Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persönlichkeit und zum
Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von zwei falschen
Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst operieren, befreien.
Zum ersten richtete sich die Erwartung damals nicht auf den Messias,
sondern auf den geweissagten Vorläufer. Zum zweiten hat niemand in
dem Täufer irgendwie den Vorläufer vermutet. Durch diese beiden
Voraussetzungen verderben wir uns die historische Perspektive.
Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, welche
er herbeiführt, macht das überweltliche Drama aus, das der Welt
bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter den harrenden
Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum Stück spricht, um dann,
sobald der Vorhang in die Höhe geht, den überirdischen Grössen sich
beizugesellen, welche die Handlung des Dramas leiten. Darum wartet man
zunächst nicht auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des
Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. _=Es galt, das
Auftreten des Vorläufers zu signalisieren, um zu wissen, welche Stunde
der Zeiger der Weltuhr zeigte.=_
Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der Täufer hatte
sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm die übernatürliche
Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehörten aber notwendig zur Epoche,
welche dem Reich unmittelbar voranging. Allgemeine Geistbegabung und
Prophezeiung, Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein,
bevor der Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Joël (3 _-1-_
ff.). In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt
2 _-17-22-_). Aus der übernatürlich ekstatischen Rede sollen sie
erkennen, dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der getötete Jesus
ist von Gott zum Messias erhöht in der Auferstehung und das Reich wird
bald einbrechen.
Diese Joëlstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische
Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des Maleachi
der Vorläufer auftreten sollte (Mal 3 _-23-_ u. _-24-_). Der
gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der
vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 _-23-_ = Joël 3 _-4-_:
»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und schrecklichen.«
_=Der Vorläufer ohne Wunderzeichen in einer wunderlosen Zeit war also
undenkbar.=_
Nun bestand für die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied
zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine einfach auf
die Nähe des Gottesreiches hinwies, während der andere seine Predigt
durch Zeichen und Wunder bekräftigte. Man hatte das Bewusstsein, mit
Jesus in die Zeit der Wunder zu treten. Er war der Täufer, aber ins
Uebernatürliche übersetzt. Als nach der Aussendung sein Auftreten und
seine Zeichen zugleich mit dem Tode des Täufers bekannt wurden, da
sagte man: Der Täufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten ihm
die Jünger zu Cäsarea Philippi, man halte ihn für den Elias oder für
den Täufer (Mk 8 _-28-_). Als Herodes von ihm hörte, liess er sich's
nicht nehmen, dass er der Täufer sei. »_=Der Täufer ist von den Toten
auferstanden und deshalb wirken die Wunderkräfte in ihm=_« (Mk 6
_-14-_).
Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste die
Zuhörer darauf führen, dass man sich in der Vorläuferaera befand. Ihre
Bedeutung besteht nämlich darin, die Nähe des messianischen Reiches zu
bekräftigen. Die Leute sollen ihm um der Zeichen willen glauben und
Busse thun auf das Reich Gottes hin.
Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die Menschen
aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer dann keine Busse
thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten von Chorazin, Bethsaida
und Kapernaum. Wer aber gar den »heiligen Geist« lästert und der
widergöttlichen Macht die Zeichen zuschreibt, der hat keine Vergebung
ewiglich. Dieses Verbrechens hatten sich die jerusalemitischen
Schriftgelehrten in Galiläa schuldig gemacht (Mk 3 _-22-_ ff.).
Diejenigen aber, welche sich nicht verstockten, hielten dafür, das
Reich Gottes stehe vor der Thür und Jesus sei der Vorläufer, weil man
offenbar in die Zeit der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift
geweissagt hatte.