1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi.

Nach Cäsarea Philippi ist die Verklärungsscene bedeutungslos und

unverständlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr über Jesus, als

was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin bestätigt hat. So ist die

ganze Perikope nichts als eine angehängte Apotheose mit einem dunkeln

Gespräch, der keine geschichtliche Bedeutung zukommt.

Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist, in den

Wochen nach der Aussendung, _=vor Cäsarea Philippi=_, nicht auf dem

Berg der Legende, _=sondern auf dem Berg in der Einsamkeit des Seeufers

bei Bethsaida=_, dann ist mit einem Schlage aus der bedeutungslosen

Anhangsapotheose zur Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein

galiläisches Ereignis von weittragender historischer Bedeutung

geworden, _=das die Scene zu Cäsarea Philippi erklärt, nicht

umgekehrt=_! Was wir die Verklärung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit

nichts anderes als _=die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an die

drei Intimen=_! Einige Wochen später folgt dann die Eröffnung an die

Zwölfe.

Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte

überliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie alle Ereignisse

auf jener Fahrt längs des Nordstrandes. Wie die Speisungsgeschichte und

die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern im Abenddunkel, so steht auch die

Scene auf dem Berg unter dem Eindruck der intensivsten eschatologischen

Erregtheit. Darum ist der historische Vorgang im einzelnen nicht

mehr klar. Elias und Moses, die Persönlichkeiten, welche die Endzeit

ankündigen, erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische

Zustände, verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige

Schilderung lässt auf derartiges schliessen (Mk 9 _-2-6-_). Inwiefern

wiederholt sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der

Taufe Jesu? Mk 9 _-7-_: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn höret.«

Zwischen der Taufe und der Verklärung besteht ein innerer Zusammenhang.

Beidemal handelt es sich um einen Zustand der Verzückung, in dem

das Geheimnis der Persönlichkeit Jesu offenbar wird. Das erste Mal

war es für ihn allein. Hier nehmen auch die Jünger daran teil. Wie

weit sie selbst hingerissen waren, ist nicht klar. Fest steht, dass

in einem Zustand der Betäubung, aus dem sie erst am Ende der Scene

erwachen (Mk 9 _-8-_), die Gestalt Jesu ihnen von überirdischem Glanz

und Herrlichkeit umstrahlt erscheint und sie eine Stimme hören, er

sei Gottes Sohn. Der Vorgang erklärt sich nur aus der gewaltigen

eschatologischen Aufregung.

Es ist merkwürdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses

_=immer=_ an derartige Zustände geknüpft erscheint. Bei der

Pfingstrede, wo Petrus die Messianität Jesu öffentlich verkündigt,

handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte er diesen Zustand

schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida wurde.

Auch Paulus befindet sich in Verzückung, als er die Stimme aus den

Wolken hört.

Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten oder

durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen konnte, er halte

sich für den Messias. Die Frage dreht sich nicht darum, wie die Leute

seine Messianität ignorieren konnten, sondern woher Petrus zu Cäsarea

Philippi und der Hohepriester in der Gerichtsscene im Besitz des

Geheimnisses Jesu sind.

Die Verklärungsscene löst die erste Frage. Petrus weiss, dass Jesus

»Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit den andern beiden

Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden ist. Darum antwortet er mit

einer solchen Sicherheit auf die gestellte Frage (Mk 8 _-29-_). Der

matthäische Text fügt sogar noch ein Wort bei, in dem Jesus auf das

Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis zu teil geworden, anspielt. Mt 16

_-17-_: Selig bist du Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es

dir nicht geoffenbart, sondern der Vater im Himmel.

Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene zeigt, dass es

sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt. Auf die Eröffnung

Jesu, dass er in Jerusalem sterben müsse, fährt Petrus heftig und

rücksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur Seite und redet mit ihm

in aufgeregter Weise. _=Als Jesus sieht, dass die übrigen Jünger

aufmerksam werden=_, reisst er sich mit einem harten Wort von ihm los,

indem er ihn den Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern

Menschendinge sinne (Mk 8 _-32 u. 33-_).

Warum die Aufregung des Petrus über die Eröffnung Jesu von der

Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt zu dem, was ihm

aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida bekannt ist. Nun darf

er aber davon vor den andern Jüngern nicht reden, weil Jesus den

Intimen verboten hatte, jenes Ereignis zu erwähnen. Darum nimmt er

ihn bei Seite. Jesus aber kann, da die andern aufmerksam werden, sich

mit ihm nicht darüber auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm

leidenschaftlich erregt Schweigen.

Nur der Zusammenhang mit der Verklärungsscene erklärt die

charakteristischen Züge des Ereignisses zu Cäsarea Philippi. Die

allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterwägungen über

die schnelle Auffassungskraft des Petrus und sein lebhaftes Temperament

können nicht im geringsten erklären, warum er allein mit solcher

Sicherheit zur Erkenntnis der Messianität Jesu gekommen, um sie alsbald

wieder so misszuverstehen, dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede

kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum belehrt ihn Jesus

nicht, sondern lässt ihn mit hartem Scheltwort stehen?

An sich ist also die ganze Scene zu Cäsarea Philippi ein Rätsel.

Nimmt man aber an, dass die Verklärungsscene vorausgegangen ist,

so löst sich das Rätsel und die Scene wird bis ins kleinste Detail

verständlich. _=Der Offenbarung an die Zwölf ging die Kundgebung des

Messiasgeheimnisses an die Intimen voraus.=_

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 56 / 67 题