2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.

_=Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur Verkündigung

Jesu.=_ In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch

der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhörer. Nur

wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als

Messias geoffenbart werden würde.

In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke,

auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianität, welche

ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der

Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst

gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewährung werden müsse,

was er der Bestimmung nach war. _=Sein Messianitätsbewusstsein war

nie ohne Leidensgedanke!=_ Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der

Messianität!

Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und

Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war

jüdische Lehre, dass der Messias voll von Züchtigungsleiden sein müsse:

denn die Leiden sind nötig, um ein vollendeter Gerechter zu werden

(WEBER S. 343).

Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche

Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung

desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil seiner

Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die

hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken

aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten Periode einen

_=ethisch-idyllischen=_, in der zweiten einen _=modern-resignierten=_

Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger,

tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines

Messianitätsbewusstseins nicht »entwickelt« durch Aufnahme des

Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern

er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu

werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er

zuvor in die Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, _=um sich

dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren=_. Aus diesem messianischen

Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn sind, dass sie bei

ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die

Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thätige ethische Zug, der

die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das

Messianitätsgeheimnis.

Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode

hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken

ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere Rede schliesst mit

einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der

Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Eröffnung zu

Cäsarea Philippi für die Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich

auch. Es handelt sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des

_=machtvollen Reichspredigers=_ mit den Seinen in der Enddrangsal,

sondern derjenige, welcher _=Messias=_ sein wird, leidet. Dieses

Leiden aber verläuft nicht mehr _=in der allgemeinen Enddrangsal=_,

sondern Jesus _=leidet allein=_ und zwar handelt es sich um ein _=rein

irdisch-geschichtliches Ereignis=_. Er wird dem hohen Rat überantwortet

und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jüngern

ein Geheimnis blieb.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 60 / 67 题