5. Jesus und der Täufer.

Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem Täufer den Elias erkennen

konnte, weil seine zeichenlose Thätigkeit und Reichspredigt der

schriftgemässen Vorstellung der Vorläuferepoche nicht entsprachen.

Nur einer machte eine Ausnahme, indem er ihm diese Würde zuerkannte:

_=Jesus!=_ Er war der erste, welcher dem Volk eine geheimnisvolle

Andeutung machte, jener sei der Vorläufer: »Wenn ihr es fassen mögt, so

ist er selbst Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 _-14-_). Er ist sich

aber bewusst, damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das

ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenhängende Wort von den

Gewaltthätigen, die seit den Tagen des Täufers das Reich herbeinötigen

(Mt 11 _-12-_). Darum beschliesst er diese beiden Sprüche mit dem

Orakelwort: Wer Ohren hat zu hören, der höre (Mt 11 _-15-_).

Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in der Gewalt

des Herodes befindliche Täufer die Persönlichkeit sein könne, die auf

der Schwelle der vormessianischen zur messianischen Periode stand.

So verhallte das geheimnisvolle Wort Jesu und das Volk blieb dabei,

Johannes sei wirklich ein Prophet gewesen (Mk 11 _-32-_).

Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss über die Persönlichkeit

des Täufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu, als sie ihn über die

Tempelreinigung zur Rede stellen wollten (Mk 11 _-33-_).

Mit den Jüngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von sich

aus unfähig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg vom

Verklärungsberg kommen ihnen Bedenken über die Möglichkeit der

Messianität Jesu und über die Möglichkeit der Totenauferstehung, die

er in seiner Rede berührt hatte. Dadurch wurde ja die Gegenwärtigkeit

der messianischen Aera vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht

angebrochen sein, denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharisäer

und Schriftgelehrten darthun« (Mk 9 _-9-11-_). Darauf antwortet ihnen

Jesus, dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen

Gewalt geliefert wurde (Mk 9 _-12-_ u. _-13-_).

Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der Täufer der Elias war?

Durch einen notwendigen Rückschluss von seiner eigenen Messianität

aus. Weil er sich als Messias wusste, musste jener der Elias sein.

Zwischen beiden bestand eine notwendige Wechselbeziehung. Niemand

konnte wissen, dass der Täufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis

von der Messianität Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken

kommen, Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen

zu müssen. Denn nach dem Vorläufer blieb für eine zweite derartige

Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus sich für den

Messias hielt. Also sah man in dem Täufer einen Propheten und fragte

sich, ob Jesus nicht der Elias wäre. Die geheimnisvollen Schlusssätze

der Würdigungsrede über den Täufer hatte niemand in ihrer vollen

Tragweite verstanden. _=Für Jesus allein war Johannes der verheissene

Elias.=_

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 50 / 67 题