3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht.

In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentümliches Schwanken.

Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; dann wieder, z.

B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder eine Möglichkeit, dass ihm

das Leiden erspart bleiben kann. Nun besteht aber der Leidensgedanke

ohne Rücksicht auf irdischen Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch

das Schwanken damit nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus

nach Jerusalem zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel

seines Herzens den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch

vielleicht den Gang zum Siegesgang machen könnte und er durch ihn über

die Pharisäer und den hohen Rat triumphieren könnte. Das wäre nach

seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen. Denn er kann in Sachen

des Reiches Gottes nicht den Widerstand der Schriftgelehrten und die

göttliche Allmacht gegeneinandersetzen: es handelte sich ja um ein

göttliches Drama, in welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver

Rolle waren, wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen.

_=Das Schwanken muss also in dem göttlichen Willen selbst begründet

sein.=_

Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der göttliche

Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen Dramas vorher

planmässig in der bekannten Form bestimmt, andererseits demselben

wieder frei gegenübersteht. Durch den einmal festgelegten messianischen

Schematismus ist die dahinterstehende göttliche Allmacht in keiner

Weise gebunden! Sie kennt überhaupt keine Bestimmungen.

Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch diejenigen,

welche wegen ihres Verhaltens die Zugehörigkeit zum Reich verwirkt

haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen könne. Nach den

geltenden Bestimmungen ist es zwar unmöglich, dass die Reichen zum

Leben eingehen können. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich (Mk 10

_-27-_).

Es gilt der Satz: Wer mit dem zukünftigen Messias herrschen will, muss

mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, den beiden Intimen,

Jakobus und Johannes, die Thronplätze zu versprechen, obwohl er ihnen

zutraut, dass sie sein Leiden teilen werden. Er könnte damit Gottes

Allmacht vorgreifen (Mk 10 _-35-40-_).

So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem göttlich bestimmten Verlauf

des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes unbeschränkter

Allmacht, dass er sie _=ausschalte=_ und das Reich ohne diese

Prüfungszeit anbrechen lasse. Darum dürfen die Menschen Gott darum

bitten, er möge jene schweren Stunden der Bewährung vorübergehen

lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben Gebet, wo er sie um das

kommende Reich bitten lehrt. Man erfleht den Endzustand, in welchem

sein Name geheiligt wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im

Himmel; aber zugleich bittet man ihn, er möge die Menschen nicht in

»die Versuchung« führen, sie nicht in die Gewalt des Bösen geben,

sie nicht nötigen, ihre Sünden durch das Beharren in der Enddrangsal

zu sühnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt des Bösen

entreissen, wenn sich die widergöttliche Welt zum letztenmal aufbäumt

beim Kommen des Reiches, um das sie beten. Das ist der innere

Zusammenhang der letzten drei Bitten des Vaterunsers.

Das Herrengebet trägt also in den drei ersten und den drei letzten

Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben Kontrast

wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, der Botschaft an den

Täufer und den Scenen bei Bethsaida. Zuerst handelt es sich um das

Kommen des Reichs, dann um die Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen

wir aber, dass es dafür keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass

sie nur relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.

Sie stellt nämlich die höchste Form der Busse auf das Gottesreich hin

dar. Wer sich darin bewährt, der leistet Sühne für seine Vergehungen

im widergöttlichen Aeon. Unter Kampf und Leiden ringt man sich von ihr

los, um Träger des göttlichen Willens im Gottesreich zu sein. Das ist

kollektivistisch zu denken. Die reichsgläubige Gemeinschaft als solche

leistet die Sühne. Der Einzelne vollendet und bewährt sich darin. So

ist es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er möge in

seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Sühne vergeben, wie sie ihren

Schuldnern vergeben. Das will heissen: sühneloses, reines Erlassen.

Er möge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchführen, sondern sie

geradewegs der Weltmacht entreissen.

Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sündenvergebung

voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und wie er von einer

Versuchung redet, die _=von Gott=_ kommt. Es handelt sich eben um den

allgemeinen _=messianischen Schulderlass=_ und um die _=messianische

Drangsalsversuchung=_. Darum bilden diese Bitten den Beschluss des

Reichsgebets.

Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er für sich, als

die Stunde für ihn gekommen. In Gethsemane fällt er vor Gott nieder.

In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes Allmacht: Abba, Vater,

alles ist dir möglich (Mk 14 _-36-_). Er möge den Leidenskelch an

seinen Lippen vorüberführen, ohne dass er davon kosten muss. Auch die

schlafenden Intimen rüttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott

beten, dass er ihnen die Versuchung ersparen möge, denn das Fleisch ist

schwach.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 61 / 67 题