Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? Das hängt
einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, sodann aber von
der Auffassung der Scene zwischen Jesus und dem Blinden. Handelt es
sich dort wirklich um die Begrüssung als Davidssohn, die er nun nicht
mehr ablehnt, sondern stillschweigend annimmt, sodass das Volk zur
Erkenntnis gelangt, für wen er sich halte: dann ist die Folgerung
unabweislich, dass es eine messianische Ovation war.
Für die Herausarbeitung der ursprünglichen Situation in der Schilderung
des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen Markus und den
Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. Bei Markus haben wir zwei
klar unterschiedene Jubelrufe. Der erste gilt der gegenwärtigen Person
Jesu: »Hosianna, gelobt sei der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn«
(Mk 11 _-9-_). Der zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des
Reichs: »Gelobt sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David;
Hosianna in der Höh'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!
Anders bei Matthäus. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem Sohne Davids;
gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn; Hosianna in der
Höh'« (Mt 21 _-9-_). Wir haben also hier nur den Ruf, welcher der
Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht erwähnt; dafür jubelt man dem
Davidssohn und zugleich dem Kommen-Sollenden zu.
Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit Reminiscenzen
aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der König, der im Namen des
Herrn kommt. Friede im Himmel und Ehre in der Höh'« (Luk 19 _-38-_).
In seiner Darstellung deutet also Matthäus den Kommen-Sollenden auf
den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus Psalm 118 _-25-_ ff.
stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias angewandt wurde,
besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich gezeigt, _=dass sowohl der
Täufer als auch Jesus ihn auf den Vorläufer Elias anwenden=_. Also
ist es ungeschichtlich, wenn Matthäus das Volk in einem Atem dem
Kommen-Sollenden und dem Davidssohn zujubeln lässt.
Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprüngliche Situation
festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«, d.
h. dem erscheinenden Vorläufer zu und singt ein »Hosianna in der
Höh'« dem Reich, welches bald auf Erden herabkommen wird. Gerade der
Unterschied zwischen dem _=Hosianna=_ und dem _=Hosianna in der Höh'=_
ist bezeichnend, sofern das erste auf den gegenwärtigen Vorläufer,
das zweite auf das himmlische Reich geht. Der sekundäre Charakter der
matthäischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn
und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich Hosianna in der Höh'
gelten lässt, wobei der Messias also einmal auf Erden, das andere Mal
noch im Himmel vorausgesetzt wird! Hier zeigt sich deutlich, dass dem
zweiten Hosianna ursprünglich das Reich beigehört.
_=Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem Messias, sondern dem
Vorläufer.=_ Dann ist es aber unmöglich, dass das Volk die Scene mit
dem Blinden dahin verstanden hat, als nähme hier Jesus die Anrede
»Davidssohn« entgegen.
Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die
Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn ist dabei
gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen
konnte und musste. Bei Matthäus und Lukas trifft dies zu, _=bei Markus
ist es ausgeschlossen=_.
Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen:
erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 _-30-_).
Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner
(Luk 18 _-38-_). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und
heilt ihn.
Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter der
Menge am Wege. _=Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden,
sondern er hört nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewühl vom Boden
zu ihm dringt=_, wo einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt
stehen und schickt, man _=solle ihn holen=_! Man geht der Stimme nach
und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie
zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch die
Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar
nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also _=fragen=_,
was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das
behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat
die Situation vereinfacht: Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet
sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die
Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich
nötig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss,
dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!
Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte
niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf über den
Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lästiger _=Ruf=_,
den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm
so wenig Bedeutung bei, als den Dämonenrufen -- wenn man ihn überhaupt
verstand.
Die _=Anrede=_ des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er
ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »_=Rabbi=_, dass
ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus Nazareth.
Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden
in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier
messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das
er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit
legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn
die Anhänger in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille
nach dem Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten
ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug.
Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses
handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, dem nicht
jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen.
Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern:
1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, musste
sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich
um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthäus der Fall.
Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor.
2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit den
Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte und an den
Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentümlichkeit
seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn
sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall
ist.
3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um
eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es
nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem
Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar
nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und
die gedungenen Ankläger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was
hätte der römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen
des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre?
4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil
wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten für die
Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt
der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der
Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er
wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit
des Vorläufers!
5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der [Greek:
erchomenos] bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf
ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses Wort
dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein
andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform übersetzen,
wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« ist der Vorläufer,
weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um
alles in Ordnung zu bringen.
Es bleibt also dabei: _=Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt
Jesus öffentlich für den Vorläufer, wofür er schon in Galiläa gehalten
worden war.=_
Siebentes Kapitel.
Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme.