Mit der Offenbarung zu Cäsarea Philippi hören alle Hinweise auf, dass
die Gläubigen mit ihm durch Drangsal müssen. Dem Geheimnis zufolge, das
er den Jüngern mitteilt, _=leidet nur er allein=_. In Jerusalem richtet
er weder an das Volk noch an die Jünger ein eindringliches Wort von der
Leidensnachfolge. Ja, er nimmt geradezu zurück, was er früher gesagt.
Am Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer,
welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abhängig gemacht,
dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des Abendmahls zu
Jerusalem sagt er gelassen voraus, _=dass sie sich in der Nacht alle
an ihm »ärgern« werden!=_ Er knüpft auch keine Verdammnis daran --
_=denn es ist in der Schrift also bestimmt!=_ Steht nicht geschrieben:
»ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?«
Darum, wenn sie sich auch an ihm ärgern, wenn sie ihn auch verlassen,
in seiner Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias
-- denn das ist er als Auferstandener -- vor ihnen herziehen nach
Galiläa (Mk 14 _-26-28-_).
Was er früher von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht einmal
dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe der Hahn
zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt er zu Petrus (Mk
14 _-29-31-_).
Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke in der
zweiten Periode annimmt, zusammenhängen. Es muss eine Veränderung
in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten sein. Die andern
sind von der Bewährung befreit, Jesus leidet allein, und zwar besteht
die Erniedrigung in dem Tod, welchen die Schriftgelehrten über ihn
verhängen. Darin wirkt sich jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gläubigen
bleiben verschont. _=Er leidet für sie, denn er gibt sein Leben hin als
eine Sühne für viele.=_
Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung in den Tagen
der Einsamkeit, darüber hat er sich nicht geäussert. Die Form des
Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei Erlebnisse auf ihn eingewirkt
haben.
_=Zunächst der Tod des Täufers.=_ Jener war für ihn der Elias. Wenn
er von Menschenhand vor der messianischen Aera getötet wurde, so war
das Gottes Wille und deshalb in dem messianischen Drama vorgesehen. Das
geschah, während die Jünger fort waren. Seine Botschaft hat den Täufer
vielleicht nicht mehr erreicht. Darüber muss er nun ins Klare kommen.
Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zurückziehen.
Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorläufers beschäftigte, ersieht
man aus dem Gespräch nach der Offenbarung an die Intimen. Es war in
der Schrift bestimmt, dass der Elias so von Menschenhand umkomme. So
steht auch über den Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und
verworfen werden müsse (Mk 9 _-12-13-_).
Bisher hatte er nur in allgemeinen Zügen von der Enddrangsal als einem
Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich aber als _=historisches
Ereignis=_ an dem Vorläufer vollzogen. Das ist ein Fingerzeig, wie sie
sich an ihm selbst vollziehen wird.
Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die Ereignisse
zum Nachdenken über die Enddrangsal gezwungen wurde. Nach der Rückkehr
der Jünger hatte er dieselbe für die allernächste Zeit erwartet. Sie
blieb aber aus. Noch mehr: damit blieb auch das Reich aus! Bei der
Aussendung hatte er den Jüngern gesagt, sie würden auf dem Weg von den
anbrechenden Wehen überrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes würde
statthaben, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären: -- und sie
waren zurückgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten und das Reich
angebrochen war.
Die Kunde, mit der sie zu ihm zurückkehrten, zeigte aber, dass alles
bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen, denn sonst
wären ihnen die unsauberen Geister nicht unterthan gewesen. Das Reich
war herbeigenötigt durch die Busse seit den Tagen des Täufers. Auch
hier war das Mass voll; das zeigte die Menge, die sich in gläubiger
Erwartung um ihn scharte. So war alles bereitet -- und doch kam das
Reich nicht! _=Die Verzögerung des eschatologischen Kommens des
Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals immer wieder
in die Einsamkeit trieb, ob er sich Klarheit darüber erränge.=_
Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. Sie blieb
aber aus. Man musste sie also herbeiführen, um so das Gottesreich
herbeizunötigen. Busse und Knechtung der widergöttlichen Macht
thaten es nicht allein, sondern es musste noch ein Stärkerer zu den
Gewaltthätigen hinzutreten: der zukünftige Messias, _=der an sich die
Enddrangsal heraufführte=_ in der Form, wie sie sich schon an dem
Elias erfüllt hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das
Geheimnis des Leidensgedankens über.
Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der Sühne und der
Läuterung. Alle die, welche für das Reich bestimmt waren, mussten in
der Standhaftigkeit gegen die sich zum letztenmal aufbäumende Weltmacht
die Vergebung der im weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn
durch diese Schuld waren sie der widergöttlichen Macht noch verfallen.
Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches aufhielt.
Nun führte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch musste die
Sühne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass er als zukünftiger
Menschensohn _=die Sühne an sich vollziehen müsse=_. Derjenige,
welcher einst als Messias über die Gläubigen herrschen wird, der
erniedrigt sich jetzt unter sie und dient ihnen, indem er sein Leben
zur Sühne für viele dahingibt, damit das Reich für sie anbreche.
Das ist seine Mission in dem Zustand, welcher seiner überirdischen
Herrlichkeit vorausgeht. »Dazu ist er gekommen« (Mk 10 _-45-_). Er
muss leiden für die Sünden derer, welche zu seinem Reich bestimmt
sind. Um dies auszuführen, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er
dort von der Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm
vorangegangen, durch des Königs Henker umkam. _=Das ist das Geheimnis
des Leidensgedankens.=_ Jesus ist wirklich für die Sünden der Menschen
gestorben, wenn auch in einem andern Sinn, als es die ANSELM'sche
Theorie annimmt.