7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in Jerusalem.

Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? Das hängt

einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, sodann aber von

der Auffassung der Scene zwischen Jesus und dem Blinden. Handelt es

sich dort wirklich um die Begrüssung als Davidssohn, die er nun nicht

mehr ablehnt, sondern stillschweigend annimmt, sodass das Volk zur

Erkenntnis gelangt, für wen er sich halte: dann ist die Folgerung

unabweislich, dass es eine messianische Ovation war.

Für die Herausarbeitung der ursprünglichen Situation in der Schilderung

des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen Markus und den

Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. Bei Markus haben wir zwei

klar unterschiedene Jubelrufe. Der erste gilt der gegenwärtigen Person

Jesu: »Hosianna, gelobt sei der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn«

(Mk 11 _-9-_). Der zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des

Reichs: »Gelobt sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David;

Hosianna in der Höh'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!

Anders bei Matthäus. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem Sohne Davids;

gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn; Hosianna in der

Höh'« (Mt 21 _-9-_). Wir haben also hier nur den Ruf, welcher der

Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht erwähnt; dafür jubelt man dem

Davidssohn und zugleich dem Kommen-Sollenden zu.

Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit Reminiscenzen

aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der König, der im Namen des

Herrn kommt. Friede im Himmel und Ehre in der Höh'« (Luk 19 _-38-_).

In seiner Darstellung deutet also Matthäus den Kommen-Sollenden auf

den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus Psalm 118 _-25-_ ff.

stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias angewandt wurde,

besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich gezeigt, _=dass sowohl der

Täufer als auch Jesus ihn auf den Vorläufer Elias anwenden=_. Also

ist es ungeschichtlich, wenn Matthäus das Volk in einem Atem dem

Kommen-Sollenden und dem Davidssohn zujubeln lässt.

Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprüngliche Situation

festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«, d.

h. dem erscheinenden Vorläufer zu und singt ein »Hosianna in der

Höh'« dem Reich, welches bald auf Erden herabkommen wird. Gerade der

Unterschied zwischen dem _=Hosianna=_ und dem _=Hosianna in der Höh'=_

ist bezeichnend, sofern das erste auf den gegenwärtigen Vorläufer,

das zweite auf das himmlische Reich geht. Der sekundäre Charakter der

matthäischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn

und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich Hosianna in der Höh'

gelten lässt, wobei der Messias also einmal auf Erden, das andere Mal

noch im Himmel vorausgesetzt wird! Hier zeigt sich deutlich, dass dem

zweiten Hosianna ursprünglich das Reich beigehört.

_=Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem Messias, sondern dem

Vorläufer.=_ Dann ist es aber unmöglich, dass das Volk die Scene mit

dem Blinden dahin verstanden hat, als nähme hier Jesus die Anrede

»Davidssohn« entgegen.

Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die

Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn ist dabei

gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen

konnte und musste. Bei Matthäus und Lukas trifft dies zu, _=bei Markus

ist es ausgeschlossen=_.

Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen:

erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 _-30-_).

Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner

(Luk 18 _-38-_). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und

heilt ihn.

Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter der

Menge am Wege. _=Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden,

sondern er hört nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewühl vom Boden

zu ihm dringt=_, wo einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt

stehen und schickt, man _=solle ihn holen=_! Man geht der Stimme nach

und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie

zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch die

Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar

nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also _=fragen=_,

was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das

behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat

die Situation vereinfacht: Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet

sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die

Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich

nötig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss,

dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!

Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte

niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf über den

Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lästiger _=Ruf=_,

den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm

so wenig Bedeutung bei, als den Dämonenrufen -- wenn man ihn überhaupt

verstand.

Die _=Anrede=_ des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er

ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »_=Rabbi=_, dass

ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus Nazareth.

Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden

in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier

messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das

er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit

legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn

die Anhänger in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille

nach dem Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten

ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug.

Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses

handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, dem nicht

jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen.

Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern:

1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, musste

sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich

um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthäus der Fall.

Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor.

2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit den

Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte und an den

Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentümlichkeit

seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn

sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall

ist.

3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um

eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es

nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem

Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar

nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und

die gedungenen Ankläger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was

hätte der römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen

des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre?

4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil

wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten für die

Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt

der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der

Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er

wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit

des Vorläufers!

5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der [Greek:

erchomenos] bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf

ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses Wort

dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein

andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform übersetzen,

wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« ist der Vorläufer,

weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um

alles in Ordnung zu bringen.

Es bleibt also dabei: _=Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt

Jesus öffentlich für den Vorläufer, wofür er schon in Galiläa gehalten

worden war.=_

Siebentes Kapitel.

Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 52 / 67 题