2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu.

Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses änderte vorläufig nichts

in dem Verhalten der Jünger zu Jesu. Sie sind nicht vor ihm in den

Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den sie gekannt, eine

überirdische Erscheinung geworden wäre. Nur eine gewisse Scheu legen

sie in der Folge an den Tag. Sie wagen ihn nicht zu fragen, wenn sie

seine Worte nicht verstehen (Mk 9 _-32-_), sondern sie gehen neben ihm

her als solche, die wissen, dass er ein grosses Geheimnis in sich trägt.

War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses an

für sie der Messias? _=Er war es noch nicht.=_ Man muss sich immer

wieder erinnern, dass das Reich und der Messias unzertrennlich

zusammengehören. Nun war das Reich noch nicht erschienen, also auch

der Messias nicht. Die Eröffnung Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt

des Anbrechens des Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird

er als Messias erscheinen, dann wird seine Messianität in Herrlichkeit

geoffenbart werden. Das war das Geheimnis, welches er den Jüngern

feierlich bekannt gab.

Jesu Messianität war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon zu

sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen Art,

_=sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt real wurde=_. Es

handelt sich um eine nur in seinem Selbstbewusstsein vollziehbare

Vorstellung. Darum konnte und brauchte das Volk nicht darum zu wissen.

Es genügte, dass sein Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die

Nähe des Reiches bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde

ihnen auch seine Messianität offenbar.

Es ist fast unmöglich, das Messianitätsbewusstsein, wie es Jesus seinen

Jüngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe zu fassen.

Mag man es als eine Identität zwischen ihm und dem erscheinenden

Menschensohn beschreiben, mag man es als eine Kontinuität, die beide

Persönlichkeiten verbindet, auffassen, oder mag man es sich als ein

virtuelles Vorhandensein der Messianität denken: keine von diesen

modernen Anschauungen kann das messianische Selbstbewusstsein Jesu,

_=wie es die Jünger verstanden=_, wiedergeben.

Uns fehlt nämlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken beherrschte

und eine eigenartige Duplicität des Selbstbewusstseins bedingte.

Was wir Identität, Kontinuität und virtuelle Anlage nennen, das

ging in ihrer Vorstellung in einer für uns ganz unfassbaren Weise

ineinander über. Jede Persönlichkeit dachte sich selbst in _=zwei

ganz verschiedenen Zuständen=_, sofern sie sich nämlich jetzt in

der vormessianischen und dann in der messianischen Aera wusste.

Aussprüche, welche wir nur nach der Einheit des Selbstbewusstseins

deuten, verstanden sie ganz von selbst nach dem ihnen geläufigen

doppelten Selbstbewusstsein. Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner

Messianität offenbarte, hiess das für sie nicht, er sei der Messias,

wie wir Modernen es verstehen müssten, sondern es bedeutet für sie,

dass ihr Herr und Meister derjenige war, _=der im messianischen Aeon

als Messias geoffenbart werden würde=_.

Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des

Selbstbewusstseins. Jedesmal, nachdem Jesus ihnen eröffnet, dass

er vor Antritt seiner Herrschaft leiden müsse, machen sie sich

Gedanken, was sie sein werden im zukünftigen Aeon. Darum folgen auf

die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten, wer

von ihnen der grösste sein wird im Himmelreich, oder welchen die

Ehrenplätze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin aber

bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer und

Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 _-35-_ an. Als Lehrer

soll er versprechen und gewähren, was sich erfüllen wird, wenn das

Reich und damit seine Messianität geoffenbart sein wird.

In diesem Sinne ist also das Messianitätsbewusstsein Jesu futurisch.

Weder für ihn noch für die Jünger lag darin etwas Auffälliges. Im

Gegenteil: es entsprach ganz der jüdischen Vorstellung von _=dem

verborgenen Werden und Wirken des Messias=_ (vgl. WEBER, System der

altsynagogalen Theologie, 1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn

ging seiner Messianität in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste

irdisch und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch

Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst sollte

die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung des Reichs

anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen. Jesu Zug von Cäsarea

Philippi nach Jerusalem war der Lauf des unerkannten Messias zur

Erlangung seiner Herrlichkeit.

So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen

Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht offenbaren, denn die

Zeit seines verborgenen Wirkens war noch nicht vorüber. Darum predigte

er die Nähe des Reiches Gottes.

Aus seinem futurischen Messianitätsbewusstsein heraus berührt er im

Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten, als wollte er

sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt, aufmerksam machen. Die

Pharisäer sagen: der Messias ist Davids Sohn. David aber nennt ihn

seinen Herrn. Wie kann er da noch sein Sohn sein (Mk 12 _-35-37-_)?

_=Davids Sohn=_, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn er in

diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen wirkt und

wird. _=Davids Herr=_, wenn er beim Anbruch des zukünftigen Aeons als

Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird. Es liegt Jesu fern, die

messianische Dogmatik der Pharisäer anzugreifen. Sie ist richtig,

denn die Schrift lehrt so. Nur können sie die Pharisäer selbst nicht

erklären, da sie nicht deuten können, wie einmal der Messias Davids

Sohn, das andere Mal Davids Herr ist.

Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel -- erst Matthäus hat daraus

eine Vexierfrage gemacht -- steht auf derselben Stufe wie das Urteil

über den Täufer. Wer es zu fassen vermöchte, in welcher Vollmacht jener

taufte, dass er nämlich der Elias war, wer begreifen könnte, wie der

Messias einmal Davids Sohn, dann wieder Davids Herr ist -- der wüsste

auch, wer der ist, der so redet. Wer Ohren hat zu hören, der höre!

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 57 / 67 题