3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen.

Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persönlichkeit und zum

Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von zwei falschen

Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst operieren, befreien.

Zum ersten richtete sich die Erwartung damals nicht auf den Messias,

sondern auf den geweissagten Vorläufer. Zum zweiten hat niemand in

dem Täufer irgendwie den Vorläufer vermutet. Durch diese beiden

Voraussetzungen verderben wir uns die historische Perspektive.

Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, welche

er herbeiführt, macht das überweltliche Drama aus, das der Welt

bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter den harrenden

Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum Stück spricht, um dann,

sobald der Vorhang in die Höhe geht, den überirdischen Grössen sich

beizugesellen, welche die Handlung des Dramas leiten. Darum wartet man

zunächst nicht auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des

Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. _=Es galt, das

Auftreten des Vorläufers zu signalisieren, um zu wissen, welche Stunde

der Zeiger der Weltuhr zeigte.=_

Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der Täufer hatte

sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm die übernatürliche

Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehörten aber notwendig zur Epoche,

welche dem Reich unmittelbar voranging. Allgemeine Geistbegabung und

Prophezeiung, Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein,

bevor der Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Joël (3 _-1-_

ff.). In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt

2 _-17-22-_). Aus der übernatürlich ekstatischen Rede sollen sie

erkennen, dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der getötete Jesus

ist von Gott zum Messias erhöht in der Auferstehung und das Reich wird

bald einbrechen.

Diese Joëlstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische

Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des Maleachi

der Vorläufer auftreten sollte (Mal 3 _-23-_ u. _-24-_). Der

gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der

vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 _-23-_ = Joël 3 _-4-_:

»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und schrecklichen.«

_=Der Vorläufer ohne Wunderzeichen in einer wunderlosen Zeit war also

undenkbar.=_

Nun bestand für die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied

zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine einfach auf

die Nähe des Gottesreiches hinwies, während der andere seine Predigt

durch Zeichen und Wunder bekräftigte. Man hatte das Bewusstsein, mit

Jesus in die Zeit der Wunder zu treten. Er war der Täufer, aber ins

Uebernatürliche übersetzt. Als nach der Aussendung sein Auftreten und

seine Zeichen zugleich mit dem Tode des Täufers bekannt wurden, da

sagte man: Der Täufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten ihm

die Jünger zu Cäsarea Philippi, man halte ihn für den Elias oder für

den Täufer (Mk 8 _-28-_). Als Herodes von ihm hörte, liess er sich's

nicht nehmen, dass er der Täufer sei. »_=Der Täufer ist von den Toten

auferstanden und deshalb wirken die Wunderkräfte in ihm=_« (Mk 6

_-14-_).

Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste die

Zuhörer darauf führen, dass man sich in der Vorläuferaera befand. Ihre

Bedeutung besteht nämlich darin, die Nähe des messianischen Reiches zu

bekräftigen. Die Leute sollen ihm um der Zeichen willen glauben und

Busse thun auf das Reich Gottes hin.

Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die Menschen

aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer dann keine Busse

thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten von Chorazin, Bethsaida

und Kapernaum. Wer aber gar den »heiligen Geist« lästert und der

widergöttlichen Macht die Zeichen zuschreibt, der hat keine Vergebung

ewiglich. Dieses Verbrechens hatten sich die jerusalemitischen

Schriftgelehrten in Galiläa schuldig gemacht (Mk 3 _-22-_ ff.).

Diejenigen aber, welche sich nicht verstockten, hielten dafür, das

Reich Gottes stehe vor der Thür und Jesus sei der Vorläufer, weil man

offenbar in die Zeit der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift

geweissagt hatte.

Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine Skizze des Lebens Jesu · 第 48 / 67 题