»Nur die Liebe zu meiner jetzt im Herrn ruhenden Alten«, pfl

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Der Liebhaber-Bibliothek

fünfzigster Band

[Illustration]

Der Spiegel

Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler

Herausgegeben von

Karl Lerbs

Sechstes bis fünfzehntes Tausend

Gustav Kiepenheuer Verlag

Potsdam--Berlin 1919

Dem Andenken

Johann Peter Hebels

Dubonnet

Ein Gruß an Hebel

Von _Otto Flake_

Im Schatzkästlein steht die Geschichte des deutschen Binnenländers,

der in die große Stadt Amsterdam kommt und vor einem stolzen Schiff,

einem prächtigen Haus und einem gewaltigen Begräbnis fragt: Wer ist es,

dem dies gehört? »Kannitverstan«, ist die Antwort, und er beneidet den

reichen Mann nicht mehr.

Eine gute Geschichte; Pointe und Moral darin, Treuherzigkeit und Humor.

Als Knabe las ich sie im Lesebuch; sie hat mir so gefallen, daß ich sie

nie vergaß. Und später, als ich auf Reisen ging, in fremde Städte kam,

ging sie mir erst recht auf.

In ihrem Reiz war eine Aufforderung, wie jener junge Deutsche über

vier, fünf Eindrücke aufs Geratewohl Eingeborene um Auskunft anzugehen

und ein unbekanntes Wort zu erhalten, das ein Band schlang, wo keines

war und einen Sinn, wo Sinn fehlte.

Sehr jung, in Weltlichkeit nicht eingeweiht, stieg ich am Ostbahnhof in

Paris ab und begann sofort kreuz und quer herumzustreifen. Da stieß ich

auf ein Wort, das sich immer, immer wiederholte: Dubonnet.

Zuerst bemerkte ich es in der Metrobahn, alle hundert Meter an den

Wänden des Tunnels. Ich setzte mich auf Bänke in den Parks. Dubonnet

stand auf der Lehne wie bei uns im Lande der Ordnung »Nur für

Erwachsene«.

Wo Löcher in den Häuserzeilen häßlich gleich Lücken in den Zähnen eines

Menschen klafften, prangte blau das Wort Dubonnet, auf den Firsten

der Dächer flammte es nächtlich auf, in den Zeitungen füllte es halbe

Seiten, umrahmt von leerem Weiß: Dubonnet, sonst kein Wort.

Dubonnet wiederholte ich, und als ich es fünfzigmal nachgesprochen

hatte, wurde es wie ein mystischer Ruf, Symbol des Geheimnisvollen

in der Wirklichkeit. Die Griechen hatten dem unbekannten Gott einen

Tempel gebaut, war es nicht denkbar, daß in der Großstadt ein Wort der

Gesinnung, Mahnung und fernen Weite metaphysisch rief?

Auf einer Kaffeehausterrasse erfuhr ich die Lösung des Rätselworts; es

bestellte einer einen -- Dubonnet. Zuerst war ich enttäuscht, dann

lachte ich, so fröhlich, daß man sich nach mir umsah. Lehre war es, daß

es in der Großstadt keine Mystik gibt -- wie, warum denn nicht?

Nun _wollte_ ich sie, und wenn es mir gefiel, Dubonnet einen Klang wie

dem erhabenen Feldgeschrei einer Religion zu geben, wer konnte mich

daran hindern? »~Dieu le veut~« riefen die Kreuzritter, warum ich nicht

Dubonnet?

So wurde mir Dubonnet, was jenem Jüngling Kannitverstan gewesen war,

Laut des Tiefsinns, Gleichnis, Wort der eignen Souveränität, die ihren

Willen setzt. Gruß, Vater Hebel, dir.

Zum Eingang

Der Versuch, die im deutschsprachigen Schrifttum auf dem Gebiet der

Anekdote wirkenden Kräfte in einem Sammelbuch aufzuzeigen, erschien in

manchem Betracht von Wert. Er wurde unternommen im vollen Bewußtsein

seiner Schwierigkeit; hat sich doch die einst so klare Form der

Anekdote dem großen Wandlungsvorgang der Zeit nicht entziehen können.

Daß solche Wandlung große Gebiete des Stofflichen umfaßt, wird man als

eine aus verändertem Zeitbild organisch erwachsene Ausweitung würdigen

und begrüßen; daß aber die Bestimmtheit der Form sich verwischte und

heute so manches als Anekdote ohne Recht sich ausgibt, -- das scheint

eine Abgrenzung der Anekdote gegen andere Kunstformen nötig zu machen.

Es sei versucht, von der Kennzeichnung ihres Wesens zu ihrer Wertung

vorzudringen.

Die Anekdote ist die gedrängte, unbedingt in sich gerundete Darstellung

eines Vorganges von irgendwie kennzeichnender Bedeutung, --

gleichgültig, ob kennzeichnend für eine bekannte Persönlichkeit, für

einen Einzelmenschen, einen Menschentypus oder nur als Vorgang an

sich. Sie ist nicht Ausmalung, Betrachtung, Stimmung, sondern Leben,

Bewegung, Handlung. Das umrankende Beiwerk darf, sparsam verwandt,

nicht die klaren, sicheren Linien des fortschreitenden Geschehens

überwuchern; es darf nur dazu dienen, die plastische Wesenheit

der Handlung zu erhöhen, die Farben mit lebendiger Leuchtkraft zu

untermalen. Alles dient nur der Weiterführung des Geschehens, dem

fortschreitenden Vordringen zu Wesen und Sinn; alles steht für sich

selbst ohne breite, nachdenkliche Erläuterung da, die Klarheit bedarf

keiner Erklärung und Erklügelung. Die Anekdote ist ein unbestechlicher

_Spiegel_ des Lebendigen; darum habe ich dieses Buch »Der Spiegel«

benannt. Wie ein Spiegel dem Betrachter einen fest umrissenen

Ausschnitt aus einem Geschehen körperhaft zeigt, so auch die Anekdote.

Man hat sie mit einer Zeichnung verglichen. Darin liegt viel Richtiges,

wenn man die Zeichnung als Ganzes und Fertiges betrachtet, -- und doch

kann der Vergleich irreführen. Denn die Technik des Anekdotenerzählers

ist im wesentlichen eine andere als die des Zeichners. Dieser baut

aus Linien ein Bild auf, das die zur Reglosigkeit erstarrte Plastik

einer Situation wiedergibt, und erst die weiterschaffende Phantasie des

Beschauers flößt ihm Leben ein. Ich erinnere z. B. an die Zeichnungen

Menzels; sie sind in ihrer plastischen Kraft gewissermaßen Stoffe

zu Anekdoten, und der Betrachter schöpft aus ihnen die Anregung

zur Vervollständigung des linienscharf erfaßten Vorganges. Der

Anekdotenerzähler aber packt mit sicherem Griff ein Lebendiges und läßt

es durch Tun und Gebärde sein Wesen ausprägen. Zur langsam strichelnden

Stimmungsergänzung bleibt ihm wenig Zeit, das drängende Tempo reißt ihn

wie seinen Leser fort.

Das führt abermals auf den »Spiegel«-Vergleich, und diesmal tiefer.

Die Anekdote kann sich nicht auf die ausführliche und _betrachtende_

Zerlegung seelischer Vorgänge einlassen. Diese Vorgänge sollen aus

dem Geschehnis, das den Leser zum Nachdenken zwingt, erhellen. Auch

der Spiegel liefert dem Beschauer Merkmal und Ausdruck des Seelischen

und überläßt ihm die Folgerung daraus. Und weiter: Er fängt mit dem

Handelnden zugleich auch seine Umgebung auf; aber von diesem Beiwerk

wird auch nur dem eine wesentliche Rolle zufallen, das dazu dienen

kann, den Vorgang zu begründen und zu unterstreichen, ihn zu erklären

und zu ergänzen -- soweit ihm das überhaupt gegeben ist. So wird

auch der Anekdotenerzähler vom »Milieu« in knappen, aber scharf und

körperhaft bildenden Worten nur das erstehen lassen, was seinem Vorwurf

farbigen Hintergrund gibt und den Fluß der Handlung weiterleitet.

Gewiß wird der »Spiegel«-Vergleich auch in anderen Fällen zutreffen;

auch Satire etwa und Groteske können Spiegelungen sein, aber sie müssen

um ihres Zweckes willen die Linien verstärken, verzerren, übertreiben.

Die Anekdote ist aus dem Wirklichen erwachsen; Leben schaffen und

wirken lassen nur durch seine Kraft ist ihr einziger Zweck. Ein alter

Irrtum verlangt von ihr, daß sie zum Lachen reizen soll; auch das

_kann_ ihre Folge sein, aber die Verallgemeinerung solcher Forderung

ist natürlich unsinnig.

Den Vorwurf formalistischer Engherzigkeit, den man mir nach alledem

vielleicht entgegenhält, wird man fallen lassen, wenn man erkannt

hat, daß gerade hier dem wirklichen Künstler die klare Umreißung

des Formbegriffs Schaffensvorbedingung ist. Und solche Beschränkung

ist keine Enge; sie eröffnet das Feld für den stärksten Einsatz

gestaltender Kraft, sie fordert eine gezügelte, aber gerade darum ganze

und bedingungslos sich einsetzende Kunst. Sie belohnt den Bildner

tausendfach durch die Freude am schöpferischen Wort, am lebenzeugenden

Stil, am schönen, festen Gefüge des unverrückbar dastehenden

Ganzen. Ihr Beherrscher wird sich aus eigener Kraft vom »Rezept«

freimachen und in der strengen Form ein in sich vollendetes Mittel

zur Geltendmachung seines Willens sehen; er wird auch ohne Schwanken

darüber entscheiden, welche Möglichkeiten sich ihm auftun, wo die

Grenzen liegen, bis zu denen er seine Kraft spielen lassen kann. Und

aus solcher Meisterung, solcher unbeirrbaren Blickschärfe wird ihm ein

Gewinn erstehen, der weit über den Sonderfall hinaus in anderen Formen

der Kunst sich auswirkt.

Soweit der Versuch zur Festlegung des Programmatischen. Ich erhebe

nicht den Anspruch, Abschließendes gesagt zu haben; ich bin mir auch

durchaus bewußt, daß dieses Buch, rein als Auswahl genommen, diese

oder jene Anforderung unerfüllt läßt, da es in seiner _anthologischen_

Eigenart einen ersten Schritt in unbegangenes Gebiet tut. Der

Einladung, die ich an die hier vereinigten berufenen Erzähler ergehen

ließ, lag die Absicht zugrunde, das Problem von recht vielen Seiten

zu beleuchten und den Mitarbeitern die Möglichkeit zu schaffen, ihrer

Auffassung durch das Beispiel Ausdruck zu geben. Darüber hinaus

wird sich vielleicht über als wichtig erkannte Formprobleme eine

Aussprache entspinnen, die (soweit das denkbar ist) zur Klarheit

führt. Wenn aber der »Spiegel« diese Schattierungen in der Auffassung

anschaulich macht, und wenn er durch den stets beobachteten einigenden

Gesichtspunkt des Gewählten und die aus der Vielheit des Inhalts ganz

unverkennbar sich abhebende Einheit der Grundlinien die Wirkung hat,

eine als _Kunst_form nicht mehr nach Gebühr geachtete Erzählungsgattung

wieder in ihre Rechte einsetzen zu helfen, so ist sein Zweck erreicht.

Warum dieses Buch der Lebendigen dem Andenken eines seit langem Toten

gewidmet ist? Weil in der klaren, urwüchsigen Kraft der Hebelschen

Anekdoten ein zeitloser Wert an lebensstarker, herzhafter Kunst und

weltfrohem Menschentum steckt; weil wir Heutigen, die wir eigene Wege

gehen und gehen sollen, diesem deutschen Erzähler Dank und Achtung

schulden wegen der helläugigen Geradheit und aufrechten Schlichtheit

seiner Geschichten.

Es bleibt mir noch die gern erfüllte Pflicht, allen, Mitarbeitern und

Verlegern, die durch Beiträge und Nachdruckserlaubnis zu dem Buche

beisteuerten, auch hier herzlichen Dank zu sagen.

Bremen, im Januar 1918.

Karl Lerbs

Von allerlei Leuten

Der ungebetene schwarze Gast

Von _Paul Keller_

In einer schlesischen Stadt lebte ein Schornsteinfegermeister, der das

war, was man ein »gelungenes Huhn« nennt. Seine Streiche hatten von

Jugend auf immer etwas Kühnes gehabt, und da er ein wohlhabender Mann

war, konnte er seine angeborene Abenteuerlust auch auf nichtschlesische

Gegenden ausdehnen. Eines Tages kam der Schornsteinfeger auf einer

Sommerreise nach Friedrichshafen am Bodensee. Da erfuhr er, daß

am nächsten Tage die württembergischen Landtagsabgeordneten die

Luftschiffanlagen besichtigen und vom Grafen Zeppelin selbst geführt

werden würden. Nach der Besichtigung sollten die Herren im königlichen

Schloß bewirtet werden, der König und Zeppelin selbst würden dabei die

»Honneurs« machen.

In der Seele des schlesischen Schornsteinfegermeisters entstand sofort

ein kühner Plan. Er verschaffte sich eine passende Kleiderausrüstung

und mischte sich am nächsten Morgen mit der zuversichtlichsten Miene

der Welt unter die württembergischen Abgeordneten, ließ sich auch gar

nicht dadurch beirren, daß ihn dieser oder jener etwas »befremdet«

ansah, sondern »besichtigte« die Luftschiffanlagen und hörte den

Erklärungen Zeppelins mit regem Interesse zu. Nachmals, als er in sein

schlesisches Heimatstädtchen zurückgekehrt war, zeigte er voller Stolz

die Photographien, die in Friedrichshafen aufgenommen worden waren,

und auf denen unser Schornsteinfegerlein immer in dichtester Nähe von

Zeppelin stand. Auch die illustrierten Zeitschriften haben ihn damals

so verewigt.

An dem Tage selbst aber, als die »Führung« beendet war und die

gastronomischen Genüsse kamen, die Bewirtung, dachte unser Meister:

»Ich tue nichts Halbes; ich bleibe bei der Sache!« Er entwickelte

im Schloß, wo ein »zwangloses kaltes Büffet« aufgestellt war, einen

glänzenden Appetit; als er sich aber gerade einen Benediktiner zu

Gemüte führen wollte, tippte ihn jemand auf die Schulter und fragte

ganz leise: »Sie sind wohl ein blinder Passagier?«

Dunnerwetter, erschrak der Schornsteinfeger und begoß sich die Nase!

Aber der andere blinzelte ihm beruhigend zu und flüsterte im schönsten

Berlinerisch:

»Ick nämlich ooch!«

* * * * *

Diese Geschichte sieht so aus, als ob sie erfunden sei. Aber sie ist

buchstäblich wahr. Ich veröffentlichte sie damals. Der Schornsteinfeger

war außer sich, obwohl ich seinen und seines Heimatortes Namen

natürlich gar nicht genannt hatte. Nun, glaubte er, sei eine

hochnotpeinliche Untersuchung und seine Bestrafung außer Frage. Der

Brave ängstigte sich umsonst. Es kam eine Postkarte folgenden Inhalts

an mich:

»Friedrichshafen, den ...

Für die Mitteilung der köstlichen Geschichte von meinem

ungebetenen ›schwarzen Gaste‹ danke ich bestens.

Graf _Zeppelin_.«

Wie hat da der kühne Schornsteinfeger triumphiert! Und ich bin ganz

sicher: zu den Deutschen, die heute den Heimgang unseres geliebten

Zeppelin im tiefsten Herzen beklagen, gehört sein »ungebetener

schwarzer Gast«.

Eine Abelsberger Heiratsgeschichte

Von _Peter Rosegger_

Die Gallbeißerin zu Abelsberg war mit ihrem ersten Manne bereits

fertig geworden, hatte von ihm ein zwei Stock hohes Haus geerbt,

und die Kleider. Was kann eine Witwe mit den Kleidern ihres Seligen

machen? Sie kann mit den Kleidern ihres Seligen nichts Vernünftigeres

machen, als wieder einen Unseligen hineinzustecken. Ihren ersten Gatten

hatte sie aus Liebe geheiratet, aus Liebe zu seinem zweistöckigen

Hause. Nun ist es aber nicht wahr, was Poeten sagen, nämlich, daß der

Mensch nur einmal liebe. Im nachbarlichen Städtchen Neubrunn lebte

ein Kaminfeger, der Witwer war und nach einer Frau suchte, die ihm

bisweilen den Kopf wasche. Dieser Mann hatte sich ein drei Stock hohes

Haus zusammengefegt; die Gallbeißerin liebte ihn.

Der Bäckermeister zu Neubrunn, ein guter Bekannter der Gallbeißerin

und Freund des Kaminfegers, übernahm die Vermittlung und drückte

seine Freude darüber aus, daß hier zwei Häuser zusammenkämen, die

übereinandergestellt fünf Stock gäben! Bald ging die Verlobung vor

sich, zu welcher der Kaminfeger mit musterhafter Sorgfalt allen Ruß

von seinem Gesichte wusch, um darzutun, daß er noch fein glatt und

nicht alt sei; und zu welcher die Gallbeißerin ihr Gesicht mit etwas

verdünntem Karmin anstrich, um darzutun, daß sie fein und rot und noch

jung sei.

Alsobald nach der Verlobung begannen die Vorbereitungen zur Hochzeit,

wozu der brave Bäckermeister zu Neubrunn sein Möglichstes tat. Die

Gallbeißerin ließ sich ein den fünf Etagen entsprechendes Brautkleid

verfertigen; der Bräutigam aber holte sich aus irgendeinem hohen

Schornsteine eine Lungentzündung herab und legte sich damit zu Bette.

Mittlerweile war das Brautpaar auf den Kanzeln zu Abelsberg und

Neubrunn feierlich verkündet worden; zu Neubrunn nach dem dritten

Aufgebote hatten die Kirchenmusikanten sogar mit Trompeten und Pauken

einen schallenden »Tusch« aufgeführt, weil der Bräutigam seinerzeit

auf dem Chore mitmusiziert hatte. Der Arzt jedoch war der Ansicht,

daß die Hochzeit zu verschieben sei, erstens, weil der Bräutigam noch

nicht gesund, und zweitens, weil er todkrank wäre. Man stelle sich

den Schmerz der Braut vor, als sie solchermaßen das dreistöckige

Haus in Gefahr sah. Sie beschwor den Arzt, alles aufzubieten, um zu

retten, was zu retten sei, und sie besprach sich mit dem Bäckermeister,

ob nicht der Ehevertrag sofort könnte ausgefertigt werden? was der

Meister bejahte und ein Übereinkommen auf Gütergemeinschaft sehr

befürwortete. Es geschah, aber der Notar, wie solche Leute schon in

allem auf das Umständliche und Verwickelte hinausspielen, schrieb unter

den Ehevertrag als letzte Klausel: »Dieser Kontrakt tritt mit der

kirchlichen Trauung obengenannten Paares in Gültigkeit.«

Der Tag der Trauung war da, der hochzeitliche Festsaal, Küche und

Keller waren bereit, aber der Arzt erklärte die Trauung in der Kirche

für unmöglich, da eingetretenen Symptomen nach der Bräutigam nur noch

wenige Stunden mehr zu leben habe.

»Ist denn nicht _ein_ Stock mehr zu retten?« wimmerte die Braut und

sank auf den Lehnstuhl. Bald hernach stürzte sie hin ans Bett und rief:

»Mein Geliebter, mein Einziger, ich will dein Weib oder deine Witwe

sein. Noch in dieser Stunde soll uns der Pfarrer trauen!« Der Kranke

faßte gerührt ihre Hand und dankte für ihre Lieb' und Treue. Aber er

wisse nicht, ob er das Opfer annehmen dürfe.

Es _sei_ kein Opfer! rief sie, und auch der Bäckermeister legte sich

ins Mittel, daß der Kranke den Willen zur Trauung im Bett gebe und

somit der Herzenswunsch beider erfüllt werde, es gehe dann aus, wie

Gott es wolle.

So wurde, da alles so weit gediehen war und keinerlei Hindernisse mehr

obwalteten, die Trauung »einfach und würdig«, wie die Gallbeißerin es

wünschte, am Krankenbette vollzogen. Die Hochzeitsgäste, an der Spitze

der Bäckermeister und die Braut, begaben sich hierauf vom Krankenbette

weg in den Gasthof zum Festmahle, bei dem es gar heiter herging, die

Braut viel mit Wein verehrt und sogar der Sterbende leben gelassen

wurde.

Sie waren gerade beim Schaumwein, den der noble Bäckermeister

beigestellt hatte, und bei welchem wieder wacker angestoßen werden

sollte, als die Nachricht kam, der Bräutigam sei ruhig im Herrn

entschlafen.

Die Braut flennte eins und dachte bei sich: Ach, was bei solchen

Gelegenheiten die Zeremonien lästig sind!

Am anderen Morgen, während auf dem Turme die Totenglocken klangen,

bestieg die Gallbeißerin tränennassen Auges ihr ererbtes Haus bis in

den dritten Stock. Den an Zins rückständigen Parteien der Dachkammern

kündete sie die Wohnung, dann stieg sie, getragen von dem Nimbus des

Schmerzes, wieder zur Erde nieder.

Am Haustore erwartete sie der Bäckermeister, noch ein bißchen

übernächtig, aber nichtsdestoweniger nüchtern. Er zog sie mit zurück in

den Flur, er habe mit ihr eine kleine Angelegenheit zu besprechen.

Es wäre wohl allzufrüh, an diesem Tage schon! lispelte sie, das Auge

zu Boden schlagend. Er aber meinte, es gebe Angelegenheiten, die

nicht früh genug ins reine gebracht werden könnten. Er sei von jeher

ein Mann der Ordnung gewesen, und auch sie, die Gallbeißerin, kenne

er von dieser höchst ehrenwerten Seite. Er habe -- und damit zog der

Bäckermeister ein Papier aus der Tasche -- einen Schuldbrief in der

Hand, nach welchem er vor einundzwanzig Jahren dem Kaminfeger Ignaz

Kratzer, nunmehr ihrem seligen Gatten, eine Geldsumme geliehen habe;

diese Summe sei im Laufe der Zeit durch den vereinbarten Zinsfuß auf

mehr als fünfundzwanzigtausend Gulden angewachsen. Dieses dreistöckige

Haus sei unter Brüdern kaum sechzehntausend Gulden wert, ein anderes

Vermögen sei nicht da, und es freue ihn -- den Bäckermeister --, daß

sein ehrenwerter, nunmehr heimgegangener Freund vor seinem Tode noch

einen so schönen Ausweg gefunden habe, seiner Pflicht gerecht zu

werden. Er sei überzeugt, die Witwe und Erbin werde das Andenken des

Verstorbenen dadurch ehren, daß sie -- wozu er bereits die amtlichen

Wege zu betreten sich erlaubt habe -- ehebaldigst den von ihrem

Eheherrn unterzeichneten Schuldschein einlöse. In neue Schulden wolle

er sie nicht stürzen, sondern erkläre sich in Gottes Namen mit den

beiden Häusern für zufriedengestellt.

So sagte er, der Schuldbrief war nicht abzuleugnen, und nun kamen für

die Gallbeißerin Tage des wirklichen Schmerzes.

Es wäre unerquicklich, ihre Zornausbrüche wiederzugeben, sie führten

auch zu nichts. Die beiden Häuser mit den fünf Stockwerken fielen dem

Bäcker zu, der diese Heirat schlau nur veranstaltet hatte, damit sich

das Vermögen des Kaminfegers vergrößere und somit er zu seinem Gelde

gelange.

Die Welt war von jeher schlecht und ist in Abelsberg und Neubrunn nicht

besser, als anderswo. Die Gallbeißerin hat daher zum Schaden auch noch

den Spott. Der Erzähler wünscht ihr nichts Schlechtes, sagt aber das:

Wem auf dieser Erde das Geld die Hauptsache ist, und so weiter. -- Der

Bäckermeister soll's auch bedenken!

Ein Wiedersehen

Von _Rudolf Huch_

Als ich noch zu den jüngeren Rechtsanwälten gehörte, kam einmal ein

Mann aus Braunschweig zu mir, der wirklich Schulze hieß. Er war

ein älterer Mann, kam auf einem Rade gefahren und trug eine runde

Radfahrermütze mit einem bunten Stern. Das gefiel mir nicht. Er wollte

einen Prozeß führen. Ich sagte, daß er ihn zur Hälfte gewinnen und zur

Hälfte verlieren würde. Er wollte das nicht glauben, es kam aber doch

so. Als er einmal wieder sehr lange bei mir gesessen und das Gegenteil

bewiesen hatte, erklärte ich ihm, ich brauchte das alles nicht,

sondern nur eine Erklärung auf den letzten Schriftsatz des Gegners. Er

behauptete, eben darüber hätte er sich seit einer Stunde verbreitet.

»Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn!«

Seine Augen quollen auf eine beängstigende Art hervor, er verzog sich

rückwärts aus der Tür und kam nicht wieder.

Wenigstens erst nach drei Jahren. Ich war von der Herzogstraße in eine

andre Wohnung gezogen und hatte mir einen Bart stehen lassen. Herr

Schulze wollte wieder einen Prozeß führen, und zwar einen großen. Unsre

Bekanntschaft erwähnte er nicht und ich auch nicht.

Diesen Prozeß gewann er, aber als das Urteil rechtskräftig war,

meldete der Schuldner Konkurs an. Ich mußte Herrn Schulze auch im

Konkurse vertreten, obwohl ich ihm sagte, das könne er selbst. Der

Gemeinschuldner bot einen Vergleich mit fünfundzwanzig Prozent an. Ich

sagte, dreißig müßten es sein, worauf er antwortete, dann wolle er

dreißig zahlen. Damit war meine Tätigkeit beendet. Die fünf Prozent

kamen allen Gläubigern zugute, meine Kosten mußte Schulze natürlich

allein tragen. Er kam selbst, um das Geld zu bringen.

Ich sagte einigermaßen befangen: »Es hat sich recht aufgesummt!«

»Bitte sehr,« erwiderte er höflich. »Man zahlt gern, wenn man so gut

aufgehoben ist. Ich hatte vor drei Jahren hier am Orte einen Prozeß.

Damals vertrat mich Ihr Kollege, der auf der Herzogstraße wohnt, ich

weiß nicht mehr, wie er heißt. Der Mann konnte mir nicht imponieren!«

-- »Herr Schulze,« sagte ich, »das war ja aber lauter Unsinn, was Sie

mir damals sagten!«

Herr Schulze gab keine Antwort. Seine Augen quollen auf eine

beängstigende Art hervor, er verzog sich rückwärts aus der Tür und kam

nicht wieder.

Engelbert Meisenheimers Kriegsbeute

Von _Heinrich von Schullern_

Engelbert Meisenheimer, der uralte Radetzkyveteran, ist nun auch

gestorben. Er war einer der »Salzburger Edelknaben«, die einst Brescia

bezwangen. Dabei will gerade er sich löwenkühn benommen haben. Das hat

seine eigene Bewandtnis.

»Nur die Liebe zu meiner jetzt im Herrn ruhenden Alten«, pflegte

er noch in den letzten Lebensjahren zu erzählen, »war größer als

die Ehrfurcht von unseren Generalen. Denken Sie nur, die Kathi ist

meine Braut gewesen, den ganzen langen Krieg hindurch. Den reichen

Obergugginger Franz hat sie ausgschlagen und geduldig auf mich armen

Korporal gwartet. Ich war immer der Überzeugung, so etwas muß belohnt

werden. Gold und Edelsteine haben andere aus Feldzügen mitgebracht.

Bei Vater Radetzky aber -- das ist uns gleich gsagt worden -- war die

Plünderei verboten. Recht so, hab ich gedacht und auch gut gheißen,

wie unser Haynau mit dem Galgen gedroht hat. Es war grimmig schlecht

von mir, daß ich in Brescia seinem strengen Befehl zuwiderghandelt

habe; aber es war auch meine größte -- Heldentat. Unter Haynau über

die Welschen siegen, war eine Kleinigkeit, ein Kinderspiel. Seine

strengen Befehle übertreten, diesem fürchterlichen Mann Trotz bieten,

das hab nur ich und der Feldwebel Überacher Quirin vom Ersten Bataillon

zusammengebracht. Er tragt die Hauptschuld, er hat mich überredet.

In einem Haus, aus dem sie tagsvorher siedendes Wasser hektoliterweis

auf uns gschüttet haben, da drin ist der Quirin auf ein riesiges --

Handschuhlager gstoßen. Ich hab mich lang gesträubt mitzutun. Aber

Handschuh waren immer ein Traum meiner Kathi. Wie eine Gnädige hab' ich

sie schon gsehn herumgehn. -- Ich hab zwei Tag lang gekämpft mit mir

selber, dann, na, dann hab ich halt eine Schachtel feine Damenhandschuh

gepackt, eine einzige bloß. Die ist freilich gut versteckt worden! Und

eine Angst hab ich ghabt, daß s' mir dahinterkommen! Der ärgste Jammer

hat angfangen, wie wir nach Verona zurückmarschiert sind. Ich hab die

leere Schachtel bei Nacht weggworfen und die Handschuhpakete, in lauter

Fußfetzen und Socken eingemacht, in den Tornister gstopft. Wie's der

Überacher mit seinen vielen Sachen gmacht hat, hab ich damals nicht

gwußt. Der ist vor mir schon mit seinem Bataillon abmarschiert. Nur das

weiß ich, daß ich mich schrecklich schwer getan hab, meine Leibesbagage

auf dem Kompagniewagen vor dem Herrn Hauptmann zu verstecken. In

Verona, in Vicenza und Treviso hab ich keine Nacht gut gschlafen. Nur

der Gedanke an die Riesenfreud der Kathi, das war mein einziger Trost.

Wie wir dann viele Wochen vor Venedig glegen sind -- es ist gar

nicht zum sagen, was für Ängsten ich wegen der verflixten Handschuh

ausgstanden hab. Wenn ich nur nicht der Kathi schon hätt' gschrieben

ghabt, daß ich ihr etliche Paar Handschuhe 'kauft hab, alle wären

sie ins Adriatische Meer gflogen, die gottunseligen Dinger. In den

Laufgräben von Malghera ist mich auch noch das Fieber angekommen. Ich

hab immer nur die Handschuh im Kopf ghabt. ›Nur nicht ins Lazarett!‹

hab ich immer gjammert und getan, als ob ich gsund wär. Ich hab's

überwunden, die Krankheit, aber nachgschlichen ist's mir bis Padua und

Verona. Der Regimentsarzt hat immer gsagt, das Lagunenfieber steck'

wohl noch in mir; aber es war doch mehr die Angst und Schlaflosigkeit

wegen die Handschuh, die mich ganz heruntergebracht hat. Es ist auch

immer schlechter worden. Die ewige Angst, die Gewissensbisse! Ist mir

nämlich berichtet worden, daß s' dem Überacher bald auf seinen Raub

gekommen sind. Den Kopf hat er nicht verloren, aber -- die Charge auf

ja und nein. Und Stockprügel hat er auch bekommen, das höchste Maß. Ich

einst so ehrsamer Junggeselle war gleich ihm ein elender Plünderer! Aus

Liebe, nur aus Liebe zu meiner Kathi!

Endlich hat es gheißen, ich komme wegen allgemeiner Schwäche

einstweilen einmal in meine Heimat zurück. Drei Nächt' hab ich drüber

nachgedacht, wie ich's machen soll, daß man mir zu guter Letzt nicht

noch bei der Abreise auf die grausam teuren Handschuh kommt. Aber es

ist gut gegangen.

Wie ich z'Haus angekommen bin, hab ich meine Kathi a wenig im

Vorbeigehn abbusselt und ihr's Paket gebn, das große Paket. Die

hat grad so herausglacht vor lauter Freud. Drei Dutzend feine

Damenhandschuh! Dann bin i schnell zu mei'm alten Vater und gleich

wieder zur Kathi zruck, daß ich ihre Riesenfreud auch mitgnießen kann.

Aber was war das? Die Handschuh sind am Boden herumglegen, und die

Kathi hat sich vor lauter Weinen nimmer derfangen können.

›Ja, was ist's denn, sans leicht verruiniert vom Lagunenwasser?‹

›Na, na -- dös net -- dös -- net!‹

›Oder sans z' klan oder z' groß?‹

›Na, na, dös net -- dös -- net!‹

›Ja, was ist denn nachher, in Kreuzteufelsnam?‹

›Uhuhu,‹ heult sie da, ›i kann s' net brauchn, es hand ja grad allszamm

lauter -- linksseitige!‹«

Das Protokoll

Von _Wilhelm Scharrelmann_

Ein Abbé erzählte einst folgende merkwürdige Geschichte:

»Ich hatte vor einigen Jahren durch das Spiel des Zufalls das

Vergnügen, hier in Paris einen Jugendfreund wiederzutreffen, der

mir seit langem nicht mehr zu Gesicht gekommen war. Allerdings, der

zarte Hauch inniger Freundschaft, die uns einst verbunden, ließ

sich nicht wieder erwecken, doch wurde unser Verhältnis herzlicher

und vertraulicher, als es sonst zwischen Bekannten zu herrschen

pflegt, und ich hatte genügend Gelegenheit, die Wunderlichkeiten und

zeitweise verrückten Launen, die sich bei Herrn de P. mit den Jahren

eingestellt hatten, kennen zu lernen, denn, unter uns gesagt, er war

ein sehr merkwürdiger Kauz geworden, der seine Bekannten oft dermaßen

düpierte, daß die meisten immer weniger Gefallen an seinem Umgang

fanden und Herr de P. darum mit jedem Tag mehr vereinsamte. Ich bin

sogar der Meinung, daß auch seine Verwandten ihn gänzlich sich selbst

überlassen hätten, wenn nicht sein Reichtum und die zu erwartende

Erbschaft sie bewogen hätte, seine Bosheiten und Wunderlichkeiten mit

einem stoischen Gleichmute lächelnd zu ertragen. Er war ein alter

Hagestolz, und die Frauen waren ihm so verhaßt, daß er selbst den

Besuch weiblicher Verwandter stets übel nahm. Sein Haushalt war so

einfach wie möglich. Ein Kammerdiener versah seine ganze Bedienung,

und trotz seines Reichtums waren seine Ansprüche mehr als bescheiden.

Seine Vereinsamung und eine heimtückische, schleichende Krankheit

machten ihn vollends zum Hypochonder, und seine Gesellschaft wäre

gewiß eine unerträgliche gewesen, wenn er nicht durch Geist und Witz,

sowie durch große Schärfe des Verstandes den Mangel an Herz und Gemüt,

der in allem, was er sagte, zutage trat, in etwas ersetzt hätte. Mit

den Jahren und der immer zunehmenden Krankheit (er litt an einer

Arterienverkalkung) verdüsterte sich sein Sinn mehr und mehr. Er

fürchtete den Tod, trotzdem er sich oft darin gefiel, dieses letzte

und größte Mysterium unseres Lebens zu verspotten. Eines Tages ließ er

mich zu sich rufen und empfing mich, in seinem Bette liegend, mit den

rasch hervorgesprudelten Worten: »Ah! Mein lieber Abbé! Ich möchte Sie

bitten, einige Stunden am Lager eines Sterbenden zu verweilen. Ich

bin bereit, Ihnen das Schauspiel meines Abganges von dieser elendesten

aller Welten recht interessant zu machen. Aber bitte, nehmen Sie

Platz! Jean soll Ihnen eine Bouteille bringen, und es soll Ihnen ganz

gewiß an nichts fehlen, wenn Sie mir versprechen wollen, mich drei

Stunden lang nicht zu verlassen! In den nächsten drei Stunden werde

ich nämlich sterben und habe mir vorgenommen, die etwaigen Schrecken

des Todes dadurch zu bannen, daß ich jede Phase meines Absterbens mit

kaltem Blute verfolgen werde. Sie, lieber Abbé, müssen Protokoll über

meine Beobachtungen führen, und wenn Sie sagen wollen, daß es eine

langweilige Beschäftigung für Sie sein wird, so bedenken Sie doch, daß

es der Wissenschaft von großem Nutzen sein wird, eine genaue, sozusagen

autorisierte Darstellung der Vorgänge beim Tode eines Menschen zu

erhalten. -- Jean!« Er klingelte. »Bringen Sie eine Flasche Burgunder!

Keine Widerrede, Abbé! Diese Flasche sollen Sie auf das Gelingen meines

Planes trinken.«

Ich war über diesen unerwarteten Empfang so verdutzt, daß ich verlegen

Platz nahm und in einiger Verwirrung entgegnete, daß ich gern drei

Stunden in seiner Gesellschaft verweilen wolle, aber die feste

Zuversicht habe, ihn dann gesunder denn je wieder verlassen zu können,

da mir die gute Farbe seiner Wangen, sowie sein frisches Aussehen

überhaupt --

»Keine Widerrede! Lieber Abbé, ich sterbe ganz gewiß und bin so fest

davon überzeugt, daß ich eine Wette von zehntausend Franken darauf

eingehen würde, wenn ich nicht über mein gesamtes Vermögen vor einer

Stunde bereits endgültig Verfügung getroffen hätte. Meine Vaterstadt

wird mir dankbar sein.« »Und Ihre Verwandten?« wagte ich zu bemerken,

nicht ohne die Befürchtung, seinen Zorn zu erregen. »Pah!« rief er und

sah mich pfiffig an. »Glauben Sie, lieber Abbé, es mache mir Vergnügen,

nach meinem Tode von den Flüchen dieser lieben Leute verfolgt zu

werden, wenn ich nicht der Meinung wäre, daß es ihnen eine Wohltat

sein muß, durch eine energische Anregung ihrer Galle einer allgemeinen

Säfteverderbnis entgegenzuwirken, die schon manchem unheilvoll geworden

ist?«

In diesem Augenblicke brachte der Diener eine Flasche Burgunder, und

ich bat Herrn de P. sehr, doch ein Glas mit mir zur Gesellschaft und zu

seiner Stärkung zu trinken.

»Nein, nein!« rief er da. »Der Wein könnte in diesem Augenblick nur

meine Sinne verderben und abstumpfen. Ich bin schon genötigt, aus Liebe

zur Wissenschaft dieses Opfer zu bringen. Ich möchte Sie aber bitten,

lieber Abbé, nehmen Sie Ihr Notizbuch, damit wir sofort die ersten

Anzeichen des beginnenden Todes protokollarisch festhalten können und

nichts uns entgeht. Also schreiben Sie bitte: Am 17. April 1900, abends

neun Uhr. Ohne sich beschwert zu fühlen von dem Gedanken des nahen

Todes, gibt Patient im voraus an, in drei Stunden etwa zu sterben. Der

Patient fühlt sich im allgemeinen wohl und wünscht allen Sterbenden die

gleiche schmerzlose Ruhe und Gelassenheit.«

»Aber mein lieber Freund,« unterbrach ich ihn hier, »ich war der

Meinung, daß es sich hauptsächlich um psychologische Feststellungen

handeln solle. Wenn Ihre Beobachtungen aber physiologischer Natur sein

sollen, täten Sie doch besser, einen Mediziner zu Rate zu ziehen?«

»Um Gottes willen nicht, Abbé!« rief er nun voller Verzweiflung.

»Kommen Sie mir nicht mit einem Arzt! Ich bin sicher, nicht einmal

diese drei Stunden mehr zu leben, wenn er die Stube betritt! Der

Anblick eines solchen Mannes würde mich nervös machen und mir dadurch

alle Ruhe rauben, die zur Selbstbeobachtung unbedingt nötig ist.«

Was blieb mir anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu

machen? Überzeugt, daß er sich mit mir einen Spaß erlaube, wie er

schnurriger kaum ausgedacht werden könne, nahm ich Papier und Tinte

und machte die angedeuteten Notizen. Dann griff ich nach meinem Glase

Wein und war nun entschlossen, den närrischen Kauz nicht weiter vom

Sterben zurückzuhalten. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! sagte

ich mir und fand die Situation komisch genug, um mich durch innere

Heiterkeit für die verlorene Zeit schadlos zu halten. Wir plauderten

nun eine ganze Weile, und nichts schien meinen Freund an den Tod zu

mahnen, als plötzlich die Uhr schlug. Schreckensbleich wandte er sein

Gesicht mir zu und flüsterte, kaum, daß der letzte Schlag verklungen

war: »Notieren Sie: zehn Uhr. Ein ganz leichter Krampf stellt sich

ein, die Atmungsbewegungen machen Schwierigkeiten. Das Herz fängt an,

unregelmäßig und ruckweise zu schlagen. Aber der Sinn des Patienten

bleibt ruhig und gefaßt!«

Ich notierte gewissenhaft und las ihm die protokollierten Sätze wieder

vor.

Nach einigen Minuten schien er seine Fassung wiedergewonnen zu haben,

so daß er die Unterhaltung, die sich um die Frauen gedreht hatte,

wieder aufnehmen und in seinen Schmähungen über das zarte Geschlecht

fortfahren konnte. »Alles Unglück der Welt«, philosophierte er, »kommt

von den Weibern. Lieber Abbé, trauen Sie nie einem Frauenzimmer. Sie

dürfen überzeugt sein, daß Treue und Weiberherzen die heterogensten

Dinge der Welt sind.« Ich kann mich nicht mehr auf jedes seiner Worte

besinnen, aber man kann sich ruhig darauf verlassen, daß alle auf

diesen und ähnlichen Grundlagen aufgebaut waren.

Als dann die Uhr zum zweiten Male schlug, wiederholte sich der

Vorgang von vorher, nur in noch drastischerer Weise. Er klapperte

mit den Zähnen vor Angst, wie ein Verurteilter, der zum letzten Gang

hinausgeführt wird, und war von dem Gefühl so beherrscht, nun nur noch

eine Stunde zu leben, daß er mich mit angstvollen Augen anstarrte und

dann ausrief, als die elf silbernen Schläge verklungen waren: »Notieren

Sie, Abbé! Eine Stunde vor dem Tode: Eine Schwere nimmt allmählich alle

Glieder gefangen. Atmung und Pulsschlag werden langsamer. Der Geist ist

frischer als je, und nur auf der Brust lastet ein unerträglicher Druck!«

Als ich von meinem Papier aufblickte, bemerkte ich, daß er aschbleich

geworden war. Er lag da in seinen Kissen, wie ein tatsächlich dem

Tode Verfallener, und ich machte mir nun doch Gedanken wegen seines

Zustandes. Alle meine Mühe, ihn auf den Ton der harmlosen Plauderei von

vorhin zurückzubringen, war vergeblich, und er unterbrach mich mit

den Worten: »Abbé! Wenn Sie meinen, daß ich den Tod fürchte, so irren

Sie sich! Ich weiß, daß ich um Mitternacht sterben werde (der Himmel

mag wissen, _woher_ er es wußte), und es wäre lächerlich, wenn ich

Anstrengungen machen wollte, mich meinem Fatum zu entziehen. Glauben

Sie mir, daß ich kein Verlangen trage, meine Sünden zu beichten, da

ich hoffe, in Kürze vor einem größeren Beichtvater zu stehen. (Es

war rührend, wie er dies sagte.) Ich weiß, daß dieser erbärmliche

Leib, der mir durch seine Unvollkommenheit nichts als Schmerzen und

Ungelegenheiten bereitet hat, bestimmt ist, zu vergehen. -- Was soll

ich darüber Angst oder Trauer empfinden? Wo meine Seele bleibt, wenn

sie den Körper verlassen hat, vorausgesetzt, daß ich ein solches Unikum

überhaupt besitze, -- steht nicht in meiner Macht zu bestimmen. Dagegen

habe ich alle Anordnungen, die mein Begräbnis betreffen, bereits

getroffen, sie sind mit in mein Testament aufgenommen, und ich brauche

darüber keine Worte weiter zu verlieren.« Dann sah er einen Augenblick

die Wand an und sagte mit leiser Stimme: »Lieber Abbé! Glauben Sie,

daß es ein Wiedersehen gibt?« Als ich bejahte, fuhr er mit bitterem

Spott fort: »Ich habe durchaus nicht den Wunsch, die Verwandten oder

Bekannten, die mir bereits im Tode vorausgegangen sind, wiederzusehen.

Aber schließlich ist es auch gleichgültig.«

Je näher aber der Zeiger der Zwölf auf dem Zifferblatt rückte, desto

unruhiger wurde er. Er starrte die Uhr an, zuckte mit den Augen und

schwieg eine ganze Zeit. Ich gab mir die erdenklichste Mühe, ihn auf

andere Gedanken zu bringen. Ich fing an, ihm einige Tagesneuigkeiten

zu erzählen. Er gebot mir zu schweigen. Ich lachte krampfhaft, machte

Radau im Zimmer, riß die Vorhänge auf und ließ frische Luft herein: Er

sagte mir mit leiser Stimme, daß ich sein einziger Freund sei und er

von mir erwarte, daß ich im Zimmer eines Sterbenden Ruhe bewahre und

mein Wort halte, seine letzten Beobachtungen aufzuzeichnen. Ich muß

gestehen, in diesen Augenblicken glaubte ich, mein guter Freund sei

nun wirklich verrückt geworden. Ich hatte bisher alles, was geschehen

war, als eine Eingebung seiner ewig tollen Laune aufgefaßt und sah nun,

daß es ihm blutiger Ernst zu sein schien. Der Arme mußte entsetzliche

Qualen ausstehen. Ich wußte wirklich nicht, was zu tun war. Er beschwor

mich, niemanden zu rufen. Er trage Verlangen, in Ruhe zu sterben,

auch sei alle Hilfe ganz gewiß unnütz. Statt dessen möchte ich doch

notieren. Und ich notierte: »Der Zustand des Patienten ist beklommen.

Der Puls schlägt schwach und ist kaum hörbar. Die Füße werden kalt.

Im Nacken macht sich eine Steifheit bemerkbar, die in schmerzhafte

Kontraktionen der Nackenmuskeln übergeht. Lichtempfindung geschwächt.

Gehör ausgezeichnet. Die Kontraktionen der Nackenmuskeln nehmen mit

jeder Minute zu. Die Kälte steigt langsam aufwärts. Nun! Jetzt!

Abbé! Eine schwarze Riesenfaust streckt sich langsam, langsam nach

mir aus. Sie preßt mir die Brust zusammen, der Atem stockt mir! Luft!

Lieber Abbé! Luft!«

Es war nun einige Minuten vor zwölf. Ich sah mit unbeschreiblichem

Grauen, daß ihm plötzlich die Fähigkeit, weiterzusprechen, genommen

war. Sein Gesicht war blaufahl, und die Lippen hingen schlaff und

willenlos herab.

»Um Gottes willen,« rief ich aus, »was ist Ihnen?« Er versuchte zu

lächeln, was einen schrecklichen Anblick gewährte, da sich nur seine

rechte Gesichtshälfte zu einem Lächeln verzog. Er bedeutete mir durch

ein Zeichen, seinen Puls zu kontrollieren. Ich kam seinem Wunsche nach,

setzte mich auf den Bettrand und sah ihm in die Augen. Da schlug die

Uhr. Beim ersten Tone der feinen Glocke zuckte er leicht zusammen, sah

mich mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an und starb. _Starb_, meine

Herren! Programmäßig, auf die Minute!«

»Nun,« sagte ein Herr lachend, der dem Abbé am nächsten saß, »an irgend

etwas muß doch der Mensch zugrunde gehen, und sei es auch an seinen

eigenen Einbildungen!«

»Auch ich bin überzeugt, daß es eine Art von Selbstmord war, den

Monsieur de P. an sich beging,« sagte der Abbé. »Ich habe mir nachher

viele Mühe gegeben, zu erfahren, woher er die fixe Idee hatte, daß er

gerade an diesem Tage und zu dieser Stunde sterben werde. Ich wüßte

nicht, daß er jemals abergläubische Anwandlungen gehabt hätte! Wie

gesagt, das ist mir rätselhafter geblieben als sein Tod!«

In einem Seminar -- --

Von _Felix Freiherr von Stenglin_

Es war zur Zeit, als die Prüfungsarbeiten der Seminaristen bevorstanden.

In diesen Jünglingen gärte es wie in jungem Wein. Am Tore des Lebens,

in dem sie nie geahnte Taten zu vollbringen gedachten, empfanden sie

mit Grimm den täglichen Zwang, dem sie noch immer ausgesetzt waren, und

gelegentlich brach sich die Urnatur in rücksichtslosester Weise Bahn.

Einige Lehrer (aber sehr wenige) ließen sie gelten, andere sahen sie

als ihre persönlichen Feinde an. Der Direktor aber war in ihren Augen

ein Pedant, dem sie mit Vergnügen den größten Schabernack gespielt

hätten. Ein Pedant! Was lag alles in diesem Worte!

Ihre Vorgänger hatten es ähnlich getrieben wie sie. Besonders hatte

man auch früher schon alle List und Tücke daran gesetzt, sich vor

dem Examen die Prüfungsarbeiten zu beschaffen, denn so kühn und

selbstbewußt diese jungen Leute auch in die Welt sehen mochten, bei

der Prüfung vertrauten sie doch lieber sicheren Tatsachen, als der

unbestimmten eignen Kraft.

Das Dienstmädchen des Direktors war in diesen Zeiten eine umworbene

Persönlichkeit. Diesmal gelang es einem gewissen P., zarte Beziehungen

zu ihr anzuknüpfen und sich die Schlüssel zu dem Zimmer des Direktors

zu verschaffen. Er geht über Leichen, sagten seine Kameraden von ihm.

Der Schreibtischschlüssel lag an einem bestimmten Platze, das hatte man

herausbekommen; es galt also nur, unbemerkt einzudringen, die Aufgaben

abzuschreiben und alsbald wieder zu verschwinden.

In der Nacht schlich also P., mit einer Blendlaterne und einem

Notizbuch bewaffnet, in das Allerheiligste. Er fand den Schlüssel zum

Schreibtisch, öffnete das inhaltreiche rechte Schubfach, entnahm ihm

ein Päckchen mit Papieren -- und siehe da, obenauf lag der Zettel mit

den Aufgaben. Der »Pedant« war also immer noch nicht vorsichtig genug

gewesen!

Mit fliegender Hast schreibt der Eindringling beim Schein der

Blendlaterne die Aufgaben ab. Schon ist er bis ans Ende gelangt, als

er Schritte hört. Schnell wirft er die Papiere wieder ins Schubfach,

schiebt es zu, legt den Schlüssel fort, löscht die Blendlaterne und

will entfliehen. Er hat aber nur noch so viel Zeit, unter den großen

Tisch in der Mitte des Zimmers zu kriechen, dessen Decke fast bis auf

den Fußboden reicht. Die Tür öffnet sich; ein Licht in der Hand, in

einem großen Schlafrock, schlurft der Direktor über die Schwelle. P.

ist ganz von der Decke verborgen und verhält sich mäuschenstill.

Der Direktor bleibt stehen und sieht sich um. Er scheint zweifelhaft zu

werden, ob er wirklich etwas gehört habe. Der Seminarist glaubt schon,

die Gefahr sei vorüber, als der Zipfel der Tischdecke leise hochgehoben

wird, und das Licht sich dem Fußboden nähert. Schnell pustet er es aus.

Der Direktor wirft den Leuchter fort und packt den Eindringling gerade

noch, als er entwischen will. Der will sich frei machen, und es kommt

zu einem stummen Ringen Mann gegen Mann. Es widersteht dem Direktor,

Hilfe herbeizurufen. Daß er sich hier mit einem Seminaristen balgt,

darf nach seiner Meinung nicht an die große Glocke gehängt werden, es

wäre blamabel. Aber er fühlt, daß seine Kräfte nachlassen, und daß der

junge Mensch ihm im nächsten Augenblick entgleiten wird. Und wie dann

den Täter herausbekommen? Da hat er den glücklichen Einfall, ihn mit

den Nägeln der rechten Hand im Gesicht zu zeichnen, er kratzt ihm ein

paar scharfe Striemen über die linke Wange. Dann läßt er ihn laufen.

Am nächsten Morgen im Betsaal nähert sich der Direktor von links her

der Reihe der Prüflinge. Da geht ein teuflisches Lächeln über seine

Züge. Im linken Flügelmann hat er den Täter entdeckt. Doch gleich

darauf erstarren seine Züge zu Stein -- --

Alle Prüflinge ohne Ausnahme haben drei Nägelspuren auf ihrer linken

Wange.

Die größte Kirche der Welt

Von _Wilhelm Schussen_

Heute hat mir jemand eine Geschichte erzählt, die erst gestern passiert

sei. Sie lautet:

Ein Mann mit Halalihut, Rucksack und kurzen Hosen, der einem Schwarm

lärmender Ausflügler voranging, sagte scherzend zu einem ihm bekannten

alten Pfarrer:

»Guten Tag, Herr Pfarrer. Wie schön, daß ich Sie wieder einmal treffe!

Ich habe Sie, wenn ich mich recht erinnere, seit Jahren nimmer gesehen.«

»Ist meine Schuld nicht,« lächelte der Pfarrer.

»Aha, ich verstehe. Sie wollen damit sagen, daß ich nie zur Kirche

komme,« entgegnete fröhlich der Mann mit dem Halalihut und paffte ein

paar kräftige Züge aus seiner Kurzpfeife.

Der Pfarrer nickte leise.

Unterdessen hatte sich der ganze, laute Lustverein um die beiden

Plauderer versammelt. Auch einige Radfahrer, die in diesem Augenblick

daherjagten, stiegen neugierig von ihren Gäulen ab. Und zu guterletzt

machte noch ein vollgepfropfter Kraftwagen mit einem vornehmen Inhalt

an der Stelle halt.

»Ihre Kirche ist eben leider zu klein, zu eng und zu beschränkt,« nahm

der Mann mit dem Halalihut wieder das Wort.

»Heute vormittag war sie es jedenfalls nicht; denn sie war mehr als zur

Hälfte leer,« widersprach der greise Pfarrer.

»Aber sie ist trotz alledem zu klein. Ich kenne eine viel, viel

größere, schönere, weitere und herrlichere Kirche als die Ihrige, Herr

Pfarrer, eine Kirche, die ohne Zweifel die wunderbarste und größte

der Welt ist.« Und der Mann im Halalihut hob seinen Bergstock in die

Höhe und beschrieb damit einen Halbkreis in der Luft. »Eine Kirche,

Herr Pfarrer, vom größten aller Architekten erbaut, himmelhoch und

wundervoll und zur Andacht geschaffen, wie keine andere. Kennen Sie

diese Kirche, Herr Pfarrer?«

Der neugierige Lustkreis um die beiden war jetzt so stille, daß einer

den anderen atmen hörte.

»Nein,« gab der alte Pfarrer zur Antwort, obwohl er sich schon einiges

denken konnte.

»Nicht?« rief der launige Mann im Halalihut aus, »so will ich es Ihnen

sagen, Herr Pfarrer.« Und noch einmal stieg der lange Bergstock ins

Blaue hinauf.

»Es ist die Natur, Herr Pfarrer. Ist sie etwa nicht die größte,

wunderbarste, von Gott selbst gebaute, einzige Kirche, zum wahren Gebet

und zur wahren Andacht geeignet wie keine andere?«

Der Schwarm der Umstehenden aber gab jetzt eine Beifallssalve ab, daß

die Lerchen aus den Lüften fielen. Einige der jungen Leute warfen dazu

die Hüte in die Höhe, und die Fräulein hoben ihre bunten Feldsträuße

empor. Ein vom Wein angesäuselter Biedermeier aber ließ noch

hintendrein ein Bravo los, das einem regelrechten Donner glich. Dann

trat plötzlich wieder Totenstille ein vor lauter Spannung, was nun der

alte Pfarrer auf diese fadenklare Weisheit sagen würde.

Der aber nahm den Schlapphut ab und erwiderte liebreich und gelassen:

»Sie haben wohl recht, mein lieber Herr Landsmann. Wenn indessen die

Natur eine so wundervolle, einzige, göttliche Kirche ist, dann sollte

man sich darin auch bewegen wie in einer Kirche. Dies scheint mir nun

nicht immer der Fall zu sein; denn ich sehe, wenn ich Sonntags aus

meinem Ihnen so armselig erscheinenden Kirchlein trete und einen Gang

in die größte aller Kirchen tue, leider eben nicht heftig viele Beter

und Andächtige, wohl aber ziemlich viele recht merkwürdige Leute, die

ihrem erhabenen Aufenthaltsort nicht immer Ehre machen.«

Die Menge schwieg und wartete, ob der Mann im Halalihut wohl seinen

Witz wiederfände. Aber er fand ihn nicht mehr.

»Nichts für ungut,« schloß jetzt der greise Pfarrer, indem er, immer

noch den Schlapphut in der Hand, barhäuptig und langsam aus der

kleinlauten Menge hinwegging.

Zwei Anekdoten

Von _Richard Schaukal_

Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler · 第 1 / 11 段