6. Der Täufer und Jesus.

Wie stand der Täufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war, der Vorläufer

zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen. Dies setzt man

gewöhnlich voraus und lässt ihn als Vorläufer bei Jesus anfragen, ob

er der Messias sei (Mt 11 _-2-6-_). Diese Annahme scheint uns ganz

natürlich, weil wir uns beide immer in dem Verhältnis Vorläufer-Messias

vorstellen.

Darüber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage. Hat der

Täufer sich selbst als den Vorläufer, als den Elias gefühlt? Dem

Volk gegenüber hat er in keiner Aeusserung einen derartigen Anspruch

erhoben. Hartnäckig erkennt es in ihm nur einen Propheten. Auch während

seiner Gefangenschaft kann er nichts derartiges beansprucht haben,

denn noch in Jerusalem urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein

Prophet gewesen.

Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen wäre, dass er die Eliasgestalt

repräsentierte, wie hätte man dann allgemein auf den Gedanken kommen

können, Johannes sei ein Prophet, Jesus der Elias? Dass dies die

allgemeine Ansicht auch nach dem Tode des Täufers war, bezeugt die

Antwort der Jünger zu Cäsarea Philippi.

Die Täuferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass der

Vorläufer frägt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in eine

vollkommen unberechtigte Perspektive rücken, da gar nicht zu erweisen

ist, ob Johannes sich für den Vorläufer hielt. Also ist auch gar nicht

ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische Würde bezieht. Das

umstehende Volk, da es Johannes nicht für den Vorläufer hielt, musste

sie ganz anders auffassen, nämlich: bist du der Elias?

Nun wird aber durch die gewöhnliche Perspektive ein charakteristisches

Detail in der Perikope selbst verdeckt, nämlich, dass Jesus dieselbe

Bezeichnung, die der Täufer in der Anfrage auf ihn anwandte,

nun seinerseits wieder auf den Täufer anwendet! Bist du der

Kommen-Sollende? frägt der Täufer. Jesus antwortet: Wenn ihr es fassen

mögt, so ist _=er selbst=_ Elias, der Kommen-Sollende! Bei den Reden

ist also die Bezeichnung des »Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir

in der Anfrage des Täufers sie eigenmächtig auf den Messias beziehen.

Dieses für die naive Perspektive so ganz natürliche Verfahren wird aber

als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur um

Perspektive, nicht um die reellen Massstäbe handelt. Denn dann gewinnt

plötzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine ungeahnte Bedeutung;

»_=er selbst=_ ist der Elias«, der Kommen-Sollende! Dieser Rückweis

zwingt uns, in der Anfrage des Täufers unter dem Kommen-Sollenden nicht

den Messias, sondern, wie in der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen.

»Bist du der erwartete Vorläufer?« so lässt der Täufer Jesum fragen.

»Wenn ihr es fassen mögt, ist er selbst dieser Vorläufer«, sagt Jesus

zum Volk, nachdem er ihnen von der Grösse des Täufers geredet.

Durch diese Rückbeziehung bekommt nun die Scene ein viel intensiveres

Kolorit. Zunächst wird klar, warum Jesus _=nach dem Weggang der

Gesandten=_ über den Täufer redet. Er fühlt sich genötigt, das Volk in

wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung, jener sei ein Prophet

(Mt 11 _-9-_), zu der Ahnung zu bringen, er sei der Vorläufer, mit

dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr sich der verhängnisvollen

Stunde nähert, auf den sich das Wort »von dem, der den Weg bereitet«

bezieht und von dem die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen

muss« (Mk 9 _-11-_).

Johannes nämlich war mit seiner Anfrage in der messianischen

Zeitrechnung zurück. Seine Abgesandten erkundigen sich nach dem

Vorläufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht, dass das Reich

unmittelbar hereinbrechen wird, aufs höchste gestiegen ist. Er hat

ja seine Jünger ausgeschickt und ihnen in Aussicht gestellt, dass

die Erscheinung des Menschensohnes sie auf dem Weg durch die Städte

Israels überraschen könne. Die Stunde ist schon viel weiter vorgerückt

-- das will Jesus dem Volk in der »Würdigungsrede über den Täufer« zu

verstehen geben, wenn sie es begreifen können.

Zu seinem Urteil über Jesus war Johannes auf demselben Wege gekommen,

wie das Volk. Als er nämlich _=von den Zeichen und Thaten Jesu hört=_

(Mt 11 _-2-_), da steigt ihm der Gedanke auf, ob dieser nicht etwa mehr

wäre, als ein Busse predigender Prophet. So schickte er zu ihm hin, um

darüber Gewissheit zu haben.

Damit rückt aber die Verkündigung des Täufers in ein ganz anderes

Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, _=sondern auf den

erwarteten Vorläufer hingewiesen=_. So erklärt sich die Verkündigung

»von dem, der nach ihm kommen wird« (Mk 1 _-7-_ u. _-8-_). Auf den

Messias angewandt, bleiben die von ihm gebrauchten Ausdrücke dunkel.

Sie statuieren nämlich nur einen Gradunterschied, nicht eine totale

Differenz zwischen ihm und dem Angekündigten. Wenn er vom Messias

redete, wären diese Ausdrücke, in welchen er den Kommenden, trotz des

gewaltigen Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht,

unmöglich. Er denkt sich den Vorläufer wie ihn selbst, taufend und

die Busse auf das Reich hin verkündigend, aber nur unverhältnismässig

grösser und mächtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen Geist

taufen (Mk 1 _-8-_).

Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der Messias?

Sodann aber findet die berühmte allgemeine Geistesausgiessung nicht

_=in=_, sondern _=vor=_ der messianischen Aera statt! Bevor der

gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist ausgiessen über

alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden am Himmel geschehen (Joël

3 _-1-_ ff.). Bevor der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er Elias,

den Propheten, schicken (Mal 3 _-23-_). Diese beiden Hauptstellen über

die grossen Vorereignisse der Endzeit verbindet der Täufer in Gedanken

und kommt so zur Vorstellung _=des Vorläufers, der mit dem heiligen

Geiste taufen wird=_! Man sieht dabei, welch übernatürliches Licht die

Gestalt des Vorläufers in der damaligen Vorstellung umfliesst. Darum

fühlt sich Johannes so klein vor ihm.

Für die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage. Indem er

fragen liess: bist du der Vorläufer, oder bist du es nicht? hatte ihm

der Täufer eine falsche Alternative gestellt, auf die er weder ja

noch nein antworten konnte. Sein Messianitätsgeheimnis wollte er den

Gesandten auch nicht anvertrauen. Er antwortet daher mit dem Hinweis

auf die Nähe des Reiches, die sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich

rückt er seine eigene Persönlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur

derjenige kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm

nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk Mk 8 _-38-_

vorhält: Die Zugehörigkeit zum Reich ist abhängig von dem Ausharren bei

ihm.

Die merkwürdige, ausweichende Antwort Jesu an den Täufer, in welcher

die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken zu müssen glaubte,

erklärt sich also einfach aus einer Zwangslage! Er konnte nicht direkt

antworten. Darum gab er diesen dunkeln Bescheid. Der Täufer sollte

daraus entnehmen, was er wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine

Bedeutung, wie er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn

die Zeit ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und

der Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus.

Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen, als ob der

Täufer und Jesus zu einander als Vorläufer und Messias gestanden

hätten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung gelangt man zur

Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden Grössen in diesem

Verhältnis stehen, weil wir die Messianität Jesu voraussetzen, dass

man aber, um ihre historischen Beziehungen zu entdecken, die richtige

Perspektive berechnen und in Anschlag bringen muss.

Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen ist,

wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht. Man meint dann

nämlich, es handle sich um »den Vorläufer des Vorläufers« und den

Vorläufer, also eine geistreiche Multiplizierung des Vorläufers mit

sich selbst. Das ist falsch ausgedrückt. Ein busspredigender Prophet,

Johannes der Täufer, weist auf die machtvolle Vorläufergestalt des

Elias hin und, als er im Gefängnis von den Zeichen Jesu hört, frägt er

sich, ob dieser nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich für

den Messias halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als

der Vorläufer bezeichnet würde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand.

Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung von der

Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt sich der

geschichtliche Thatbestand notwendig. Die Evangelien zeigen diese

Verschiebung in steigendem Masse an. In dem Anfangssatz des Markus

wird das Maleachicitat von dem bahnbereitenden Vorläufer (Mal 3 _-1-_)

schon auf Johannes angewandt. Bei Matthäus hört der Täufer im Gefängnis

»die Werke des Messias« (Mt 11 _-2-_). Handelt es sich hier nur um das

unreflektierte Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat das

vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die Geschichte

konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil Jesus der Messias

war, der Täufer der Vorläufer war und sich als solcher auch fühlen

musste. Der historische Täufer sagt: ich bin nicht der _=Vorläufer=_,

denn dieser ist unverhältnismässig grösser und mächtiger als ich. Nach

dem vierten Evangelium könnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er

muss daher sagen: ich bin nicht _=Christus=_ (Joh 1 _-20-_)!

So hat sich das Verhältnis unter der neuen Perspektive vollständig

verschoben. Die Person des Täufers ist historisch unkenntlich

geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann aus ihm

gemacht, der halb an Jesu Messianität glaubt, halb nicht glaubt. In

diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik seines Daseins bestehen!

Nun darf man ihn aber mit Zuversicht aus der Reihe der uns Modernen

so interessanten, am tragischen Halbglauben zu Grunde gehenden

Persönlichkeiten tilgen. Jesus hat ihm das erspart. Denn so lang er

lebte, verlangte er von niemand den Glauben an seine Messianität -- und

war es doch!

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 51 / 67 题