Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein klares
Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung folgten.
Wann sind die Jünger zurückgekehrt? Wo hat sich Jesus während ihrer
Abwesenheit aufgehalten? Welcher Art waren die Erfolge der Jünger?
Welches waren die Ereignisse zwischen ihrer Rückkehr und dem Aufbruch
nach dem Norden? Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus
sich mit ihnen in die Einsamkeit zurückzieht?
Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu kommt noch ein
rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen
Scenen ist hier merkwürdig zerrissen. Fast scheint es, als ob der
Faden der Geschichtserzählung hier abbräche. Erst vom Augenblick des
Aufbruchs zur Reise nach Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem
natürlichen und klaren Zusammenhang.
Zunächst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die
Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 _-31-56-_ =
Mk 8 _-1-22-_). Beidemale wird Jesus auf einer Reise längs des
Sees von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend
eingeholt. Dann kehrt er in die galiläischen Orte auf dem Westufer
zurück. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er mit den
pharisäischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie stellen ihn zur
Rede. In der Erzählungsreihe der ersten Speisungsgeschichte handelt
es sich um das Händewaschen (Mk 7 _-1-23-_), in der der zweiten
um die Zeichenforderung (Mk 8 _-11-13-_). Im Gefolge der ersten
Erzählungsreihe steht der Aufbruch nach Norden, wo er in der Gegend von
Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin zusammentrifft (Mk 7 _-24-30-_). In
der zweiten folgt auf das Zusammentreffen mit den Pharisäern die Reise
nach Cäsarea Philippi (Mk 8 _-27-_).
Wir haben hier also zwei selbständige Darstellungen derselben Epoche
im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich vollständig; nur
differieren sie in der Auswahl der berichteten Ereignisse. Diese beiden
Erzählungsreihen sind wie prädestiniert miteinander verbunden, statt
einander gleichgesetzt zu werden. Jede erzählte Nordreise beginnt und
endigt nämlich mit einem Aufenthalt in Galiläa. Mk 7 _-31-_: Nachdem
er weggegangen aus dem Gebiet von Tyrus, ging er über Sidon an den
galiläischen See; Mk 9 _-30-_ u. _-33-_: Und sie gingen weg von da
(gemeint ist Cäsarea Philippi) und wandelten durch Galiläa hin und sie
kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzählungsreihe
wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet man daher die eine
Rückkehr aus dem Norden mit dem Anfang der andern Erzählungsreihe, so
hat man äusserlich betrachtet eine ganz natürliche Fortsetzung, nur
dass Jesus jetzt unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden
muss, statt dass die Rückkehr nach Galiläa ein Teil der Jerusalemreise
ist! Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite
Rückkehr an.
In dieser rückläufigen Bewegung der beiden Erzählungsreihen liegt
es begründet, dass sie, obwohl Parallélcyklen, sich doch in einer
Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt ihre vollständige
Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte auf die
erste durch »wiederum« (Mk 8 _-1-_) Rücksicht nimmt: der Ausgleich ist
sogar soweit vorangeschritten, dass Jesus in einem Wort an die Jünger
beide voraussetzt (Mk 8 _-19-21-_)! Wie weit sich dieser Prozess schon
in der mündlichen Ueberlieferung vollzogen hatte und was auf das Konto
der endgültigen litterarischen Zusammenfügung kommt, das lässt sich
nicht mehr ausmachen.
Nur der erste Cyklus ist vollständig. Jesus fährt mit den Jüngern
nordöstlich der Küste entlang und kehrt dann wieder nach der Landschaft
Genezareth zurück (Mc 6 _-32 45 53-_). Der zweite ist unvollständig und
etwas in Unordnung geraten.
Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurückgekehrt. Mk 8 _-10-_
ff. entspricht Mk 6 _-53-_ ff. u. 7 _-1-_ ff.; Dalmanutha liegt auf
dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht,
folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 _-13-_). Erst
von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk 8 _-27-_ ff.).
Der erste Cyklus hingegen erzählt _=diese Seefahrt nach Bethsaida
als Episode der grossen Uferreise in unmittelbarer Folge auf die
Speisungsgeschichte=_ (Mk 6 _-45-_ ff.). Nun zeigt aber auch die zweite
Erzählungsreihe, dass dies der ursprüngliche Zusammenhang war, denn
auch hier, wie in der ersten, bezieht sich das Gespräch beim Landen auf
die vorhergegangene Speisung. Mk 6 _-52-_: »Denn sie waren nicht zur
Einsicht gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«. Mk
8 _-19-21-_: »Da ich die fünf Brote gebrochen habe -- da ich die sieben
gebrochen habe -- versteht ihr noch nicht?« Es ist also unmöglich, dass
zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle Auftritte, die sich auf
dem Westufer abgespielt haben, dazwischen liegen. Das Denken aller ist
ja noch von dem grossen Ereignis beherrscht. _=Die neue Seereise des
zweiten Cyklus ist nichts anderes als die ursprüngliche Fortsetzung der
Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.=_
Damit ist der Parallelismus der beiden Erzählungsreihen erwiesen.
Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom Westufer aus,
Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, »Meerwandeln« resp. Gespräch
im Boot, Ankunft in Bethsaida, Rückkehr nach der Landschaft Genezareth,
Diskussion mit den Pharisäern, Aufbruch mit den Jüngern nach dem Norden.