3. Die Woche zu Bethsaida.

Während der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drängte er zum

Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf einen Berg

zurück, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu Bethsaida, wohin er

ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die Seinen wieder. Im Kampf

mit Sturm und Wellen wähnten sie eine überirdische Erscheinung auf sie

zukommen zu sehen, als sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr

standen sie noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit,

welche voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise

ausgeteilt und dann die Feier plötzlich abgebrochen hatte (Mk 6

_-45-52-_).

Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie

lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach

Genezareth zurückkehrten.

Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die Zeit vor

dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 _-30-_) ein schweres litterarisches

Problem. Mk 8 _-27-33-_ befindet sich Jesus allein mit seinen Jüngern

hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 _-30-_

ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach Jerusalem auf. »Sie zogen von

dort weg und nahmen ihren Weg durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass

jemand davon wusste.« Zwischen die Messianitätserklärung und diesen

Aufbruch fällt nun eine Scene (Mk 8 _-34-_-9 _-29-_), wo er von einer

grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen,

um nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet,

wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet.

Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk 9

_-30-_ ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa ziehen

kann.

Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze

Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn

Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während das Volk draussen bleibt

(Mk 9 _-28-_)!

Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, ist absolut

unmöglich, denn es kann nicht auf _=heidnischem Boden=_, sondern nur

in _=Galiläa=_ spielen! Da aber Jesus nachher Galiläa nur im Fluge und

incognito berührt, so gehört es in die galiläische Periode _=vor den

Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der

Jünger=_, da er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und

dabei mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht!

Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen.

Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 _-28-_), in deren Nähe ein Berg

sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 _-2-_).

Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt _=in

Bethsaida=_. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist _=der

Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er

nach Bethsaida kam=_!

Das Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ gehört also in die Tage von Bethsaida!

Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den

vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von

Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die

Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk 8 _-31-33-_) am natürlichsten

das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhänger

anzuschliessen schien (Mk 8 _-34-_-9 _-1-_).

Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu

mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung den natürlichen

Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden

Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 _-34-_ ff. die Massnahmen

des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 _-45-47-_). Jesus hat das Volk

entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit

den Jüngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im

Hause (Mk 9 _-28-_) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk

mit den Jüngern um sich (Mk 8 _-34-_) und redet zu ihnen von der

Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande,

Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten

wird durch die Nähe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der

in Solidarität mit Jesu richten wird.

Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von dem

Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der eschatologischen

Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwächt:

einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener

Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet

haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick

des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese

ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um

ihn bewegten.

Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit

sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen

gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer

Rückkehr finden sie die andern Jünger vom Volk umgeben; trotz der von

ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen

Vollmacht über die Dämonen werden sie nicht Herr über einen Besessenen,

der ihnen zugeführt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen

abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 _-25-27-_),

beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei

der Hand fasst und aufrichtet.

So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_

einen anschaulichen Bericht über den ersten und letzten Tag der Woche,

die er damals zwischen der Rückkehr der Jünger und dem Aufbruch nach

dem Norden in Bethsaida verbrachte.

Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, dass Jesus

Galiläa infolge des wachsenden Widerstandes und des zunehmenden Abfalls

verlassen habe. Im Gegenteil: es ist die Zeit der höchsten Triumphe.

Eine reichsgläubige Volksmenge hängt ihm an und verfolgt ihn überall.

Kaum landet er am Westufer, so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist

noch gewachsen und wächst immer fort (Mk 6 _-53-56-_). Dass sie ihn

verlassen, dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder

Abfalls gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. _=Nicht das Volk

verlässt ihn, sondern er verlässt das Volk.=_

Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen Sendlingen,

sondern er führt nur aus, was er schon seit der Rückkehr der Jünger

im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk hatte diese Absicht

vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am Ufer folgte. Auf das

Westufer zurückgekehrt, sieht er sich wieder umgeben. Weil er das

Alleinsein mit den Jüngern für absolut notwendig hält und weil es ihm

in Galiläa nicht gelingt, deswegen verschwindet er plötzlich und begibt

sich auf heidnisches Gebiet. _=Die Nordreise ist keine Flucht, sondern

sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.=_

Achtes Kapitel.

Das Messianitätsgeheimnis.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 55 / 67 题