst vorzogen, die ihnen ungemütliche

Geselligkeit zu meiden, mit ausgesuchter Unhöflichkeit behandelt und

endlich mit Erfolg abgestoßen.

Als das lächelnd verwöhnte Regiment in eine andere Stadt verlegt und

durch ein minder auserlesenes ersetzt worden war, galten die Mädchen,

inzwischen etwas älter, den neuen Gästen bald als hochmütig. Die

Offiziere suchten unter den inzwischen herangewachsenen jungen Damen

einer (nach Meinung jener) minderen Schicht die ihnen gern gebotene

Gemütlichkeit, und es gab allmählich eine ganze Reihe von Bräuten

dieser so mit entschiedenem Gewinn sich verehelichenden Reiter, während

die Zivilisten, die seither in Rang und Einkünften vorgerückt waren,

so lange in trotziger Zurückhaltung blieben, bis ihrem unbefangenen

Nachwuchs in aller Stille die verblühten »Aristokratinnen« eine um die

andere, bürgerlich resigniert, zufielen.

Geselligkeit

Ein Konsul war auf der Rückreise nach Europa in Konstantinopel

angelangt. Weil er sich da einige Tage aufzuhalten gedachte, gab er,

der seine Pflichten kannte, bei den Mitgliedern der Vertretung seines

Vaterlandes und ihren Damen seine Karten ab und ward denn auch alsbald

vom Botschafter und seiner Gemahlin zum Speisen gebeten. Es war eine

liebenswürdige Gesellschaft miteinander vertraulich verkehrender Paare

versammelt. Man ging zu Tische. Dem fremden Gaste war der Platz neben

der Hausfrau angewiesen. Als einer der letzten Gänge erschienen

Artischocken. Die damit zuerst bediente Dame verzichtete auf die

Speise. Der Gast als nächster nahm davon aus Höflichkeit, obwohl er

nicht wußte, wie er die grünbraune Frucht zu behandeln hätte. Er wollte

vorsichtig abwarten, was die andern damit anfangen würden. Aber einer

nach dem andern, Herren wie Damen, lehnten sie ab, so daß er mit seinem

Stück verlegen allein blieb. -- Später hat er erfahren, daß das Manöver

zwischen den Teilnehmern ihm zu Ehren vereinbart gewesen war.

Anekdote

Von _Alexander_ Freiherr von _Gleichen-Rußwurm_

Die Grenze zwischen Vertraulichkeit und gesellschaftlicher Einfachheit

ist schwer zu ziehen. Natürlichen Menschen gelingt ohne Anstrengung,

was die Affektierten nie erreichen. Ich will damit nicht wachsender,

uneleganter Intimität das Wort reden, wie sie leicht bei Leuten

vorkommt, die sich erst jüngst gute Manieren anzugewöhnen suchten. In

solchem Fall läßt sich die Situation aber immer mit einem Witz retten,

wenn man schlagfertig und bei guter Laune ist. Eine Dame, die mit den

Gebräuchen der großen Welt noch nicht ganz vertraut war, saß einmal bei

einem Diner neben einem bekannten Diplomaten. Beim ersten Gang redete

sie ihn mit »Herr Graf« an, beim zweiten mit »Graf X.«, beim dritten

mit »lieber Graf« und erhielt die lächelnde Antwort: »Mein Vorname ist

Hugo.«

Die beiden Junggesellen

Eine Anekdote aus Mitau

Von _Herbert Eulenberg_

Wenn man von Mitau auf der Landstraße nach Doblen zu wandert, trifft

man plötzlich eine kurze Strecke vor der Stadt am Rande des Weges

zwei Denkmäler: einen kleinen Obelisken und eine Trauerurne. Zwischen

beiden, die ungefähr einhundert Meter auseinanderliegen, wächst ein

Haufen von Birken. Groß und klein, ganz wild zusammengepflanzt.

Ein Anblick, der vielleicht das Auge eines Forstmannes wegen der

unregelmäßigen Anlage ärgern kann, aber den romantischer Gesinnten

gerade wegen dieser Buntheit sonderbar anziehen mag. Vor allem, wenn er

die höchst merkwürdige Geschichte dieser Birkenansammlung vernimmt:

Unter jenen beiden Denkmälern haben nämlich zwei Junggesellen ihre

letzte Ruhestätte. Gerade einander gegenüber, so daß sie sich noch

aus ihren Särgen anlächeln könnten, wie sie es soundso oft mal

in ihrem Leben getan haben. Denn sie waren, solange sie atmeten,

unzertrennlich verbunden und mochten darum auch die ganze lange

Zeit, die ihnen nach ihrem Tode bevorstand, nicht weit voneinander

liegen. Darum kauften sie sich schon bei Lebzeiten diese beiden

Grabplätze vor den Toren der Stadt, zu denen sie häufig einträchtiglich

nebeneinander hinauspilgerten. Sie hatten jeder einen Feldstein auf

die Stelle gerückt, unter der sie begraben sein wollten. Auf diese

Steine setzten sie sich oftmals gegen Abend, als sie noch müde werden

konnten, und sprachen dann freundschaftlich zueinander hinüber:

»Hier werde ich ruhen, Arthur, -- Und dort, mir ~vis-à-vis~, wirst

du ruhen, Arthur.« Sie waren einander so völlig gleich geworden und

harmonierten derart zusammen, daß sie sich sogar auf einen Namen für

sie beide geeinigt hatten. Und natürlich mußte dies der Vorname ihres

Lieblingsphilosophen Schopenhauer sein, den zufälliger-, oder darf man

sagen, unglücklicherweise, einer von ihnen schon führte.

Auf solche Weise lebten sie, da sie sich beide ein hübsches Vermögen

erarbeitet und erspart hatten, ohne Sorgen und voller Eintracht

zusammen. Lasen Schopenhauer, schimpften über die Menschheit und

spazierten an ihren schwarzen Ebenholzstöcken miteinander zu ihren

künftigen Gräbern. So verging Jahr um Jahr über ihnen und Mitau. Da

ereignete sich plötzlich in einem Frühling etwas ganz Ungeheuerliches,

noch nie Dagewesenes in ihrem Leben. Es geschah nämlich, daß sich

die beiden Junggesellen allen ihren bisherigen Grundsätzen zum Trotz

sterblich verliebten. Der weibliche Gegenstand ihrer Zuneigung ist nie

bekannt geworden. Einige Leute in Mitau -- man wird gleich merken, was

für Leute -- behaupten, sie hätten sich beide in ihre alte Köchin und

gleichzeitige Waschfrau verliebt. Andere hingegen, die etwas poetischer

veranlagt sind, erzählen, sie wären beide für zwei hold erblühte

Mädchenknospen, zwei Schwestern, erglüht, denen sie abwechselnd Blumen

oder Verse dargebracht hätten. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine

steht sicher fest, daß sie beide in ihrer Liebe unglücklich gewesen

sind. Das oder die Opfer ihrer etwas verspäteten Frauensehnsucht blieb

oder blieben hart gegen jede Werbung der beiden armen alten bekehrten

Junggesellen. Eine Zeitlang verschlossen sie ihren Gram voreinander,

wie sie sich auch geschämt hatten, gegenseitig ihre verliebte Schwäche

zu bekennen. Aber eines Abends, als sie sich wieder einmal auf ihren

künftigen Gräbern gegenüber saßen, rückten sie mit der Sprache heraus.

»Ich war ein Esel, Arthur!« gestand der eine.

»Ich war auch ein Esel, Arthur,« echote der andere.

»Wir waren beide Esel,« stellten sie im Chorus fest.

Zur bleibenden Erinnerung aber an diese wohlverdiente Schmach, die

ihnen, die zeitlebens Verächter des weiblichen Geschlechtes gewesen

waren, noch kurz vor Todesschluß begegnet war, beschlossen sie eine

Bestimmung in ihr gemeinsames Testament aufzunehmen. Ihr zufolge sollte

jedem Liebespaar in Mitau, das sich am ersten Tage des Mai, als des

Monats, in dem die meisten Menschen derartige blöde Eseleien zu begehen

pflegen, verloben oder vermählen würde, eine gewisse Summe Geldes

ausgezahlt werden. Zum Dank für diese Ehespende sollte dann ein jedes

Paar auf dem Grund und Boden zwischen ihren beiden Gräbern eine Birke

pflanzen. Ihnen und ihrer unglücklichen Liebe zum Gedächtnis.

Wenige Wochen darauf starben die beiden Junggesellen am nämlichen

Tage oder doch ziemlich kurz hintereinander. Einige Leute -- man kann

sich denken, was für Leute -- behaupten, sie seien an Galle und allzu

reichlichem Essen eingegangen. Andere hingegen, die sich das Leben

schöner auslegen, meinen, sie seien an gebrochenem Junggesellenherzen

gestorben und hätten einander in einer Nacht verabredeterweise süßes

Gift im Schaumwein zugetrunken. Wie dem auch gewesen sein mag, das eine

steht sicher fest, daß sie beide tot sind, und daß ihr Testament, wie

sie es bestimmt haben, in Kraft getreten ist. Von einem jeden Paar, das

sich in Mitau am ersten Mai verlobt oder vermählt hat, ist die Summe,

die ihm damit gleichsam vom Himmel in den Schoß gefallen ist, stets

dankbar eingestrichen worden. Und ein jedes Paar hat dann zum Lohn den

unbekannten Spendern, die wie Hymen, der Ehegott, über ihnen walteten,

eine Birke gepflanzt. Woher denn die verschiedene Höhe und Größe der

Bäume, die sich zwischen den beiden Gräbern erheben, zu erklären

ist. Die beiden alten Junggesellen aber liegen auf ihren Rücken in

wohlverdienter Ruhe unter der Erde und den ihnen zu Ehren wachsenden

weißen Birken einander gegenüber. Einige Leute -- man ist selbst im

Tode nicht vor ihnen sicher -- behaupten, daß die beiden alten Herren

dort unten fortwährend einander hämisch angrinsten über die törichten

Leute, die sich über ihnen am ersten Tage ihres Ehebundes wunders wie

verliebt anstellten und, womöglich mit veranlaßt durch ihre Mitgift,

mit der Anpflanzung einer neuen Birke den Grundstein zu ihrem mehr

oder minder lebenslänglichen Unglück legten. Andre hingegen, die immer

nur das Beste an der Welt sehen, meinen, daß die beiden guten greisen

Junggesellen dort unten einander ewig zulächelten voll Seligkeit

darüber, daß sie durch ihre Spende auch im Tode noch ihr Scherflein

beitragen könnten zu dem süßesten Traum der Menschen, dem Liebes- und

Ehetraum.

Es bleibt dem Leser anheimgestellt, sich seiner Gemütsart und seiner

Erfahrung folgend für eine dieser beiden Ansichten zu entscheiden.

Anekdote

Von _Rudolf G. Binding_

Es scheint, daß es Witze gibt, die selbst der humorvollste Mensch nicht

ertragen kann -- nämlich wenn sie auf ihn gehen. Sie sind vielleicht zu

gut, um ertragen zu werden. Dies wäre eigentlich kein Grund, aber ich

weiß, soviel ich auch darüber nachdenke, keinen anderen für die Wirkung

der folgenden Geschichte ausfindig zu machen, die eine Trübung einer

guten Freundschaft nur wegen eines Witzes zur Folge hatte.

In einem kleinen Schwarzwaldbade trafen sich im Sommer 19... in einer

Gesellschaft außerordentlich gebildeter Leute, wie sie der Zufall

nur selten an solchen Plätzen zusammenführt, am Mittagstisch ein

Oberhofprediger und ein schwäbischer Kandidat der Gottesgelahrtheit,

welche die Geschicklichkeit des Wirtes für die Zeit ihres Aufenthaltes

zu den Mahlzeiten nebeneinander placiert hatte. Der Oberhofprediger,

froh, den hallenden Gewölben des Doms der Residenz und anderem

entgangen zu sein, was ihn dort droben im Norden beengte, freundete

sich mit dem frischen jungen Schwaben, der das Herz auf dem rechten

Flecke und die Zunge auf keinem anderen hatte, rasch an. Da der

Kandidat nur wegen eines Herzleidens seinen früheren Beruf, welcher der

eines Forstmannes war, hatte aufgeben müssen, so war es begreiflich,

daß er aus diesem eine große Anhänglichkeit für alle Tiere des Waldes

und der Lüfte mit hinüber genommen hatte in Gottes Reich, dem er nun

dienen wollte. So war es besonders die Menge der verschiedenartigsten

Vögel, welcher seine stundenlange Beobachtung in den Anlagen des

Parkes, in den Hecken der Straße und in dem bronzefarbenen Dunkel unter

den sonnenbestrahlten Tannen galt. Dieser täglichen Gepflogenheit

schloß sich der alte würdige Oberhofprediger, welchem die behutsamen

Spaziergänge, wie sie dem jungen Schwaben vorgeschrieben wurden,

gerade recht waren, eifrig an. Seine bisherigen Kenntnisse auf dem

Gebiete der Vogelkunde mochten nicht viel über Noahs Taube, den Raben

des Eremiten und den heiligen Geist hinausgehen, und einer allzu

ausgiebigen Erforschung der vielen Arten, die dort in der gehegten

Umgebung sich zusammenfinden, widersetzte sich sein Auge, das, wie

er scherzhaft behauptete, wohl schon zu sehr nach innen gerichtet

war, um nach außen noch sehr brauchbar zu sein. So kam es, daß er

manchmal die gewöhnlichsten und bekanntesten Vögel verkannte oder als

Seltenheiten beschrieb. Das alles aber hielt ihn nicht ab, aus der

reinsten Liebenswürdigkeit und Freude an seinem jungen Freunde dessen

Liebhaberei, so gut es eben ging, zu teilen.

Eines schönen Tages kam der Oberhofprediger von einem seiner

Spaziergänge, den er aus irgendwelchem Grunde ohne die Begleitung

des jungen Vogelkenners gemacht hatte, in ziemlicher Aufregung nach

Hause. Er hatte einen ihm unbekannten, höchst merkwürdigen und seltenen

Vogel gesehen, den er jedoch nicht weiter und genauer zu beschreiben

vermochte, als daß er etwas Gravitätisches an sich gehabt und eine rot

gefiederte Brust und ein graues Kleid zeige. Der Kandidat, der die

ganze Tischzeit über sich mit seinem Nachbarn über dieses Wundertier

unterhielt, ließ sich genau den Ort beschreiben, wo der Vogel gesehen

war und glaubte sicher desselben an gleicher Stelle und zu gleicher

Zeit ebenfalls ansichtig zu werden, hatte aber nicht die leiseste

Vorstellung, um welchen Vogel es sich handeln könne. Dies betrübte

den Oberhofprediger um so mehr, als er am nächsten Tag in der Frühe

abreisen wollte und somit fürchtete, daß ihm der Wundervogel wirklich

nur einmal in seinem Leben begegnet sein möchte und er nicht einmal

Name und Herkunft desselben erfahren solle. Sein junger Freund indessen

versprach ihm, sobald er den Vogel gesehen und bestimmt hätte, den

Namen schriftlich mitzuteilen.

Am andern Morgen reiste der Oberhofprediger zu Tal, während der

Theologie-Kandidat ungesäumt die Spur des Wundervogels aufnahm,

welcher denn an der bezeichneten Stelle bald sich seinem geübten Auge

vorstellte.

An demselben Abend trug mein Schwäblein schmunzelnd eine an den

Oberhofprediger gerichtete Karte auf die Post.

»Ein instinktives Gefühl«, so schrieb er, »hat Sie ein besonderes

Interesse an einem Vogel nehmen lassen, welcher ganz und gar nichts

besonderes an sich hat. Es ist nämlich ein _Dompfaff_.«

Nun war der Oberhofprediger sicher ein humorvoller Mann und ertrug

auch den feinen Witz über seinen Stand, wie es jeder, der einen Spaß

versteht, erträgt. Aber diesen Witz hat er doch nicht vertragen. Es

muß gesagt werden, daß es eine eigentümliche Laune des deutschen

Sprachgebrauchs ist, denselben Vogel sowohl mit dem Ausdruck Dompfaff,

als mit dem Ausdruck _Gimpel_ zu belegen; denn im menschlichen Leben

ist ein Dompfaff sicher kein Gimpel und ein Gimpel gewöhnlich kein

Dompfaff. Aber, könnt ihr mir einen anderen Grund für die Verstimmung

des Oberhofpredigers angeben, als daß der Zufall hier einen zu guten

Witz gemacht hatte, den der junge Schwab mit seinen hellen Augen und

seinem klaren Verstand nur entdeckte?

Die Banknote

Von _Karl Federn_

Diese Geschichte erzählte mir eine Freundin, als wir uns eines

Tages über die seltsam trügenden Erscheinungen unseres Bewußtseins

und Gedächtnisses unterhielten: Ihr Vater, zur Zeit, da die Sache

sich ereignete, bereits ein älterer Mann, reich, vornehm, von sehr

bestimmten Anschauungen und Gewohnheiten, hielt es für richtig,

jeden Tag, wenn er das Haus verließ, in Brieftasche und Börse eine

Tausendernote, zwei oder drei Scheine von je hundert, fünfzig und

weniger Gulden bis zur kleinen Münze hinab, sorgfältig zusammengestellt

und nachgezählt, bei sich zu tragen. Vor Tische -- er wohnte für sich

allein -- pflegte er einen Spaziergang zu machen, um dann in einem

der bekanntesten Gasthöfe der inneren Stadt zu speisen. Und so war er

auch an diesem Tage ausgegangen, war wie immer zahlreichen Bekannten

begegnet, hatte mit manchen einen Gruß gewechselt, mit andern länger

und eingehend gesprochen, hatte vielleicht in einem Laden einen

Einkauf gemacht, und wurde dann plötzlich, sei es von einem Gedanken,

der ihm kam, sei es von irgendeinem Vorfall, einem gestürzten oder

durchgehenden Wagenpferd oder sonst einem Ereignis, das einen kleinen

Volksauflauf verursachte und auch seine Gedanken lebhaft beschäftigte,

vollkommen hingenommen, so daß er noch bei seiner stets sorgfältig

gewählten und froh genossenen Mahlzeit, bei dem Wein, den er als Kenner

trank, über die Sache nachdachte. Dann nach dem schwarzen Kaffee und

der Zigarre hatte er den Kellner mit einer Hundert-Guldennote bezahlt

und den Rest in Scheinen und Münze zurückbekommen.

Als er im Laufe des Nachmittags bei einer Gelegenheit wieder Geld aus

seiner Brieftasche nehmen wollte, vermißte er die Tausendernote, die

darin sein mußte, -- denn er hatte die Tasche, seitdem er das Hotel

verlassen, nicht mehr berührt, -- er mußte sich also geirrt und dem

Kellner die Tausendernote gegeben haben.

Er kehrte sofort nach dem jetzt verlassenen Speisesaal des Hotels

zurück und sagte dem Manne, der ihn seit langem bediente, in nicht

ungütiger Weise, er, der Kellner, habe wohl seinerseits auch nicht

bemerkt, daß er ihm aus Versehen die größere Note gegeben, und sie

wahrscheinlich für die geringere genommen und als solche gewechselt

... Der Kellner versicherte sehr höflich und bestimmt, aber nicht ohne

eine gewisse Befangenheit, daß er lediglich eine Hunderternote von ihm

zur Zahlung bekommen und dies sehr genau gesehen hätte, daß auch seine

Rechnung vollkommen stimme, und daß der Gast im Irrtum sein müsse. Nach

wenigen Sätzen, in denen jeder bei seiner Meinung blieb, sagte der alte

Herr, er bedauere den Vorfall sehr und wolle auch nichts Schlimmes

von ihm geglaubt haben, aber da es sich um einen bedeutenderen Betrag

handle, sei er genötigt, die Sache dem Besitzer mitzuteilen und ihm das

weitere anheimzustellen.

Der Zahlkellner, gleichfalls schon ein älterer Mann, schwieg darauf

eine Weile bestürzt, dachte nach und sagte zuletzt: »Das möchte ich

nicht; vielleicht habe ich mich doch geirrt ...« und gab die fehlenden

neunhundert Gulden heraus.

Mit einem peinlichen Gefühl für den Mann nahm der alte Herr das Geld

und ging, und wurde auch in den nächsten Tagen durch das gleiche

Gefühl im Genuß seiner Mittagsmahlzeit gestört. Bis Wochen vergingen

und die Sache für ihn schon eine halb vergessene war, -- als er eines

Tags einen eingeschriebenen Brief erhielt, in dem eine Tausendernote

lag, die ihm ein Freund mit vielem Dank für seine Liebenswürdigkeit

zurückschickte.

Und da erst kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß er ja an jenem

Vormittage auf seinem Spaziergang einem Bekannten begegnet war, einem

gleichfalls sehr vermögenden Manne, der sich vorübergehend in Wien

aufgehalten hatte und plötzlich und sofort abreisen mußte, und ihn für

dringende Einkäufe, die er noch machen wollte, um jene Gefälligkeit

ersucht hatte; daß er diesem Manne die Tausendernote eingehändigt, und

daß, sei es eine Gedächtnisschwäche, mehr aber jener Vorfall, der ihn

dann so sehr beschäftigte, jede Erinnerung daran in ihm ausgelöscht

hatte.

Nun selber bestürzt und mit vielen Entschuldigungen gab er am nächsten

Tag dem Kellner sein Geld zurück. »Ich wußte es ja,« sagte dieser und

nahm die neun Hunderter und was er zur Entschädigung dazu erhielt,

mit tiefem Dank. »Aber,« fragte der andre, denn das hatte ihn am

meisten in Erstaunen gesetzt, »wie konnten Sie mir nur damals das Geld

herausgeben?«

»Herr W.,« sagte der Mann, »ich habe ja gesehen, daß Sie es selbst

glaubten. Wenn die Sache zum Prinzipal gekommen wäre ... Ihnen hätte

jeder geglaubt, und mir nicht. Wie hätt' ich's beweisen sollen? Ich

bin Familienvater, und ich habe hier eine Stellung, die mir viel

einbringt. Die hätt' ich verlieren können, und die ist mir mehr wert

als neunhundert Gulden ...«

Der Schlaftrunk

Von _Richard Schaukal_

Der Vater mehrerer gesunder schöner Kinder, Besitzer eines großen, auf

viele Millionen geschätzten Unternehmens, Bewohner eines geräumigen

bequemen Hauses, außerdem ein vollkommen gesunder Mann von angenehmer

Gesichts- und Körperbildung, einem vorzüglichen Appetit und im

selbsterworbenen Genusse mancher nützlichen Kenntnisse, übrigens

eigentlich anspruchslos und in einer schönen Gegend durch lohnende

Spaziergänge täglich zum besten unterhalten, begann, da er einige

Stunden einer Nacht mit einem ungewöhnlichen peinigenden Gedanken

schlaflos verbracht hatte, dem Glauben Raum zu geben, er leide

an beständiger Schlaflosigkeit. Als dieser Glaube durch häufiges

Übersinnen des Einfalls ihm zur Gewißheit geworden war, verlor er

den Appetit, alterte sichtlich, erlebte viel Ärgerliches an seinen

Kindern, wurde von plötzlichen quälenden Sorgen um sein Unternehmen

angefallen und durch anhaltendes schlechtes Wetter an seinen

Spaziergängen gehindert. Da seine Laune sich unangenehm im Kreise der

Familie bemerkbar machte, verfiel der älteste Sohn nach häufigen und

erfolglosen Beratungen mit Ärzten und Freunden auf ein ihm glücklich

dünkendes Mittel, das er sofort in Anwendung brachte. Er ließ durch

einen fremden, sehr gerühmten Gelehrten, dem er seinen Plan vorgetragen

und genehm gemacht hatte, dem Vater täglich zwei Tropfen eines leichten

ungarischen Weines als angeblichen Schlaftrunk verschreiben, und

dieser, sobald er das Mittel versucht hatte, behauptete, es leiste

ihm vorzügliche Dienste, wachte sorgfältig über dessen tägliche

Vorbereitung, nahm an Appetit zu, erholte sich körperlich, scherzte

im Kreise seiner Kinder täglich bis zur festgesetzten Schlafensstunde

und war, da gutes Wetter eintrat, er also seine Spaziergänge aufnehmen

konnte, innerhalb weniger Wochen wieder ein rüstiger und behaglich

lebender Mensch geworden.

Der lächelnde Tod

Von _Wilhelm Schussen_

Einen Mann namens Heinrich, der ein schönes Weib namens Elise

geehelicht hatte, traf eine große Heimsuchung. Als nämlich seine Frau

wieder einmal unter höchsten Nöten niederkam, wußte er, daß sie das

nächste Mutterglück mit ihrem Leben bezahlen müßte. Da schwuren die

beiden, aus eigenem Antrieb und auf das Drängen des Arztes hin, aller

Liebeslust zu entsagen. Und Heinrich nagelte im ersten heiligen,

zornigen Eifer ein leibhaftiges Totengerippe ans Fußende des Ehelagers,

auf daß sie, so sie etwa schwach und wankend würden, allzeit einen ganz

furchtbaren Prediger in der Nähe hätten. Nach einiger Zeit brachte

Heinrich dann noch ein rotes Lämpchen über dem Gerippe an. Das wirkte.

Der Prediger blieb wach und schrecklich und stieg bis in ihre Träume

hinab, und wenn sie nachts erwachten, wagten sie es nicht, die Augen zu

öffnen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Im Laufe der Zeit jedoch erschien ihnen der Furchtbare immer milder

und freundlicher und schließlich beinahe wie zur Familie gehörig.

Ja, während einer hellen, silbernen Mondnacht kam er dem ruhenden

Menschenpaar fast verschönt und verklärt und verlieblicht vor. Da erhob

sich Heinrich leise und blies das rote Lämpchen aus. Und Elise lächelte

ihm zu und erinnerte ihn daran, daß die Nächte nun wieder abnähmen und

man endlich wieder dem Frühling entgegenginge. -- -- -- --

Durch den nächsten weißen Winter aber wallte langsam ein großer dunkler

Leichenzug mit blumenbeladener Bahre nach dem Kirchhof.

Vier Anekdoten

Von _Karl Scheffler_

Schuldner und Gläubiger

Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler · 第 2 / 11 段