Während der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drängte er zum
Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf einen Berg
zurück, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu Bethsaida, wohin er
ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die Seinen wieder. Im Kampf
mit Sturm und Wellen wähnten sie eine überirdische Erscheinung auf sie
zukommen zu sehen, als sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr
standen sie noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit,
welche voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise
ausgeteilt und dann die Feier plötzlich abgebrochen hatte (Mk 6
_-45-52-_).
Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie
lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach
Genezareth zurückkehrten.
Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die Zeit vor
dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 _-30-_) ein schweres litterarisches
Problem. Mk 8 _-27-33-_ befindet sich Jesus allein mit seinen Jüngern
hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 _-30-_
ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach Jerusalem auf. »Sie zogen von
dort weg und nahmen ihren Weg durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass
jemand davon wusste.« Zwischen die Messianitätserklärung und diesen
Aufbruch fällt nun eine Scene (Mk 8 _-34-_-9 _-29-_), wo er von einer
grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen,
um nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet,
wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet.
Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk 9
_-30-_ ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa ziehen
kann.
Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze
Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn
Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während das Volk draussen bleibt
(Mk 9 _-28-_)!
Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, ist absolut
unmöglich, denn es kann nicht auf _=heidnischem Boden=_, sondern nur
in _=Galiläa=_ spielen! Da aber Jesus nachher Galiläa nur im Fluge und
incognito berührt, so gehört es in die galiläische Periode _=vor den
Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der
Jünger=_, da er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und
dabei mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht!
Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen.
Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 _-28-_), in deren Nähe ein Berg
sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 _-2-_).
Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt _=in
Bethsaida=_. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist _=der
Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er
nach Bethsaida kam=_!
Das Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ gehört also in die Tage von Bethsaida!
Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den
vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von
Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die
Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk 8 _-31-33-_) am natürlichsten
das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhänger
anzuschliessen schien (Mk 8 _-34-_-9 _-1-_).
Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu
mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung den natürlichen
Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden
Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 _-34-_ ff. die Massnahmen
des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 _-45-47-_). Jesus hat das Volk
entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit
den Jüngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im
Hause (Mk 9 _-28-_) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk
mit den Jüngern um sich (Mk 8 _-34-_) und redet zu ihnen von der
Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande,
Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten
wird durch die Nähe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der
in Solidarität mit Jesu richten wird.
Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von dem
Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der eschatologischen
Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwächt:
einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener
Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet
haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick
des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese
ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um
ihn bewegten.
Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit
sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen
gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer
Rückkehr finden sie die andern Jünger vom Volk umgeben; trotz der von
ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen
Vollmacht über die Dämonen werden sie nicht Herr über einen Besessenen,
der ihnen zugeführt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen
abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 _-25-27-_),
beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei
der Hand fasst und aufrichtet.
So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_
einen anschaulichen Bericht über den ersten und letzten Tag der Woche,
die er damals zwischen der Rückkehr der Jünger und dem Aufbruch nach
dem Norden in Bethsaida verbrachte.
Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, dass Jesus
Galiläa infolge des wachsenden Widerstandes und des zunehmenden Abfalls
verlassen habe. Im Gegenteil: es ist die Zeit der höchsten Triumphe.
Eine reichsgläubige Volksmenge hängt ihm an und verfolgt ihn überall.
Kaum landet er am Westufer, so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist
noch gewachsen und wächst immer fort (Mk 6 _-53-56-_). Dass sie ihn
verlassen, dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder
Abfalls gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. _=Nicht das Volk
verlässt ihn, sondern er verlässt das Volk.=_
Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen Sendlingen,
sondern er führt nur aus, was er schon seit der Rückkehr der Jünger
im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk hatte diese Absicht
vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am Ufer folgte. Auf das
Westufer zurückgekehrt, sieht er sich wieder umgeben. Weil er das
Alleinsein mit den Jüngern für absolut notwendig hält und weil es ihm
in Galiläa nicht gelingt, deswegen verschwindet er plötzlich und begibt
sich auf heidnisches Gebiet. _=Die Nordreise ist keine Flucht, sondern
sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.=_
Achtes Kapitel.
Das Messianitätsgeheimnis.