_=Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur Verkündigung
Jesu.=_ In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch
der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhörer. Nur
wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als
Messias geoffenbart werden würde.
In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke,
auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianität, welche
ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der
Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst
gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewährung werden müsse,
was er der Bestimmung nach war. _=Sein Messianitätsbewusstsein war
nie ohne Leidensgedanke!=_ Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der
Messianität!
Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und
Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war
jüdische Lehre, dass der Messias voll von Züchtigungsleiden sein müsse:
denn die Leiden sind nötig, um ein vollendeter Gerechter zu werden
(WEBER S. 343).
Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche
Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung
desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil seiner
Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die
hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken
aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten Periode einen
_=ethisch-idyllischen=_, in der zweiten einen _=modern-resignierten=_
Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger,
tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines
Messianitätsbewusstseins nicht »entwickelt« durch Aufnahme des
Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern
er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu
werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er
zuvor in die Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, _=um sich
dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren=_. Aus diesem messianischen
Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn sind, dass sie bei
ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die
Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thätige ethische Zug, der
die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das
Messianitätsgeheimnis.
Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode
hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken
ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere Rede schliesst mit
einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der
Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Eröffnung zu
Cäsarea Philippi für die Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich
auch. Es handelt sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des
_=machtvollen Reichspredigers=_ mit den Seinen in der Enddrangsal,
sondern derjenige, welcher _=Messias=_ sein wird, leidet. Dieses
Leiden aber verläuft nicht mehr _=in der allgemeinen Enddrangsal=_,
sondern Jesus _=leidet allein=_ und zwar handelt es sich um ein _=rein
irdisch-geschichtliches Ereignis=_. Er wird dem hohen Rat überantwortet
und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jüngern
ein Geheimnis blieb.