1. Die vormessianische Drangsal.

_=Der Hinweis auf das Leiden gehört naturgemäss zur eschatologischen

Verkündigung.=_ Eine Zeit unerhörter Drangsal muss dem Kommen des

Reiches vorhergehen. Aus diesen Wehen wird der Messias herausgeboren.

Das war eine überall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die

Ereignisse der Endzeit nicht denken.

Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, dass er bei

seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal scharf hervorgehoben

hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er von Verfolgungen, welchen die

Seinen entgegengehen, spricht, damit das gemeint sei, was sie nach

seinem Tode allein und verwaist auf Erden durchmachen müssten. Das

ist vollständig falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch

die Auferstehung, und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht

was sie nach seinem Tode ausstehen müssen, sondern was sie im Reich

sein werden, das beschäftigt die Gedanken der Jünger auf dem Weg nach

Jerusalem.

Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich um

Drangsale, die seine Anhänger _=mit ihm=_ erdulden müssen _=vor dem

Reichsanbruch=_. Gemeint ist der letzte Ansturm der widergöttlichen

Weltmacht, der über diejenigen hereinfluten wird, welche in der

Erwartung des Gottesreiches die Repräsentanten der göttlichen Macht in

der widergöttlichen Welt sind. Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf

den hin sich die Drangsal konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen

aufbranden lässt. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden

will, muss sich an ihn anklammern.

Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu bringen,

sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, den er heraufführt,

wo die heiligsten irdischen Bande sich lösen müssen, wo man mit dem

Kreuz beladen ihm nachfolgen muss und das eigene Leben für nichts

achten (Mt 10 _-34-42-_), -- dann meint er die grosse Verfolgung der

Endzeit. Wer das Reich Gottes herbeinötigt, der führt auch jene herauf,

denn das Reich und der Messias erstehen ja aus ihr.

Darum überall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! Er

beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, dass sie selig sind,

wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles Böse um seinetwillen

über sie geredet wird. Dann haben sie gerade Grund zur Freude und

zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden müssen, offenbart sich ihre

Zugehörigkeit zum Gottesreich. Während sie von der Weltmacht noch

drangsaliert werden, ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 _-11-_

u. _-12-_).

»Verkündet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt er den

Jüngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er sie eindringlich

auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der Weltuhr steht nahe an

der grossen Stunde. Sie müssen es wissen, damit sie nicht meinen,

es widerfahre ihnen etwas Fremdes, wenn sie von der Weltmacht zur

Verantwortung gezogen werden, wenn sich um sie her Aufruhr und

Verfolgung erhebt und ihrem Leben Gefahr droht. Sie müssen es wissen,

damit sie nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm

Aergernis nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn

er selbst als machtvoller Verkündiger des Reiches hat diesen Aufruhr

angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, dann steht Gott

mit seiner Allmacht darüber. Nicht die, welche den Leib töten, muss man

fürchten, sondern den allmächtigen Herrn, welcher beim Gericht Seele

und Leib verdammen kann in die Hölle. In diesem letzten Aufruhr richtet

die Weltmacht sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist

der Grundgedanke der Aussendungsrede.

Auch die Botschaft an den Täufer schliesst mit einem solchen Hinweis.

Das Reich ist nahe, lässt er ihm sagen; meine Predigt, Zeichen und

Wunder bekräftigen es: und zur Seligkeit kommt, wer sich nicht an mir

ärgert, d. h. wer in der vormessianischen Drangsal zu mir steht.

Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren Zeit an die,

welche sich auf die Predigt der Jünger hin in gläubiger Reichserwartung

um ihn versammelt haben. Bei einbrechender Dämmerung hat er mit ihnen

das grosse Abendmahl am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias

weiss, hat er ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne

dass sie es ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am

folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt sie

zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich seiner und seiner

Worte schämt in der Erniedrigung, welche durch die ehebrecherische

und sündige Welt über ihn kommen wird, den wird auch der Menschensohn

nicht anerkennen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen

Engeln umgeben, erscheinen wird (Mk 8 _-35-38-_).

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 59 / 67 题