Die Predigt der Jünger von der unmittelbaren Nähe des Reiches muss
einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige Menge von solchen,
die der Kunde glauben, scharen sich um Jesus. Er hat eine von der
hochgradigsten eschatologischen Erwartung beseelte Gemeinde um sich.
Sie lassen ihn nicht los. Um mit den Jüngern allein zu sein, besteigt
er ein Schiff. Er gedenkt sich nach dem Nordostufer zurückzuziehen.
Die Menge aber, als sie erfährt, dass er sich entfernen will, strömt
allerorts zusammen und folgt am Strande. Mk 6 _-32-_ u. _-33-_: »Es war
eine Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht einmal
Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an einen einsamen
Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten sie. Und sie liefen von
allen Städten aus zu Fuss dahin zusammen und kamen ihnen zuvor«.
Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. Die Stunde
der Mahlzeit kommt. In den Berichten von der wunderbaren Speisung ist
uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. _=Es handelte sich um ein
feierliches Kultmahl!=_ Nach weihevollem Dankgebet lässt Jesus durch
seine Jünger das von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen.
Mit Ausnahme der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben
feierlichen Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persönlich Speise
unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung
hier entspricht vollständig dem ersten Abendmahlsakt. Mk 6 _-41-_: Er
nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, brach sie und gab
sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen. Mk 14 _-22-_: Er nahm das Brot,
segnete und brach es und gab es ihnen.
_=In der feierlichen Austeilungshandlung=_ liegt also das Wesen
sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten Mahls mit den
Jüngern begründet. Der Name Abendmahl geht auf beide, denn auch jenes
Mahl am See fand in der Abendstunde statt. Mk 6 _-35-_: Und wie es
schon spät wurde, traten seine Jünger zu ihm etc. Hier setzt sich die
Mahlgemeinschaft aus der grossen Menge der Reichsgläubigen zusammen,
beim letzten Mahl ist sie auf den Jüngerkreis beschränkt. _=Die Feier
aber war dieselbe.=_
Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das Kultmahl,
das Jesus am See improvisiert, als ein Sättigungsmahl aufgefasst wird.
Dass er den geringen Vorrat, der zu Händen war, die für ihn und seine
Jünger bestimmte Speise der Menge feierlich austeilte, ist historisch.
Dass dieses Mahl ihnen die abendliche Mahlzeit ersetzte, trifft
ebenfalls zu. Dass die Menge davon aber durch einen übernatürlichen
Vorgang _=satt wurde=_, das gehört zum Wundercharakter, welchen die
spätere Zeit der Feier beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht
zurechtlegen konnte.
Der historische Vorgang ist also folgender: Die Jünger verlangen,
Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich sättigen. Für ihn aber
ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu denken und dafür
auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe, wo sie alle um ihn zum
messianischen Mahl versammelt sein werden. Darum will er nicht, dass
sie jetzt gehen, sondern, ehe er sie entlässt, heisst er sie sich
lagern. An die Stelle der Sättigungsmahlzeit setzt er ein feierliches
Kultmahl, bei dem die irdische Sättigung keine Rolle spielt, sodass die
für ihn und seine Jünger bestimmte Speise ausreicht.
Weder die Jünger noch die Menge verstehen, was vorgeht. Als Jesus
nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der Mahlzeit bringt --
dies allein kann der historische Sinn der dunkeln Notizen Mk 6 _-52-_
und Mk 8 _-14-21-_ sein -- zeigt sich, dass sie nichts begriffen haben.
Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar war. Er
achtete es nicht für nötig, ihnen das Wesen der Feier zu erklären.
Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit am einsamen
Seestrand lebte in der Ueberlieferung lebendig weiter und wuchs zum
Bericht der wunderbaren Speisung aus.
Worin bestand für Jesus der feierliche Charakter der Austeilung?
Die Mahlgemeinschaft trägt eschatologischen Charakter. Das Volk, das
sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm das Anbrechen des
Reiches. Indem er nun an die Stelle der gewöhnlichen Sättigungsmahlzeit
ein Kultmahl setzt, wo er unter Danksagung zu Gott ihnen Speise
austeilt, da handelt er aus seinem messianischen Selbstbewusstsein
heraus. _=Als derjenige, welcher sich Messias weiss und bei dem
unmittelbar bevorstehenden Einbrechen des Reiches ihnen als solcher
geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er demnächst beim
messianischen Mahl um sich erwartet, feierlich Speise aus, als wollte
er ihnen damit ein Anrecht auf Teilnahme an jener zukünftigen Feier
geben.=_ Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum hält er
mit ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden es
nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher ihnen so
weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als Messias wusste und
als solcher handelte.
In diesem Zusammenhang fällt nun ein Licht auf das Wesen des Abendmahls
zu Jerusalem. Dort repräsentieren die Jünger die reichsgläubige
Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf jener letzten Mahlzeit
unter Danksagungswort Speise und Trank aus. Nun wissen sie aber, was
er von sich hält. Er hat ihnen sein messianisches Geheimnis enthüllt.
Sie können daraus die Beziehung seiner Austeilung auf das messianische
Mahl ahnen. Er selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er
die Feier mit dem Hinweis auf die demnächstige Wiedervereinigung
beschliesst, wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines Vaters
Reich!
Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem entsprechen
sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem den Jüngern das
Wesen der Feier andeutet und zugleich in den beiden Gleichnissen
den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt. Das Kultmahl war dasselbe:
eine Vorfeier des messianischen Mahles im Kreise der reichsgläubigen
Genossenschaft. _=Jetzt versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls
von den Gleichnissen unabhängig sein kann.=_